Geliebter auf Zeit? - 6. Kapitel

6. KAPITEL

Eine leichte Wolke von Lavendel- und Sandelholzduft kam Gwen entgegen, als sie die Daunendecke des breiten Bettes glatt zog, das jetzt das große, bislang ungenutzte Schlafzimmer des Hauses beherrschte, in dem Declan sich am Sonntag provisorisch eingerichtet hatte. Sie fragte sich, mit welchem Trick er es hinbekam, dass sein Bettzeug so gut roch. Das imposante rustikale Bett war heute etwas zeitiger als erwartet angeliefert worden. Gwen schüttelte noch einmal das Kissen auf und strich es glatt. Jetzt sah es perfekt aus.

     Nachdenklich trat sie ans andere Ende und ließ ihre flache Hand über das glatte Holz des mächtigen Fußteils streichen. Einschließlich der feinen Baumwollbezüge und der verführerisch weichen Daunendecke sah das Ganze edel aus, wie aus einem Katalog für Stilmöbel. Ob es wirklich neu war? Prompt drängte sich die nächste Frage auf: Mit wem mochte Declan, wenn es nicht neu war, wohl schon darin gelegen haben?

     Sie schob den Gedanken schnell beiseite. Was hatte sie mit diesem Bett zu tun? Sie würde sich hüten, einen einmal begangenen Fehler zu wiederholen. Sie hörte unten den Schlüssel in der Haustür, dann Schritte. Er ist nach Hause gekommen, dachte Gwen unwillkürlich und zuckte im nächsten Moment zusammen. Was hieß denn „nach Hause“ – seit wann war das hier sein Zuhause?

     Wenig später trat Declan ein. „Du hättest dir die Mühe nicht machen sollen, das Bett aufzubauen. Das hätte ich schon getan.“

     „Ich weiß. Aber als du angerufen und gesagt hast, dass du heute länger zu tun hast, habe ich gedacht, es könne nicht schaden, dir ein bisschen zu helfen. Im Backofen steht übrigens noch etwas zu essen für dich.“

     „Danke. Das ist nett von dir.“ Er warf seinen Aktenkoffer aufs Bett und ließ die Schlösser aufschnappen. „Ich habe auch etwas für dich.“ Er öffnete den Deckel und holte eine DVD aus der Innentasche des Deckels. „Hier. Für den Fall, dass du dich vor der Hochzeit schon mit deinem neuen Job anfreunden möchtest.“

     Gwen machte für einen Augenblick ein etwas ratloses Gesicht, während sie sich bedankte und die DVD entgegennahm.

     „Ich hatte heute Gelegenheit zu einem kleinen Rundgang im Sellers-Hotel und habe ein paar Aufnahmen gemacht. Ich dachte, dann könntest du ein paar erste Eindrücke sammeln, wie es da drinnen aussieht, damit du weißt, worauf du dich einlässt.“

     Gwen war begeistert. Nichts liebte sie so sehr bei einem Job wie die ersten Erkundungen. Es machte ihr Spaß, sich alles genau anzusehen und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Geduldig zuzusehen, wie die Dinge allmählich ihren Platz fanden und ihre natürliche Ordnung zurückerhielten, auszuloten, welche Ergänzungen vorzunehmen waren, sich Kniffe auszudenken, mit denen man eine historisch gewachsene Einrichtung den neuen Bedürfnissen anpassen konnte, all das war höchst befriedigend. Solche Herausforderungen zu meistern erfüllte sie mit großer Befriedigung.

     Declan griff nun ein weiteres Mal in den Aktenkoffer und brachte einen Stapel Fotos zum Vorschein, die er daneben auf die Bettdecke legte. Es waren Papierabzüge, teils in Farbe, teils schwarz-weiß in verschiedenen Formaten. Einige davon schienen schon sehr alt zu sein.

     „Das sind Aufnahmen aus der Zeit, kurz bevor der Hotelbetrieb eingestellt wurde, und auch einige alte Bilder aus den Jahren gleich nach der Eröffnung des Hotels.“

     Gwen setzte sich auf die Bettkante und begann sofort, den Stapel durchzugehen. Rasch blätterte sie die Fotos durch, bis sie zu den historischen Bildern kam, bei denen sie länger verweilte. „Das ist fantastisch“, rief sie begeistert aus. „Weißt du zufällig, ob noch Möbel und Einrichtungsgegenstände aus den Anfangsjahren erhalten sind?“

     „Ich schätze, ein paar in der Eingangshalle und einige im Restaurant. Außerdem gibt es noch einen ziemlich ausgedehnten Keller, der zum Teil als Lager und Abstellraum benutzt worden ist, wo bestimmt auch noch etliches steht.“

     „Meinst du, wir könnten uns das in nächster Zeit einmal ansehen?“

     „Ich habe eine Inventarliste angefordert. Das muss uns fürs Erste genügen. Noch haben wir den Auftrag nicht. Wenn es so weit ist, kannst du dich da nach Herzenslust umtun.“

     Gwen versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen. Aber es stimmte natürlich. Erst einmal musste Declan den Zuschlag bekommen. Vorher hatte es wenig Zweck, sich schon in Einzelheiten zu vertiefen. Und wenn das nicht klappte? Wenn ihre Heirat und all das andere, was sie jetzt auf sich nahmen, vergebens waren?

     „Mach dir keine Sorgen, Gwen“, beruhigte er sie. „Kein anderer hat unsere geballte Kompetenz zu bieten. Wir bekommen den Auftrag – hundertprozentig.“

     Wieder einmal fand Gwen unheimlich, dass er offenbar ihre Gedanken lesen konnte. „Du hast ja recht“, antwortete sie. „Trotzdem mache ich mir Sorgen.“ Gwen klang ein wenig zögernd. Sie wusste, warum es ihr schwerfiel, optimistisch in de Zukunft zu sehen. Zu oft schon war sie enttäuscht worden.

     Declan setzte sich neben ihr aufs Bett und versuchte, ihr Mut zu machen. „Pass auf, es wird alles gut. Verlass dich darauf.“

     Seine Worte munterten sie zwar auf, aber sie hätte lieber in diesem Augenblick ihren Kopf an seine Schulter gelegt und so bei ihm Schutz und Trost gesucht. Es wäre so einfach. Nur eine Handbreit Raum lag zwischen ihnen, und sie hätte seine Stärke spüren und den Duft seiner Haut einatmen können. Ihr Herz schlug wild. Gwen holte tief Luft und befahl sich, ihrer Schwäche nicht nachzugeben.

     Im nächsten Augenblick war es selbst dazu zu spät. Declan erhob sich. Mit einem undefinierbaren Laut, von dem man nicht wusste, ob es ein Seufzer der Erleichterung und eine Unmutsäußerung sein sollte, zog er sich das Jackett aus, löste seine Krawatte und öffnete die oberen Knöpfe seines Hemdkragens.

     „Hattest du einen schweren Tag?“, erkundigte sich Gwen teilnahmsvoll. Das klingt schon ganz nach einer braven Ehefrau, dachte sie im nächsten Augenblick und hoffte, dass Declan das entgangen war.

     „Das kann man ja wohl sagen“, entgegnete er. „Heute war Vorstandssitzung, und ich musste über den Stand der polizeilichen Ermittlungen in Sachen Steve Crenshaw Bericht erstatten. Es war absolut nicht lustig.“ Er holte sich eine Jeans und ein T-Shirt aus der Kommode, die seit heute unter dem Fenster stand. Die Nachmittagssonne tauchte ihn in ihr goldenes Licht. „Tja, und die nächsten Tagesordnungspunkte waren unsere Heirat und das Sellers-Projekt.“

     „Wie hat dein Vater es aufgenommen?“

     Declan lachte freudlos. „So gut, wie man es von ihm erwarten konnte. Er liebt es nun einmal nicht, wenn man seine Pläne durchkreuzt. Und er hat mit Cavaliere Developments etwas anderes vor als ich. Er hat übrigens angekündigt, dass er zu unserer Hochzeit kommen wird.“ Declan zog sich die Schuhe aus und kickte sie in die Zimmerecke, wo sie mit Gepolter landeten. „Wenn du nichts dagegen hast, heißt das natürlich.“

     „Wie sollte ich etwas dagegen haben können?“ Declan hatte ja schon angekündigt, dass seine Familie dabei sein würde. Dennoch verursachte ihr der Gedanke an Tony Knight ein flaues Gefühl im Magen. Declans Vater war vom Scheitel bis zur Sohle Patriarch – in seinem Konzern nicht weniger als in seiner Familie. Dieser mit allen Wassern gewaschene Geschäftsmann ließ sich so leicht nichts vormachen.

     „Ich meine nur, er wird natürlich ein paar Fragen stellen“, fuhr Declan fort. „Zum Beispiel wo und wann wir uns kennengelernt haben, seit wann wir zusammen sind und lauter solche Sachen.“

     Gwen nagte an ihrer Unterlippe. Declan hatte recht. Auf solche Gespräche sollten sie am Sonnabend gut vorbereitet sein. Vielleicht ist das gar nicht so kompliziert. „Im Grunde können wir erzählen, wie es wirklich war. Dass wir uns schon vor über acht Jahren kennengelernt haben, dass aber der Kontakt zwischendurch abgerissen ist und wir uns vor Kurzem wieder getroffen haben, da sich unsere Wege durch die Arbeit gekreuzt haben.“

     Als sie das ausgesprochen hatte, wurde ihr bewusst, welch heikles Thema sie da angeschnitten hatte, und besorgt beobachtete sie Declans Reaktion auf ihre unüberlegte Bemerkung. An seinem angespannten Gesichtsausdruck konnte sie ablesen, dass auch ihn die Erinnerungen an Renata beschäftigten. „Ich lass dich dann allein, damit du dich umziehen kannst“, meinte sie.

     Er hielt sie am Arm fest, bevor sie sich umdrehen konnte. „Gwen, es ist alles okay. Bleib ruhig. Ich werde dafür sorgen, dass du das Haus behältst.“

     An den Sorgenfalten sah sie, dass er nicht nur ihr, sondern auch sich selbst Mut zusprach. Nur zu gerne hätte sie ihm mit den Fingern über die Stirn gestrichen, um die Falten ein wenig zu glätten. „Ich weiß, und ich danke dir dafür“, sagte sie stattdessen. „Mach dir meinetwegen keine Gedanken. Ich steh das schon durch.“ Damit machte sie sich los und ging hinaus.

     Declan rührte sich nicht von der Stelle. Er dachte immer noch an den verhängnisvollen Tag vor acht Jahren – Erinnerungen, die Gwen mit ihren Worten geweckt hatte. Als sei es gestern gewesen, sah er die beiden zu ihrer Klettertour aufbrechen, die er hätte verhindern müssen.

     Entschlossen straffte er die Schultern und schickte die Bilder dorthin zurück, woher sie gekommen waren: in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses. Es hatte keinen Sinn, sich mit den ewig gleichen Grübeleien und Vorwürfen zu martern. Er zog sein Hemd aus, knüllte es zusammen und warf es wütend in die Ecke. Es gab so schon Kummer genug. Sein Vater war alles andere als begeistert gewesen, als er erfuhr, dass er, Declan, vorhatte, demnächst zu heiraten. Also musste er Gwen klarmachen, dass sie beide ihre Rolle als unsterblich verliebtes Paar bis zur Perfektion spielen mussten, damit bei Tony Knight auch nicht den Hauch eines Verdachts aufkommen konnte. Sonst konnten sie beide ihre ehrgeizigen Pläne vergessen.

Gwen hatte die alten Fotografien beiseite gelegt, um sich wieder ihrem eigenen Haus zu widmen. Sie war im Wohnzimmer damit beschäftig, mit Pinsel und Beize die letzten Farbreste vom Kaminsims zu entfernen, als Declan das Zimmer betrat.

     „Wenn du dein Essen im Backofen retten willst, musst du dich beeilen“, bemerkte sie. „Aber ich kann es dir eben holen.“ Damit stand sie auf und zog die Handschuhe aus, die sie ihren Händen zuliebe übergezogen hatte.

     „Du brauchst mich nicht zu bedienen. Ich kann es mir schon selbst holen. Ich muss vorher sowieso noch mit dir reden.“

     Der Ton, in dem er das sagte, verhieß nichts Gutes. Gwen warf die Handschuhe neben den Topf mit dem Beizmittel auf den Boden. „Was gibt’s?“, fragte sie und setzte sich seufzend auf eine Armlehne des zugedeckten Sofas.

     „Es geht um meinen Vater. Heute in der Vorstandssitzung und später im Gespräch mit ihm ist mir deutlich geworden, dass er alles andere als begeistert von meinen beziehungsweise unseren Plänen ist. Das gilt für das Sellers-Projekt ebenso wie für unsere Hochzeit. Mit anderen Worten: Wenn wir ihm nicht vermitteln, dass wir vor lauter Liebe gar nicht anders können, als auf der Stelle zu heiraten, dürfte es sehr schwierig werden, an mein Erbe zu kommen.“

     „Moment mal. Ich denke, in dem Testament deiner Mutter steht, dass du mindestens sechs Monate verheiratet sein musst. Da steht doch nichts davon drin, wie heiß und innig du deine Frau lieben musst.“

     „Ich habe mit Connor darüber gesprochen, und er hat mich ebenfalls gewarnt. Wenn mein Vater auch nur den leisesten Verdacht hat, dass an dieser Ehe etwas faul ist, bekommen wir ernsthaft Probleme. Andererseits ist das Einzige, wogegen mein Vater überhaupt nichts unternehmen kann, die große Liebe. Bei wahrhaft großen Gefühlen müsste er kapitulieren.“

     Gwens Magen begann zu rebellieren. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich kann. Und ob ich das will.“

     „Gwen, es ist nur für diesen einen Tag. Gleich nach dem Hochzeitsempfang muss mein Vater zu einem Geschäftstreffen in die USA. Glücklicherweise ist er jetzt schon mit den Vorbereitungen dazu beschäftigt, sonst hätte er uns bestimmt schon zum Dinner eingeladen. Es ist wirklich wichtig.“

     „Ja, für dich und deine blöde Firma“, murrte Gwen.

     Declan sah sie scharf an. „Für dich vielleicht nicht?“

     Mehr brauchte er nicht zu sagen. Schmerzlich wurde ihr bewusst, wie viel auch für sie von diesem unseligen Deal abhing. „Doch, natürlich“, räumte sie ein. „Und wie stellst du dir das konkret vor?“

     „Etwa so.“ Mit einem einzigen Schritt war er bei ihr, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, drückte er seinen Mund auf ihren. Unwillkürlich teilte sie die Lippen und ging begierig auf das Spiel seiner Zunge ein, während eine Welle des Verlangens sie durchströmte. Gwen fühlte sich machtlos gegen ihren Hunger nach Zärtlichkeit, und sie sehnte sich danach, nur noch ihren Gefühlen folgen zu können. Unwillkürlich schmiegte sie sich Declan ihn und legte ihre Hand auf seine Brust. Es war so schön, wieder seine Muskeln zu spüren.

     Declan stöhnte leise. Dann wurde sein Kuss leidenschaftlicher und fordernder. Gwen fühlte sich ihm hilflos ausgeliefert, unfähig, ihn zu stoppen, was immer er vorhatte. Sie fuhr ihm mit den Händen vom Hals über den kräftigen Nacken und streichelte dann sein offenes Haar, das zu ihrem Erstaunen weich wie Seide war. Die Heftigkeit, mit der sie seinen Kuss erwiderte, stand seiner Leidenschaft in nichts nach. Jahrelang hatte sie das, was sie jetzt empfand, in sich verschlossen gehalten, und es schien Declan Knight vorbehalten zu sein, es wieder in ihr zu wecken.

     Sie wollte sich nicht erinnern, aber sie kam nicht umhin. Es war dieselbe alles verzehrende Glut, die sie vor acht Jahren in seinen Armen erlebt hatte. Eine Glut, die immer mehr forderte und im Nu zu einem lodernden Inferno werden konnte. Wünsche erwachten in ihr, von denen sie nicht wusste, ob es nicht besser gewesen wäre, sie in ihrem vergessenen Winkel weiterschlafen zu lassen.

     Declan fuhr mit seinen heißen Lippen an ihrem Kinn entlang, biss ihr zärtlich ins Ohrläppchen und umspielte es mit der Zunge.

     Gwen spürte, wie sein Atem sich beschleunigte. Es war ein kleiner, spitzer Schrei, der sie wieder zur Vernunft brachte, ein Schrei, den sie selbst ausgestoßen hatte. Mit einem Ruck machte sie sich von Declan los und trat einen Schritt zurück. Ihr Herz raste. Sie wollte etwas sagen, aber sie brachte keinen Laut heraus. Auch Declan wirkte aufgewühlt und sein Blick verriet überdeutlich, wie groß das Verlangen war, das ihn in diesem Augenblick beherrschte.

     „Wenn wir ihnen das präsentieren, haben wir schon gewonnen. Meinst du nicht?“, fragte er mit rauer Stimme.

     „Du hast keine Ahnung …“, flüsterte sie, schaffte es jedoch nicht, den Satz zu Ende zu bringen. Sie drehte sich um und rannte hinaus, bevor Declan bemerken konnten, dass ihr die Tränen in den Augen standen.

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