Geliebter auf Zeit? - 8. Kapitel

8. KAPITEL

Declan hatte Herzklopfen. Er stand vor dem großen Fenster des Ballsaals im „Highwic House“, einem der prächtigsten Anwesen Aucklands, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts im neugotischen Stil gebaut. Eins musste man Gwen lassen: Dass sie sich für Highwic für ihre Hochzeitsfeier entschieden hatte, nachdem sie das von Steve gebuchte Hotelrestaurant dann doch verworfen hatten, war ein weiterer Beleg für ihr stilsicheres Gespür, was historische Häuser betraf. Die Umgebung mit dem großen Park, die ganze Atmosphäre der Villa, alles strahlte ein Flair von Schönheit, Beständigkeit und Solidität aus. Ein guter Griff, denn was sie vorhatten, konnte Unterstützung in jeder Form gebrauchen.

     Mason, der neben Declan stand, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, bis eine Zurechtweisung von Connor ihn innehalten ließ. Es war bemerkenswert, wie gerade der Jüngste von ihnen in letzter Zeit das Kommando übernommen hatte. So wie er neulich dafür gesorgt hatte, dass seine beiden Brüder nach ihrem Zechgelage heil nach Hause kamen.

     Declan verzog das Gesicht bei der schmerzlichen Erinnerung daran, in was für einem Zustand er sich befunden hatte. Klüger wäre es gewesen, bei Mason zu übernachten. Das hätte ihm die frostige Reaktion von Gwen am Morgen danach erspart. Sie hatte ihm den Bullshot vor die Nase geknallt, dass ihm fast der Kopf geplatzt und das Glas auf dem Tisch fast zersprungen wäre. Dann hatte sie sich in den hintersten Teil des Gartens zum Unkrautjäten verkrochen und sich nicht mehr blicken lassen. Als er von der Arbeit nach Hause kam, hatte sie schon geschlafen. Oder wenigstens so getan.

     Gestern Abend wollte er die Sache mit ihr bereinigen. Zu viel hing davon ab, dass heute alles reibungslos über die Bühne ging und nicht der geringste Misston aufkam. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass Gwen es mit dem alten Brauch hielt, nach dem der Bräutigam die Braut am Tag vor der Trauung nicht sehen darf. Sie hatte sich schon am Abend bei Libby einquartiert. Zur traditionellen Generalprobe der Trauung mit dem Geistlichen, der die Zeremonie leiten sollte, war er zu spät gekommen. Im Büro hatten Spezialisten der Kriminalpolizei sämtliche Computer mit Beschlag belegt, um Steve Crenshaws betrügerischen Transaktionen auf die Spur zu kommen. Immerhin war die Aktion, die die Arbeit eines ganzen Tags lahmgelegt hatte, erfolgreich gewesen, denn man war Crenshaw auf der Spur. Das Dinner nach der Generalprobe war auch nicht die richtige Gelegenheit, Gwen zu fragen, womit er es verdiente, dass sie ihm die ganze Zeit aus dem Weg ging.

     Declans Magen zog sich zusammen. In einer Viertelstunde würde Gwen Jones seine Frau sein. Er konnte es noch immer nicht fassen. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, nach Renatas Tod zu heiraten, hätte ihn der Lauf der Dinge nicht jetzt dazu gebracht. Es ist ja nur für ein halbes Jahr, versuchte er sich zu beruhigen.

     „Noch ist Zeit, die Flucht zu ergreifen“, flüsterte Mason grinsend und handelte sich dafür eine Kopfnuss von Connor ein. „Hey, was soll denn das? Das war nur eine einfache Feststellung.“

     „Behalt sie für dich“, knurrte Connor. „Und Ruhe jetzt: Auftritt der Braut.“

     Declans Herz schlug noch lauter, als er sich umdrehte. Libby und eine andere junge Frau, die er noch nie gesehen hatte, waren mit Gwen erschienen. Sie zupften noch einmal das Brautkleid zurecht, bevor sie Aufstellung nahmen und Gwen langsam auf ihn zuschritt, während klassische Musik erklang.

     Wieder musste er daran denken, dass Renata und er es nie bis vor den Traualtar geschafft hatten. Ein ums andere Mal hatten sie den Termin verschoben. Es hatte ihnen im Grunde genügt, das Leben und ihre Liebe in vollen Zügen zu genießen.

     Declan betrachtete Gwen, während sie näher kam. Sie wirkte ernst und gefasst. Nur das kaum merkliche Zittern des weißen und purpurroten Brautbouquets verriet ihre Aufregung. Sie sah überwältigend schön aus. Und doch hatte er sie jahrelang gemieden wie der Teufel das Weihwasser, weil sie eine lebende Erinnerung an das größte Unglück seines Lebens war und indirekt, auch wenn das kein ernsthafter Vorwurf sein konnte, ein Anlass zu diesem Unglück.

     Trotzdem fühlte Declan, während ihm all diese Gedanken durch den Kopf wirbelten, dass er diese Frau begehrte. Gegen alle Vernunft und mit jeder Faser seines Körpers. Declan wurde von einem leichten Zittern ergriffen, sodass Mason ihn flüsternd fragte, ob alles in Ordnung sei. Declan nickte kurz, obwohl rein gar nichts in Ordnung war. Aber er musste sich jetzt zusammenreißen und es durchstehen.

     „Liebe Familienmitglieder, Freunde und Gäste. Wir sind hier versammelt, um …“

     Declan blendete die langatmige Einleitung des Geistlichen aus. Gwen stand neben ihm. Ihr langes, seidiges, blondes Haar war zu einem kunstvollen Frisur hochgesteckt und mit kleinen lila Blumen geschmückt.

     „Wer also“, erklärte der Geistliche mit erhobener Stimme, „etwas dagegen vorzutragen hat, dass dieses Paar in den Stand der Ehe tritt, der möge jetzt sprechen oder für immer schweigen.“

     Das soll mal einer versuchen, dachte Declan trotzig, obgleich er wusste, dass ihm genauso wie Gwen nichts anderes übrig blieb, als atemlos die Pause abzuwarten, die der Geistliche eingelegt hatte. Und die schien eine Ewigkeit zu dauern. Gwen senkte den Blick. Hoffte sie im Stillen, dass jemand aufstehen und Einspruch erheben würde? Hoffte sie vielleicht, Steve Crenshaw könnte hereingestürmt kommen und sich ihr, von Reue gepackt, zu Füßen werfen, um ihr seine ewige Liebe zu gestehen?

     „Nun frage ich euch beide“, drang die Stimme des Geistlichen wieder zu ihm durch, „kennt einer von euch ein Hindernis dafür, rechtgemäß in den heiligen Stand der Ehe zu treten?“

     Der Mann machte dabei ein so ernstes Gesicht, dass Declan innerlich zusammenzuckte.

     „Nein“, hauchte Gwen fast lautlos. „Nein“, antwortete Declan etwas lauter.

     Sofort breitete sich sein versöhnliches Lächeln auf den Zügen des Priesters aus. „Lasst uns dann diesen Bund schließen. Declan! Willst du diese Frau, Gwen, zu deinem Weibe nehmen, mit ihr leben als Mann und Frau, sie lieben und ehren, sie behüten und beschützen in guten und in schlechten Tagen, und allen anderen entsagen, bis dass der Tod euch scheidet? So antworte mit ‚Ja, ich will‘.“

     Declan spürte Gwens Blick von der Seite. Er glaubte, den Schimmer einer Träne in ihren Augen erkennen zu können. und allen anderen entsagen Ob sie in diesem Augenblick an diese Worte dachte? Gleich war sie an der Reihe, allen anderen zu entsagen – einschließlich Steve Crenshaw. Declan holte Luft. „Ja, ich will“, erwiderte er mit fester Stimme. Als der Geistliche Gwen die entscheidende Frage stellte, spürte Declan, dass sie erschauerte, bevor auch sie leise mit Ja antwortete.

     „Dann reicht euch bitte die Hände“, fuhr der Geistliche fort. Gwen gab ihren Brautstrauß an Libby weiter und wandte sich Declan zu. Sie war bleich im Gesicht. Ihre Hände waren eiskalt. Wieder spürte er, dass sie erschauerte. Mason legte die Ringe auf das aufgeschlagenen Buch, das der Geistliche in der Hand hielt. Declan drückte noch einmal ganz leicht ihre Hand, bevor er die Eidesformel, die der Geistliche ihm vorsprach, wiederholte und Gwen den Ring ansteckte.

     Als Gwen aufgefordert wurde, dasselbe zu tun, wurde sie mit einem Mal ganz ruhig. Ihre Finger hatten aufgehört zu zittern, als sie ihm den Ring ansteckte, und eine leichte Röte kehrte in ihre Wangen zurück. Das war’s, schoss es Declan sehr profan durch den Kopf. Für die nächsten sechs Monate sind wir Mann und Frau.

     „Hiermit erkläre ich euch für Mann und Frau“, sagte der Geistliche. „Meinen herzlichen Glückwunsch!“ Beifall brandete hinter ihnen auf. Dann beugte der Priester sich leicht vor und fügte leise hinzu: „Sie können Ihre Frau jetzt küssen.“

     Declan trat an Gwen heran und legte die Hand auf ihren Nacken. Er strich sanft mit dem Daumen über die zarte Haut ihres Halses. War es ihr Puls oder seiner, der so flatterte? Als er seine Lippen ihren näherte, las er etwas in ihren unergründlichen grauen Augen, das ihm wie eine Mischung aus Angst und Verlangen vorkam. Dann küsste er sie mit Leidenschaft und einer Spur von unterdrücktem Triumph. Er genoss die Süße ihrer Lippen und drang vorsichtig mit der Zunge in ihren Mund vor.

     Jetzt gehörte sie ihm.

Zwei Stunden später war Gwen einigermaßen beruhigt, weil der Hochzeitsempfang wie zuvor die Zeremonie glatt und reibungslos zu verlaufen schien. Der Empfang fand in einem Festzelt statt, das gleich nebenan im Highwic Park aufgebaut war. Niemand sprach sie wegen des plötzlichen Wechsels des Bräutigams an oder stellte ihr Fragen, wie es so schnell zu dieser Heirat hatte kommen können.

     Was Tony Knight, Declans gestrengen Vater, anging, entpuppte er sich an diesem Tag ganz und gar nicht als der patriarchalische Tyrann, als den Declan ihn angekündigt hatte. Offenbar entdeckte auch sein kritischer Blick nicht den geringsten Makel an dieser etwas überstürzten „Liebesheirat“. Er hatte Gwen mit Wärme und Herzlichkeit in die Arme geschlossen und in der Familie willkommen geheißen.

     Das Streicherquartett im Zelt stimmte einen Walzer an, und das Brautpaar sollte den Tanz eröffnen. Declan war trotz seiner Größe ein hervorragender Tänzer. Er sah unwiderstehlich aus in seinem Smoking, der seine stattliche Figur unterstrich. Sein langes dunkles Haar hatte er glatt zurückgekämmt.

     Je länger der Walzer dauerte, desto harmonischer tanzten die Brautleute mitander. Schon längst dachte Gwen nicht mehr an ihre Schritte, sie bewegte sich wie von selbst. Sie atmete den männlich-herben Duft seines Eau de Cologne ein, der sie immer mehr gefangen nahm, sodass allmählich die Umgebung und die ganze Anspannung dieses Tages in immer weitere Ferne rückten und sie selbstvergessen, als seien sie die Einzigen in dem riesigen Zelt, über die Tanzfläche schwebten.

     Aus dem Augenwinkel sah Gwen, wie Mason Libby auf die Tanzfläche führte. Dann folgte Connor, nachdem er Holly, seiner Frau, einen Kuss gegeben hatte, mit Mae, der zweiten Brautjungfer. Schließlich kamen immer mehr Paare hinzu. Es wurde voller auf der Tanzfläche, und Gwen stellte mit einem Seufzer fest, dass es so schnell kein Entrinnen geben würde.

     Declan hatte ihre leise Klage gehört. „Meinst du, das reicht?“, flüsterte er ihr ins Ohr.

     Gwen nickte eifrig. Declan nahm sie an die Hand, und durch das inzwischen dichte Getümmel der tanzenden Paare strebten sie dem Ausgang zu.

     „Hier geblieben!“ Auf halbem Wege hatte Mason sie entdeckt und hielt seinen Bruder fest. „Ihr wollt euch doch nicht verziehen, bevor wir unsere Pflicht getan haben?“

     Declan wollte protestieren, sah aber ein, dass das unklug gewesen wäre. Er und Gwen tauschten einen Blick, der ihm bestätigte, dass sie genauso dachte. So nahm sie Masons Hand, legte die andere auf seine Schulter, und im Walzerschritt waren die beiden in der Menge verschwunden.

     Masons Aufforderung zum Tanz folgte die von Connor. Während die beiden sie nacheinander über die Tanzfläche führten, dachte Gwen, wie unterschiedlich die drei Brüder bei aller äußerlichen Ähnlichkeit doch waren.

     Schließlich forderte Declan seine Braut mit Erfolg zurück, und sie konnten wirklich den Rückzug antreten. Declan warf vorher noch einen prüfenden Blick über die Schar der Gäste. „Dad sieht ganz zufrieden aus“, stellte er fest. „Und wie geht es dir?“

     Gwen zuckte die Achseln. „Was soll ich mich beklagen? Es hilft ja doch nichts“, meinte sie resigniert.

     Declan lachte leise. „Wo wir gerade über das Unvermeidliche sprechen: Dad hat eine Überraschung für uns für diesen Abend vorbereitet. Wenn er wüsste, dass ich dir das jetzt verrate, würde er mir das Fell über die Ohren ziehen. Aber ich denke, es ist besser, wenn du vorgewarnt bist.“

     Gwen sah ihn erschrocken an. Sie ahnte Schlimmes. „Was ist es?“

     „Sagt dir der Begriff Honeymoon-Suite etwas?“

     „Oh nein!“

     „Doch. Dad hat erfahren, dass wir nicht in die Flitterwochen fahren, nicht einmal übers Wochenende. Er fand das etwas merkwürdig, hat aber nichts weiter dazu gesagt. Aber dafür hat er kurzerhand diese Suite in einem der ersten Häuser Aucklands direkt am Hafen für uns gebucht. So ist er nun einmal.“

     Gwen schluckte hart. „Und du hast ihn nicht davon abbringen können?“

     „Wie sollte ich? Ich kann doch seine liebevoll gemeinte Geste nicht zurückweisen! Und schon gar nicht angesichts dessen, was für uns beide auf dem Spiel steht.“

     Auch wenn der Gedanke Gwen den Hals zuschnürte, längere Zeit mit Declan in einem Hotelzimmer zubringen zu müssen, war dagegen kaum etwas zu sagen. „Und was ist mit unseren Sachen?“, fragte sie zaghaft. Sie wollte so schnell wie möglich aus diesem Hochzeitskleid heraus und sich etwas anderes anziehen.

     „Keine Sorge. Ich habe mich darum gekümmert und Mae gebeten, ein paar Sachen zusammenzupacken und dorthin schaffen zu lassen, nachdem Libby und du nach dem Generalprobendinner verschwunden wart. Gehen wir jetzt?“

     „Moment noch“, sagte Gwen und ging zurück an den Tisch, auf dem ihr Brautstrauß lag.

     Declan war ihr gefolgt. „Was soll das?“

     „Ein alter Brauch.“

     „Muss das sein?“

     „Wie sagtest du neulich?“, erinnerte sie ihn. Den Schein wahren.

     Die ersten Gäste hatten bereits bemerkt, was nun folgen sollte, und gab die Nachricht weiter. Alle kamen herbei, um den Brautstrauß zu fangen, den Gwen gleich mit dem Rücken zur Menge über die Schulter werfen würde.

     Gwen drehte sich um und hörte hinter sich die vergnügten Kommentare und das Gelächter. Dann warf sie den Strauß in hohem Bogen nach hinten. Noch während er sich in der Luft befand, drehte sie sich um. Ein enttäuschtes „Oh“ kam von jenen, über die er hinwegflog. Als der Brautstrauß dann seinen Empfänger gefunden hatte, konnte sich Declan das Lachen nicht verkneifen. Mason stand da, etwas ratlos und verblüfft mit den Blumen in der Hand. Die roten Ohren ließen ahnen, dass er in diesem Moment am liebsten im Erdboden versunken wäre.

     Declan griff nach Gwens Hand, und wenige Augenblicke später hatten sie das Festzelt verlassen. Auch draußen waren sie von Gratulanten umringt, die ihnen aus dem Zelt gefolgt waren. Es regnete Rosenblätter, Glückwünsche wurden dem Paar zugerufen. In der Auffahrt wartete eine weiße Stretchlimousine auf sie, und nachdem sie allen noch einmal zugewinkt hatten, stiegen sie in den luxuriösen Wagen, der sich gleich darauf in Bewegung setzte.

     Gwen und Declan sanken in die weichen Polster. Für eine Weile sprach keiner von beiden ein Wort. Sie genossen beide die ersten Momente der Stille nach all dem Trubel, dem Lampenfieber und der Ungewissheit, ob alles reibungslos über die Bühne gehen würde. Declan betrachtete Gwen, die still und in sich versunken dasaß, und je länger er sie ansah, desto mehr bemächtigte sich seiner ein Gefühl, das er nicht erwartet hatte. Ihn überkam eine Art Besitzerstolz, als er daran dachte, dass er jetzt mit ihr verheiratet war.

     „Möchtest du ein Glas Champagner?“, fragte er.

     „Ja, gern. Das ist eine gute Idee.“

     Declan öffnete die Flasche, die zusammen mit den Gläsern in einem kleinen, zwischen den Sitzen eingelassenen Kühlschrank stand. Vielleicht war es gerade das Richtige, um zu entspannen.

     Ihre Finger berührten sich, als er ihr das Glas reichte, und die kleine Berührung durchzuckte ihn wie ein elektrischer Schlag. Ihm fiel auf, dass er Gefallen an solchen Spielchen gefunden hatte. Es war schon mehr als nur Gefallen. Gwen war dabei, mehr Raum in seinen Gedanken einzunehmen, als sie eigentlich sollte. Das war nicht beabsichtigt und machte den Deal zwischen ihnen komplizierter, als er ohnehin schon war.

     „Mach dir keine Sorgen“, meinte Declan, als er ihr angespanntes Gesicht bemerkte. „Es ist eine Suite. Dort ist genug Platz für uns beide.“ Gwen antwortete nicht darauf.

     Die Fahrt dauert nur eine Viertelstunde. Der Abend war schon fortgeschritten, und es war wenig Verkehr auf den Straßen. Die Zeit reichte kaum, um den Champagner auszutrinken. Als sie am Hotel ankamen und die riesige Limousine vor dem Eingang hielt, kam ein Portier herbeigeeilt, öffnete Gwen den Wagenschlag und half ihr heraus. Er begrüßte sie als Mr. und Mrs. Knight.

     Declan strahlte und schlang den Arm um Gwens schlanke Taille, merkte aber auch, wie Gwen zusammenfuhr, als sie seine Berührung spürte. Nach dem Einchecken an der Rezeption wurden sie in ihre Suite geleitet, die im siebten Stock lag und einen atemberaubenden Blick über den Hafen bot. Der Hotelmanager, der sie höchstpersönlich heraufgeführt hatte, öffnete eine Flasche Champagner, die in einem eisgefüllten Kühler bereitstand, schenkte zwei Gläser ein und zog sich diskret zurück.

     Declan nahm sein Glas und überlegte einen Augenblick. Dann sagte er: „Bei all dem Champagner sollte man doch wohl in Feierlaune kommen.“

     „Begießt du alle deine Geschäftsabschlüsse mit Champagner?“, fragte Gwen ironisch.

     „Nein, aber dieser ist etwas ganz Besonderes, findest du nicht?“ Er trat an die Fenster, die bis zum Boden reichten. „Der Hafen ist wunderschön. Es ist doch eigenartig, dass man in dieser Stadt wohnt und sich so selten die Gelegenheit nimmt, das zu genießen.“

     „Die meisten Leute haben einfach keine Zeit dafür.“

     „Aber wir haben sie jetzt.“ Er blickte sich in der Zimmerflucht um. „Wir haben ja sonst nichts vor, oder?“

     Gwens Wangen färbten sich eine Nuance dunkler. Declan sah es sofort, und er fragte sich, ob sie in dieser Sekunde an dasselbe dachte wie er. Er schob die Hände in die Hosentaschen, als wollte er sichergehen, dass sie nichts gegen seinen Willen unternahmen. Denn wenn er sie jetzt nach Gwen ausstreckte, würde das bei ihr mit Sicherheit nicht gut ankommen. Ihm stand ein hartes Stück Arbeit bevor, sich für die Dauer ihres Aufenthalts hier unter Kontrolle zu halten.

     „Ich muss endlich aus diesem Kleid heraus“, erklärte Gwen mit Nachdruck. Damit drehte sie sich um und rauschte ins Schlafzimmer. Declan lachte kurz auf, als er hörte, wie sie den Schlüssel in der Tür umdrehte, besann sich aber gleich wieder, denn in Wirklichkeit war es schließlich nicht zum Lachen. Trotzdem liebte er es, wenn Gwen so heftig reagierte. Er liebte …

     Declan wurden die Knie weich. Er sah sich nach einem Sessel um und ließ sich darin nieder. Seine Hand zitterte so sehr, dass er ein wenig vom Champagner auf seiner Manschette verschüttete. Wie abwesend betrachtete er den Fleck, der sich gebildet hatte. Er hatte das Gefühl, als sei jemand dabei, die Mauer, die sich seit Renatas Tod um sein Herz gebildet hatten, Stein für Stein wieder abzutragen. Vorsichtig stellte er das Glas auf dem Tischchen neben sich ab.

     Das Unmögliche war geschehen.

     Er hatte sich in seine eigene Frau verliebt.

Vorheriger Artikel Geliebter auf Zeit? - 9. Kapitel
Nächster Artikel Geliebter auf Zeit? - 7. Kapitel