Es geschah in einer Sommernacht - 5. Kapitel

5. KAPITEL

Marina zuckte zusammen, als hätte sie soeben eine Ohrfeige erhalten. Was zum Teufel sollte das?

     Ronan erwiderte ihren entsetzten Blick mit einer fast selbstzufriedenen Gelassenheit. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie sich vielleicht verhört hatte. Doch dann schob sie entrüstet ihren Stuhl zurück.

     Er betrachtete sie vollkommen ruhig und ungerührt. Spätestens das brachte das Fass zum Überlaufen. Statt aufzuspringen und davon zu stürmen, beugte Marina sich ein Stück vor und funkelte Ronan zornig an. Vielleicht hatte sie sich letzte Nacht zum Idioten gemacht, aber das hier verdiente sie nicht!

     „Wenn das Ihre Vorstellung von einem guten Scherz ist, dann finde ich ihn nicht lustig.“

     Keine Antwort.

     „Und falls es etwas mit letzter Nacht zu tun hat …“ Sie biss sich auf die Lippen. „Sie können sich darauf verlassen, dass so etwas nie wieder vorkommt.“

     Nicht mal sich selbst wollte sie eingestehen, wie gern sie Ronan Carlisle vertraut hätte. Dass sie nun ihren Fehler bemerkte, tat so weh, dass es ihr die Kehle zuschnürte.

     „Es geht hier nicht um letzte Nacht, Marina – obwohl es wundervoll war.“ Seine Stimme klang dunkel und verführerisch, wie bittersüße Schokolade. Sofort durchströmte Marina ein wohliges Gefühl. Sie blickte in seine dunkelblauen Augen und versuchte zu erraten, was er dachte. Es war einfach unmöglich.

     „Mein Vorschlag ist ungewöhnlich, aber er kann funktionieren. Sie bekommen Ihre Firma zurück – wenn Sie mit mir zusammenarbeiten.“

     „Ja, klar. Ich als Ihre Geliebte. Ich kann es mir lebhaft vorstellen.“

     „Warum denn nicht?“ Er lehnte sich über den Tisch, sodass ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren.

     Verärgert bemerkte Marina, wie ihr Körper sofort auf ihn reagierte: Sie bekam eine Gänsehaut, ihr Puls beschleunigte sich. Sie hasste sich dafür.

     „Hat Ihr Freund etwas dagegen? Ist es das?“

     Sie wollte aufstehen, doch Ronan war schneller. Er ergriff ihre Hand und drückte sie fest auf die Tischplatte. Vergeblich versuchte Marina sich loszureißen, sie war viel zu schwach. Ronan musste nicht mal Druck ausüben – ein unbeteiligter Beobachter hätte geglaubt, dass es sich um eine zärtliche, vertraute Geste unter Liebenden handelte.

     „Lassen Sie mich los“, zischte sie.

     „Gleich. Erst sagen Sie mir, warum es nicht funktionieren sollte.“ Er blickte sie herausfordernd an. „Gibt es einen Mann in Ihrem Leben? Einen Liebhaber?“

     Sie schüttelte den Kopf.

     „Was ist dann das Problem?“

     „Erstens“, platzte sie heraus, „hat ihr sogenannter Plan nichts mit Charles Wakefield zu tun und auch nicht mit Marina Enterprises. Und zweitens – es ist einfach lächerlich.“

     Er hob eine Augenbraue. „Wieso lächerlich?“

     „Mir reicht es jetzt. Lassen Sie mich los.“

     „Erst, wenn Sie es mir erklärt haben.“

     Marina versuchte erneut, ihre Hand wegzuziehen, aber er lockerte seinen Griff um keinen Millimeter. Seine körperliche Überlegenheit machte sie rasend. Sie hatte schon genug arrogante Männer in ihrem Leben erlebt, noch einen von der Sorte konnte sie nicht ertragen.

     „Ich bin wohl kaum die Richtige für den Job einer Geliebten. Das sieht doch ein Blinder.“ Wäre es anders gewesen, hätte er sie letzte Nacht nicht einfach so verlassen. Marinas Wangen glühten vor Scham. Sie kannte ihre Grenzen.

     „Im Gegenteil“, widersprach er mit leiser, sanfter Stimme. „Ich kann Sie mir sehr gut als Geliebte vorstellen.“

     Marina holte tief Luft bei dem Bild, das vor ihrem geistigen Auge entstand. Sie und dieser Mann. Sie beide miteinander. Intim.

     Ihr wurde schwindelig. Unter dem Stoff ihrer Bluse richteten sich ihre Brustspitzen auf. Das Gefühl des Verlangens war wieder da, breitete sich tief in ihr aus, während sie daran dachte, wie sie sich beinahe geliebt hatten.

     Ronan räusperte sich. „Vielleicht habe ich mich etwas unklar ausgedrückt“, erklärte er dann. „Ich wollte sagen, Sie sollen meine Geliebte spielen.“

     Spielen? Sie starrte ihn verständnislos an.

     „Wenn wir vor Wakefield so tun, als ob wir ein Verhältnis hätten, bekomme ich die Gelegenheit, die ich brauche. Mit Ihnen als Köder kann ich ihn so weit bringen, dass es seine kleinste Sorge sein wird, was mit Marina Enterprises geschieht.“ Sein Blick war vollkommen ruhig, seine Stimme nüchtern.

     Er meinte es wirklich ernst!

     Marinas Gedanken überschlugen sich. Der Vorstellung, die verruchte Geliebte zu mimen, war einfach zu viel.

     Trotzig schüttelte sie den Kopf. „Ich wäre nicht überzeugend in der Rolle.“ Nicht in der Rolle der Femme fatale. Die Idee war so furchtbar lächerlich – leider. „Was immer Sie vorhaben, es wird nicht funktionieren.“

     „Natürlich wird es das. Können Sie sich nicht dazu bringen, mir ein kleines bisschen zu vertrauen?“ Auf Ronans Gesicht erschien ein leises Lächeln, mit dem er sicher schon etliche Frauen herumgekriegt hatte.

     Langsam atmete Marina ein und aus und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Die Firma retten. Das war das Einzige, was zählte. Sie musste ihm zuhören.

     „Vertrauen werde ich Ihnen nicht.“ Sie war überrascht, wie fest ihre Stimme klang. „Aber ich höre Ihnen zu.“

     „Gut.“ Jetzt ließ er ihre Hand los. Mit Entsetzen stellte Marina fest, dass sie die Berührung sofort vermisste. „Wir sollten an einen ruhigeren Ort gehen, um uns zu unterhalten.“

     Mit der Geste eines Gentlemans legte er ein paar Scheine auf den Tisch, hakte Marina unter und führte sie bestimmt Richtung Ausgang.

     Bei jedem anderen hätte Marina diese Geste als hilfsbereit und zuvorkommend empfunden, erst recht nach ihrem gestrigen Zusammenbruch. Bei Ronan jedoch fühlte es sich an, als wolle er ihr sein Siegel in die Haut brennen. Sie erschauderte.

„Sie wollten es mir erklären“, hakte sie nach, als sie in ihrem Wohnzimmer saßen. Er ließ von den Familienfotos an der Wand ab und wandte sich ihr wieder zu. Sein Blick war wie immer undurchdringlich. Es war Marina unangenehm, Ronan nach dem gestrigen Abend wieder bei sich in der Wohnung zu haben, aber sie zwang sich, ruhig und entspannt zu bleiben.

     „Also gut. Es ist so, dass ich schon vor einiger Zeit beschlossen habe, etwas gegen Wakefield zu unternehmen“, begann er. „Er hat sich in den letzten Jahren schamlos an anderen bereichert. Jede Gelegenheit hat er genutzt, allerdings ohne die finanziellen Risiken abzuwägen. Das heißt, dass er nicht unverwundbar ist. Ein einziges Verlustgeschäft zum richtigen Zeitpunkt, und der Mann ist ruiniert.“

     Ronans Lippen formten sich zu einem Lächeln. Es lag etwas Skrupelloses darin. Etwas, das Marina Angst machte.

     „Jemand muss ihn ablenken, während ich ihm die entscheidende Falle stelle. Und hier kommen Sie ins Spiel.“

     Marina versuchte, die Nervosität zu ignorieren, die in ihr aufstieg, während Ronan sie mit offensichtlichem Wohlgefallen betrachtete.

     „Ich verstehe immer noch nicht.“

     Lässig streckte er die Beine aus und streifte dabei wie zufällig ihren Schenkel. Unruhig rutschte sie in ihrem Sessel hin und her.

     „Sie sind perfekt“, bemerkte er schließlich. „Einfach perfekt.“ Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. „Sie haben Grund genug, Wakefield zu hassen, deshalb werden Sie seinem Charme nicht erliegen. Und das ist das Wichtigste.“

     „Seinem Charme?“ Jetzt musste Marina fast lachen. „Diese Ratte hat so viel Charme wie ein Gerichtsvollzieher.“

     „Sie beurteilen ihn nach seinem Charakter. Aber er sieht gut aus, und er ist reich. Glauben sie mir, viele Frauen halten ihn für den Mann ihrer Träume.“

     „Ich bestimmt nicht.“

     „Und genau deshalb brauche ich Sie.“

Marina lehnte sich in ihrem Sessel vor und blickte verständnislos drein. Ihre Lippen waren halb geöffnet, und Ronan ergriff eine plötzliche Erregung.

     Diese Frau war so unglaublich verführerisch, auch wenn sie sich hinter einer langweiligen Frisur und unförmigen Kleidern versteckte. Die Leidenschaft, die einladende Weiblichkeit, die er längst erkannt hatte, konnte sie nicht verstecken. Allein die Erinnerung an ihre sinnlichen Lippen war genug gewesen, um ihn die halbe Nacht wach zu halten. Und ihr Körper erst …

     Aber warum beharrte sie so hartnäckig darauf, nicht die Richtige für seinen Plan zu sein? Sie benahm sich gerade so, als sei sie ein hässliches Entlein. Dabei war sie schön und klug – und so sinnlich, dass es ihn magisch anzog. Sie war wie geschaffen für die Rolle der Geliebten. Er musste sie nur dazu bringen, es einzusehen.

     Fast hätte Ronan alle Vernunft über Bord geworfen, sich einfach vorgebeugt und über Marinas zarte Wangen gestreichelt. Ihren Zopf gelöst, damit die wilde Mähne über ihre Schultern fiel, ihr tief in die Augen gesehen und dann ihren erotischen Mund erobert.

     Nein, es wäre ein Fehler. Die plötzliche Vernunft wirkte wie eine kalte Dusche auf seine erhitzte Fantasie. Innerlich seufzend begnügte er sich mit der Vorstellung, dass der richtige Moment irgendwann kommen würde.

     Vielleicht sehr bald schon.

     Er hatte Pläne mit Marina. Pläne, die er ihr jetzt noch nicht verraten konnte. Doch bis dahin gab es viel zu tun: Zuallererst musste er ihre Zweifel ausräumen. Er sprach nicht gern über seine Gefühle und erst recht nicht über die Vergangenheit. Aber jetzt war es nötig, um sie zu überreden.

     „Wakefield ist gefährlich“, erklärte er. „Er hat schon zu viele Menschen ruiniert. Man muss ihn stoppen, bevor er noch mehr Leben zerstört.“ Er machte eine kunstvolle Pause und überlegte, wie viel er noch preisgeben sollte.

     „Wir haben uns auf dem Internat kennengelernt“, fuhr er schließlich fort. „Wakefields Vater war schon dort, und sein Großvater auch. Ich dagegen bin der Sohn eines Mannes, der sich alles aus eigener Kraft erarbeiten musste. Mein Vater hat bei Null angefangen, der Erfolg unseres Unternehmens ließ lange Zeit auf sich warten. In Wakefields Augen sind wir deshalb zweitklassig. Aber ich war und bin stolz auf meinen Vater.“

     Er bemerkte so etwas wie Mitgefühl in Marinas Augen. Sie nickte verständnisvoll. Deshalb war sie also so wild entschlossen, Wakefield ihr Erbe wieder zu entreißen: Ihr Vater war ihr Held gewesen, und sie fühlte sich schuldig, die Firma verloren zu haben. Endlich kam er der Sache näher.

     „Wakefield konnte mich noch nie ausstehen. Er hat seine Freunde und Anhänger gegen mich aufgehetzt, aber ich wollte mich ihm nicht unterwerfen. Er hat versucht, mir das Leben im Internat zur Hölle zu machen, aber ich bin nicht gegangen. Einmal wollte er mich verhauen, aber er hat es nicht geschafft.“ Ronan blickt in Marinas weit geöffnete Augen und versuchte, ihre Gedanken zu erraten. Sie war überrascht. Aber es lag noch etwas anderes in ihrem Blick. War es Abscheu?

     „Von da an waren wir Gegner: Im Unterricht, im Sport, einfach überall.“ Er machte eine Pause, weil er daran dachte, wie brutal Wakefield schon damals gewesen war. Hauptsache, er gewann. Er war schon als Junge verschlagen gewesen, und mit den Jahren war es nicht besser geworden.

     „Und im letzten Schuljahr ging es um ein Mädchen.“

     „Ihre Freundin?“

     „Nein, seine. Er hat mit ihr Schluss gemacht. Sie war traurig, er nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt …“ Ronan warf Marina einen finsteren Blick zu. Ihr Gesichtsausdruck zeigte, dass sie verstand, was er meinte.

     „Ihr Bruder war ein Freund von mir. Aber Wakefield bildete sich ein, dass ich etwas mit dem Mädchen hatte. Auch wenn er sie nicht wollte, so sollte sie trotzdem kein anderer haben. Er warnte mich.“ Ronan zuckte die Achseln. „Ich habe ihn nicht weiter beachtet, und da wurde er böse. Er konnte weder ihr noch mir etwas tun. Aber da war ja noch ihr kleiner Bruder. Sie fanden ihn eines Nachts, blutend und brutal zusammengeschlagen.“

     Marina holte erschrocken Luft, und Ronan nickte. Er erinnerte sich nur zu gut an die furchtbare Nacht, in der Simon ins Krankenhaus gebracht wurde. Und an seine eigene unbändige Wut.

     „Der Junge behauptete, er hätte seine Angreifer nicht erkannt. Aber Wakefield sorgte dafür, dass ich erfuhr, wer dahinter steckte. Unter vier Augen natürlich.“

     „Das ist ein Scherz!“, stieß Marina hervor. „Er muss ja verrückt sein!“

     Ronan senkte den Kopf. „Das ist er, wenn ihn der Zorn packt.“ Schade, dass dieser Bastard nicht schon vor Jahren beim Psychiater gelandet war. Dann hätte er nicht noch mehr unschuldige Opfer gefunden.

     Im Raum war es ganz still, während Ronan seine Geschichte auf Marina wirken ließ. Sie kauerte in ihrem Sessel, hatte die Beine angezogen und die Arme darum geschlungen.

     Gut. Es wurde Zeit, dass sie endlich merkte, wie gefährlich Wakefield war. Gestern auf der Party hatte Ronan sie zwar für ihren Mut bewundert, aber sie war sich gar nicht darüber im Klaren, mit was für einem Monster sie es aufgenommen hatte.

     „Bis vor Kurzem hatten wir kaum etwas miteinander zu tun. Aber seit ein paar Wochen habe ich ein Auge auf ihn – aus verschiedenen Gründen. Unsere geschäftlichen Interessen waren immer sehr verschieden, aber in den letzten Monaten hat Wakefield in meinem Terrain herumgeschnüffelt und versucht, in die Transportindustrie einzusteigen.“

     Ronan hatte sein Imperium auf einem einfachen Lufttransportunternehmen aufgebaut. Und er war sicher, dass Charles Wakefield genau darauf scharf war.

     Marinas Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen, als ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde.

     „Sie sehen den Zusammenhang?“ Er nickte zufrieden. „Es ist kein Zufall, dass er jetzt auch Marina Enterprises will. Er will ein ernsthafter Konkurrent werden.“

     „Und das stört Sie?“ Fragend hob sie eine Augenbraue.

     Er schüttelte den Kopf. „Warten wir’s ab. Ich bin gespannt, wie weit er es auf einem Gebiet bringt, auf dem er sich nicht auskennt.“

     Marina runzelte die Stirn. „Da ist noch etwas, oder?“

     Wie er vermutet hatte: Sie war eine kluge Frau.

     Doch noch zögerte er. Konnte er ihr die ganze Wahrheit sagen? Schließlich war sie eine Fremde. Würde sie es für sich behalten und nicht versuchen, ihren Vorteil daraus zu schlagen?

     Ronan betrachtete Marina skeptisch von der Seite. War sie wirklich so unschuldig, wie sie tat? Waren seine Quellen zuverlässig? Er fragte sich, ob Marina wirklich die war, für die er sie hielt: ehrlich, sensibel, hart arbeitend – und unglücklich.

     Seine innere Stimme wollte ihr vertrauen. Aber wenn er falsch lag … Nein, dieses Risiko konnte er nicht eingehen. Es ging um Cleos Leben. Nicht um eine alte Geschichte aus Schultagen. Cleo hatte so hart darum gekämpft, sich das wiederzuholen, was ihr gehörte. Er musste vorsichtig sein. Wenn die Wahrheit herauskam, würde es sie zerstören.

     Er sprang auf und ging zum Fenster. Dann drehte er sich wieder zu Marina um. Er spürte die Spannung in seinen Schultern und richtete sich noch ein wenig mehr auf als sonst.

     „Wakefield hat jemandem geschadet, der mir nahesteht. Sehr geschadet.“ Er machte eine Pause. „Ich will nicht, dass derjenige noch einmal unter ihm leiden muss.“

     „Ich bin nicht neugierig.“ Marina klang erstaunlich nüchtern. „Aber wenn es etwas gibt, das ich über Wakefield wissen muss, dann würde ich es gern hören. Vorsicht ist besser als Nachsicht.“

     Ronan spürte einen bitteren Geschmack im Mund: Schuldgefühl. Wenn er Cleo bloß gewarnt hätte … Wenn er nur geahnt hätte, wie weit dieser Bastard seine perversen Spielchen treiben würde!

     Und hier saß noch eins seiner Opfer. Er blickte in Marinas schöne Augen und erkannte tiefe Unsicherheit. Das Bedürfnis, sie zu beschützen, wurde so stark, dass es ihn fast übermannte.

     „Ich kann Ihnen keine Einzelheiten erzählen. Es ist nicht meine eigene Geschichte. Aber ich rate Ihnen aufzupassen. Wakefield versucht wirklich alles, um zu kriegen, was er will. Und das, was meiner … Bekannten passiert ist, hat er mit voller Absicht getan. Er hat sie nur ins Visier gekommen, um mir zu schaden.“

     Er vergrub die Hände in den Taschen. „Es klingt dramatisch, aber was als übertriebener Ehrgeiz eines Schuljungen angefangen hat, ist zu einer gefährlichen Besessenheit geworden. Wakefield versucht mir zu schaden, wo er nur kann.“

     „Das ist schlimm. Aber welche Rolle spiele ich dabei?“

     Sie schien es tatsächlich nicht zu verstehen. Aber immerhin hörte sie zu.

     „Wakefields Ruf als Frauenheld kommt nicht von ungefähr“, erklärte er finster. „Frauen sind seine Schwäche. Die einzige Schwäche, die noch stärker ist als seine Geldgier.“

     Marina nickte. Wakefields Playboyqualitäten waren allseits bekannt.

     „In den letzten Jahren hat er sich immer besonders für die Frauen interessiert, mit denen ich ausgegangen bin. Mit einigen war er nach mir zusammen. Es ist zu oft passiert, um Zufall zu sein.“

     Marinas Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

     „Das alles zeigt mir, dass er immer noch mit mir wetteifert. Es ist so offensichtlich, dass man fast darüber lachen könnte.“

     Nun faltete Marina ihre Hände – wie zum Gebet. In diesem Moment erinnerte ihr blasses Gesicht im Schein des Sonnenlichts an das einer Madonna. Ronan musste schlucken.

     Er wandte sich ab, weg von ihren dunklen Augen, die ihn fragend anblickten.

Marina starrte den großen breitschultrigen Mann an, der da vor ihr stand und dessen Körper sich wie vor Kälte zusammenzog. Oder vor Schmerz.

     Die Geschichte vom eifersüchtigen Rivalen klang so abwegig. Sie wusste wirklich nicht, ob sie ihm glauben sollte. Unter anderen Umständen hätte sie es sicher nicht getan. Aber sie hatte Ronan Carlisles Körpersprache, seine Stimme und den Schmerz in seinen Augen als Beweis.

     Niemand konnte so gut schauspielern.

     Seine Qual war so stark, so echt, dass sie sie fast greifen konnte. Und der Hass, den er fühlte, als er von Wakefields Vergangenheit sprach, war spürbar gewesen. Sie fragte sich, ob Wakefield bewusst war, welchen Zorn er ausgelöst hatte, als er Ronans Bekannte angegriffen hatte.

     Seine Bekannte? Nun, vermutlich war sie seine Geliebte. Für eine gewöhnliche Freundin war die Wut in seinem Blick viel zu verzehrend gewesen.

     „Er zerstört Menschen“, bemerkte Ronan schließlich. „Aber eigentlich bin ich sein Ziel, und deshalb bin ich auch derjenige, der ihn stoppen muss.“

     Er machte eine Pause und sah Marina mit einem Blick an, der ihr das Blut in die Wangen schießen ließ. „Wakefield wird sofort hellhörig, wenn er glaubt, dass Sie mir gehören.“ Hitze breitete sich in ihrem Körper aus, und sie musste sich zwingen, sich zu konzentrieren.

     „Der Kampfgeist wird ihm keine Ruhe lassen. Er wird versuchen, Sie für sich zu gewinnen. Und während er um Sie kämpft, wird er sich nicht um seine Geschäfte kümmern. Ich kenne ihn.“

     „Aber er hat mich angesehen, als ob ich aus der Gosse käme!“ Marinas Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Sie räusperte sich. „Niemals wird er sich für mich interessieren.“

     „Sie unterschätzen sich selbst“, versicherte er lächelnd. „Und Sie unterschätzen sein Ego. Er denkt, dass er jede Frau haben kann, die er will. Je schwieriger sie zu erobern ist, desto interessanter wird sie für ihn.“

     „Sie haben nicht gesehen, wie er mich angeblickt hat. Ich habe ihn auf seiner eigenen Party lächerlich gemacht. Es hasst mich!“

     „Ich kenne Wakefield“, erwiderte er ruhig. Sein bestimmter Tonfall ließ keinen Widerspruch zu. „Wenn er glaubt, dass Sie mir gehören, wird er versuchen, Sie zu verführen. Ihr Auftritt gestern wird ihm in dem Moment egal sein, wo er seine Chance wittert, mich zu demütigen.“

     Marina schüttelte den Kopf. Wieso sah Ronan Carlisle das Offensichtliche nicht? Er war so von Rache besessen, dass er blind für das war, was direkt vor seiner Nase lag.

     „Sie brauchen jemanden mit Stil und Eleganz“, sagte sie schließlich und unterdrückte ihren verletzten Stolz. „Jemanden, der auch aussieht wie Ihre Geliebte.“ Nur die Verzweiflung erlaubte es ihr, ihm fest in die Augen zu sehen.

     „Und Sie tun das nicht?“

     Sie presste die Lippen aufeinander. Darauf würde sie nicht antworten.

     Fast ein wenig amüsiert blickte Ronan sie an. „Was, wenn ich Ihnen sage, dass Sie komplett falsch liegen? Dass ich auf Frauen stehe, die Leidenschaft und Feuer besitzen? Die für das kämpfen, woran sie glauben, ohne Angst vor den Konsequenzen?“

     Einen Moment lang glaubte sie, ihr Herz würde aussetzen. Sie wollte ihm so gerne glauben. Aber sie träumte nicht gern. Es würde nie klappen.

     „Ich sehe nicht aus wie Ihre Geliebte“, beharrte sie.

     „Meine Güte, das sind doch nur Kleider! Das lässt sich alles regeln.“ Ronan schüttelte unwillig den Kopf. „Sie brauchen natürlich etwas Umwerfendes. Etwas anderes als das von gestern Abend.“

     „Was bitte stimmt nicht mit meinem Kostüm?“

     „Nichts – außer, dass es ein paar Nummern zu groß ist und zu viel versteckt.“

     „Vielleicht will ich mich ja verstecken.“

     Langsam ging Ronan auf Marina zu. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzuschauen.

     „Viele Frauen würde für einen Körper wie Ihren töten. Sie schaffen das sicher. Nur ein paar Wochen lang. Ihrem Bruder zuliebe.“

     Marina schnappte nach Lust. Einen Körper wie ihren? Sie blinzelte. Wahrscheinlich hatte sie sich verhört.

     „Aber ich bin viel zu …“ Ihre Stimme brach, weil Ronan sie weiter durchdringend ansah. „… zu groß“, brachte sie schließlich hervor. Ein anderes Wort kam ihr nicht über die Lippen, obwohl ihr noch einige einfielen: plump, schwerfällig, tollpatschig.

     „Zu groß. Aha.“ Er setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel und lehnte sich zurück. Langsam breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Die Härte, die ihn die ganze Zeit umgeben hatte, schmolz. Er lachte, ein herzliches, bebendes Lachen, und das jämmerliche Gefühl in Marinas Bauch wich tiefer Verwirrung.

     „Ich bin auch nicht gerade klein geraten“, sagte er schließlich. „Ich würde lächerlich aussehen mit einer kleinen Frau an meiner Seite, meinen Sie nicht? Außerdem waren meine Freundinnen alle recht groß.“

     Marina schluckte bei dem Gedanken, in einem Atemzug mit seinen Freundinnen genannt zu werden.

     Wenn die letzte Nacht nur anders verlaufen wäre …

     „Aber Wakefield ist viel kleiner als Sie“, warf sie ein, als ob das überhaupt eine Rolle spielte. Als ob dieser attraktive Multimillionär sie andernfalls beachtet hätte!

     Ronan Augen funkelten belustigt. „Wissen Sie denn nicht, dass viele Männer von einer großen Frau träumen? Kaufen Sie sich die höchsten Absätze, die Sie finden können. Er wird Ihnen bald aus der Hand fressen.“

     Sie schüttelte den Kopf, um den lächerlichen Gedanken zu verscheuchen. Sie in einem sexy Outfit. Sie als männermordende Femme fatale, die den einen Finanzmagnaten gegen den anderen ausspielte.

     Wenn es nicht so erbärmlich gewesen wäre, sie hätte laut lachen müssen. Ronan war es jedenfalls nicht sehr schwer gefallen, ihr zu widerstehen, obwohl sie sich ihm regelrecht aufgedrängt hatte. Ihr Magen verkrampfte sich. Oh nein, mit ihren Verführungskünsten war es nicht weit her.

     Sie betrachtete das Foto, das ihr gegenüber an der Wand hing. Mit einem strahlenden Lächeln blickte ihre Mutter auf sie hinab. Sie trug ein Abendkleid, das ihre weiblichen Formen elegant zur Geltung brachte. So sah eine schöne Frau aus.

     „Also, mal theoretisch“, sagte sie schroff. „Selbst wenn ich Wakefield dazu bringen könnte, sich mehr für mich als für seine Geschäfte zu interessieren – davon bekomme ich meine Firma auch nicht zurück.“

     Ronan sah sie so lange schweigend an, dass sie unruhig wurde. Wie viel von ihrer inneren Unsicherheit durchschaute er?

     „Das stimmt nicht ganz. Ich habe mir alles genau überlegt. Ich weiß, wie knapp Wakefield bei Kasse ist. Es wird langsam eng für ihn. Wahrscheinlich hat er Ihre Firma deshalb mit so erbärmlichen Methoden ergaunert.“ Ronan lehnte sich wieder zurück und schlug die Beine übereinander: ein Mann, der wusste, was er wollte.

     „Ich bin kurz davor, einen geschäftlichen Deal einzufädeln, und ich werde dafür sorgen, dass unser Freund davon erfährt. Er wird denken, dass es die perfekte Gelegenheit ist, mir eins auszuwischen. Sobald er reagiert und versucht, mir diese Firma wegzuschnappen, wird er sich übernehmen. Und dann bin ich am Zug: Ich werde meine Schulden zurückfordern.“

     Er grinste mit einem so eiskalten Ausdruck, dass Marina beinahe Mitleid mit dem Opfer bekam. Ronan Carlisle wollte den Mann, der seine Geliebte verletzt hatte, am Boden sehen. Und er würde nicht aufgeben, bis es so weit war.

     „Der Zeitpunkt ist perfekt“, fuhr er fort. „Mit Ihrer Hilfe können wir Wakefield da packen, wo er am empfindlichsten ist: an seinem Ego und an seiner Brieftasche. Ich werde ihn dazu bringen, Marina Enterprises zurückzugeben. Sie und Ihr Bruder werden Wakefield und Ihre Schulden los, wenn Sie mir helfen.“

     Es klang so einfach. Zu einfach. Marina hatte gelernt, dass nichts im Leben so einfach war. Solche Millionengeschäfte waren viel schwieriger und riskanter, als Ronan es beschrieb.

     Und auch wenn Ronan ein kühl berechnender Geschäftsmann war und vermutlich alle Risiken abgewogen hatte, so lag er doch in einem Punkt gründlich falsch: Sie war nicht die Sorte Frau, nach der die Männer sich verzehrten. Noch nie hatte sie einen richtigen Freund gehabt. Wie sollte gerade sie einen Mann verführen?

     Nervös fuhr sie sich durchs Haar. Dieser Mann hatte in nur vierundzwanzig Stunden ihr komplettes Leben durcheinandergebracht. Wie hatte sie nur einen Moment lang glauben können, ihm ebenbürtig zu sein? Sie war ein Goldfisch, der aus Versehen im Haifischbecken gelandet war.

     „Es tut mir leid“, meinte sie schließlich. „Aber das wird nicht klappen.“

Stunden später hörte Marina noch immer Ronan Carlisles Stimme in ihrem Kopf. Noch immer spürte sie seine Gegenwart. Sie ging in ihrem Schlafzimmer auf und ab, zu aufgeregt, um zu schlafen, während die Gedanken sich überschlugen. Krampfhaft überlegte sie, wie sie wieder Ordnung in das Chaos ihres Lebens bringen sollte.

     Als sie zufällig einen Blick in den Spiegel warf, bemerkte sie mit Entsetzen die wilde Haarmähne, die unordentlich in alle Richtungen abstand. Sie musste sich endlich die Haare abschneiden lassen. Jetzt, wo ihr Vater nicht mehr lebte, würde es niemanden stören. Unwillig strich sich Marina die Locken aus dem Gesicht.

     Seit dem Unfall hatte sie sich verändert. Ihre Wangenknochen standen deutlicher hervor, und ihre Lippen wirkten voller. Sie runzelte die Stirn. Vielleicht wurde sie auch nur erwachsen und hatte sich noch nicht richtig im Spiegel betrachtet.

     Das hatte sie sowieso nie gern getan. Seit sie dreizehn war und die ersten Freundinnen weibliche Rundungen bekamen, hasste sie Spiegel. In diesem Alter hätte man für eine Figur wie ihre selbstbewusst sein müssen, und das war sie nicht. Nicht mit dreizehn. Vor allem nicht, nachdem ihre Mutter gestorben war.

     Marina hatte sich in die Küche geflüchtet und versucht, sich mit Essen zu trösten und sich anstelle ihrer Mutter um die Familie zu kümmern. Von da an war es einfach gewesen: für die Schule lernen, arbeiten, die Familie versorgen. Und die ganzen schlanken, hübschen Mädchen nicht beachten, die nichts anderes als Jungs, Mode oder die nächste Party im Kopf hatten.

     Seufzend blickte sie an sich hinunter, glättete den seidigen Stoff ihres Nachthemds und versuchte sich so zu sehen, wie Ronan sie gestern Nacht gesehen hatte.

     Vielleicht hatte er ja recht …? Marina betrachtete sich in der Fensterscheibe. Ihre Brüste und Hüften waren zwar noch immer üppig, aber trotzdem fest und wohlgeformt. Nein, sie war tatsächlich nicht mehr der plumpe Teenager von damals. Aber schön? Verführerisch?

     Das Telefon klingelte, und sie runzelte die Stirn. Wer rief so spät noch an?

     Erst eine Viertelstunde später legte sie den Hörer wieder auf. Ihr war schwindelig. Was würde sich das Leben noch alles einfallen lassen?

     Der drohende Verlust der Firma hatte Seb zur Vernunft gebracht. Er arbeitete Tag und Nacht, um zu retten, was zu retten war. In den letzten Wochen war er so viel erwachsener und reifer geworden. Offenbar hatte er seine Verantwortung der Familie und den Angestellten gegenüber erkannt. Aber die neusten Entwicklungen hatten ihn aus der Bahn geworfen.

     Jetzt saß Marina bewegungslos da und überlegte, was sie tun sollte. Ihr Blick fiel auf die Visitenkarte auf ihrem Nachttisch. Ronan Carlisle hatte ihr seine Privatnummer gegeben – nur für den Fall, dass sie ihre Meinung ändern sollte.

     Sie holte Luft. Einmal, zweimal.

     Hatte sie tatsächlich ihre Meinung geändert?

     Nun, eigentlich spielte das keine Rolle mehr. Nicht, nachdem Seb ihr erzählt hatte, dass sie nicht die Einzigen waren, die ihr Erbe verloren. Nicht, nachdem er gebeichtet hatte, dass Emma schwanger war.

     Sie wusste, was ihr Vater getan hätte: alles auf eine Karte setzen, um die Firma zu retten. Und plötzlich wurde Marina klar, dass sie nur diese eine Chance hatte.

     Ohne lange darüber nachzudenken, griff sie zum Hörer und wählte Ronans Nummer. Er nahm sofort ab. „Carlisle.“ Der Klang seiner Stimme genügte, um ein Feuerwerk der Sehnsucht in ihr zu entfachen.

     Sie wusste, dass sie es bereuen würde. Sie wusste es ganz genau.

     „Ich bin es“, flüsterte sie. „Marina Lucchesi. Ich habe es mir anders überlegt.“

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