Heiße Küsse für den Boss - 12. Kapitel

12. Kapitel

Am Fuß der Treppe zum Pflegeheim blieb Amanda kurz stehen und versuchte die letzten fünf Minuten ihres Gesprächs zu verdrängen. Ihr Großvater war jetzt wichtiger. Jared würde ihm helfen. Deutlich selbstbewusster als noch am Morgen betrat sie das Gebäude. Jared hatte sie nicht ausgelacht. Er hatte ihre Bedenken ernst genommen und sie darin bestärkt, dass sie ein Recht hatte, sich Sorgen zu machen, und dass sie sogar verpflichtet war, etwas zu unternehmen. Sie hatte es ja selbst gewusst. Doch es tat so gut, dass er ihr den Rücken stärkte.

    Sie wagte sich nicht vorzustellen, was ihrem Großvater widerfahren war. Früher hatte er sie genervt, sie in ihrer Freiheit eingeschränkt, über sie bestimmt – bis sie alt genug war, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Doch in ihrem tiefsten Innern hatte sie immer gewusst, dass er nur ihr Bestes wollte. Dass er sie liebte. Und sie liebte ihn auch. Gleichzeitig hatte sie ihn dafür gehasst und sich dagegen gewehrt, indem sie ihn kaum besuchte.

    Sie hatte nicht gewusst, wie sehr er Jared unterstützt hatte, und war fast ein bisschen eifersüchtig auf sein väterliches Interesse an ihm. Geschäftliches hatte er immer von ihr ferngehalten, weil sie sich „ihren hübschen kleinen Kopf nicht darüber zerbrechen sollte“. Und als er sich nicht mehr selbst darum kümmern konnte, war es zu spät. Sie wünschte, er hätte sie mehr einbezogen, ihr mehr beigebracht.

    Doch ihr Großvater hielt sich durch und durch an die alte Schule. Männer kümmerten sich ums Geld, Frauen um den Haushalt. Wahrscheinlich hatte er mit Jared mehr geredet als jemals mit ihr. Kein Wunder, dass Jared sich ihm verpflichtet fühlte. Sie wünschte, Colin hätte sie nur halb so viel gelehrt, wie er Jared gelehrt hatte. Sie hatte alles bekommen, wovon ein Mädchen nur träumen konnte, aber nichts, was sie auf das Leben vorbereitet hätte.

    Bis zu jener Nacht war sie vollkommen behütet aufgewachsen. Dann war er so zornig gewesen, dass er sie fortgeschickt hatte. Und sie war so zornig gewesen, dass sie nicht zurückgekommen war – erst als es zu spät war.

    Colin saß in seinem Lehnstuhl und döste, als sie hereinkam. Sie schloss die Tür hinter sich. Vorsichtig hob sie den kurzen Ärmel seines T-Shirts und griff nach ihrem Handy. Sie kam sich vor wie eine Spionin, als sie ein paar Fotos von den blauen Flecken machte. Dann besah sie sich den anderen Arm. Auch hier fand sie blaue Flecken. Zorn flammte in ihr auf, und sie blieb den Rest des Nachmittags bei ihm.

 

Die Dunkelheit auf dem Weg zum Motel behagte ihr nicht. Trotz der Straßenlaternen wirkte der Himmel unheilvoll. Sie fror, und das Geräusch, das die Absätze ihrer Schuhe machten, hallte in der leeren Straße wider. Als sie die Lichter des Motels sah, beschleunigte sie den Schritt. Atemlos las sie die Notiz an ihrer Tür.

    Bin nebenan …

    Weiter kam sie nicht, denn da öffnete sich die Tür nebenan bereits. Jared sah sie an, nahm ihre Hand und zog sie in sein Zimmer.

    „Wie ist es gelaufen?“ Er umschloss ihre Hände und rieb sie warm.

    „Ganz gut. Und bei dir?“

    „Bestens.“ Er lächelte, und ihr war, als würde die Sonne durch ein Wolkenloch brechen. „Ich habe ein Heim gefunden. Du hast Montag einen Besichtigungstermin, aber wenn du willst, kannst du schon mal einen Blick auf die Internetseite werfen.“

    Sie ging an den Tisch, wo sein aufgeklappter Laptop stand. Die Fotos auf dem Bildschirm sahen aus wie von einem Urlaubsparadies.

    Sie überflog die Ausstattung der exklusiven Einrichtung. „Haben die keine Warteliste?“

    „Ich habe mich um alles gekümmert. Wenn es dir gefällt, kann er dorthin.“

    Es ging alles so schnell. Und obwohl sie sich freute, hatte sie plötzlich ein schlechtes Gewissen, dass sie es nicht allein geschafft hatte. „Ich bin beeindruckt.“

    „Wir lassen ihn von einem Spezialisten untersuchen“, fuhr er fort. „Ich habe mich schon erkundigt.“

    Sie klickte sich durch die Informationen, fand jedoch keine Preise. Sie schüttelte den Kopf. „Das kostet doch bestimmt ein Vermögen.“

    „Mach dir keine Gedanken, Amanda.“ Jared stellte einen dampfenden Becher Kaffee vor sie hin. „Ihm verdanke ich es schließlich, dass ich überhaupt so viel Geld habe.“

    Sie setzte sich an den Tisch und studierte erneut die Internetseite, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und schlechtem Gewissen. Jared setzte sich auf den Stuhl neben sie. Durfte sie es wirklich zulassen, dass er diese große Verantwortung übernahm? Im Grunde wusste sie, dass sie keine Wahl hatte. Würde es ihr Verhältnis beeinträchtigen? Bestimmt. Die Frage war nur, wie.

    Schließlich wandte sie sich ihm zu. „Jared …“

    „Mach dir keine Sorgen.“ Er schüttelte den Kopf. „Das hat nichts mit uns zu tun. Es wird nichts verändern.“

    Sie verstand, was er sagen wollte. Dass sie nur eine Affäre hatten. Dass sie nichts hinein interpretieren sollte. Doch eine Frage konnte sie sich nicht verkneifen. „Woher wusstest du, dass ich hier bin?“

    Er richtete den Blick wieder auf den Computer.

    „Warum bist du mir nachgekommen?“

    „Nur so ein Gefühl“, lenkte er ab. „Ich habe gespürt, dass irgendetwas nicht stimmt.“

    „Nur so ein Gefühl?“

    „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“

    Hoffnung keimte in ihr auf. Sorgen? „Warum hast du dir Sorgen gemacht?“

    „Ich weiß nicht. Du hast bedrückt gewirkt.“

    „Wie hast du herausgefunden, wo ich bin?“

    „Ist das wichtig?“

    „Ja.“

    „Warum?“

    Weil es eine Menge über ihn sagte. Über seine Gefühle für sie. Ging es um mehr als Sex? Bedeutete sie ihm doch etwas? Ihr wurde klar, wie sehr sie sich das wünschte …

    Reiß dich zusammen, Amanda. Jared war ein Einzelgänger, ein harter Brocken. Sie musste geschickt vorgehen.

    „Ich muss morgen früh zurück nach Auckland.“

    Amanda sog scharf die Luft ein. Er hatte seinen Patzer bemerkt und machte einen Rückzieher. Aber sie würde nicht den Fehler machen, ihn zurückzuhalten. Noch nicht. Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken, doch sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben.

    „Natürlich.“ Sie nickte. Er wollte schnell wieder auf Abstand gehen. Aber er war ihrer Frage ausgewichen, hatte ihren Verdacht nicht ausgeräumt, dass zwischen ihnen mehr war, als beide zugeben wollten.

    Und vor ihnen lag die ganze Nacht – die erste gemeinsame Nacht. Diese Nacht konnte alles verändern.

    Er blickte unverwandt auf den Computer, um sie nicht ansehen zu müssen.

    Bei Jared fühlte sie sich immer kühn. Und dass er ihr hinterher gereist war, machte sie umso mutiger. Statt sich zu bedanken, setzte sie sich rittlings auf seinen Schoß und nahm ihm die Sicht auf den Bildschirm.

    Er blickte ihr nicht ins Gesicht, sondern schaute unverwandt geradeaus – auf ihre Brüste. Sie zog ihr Oberteil aus. Als er sich immer noch nicht rührte, verschränkte sie die Arme hinter dem Rücken und löste den BH. Dann umschloss sie ihre Brüste mit den Händen und presste sie aufreizend zusammen.

    Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle, und er vergrub sein Gesicht in ihren Brüsten.

„Ich habe Hunger.“

    Amanda blieb liegen und verfolgte genüsslich, wie Jared sich aus ihrer Umarmung löste und sich reckte.

    „Großen Hunger.“ Er lächelte.

    „Ich auch.“ Das Mittagessen im Café war viele Stunden her. „Pizza?“

    „Ja.“ Er zog seine Jeans an und bestellte telefonisch.

    Unaufhörlich trommelte der Regen auf das Blechdach des Motels. Jared lehnte am Türrahmen und blickte hinaus auf die Straße. Obwohl er nichts als seine schwarzen Jeans trug, schien er weder Regen noch Kälte zu bemerken.

    Amanda zog die Decke unter das Kinn und fragte sich, ob sie seines Anblicks je müde werden würde. Sie konnte es sich nicht vorstellen.

    Endlich sprach Jared. „Früher habe ich diese Stadt gehasst.“

    „Und jetzt?“

    „Leben möchte ich hier nicht. Aber ich hasse sie nicht mehr.“

    „Ich hasse sie.“

    Er drehte sich um und zog die Augenbrauen hoch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du irgendetwas hasst.“

    „Tu ich aber.“

    Er schloss die Tür und kam auf sie zu. „Was noch?“

    „Nicht zu wissen, was du denkst.“ Sie hielt den Atem an.

    Den Kopf geneigt, musterte er sie. „Das ist ganz einfach. Ich will Pizza, und dann dich.“

    „In dieser Reihenfolge?“

    Er lächelte verführerisch. „Ja.“

    Sie setzte sich auf, sodass die Decke ihre Brüste entblößte. „Bist du sicher?“

    Sein Lächeln wurde breiter. „Ganz sicher.“

    Sie stellte sich im Bett hin, spreizte die Beine, fuhr mit den Händen von den Brüsten nach unten und kreiste lasziv die Hüften. „Und jetzt?“

    Es klopfte, und sie ließ sich sofort fallen und verkroch sich unter der Decke. Sein Lachen war ansteckend.

    Nachdem er die Pizza bezahlt hatte, stellte Jared die Schachtel auf den Tisch und kam ans Bett, in dem sie sich noch immer versteckte. „Was denkst du?“

    Dass sie sein Lachen liebte. Dass sie nie so glücklich war. Dass sie dieses Motel nie wieder verlassen wollte. „Dass ich kalte labberige Pizza hasse.“

    „Ach ja?“

    Sie nickte, sah jedoch fasziniert zu, wie er den Reißverschluss seiner Jeans öffnete.

    „Tja, das ist jetzt wirklich Pech“, murmelte er.

Wie angekündigt, verließ Jared sie am nächsten Morgen. Sie stand mit ihm zusammen auf, duschte eilig und zog sich an, um ihn zu verabschieden und ihren Großvater zu besuchen.

    Doch als sie neben seinem Mietwagen stand, kamen ihr plötzlich Zweifel. „Glaubst du, wir tun das Richtige?“

    Er wirkte genervt. „Das haben wir doch alles schon besprochen.“

    Doch Amanda war unsicher. Wenn sie ihren Großvater aus seiner gewohnten Umgebung riss, musste sie die Gewissheit haben, dass seine Zukunft gesichert war. Sie musste Jared vertrauen. Das konnte sie. Sie konnte sich auf ihn verlassen. Er hatte immer zu seinem Wort gestanden.

    Und doch gab es Dinge, die er vor ihr verbarg. Sie fragte sich, ob er sie je so nah an sich heranlassen würde, wie sie es sich erträumte. Und sie hatte Angst, dass er sich wieder von ihr entfernte.

    Er kam ein paar Schritte zurück und küsste sie flüchtig auf den Mund. „Tu es einfach.“

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