Heiße Küsse für den Boss - 3. Kapitel

3. Kapitel

Wolf hin oder her, Amanda hätte Jareds Angebot annehmen sollen. Er fuhr nicht so einen tiefer gelegten schnittigen Sportwagen, der für seine langen Beine zu unbequem gewesen wäre, sondern eine komfortable schwarze Limousine. Er war ein großer kräftiger Mann und fuhr den entsprechenden Wagen. Doch sie hatte abgelehnt – und sich ins eigene Fleisch geschnitten, wie sich herausstellte. Erst hatte der Bus Verspätung und dann auch noch eine Panne am Straßenrand, sodass es fast Mitternacht war, als sie endlich in ihr Zimmer kam. Und wie befürchtet, schlief sie kaum und träumte schlecht.

    Sie drückte den Fahrstuhlknopf. Sie war früh dran. Noch vor Sonnenaufgang war sie aufgewacht und in dem Wissen, dass sie keinen Schlaf mehr finden würde, aufgestanden. Jetzt war sie immer noch eine Stunde zu früh. Doch sie war nicht die Erste im Büro. Valerie war auch schon da und studierte eingehend die Entwürfe.

    „Hey, Val.“ Amanda schätzte ihre ebenso nette wie talentierte Chefin und wollte alles dazu tun, dass die kleine Firma überlebte.

    Sie waren zu viert, und Amanda war als Letzte hinzugekommen, doch sie hatte das Konzept entworfen, das sie heute vorstellen würden, und Valerie hatte darauf bestanden, dass sie die Präsentation leitete.

    „Bist du sicher, dass ich es machen soll?“, fragte sie.

    „Natürlich. Es sind deine Ideen, und du hast so eine erfrischende Art. Ich wünschte, ich könnte sie in Flaschen abfüllen und verkaufen. Dann wäre ich über Nacht Millionärin.“ Valerie sah sie an. „Aufgeregt?“

    „Ein bisschen.“ Mehr als ein bisschen. Es hing zu viel davon ab, und alle wussten es.

    „Ich bin ja da. Du brauchst mir nur ein Zeichen geben, dann übernehme ich.“

    „Ich komme schon klar.“ Amanda stellte ihre Tasche ab. Sie war froh über die Gelegenheit sich zu beweisen, doch sie musste mehr als das tun. Sie musste gewinnen. Großvater war auf sie angewiesen. Das neue Medikament, auf das sie all ihre Hoffnungen setzte, kostete ein Vermögen.

    Um neun Uhr dreißig stiegen sie und Valerie in ein Taxi. Sean und Danielle winkten ihnen aufmunternd nach. Amanda betrachtete ihr Spiegelbild in der Autoscheibe. Doch ihr geflochtener Zopf saß noch immer so straff und perfekt wie vor zwei Minuten, als sie das Badezimmer verlassen hatte. Keine lose Strähne, kein Lippenstift auf den Zähnen, keine Knitterfalten im Rock. Äußerlich war sie bereit.

    Fresh war eine mittelgroße Getränkefirma, die auf frische Säfte und Smoothies spezialisiert war. Mit dem umtriebigen neuseeländischen Schauspieler Barry Stuart als Chef hatte die Marke bereits einen guten Wiedererkennungswert und einen hohen Marktanteil. Doch jetzt hatten sich die Vorzeichen geändert. Barry wollte sich zurückziehen. Sie brauchten eine neue Kampagne und eine Werbeagentur, die dafür alles stehen und liegen ließ. Die Ansprüche waren hoch, doch es lohnte sich.

Die Fahrt zur Fabrik, die am Rand des Geschäftsviertels lag, hatte eine Viertelstunde gedauert. Nun warteten sie in der großzügigen Eingangshalle. Amanda lenkte sich von ihrem Lampenfieber ab, indem sie die Gemälde an den strahlend weißen Wänden studierte – eine kleine, aber erlesene Auswahl junger neuseeländischer Künstler. Da hatte jemand ein gutes Auge.

    Die auffällig gekleidete Empfangsdame sprach mit gedämpfter Stimme ins Telefon und kam dann zu ihnen.

    „Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“ Sie dirigierte sie zum Fahrstuhl und drückte den Knopf für den dritten Stock. Dort angekommen ging sie voraus zu einem großen Konferenzsaal mit großen Fenstern und Blick auf die Stadt.

    „Wenn Sie hier bitte warten wollen. Barry und der Chef werden gleich kommen.“

    Amanda warf Valerie einen fragenden Seitenblick zu. Sie hatte gedacht, Barry sei der Chef. Valerie zuckte die Schultern und nahm die Entwürfe aus ihrer Mappe. Amanda holte ihren Laptop aus der Tasche und suchte nach einer Steckdose.

    „Hallo!“ Die laute Stimme war unverkennbar Barrys. Amanda lächelte unwillkürlich. In Barrys Gesellschaft fühlte man sich automatisch wohl, selbst wenn man ihn nicht kannte. Er war wie ein netter Onkel, der sich bei Familienfesten um die Würstchen auf dem Grill kümmerte. Dann entdeckte sie, wer hinter ihm den Raum betreten hatte, und ihr blieb das Herz stehen.

    Jared? Was machte der denn hier? Sie wartete, ob noch jemand hereinkam, doch er schloss die Tür hinter sich.

    Ihr Herz schlug wieder, dafür aber dreimal so schnell.

    Sie hatte keine Ahnung, was aus Jared geworden war, nachdem er die Stadt verlassen hatte. Ihren Großvater konnte sie nicht fragen, nach allem, was passiert war. Sie schluckte die Erinnerungen hinunter. Nicht jetzt.

    Offensichtlich hatte er es zu etwas gebracht, denn er stand neben Barry, als gehöre ihm die Firma.

    Oh nein. Nein, nein, nein.

    Vielleicht war er für die Finanzen zuständig?

    Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Er sah unverschämt gut aus. Der Jared vor neun Jahren hätte nie einen Anzug getragen. Und schon gar keinen maßgeschneiderten. Doch heute sah er aus, als sei er darin zur Welt gekommen. Anzug und Krawatte waren dunkel, das Hemd marineblau.

    Und dann seine hypnotischen dunklen Augen. Wie ein nachtschwarzer Himmel, der Millionen von Sternen erahnen ließ.

    Valerie redete. Sie stellte sich und Amanda vor. Doch Amanda blieb stumm wie ein Pantomime mit Lampenfieber.

    Lachend stellte Barry sich ebenfalls vor. „Ich bin nur das Aushängeschild. In Wahrheit habe ich die Aktienmehrheit vor ein paar Jahren verkauft. Jared steht nicht gern in der Öffentlichkeit, aber er ist der Boss. Mit ihm müssen Sie reden.“

    Schlimmer konnte es nicht kommen. Jared war der Chef – der Mann, den sie heute von sich überzeugen musste.

    Keine Chance.

    Jared wandte sich an Valerie, ließ Amanda jedoch nicht aus den Augen. „Verzeihen Sie das Durcheinander.“ Doch man sah ihm an, dass es ihm nicht im Geringsten leid tat. Er wirkte eher belustigt.

    „Aber es macht keinen großen Unterschied“, fuhr er fort. „Fresh ist ein Privatunternehmen, und ich würde es begrüßen, wenn Sie diese Information über die Unternehmensleitung vorerst für sich behalten würden. Im Moment ist Barry noch das Gesicht der Firma – bis Sie Ihren Job gemacht haben, versteht sich.“

    Plötzlich lächelte er. Es war dieses unwiderstehliche Lächeln. Er zeigte es nur selten, doch wenn er es aufblitzen ließ, wurde jede Frau in unmittelbarer Nähe schwach.

    Auf Amanda, die noch dabei war, sich von gestern Abend zu erholen, hatte dieses Lächeln eine verheerende Wirkung.

    Gestern Abend. Ihre Gedanken fuhren Karussell, als sie den Grund für seine Belustigung begriff. Ihr Puls beschleunigte sich. Er war überhaupt nicht überrascht, sie hier zu sehen. Er hatte sie erwartet.

    Als sie an den Flug zurückdachte, ärgerte sie sich. Sie hatte die ganze Zeit versucht, an der Präsentation zu arbeiten. Er hatte direkt neben ihr gesessen und auf ihren Bildschirm geschaut. Und sie hatte ihm sogar erzählt, für wen sie arbeitete.

    Doch er hatte nichts gesagt, hatte absichtlich mit keinem Wort erwähnt, dass sie sich heute wiedersehen würden. Sie sah rot, als ihr einfiel, dass er zum Abschied noch gesagt hatte, sie würden sich ja vielleicht bald wiedertreffen.

    Dieser Schuft. Dieser arrogante, egoistische Schuft.

    „Ich möchte mich zur Ruhe setzen“, sagte Barry in seiner launigen Art. „Er ist der reinste Sklaventreiber.“

    Amanda erwiderte sein Lächeln nicht. Sie kochte vor Wut. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie mussten diesen Auftrag bekommen: Synergy brauchte den Werbeetat, und sie brauchte Geld für ihren Großvater. Sie presste die Lippen zusammen.

    Die Männer setzten sich auf die andere Seite des Tisches, und auch Valerie setzte sich, um Amandas Präsentation zuzuhören.

    Sie schaltete den Computer an, doch der Bildschirm blieb schwarz. Sie schaltete ihn aus und wieder an. Nichts.

    „Mandy?“ Amanda hoffte, dass nur sie die Panik in Valeries Stimme bemerkte.

    „Einen Moment bitte“, entschuldigte sie sich. So etwas konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen. Das Stromkabel führte unter dem Stuhl hindurch, auf dem Jared jetzt saß. Während sie sich bückte, um den Stecker zu prüfen, murmelte er neben ihr: „Mandy? Du bist nie im Leben eine Mandy.“

    Sie richtete sich auf und funkelte ihn an. Er lachte. Er lachte. Sie spürte, wie sie rot wurde. Was für ein Albtraum! War das alles nur ein Witz für ihn? Seinem Gesichtsausdruck nach nahm er sie jedenfalls offensichtlich nicht ernst.

    Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit. Würde die Agentur nur ihretwegen den Auftrag nicht bekommen?

    Nein, das durfte sie nicht zulassen. Ihr Kampfgeist erwachte. Ihre Idee war gut. Es war ihre erste Chance zu zeigen, was sie konnte, und außerdem brauchte sie das Geld. Sie würde diese Präsentation mit Bravour schaffen und ihm zeigen, was sie konnte.

    Sie zwang sich, ihn anzulächeln, als sei alles in Ordnung, und ging wieder zu ihrem Computer. Sie sah Valeries fragenden Blick und lächelte ihr beruhigend zu. Diesmal war kein Kabel mehr lose und der Bildschirm flackerte. Alles war startklar.

    Sie zögerte. Während Barry sie aufmunternd anlächelte, sah Jared sie abschätzend an. Er glaubte nicht, dass sie es schaffte. Sie atmete tief durch.

Zwanzig Minuten später versuchte Jared unauffällig, seine Krawatte zu lockern, und fragte sich, warum er sie überhaupt angezogen hatte. Barry hatte ihn wegen seines Anzugs schon geneckt – normalerweise trug er zur Arbeit Jeans und T-Shirt. Seit er nicht mehr bei der Bank arbeitete trug er nur selten einen Anzug. Die zwanglose Atmosphäre in der Firma war mit ein Grund, warum er sie gekauft hatte, und er trug nur Anzüge, wenn er seine Autorität behaupten musste. Aber wieso hatte er geglaubt, dies ausgerechnet heute tun zu müssen?

    Es war schließlich nur Amanda. Das verführerische Mädchen, vor dem er vor fast zehn Jahren Reißaus genommen hatte. Das einzige Mädchen, das für ihn tabu gewesen war – und dummerweise das einzige, das er gewollt hatte.

    Er wusste nicht, was er von der Präsentation erwartet hatte. Auf keinen Fall hatte er jedoch damit gerechnet, beeindruckt zu sein. Aber er war beeindruckt. Nach ein paar Minuten hatte er nicht mehr daran gedacht, wie appetitlich sie aussah, sondern sich auf das konzentriert, was sie sagte. Denn was sie sagte, ergab Sinn.

    Verdammt.

    Jared hätte nie damit gerechnet, dass Amanda den Spieß umdrehen würde. Er hatte erwartet, dass sie die Präsentation vermasselte. Zum Trost wollte er sie zu einem Drink einladen. Später wären sie dann irgendwo hingegangen, wo sie in einer einzigen heißen Nacht ihr Feuerwerk der Lust abbrennen konnten. Stattdessen überraschte sie ihn mit präzisen Formulierungen, schlagfertigen Antworten und, nachdem sie erstmal in Schwung war, mitreißender Überzeugungskraft.

    Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass sie unerreichbar für ihn war. Und irgendwie hatte er dieses Gefühl noch immer. Irgendwie schickte ihn allein ihr Anblick auf eine Zeitreise, und plötzlich war er wieder der rebellische Teenager, der versuchte, seinem Schicksal zu trotzen. Damals war er so abhängig gewesen – abhängig von der Großzügigkeit anderer Menschen. Er hatte sich keinen Fehler leisten können. Doch jetzt war er es, der das Heft in der Hand hielt.

    Und er würde es nicht abgeben.

    Dennoch sah er ihr fast hilflos zu. Sie zeigte heute so viel mehr von sich als gestern Abend. Und sie war umwerfend. Noch immer trug sie ihr Haar zum Zopf, doch es schimmerte golden wie damals. Ihre mädchenhafte Figur hatte weiblichere Kurven bekommen. Doch sie war noch immer gertenschlank, und die in den Bleistiftrock gesteckte Bluse betonte ihre straffen Brüste und die schmale Taille. Statt ihrer Worte hörte er nur das Blut in seinen Adern rauschen.

    Er senkte den Blick auf den Tisch und versuchte sich zu konzentrieren.

Ehe Amanda zum Schluss kam, betonte sie noch die Vorteile ihrer Agentur gegenüber den anderen, die heute ihr Konzept auch noch vorstellen würden. Sie war müde. Seit fast zwanzig Minuten redete sie nonstop, und sie konnte überhaupt nicht einschätzen, wie ihre Präsentation ankam. Niemand hatte nachgehakt. Barry hatte viel gelächelt und genickt, während Jared wie versteinert dagesessen hatte. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit holte sie wieder ein, als sie bemerkte, dass er ihr nicht mehr folgte, sondern finster zu Boden blickte.

    „Synergy ist eine neuseeländische Agentur …“

    „Was ist daran positiv?“, unterbrach Jared sie schroff. „Wären wir mit einer internationalen Agentur mit Ideen und Ressourcen aus aller Welt nicht besser bedient?“

    „Wir sind näher an Ihrer Zielgruppe.“

    „Ihr glaubt also, ihr habt den Finger am Puls der Zeit?“

    „Oh, glauben Sie mir, Mr James“, erwiderte sie trocken, „das haben wir.“

    Es entstand eine Pause, als ihre Blicke sich trafen. Ihr Herz pochte, und ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie Gefahr witterte. Sie senkte den Blick auf ihre Notizen.

    Valerie und Barry schwiegen. Während Valerie etwas beunruhigt dreinschaute, wirkte Barry äußerst belustigt. Amanda wurde bewusst, dass sie die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem überschritten hatte.

    Plötzlich huschte ein triumphierendes Lächeln über Jareds Gesicht, und Amanda begriff, dass er sie absichtlich aus der Reserve gelockt hatte. Und sie hatte sofort angebissen. Schon wieder.

    Mist!

    Er musste ihren giftigen Blick gespürt haben und erwiderte ihn gelangweilt.

    Mistkerl.

    Doch in den grässlichen Jahren im Eastern Bay Mädchenpensionat hatte sie gelernt, nicht so schnell klein beizugeben. „Wenn Sie sich für einen neuseeländischen Partner entscheiden, stärken Sie damit auch die Wirtschaftskraft Ihres Landes, was doch sicher in Ihrem Sinne ist, nicht wahr, Mr James? Ist das nicht einer der Grundsätze Ihres Unternehmens? Vor Ort Arbeitplätze zu schaffen?“

    Sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht. Gut zwanzig Minuten hatte sie sich mit einem der Fahrer unterhalten, der ein Café in der Nähe ihrer Agentur mit Saft belieferte. Er hatte ihr erzählt, dass Fresh seine Produktion in den letzten beiden Jahren deutlich erhöht hatte. Und dass die Firma ein internes Förderprogramm anbot und viele Jugendliche aus sozialen Brennpunkten beschäftigte, um sie von der Straße zu holen. Sie war überrascht gewesen, von Barrys sozialer Ader zu hören.

    Doch seit sie wusste, dass Jared, der ja selbst aus einfachen Verhältnissen stammte, die Firma leitete, ergab alles einen Sinn. Offenbar wollte er das Förderprogramm nicht an die große Glocke hängen – und Amanda fragte sich, warum.

    Sie hielt seinem Blick stand.

    „Warum wollen Sie sich eigentlich von Ihrem erfolgreichen Werbekonzept verabschieden?“

    Valerie, der die Spannung zwischen Amanda und Jared nicht entgangen war, schnappte nach Luft.

    „Er kann mein Gesicht nicht mehr sehen“, mischte Barry sich ein und lächelte.

    „Warum verpassen Sie der Firma nicht mit Ihrem eigenen Gesicht ein neues Image?“, fragte Valerie.

    Amanda schwieg, während Jareds Blick sich verfinsterte.

    „Sie könnten die Firma in JJ’s Juice umbenennen.“ Valerie lachte.

    Barry lachte ebenfalls.

    Jared schwieg.

    Aus dem Augenwinkel sah Amanda, wie Valerie rot wurde, als sie merkte, dass sie ins Fettnäpfchen getreten war. Der Einzige, der nicht betreten wirkte, war Barry.

    „Weil Sie die Leitung der Firma vielleicht langfristig abgeben werden?“, brach Amanda das Schweigen. Sie wusste nicht, woher sie die Eingebung hatte, doch sie wusste, dass sie recht hatte. „Deshalb wollen Sie die Kampagne nicht auf eine bestimmte Person ausrichten.“

    Ihre Blicke trafen sich kurz, dann senkte Jared den Blick wieder.

„Du kennst ihn“, stellte Valerie fest, kaum dass die Taxitüren geschlossen waren.

    „Ja“, seufzte Amanda. Sie zögerte, ihre Chefin anzusehen.

    „Heißt das, wir bekommen den Auftrag oder wir bekommen ihn nicht?“

    Amanda schüttelte zögernd den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Sie löste ihren Zopf, der so straff saß, dass sie Kopfschmerzen hatte. „Wohl eher nicht. Es tut mir wirklich leid. Ich hatte keine Ahnung, dass ich ihm begegnen würde.“

    „Ich auch nicht. Er spielt gern mit verdeckten Karten, nicht wahr? Steht nicht gern in der Öffentlichkeit. Ich frage mich, warum.“

    Amanda konnte nur raten. Jared legte viel Wert auf Privatsphäre. Er hatte es gehasst, dass die ganze Stadt über ihn Bescheid wusste. Er wollte kein Mitleid. Und sicher wollte er nicht als der Junge aus einfachen Verhältnissen, der es geschafft hatte, vermarktet werden. Dafür war er zu stolz.

    Valerie öffnete den Mund, schloss ihn jedoch gleich wieder. Schließlich fragte sie: „Wie gut kennst du ihn?“

    Amanda hatte mit der Frage gerechnet und wusste genau, was Valerie meinte. „Nicht besonders.“

    „Okay.“ Valerie lächelte. „Und woher kennst du ihn?“

    „Wir sind in derselben Stadt aufgewachsen. Aber ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen.“

    „Aber irgendetwas war doch zwischen euch, oder?“

    Die Spannung zwischen ihnen war greifbar gewesen, und Valerie war nicht dumm. Amanda wusste, dass sie ihr eine Erklärung schuldete.

    „Ein Kuss.“

    „Nur einer?“

    „Er wollte nicht mehr.“

    Ein einziger Kuss, der alles verändert hatte. So oft wünschte sie, es wäre nie passiert. Dann wieder, vor allem, wenn sie einen anderen küsste, war sie froh, dass es passiert war. Denn allein dieser Kuss hatte sie gelehrt, wie Leidenschaft sich anfühlte. Auf der Suche nach dem Richtigen hatte Amanda viele Männer geküsst. Doch sie hatte ihn immer noch nicht gefunden.

    Natürlich verklärte sie den Kuss. Das war das Problem. Mit der Zeit hatte sich die verschwommene Erinnerung verselbstständigt.

    Amanda spürte Valeries halb belustigten, halb besorgten Blick. „Interessant.“

    „Es tut mir so leid, Valerie. Hätte ich davon gewusst, wäre ich heute niemals mitgekommen.“

    Valerie zuckte die Schultern. „Wenn eure Vergangenheit so eine Rolle spielt, wollen wir den Auftrag vielleicht gar nicht. Wenn er so unprofessionell ist, sich von persönlichen Belangen leiten zu lassen, sind wir ohne ihn besser dran, stimmt’s?“

    „Stimmt.“ Amanda bemühte sich zu lächeln. Auf keinen Fall waren sie ohne diesen Auftrag besser dran. Sie brauchten den Auftrag, egal wie.

    „Was immer zwischen euch beiden war oder auch nicht war, ich fand deine Präsentation jedenfalls brillant. Mir hättest du eine drei Tage alte nasse Zeitung verkaufen können.“

    Amanda errötete – diesmal nicht vor Verlegenheit, sondern vor Stolz. Doch das wohlige Gefühl erlosch sofort wieder. Egal, wie gut sie gewesen war, sie war sicher, dass Jared ihnen den Auftrag nicht geben würde.

Im selben Moment starrte Jared auf das Gemälde in der gegenüberliegenden Ecke seines Büros, und zum ersten Mal wirkte die unendliche Weite der abgebildeten Landschaft nicht beruhigend auf ihn. Er löste die Krawatte und öffnete den obersten Hemdknopf.

    Hier ging es ums Geschäft. Er musste danach entscheiden, was am besten für die Firma war. Welches Konzept würde besser funktionieren? Welches stand eher im Einklang mit seiner Vision? Mit wem konnte er am ehesten eng zusammenarbeiten? Wie bekam er am ehesten, was er wollte?

    Was er wollte oder wen er wollte?

    Er runzelte die Stirn und blickte aus dem Fenster auf die Straße, wo erst vor wenigen Minuten das Taxi mit Amanda weggefahren war.

    Verdammt.

    Ihre Präsentation hatte ihm gefallen. Ihr Konzept hatte ihm gefallen. Und etwas in ihm wollte ihrer Agentur den Auftrag geben, weil er es ihnen gönnte. Er wollte nicht, dass sie von irgendeinem internationalen Agenturriesen geschluckt wurden. Er hatte die Saftfirma davor bewahrt, von einem großen ausländischen Unternehmen aufgekauft zu werden. Er hatte hart dafür gearbeitet, war manches Risiko eingegangen. Doch es hatte sich ausgezahlt. Sollte er wieder ein Risiko eingehen?

    Konnte er wirklich mit ihr zusammenarbeiten?

    Er runzelte die Stirn. Lächerlich. Natürlich konnte er das. Er musste sein Verlangen eben unterdrücken. Denn wenn sie zusammen arbeiteten, konnte er einen One-Night-Stand vergessen. Sonst würde es nur Ärger geben, und Jared hasste Ärger.

    Die Frage war, ob sie mit ihm zusammenarbeiten konnte? War sie professionell genug?

    Das war es, was ihn interessierte. Würde die verwöhnte Prinzessin damit zurechtkommen, dass er das Sagen hatte? Sein Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln. Das Blatt hatte sich gewendet.

    Eigentlich spielte es keine Rolle. Jared gehörte nicht zu den Menschen, die ihre Macht missbrauchten – doch in diesem Fall, in diesem speziellen Fall, konnte er der Versuchung nicht widerstehen.

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