Es geschah in einer Sommernacht - 4. Kapitel

4. KAPITEL

Ronans Lippen fühlten sich heiß, hart und fordernd an. In diesem Moment gab Marina jeden Widerstand auf. Plötzlich wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass es genau das war, was sie wollte. Genau das.

     Seine Zunge erforschte ihren Mund, und eine Welle dunkler Hitze ließ Marina erschauern. Plötzlich gab es nichts mehr außer Ronan. Er drückte sie sanft zurück in die Kissen, legte seine Arme um ihren Oberkörper und presste sie an sich. Sein Körper eroberte ihren mit absoluter Selbstverständlichkeit.

     In seinem Kuss lag nichts Zögerliches. Kein Zweifel. Nur ungezügeltes Verlangen, das Marina normalerweise geängstigt hätte. Aber sie stand so völlig im Bann der unbezähmbaren, beherrschenden Energie dieses Mannes, dass sie keine Angst verspürte.

     Sie konnte nicht anders, als sich Ronan vollkommen hinzugeben. Sie liebte seine Leidenschaft, seine ebenso sicheren wie zärtlichen Berührungen. Sie liebte seine Zunge, die sie liebkoste und die herb und berauschend schmeckte. Das Aroma machte Marina süchtig. Genauso wie der würzige Duft seiner Haut, der sie benommen machte.

     Es war fast zu viel für ihre Sinne, was sie da auf eine bislang ungekannte Weise erfuhr. Es gab nichts an diesem Mann, das sie nicht wollte. Nichts, das sie nicht brauchte.

     Sie genoss das Gefühl seines starken Körpers auf ihrem. Das Gefühl war beruhigend und aufregend zugleich. Begehren, süß wie Honig, durchströmte ihren Körper und entspannte jeden einzelnen ihrer Muskeln. Sie fühlte sich wie Wachs in Ronans Armen.

     Mit den Fingern fuhr er ihr durchs Haar, streichelte ihre Wangen und nahm dann ihren Kopf in beide Hände, um sie noch tiefer küssen zu können. Marina antwortete mit kleinen ergebenen Seufzern.

     Sie erwiderte Kuss um Kuss, während das Verlangen in ihr zu einem fast schmerzhaft verzehrenden Gefühl wurde. Intuitiv bog sie sich Ronan entgegen und genoss es, mit welcher Leidenschaft er auf diese Bewegung reagierte.

     Schließlich glitt er mit einer Hand langsam ihre Taille hinab. Jeder einzelne Nerv schien bei seiner Berührung Feuer zu fangen. Als ob eine alles verzehrende Flamme Besitz von ihrem Körper nahm, begann Marina zu zittern, während Ronan durch das seidene Nachthemd hindurch ihren Bauch liebkoste. Unwillkürlich schlang sie die Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinab, um ihn erneut zu küssen.

     Seine Hand glitt tiefer, über ihre Hüfte und schließlich …

     In diesem Moment brach die Vernunft über Marina herein. Sie spürte Ronans Hand ganz nah an ihrer intimsten Stelle und erstarrte. Sie wurde steif und war mit einem Mal unfähig, sich zu bewegen. Die Magie des Augenblicks war vorbei, durch den Nebel der Leidenschaft kehrte die Besinnung zurück. Die Vorsicht. Die Angst.

     Marina stemmte ihre Hände gegen Ronans Brust. Panikartig wollte sie Abstand zwischen sich und ihn bringen.

     Einen Moment lang regte er sich nicht. Dann legte er ein letztes Mal seine Lippen auf ihren Mund, liebkoste mit der Zungenspitze die ihre und zog sich zurück.

Marina holte tief Luft. Die Mischung aus Erleichterung und plötzlicher Leere verwirrte sie. Sie konnte ihn immer noch schmecken.

     Sie sagte sich, dass sie froh sein sollte, dass es vorbei war. Es war richtig gewesen, die Notbremse zu ziehen.

     Ihr Körper mochte noch von der eben erlebten Leidenschaft brennen. Ihre Wangen jedoch glühten vor Scham. Sie konnte Ronan nicht in die Augen blicken.

     „Ich will nicht …“ Sanft legte er einen Finger auf ihre Lippen.

     „Natürlich nicht.“ Seine samtene Stimme unterbrach ihre Gedanken, die sich wild überschlugen.

     Verwirrt sah sie auf, aber da war er schon aufgestanden und wandte sich ab. Sie sah nur noch, wie er den obersten Knopf seines Hemdes schloss, dann war er schon am anderen Ende des Raumes angelangt.

     Marina ließ eine Hand auf das zerknitterte Laken neben sich sinken. Es war noch warm von ihm.

     Sie bereute nicht, dass sie ihn abgewehrt hatte. Natürlich nicht. Und doch war sie tief im Innern enttäuscht darüber, dass er so schnell gehorcht hatte.

     Sein letzter Kuss war der sinnlichste, umwerfendste Kuss der Welt gewesen.

     Sie holte tief Luft, um sich zu beruhigen.

     In der Tür drehte Ronan sich noch einmal um, aber sie konnte seinen Gesichtsausdruck in der Dämmerung nicht deuten. Sein Blick war genauso undurchschaubar wie immer.

     Aber allein dieser Blick reichte, um das Verlangen erneut zu entfachen. Was hatte dieser Mann bloß mit ihr gemacht? Wie hatte er es geschafft, den über Jahre aufgebauten Schutzwall zu durchbrechen?

     Und wie hatte sie so leichtsinnig sein können, es ihm zu erlauben?

     „Gute Nacht, Marina“, sagte er sanft. „Ich werde jetzt gehen.“

Marina sank in die Kissen zurück. Ihr Herz raste, während sie angestrengt Ronans Schritten lauschte, die von den Holzdielen widerhallten. Schließlich zog er die Tür hinter sich ins Schloss.

     Stille. Absolute Stille bis auf das Blut, das in ihren Ohren rauschte.

     Mit zittrigen Händen berührte Marina ihre glühenden Wangen. Ihre Lippen waren geschwollen, die Brustwarzen überempfindlich. Sie spürte es unter dem zarten Stoff ihres Nachthemds.

     Immer noch schmeckte sie ihn, spürte seine Hände an ihrem Gesicht, in ihren Haaren. Und weiter unten, dort wo das Begehren noch wach war.

     Das also war Lust.

     Mit den Fingern fuhr sie sich über die geschwollenen Lippen und unterdrückte ein fast schon hysterisches Kichern. Marina Lucchesi im Bann der Lust!

     Es hatte lang genug gedauert. Nachdem sie sich ihr Leben lang um ihre Familie gekümmert und immer nur gearbeitet hatte, war sie schließlich den Verführungskünsten eines außergewöhnlichen Mannes erlegen. Und was für eines Mannes!

     Wenn die Situation nicht so furchtbar gewesen wäre, hätte sie laut lachen müssen. Entweder lachen oder weinen.

     Wie hatte sie dem Begehren nur so schnell nachgeben können? Es war ja lächerlich. Aber auf diesen Sturm der Gefühle, auf diese Sehnsucht war sie nicht vorbereitet gewesen. Sie konnte nur hoffen, dass Ronan ihr Verhalten auf die körperliche Erschöpfung zurückführte.

     Besser, er glaubte, sie sei nicht ganz sie selbst gewesen, als dass er ihre Reaktion auf seine unglaubliche Attraktivität zurückführte. Vermutlich war er es gewohnt, dass die Frauen in seiner Gegenwart reihenweise dahinschmolzen. Er konnte mit Sicherheit jede haben, die er wollte. Er musste sich nicht mit der Erstbesten begnügen … nicht mit jemandem wie ihr.

     Wahrscheinlich hatte er sie nur aus Neugier geküsst. Oder schlimmer: aus Mitleid.

     Marina blinzelte, um die Tränen zurückzudrängen, die ihr in die Augen schossen. Es waren Tränen der Scham. Sie hatte sich ja komplett zum Idioten gemacht!

     Blöde, blöde, blöde Kuh!

     Wenigstens war er so anständig gewesen aufzuhören, als sie ihn darum bat. Er war sofort zurückgewichen, als sie in seinen Armen erstarrte. Wenn er einfach weitergemacht hätte, wäre die Episode sicher ganz anders ausgegangen.

     Ein heiseres Lachen entfuhr ihr. Oder war es ein Schluchzen?

     Wenn sie doch nur den Verstand eingeschaltet hätte, statt sich einfach dem Moment hinzugeben! Wenn sie sich nur nicht von seiner Leidenschaft hätte anstecken lassen!

     Sicher dachte Ronan, dass sie ihn aus purem Anstand zurückgewiesen hatte. Dass sie aus Prinzip nicht mit Fremden schlief. Doch wenn das der wahre Grund gewesen wäre – sie hätte sich mit Sicherheit nicht so würdelos gefühlt. Es war nicht der Anstand gewesen. Vielmehr hatte sie plötzlich die schreckliche Angst überkommen, dass er die Narben entdecken könnte, die ihren Oberschenkel entstellten.

     Hässliche Narben. Abstoßende Entstellungen. Das waren sie.

     Und selbst wenn Ronan Carlisle sie aus Mitleid geküsst hatte: So stark konnte sein Mitleid gar nicht sein, dass ihm diese Entstellungen nichts ausmachten. Der Anblick ihres verletzten Beines musste jeden Mann abschrecken. Besonders einen Mann, der nur die betörendsten und perfektesten Frauen gewohnt war.

     Es gab nur einen Vorteil an der ganzen Sache: Die Angst, ihre Verletzungen zu zeigen, hatte Marina vor der größten Erniedrigung ihres Lebens bewahrt. Der Erniedrigung, einem so erfahrenen und attraktiven Mann wie Ronan einzugestehen, dass sie mit 24 Jahren immer noch Jungfrau war.

Der nächste Tag begann heiß und sonnig, und doch war es schon spät, als Marina aufstand und frühstückte. Nach einer unruhigen Nacht und mit der verstörenden Erinnerung an Ronan Carlisle im Kopf funktionierte ihr angeschlagener Körper noch weniger als sonst.

     Sie konnte den Tag, an dem sie wieder ganz gesund sein würde, kaum erwarten. Der Arzt hatte ihr zwar versichert, dass es bald soweit war – aber für Marina klang das nur wie eine leere Versprechung, um sie aufzumuntern.

     Natürlich durfte sie sich nicht beschweren. Andere hatten lange nicht so viel Glück wie sie. Tapfer schluckte sie die Tränen hinunter und begann, ihre Tasche für die Physiotherapie zu packen.

     Gerade als sie das Schlafzimmer verließ, klingelte das Telefon.

     Wahrscheinlich war es Seb. Marina wollte und konnte ihrem Bruder jetzt nicht sagen, dass Wakefield ihnen keinen Aufschub gab. Und schon gar nicht wollte sie zugeben, dass sie versagt hatte und den Mann so wütend gemacht hatte, dass er sie hinauswerfen ließ. Die Erinnerung an Wakefields kalten, zynischen Blick ließ sie erschaudern.

     Seufzend ließ sie die Tasche fallen und schleppte sich in die Küche. Sie musste es hinter sich bringen. Doch genau in dem Moment, da sie den Hörer aufnehmen wollte, sprang der Anrufbeantworter an. Marina erstarrte in ihrer Bewegung, als die tiefe dunkle Stimme erklang, von der sie die halbe Nacht geträumt hatte.

     „Marina, hier ist Ronan Carlisle. Wir müssen uns unterhalten. Ich weiß jetzt, wie Sie Ihre Firma wiederbekommen.“

     Es folgte eine lange Pause. Marinas Magen verkrampfte sich, ihr wurde plötzlich so schwindelig, dass sie sich an einer Stuhllehne festhalten musste. Eine dunkle Vorahnung stieg in ihr auf.

     Und, noch schlimmer: das nun schon bekannte Gefühl unerwünschter Erregung.

     Erneut erklang Ronans Stimme. „Bitte gehen sie ran. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.“

Ronan lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete den Eingang des Restaurants.

     Er war absichtlich zu früh hier, um ein wenig die Lokalität zu erkunden. Schließlich sollte man den Schauplatz gut kennen, auf dem man wichtige Verhandlungen führte.

     Er lächelte still.

     Marina Lucchesi. Sie würde sicher Widerstand leisten und ungeheuer kritisch sein. Sie nahm nichts für bare Münze, und sie war klug und mutig genug, um eine hartnäckige Geschäftspartnerin abzugeben – auch wenn er es war, der die eigentliche Macht hatte. Er hielt den Trumpf in der Hand.

     Marina. Er spürte eine seltsame Erregung. Schon gestern Abend hatte er es gespürt, und heute Morgen wieder, als er aufwachte und noch im Halbdunkel an diese ungewöhnliche Frau dachte.

     Sie war so leidenschaftlich gewesen, so voller Hingabe. Auf eine merkwürdig unschuldige Weise war sie so unglaublich verführerisch gewesen, dass er sich kaum hatte zurückhalten können. Er wollte mehr, mehr von diesem Körper, nach dem er sich die ganze Nacht verzehrt hatte.

     Es hatte ihn ungeheure Willenskraft gekostet, Marina loszulassen, als sie ihn darum bat. Noch immer spürte er die fast schmerzhafte Spannung in seinem Unterleib. Aber Marina hatte nun mal keinen Zweifel daran gelassen, dass ihr das Ganze zu schnell ging: Es war offensichtlich, dass er den falschen Zeitpunkt erwischt hatte.

     Diesmal würde er auf den richtigen Zeitpunkt warten. Marina Lucchesi war es wert.

     Als er heute Morgen mit ihr gesprochen hatte, um sie um das Treffen zu bitten, klang sie widerwillig. Vielleicht war es ihr peinlich, dass sie sich ihm so hingegeben hatte? Frauen kamen manchmal auf seltsame Ideen.

     Oder gab es einen anderen Grund? Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und führte die gespreizten Fingerspitzen zusammen. Trotz allem, was er mittlerweile über Marina wusste, war und blieb sie ein Rätsel.

     Ja, sie war selbstbewusst, klug und leidenschaftlich. Aber auch merkwürdig zurückhaltend. Als er sie geküsst hatte, war sie einen Moment lang fast abweisend gewesen. Irgendwie … unsicher, fast unbeholfen. Ganz so, als wäre sie noch gänzlich unerfahren.

     Er schüttelte den Kopf über diesen albernen Gedanken. Nach ein paar Sekunden hatte sie seinen Kuss so begierig erwidert, dass ihm das Blut in den Kopf geschossen war. Sie hatte zu einhundert Prozent gewusst, was sie tat.

     Aber warum hatte sie dann zuerst so unsicher gewirkt?

     Ach, es war müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Marina besaß zu viel natürliche Sinnlichkeit, um sie bisher noch nicht genutzt zu haben.

     Vielleicht war es ein Spiel? Vielleicht tat sie so, als zögere sie, um interessanter zu wirken? Möglich war es. Und wenn es so war, dann würde er es bald herauszufinden.

     Ganz freiwillig traf sie ihn natürlich nicht, das war ihm nur allzu bewusst. Sie war verzweifelt, und Verzweiflung siegte meist über Vernunft. Marina wollte das Familienunternehmen zurückhaben, für sich und ihren Bruder. Und für die Angestellten. Ronans Nachforschungen hatten ein paar interessante Erkenntnisse zutage gebracht: Marinas bedingungslose Treue ihren Mitarbeitern gegenüber etwa. Nie im Leben würde sie sie kampflos jemandem wie Wakefield überlassen.

     Und dann hatte sie noch diese eine, entscheidende Schwäche … Sie war zwar auf der Hut, aber sie konnte nicht verbergen, wie stark sie auf ihn reagierte. Er würde dieses Wissen nutzen und verhindern, dass sie ihm wieder davonlief.

     Durch das Fenster hindurch sah er, wie sich jemand dem Restaurant näherte. Energisch zog er die Schultern zurück. Da war sie. Langsam, aber mit festen Schritten ging sie unter den Bäumen der Allee entlang, die aus dem Park gegenüber führte – ohne Krücken. Er war erleichtert, dass Marina ihren Zusammenbruch auf der Party offensichtlich gut überstanden hatte.

     Das Haar hatte sie wieder zurückgebunden, und sie trug … Was genau war es? Eine Art Bluse, mehrere Nummern zu groß und altmodisch genug für ihre eigene Großmutter.

     Er runzelte die Stirn. Was wollte sie ihm mit diesem Outfit sagen? Hände weg?

     Er grinste. Zu spät, Süße.

     Dann trat sie aus dem Schatten der Bäume hervor, und ihm blieb fast die Luft weg. Eine Hitzewelle durchfuhr ihn, sodass er nicht mehr klar denken konnte.

     Egal, warum sie dieses unförmige Ding trug, sie wusste sicher nicht, dass es durchscheinend war, wenn die grelle Mittagssonne darauf schien. Er konnte jetzt ziemlich genau Marinas verführerische Kurven und ihre langen, schlanken Beine erkennen. Ihre Hüften, ihre herrliche Taille: Das Versprechen lag vor seinen Augen, kaum verhüllt und zum Greifen nah.

     Ronans Puls schlug schneller. Statt etwas zu verbergen, betonte der Stoff nur Marinas natürliche Schönheit. Das war so viel wirkungsvoller als die demonstrative Sexiness der Frauen, die er sonst traf. Vor allem, weil er bereits wusste, was für ein Schatz sich hier verbarg.

     Jetzt verschwand Marina unter der Markise des Restauranteingangs. Ronan verschränkte die Arme hinter dem Kopf, lehnte sich zurück und bereitete sich auf seinen Auftritt vor.

Vor der Tür zum Restaurant blieb Marina kurz stehen, um noch einmal tief Luft zu holen.

     Ronan Carlisle glaubte tatsächlich, die Lösung für all ihre Probleme zu haben. Aber es gab keine Lösung. Nicht nach der katastrophalen Begegnung mit Wakefield.

     Und wie sollte sie Ronan nach der Erniedrigung der letzten Nacht überhaupt unter die Augen treten? Marina wurde heiß und kalt bei dem Gedanken. Am liebsten hätte sie sofort auf dem Absatz kehrtgemacht.

     Aber sie war es ihrer Familie nun mal schuldig, nichts unversucht zu lassen. Die Versuchung, einfach davonzulaufen, mochte stark sein. Und ihre innere Stimme mochte sie warnen. Aber sie hatte einfach keine andere Wahl. Zur Not würde sie den Teufel persönlich treffen, wenn es nur half, die Firma zu retten.

     Am besten, sie tat so, als sei die Szene in ihrem Schlafzimmer nie passiert. Es war schließlich nur ein Kuss gewesen. Ein rauschendes, unvergessliches Erlebnis für sie selbst – aber letztendlich nur ein Kuss. Und für Ronan Carlisle wahrscheinlich nicht mal das.

     Marina stieß die Tür zum Restaurant auf und wartete, bis sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnten. Sofort fiel ihre Aufmerksamkeit auf den dunkelhaarigen Mann an einem der abgelegenen Seitentische. Hinter ihm gaben gläserne Flügeltüren den Blick auf einen malerischen Innenhof frei. Das Sonnenlicht betonte seine stolze Haltung und die breiten Schultern.

     In diesem Moment traf sein Blick den ihren. Ronan wirkte undurchschaubar wie immer, und ein Schauer der Erregung ließ Marina erzittern.

     Oder war es Nervosität?

     Ihre Reaktionen auf ihn waren einfach zu stark, zu überwältigend. Sie machten ihr Angst. Tief Luft holend zog Marina die Schultern zurück und versuchte, die innere Aufregung zu ignorieren. Sie konnte jetzt nicht davonlaufen, dafür stand zu viel auf dem Spiel.

     Eine Kellnerin führte sie an ihren Tisch. Ronan stand auf und streckte höflich eine Hand aus, so als ob dies ein ganz normales Geschäftsessen sei. So als ob es die letzte Nacht nicht gegeben hätte, in der sie in seinen Armen gelegen und zum ersten Mal echte Leidenschaft gespürt hatte.

     Das Blut schoss Marina in die Wangen, als sich seine Hand um ihre schloss. Die Kraft und die Wärme seines Händedrucks fühlten sich erschreckend vertraut an. Tief in ihrem Innern fühlte sie eine Art seltsame Vorfreude.

     Er war genauso umwerfend, wie sie ihn in Erinnerung hatte. In maßgeschneiderten Hosen und einem lässigen Hemd, dessen Blau ein paar Schattierungen heller war als das seiner Augen, sah er aus, als sei er gerade vom Titelbild eines Modemagazins herabgestiegen. Er konnte es mit jedem Supermodel aufnehmen. Die Mischung aus Überlegenheit, körperlicher Attraktivität und Männlichkeit war einfach zu verführerisch.

     „Marina, ich bin froh, dass Sie kommen konnten.“ Seine tiefe Stimme streichelte ihre empfindlichen Nerven. Sein Gesichtsausdruck war neutral, aber lag da nicht der Hauch eines spöttischen Lächelns um seine Mundwinkel?

     „Mr. Carlisle“, erwiderte sie möglichst geschäftsmäßig. Wenn sie ganz formell war und so tat, als sei nichts zwischen ihnen passiert, dann musste er mitmachen. „Es freut mich, dass Sie Zeit für mich haben.“

     Jetzt lächelte er wirklich, ein breites, leicht belustigtes Lächeln. „Kein Grund für Förmlichkeiten.“ Er drückte ihre Hand fester. Gleichzeitig zog sich ihr Magen zusammen, sodass sie nach Luft schnappen musste. „Nennen Sie mich bitte Ronan.“

     „Danke.“ Sie nickte kurz, als sie ihre Hand zurückzog. Sie würde bestimmt keinen Gebrauch von diesem Angebot machen.

     Sein Blick verwirrte sie, sie fühlte sich irgendwie an den Moment erinnert, als Ronan in ihr Schlafzimmer gekommen war und sie im Nachthemd gesehen hatte. Und was dabei herausgekommen war, wusste sie ja!

     Sie setzte sich auf den Stuhl, den er für sie zurechtgerückt hatte, und stellte ihre Handtasche umständlich daneben. Als sie sich Ronan wieder zuwandte, beobachtete er amüsiert.

     Sein Benehmen machte sie langsam wütend! Egal, wie lächerlich sie sich letzte Nacht verhalten hatte, egal, wie dumm es von ihr gewesen war, dieses Treffen hier war wichtig! Sebs und ihre Zukunft stand auf dem Spiel.

     „Wie geht es Ihnen heute, Marina?“

     „Viel besser, danke.“ Je schneller sie das Thema wechselte, desto besser. „Sie wollten mir einen Vorschlag machen?“

     „Heute keine Krücken?“

     „Nein.“ Sie starrte ihn an, aber sein Blick hielt ihrem mit Leichtigkeit stand. Vorsichtig holte sie Luft und ermahnte sich, höflich zu bleiben. Dieser Mann konnte ihr vielleicht helfen. Außerdem gab es gar keinen Grund, unfreundlich zu sein, nur weil ihr die Situation peinlich war und sie nicht über sich selbst sprechen wollte. Oder weil ihre innere Stimme sie lautstark warnte, dass er gefährlich war.

     „Ich brauche die Krücken kaum noch“, fügte sie mit einem knappen Lächeln hinzu. Er öffnete den Mund, doch sie sprach weiter. Auf keinen Fall wollte sie über ihre Verletzungen reden. „Ich war überrascht von Ihrem Anruf. Ich weiß nicht, wie Sie mir helfen wollen.“

     Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen, und sie erinnerte sich an die Macht, die er ausstrahlte. Wenn er sagte, dass er helfen konnte, dann war es vielleicht wirklich so.

     „Vertrauen Sie mir, Marina. Und solange …“ Er winkte der Kellnerin, die neben ihnen auftauchte. „… Lassen Sie uns zu Mittag essen.“

     Widerstand zwecklos. Während er die Karte studierte, wurde Marina klar, dass dieser Mann es gewohnt war zu bekommen, was er wollte.

     Er lud sie zum Mittagessen ein, also würden sie zu Mittag essen. Ganz offenbar war ihm das im Moment wichtiger als ihre geschäftlichen Sorgen. Oder als das Feuerwerk von letzter Nacht.

     Marina musste all ihre Geduld aufbringen, um sich zurückzulehnen und so zu tun, als wäre dies tatsächlich ein ganz normales Mittagessen. Ronan schien vollkommen entspannt zu sein. Wie ein perfekter Gastgeber verwickelte er sie in ein Gespräch über belanglose Themen und brachte sie mit ein paar witzigen Anekdoten gegen ihren Willen zum Schmunzeln.

     Das hatte sie nicht erwartet. Einen beunruhigenden Moment lang überlegte sie, ob es noch einen anderen Grund gab, aus dem er sie eingeladen hatte. Dass Sebs Probleme vielleicht nur ein Vorwand waren.

     Aber das war lächerlich. Mit keinem Blick und keinem Wort hatte Ronan sie an den Moment erinnert. In gegenseitigem Einverständnis hatten sie die Episode abgehakt. Das hier war ein reines Geschäftsessen.

     Als schließlich ihr Meeresfrüchte-Menü serviert wurde, merkte Marina, wie hungrig sie war. Gestern Abend war sie zu aufgeregt gewesen, um zu essen, und heute Morgen hatte sie nur Tee und etwas Toast herunterbekommen.

     „Guten Appetit“, murmelte Ronan und hob sein Weinglas. Spontan machte sie es ihm nach.

     Er blickte ihr tief in die Augen, und diesmal konnte sie nicht wegsehen. Plötzlich war es, als ob nur noch er und sie existierten und das geschäftige Treiben um sie herum nichts weiter als eine blasse Kulisse darstellte.

     Sein Blick veränderte sich, und die scharfen Konturen seiner Wangenknochen traten stärker hervor. Er sah jetzt älter aus, strenger, noch überlegener und anziehender.

     Marina kannte diesen Blick.

     Ihr wurde heiß und ihre Handflächen begannen zu schwitzen, so stark war die Versuchung. Atemlos dachte sie, dass sie nur die Hand ausstrecken müsste, um seine bronzeschimmernde Haut zu berühren und die markanten Gesichtszüge nachzuzeichnen.

     Noch während sie diesem unvernünftigen Gedanken nachhing, weiteten sich seine Pupillen, so als ob er ihren Wunsch erraten hätte. Marinas Herzschlag setzte aus. Diesmal würde sie nicht so dumm sein und sich derartig vergessen! Sie krallte eine Hand an der Stuhllehne fest und biss sich auf die Lippen.

     „Auf unsere Zukunft“, sagte er rau.

     „Auf eine zweite Chance“, erwiderte sie. Sie traute seinem Blick nicht. Es lag etwas Besitzergreifendes darin. Aber das bildete sie sich sicher nur ein. Ihre Fantasie ging mir durch.

     Der Weißwein war leicht und kühl. Es tat gut, wie er ihre trockene Kehle hinunterrann. Marina nahm noch einen Schluck und seufzte fast erleichtert auf, als Ronan sein Glas abstellte und endlich den Blick senkte. Sofort ließ ihre Anspannung nach, auch wenn ihr Herz noch immer rasend schnell schlug.

     Sie musste sich zusammenreißen. Sonst hatte sie doch auch keine Probleme, sich auf ein Geschäft zu konzentrieren! Aber sonst hatte sie es ja auch nicht mit einem Mann wie Ronan Carlisle zu tun.

     Um ihn nicht weiter ansehen zu müssen, widmete sie sich ihrem Essen. Er würde ihr seinen genialen Plan schon noch verraten.

     „Ich habe mich ein bisschen umgehört, seit wir uns gestern verabschiedet haben“, bemerkte er schließlich. „Ich weiß jetzt einiges über Ihre Situation.“

     Okay, jetzt hatte er ihre volle Aufmerksamkeit.

     „Aber ich müsste noch ein wenig mehr wissen.“

     „Sie haben gesagt, Sie wüssten, wie ich meine Firma zurückbekomme.“

     Er nickte. „Alles zu seiner Zeit. Erst will ich sichergehen, dass ich die genauen Umstände kenne. Meine Kontakte konnten mir letzte Nacht nicht alles erzählen.“

     „Sie haben sie letzte Nacht noch angerufen?“ Es war schon fast Mitternacht gewesen, als er gegangen war.

     „Nicht jede Arbeit lässt sich zu normalen Bürozeiten erledigen“, erwiderte er ungerührt.

     Sie schüttelte den Kopf und wunderte sich über seinen Eifer. Aber es war egal. Alles was zählte, war die Tatsache, dass er ihr helfen wollte.

     „Und was haben Sie herausgefunden?“

     „Dass unser Freund Wakefield dabei ist, eine weitere Firma aufzukaufen. Ein mittelgroßes, sehr profitables Transportunternehmen.“ Er blickte ihr direkt in die Augen. „Marina Enterprises. Die Firma gehört einer Familie namens Lucchesi.“

     Marina legte ihr Besteck so vorsichtig wie möglich beiseite, damit es kein Geräusch machte.

     „Das ist richtig“, erwiderte sie tonlos und drehte den Stiel ihres Weinglases zwischen den Fingern hin und her. „Mein Vater hat die Firma gegründet. Praktisch aus dem Nichts. Aber jetzt gehört sie meinem Bruder und mir.“ Sie holte Luft. „Oder, besser gesagt, sie gehörte uns.“

     „Weil auf einmal Charles Wakefield auf der Bildfläche erschien.“ Ronans Tonfall klang plötzlich mitfühlend.

     Marina straffte die Schultern und nippte an ihrem Wein. Sie brauchte kein Mitgefühl. Sie brauchte einen Plan.

     „Sebastian schuldet Wakefield ziemlich viel Geld“, erklärte sie nüchtern. „Die Firma war seine Sicherheit für Schulden, und Wakefield verlangt alles auf einmal zurück. Sofort. Das Recht ist auf seiner Seite.“ Sie schluckte, weil Übelkeit in ihr aufstieg. Dann zwang sie sich weiterzusprechen. „Seb versucht wirklich alles, um das Geld zusammenzukriegen, aber er schafft es nicht. Es ist zu viel.“

     „Also kriegt Wakefield die Firma.“

     „Und ich weiß wirklich nicht, was gerade Sie dagegen tun könnten“, platzte es aus Marina heraus. „Ich dachte, wenn ich Wakefield persönlich treffe, kann ich ihn überreden, uns mehr Zeit zu geben. Damit wir einen Kredit aufnehmen und vielleicht ein paar Firmenanteile verkaufen können.“

     Auch wenn das die Firma vielleicht ruinieren würde.

     „Aber nach meinem glanzvollen Auftritt auf der Party wird er sich nie darauf einlassen. Nicht nach allem, was ich zu ihm gesagt habe.“ Sie fröstelte, als sie an den gestrigen Abend dachte. Sie hatte die letzte Chance, Wakefield umzustimmen, gründlich vermasselt. Es war kaum zu glauben, wie leicht sie dieser skrupellose Mistkerl hatte aus der Fassung bringen können. Gut, sie war erschöpft und überanstrengt gewesen. Aber das war keine Entschuldigung! Sie hätte sich zusammenreißen müssen.

     Gott sei Dank konnten ihre Eltern nicht sehen, wie schlecht sie und Seb mit ihrem Erbe umgingen. Es hätte ihnen das Herz gebrochen. Marina blinzelte heftig, als ihr die Tränen in die Augen stiegen und ihr Herz sich vor Schmerz zusammenkrampfte.

     „Marina, vertrauen Sie mir. Es wird alles gut.“ Sanft nahm er ihre Hand, die sie zu einer Faust geballt hatte. Seine Berührung fühlte sich warm und beruhigend an. Aber sie wusste ja, dass Berührungen ihm nichts bedeuteten.

     „Erzählen Sie mir, was genau passiert ist.“

     Marina verzog den Mund, als sie daran dachte, wie naiv und dumm ihr Bruder sich benommen hatte. Und das einem Mann gegenüber, der es gewohnt war, Millionendeals abzuschließen.

     Sie versuchte, Ronan ihre Hand zu entziehen, doch er ließ es nicht zu. Sein Griff war unerbittlich. Genauso wie sein Blick.

     „Erzählen Sie es mir“, wiederholte er.

     Seine Hand lag ruhig auf ihrer. Ihr Handgelenk sah gegen seines schmal und fast ein wenig zerbrechlich aus. Plötzlich fühlte Marina eine Wärme, die durch ihren ganzen Körper strömte.

     Verdammt, sie wollte das nicht. Es fühlte sich falsch an.

     „Dad wollte, dass Seb ihn an der Spitze der Firma ablöst“, erklärte sie schließlich.

     „Und Sie?“

     Sie blickte auf. Sein Gesicht war jetzt dicht vor ihrem, sodass sie winzige türkisgrüne Fleckchen in seinen tiefblauen Augen entdecken konnte. Sein herber, maskuline Duft stieg ihr in die Nase. Die Gedanken verschwammen, und einen Moment lang starrte Marina diesen Mann nur an, ohne sich auf etwas anderes konzentrieren zu können. Ihr Herz schlug wie wild.

     Plötzlich blieb ihr Blick an seinen sinnlichen Lippen hängen. Sehnsucht stieg in ihr auf.

     Um Himmels willen, konzentrier dich gefälligst!

     Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf. „Ich bin studierte Buchhalterin. Ich arbeite im Finanzbereich und als Direktorin der Firma.“ Es war nicht nötig, ihm zu sagen, dass sie die Firma gemeinsam mit ihrem Vater geleitet hatte.

     „Mein Vater ist vor ein paar Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Sie sagte es so sachlich wie möglich, ohne ihre Gefühle zu verraten. Aber Ronans Hand schloss sich noch fester um ihre. Die Wärme tat ihr gut.

     „Und Sie wurden bei diesem Unfall verletzt.“ Es war keine Frage, eher eine Feststellung. „Wann wurden Sie aus dem Krankenhaus entlassen?“

     „Das spielt keine Rolle.“

     „Sagen Sie es mir“, erwiderte er leise und streichelte zärtlich über ihre Fingerknöchel.

     Die winzige Bewegung verschaffte Marina eine wohlige Gänsehaut. Das Gefühl war so verführerisch, dass ihr Schutzpanzer ein kleines bisschen schmolz.

     „Vor zwei Wochen wurde ich aus der Reha-Klinik entlassen.“

     Ein Anflug von Ärger flackerte in seinen Augen auf. „Aber ich kann auf mich selbst aufpassen!“, fügte sie eilig hinzu. „Ich habe mich um Seb und meinen Vater gekümmert, seit ich dreizehn bin.“

     „Und wer kümmert sich jetzt um Sie?“

     Wütend zog sie ihre Hand fort. Diesmal ließ er sie frei. Marina verbarg beide Hände in ihrem Schoß und versuchte zu ignorieren, dass seine zärtliche Berührung ein heftiges Brennen hinterlassen hatte.

     „Ich komme sehr gut allein zurecht. Und Seb kann nicht rund um die Uhr für mich da sein. Er ist frisch verheiratet.“

     „Mit einundzwanzig?“

     Er musste ein fantastisches Gedächtnis haben, wenn er sich so genau an dieses Detail ihrer nächtlichen Konversation mit Wakefield erinnerte.

     Sie zuckte die Achseln. „Sie haben sich eben verliebt.“ Und ihr Vater war überzeugt gewesen, dass die Heirat mit Emma helfen würde, Seb etwas ruhiger werden zu lassen.

     Geistesabwesend rieb sie mit einem Finger über die Knöchel ihrer rechten Hand, als könne sie so die Erinnerung an Ronans Berührung auslöschen.

     „Ich weiß ehrlich nicht, wozu Sie das alles wissen müssen.“

     „Weil ich wissen möchte, worauf ich mich einlasse“, antwortete er knapp. Er warf ihr einen nüchternen Blick zu. Nur eine ziemlich dumme Frau hätte ihm jetzt widersprochen. Seine markanten Gesichtszüge und sein Blick aus Stahl zeugten ganz von dem knallharten Geschäftsmann, der er war. Nicht von einer charmanten Mittagessensverabredung. Und erst recht nicht von dem leidenschaftlichen Liebhaber, der Marina noch vor wenigen Stunden beinahe verführt hätte.

     „Also“, fuhr er fort. „Sie und ihr Bruder leiten die Firma gemeinsam. Und …?“

     „Dad ist tot, und ich lag im Krankenhaus.“ Erschöpft lehnte Marina sich in ihrem Stuhl zurück. Sie starrte durch die Glastüren hinaus in den Innenhof. Ein kleiner Springbrunnen plätscherte beruhigend in ein von Efeu umranktes Becken.

     „Mein Bruder hatte es eilig, sich zu beweisen.“ Natürlich war es schwer, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Aber nie war ihr klar gewesen, wie sehr sich Seb unter Druck setzte.

     „Schon vor dem Unfall wollte er expandieren. Er hatte einige gute Kontakte und wollte kaufen, solange die Aktien gut standen. Es wäre ein guter Plan gewesen, wenn er ihn richtig ausgeführt hätte.“

     „Aber das hat er nicht.“

     Marina schüttelte den Kopf. Wieder wurde ihr übel, als sie an Sebs unglaubliche Dummheit dachte.

     „Einige seiner neuen Geschäftspartner waren sehr erfolgreich und unglaublich reich. Es gab tagelange Partys und Glückspiele mit hohen Einsätzen. Seb wurde ab und zu eingeladen.“ Sie verstand es immer noch nicht ganz. Seb war so klug und ehrgeizig. Wie war er nur so schnell in so schlechte Gesellschaft geraten?

     „Charles Wakefield hat ein Pferderennen veranstaltet“, erzählte sie weiter. Sie wollte die Geschichte so schnell wie möglich zu Ende bringen. „Emma war verreist, also ging Seb alleine. Er spielte, bis er alles verloren hatte, was er besaß. Aber Wakefield überredete ihn zu bleiben. Dann hat diese Schlange ihn ordentlich betrunken gemacht und ihm eingeredet, dass es ganz leicht sei, mit einem einzigen Gewinn das Geld für die Firmenexpansion zusammenzukriegen.“

     Sie holte Luft und fuhr fort: „Seb hatte kein Geld mehr, das er einsetzen konnte. Aber Wakefield meinte, dass auch das kein Problem wäre. Er erzählte ihm irgendwas von einem Deal unter Freunden.“ Und Seb war so blau, dass er ihm blindlings vertraute.

     „Natürlich hat mein Bruder verloren. Und am nächsten Tag eröffnete ihm Wakefield, dass er unterschrieben hätte, die Firma als Sicherheit einzusetzen.“

     „Und er hat wirklich selbst unterschrieben?“ Ronan Carlisle beugte sich über den Tisch.

     „Ja, leider.“ Marinas Stimme klang bitter. „Wakefield hat nichts dem Zufall überlassen. Einer seiner Anwälte war als Zeuge dabei. Das Dokument ist rechtsgültig, wir haben es prüfen lassen. Und Wakefield hat Zeugen, die aussagen, dass Seb wusste, was er tat.“

     „Gierige Ratte.“ Ronan fuhr sich grimmig mit einer Hand durchs Haar.

     „Sie sagen es.“

     Marina schob den Teller mit ihrem Essen von sich. Sie hatte keinen Appetit mehr. Wenn das doch alles nur ein böser Traum wäre!

     „Aber die Firma gehört Ihnen beiden. Ihr Bruder durfte nichts verspielen, was ihm nicht allein gehört.“

     „Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“, fragte sie wütend. „Sebs Zukunft ruinieren, indem ich auf meinem Recht beharre? Abgesehen davon, dass es ohnehin nichts bringen würde. Wie gesagt, Wakefield hat an alles gedacht. Die Sache ist wasserdicht.“

     Sie fiel in ihren Stuhl zurück und sah Ronan erschöpft an. Jeder einzelne Knochen tat ihr weh. Sie war so nah dran aufzugeben, dass es ihr Angst machte.

     „Okay, fassen wir zusammen. Sie stehen auf der Seite ihres Bruders. Er hat Ihre Firma verspielt. Und Wakefield wird kaum weniger akzeptieren als das.“

     Marina nickte schwerfällig.

     „Und jetzt verkaufen Sie als Erstes das Haus Ihrer Familie, um an Geld zu kommen.“

     „Woher wissen Sie das?“

     „Ich habe Sie gestern nach Hause gefahren, wissen Sie nicht mehr? In der Einfahrt steht ein Schild: Zu verkaufen.“ Ronan machte eine Pause. „Wo werden Sie wohnen?“

     Marina starrte vor sich hin. Was machte es schon, wo sie wohnte? Sie war gerade erst ins Leben zurückgekehrt, nachdem ihr Vater gestorben war und sie monatelang im Krankenhaus gelegen hatte. Sie war nicht mal bei der Beerdigung gewesen, und eine Zeit lang hatte sie gedacht, dass die Trauer nie aufhören würde. Bis zu dem Tag, an dem sie erfuhr, dass die Firma auf dem Spiel stand. Und damit alles, wofür ihr Vater ein Leben lang gearbeitet hatte.

     Sie musste das Unternehmen retten, alles andere war im Moment egal. Alles – sogar ihre heftigen Gefühle für diesen Mann.

     „Wo ich wohne, werde ich mir überlegen, wenn es soweit ist. Sie sagten, Sie wüssten, wie wir die Firma doch noch behalten können?“ Sie würde nicht lockerlassen – auch wenn sie darauf gefasst war, dass Ronan wieder auswich.

     Aber er hielt ihrem Blick stand, selbstsicher und ohne mit der Wimper zu zucken. Was auch immer er im Schilde führte, er war offenbar sicher, dass es ihm gelingen würde. Seine Haltung war aufrecht, und das kleine Lächeln um seine Mundwinkel strahlte entspannte Überlegenheit aus.

     „Sie haben doch einen Plan, oder?“ Ihr Herz klopfte schneller.

     Er nickte. „Ja. Aber er ist ungewöhnlich.“

     „Illegal, meinen Sie?“

     Ronans Mundwinkel zuckten leicht. Wie verzaubert sah Marina ihn an. Hatte er irgendeine Ahnung, wie sexy er jetzt aussah?

     „Nein, nicht illegal. Ich lasse mir zwar einiges einfallen, wenn es um das Geschäft geht, aber ich halte mich an die Gesetze.“

     Sie nickte. Ronan Carlisle hatte nicht nur den Ruf eines besonders erfolgreichen, sondern auch eines sehr fairen Geschäftsmannes.

     Aber was war dann sein Plan? Und wieso wollte er ihr überhaupt helfen? Marina Enterprises war eine mittelständische, recht erfolgreiche Firma und auf jeden Fall wert, gerettet zu werden. Aber was hatte er davon?

     Die Unsicherheit war wieder da. Marina wusste, was sie von Wakefield zu halten hatte. Er war ein Frauenheld und ein Betrüger. Aber Ronan Carlisle? Nach außen hin war er ein zielstrebiger, selbstbewusster und erfolgreicher Geschäftsmann. Noch dazu ungeheuer attraktiv. Und gestern Abend hatte sie erfahren, dass sich hinter seiner kühlen Maske ein leidenschaftlicher, sinnlicher Mann verbarg. Aber was wusste sie eigentlich wirklich über ihn?

     Gleichzeitig wusste er fast alles über sie. Er war in ihr Privatleben eingedrungen und hatte ihren Schutzwall durchbrochen. Sie fühlte sich verletzlich.

     „Warum kümmern Sie sich um mich?“, fragte sie leise.

     Da war es wieder, dieses kleine Lächeln, das ihr Herz höher schlagen ließ. Langsam beugte er sich zu ihr.

     „Sie und Ihr Bruder sind nicht die Einzigen, die Wakefields Opfer geworden sind.“

     Er machte eine Pause, so als müsse er seine Worte vorsichtig wählen. „Er ist gefährlich, wenn er etwas haben will, und die Folgen können katastrophal sein.“

     Nachdenklich presste er die Lippen aufeinander. Ein wilder Ausdruck flackerte in seinen Augen.

     Schmerz? Marina war Expertin darin, dieses Gefühl zu erkennen. Sie erblickte es seit Monaten in ihrem Spiegelbild.

     „Sie wollen also Rache?“, fragte sie.

     Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kaum, aber er sah plötzlich so fremd aus, so verändert, dass sie fröstelte. Marina zweifelte nicht daran, dass er vollkommen skrupellos sein konnte, wenn er ein Ziel verfolgte.

     „Rache? Ja, vielleicht“, meinte er nach einer Weile. „Aber vor allem will ich, dass Wakefield so beschäftigt damit ist, seine eigene Haut zu retten, dass er niemanden mehr zerstören kann.“

     Zerstören. Ein starkes Wort. Aber das war es, was Wakefield tat. Er zerstörte Menschen. Er zerstörte Sebastians und ihre eigene Zukunft. Und er stahl das hart erarbeitete Vermögen ihres Vaters.

     Marina nickte und versuchte das leise Gefühl von Furcht zu ignorieren. Hatte sie sich nicht geschworen, es selbst mit dem Teufel aufzunehmen, wenn es sein musste?

     „Woran denken Sie, Ronan?“

     Er betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen. „Es funktioniert nur, wenn Sie mitspielen.“

     „In Ordnung. Sie brauchen also mich und meinen Bruder.“

     „Nein.“ Er sprach nicht lauter, aber dieses eine Wort ließ sie erschaudern. „Nicht Ihren Bruder. Nur Sie.“

     Marinas Puls schlug heftig, langsam und schwerfällig. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Ihre Sinne waren hellwach, so wie bei einem Tier, das von einem Jäger in die Enge getrieben wird. Sie witterte Gefahr. Eine Katastrophe. Aber sie konnte nicht zurück.

     „Was muss ich tun?“

     Er lächelte, aber diesmal nicht, weil er sich amüsierte.

     „Sie müssen meine Geliebte werden.“

Vorheriger Artikel Es geschah in einer Sommernacht - 5. Kapitel
Nächster Artikel Es geschah in einer Sommernacht - 3. Kapitel