Geliebter auf Zeit? - 3. Kapitel

3. KAPITEL

„Da hast uns ja alle schön hereingelegt.“

     Gwen fuhr zusammen, als Libby sie ansprach. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass jemand hinter ihr stand. „Hast du mir einen Schrecken eingejagt“, sagte Gwen und dachte, dass sie sich besser in den Griff bekommen musste.

     „Also, heraus mit der Sprache! Wie lange geht das schon mit euch beiden?“, fragte Libby augenzwinkernd.

     „Ach, noch nicht so lange“, antwortete Gwen. „Es hat uns eigentlich selbst überrascht.“ Etwas verkrampft stand sie da und hoffte, Libby würde nicht weiter in sie dringen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Declan den Raum wieder betrat, den er kurz verlassen hatte.

     Noch immer glaubte Gwen seine Lippen auf ihrem Puls zu fühlen und noch immer hatte sie Herzklopfen. Erst recht, wenn sie überlegte, worauf sie sich soeben eingelassen hatte. Declans ganzer Plan war ihrer Meinung nach zum Scheitern verurteilt – schon weil zwischen ihnen einiges noch nicht geklärt war.

     Libby lächelte. „Von einem Mann wie Declan würde ich mich auch gern überraschen lassen.“

     Gwen zwang sich zu einem Lachen. Sie war mit ihren Kräften am Ende. Dieser Tag war einfach zu viel gewesen.

     „Also im Ernst, ich hätte ja nicht geglaubt, dass du sein Typ bist“, fuhr Libby fort.

     Gwen sah sie erstaunt an. Was sollte das denn bedeuten?

     Libby biss sich auf die Zunge, als sie Gwens Reaktion bemerkte. „Entschuldige, Gwen. Das ist mir so herausgerutscht. Es war nicht böse gemeint.“

     „Ist schon gut“, meinte Gwen. Wahrscheinlich hat Libby recht, dachte sie, denn ich bin ziemlich genau das Gegenteil von Renata. Renata hatte voller Temperament und Abenteuerlust gesteckt. Nie wusste man, was ihr im nächsten Augenblick in den Sinn kam. Gwen hingegen war eher zurückhaltend und beherrscht. Nach jener verhängnisvollen Nacht nach Renatas Beerdigung hatte Declan Gwen unmissverständlich klargemacht, dass er künftig nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Und seither war er in Begleitung zahlloser Frauen gesehen worden. Gwen fragte sich, warum er sich aus dieser reichhaltigen Auswahl nicht jemanden gesucht hatte, um zu seinem Erbe zu kommen. Als einzige Erklärung dafür fiel ihr ein, dass Declan den Deal nur mit einer Frau machen wollte, in die er sich mit Sicherheit nicht verlieben würde. Eine sehr ernüchternde Einsicht.

     „Was ist mit dir, Gwen? Du siehst ziemlich fertig aus.“

     „Ach, es ist nichts. Es war bloß ein bisschen viel heute. Ich brauche nur ein wenig Schlaf. Deshalb werde ich mich jetzt auch lieber auf den Weg machen. Vielen Dank für die Party und für alles, Libby. Du hast das wunderbar gemacht.“

     „Dem kann ich mich nur anschließen.“ Declan stand hinter ihnen. „Ich denke auch, dass es besser ist, wenn wir jetzt nach Hause fahren.“

     Gwen sah ein, dass sie nichts dagegen einwenden konnte, und so verabschiedeten sie sich von den übrigen Partygästen. Sie spürte Declans warme, feste Hand auf ihrem Rücken, während er sie zur Tür geleitete und während sie den Korridor entlang zum Fahrstuhl gingen.

     Im Aufzug hielt Gwen den größtmöglichen Abstand zu Declan ein. Das war reiner Selbstschutz. Denn was wäre einfacher gewesen, als sich an Declan zu lehnen und sich der Stärke und der Wärme, die sein Körper ausstrahlte, zu überlassen, den Kopf an seine Schulter zu lehnen und diesen betörenden Duft einzuatmen, den ein dezentes, aber sehr männliches Aftershave aussandte?

     „Ich bin mit dem Wagen da“, bemerkte sie. „Du brauchst mich nicht nach Hause zu bringen.“

     „Den Wagen können wir morgen holen. Wenn uns jemand sieht, würde es einen merkwürdigen Eindruck machen, wenn wir getrennt von hier wegfahren. Gerade nach einem Abend wie diesem.“

     Der Fahrstuhl kam im Erdgeschoss zum Stehen. Gwen sah Declan erstaunt an. „Steht dein Wagen denn nicht in der Tiefgarage?“

     „Doch“, antwortete er, „aber ich schlage vor, dass wir noch einen kleinen Spaziergang am Strand machen. Das dauert nicht lange und wird uns beiden guttun. Du kannst es auch als eine Art Training betrachten, bevor wir unseren Auftritt bei meiner Familie haben.“

     Er hakte sie unter, und Gwen ließ sich führen. Sie passierten den Grünstreifen neben der Promenade, und als sie den Sandstrand erreichten, blieb Gwen stehen, um sich die Schuhe auszuziehen. Einen Augenblick später wünschte sie sich, sie hätte es nicht getan. Denn erst jetzt wurde ihr bewusst, wie groß Declan wirklich war. Er überragte sie um Haupteslänge, und sie kam sich geradezu winzig neben ihm vor, obwohl sie selbst nicht gerade klein war.

     Sie erreichten das Wasser. Während auf der Promenade noch lebhafter Betrieb herrschte, waren sie hier allein. Gwen ging ein paar Schritte ins Wasser, um ihre Füße zu kühlen. Die Luft an diesem Spätsommerabend war angenehm mild, und der Geruch des Meers mischte sich mit dem Duft vom gegrilltem Fleisch und Fisch, der aus den zahlreichen Restaurants an der Straße kam. Eine sanfte Brise umspielte zärtlich ihr langes blondes Haar.

     „Wer sagt dir eigentlich, dass wir mit diesem ganzen Unternehmen Erfolg haben?“, fragte sie plötzlich.

     „Niemand. Aber es muss einfach gutgehen. Es bleibt uns beiden gar nichts anderes übrig.“

     Die grimmige Entschlossenheit, mit der er das sagte, sprach nicht unbedingt dafür, dass er selbst hundertprozentig überzeugt war. Dass sie keine andere Wahl hatten, als es wenigstens zu versuchen, stand trotzdem außer Zweifel.

     Eine kleine, tückische Welle näherte sich. Declan bemerkte sie noch rechtzeitig, und bevor Gwen vollkommen durchnässt werden konnte, hatte er sie mühelos hochgehoben und in Sicherheit gebracht. Da war es wieder: das Gefühl, klein und zerbrechlich und schutzbedürftig zu sein.

     Einen Moment lang hielt er sie fest. Ihr Körper schmiegte sich fest an ihn. Ihre Brüste wurden an ihn gedrückt. Für diesen Moment überkam Gwen das Gefühl, als gehörte sie schon immer hierhin, als seien sie füreinander gemacht wie zwei Puzzleteile, die sich perfekt zusammenfügten. Kleine Flämmchen züngelten an ihrer Haut, wo seine Hände sie berührten. Ihr Herz schlug wie wild. Für diese Sekunden war die warnende Stimme ihres Verstandes verstummt, und sie verspürte nur den den Wunsch, Declan noch näher zu sein.

     Er setzte sie wieder ab. „Alles in Ordnung?“, fragte er, aber es klang eher unwillig als teilnahmsvoll.

     „Ja, mit mir ist alles okay“, antwortete Gwen ein wenig atemlos. Das Blut war ihr in die Wangen geschossen. Unwillkürlich standen ihr die Bilder aus jener Nacht wieder vor Augen, in der sie schon einmal geglaubt hatte, dass sie und Declan zusammengehörten, als hätte es Renata, die gerade erst begraben war, nie gegeben. Und wieder schämte sie sich für ihren Verrat.

     Auch auf dem Heimweg sprach keiner von ihnen ein Wort. Gwen kauerte im Beifahrersitz seines Jaguars und brütete über die Wendung, die ihr Schicksal heute genommen hatte. In stummer Verzweiflung verzog sie das Gesicht. Auf der eigenen Prewedding Party den Verlobten zu wechseln, das hatte nicht einmal ihre Mutter fertiggebracht. Gwen musste sich wohl oder übel daran gewöhnen, die Sache von der pragmatischen Seite her zu sehen. Die Heirat mit Declan brachte ihr ebenso Vorteile wie ihm. Im Grunde war es nichts weiter als ein Geschäft. Und wenn die Zweckgemeinschaft ihr Ziel erreicht hatte, ließen sie sich scheiden und konnten auseinandergehen, ohne dass es einem von ihnen leidtat. Wo war also das Problem?

Gwens vom Sandpapier raue Finger schmerzten. Mit verbissener Ausdauer war sie seit dem Morgen dabei, den Sims des Kamins in ihrem Wohnzimmer abzuschleifen. Aber sie ließ nicht locker. Irgendwann musste doch unter den vielen Farbschichten mal das Holz zum Vorschein kommen. Wenn sie die Erinnerung an den gestrigen Abend doch auch auf diese Art entfernen könnte! Aber leider war das nicht möglich.

     Tatsache war, dass ihr einigermaßen ausbalanciertes Leben vollkommen außer Kontrolle geraten war. Ihre Magenschmerzen meldeten sich von Neuem. Es war keine gute Idee gewesen, das Frühstück ausfallen zu lassen. Sosehr sie sich auch bemühte, sich durch die Arbeit abzulenken, ihre Gedanken drehten sich ständig um die Party bei Libby und die Schicksalswende, die das Abkommen mit Declan für sie bedeutete. Hundertmal war Gwen die Ereignisse im Kopf durchgegangen, dennoch blieb das Ergebnis immer dasselbe. Ihr fiel einfach nichts ein, womit sie dem Lauf der Dinge eine andere Richtung hätte geben können.

     Während der Fahrt nach Hause hatte Declan kein Wort gesagt. Nur Gwens Richtungsangaben waren zu hören gewesen. Als sie angekommen waren, hatte er sie zwar an die Tür gebracht, aber auch nicht die Andeutung eines Versuchs unternommen, ihr einen Abschiedskuss zu geben, womit sie eigentlich gerechnet hatte. Merkwürdigerweise hatte das ihrem Ego einen Stich versetzt.

     Seufzend legte Gwen das Sandpapier beiseite. Sie hatte es sich anders überlegt. So ging es nicht. Letztendlich konnte das Herumscheuern auf seiner Oberfläche dem schön geschwungenen hölzernen Sims mehr schaden als nützen. Den jahrzehntealten alten Lackschichten musste sie mit der chemischen Keule zu Leibe rücken. Hier musste Abbeize her.

     Gwen strich sich das Haar aus dem Gesicht. Im nächsten Moment fuhr sie erschrocken zusammen. Jemand stand direkt hinter ihr.

     „Ich habe geklopft, aber du hast es wohl nicht gehört.“

     Declan! Mit einem Satz sprang Gwen auf, bereute die hastige Bewegung aber sofort, denn ihr wurde schwarz vor Augen.

     „Was ist mit dir? Du siehst ein wenig blass aus heute“, bemerkte Declan, der sie aufmerksam musterte. „Hast du nicht genug Schlaf bekommen heute Nacht?“

     Gwen unterdrückte nun den Gedanken, das könne ein Scherz gemeint sein. Er jedenfalls wirkte taufrisch und sah wie aus dem Ei gepellt aus in seiner anthrazitgrauen Hose und dem kurzärmeligen schwarzen Baumwollhemd. Sein langes Haar hatte er im Nacken zusammengebunden, was seine breite Stirn und die ausgeprägten Wangenknochen unterstrich und ihn noch männlicher erscheinen ließ.

     „Du hast vermutlich geschlafen wie ein Murmeltier, oder?“, fragte Gwen zurück.

     „Stimmt.“ Ein Anflug von Selbstzufriedenheit schwang in dieser Antwort mit. „Wie ich sehe, bist du schon fleißig heute Morgen.“ Mit dem Zeigefinger wischte er ihr vorsichtig ein wenig Schmirgelstaub von der Wange. „Bei solchen Arbeiten solltest du besser eine Staubmaske tragen.“

     „Mein ganzes Arbeitsgerät ist im Kombi, und der steht bei Libby in der Tiefgarage, wie du weißt.“ An der Stelle, wo der er sie so sanft berührt hatte, brannte ihr Gesicht wie Feuer. Gwen wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab und fuhr sich dann übers Gesicht und durch die Haare. „Du wolltest mir ja helfen, ihn da abzuholen. Meinetwegen können wir gleich losfahren.“

     „Eins nach dem anderen. Zuerst müssen wir ein bisschen shoppen – Ringe kaufen.“

     „Ringe?“, wiederholte Gwen und trat einen Schritt zurück. „Wozu das denn?“

     „Für unsere Verlobung. Dazu gehören definitiv Ringe, oder etwa nicht?“

     „Ach, Unsinn. Ich brauche keinen Ring.“ Mit Steve hatte sie vereinbart, aus Kostengründen auf Ringe zu verzichten. Ganz so leicht, wie sie das hingenommen hatte, war es ihr nicht gefallen, denn Ringe waren das äußere Zeichen des Versprechens, das man sich gegeben hatte, und Gwen hatte sich insgeheim schon darauf gefreut.

     „Darauf kommt es hier nicht an. Wir müssen den Schein wahren. Das weißt du doch.“ Declan warf einen Blick auf ihr mit Farbklecksen übersätes Hemd und die ausgewaschene Jeans. „Willst du dich noch umziehen, oder kommst du so mit? Mir ist es gleich.“

     Für eine Sekunde war Gwen versucht, ihn beim Wort zu nehmen und so loszugehen, wie sie war. Aber sie wusste, dass sie ihn damit nicht beeindrucken konnte.

     Inzwischen betrachtete Declan interessiert den Kaminsims, den sie gerade bearbeitet hatte. „Nicht schlecht“, meinte er. „Aber ich glaube, in den Ecken und den Verzierungen wirst du ohne Abbeize nicht weiterkommen.“

     „Ich weiß“, sagte sie. Auch die Beize lag in ihrem Kombi. Wenn sie den Wagen nicht bei Libby gelassen hätte, hätte sie an diesem Morgen mit ihrer Arbeit ein ganzes Stück weiter kommen können.

     „Wir können auf dem Rückweg deinen Wagen holen“, erklärte Declan, der ihre Gedanken offenbar erraten hatte. „Wenn du willst, kann ich dir auch ein wenig zur Hand gehen. Jetzt sollten wir aber sehen, dass wir loskommen“, fügte er mit einem Blick auf seine Rolex hinzu. „Der Juwelier, mit dem ich verabredet bin, macht sein Geschäft heute extra für uns auf. Er hat normalerweise sonnabends geschlossen.“

     Gwen überlegte kurz. So abwegig war der Gedanke, dass er ihr helfen könnte, eigentlich nicht. Er hatte kräftige Hände und verstand etwas vom Fach. Steve war nicht ein einziges Mal auf die Idee gekommen, sie bei ihrer Renovierung zu unterstützen. Aber Declan – warum nicht? Die Renovierung ihres Hauses war eine echte Sisyphusarbeit. Außerdem war ja nichts dabei, wenn er beispielsweise mal ein Zimmer tapezierte und sie nebenan die Fußbodenleisten lackierte. Vielleicht würde sie sich dann an seine Anwesenheit gewöhnen und nicht mehr das große Zittern bekommen, wenn er in ihrer Nähe war.

     Gwens Magen knurrte laut.

     Declan grinste. „Vielleicht sollten wir beiden Hübschen vorher noch etwas frühstücken?“

     „Nein, das geht“, erwiderte sie. „Ich bin in fünf Minuten fertig.“

     Nachdem sie sich ein halbes Dutzend Mal umgezogen hatte, weil sie sich nicht entscheiden konnte, war aus den fünf Minuten eine Viertelstunde geworden. Schließlich kam sie wieder herunter. Sie hatte das Haar mit einer silbernen Spange hochgesteckt und sich für eine Kombination aus einer zart fliederfarbenen Bluse und einem auberginefarbenen Rock entschieden. Sie war leidlich mit ihrem Aussehen zufrieden – abgesehen davon, dass sich die Ringe unter ihren Augen auch mit dem Make-up nicht ganz kaschieren ließen.

     Gwen hängte sich die Tasche um die Schulter und meinte: „Bringen wir es hinter uns.“

     „Das hört sich an, als solltest du zum Zahnarzt.“

     „Das hast du gesagt, nicht ich.“

     Gwen wollte schon gehen, als er sich ihr in den Weg stellte. „Warum reagierst du immer gleich so aufgebracht, Gwen?“

     Sie schlängelte sich an ihm vorbei und ging zur Haustür.

     Declan folgte ihr. „Na schön, du willst nicht darüber reden. Aber ich sage es dir, du würdest es uns beiden leichter machen, wenn du ein bisschen lockerer wärest.“

     „Mach dir keine Sorgen. Mit mir ist alles in Ordnung“, entgegnete Gwen, um die Diskussion zu beenden.

     Declan zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du meinst.“

     Es war ein sonniger Spätsommertag. Am Straßenrand stand Declans Jaguar. Das Dach war heruntergeklappt, sodass sie im Cabrio das schöne Wetter genießen konnten.

     Der Wagen war sensationell. Gestern war Gwen viel zu angespannt gewesen, um das Außergewöhnliche dieses Fahrzeugs wirklich würdigen zu können: klassische Eleganz und eine vollendete Form, hinter der sich eine ungeheure Kraft verbarg. Erstaunlich, wie gut manche Autos zu ihren Besitzern passen, dachte Gwen.

Gwen riss die Augen auf, als sie wenig später am Ziel waren. Sie standen vor einem kleinen Geschäft mit einer burgunderroten Markise über dem Eingang und einem ebensolchen Läufer vor der Tür, über der in goldenen Lettern der Name stand.

     „Ich glaube, das ist nicht das Richtige“, bemerkte Gwen.

     „Warum nicht?“

     „Der Laden ist …“, sie wusste nicht recht, wie sie es ausdrücken sollte. „Das sieht man doch von draußen, dass hier alles absolut unbezahlbar ist.“

     „Wolltest du die Ringe in einem Kaufhaus kaufen? Komm schon, Gwen“, ermunterte Declan sie, „wenn wir das durchziehen, dann muss es auch Stil haben, sonst nimmt es uns keiner ab. Außerdem wirst du dort nirgends ein Preisschild sehen.“

     „Genau das meinte ich“, antwortete sie resigniert und trat durch die Tür, die Declan ihr aufhielt.

     Drinnen bestätigte sich ihr Eindruck. Alles war von unaufdringlicher Eleganz. Aus unsichtbaren Lautsprechern ertönte leise Barockmusik. Die Ausstellungsstücke in den Vitrinen funkelten, effektvoll angestrahlt von einem raffinierten System verborgener Lichtquellen.

     „Ah, Declan!“, rief der Geschäftsinhaber überschwänglich aus. „Herzlichen Glückwunsch, mein Freund, und Ihnen natürlich auch, Mademoiselle.“ Der Mann war mittelgroß und erstaunlich hager, was durch seine leicht gebückte Haltung noch unterstrichen wurde. „Ich bin sehr erfreut, Ihnen diesen Dienst erweisen zu dürfen. Bei dir, mein Freund“, wandte er sich an Declan, „hatte ich in dieser Hinsicht die Hoffnung fast schon aufgegeben.“

     Sie tauschten einen kurzen, festen Händedruck. „Das ist Frank Dubois, ein alter Schulfreund von mir. Frank, das ist Gwen Jones, meine zukünftige Frau“, stellte Declan die beiden einander vor.

     „Enchanté, Miss Jones“, sagte der Juwelier mit einem verbindlichen Lächeln.

     „Nennen Sie mich doch bitte einfach Gwen“, bat sie.

     „Und tun Sie mir den großen Gefallen und sagen François zu mir. Lassen Sie sich nicht von Declan beirren. Dieser Ignorant hat noch nicht ein einziges Wort Französisch richtig aussprechen können.“

     Gwen amüsierte sich und konnte es kaum glauben, jemanden getroffen zu haben, der Declan Knight ungestraft einen Ignoranten nennen durfte.

     „Ich bin ganz sicher, dass wir das Richtige finden werden. Ich denke da an ein Set aus Platin, das zu Ihrem wunderbaren Blond passt, Gwen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

     François führte sie in den hinteren Teil des Ladens, wo er aus einem mit Schlössern gesicherten Schrank eine Schublade zog, auf der eine Auslage von Ringen ausgebreitet war. Gwen wurde fast schwindelig von dem Blitzen und Funkeln der Edelstein. François zog einen Ring mit einem ovalen Saphir heraus, der von kleineren Brillanten umkränzt war.

     „Nein“, widersprach Declan. „Ich hatte an einen Brillantring gedacht – ohne einen anderen Stein.“

     Der Juwelier nickte, legte den Saphirring wieder zurück und zog ein anderes Schubfach auf.

     „Das ist es!“, rief Declan aus, als François das schwarze Samttuch hob, das zum Schutz auf den Ringen lag. Declan nahm einen Ring heraus, dessen Blickfang ein großer Brillant bildete, der auf beiden Seiten von drei kleineren Brillanten eingefasst war, und steckte ihn Gwen an. „Passt perfekt“, stellte er erfreut fest.

     „Ich habe dazu passende Eheringe“, erklärte François.

     Gwen ließ alles mit sich geschehen, ohne ein Wort zu sagen. Sie war von dieser Pracht einfach nur geblendet und überwältigt. Aber so prachtvoll, wie das neue Schmuckstück auch war, sie fühlte sich damit nicht wohl. Schließlich zog sie den Ring, der tatsächlich saß, als sei er eigens für sie angefertigt, wieder ab.

     „Nein“, sagte sie, „das ist nichts für mich.“

     „Sollen wir einen größeren nehmen?“, fragte Declan, der zunächst ganz erstaunt schien, dass Gwen seine Begeisterung nicht teilte.

     „Nein, um Himmels willen! Der Ring ist traumhaft schön, das sind sie alle hier. Aber ich nicht das Gefühl, dass keiner von diesen wirklich zu mir passt.“

     „Na schön.“ Declan nahm ihr den Ring ab und gab ihn François zurück. „Tut mir sehr leid, mein Lieber. Aber es sieht aus, als hätten wir dich vergebens bemüht.“

     „Das ist doch überhaupt kein Problem, mon ami. Mach dir keine Sorgen. Nächste Woche erhalte ich eine neue Kollektion aus Übersee, alles Diamanten. Und wenn da nichts für euch dabei ist, können wir immer noch etwas nach Gwens Vorstellungen anfertigen.“

     Sie waren schon im Gehen, als Gwen plötzlich vor einem der Schaukästen stehen blieb und wie hypnotisiert auf einen Ring starrte. Es war ein ganz schlichtes Stück, dessen Stein Smaragdschliff hatte, aber gerade wegen seiner Schlichtheit sprach es Gwen sofort an.

     Declan trat neben sie und blickte ihr über die Schulter. „Hast du etwas gefunden, das dir gefällt?“ Er winkte François heran. „Könnten wir uns den mal näher ansehen?“

     „Ah, ein seltenes Stück. Dieser Ring stammt aus einem Nachlass, den ich in Europa aufgekauft habe“, erklärte François, während er den Alarm deaktivierte und die Abdeckung öffnete. Er nahm den Ring mit dem Sockel heraus. „Wenn Sie antiken Schmuck bevorzugen“, sagte er zu Gwen, „kann ich Ihnen noch mehr zeigen.“

     Declan beobachtete Gwen aufmerksam, während sie den Ring anprobierte. „Ich glaube, wir haben das Richtige gefunden“, meinte er halblaut. Währenddessen war Gwen in den Anblick ganz versunken. Es war wie ein Zauber, auch wenn sie sich immer wieder sagte, dass es ja nur ein Ring war.

     „Gwen?“, sprach Declan sie an.

     Sie blickte auf. „Ja, den möchte ich. Er ist wirklich wundervoll.“

     „Gut. Dann gehört er dir.“

     „Nimmst du auch einen Ring, Declan?“, fragte François.

     Gwen hielt den Atem an. Allmählich begriff sie, dass es nicht mehr nur ein Gedankenspiel war und dass sie Declan tatsächlich heiraten würde.

     „Natürlich“, antwortete Declan.

     Sie folgten François zurück zum Tresen, wo er ein weiteres Schubfach vor sie hinstellte. „Gwen, vielleicht suchen Sie einen schönen Ring für Ihren Zukünftigen aus.“

     Gwen sah sich die große Auswahl an. Sie wollte das nicht tun. Es kam ihr vor, als machte sie sich damit in diesem verlogenen Spiel zum Mittäter. Aber schließlich entschied sie sich für einen breiten, leicht gewölbten Reif, der mit einer geschwungenen Linie von kleinen Brillanten besetzt war.

     „Wie wäre es mit dem?“ Sie hielt ihn Declan hin.

     Aber anstatt ihn ihr aus der Hand zu nehmen, streckte er ihr wortlos den linken Ringfinger entgegen.

     Nur dass nicht, dachte sie und zögerte.

     „Steck ihn mir an, Gwen“, forderte er sie nun freundlich auf.

     Es war ohnehin längst zu spät für einen Rückzug. Mit leicht zitternden Fingern steckte sie Declan an. Auch dieser Ring passte perfekt.

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