Geliebter auf Zeit? - 7. Kapitel

7. KAPITEL

Als Gwen am nächsten Abend heimkam, fiel ihr zum ersten Mal auf, wie still es im Haus war, wenn sie allein war. Sie hörte nichts als den Widerhall ihrer Schritte, während sie durch die Zimmer ging. Noch nie war ihr das Haus so groß und leer erschienen – viel zu groß für sie alleine.

     Declan war noch nicht von seiner Arbeit zurück. Schon am Morgen war er zu einer Baustelle gerufen worden, auf der es offenbar einen Zwischenfall gegeben hatte. Baumaterial war gestohlen oder beschädigt worden. Er hatte gleich vorhergesehen, dass es ein langer Arbeitstag werden würde. Declan hatte ihr das Frühstück ans Bett gebracht, verbunden mit einer halbherzigen Entschuldigung für den heißen Kuss am am Abend zuvor. Sie konnte ihm ansehen, dass er nicht besonders gut geschlafen hatte. Aber ihre Genugtuung darüber hielt sich in Grenzen, denn ihr selbst war es nicht besser ergangen. Sie hatte immerzu an diesen Kuss denken müssen, glaubte immer noch seine Lippen zu spüren und haderte mit sich Stunde um Stunde, weil ihr Körper etwas ganz anderes wollte als ihr Verstand, obwohl sie doch wusste, es würde ihr Untergang sein, wenn sie schwach wurde.

     Und jetzt war sie schon so weit, dass sie Declan vermisste, wenn er noch nicht zu Hause war, und sich in ihrem eigenen Haus ohne ihn verlassen fühlte, obwohl sie erst seit ein paar Tagen zusammenlebten. Sie musste beim Lunch zu tief ins Glas geschaut haben, anders konnte sie sich das nicht erklären. Sie hatte den Tag mit Libby verbracht. Die Gelegenheit zu einem ausgiebigem Einkaufsbummel mit ebenso ausgiebiger Lunchpause war günstig gewesen. So hatte das ganze Unternehmen ein wenig länger gedauert als geplant.

     Mit einem Seufzer der Erleichterung streifte sie die hochhackigen Pumps ab, die sie bei ihrer Shoppingtour getragen hatte. Libby hatte die nicht unwesentliche Änderung in Gwens Heiratsplänen mit erstaunlichem Gleichmut hingenommen. Das mochte mit ihrer Bewunderung dafür zusammenhängen, dass Declan Gwen einen so unglaublich schönen und teuren Ring geschenkt hatte, aber sicher auch damit, dass sie sich nie für Steve hatte erwärmen können.

     Im Nachhinein fand Gwen, dass es eine gute Idee gewesen war, den Tag mit Libby zu verbringen, denn so konnte sie sich in ihrer neuen Rolle als Declans Braut noch einmal erproben, bevor es am Sonnabend richtig ernst wurde. Außerdem war es höchste Zeit, die Vorbereitungen für die Feier zu treffen. Sie hatten mit der Floristin die Tischdekoration abgesprochen und waren in mehreren Geschäften für Brautmoden gewesen, um ein Hochzeitskleid auszusuchen.

     Aber es war auch ein strapaziöser Tag gewesen. Nicht zuletzt spürte Gwen das in ihren Gesichtsmuskeln. Sie hätte nie für möglich gehalten, was für eine körperliche Anstrengung es bedeutete, einen ganzen Tag lang permanent glücklich zu lächeln. Libby hatte sie zu einem langen, weich fallenden Hochzeitskleid überredet, dessen mit Perlen besticktes Oberteil im Empirestil Gwen begeistert hatte.

     Barfuß ging Gwen durch die Halle ins Badezimmer. Ein ausgiebiges entspannendes Bad war genau das, was sie jetzt brauchte. Sie drehte die Wasserhähne auf und schüttete eine Handvoll Badesalz in die Wanne. Ihr fiel ein, wie sie dasselbe vor Kurzem für Declan getan hatte, und es kam ihr absurd vor, dass sie jetzt nicht einmal mehr Badewasser einlassen konnte, ohne dass dieser Mann ihr im Kopf herumspukte.

     Dennoch fragte sie sich, wie wohl sein Tag verlaufen sein mochte. Vandalismus und Diebstahl gehörten zu den schwerwiegendsten Problemen auf den Baustellen, das wusste sie. Eine Lappalie konnte es auch dieses Mal nicht gewesen sein, sonst wäre Declan sicher schon wieder hier. Andererseits war es ihr auch recht, dass sie noch etwas Zeit für sich hatte.

     Gwen zog sich aus und beugte sich über die halb volle Wanne, um das Badesalz zu verteilen. Eine Wolke von Jasminduft kam ihr entgegen. Nur das grelle Deckenlicht störte. Deshalb entschloss sich Gwen, stattdessen ein paar Kerzen aufzustellen, die sie in verschiedener Form und Größe in einem Schränkchen vorrätig hatte.

     Kurz darauf tauchten sie den Raum in ein gedämpftes Licht. Der alte, etwas angelaufene Spiegel über dem Waschbecken spiegelte das Flackern der Kerzen. Gwen steckte sich das Haar hoch, ließ sich genüsslich Zentimeter für Zentimeter ins Wasser gleiten und drehte dann geschickt mit einem Fuß die Hähne zu, bevor sie sich erleichtert zurücklehnte.

     Endlich Ruhe!

Declan ließ den Jaguar ausrollen und stoppte vor Gwens Haus. Als er den Zündschlüssel abzog, merkte er, wie sehr ihn dieser Tag mitgenommen hatte. Er war müde und fühlte sich wie zerschlagen. Nichts, aber auch rein gar nichts war heute so gelaufen, wie es sollte. Schon die Diskussion auf der örtlichen Polizeiwache hatte viel Zeit und Kraft gekostet, bevor er den Diensthabenden dazu bewegen konnte, etwas zu unternehmen. Declan hatte seine eigenen Vermutungen, wer hinter der Zerstörung der importierten Hölzer auf der Baustelle steckte. Material, hinter dem er lange hergewesen war und das ihn ein kleines Vermögen gekostet hatte.

     Und jetzt? Er sehnte sich nach Ruhe und Erholung. Aber statt sich auf einen entspannenden Feierabend freuen zu können, stand ihm eine weitere Debatte mit Gwen bevor, damit am Sonnabend auf ihrer Hochzeit nichts schiefging. Declan verfluchte sich selbst wegen seiner Dummheit. Der Kuss gestern Abend war eine völlig idiotische, unüberlegte Aktion gewesen. Der Gedanke daran hatte ihm nicht nur die halbe Nacht lang den Schlaf geraubt, sondern hatte ihn auch noch am Tag hartnäckig verfolgt. Selbst bei all dem Stress heute war er ihm nicht aus dem Kopf gegangen, obwohl es für ihn wirklich Wichtigeres zu tun gab.

     Es ließ Declan auch jetzt einfach nicht los, wie stark sie auf seine sinnliche Attacke reagiert hatte. In dem Blick, den sie ihm zugeworfen hatte, bevor sie aus dem Wohnzimmer gelaufen war, hatte sich noch etwas anderes widergespiegelt als Anklage und Angst. Vielleicht ein Erschrecken vor sich selbst, denn Gwen hatte seinen Kuss mit dem gleichen Feuer erwidert, das ihn ergriffen hatte. Der bloße Gedanke an die Berührung ihrer Körper und Lippen genügte, um ihn sofort wieder zu erregen.

     Kein Sex, keine Intimitäten – so lautete ihre Vereinbarung. Declan hatte nicht im Traum daran gedacht, dass ausgerechnet dieser Teil der Abmachung für ihn zum Problem werden könnte. Aber sein Körper, der instinktiv auf Gwen ansprach, ohne dass sein Verstand dem Einhalt gebieten konnte, hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es gab eine physische Anziehung zwischen ihnen, die stärker war als sein Verstand. Und allem Anschein nach ging es nicht nur ihm so. Ob Gwen insgeheim wohl auch überlegte, die Enthaltsamkeitsklausel zu widerrufen? Vergiss es! sagte Declan sich und schob ärgerlich den Gedanken beiseite.

     Leise schloss er die Tür auf und betrat das Haus. War Gwen schon ins Bett gegangen? Dazu war es eigentlich noch zu früh – es war gerade mal acht. Dann entdeckte er ein schwaches, flackerndes Licht, das durch den Spalt unter der Badezimmertür auf den Flur fiel. Declan bemerkte den Geruch von Kerzenwachs und den Blütenduft, der sich von dort ausbreitete und ihn sehr lebhaft an Gwen erinnerte. Vor seinem geistigen Auge sah er sie nackt in der Wanne liegen, ihre feuchte Haut schimmerte im Kerzenschein. Augenblicklich weckte diese Vorstellung sein Verlangen in einem solchen Maße, dass er sich kaum zurückhalten konnte, die Tür zum Bad aufzureißen und Gwen aus der Wanne zu heben und sie in sein Zimmer in sein großes Bett zu tragen, um dort die Klauseln ihres Vertrags unwiderruflich umzuschreiben.

     Declan atmete ein paar Mal tief durch und mobilisierte all seine Widerstandskraft, um sich wieder unter Kontrolle zu haben. Er konnte sich diese Schwächen nicht länger durchgehen lassen. Zu viel stand auf dem Spiel. Er ging in sein Zimmer, stellte hinter der Tür seinen Aktenkoffer und seinen Laptop ab, drehte sich um und durchquerte, ohne sich weiter aufzuhalten, die Halle. Vor dem Haus holte er sein Handy hervor und suchte in der Hosentasche nach den Autoschlüsseln.

     Er ließ dann doch die Autoschlüssel, wo sie waren. Das Auto zu nehmen war keine gute Idee. Er tippte die Kurzwahl seines Bruders in das Mobiltelefon.

     „Mason, ich brauche einen Drink. Schnapp dir Connor und komm mit ihm in ‚Joe’s Bar‘. Wir sehen uns dort in einer halben Stunde.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, klappte er das Handy wieder zu.

     Dann machte er sich zu Fuß auf den Weg. Bei dem Schritt, den er vorlegte, würde er noch vor seinen Brüdern in Newmarket sein. Er musste jetzt Dampf ablassen, sonst konnte er für nichts mehr garantieren.

Ein Geräusch riss Gwen aus dem Schlaf. Sie fuhr so heftig hoch, dass das Wasser fast überschwappte. War nicht gerade die Haustür zugefallen? Sie lauschte, aber nichts war mehr zu hören. Am besten, sie verließ die Wanne und sah mal nach. Sie musste ihr Bad ohnehin beenden, weil das Wasser kalt geworden war.

     Rasch stieg sie aus der Wanne und trocknete sich ab. Dann wickelte sie sich in das weiche Frotteetuch und streckte vorsichtig den Kopf aus der Tür.

     „Declan, bist du da?“, rief sie in die Halle.

     Keine Antwort. Sie ging hinaus und sah die Tür zu seinem Zimmer einen Spaltbreit offen stehen. Gleich hinter der Tür waren sein Aktenkoffer und sein Laptop abgestellt. Gwen lief in ihr Arbeitszimmer und sah aus dem Fenster. Der Jaguar parkte vor dem Haus. Trotzdem war von seinem Besitzer weder etwas zu sehen noch zu hören. Es war merkwürdig.

     Gwen fiel ein, dass es nicht ratsam war, ihm nur mit dem Handtuch bekleidet zu begegnen, und eilte in ihr Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Rasch streifte sie sich ihr Nachthemd über und schlüpfte in ihren Morgenmantel. Ihre Füße steckte sie in die überdimensionalen Bärenpranken-Pantoffeln, die ihr Libby einmal aus Spaß zum Geburtstag geschenkt hatte. In diesen Pantoffeln kam sie sich zwar ein wenig albern vor, aber sie waren kuschelig warm. Zudem war es vielleicht sogar von Vorteil, ein bisschen kindisch auszusehen, wenn man damit rechnen musste, dass Declan Knight irgendwo in der Nähe herumschlich, der mitunter unberechenbar war, wie sich am Vorabend gezeigt hatte.

     Aber auch eine Weile später zeigte sich von Declan keine Spur. Ein Anfall von Müdigkeit überkam Gwen, und sie musste laut und herzhaft gähnen. Sie überlegte kurz, dann entschloss sie sich, das Abendessen ausfallen zu lassen und sich stattdessen den Luxus zu gönnen, einmal richtig früh schlafen zu gehen.

     Der erhoffte Schlaf währte nur wenige Stunden. Stimmen, Gelächter, gedämpftes Gepolter kamen aus der Halle und ließen sie in ihrem Bett hochschrecken. Die Haustür klappte zu.

     „Vielen Dank, meine lieben Freunde! Ab hier schaff ich das bestimmt auch allein.“

     Declan! Aber in was für einem Zustand! Gwen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dann hörte sie zwei andere Männerstimmen, die sie erst nicht zuordnen konnte. Offenbar waren seine Begleiter darum bemüht, Declan in sein Zimmer zu verfrachten, waren dabei aber selbst auch nicht mehr ganz Herr der Lage.

     Gwen zog schnell den Morgenrock über und ging hinaus. Vor ihr stand Connor, der verzweifelt versuchte, Declan und einen anderen Mann gleichzeitig einigermaßen auf den Beinen zu halten, obwohl er selbst auch nicht mehr ganz sicher stand.

     „Was wird das denn, wenn es fertig ist?“, fragte Gwen.

     „Ich habe mein Bestes versucht, die beiden im Zaum zu halten“, erwiderte Connor und hob beschwörend die Hände.

     „Das ist offensichtlich nicht ganz geglückt“, meinte Gwen trocken nach einem Blick auf Declan und den Dritten im Bunde, der seiner Ähnlichkeit mit Connor und Declan nach nur Mason sein konnte.

     Mason lehnte an der Wand, wo Connor ihn abgestellt hatte, um beide Hände für Declan frei zu haben, rutschte dort aber ganz langsam abwärts, bis er auf dem Fußboden kauerte.

     „Hallo, Gwen“, sagte er mit leichten Artikulationsschwierigkeiten. „Freut mich, dich kennenzulernen. Hübsch siehst du aus.“

     „Ja, freut mich auch ganz außerordentlich“, gab Gwen irritiert zurück. Jetzt hab ich drei Knights auf dem Hals, dachte sie mit einem Anflug von Panik. Dabei war einer schon mehr als genug.

     „Mach dir um Mason keine Sorgen“, meinte Connor, der anscheinend wirklich der Nüchternste von allen war. „Der tut nichts. Ich schaff ihn gleich nach Hause, wenn ich mit dem hier fertig bin.“ Damit schlang er sich einen Arm von Declan um die Schultern und hob ihn an.

     „Ich helfe dir“, sagte Gwen und ging auf Declans andere Seite, um ihn zu stützen. Sie legte ihren Arm um Declans Hüften, und vorsichtig bewegte sich das Trio in Richtung von Declans Zimmer. „Was, um alles in der Welt, habt ihr getrieben? Wolltet ihr Auckland trockenlegen?“

     „So in etwa“, murmelte Connor.

     Gemeinsam bugsierten sie Declan schließlich durch die Tür zu seinem Zimmer und zu seinem Bett. Gwen schlug schnell die Decke zurück, bevor Connor seinen Bruder auf der Bettkante absetzte. Geschickt zog er ihm Schuhe, Hose, Jackett und Hemd aus, drückte ihn auf die Matratze und rollte ihn auf den Bauch. „So, das dürfte reichen. Guck mal, er schläft schon. Ist das nicht niedlich?“

     Niedlich war nicht unbedingt das erste Wort, das Gwen im Zusammenhang mit Declan eingefallen wäre. Sie bewunderte die Routine, mit der Connor zu Werke gegangen war. „Sieht so aus, als ob du das nicht zum ersten Mal machst“, bemerkte sie.

     „Wir alle haben ein bisschen Übung darin. Als Mutter starb, ging es unserem alten Herrn eine Zeit lang nicht so gut.“

     Sie kehrten in die Halle zurück. Mason hatte sich nicht vom Fleck gerührt. An die Wand gelehnt, saß er da und summte friedlich ein Liedchen vor sich hin. Connor stieß ihn mit dem Fuß an. „Los, Mason, steh auf! Es ist Zeit, dass du nach Hause kommst.“ Er reichte seinem Bruder eine Hand und zog ihn auf die Beine. „Gib Declan morgen früh einen Bullshot. Dann kommt er am besten wieder in Gang“, riet Connor.

     Gwen sah ihn etwas ratlos an. „Was ist denn ein Bullshot?“ Sie fand, das Wort klang brutal.

     „Fast dasselbe wie eine Bloody Mary – aber mit einem rohen Eigelb und einem Teelöffel Fleischextrakt. Wirkt hervorragend.“

     Gwen verzog leicht angewidert das Gesicht. Aber auf Connors Erfahrung schien Verlass zu sein. „Ich werde es ausprobieren, danke.“ Sie blickte den beiden nach, während sie zum Taxi wankten, das die ganze Zeit vor dem Haus gewartet hatte. Mason winkte Gwen noch einmal zu, dann waren sie verschwunden.

     Gwen schloss die Haustür hinter sich ab. In der Halle blieb sie stehen und überlegte. Sie konnte nicht einfach wieder zu Bett gehen. Declan lag dort hinten mit dem Gesicht auf dem Kissen. Bekam er überhaupt Luft? Sie wusste, dass sie die ganze Nacht keine Ruhe bekommen würde, wenn sie jetzt nicht noch einmal nach ihm sah. Seufzend machte sie sich auf den Weg in sein Zimmer.

     Ein Lichtstreifen fiel von der Halle schräg auf sein Bett. Offenbar bestand kein Anlass zur Sorge. Declan hatte sich auf die Seite gewälzt und bis zu den Hüften von der Bettdecke befreit. Selbst in diesem Augenblick konnte Gwen nicht umhin, seinen muskulösen Oberkörper zu bewundern. Vorsichtig trat sie näher und beugte sich über ihn. Er atmete ruhig und regelmäßig. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun.

     Gerade wollte sie sich wieder aufrichten, als Declan, ohne die Augen zu öffnen und anscheinend auch ohne aufzuwachen, den Arm hob, ihn um ihre Hüften schlang und sie an sich zog. Mit dem Rücken an ihn gedrückt, fand sich Gwen bei ihm im Bett wieder. Sie versuchte sich zu befreien, aber Declans Griff war eisern wie ein Schraubstock. Und je mehr sie sich bewegte, desto heikler wurde ihre Lage, denn wie sie deutlich spürte, zeigte der enge Körperkontakt bei Declan durchaus Wirkung.

     Declan zog sie noch fester an sich, ließ seine andere Hand unter ihren Morgenrock gleiten und umfasste eine ihrer Brüste. Ein heißer Schauer lief ihr über den Rücken. Vergeblich versuchte sie den Kopf zu drehen. Schlief er wirklich noch? Seine ruhigen, tiefen Atemzüge sprachen dafür. Tapfer versuchte sie zu ignorieren, dass seine auf ihrer Brust liegende Hand auch bei ihr Wirkung zeigte. Aber allmählich geriet sie in Panik, weil sie möglicherweise die ganze Nacht bei ihm verbringen musste, wenn sie nichts dagegen unternahm.

     „Declan“, sagte sie leise.

     Keine Reaktion.

     „Declan“, sagte sie, aber diesmal lauter.

     Dieses Mal reagierte er, jedoch nicht so, wie Gwen es erhofft hatte. Mit dem Daumen begann er die Spitze ihrer Brust zu streicheln. Immer wieder fuhr er über die empfindliche Knospe, und Gwen spürte, wie die kleinen Flämmchen der Lust an ihr emporzüngelten und ihre Brustspitzen sich aufrichteten. Sie unterdrückte einen Schrei. Nach und nach wurde ihr ganzer Körper von der Erregung erfasst, die Declans Liebkosungen bei ihr auslösten, während er weiterhin schlief.

     Es war so lange her, dass sie so etwas gefühlt hatte, und sie hatte sich schon damit abgefunden, dass es nie mehr wieder dazu kommen würde. Sie wollte die Wärme, die sie durchströmte, abwehren, aber das war ein vergebliches Unterfangen. Das Blut rauschte ihr in den Ohren, und sie war voller Verlangen, Verlangen nach ihm, nach Declan.

     Im Nu waren die vergangenen acht Jahre ausgelöscht. Gwen sah sich wieder vor der Tür seiner Stadtwohnung stehen, fast von Sinnen vor Sorge, wie es ihm gehen mochte, in Sorge, er könnte sich etwas antun, nachdem sie an diesem Tag Renata zu Grab getragen hatten. Schuldgefühle hatten Gwen getrieben. Sie hatte sich eingebildet, Renata würde auf sie hören, wenn es zu gefährlich wurde, und sie zur Umkehr riet. Aber sie hätte ihre Freundin besser kennen müssen. Dann hatte sie auch noch auf dem schmalen Sims in der Felswand versagt und war nicht stark genug gewesen, Renata zu halten und ihren Absturz zu verhindern.

     Declans Gesicht war von Gram und Trauer gezeichnet, als er ihr damals die Tür öffnete. Gwen sah ihn und hatte nur den einzigen Wunsch, ihn zu trösten. Ohne zu überlegen fielen sie sich in die Arme. Sie wussten wohl beide, dass es nicht richtig war, was sie taten, dass es viel zu gefährlich war, dass sie mit dem Feuer spielten.

     Sie lagen sich in den Armen, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Ihre Lippen fanden sich. Das Feuer war entfacht. Sie küssten sich mit einer unbezähmbaren Gier, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte. Der Geschmack der salzigen Tränen auf seinen Wangen tat ein Übriges, sie alle Hemmungen vergessen zu lassen. In diesem Moment hätte sie alles getan, nur um seinen Schmerz zu lindern.

     Sie hatten es nicht einmal ins Schlafzimmer geschafft. Declan hatte sie gegen die Wand gedrückt, ihr den Rock hochgeschoben, den Slip ausgezogen, und war sofort in sie eingedrungen. Gwen hatte ihn gelassen, nein, mehr noch, sie hatte ihn ermutigt, sich an ihn gedrängt, ihm die Beine um die Hüften geschlungen, ihn flüsternd angefeuert. So hatten sie gemeinsam einen mitreißenden, unbeschreiblich intensiven Höhepunkt erreicht.

     Dieses Erlebnis hatte sie beide für diese eine Nacht nacheinander süchtig gemacht. Bis zum Morgengrauen hatten sie nicht mehr voneinander lassen können und sich bis zur Besinnungslosigkeit geliebt. Weder vorher noch nachher hatte Gwen etwas erlebt, was damit vergleichbar war.

     „Declan! Du musst mich jetzt loslassen – wirklich“, rief sie noch einmal, als sie sich ihrer hilflosen Lage wieder bewusst wurde.

     „Ich will dich nur ein bisschen festhalten“, murmelte er immer noch im Schlaf. „Es ist so einsam ohne dich.“ Er verstummte wieder.

     Dennoch musste irgendetwas ihn aufgestört haben, denn kaum merklich lockerte sich sein Griff, gerade genug, dass sie ihm endlich entschlüpfen konnte. Gwen rutschte vorsichtig zur Bettkante, stand auf und verließ leise das Zimmer. Als sie in ihrem Schlafzimmer angekommen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich keuchend an den Türrahmen. Sie brauchte einen festen Halt. Sie hatte das Gefühl, gerade den Boden unter den Füßen zu verlieren.

     Kein Grund zur Aufregung, sagte sie sich immer wieder, er ist betrunken, weiter nichts. Sie hatte von Declan Knight nichts zu befürchten. Sie war in Sicherheit. Aber war ihr Herz es auch?

Vorheriger Artikel Geliebter auf Zeit? - 8. Kapitel
Nächster Artikel Geliebter auf Zeit? - 6. Kapitel