Es geschah in einer Sommernacht - 10. Kapitel

10. Kapitel

Es brannte wie Feuer in ihm.

     Ronans Brust hob und senkte sich, so als ob er gleich explodieren müsse. Sein Atem ging gefährlich schwer und unkontrolliert.

     Mit beiden Händen umklammerte er den Rand des Waschbeckens. Mühsam versuchte er, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Dann drehte er das Wasser auf, beugte sich vor und hielt den Kopf unter den eiskalten Strahl.

     Es half nichts. Vor ungestilltem Verlangen tat ihm der ganze Körper weh. Frustriert drehte er den Hahn wieder zu und richtete sich auf. Das Wasser tropfte ihm von den Haaren, lief ihm in die Stirn und auf die Schultern.

     Er starrte den Mann im Spiegel an. Das Hemd war halb aufgeknöpft, der Blick verschleiert. Die pure Begierde sprach aus diesem Blick.

     Ich will dich in mir spüren.

     Er stöhnte leise. Marina wusste nicht, was sie da sagte.

     Ich will dich.

     Ein anständiger Mann hätte diese Worte einfach überhört. Er hätte sich zusammengerissen und die Situation im Griff gehabt.

     Marinas Worte hallten in seinem Kopf wider, wurden lauter anstatt leiser.

     Ein anständiger Mann hätte daran gedacht, dass sie noch trauerte. Dass sie Schmerzen hatte. Dass sie beschützt werden musste, sogar vor sich selbst. Schließlich versuchte sie gerade erst, wieder ins Leben zu finden und ihr Selbstbewusstsein neu aufzubauen.

     Ein wirklich anständiger Mann hätte verstanden, dass nur ihr verletzter Stolz aus ihr sprach. Und er hätte diese Schwäche niemals ausgenutzt.

     Aber im Spiegel sah Ronan keinen anständigen Mann. Obwohl er bei Gott wirklich versuchte, einer zu sein. Wochenlang hatte er an seinem Plan gefeilt, Wakefield zu vernichten. Täglich kam er seinem Ziel ein Stück näher. Aber dieses Ziel war nichts wert, wenn er es nur noch verfolgte, um sich von der Versuchung in seinem Haus abzulenken. Marina.

     Es war seine eigene Idee gewesen, dass sie bei ihm einziehen sollte, aber erst jetzt merkte er, wie gefährlich das war. Marina war wie ein Glas Wein für einen Alkoholiker: die pure Versuchung.

     Er dachte an ihren sinnlichen Mund und stöhnte wieder. Ihre funkelnden Augen, ihr seidenweiches Haar. Ihr wacher Verstand und ihre Willenskraft. Ihre Klugheit, die nie erlauben würde, dass sie auf einen reichen Mistkerl wie Wakefield hereinfiel. Oder auf einen wie ihn, Ronan. Ihr Körper, üppig und kurvenreich, dem kein Mann der Welt widerstehen konnte.

     Er wandte sich ab. Er war kein anständiger Mann mehr.

 

Marina saß noch immer auf ihrem Bett, als er zurückkam. Starr blickte sie aus dem Fenster. Die Beine hatte sie angezogen, das Haar fiel schützend über ihre Schultern. Sie sah so verwundbar aus.

     Er sollte das Richtige tun – sich umdrehen und gehen. Sie in Ruhe lassen.

     Marina fuhr herum, als er durchs Zimmer ging. Dann riss sie die Augen auf, als er ein Päckchen Kondome auf den Nachttisch warf.

     „Nein!“ Sie richtete sich auf. „Ich habe es nicht so gemeint. Ich will nicht …“

     Den Rest hörte er nicht mehr, weil das Blut gefährlich laut in seinen Ohren rauschte und er sich bereits das Hemd über den Kopf zog.

     Unbeirrt öffnete er die Gürtelschnalle, während sie weiter sprach: „Nicht, Ronan. Ich will das nicht.“ Die Schuhe warf er in eine Ecke, dann streifte er die Hose ab und schleuderte sie hinterher.

     „Bist du sicher?“ Seine Stimme war heiser. Nicht die eines anständigen Mannes. Schon gar nicht die eines vernünftigen.

     Plötzlich hörte er, wie sie scharf einatmete. Als er sich aufrichtete, streckte sie die Arme nach ihm aus. Sein Herz hämmerte wie wild, als sie sich zu ihm vorbeugte. Ihre Lippen waren so verführerisch und einladend, ihre Brüste unter dem Stoff des feuchten Badeanzugs wunderschön, ihr Körper wie für ihn gemacht.

     „Was ist das?“ Ihre Worte waren kaum hörbar, so leise flüsterte sie sie.

     „Narben, Marina.“ Er blickte sie herausfordernd an. „Sind sie so hässlich, dass du nicht mehr mit mir schlafen willst?“

     „Nein … Natürlich nicht.“

     Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie rutschte bis an die Bettkante vor und berührte vorsichtig die verletzte Haut an seinem seitlichen Rücken. Ronan bekam eine Gänsehaut und betete, dass er sich noch ein wenig beherrschen konnte.

     „Was ist passiert?“

     „Das Gleiche wie bei dir“, antwortete er knapp. „Ein Unfall. Bei mir war es ein Flugzeugabsturz. Unsere Maschine ist über dem Busch abgestürzt.“ Er spürte, wie ihre Finger zögernd über seine Haut fuhren. Wie sie über die Brandnarben glitten, die ihn zeichneten. „Ich war 20, mein bester Freund 21. Er flog die Maschine und starb bei dem Unglück.“

     „Oh, Ronan.“

     „Kein Mitleid.“ Er wollte jetzt nicht über den Tod seines Freundes reden. Oder darüber, wie er drei Tage lang in der Wildnis ums Überleben gekämpft hatte.

     Im Moment wollte er nur an eines denken: An Marina. Und daran, wie gut das hier werden würde.

     „Dann weißt du doch, wie es ist.“

     „Was?“ Er runzelte die Stirn.

     „Du weißt, wie es ist, jemanden zu verlieren“, sagte sie und streichelte ihn sanft. „Und verletzt zu werden.“

     Er packte sie am Handgelenk und zog ihre Hand fort. Er hielt es nicht mehr länger aus. Die Spannung in seinem Körper war schier unerträglich.

     Ohne weiter darüber nachzudenken, fasste er Marina an den Schultern und drückte sie zurück in die Kissen. Ihr langes Haar fiel in sanften Wellen um ihr schönes Gesicht. Ihre Augen waren so groß und dunkel, dass er darin ertrinken wollte. Und ihr Mund, halb geöffnet, wirkte so verführerisch und sexy, dass sich alles in ihm zusammenzog.

     Es war ein überwältigendes sexuelles Begehren, was er in diesem Moment fühlte. Er kannte ihren Geschmack und die Zartheit ihrer Haut. Ihren süßen Duft, wenn sie erregt war. Die leisen Seufzer ihrer Lust. Und er wusste, wie ungezügelt sie auf seine Zärtlichkeiten reagierte.

     „Lass uns nicht von der Vergangenheit sprechen“, murmelte er, während er seine Boxershorts abstreifte und nach der kleinen Schachtel auf dem Nachttisch griff. „Das Einzige, was jetzt wichtig ist, ist, wie sehr ich dich will. Und ich weiß, dass du mich auch willst.“

     Er wartete ab, ob sie vielleicht protestierte. Aber das tat sie nicht. Stattdessen sah sie ihn mit einer Mischung aus Sehnsucht und Unsicherheit an.

     Er streifte sich den Schutz über und kniete sich vor sie aufs Bett. Langsam kam er näher. Marina schluckte, dann biss sie sich nervös auf die Lippen. Aber sie wich nicht zurück.

     „Zieh dich aus“, flüsterte er.

     Sie nickte und zerrte hastig an den Trägern ihres Badeanzugs, bis sie ihr von den Schultern rutschten.

     „Ganz“, forderte er und sah ihr dabei in die Augen.

     Mit klopfendem Herzen entblößte Marina eine ihrer Brüste. Dann die andere. Ihre Brüste waren genauso, wie Ronan sie sich immer vorgestellt hatte: Perfekt. Voll, weich und hell wie Milch.

     Etwas ungeschickt zog Marina den Badeanzug weiter hinunter, bis Ronan es nicht länger aushielt. Er kam näher, schob ihre Hände weg und befreite ihren Körper in Sekundenschnelle von dem störenden Stoff. Achtlos warf er ihn zu Boden.

     Marina keuchte. Und auch ihm stockte der Atem.

     Sie war so schön. Die Taille sanft geschwungen. Die Hüften so weiblich. Ein winzigkleiner runder Bauch. Lange, schlanke Beine. Noch wagte er nicht, diesen Körper zu berühren. Wenn er ihn jetzt anfasste, war es vorbei, bevor es angefangen hatte.

     Er sah ihr ins Gesicht. Ob sie wusste, was sie in ihm auslöste? Doch sie wich seinem Blick aus, wagte nicht, ihn anzusehen. Er erschauerte.

     Täuschte er sich, oder sah sie ein wenig ängstlich aus?

     „Leg dich hin.“ Seine Stimme klang gepresst, ein heiseres Flüstern, aber sie verstand und legte sich auf den Rücken.

     Er beugte sich über sie, die Knie rechts und links von ihren Hüften aufgesetzt, und streichelte ihr Gesicht. Sie zitterte. Sein Herz zog sich zusammen.

     „Es wird alles gut, Marina“, sagte er leise. Gleichzeitig fragte er sich, ob er noch genug Kraft hatte, damit es auch gut für sie wurde.

     Scheu lächelnd hob sie eine Hand an seine Brust. Erneut überlief ihn ein Schauer. Er hielt ihre Zärtlichkeit einfach nicht mehr aus.

     Blitzschnell packte er ihre Handgelenke, führte sie über ihrem Kopf zusammen und hielt sie dort mit einer Hand fest. Erregt bemerkte er, wie sich Marina ihm intuitiv entgegenbog. Er spürte ihre warme weiche Haut an seinem Körper, und die Spannung in seinem Innern wurde unerträglich. Er musste sich förmlich zwingen, daran zu denken, seine Lust mit ihr zu teilen und den Augenblick nicht durch seine Ungeduld zu zerstören.

     Vorsichtig legte er ein Bein zwischen ihre Schenkel und schob sie so auseinander. Ihre Brüste hoben und senkten sich heftig, aber er erlaubte es sich noch nicht, sie zu berühren. Stattdessen ließ er die freie Hand zwischen Marinas Schenkel gleiten und liebkoste die empfindliche Stelle zwischen ihren Beinen. Sie stöhnte leise auf, als seine Finger in sie hineinglitten. Gleich, versprach er sich. Nur noch einen Augenblick.

     „Bitte, Ronan“, flüsterte sie. „Bitte …“

     „Schhhh. Ich weiß, mein Schatz. Du willst mehr als das. Ich auch.“

     Er zog seine Hand wieder zurück, beugte sich vor und küsste Marina mit all der Zärtlichkeit und Hingabe, die er zu geben fähig war. Dann legte er sich zwischen ihre Beine und genoss das Gefühl, wie ihre warmen Schenkel ihn umfingen. Eine Hitzewelle breitete sich tief in seinem Körper aus, als er endlich in sie eindrang, so langsam und beherrscht, wie es ihm nur möglich war. Dabei blickte er ihr in die Augen. Was er sah, machte ihn stolz. Ihr flehender Blick war alles, was er jetzt brauchte.

     Er ließ ihre Hände los und stützte sich auf. Und drang tiefer ein. Oh Gott. Es war Himmel und Hölle zugleich. Qual und Erlösung. Sie war so eng, so …

     Mit einem Mal hielt er inne. Sie war doch wohl keine … Mühsam versuchte er sich zu konzentrieren und einen klaren Gedanken zu fassen.

     Forschend blickte er Marina ins Gesicht. Sie hatte nun die Augen geschlossen, und doch erkannte er, wie angespannt sie war. Ob vor Lust oder Schmerz, vermochte er nicht zu sagen. Aber ihr ganzer Körper schien unter dieser Anspannung zu stehen. Ihr Atem ging flach.

     Er stützte sich auf einem Arm auf und streichelte mit zittriger Hand über ihr Schlüsselbein und ihre elfenbeinfarbene Haut. Dann nahm er eine dunkle Brustspitze zwischen die Finger. Marina keuchte leise. Immer noch hielt sie die Augen geschlossen, als wolle sie ihre Lust allein genießen.

     Er streichelte ihre Brust, ehe er sich vorbeugte, um sie dort zu küssen. Sofort hüllte ihr köstlicher Duft ihn ein. Sie schmeckte so süß. Er liebte es, wie sie erzitterte, während er ganz langsam an ihrer Brustwarze saugte.

     „Ronan.“ Sie war heiser vor Verlangen. Er lächelte. Jetzt wusste er, dass es richtig war, was er tat. Immer noch konzentrierte er sich auf ihre Brust, saugte, leckte, schmeckte sie.

     „Ronan!“ Diesmal klang es dringlicher. Er spürte, wie ihre Hände rastlos und suchend über seinen Körper glitten. Sie fasste ihn an den Hüften und versuchte verzweifelt, ihn wieder an sich zu ziehen. Endlich ließ er von ihrer Brust ab, richtete sich auf und drang wieder in sie ein.

     Jetzt öffnete sie die Augen. Wie durch einen Schleier hindurch blickte sie ihn an. Aber diesmal war ihr Ausdruck offen und sehnsüchtig, und er wusste, dass es richtig war.

     „Marina.“ Noch nie hatte er so etwas empfunden: wildes Verlangen, aber auch eine unglaubliche Zärtlichkeit, den Wunsch, ihr alles zu geben. So wie sie ihm mehr gab, als er sich je erträumt hatte.

     Er küsste ihren Hals an der Stelle, wo ihr Puls wie wild schlug. Dann legte er die Arme um ihren Oberkörper. Er bewegte sich langsam in ihr, während sie ihm ihre Hüften entgegenhob. Es war eine Einladung, und er reagierte darauf. Wieder und wieder glitt er tief in sie hinein.

     Ihr Atem klang heiser an sein Ohr. Sie zog die Knie an und schlang ihre Beine um seinen Körper. Je schneller er sich bewegte, desto verzweifelter presste sie sich an ihn. Ronan spürte, dass er sich zusammenreißen musste, wenn er dieses Wunder nicht viel zu früh beenden wollte.

     Er zwang sich, seine Bewegungen zu kontrollieren, sich nicht hemmungslos seiner Lust hinzugeben. Aber dann hörte er plötzlich seinen Namen wie ein Flüstern aus ihrem Mund, und im selben Moment fühlte er, wie sie um ihn enger wurde und ihn immer tiefer in sich hineinzog. Und dann konnte er nicht mehr. Er ließ sich einfach gehen, verlor sich in der puren Lust, die es ihm bereitete, diese Frau zu lieben.

     In seinem Innern überschlugen sich die Gefühle – Triumph, Erlösung und schließlich Erschöpfung –, und er wusste, dass er die ganze Zeit recht gehabt hatte. Es gab nichts Besseres, als mit Marina Lucchesi zu schlafen.

     Endlich löste er sich von ihr. Mit klopfendem Herzen ließ er sich neben sie auf die Matratze sinken. Seine Glieder waren schwer und müde, und doch schloss er Marina in die Arme und presste sie fest an sich. Ihr Haar war noch immer feucht. Ihr wunderschöner, warmer Körper genau wie seiner schweißbedeckt. Ihr unschuldiger Körper …

     Ronan zog scharf die Luft ein. Nein, er war kein anständiger Mann.

     Es war ihm egal gewesen, was richtig und was falsch war. Er hatte nur noch sein eigenes glühendes Verlangen stillen wollen.

     Sie war tatsächlich noch Jungfrau gewesen. Die Vorstellung machte ihn schwindelig. Einerseits verwirrte sie ihn, andererseits erfüllte sie ihn mit einem nie gekannten Stolz. Mit dem Stolz eines Mannes, der erste Liebhaber im Leben einer Frau gewesen zu sein. Er konnte nicht verhindern, dass sein Mund sich zu einem zufriedenen Lächeln verzog. Gedankenverloren streichelte er über Marinas Rücken, berührte ihre runden Hüften. Noch kein anderer hatte sie so berührt. Dieses Wissen machte ihn so sehr an, dass er sich zwingen musste, an etwas anderes zu denken.

     Sie hatte ihm vertraut, obwohl sie so zerbrechlich war. Sie brauchte ihn, seine Fürsorge und seine Stärke, mit der er sie beschützen musste.

     Und doch hatte er versagt. Er hatte sich in keiner Weise ehrenhaft verhalten, er hatte sie nicht beschützt, sondern war einfach nur egoistisch gewesen. Hatte ihre Schwäche ausgenutzt. Er wartete darauf, dass ihn die Schuldgefühle überwältigten.

     Aber sie kamen nicht.

     Marina wusste natürlich nicht, dass er sie von Anfang an gewollt hatte. Dass er sie genauso dringend in seinem Bett haben wollte, wie als Schachfigur in seinen Racheplänen.

     Sanft glitten seine Finger über ihre zarte Haut. Am liebsten hätte er sie gleich noch einmal geliebt. Sobald sie sich erholt hatten natürlich.

     Vom ersten Moment an hatte er gewusst, dass sie etwas Besonderes war. Und er hatte recht behalten.

     Eines war klar – er konnte nicht nur dieses eine Mal mit ihr schlafen und dann nie wieder. Er war der Versuchung erlegen, und jetzt war er hoffnungslos verloren.

Marina wachte von dem Gefühl auf, in etwas Seidiges eingehüllt zu sein. Sie seufzte und vergrub das Gesicht in ihrem Kissen. Langsam erinnerte sie sich.

     Ihr Körper fühlte sich so lebendig an wie nie zuvor. Sie genoss das wohlige Gefühl und streckte sich genüsslich.

     Oh ja, sie fühlte sich wunderbar, völlig entspannt und erfüllt. Und alles nur wegen Ronan. Dem Mann, der ihr das Gefühl gab, schön zu sein. Etwas Besonderes. Begehrenswert. Als ob sie tatsächlich die Frau seiner Träume wäre. So, wie er all ihre geheimsten Wünsche erfüllte.

     Tastend streckte sie die Hand aus, um ihn zu streicheln. Aber da war nichts. Das Laken war noch warm an der Stelle, wo er gelegen hatte.

     Aber das konnte doch nicht sein! Sie wollte es nicht glauben, bis sie die Augen aufschlug und sah, dass es stimmte. Sie war allein in ihrem dunklen Schlafzimmer. Er hatte sogar die Tür geschlossen, als er gegangen war.

     Marinas Herz verkrampfte sich. Sie schluckte, als sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Zum zweiten Mal an diesem Tag füllten sich ihre Augen mit Tränen.

     Was hatte sie denn erwartet? Eine Liebeserklärung? Treue bis in alle Ewigkeit? Sie presste die Lippen zusammen. Wie dumm sie gewesen war.

     Zumindest war er so anständig gewesen, ihren nackten Körper zu bedecken. Zum Teufel! Sie holte tief Luft, um gegen die Verzweiflung anzukämpfen. Was hatte sie nur getan?

     Mit einem Schwung bitterer Kraft sprang sie aus dem Bett. Sie schwankte vor Verzweiflung und Schmerz. Das Leben hatte ihr beigebracht, nicht an Wunder zu glauben. Warum war sie also überrascht, dass er sich nahm, was sie ihm gab – worum sie gebettelt hatte –, und dann wieder ging?

     Zitternd griff sie nach der Seidendecke und hüllte sich darin ein. Sie fror. Die Decke schleifte auf dem Boden, als sie ins Bad hinüberging und dabei versuchte, den Anblick des Badeanzugs zu ignorieren, der noch immer in der Zimmerecke lag.

     Seufzend ließ sie die Decke auf den Wannenrand fallen, drehte die Dusche auf und trat unter den dampfend heißen Wasserstrahl.

     Sie hatte Ronan Carlisle ihren Körper geschenkt. Hatte ihn angefleht und sich so verzweifelt aufgedrängt, dass er seine Abneigung überwunden und sie einfach genommen hatte.

     Sie hatten Sex gehabt. Bedeutungslosen, völlig gewöhnlichen Sex. Auch, wenn sie sich nur zu gern einbildet hatte, dass es Liebe gewesen war.

     Oh, sie war so eine dumme, erbärmliche Idiotin! Blieb nur zu hoffen, dass Ronan noch nichts von ihren Gefühlen ahnte.

     Von ihren Gefühlen! Was für ein dämliches Wort. Marina hegte Gefühle für ihre Freunde und Bekannte. Für Seb und Emma. Aber das, was sie für Ronan empfand, war wie ein Rausch, ein betörender Strudel, der sie gegen alle Vernunft ganz tief in den Abgrund zog.

     Sie senkte den Kopf und ließ den Wasserstrahl auf ihren Nacken einprasseln, als könne sie so den Schmerz und die schreckliche Verwirrung fortspülen.

     Seltsam war nur, dass sie sogar jetzt, wo sie die bittere Wahrheit kannte, nichts bereute. Was sie mit Ronan erlebt hatte, war wundervoll gewesen. Aufregend und zärtlich und erschütternd zugleich. Seine Kraft. Seine Leidenschaft. Sein starker, schöner Körper. Sie hatte jeden einzelnen Moment unendlich genossen, in dem sie sich wie eine Königin vorkam. Und egal, ob er sie nun liebte oder nicht: Sie wollte mehr davon.

     Hatte er ihr denn je etwas anderes versprochen? Er hatte von Anfang an klargemacht, dass er keine Beziehung wollte. Dass sie die Wahrheit so lange verdrängt hatte, war bestimmt nicht seine Schuld.

     Und doch: Noch immer ließ sie der Gedanke nicht los, wie schön es wäre, wenn Ronan das Gleiche empfinden würde wie sie.

     Herrje, sie sollte endlich aufhören, sich mit diesem Traum zu quälen. Es hatte keinen Zweck, sich das Unmögliche auszumalen. Unerfüllte Liebe war schon schlimm genug. Sie musste sich nicht auch noch in eine Fantasiewelt hineinsteigern.

     Marina schaltete das Wasser aus und stieg aus der Dusche. Gedankenverloren trocknete sie sich ab und wickelte ihre Haare in ein großes Handtuch.

     Sie musste überlegen, was jetzt zu tun war. Wie sie aus dieser Situation wieder herauskommen konnte. Und ob sie das überhaupt wollte.

     Fünf Minuten später hatte sie das Bett gemacht. Es sah nun wieder unberührt aus, so als ob nie etwas passiert wäre. Nur ihre Hände zitterten die ganze Zeit über verräterisch, und tief in ihrem Herzen wollte sie am liebsten unter die Decke kriechen und hemmungslos weinen.

     Stattdessen zog sie die Schultern zurück, atmete tief durch und trat vor den Kleiderschrank. Sie suchte eines der verführerischen Kleider heraus, zu denen Bella ihr geraten hatte. Sie brauchte dringend etwas Selbstbewusstsein, und dieses Kleid gab es ihr. Es war leuchtend rot und betonte ihre Kurven auf eine Weise, mit der sie sich weiblich fühlte und nicht plump. Normalerweise hätte sie das tiefe Dekolleté abgeschreckt, aber ihr war nicht entgangen, wie Ronan ihre Brüste angesehen hatte: hungrig und voller Begierde. Nun, sie würde ihm die Gelegenheit geben, sie wieder so anzuschauen.

     Marina ließ sich auf das Bett sinken und begann, sich die Haare zu bürsten, als plötzlich das Telefon klingelte.

     „Hallo?“

     „Ich möchte mit Marina Lucchesi sprechen.“ Charles Wakefields barsche Stimme ließ sie vor Schreck erstarren.

     „Ich bin am Apparat“, presste sie hervor. Langsam legte sie die Bürste neben sich. Was wollte er von ihr? Sie hatte jetzt nicht die Kraft, sich mit diesem Mann auseinanderzusetzen. Nicht, wenn ihr das Herz so wehtat.

     „Na, endlich. Hier spricht Charles Wakefield.“ Offenbar wartete er auf eine Antwort. „Sie verstecken sich vor mir, Marina.“ Seine Stimme klang jetzt sanfter, spielerisch, aber sie hörte noch einen Rest Ärger darin. „Sie haben nicht zurückgerufen.“

     „Zurückgerufen?“, fragte sie verwirrt. „Haben Sie denn angerufen?“

     Schweigen.

     „Meine Sekretärin hat es jeden Tag bei Ihnen versucht. Haben Sie die Nachrichten nicht bekommen?“

     Marina runzelte die Stirn. Ob sie ihm glauben sollte? „Mir hat niemand etwas gesagt.“ Was ging hier vor sich? „Mit wem hat ihre Sekretärin gesprochen?“

     „Spielt das eine Rolle? Mit irgendjemandem, der im Haus Ihres Liebhabers arbeitet.“

     Marina lehnte sich an das Kopfende des Bettes und massierte ihre Schläfen. Warum hatte man ihr nichts gesagt? Mrs. Sinclar würde nicht einfach vergessen, ihr etwas auszurichten. Offenbar hatte sie Anweisung erhalten, ihr die Anrufe zu verschweigen. Aber wieso nur, wenn der einzige Grund für ihre Anwesenheit in diesem Haus der war, Wakefield zu ködern?

     „Es sieht so aus, als ob Carlisle nicht will, dass Sie mich treffen“, fuhr die Stimme am anderen Ende der Leitung fort. Es sah wirklich so aus. Auch wenn das alles keinen Sinn ergab.

     „Es ist sicher ein Missverständnis“, erklärte sie schließlich. Sie fragte sich, was sie nun tun sollte. Natürlich wollte sie sich nicht mit Wakefield abgeben, aber er war der Mann, der ihre Firma in Händen hielt. Und damit ihre und Sebs Zukunft. „Warum rufen Sie an, Mr. Wakefield?“

     „Aha. Das ist die richtige Frage.“ Er machte eine Pause. Marina sah sein Haifischgrinsen fast vor sich und bekam eine Gänsehaut.

     „Wir wollten uns doch treffen, erinnern Sie sich nicht? Nur wir beide. Sie wollten über Marina Enterprises sprechen.“

     „Ja, natürlich.“ Ihr Puls ging schneller, trotz ihres Unwillens.

     „Gut. Dann lassen Sie uns einen Termin ausmachen. So schnell wie möglich.“

     Marina hörte ein Geräusch und sah auf. In der Tür zu ihrem Schlafzimmer stand Ronan in ausgebleichten Jeans und mit nacktem Oberkörper und starrte sie an. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Wie hatte sie nur vergessen können, wie unglaublich sexy er war? Ihr Körper reagierte augenblicklich mit pulsierendem Verlangen.

     Marina umklammerte den Hörer in ihrer Hand fester, damit sie nicht wieder auf dumme Gedanken kam und Ronan anbettelte, mit ihr zu schlafen.

     „Marina?“ Wakefields Ton klang schärfer. „Ich sagte, so bald wie möglich.“

     Endlich fand sie ihre Stimme wieder. „Ja, sicher … Charles.“ Sie verzog das Gesicht, als sie den Namen aussprach. „So schnell Sie mögen.“

     Ihre Augen weiteten sich, als sie sah, wie Ronan quer durch den Raum auf sie zukam. Sein ganzer Körper war merklich angespannt.

     „Wie wäre es mit heute Abend?“, fragte Wakefield.

     Jetzt stand Ronan direkt vor ihr. Sein Ärger war nicht zu übersehen. Breitbeinig stand er da, die Hände in die Hüften gestemmt.

     Marina erzitterte beim Anblick dieser Kraft, die kaum zu kontrollieren schien. Plötzlich wurde ihr alles zu viel. Sie brauchte dringend eine Pause, bevor sie sich Ronan wieder stellen konnte. Das Treffen mit Wakefield war vielleicht genau das Richtige.

     Heute Abend schon? Wieso nicht.

     „Hört sich gut an.“ Sie klang ein wenig heiser und räusperte sich. „Gehen wir etwas trinken. Wo und wann?“

     Wakefield schlug eine teure Bar in der Stadt vor, und Marina warf einen schnellen Blick auf die Uhr auf ihrem Nachttisch. Sie musste sich beeilen, wenn sie pünktlich sein wollte.

     „Gut. Bis später dann.“ Sie legte schnell auf, bevor sie es sich noch anders überlegen konnte. Dann griff sie wieder nach ihrer Bürste und fuhr fort, sich die Haare zu kämmen.

     „Du triffst dich mit Wakefield?“ Ronan musste sich offensichtlich zur Ruhe zwingen.

     „Ja.“ Sie sah ihn nicht an. „Ich bin schon spät dran.“

     „Du wirst ihn jetzt nicht treffen!“ Unverkennbare Wut lag in seiner Stimme.

     „Und warum nicht?“ Marina ärgerte sich, dass er so nah bei ihr stand – er war die pure Versuchung für eine schwache Frau wie sie. Sie schluckte, stand auf und schob sich an ihm vorbei. „Darum ging es doch bei unserem albernen Theater, oder etwa nicht? Dass ich Wakefield um den Finger wickle.“

     Ronan streckte eine Hand aus, griff nach ihrem Handgelenk und zog Marina an sich. Bei dem Gedanken an das, was er erst vor wenigen Stunden mit ihrem Körper angestellt hatte, wurde ihr schwindelig. Sie sehnte sich so sehr nach seiner Leidenschaft, dass es wehtat.

     Und das machte sie wütend. Wie konnte sie nur so schwach sein? Und so dumm? Einen Mann zu wollen, für den sie nur ein schnelles Vergnügen zwischendurch war.

     Trotzig blickte sie Ronan in die Augen. „Wieso hast du mir nicht gesagt, dass Wakefield angerufen hat? Dass er mit mir sprechen wollte?“ Ihre Stimme wurde lauter. „Was denkst du dir eigentlich dabei?“

Durch all seine Anspannung hindurch spürte Ronan, wie das Verlangen erneut in ihm aufstieg. Marinas Augen blitzten, ihr Körper bebte vor Ärger. Sie war so sexy.

     „Ich habe dir nichts gesagt, weil du dich nicht aufregen solltest. Du hast viel durchgemacht, und du musst dich noch schonen. Außerdem macht es die Sache interessanter für ihn, wenn er sich ein bisschen die Zähne ausbeißen muss.“

     Ronan sah, wie Marina die Stirn in Falten zog. Sie dachte über seine Worte nach. Schließlich nickte sie. „Okay, aber in Zukunft möchte ich informiert werden, wenn du dich in meine Angelegenheiten einmischst.“

     Unbeeindruckt zuckte er mit den Schultern. „Ich bin es gewohnt zu tun, was ich für richtig halte.“

     „Nicht, solange es mich betrifft.“ Immer noch blitzte es gefährlich in ihren Augen.

     Oh, wie sehr er sie wollte. Jetzt. Noch einmal. Die ganze Nacht lang.

     Marina war wie eine Droge für ihn, die seine Sinne benebelte und ihn süchtig machte. Er war nur von ihrem Bett aufgestanden, weil es ihr erstes Mal gewesen war. Er wollte ihr Zeit geben, die neue Erfahrung zu verarbeiten. Nichts und niemand hätte ihn davon abgehalten, sie noch einmal zu nehmen, wenn er liegen geblieben wäre.

     „Ich rufe ihn an und sage, dass du nicht kommen wirst.“ Seine Stimme klang schroff.

     „Nein!“ Marina riss sich los und lief durch die offene Badezimmertür. Zu ihrem Make-up. „Ich werde ihn treffen. Es geht um meine Firma!“

     Ronan verzog das Gesicht. Natürlich hatte sie recht. Es war an der Zeit, dass sie ihn traf. Wakefield lechzte nach ihr. Er rief mehrmals täglich an. Und seine Geduld war nicht grenzenlos. Und während dieser Schmierfink nur daran dachte, wie er an Marina herankam, hatte Ronan bereits mit ein paar seiner Gläubiger verhandelt und einige wichtige Anteile gekauft.

     Wieso also war die Vorstellung so schrecklich, dass Marina ihn traf? Wieso spannten sich alles in ihm an, wenn er nur daran dachte?

     Er holte tief Luft und zwang sich, sein Temperament zu zügeln. Dann betrachtete er Marina in ihrem hautengen roten Kleid. Das Haar fiel ihr locker über die Schultern.

     Wieso wurde er dieses starke Gefühl nicht los, dass sie allein ihm gehörte?

     Du kannst heute Abend nicht gehen, weil wir uns gerade erst geliebt haben und ich dich noch einmal will. Weil du vor einer Stunde noch Jungfrau warst und mich brauchst, damit ich dich beschütze. Weil mich der Gedanke anwidert, dass du Wakefield triffst, obwohl du mir gehörst. Weil er dich in diesem Kleid sehen wird und nur noch daran denken wird, es dir auszuziehen.

     Weil ich eifersüchtig bin.

     Eifersüchtig? Er? Auf Wakefield?

     Was für ein Unsinn.

     Wakefield war Marinas schlimmster Feind. Und außerdem lebte sie bei ihm, Ronan. Sie hatte in seinen Armen gelegen und ihm ihre Unschuld geschenkt.

     Er war ihr Liebhaber.

     Und trotzdem machte es ihn rasend, dass sie den Abend mit Wakefield verbringen würde. Mit einem anderen Mann als ihm.

     Was war bloß los mit ihm? Er war noch nie der eifersüchtige Typ gewesen. Beschützend, vielleicht auch ein wenig besitzergreifend. Aber eifersüchtig?

     Ronan fuhr sich nervös über die Stirn. „Ja.“ Er zwang sich zu einem Nicken. „Du solltest ihn treffen. Aber nicht zu lange. Ich hole den Wagen und warte unten auf dich.“

     Er betrachtete sie im Spiegel und hätte seine Meinung am liebsten geändert. Ihre Lippen glänzten, und sie hatte die Augen so geschminkt, dass sie noch größer und strahlender aussahen. Er wollte nicht, dass sie sich für einen anderen Mann so zurechtmachte.

     „Danke, aber ich nehme ein Taxi.“

     Er schüttelte den Kopf. „Du fährst mit mir.“

     Marina wirbelte zu ihm herum. Das Kleid flatterte um ihre schönen, schlanken Beine. „Wakefield wird das komisch finden, meinst du nicht? Was für ein Liebhaber bringt seine Frau zu einem Rendezvous mit einem anderen Mann?“

     „Es ist mir egal, was er denkt. Ich fahre dich.“

     Sie starrte ihn an. Zwei, drei Sekunden lang. Dann drehte sie sich wieder zum Spiegel um, ohne ihn noch eines einzigen Blickes zu würdigen.

     Ronan wandte sich ab und ging aus dem Zimmer. Gerade noch rechtzeitig, bevor er seinen niederen Instinkten nachgab, Marina in die Arme schloss, sie aufs Bett legte und von ihrem Körper Besitz nahm. So, wie ein Neandertaler es getan hätte. So, wie er es vorhin getan hatte.

     Nein. Der Verstand sagte ihm, dass Marina und Wakefield sich treffen mussten. Also würden sie es tun. Und er würde einen Weg finden, seine Eifersucht zu beherrschen, bevor es zu spät war.

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