Ich lege dir die Welt zu Füßen - 3. Kapitel


  1. KAPITEL

Hatte sie sich verhört? Peta sah sich um. Einige Passanten waren stehen geblieben und warteten gespannt darauf, wie sie reagieren würde. Marcus stand zwanzig Meter entfernt und sah sie erwartungsvoll an.

     „Wie bitte?“, fragte Peta schließlich.

     Die Umstehenden lachten.

     „Er hat Ihnen einen Heiratsantrag gemacht“, sagte eine ältere Frau. „Und er sieht nach einem guten Fang aus. Ich an Ihrer Stelle würde es mir überlegen.“

     „Sie ist noch jung“, meinte ein anderer. „Und hübsch. Sie kann sich in aller Ruhe aussuchen, wen sie heiraten will.“

     „Aber sehen Sie sich doch seinen Anzug an“, erwiderte die ältere Frau. „Der Mann hat offensichtlich Geld. Sagen Sie Ja, Schätzchen, aber unterschreiben Sie keinen Ehevertrag. Nehmen Sie, was Sie kriegen können.“

     „Ziemlich seltsame Sache, wenn Sie mich fragen“, erklärte ein anderer. „Man könnte meinen, sie hätte eine ansteckende Krankheit. Oder warum hält er zwanzig Meter Abstand, um ihr einen Heiratsantrag zu machen?“

     „Hat Ihre Freundin Lepra?“, fragte ein junger Mann. „Geht sie deshalb an Krücken?“

     Das entlockte sogar Marcus ein Lächeln.

     Peta musste auch lachen. Es war nur ein Scherz, dachte sie. Es war zwar ein ziemlich schlechter Scherz, aber sicher nett gemeint.

     „Vielen Dank für das freundliche Angebot“, rief sie. „Aber ich muss zu einer Beerdigung und dann zurückfliegen. Tut mir leid, aber ich habe keinen Termin für Sie frei.“

     „Ich meine es ernst, Peta.“

     Sie zuckte zusammen. Eigentlich sehnte sie sich nur noch nach Ruhe und wollte allein sein, um den Tod ihrer Tante zu betrauern.

     Doch Marcus kam bereits auf sie zu. Am liebsten wäre Peta weggelaufen, aber ihr verletzter Knöchel zwang sie, stehen zu bleiben und höflich zu sein.

     „Peta, wir schaffen das.“ Er legte seine große auf ihre kleine Hand. Peta spürte, wie stark er war.

     „Was schaffen wir?“, flüsterte sie.

     „Lass uns heiraten. Ergreife die Chance, die deine Tante dir geboten hat, und heirate einfach mich!“

     „Du willst mich doch gar nicht heiraten.“

     „Stimmt. Ich will überhaupt nicht heiraten. Das ist es ja. Weil ich niemanden heiraten will, kann ich dich heiraten.“

     „So ein Unsinn!“

     „Irrtum. Es ist vernünftig.“

     „Wieso?“ Peta wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Dieser große, breitschultrige Mann sah sie an, als wollte er sagen, er könne all ihre Probleme lösen, sie brauche ihm nur zu vertrauen.

     Dabei kannte sie ihn gar nicht. Hastig wollte sie ihm ihre Hand entziehen.

     Doch er verstärkte seinen Griff. „Keine Sorge, Peta. Es kann funktionieren.“

     „Das sehe ich anders.“

     Erst als Marcus im nächsten Café einen Tisch für sie gefunden und eine Viertelstunde auf Peta eingeredet hatte, lenkte sie ein. Vielleicht hatte er ja recht?

     „Noch heute Nachmittag setze ich meine Anwälte auf die Sache an“, versicherte Marcus ihr. „Wenn’s weiter nichts ist und du einfach nur verheiratet sein musst, stehe ich gern zu Diensten.“

     „Aber …“ Plötzlich fühlte sich Peta zu Tode erschöpft. „Wir kennen uns kaum, trotzdem bietest du mir an, mich zu heiraten. Warum?“

     „Ich kann Charles Higgins nicht ausstehen.“

     „Dann wirf ihn aus dem Haus. Ruiniere seinen Ruf. Schade ihm, wo du nur kannst. Das alles kostet dich fast nichts. Aber wenn du mich heiratest, steckst du auch in der Sache drin.“

     Marcus lächelte. „Nein, ich biete dir nur an zu heiraten. Mehr nicht. Eine bloße Formalität. Anders als dir die alte Dame vorhin geraten hat, schließen wir vorher einen Ehevertrag. Wir unterschreiben beide, dass wir nach einer Scheidung gegenseitig auf jegliche Ansprüche verzichten. Dann leben wir weiter wie bisher und lassen uns scheiden, sobald deine Erbschaft geregelt ist. Darum kümmern sich meine Anwälte. Abgesehen von der Zeremonie beim Standesamt brauchen wir nichts miteinander zu tun zu haben.“

     „Aber … ich verstehe es trotzdem nicht.“ Peta hielt ihren Kaffeebecher mit beiden Händen umfasst. Dann blickte sie auf und sah Marcus an. „Deine Abneigung gegen Charles Higgins ist kein Grund, mich zu heiraten. Nur weil damit meine Probleme auf einen Schlag gelöst wären, ziehe ich deinen verrückten Plan überhaupt in Betracht. Aber irgendwo muss ein Haken sein. Was willst du dafür?“

     Marcus zögerte.

     Peta musterte ihn forschend. Er hat ein vertrauenerweckendes Gesicht, dachte sie. Und er sah stark aus und wirkte warmherzig, humorvoll. Es gab Schlimmeres, als so einen Mann zu heiraten. Vor allem dann, wenn die Ehe nur fünf Minuten dauern sollte …

     Trotzdem war es verrückt, völlig verrückt.

     Es war jedoch offenbar kein unüberlegter Vorschlag gewesen. Er schien sich etwas dabei zu denken.

     „Ich könnte auf diese Weise etwas Gutes tun“, antwortete er schließlich. „Das ist mir wichtig. Aber ich weiß nicht, ob du das verstehst.“

     „Nein, erkläre es mir!“

     „Ich würde gern helfen.“

     „Nach dem Motto, der König und die Bettlerin?“ Sie senkte den Blick. „Tut mir leid, das war undankbar.“

     „Kommt es dir so vor?“

     Sie schob trotzig das Kinn vor. „Ja. Verstehst du das?“

     „Ja. Nehmen ist viel schwerer als Geben. Das weiß ich aus Erfahrung.“

     „Und ich weiß nichts über dich.“

     „Ich stamme aus einem Milieu, in dem mir nichts anderes übrig blieb, als immer zu nehmen.“ Ruhig hielt er ihrem Blick stand, aber Peta spürte, dass es ihm schwerfiel, über seine Vergangenheit zu sprechen. „Damals hatten wir keine Wahl. Meine Mutter bekam Sozialhilfe, und ich musste um alles und jedes kämpfen und ständig Hilfe von Menschen annehmen, denen ich am liebsten nichts schuldig geblieben wäre. Also habe ich alles getan, um auf die andere Seite zu gelangen. Heute bin ich in der Position, geben zu können. Das heißt aber nicht, dass ich Dankbarkeit erwarte oder lebenslange Ergebenheit. Ein einfaches Danke reicht, und dann geht jeder seines Weges. Vielleicht kannst du eines Tages jemandem einen ähnlichen Gefallen erweisen.“

     „Das ist aber ein sehr großer Gefallen.“

     „Ach was, vergiss es. Lass uns heiraten, danach sehen wir weiter.“

     „Wie stellst du dir das vor?“

     „Wir holen uns eine Lizenz und gehen damit zum Standesamt. Vermutlich brauche ich nur etwas Druck auszuüben oder mit Geld nachzuhelfen, damit die Formalitäten glatt über die Bühne gehen. Immerhin beschäftige ich die besten Anwälte von New York. Und wir haben noch bis übermorgen Zeit. Es ist kein Problem, das schaffen wir.“

     „Was passiert, wenn du nächste Woche die Frau deines Lebens triffst?“

     „Das wird nicht passieren.“

     „Warum denn nicht?“

     Marcus überlegte.

     Peta spürte, dass er ihr gleich etwas sehr Persönliches anvertrauen würde und dass er so etwas nur selten tat.

     „Meine Mutter war viermal verheiratet“, begann Marcus. „Jedes Mal mit allem Drum und Dran. Ich wurde als Page verkleidet und bekam zu hören, dass wir von nun an glücklich sein würden. Aber meine Mutter wählte immer Verlierer. Mit jeder Hochzeit wurde es schlimmer. Bei der vierten Hochzeit habe ich mir geschworen, nie ein Eheversprechen abzugeben. Manche Dinge sitzen so tief, dass man sie das ganze Leben lang nicht vergisst.“

     So leicht ließ sich Peta jedoch nicht überzeugen. „Dann hat deine Mutter kein Glück gehabt“, entgegnete sie sanft. „Das tut mir leid. Trotzdem halten viele Menschen die Ehe für eine gute Idee.“

     „Es gibt noch andere Gründe. Ich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, unabhängig zu bleiben.“

     Vielleicht war Unabhängigkeit etwas Gutes. Dazu konnte Peta nichts sagen, denn sie war noch nie unabhängig gewesen. Andererseits wollte sie jetzt nicht über ein so abstraktes Thema nachdenken, sondern sich Marcus’ Vorschlag überlegen.

     Sollte sie Marcus Benson heiraten?

     „Ich kenne dich nicht.“

     „Na und?“

     „Vielleicht bist du ein Betrüger.“

     „Dann brenne ich vermutlich darauf, dir die Hälfte der Farm abzunehmen. Du hast also die Wahl: Entweder vertraust du mir und verlierst vielleicht die Hälfte der Farm, oder Charles bekommt sie.“

     „Aber ich kann dich nicht einfach heiraten.“

     „Was spricht dagegen? Gibt es jemanden, den du heiraten möchtest?“

     Peta nahm sich zwei Sekunden Zeit, um diese Frage zu überdenken. „Nein, aber …“

     „Na bitte! Ich stehe zu meinem Angebot. Nimm es an, oder lehne es ab. Wie du willst. Ich weiß nicht, warum ich es dir überhaupt diesen Ausweg anbiete, aber ich halte es für eine vernünftige Lösung. Willst du meine Frau sein, Peta? In guten wie in schlechten Tagen, bis uns die Entfernung zwischen Australien und Amerika wieder trennt? Also mindestens bis Freitag?“

     „Du meinst es also wirklich ernst?“

     „Ja.“

     Wie benommen blickte Peta ihn an. In ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Ihr war nur klar, dass sie vielleicht die Farm retten konnte. Zugleich war ihr schwindelig, ihr Knöchel schmerzte, und sie konnte sich nicht entschließen, eine so folgenschwere Entscheidung zu treffen.

     „Peta!“ Marcus nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Du musst nichts verstehen. Das geht gar nicht. Ich verstehe es ja selbst kaum. Vertraue mir nur, und sag einfach Ja!“

     Sag einfach Ja …

     Vielleicht ist es gar kein so großer Schritt, überlegte Peta verstört. Schließlich ließen sich tagtäglich Tausende von Menschen scheiden. Was war das schon, die Ehe? Sie bestand nur auf einem Stück Papier und konnte jederzeit für null und nichtig erklärt werden. Und die Ausbildung der Jungen wäre gesichert …

     Am Ende war es dann ganz leicht.

     „Okay“, flüsterte Peta. „Einverstanden, Marcus. Vielen Dank. Ich habe keine Ahnung, was dich dazu bewogen hat, aber ich bin dir dankbar. Also werde ich dich heiraten. So schnell wie möglich.“

Wenn Marcus Benson eine Sache in die Hand nahm, klappte gewöhnlich alles wie am Schnürchen. Als Erstes vertraute er Peta seinem Chauffeur Robert an, der sie in die Pension zurückfahren und dafür sorgen sollte, dass sie sich ausruhte. Inzwischen wollte sich Marcus um die Hochzeitsvorbereitungen kümmern.

     Da er sich damit nicht auskannte, wurde Ruby kurzerhand aus der Konferenz gerufen, wo sie ihn vertreten und alle Entscheidungen bis zu seiner Rückkehr auf Eis gelegt hatte.

     Ruby stand schon ziemlich unter Druck. Nur deshalb verschluckte sie sich, als sie hörte, dass sie helfen sollte, Marcus’ Hochzeit zu organisieren. Erst nachdem sie ein Glas Wasser getrunken hatte, konnte sie wieder sprechen. „Sie wollen heiraten?“

     „Warum nicht?“

     Sie blickte ihn nachdenklich an. Dann fragte sie vorsichtig: „Die junge Frau von der Nottreppe?“

     „Peta, ganz recht.“

     Eigentlich konnte Ruby nichts erschüttern. Aber es gab immer ein erstes Mal. Und dieses eine Mal war sie fassungslos. „Das glaube ich nicht, Mr Benson.“

     „Mir ist es egal, ob Sie es glauben oder nicht.“ Marcus wurde ärgerlich. „Hauptsache, Sie sagen mir, was ich tun soll.“

     Ruby nippte an ihrem Glas. „So gut kenne ich mich mit Hochzeiten nicht aus. Aber … Ja, okay, ich übernehme es.“ Sie überlegte kurz. „Wollen Sie kirchlich heiraten oder nur standesamtlich? In Weiß, mit Brautjungfern und Kindern, die Blumen streuen, und dergleichen? Wünschen Sie einen großen Empfang? Oder soll alles in kleinem Rahmen stattfinden?“

     „Das ist mir egal. Hauptsache, es geht schnell.“

     „Wann ist denn der Termin?“

     „Morgen.“

     „Morgen?“ Ihre Stimme klang beinahe schrill. Doch sogleich hatte Ruby sich wieder unter Kontrolle. „Haben Sie morgen gesagt?“

     „Genau. Spätestens Mittwoch.“

     „Vermutlich gibt es Formalitäten zu erledigen, Wartezeiten, Anträge.“

     „Zahlen Sie, was nötig ist, aber erledigen Sie die Sache.“

     „Wie romantisch.“

     „Ruby“, sagte er warnend.

     Sie hob überrascht die Augenbrauen. „Ja, Sir?“

     „Organisieren Sie die Sache, und Schluss!“

     „Gewiss doch, Mr Benson. Ganz wie Sie wünschen, Mr Benson.“ Ruby atmete tief durch. Jetzt erst merkte Marcus, dass sie sich das Lachen verkneifen musste. „Wissen Sie, wie die Braut heißt?“

     „Peta.“

     „Den Vornamen kenne ich. Aber wir werden mehr Informationen brauchen.“

     Marcus schob ein Blatt Papier über den Schreibtisch. „Sie hat mir ihre Daten aufgeschrieben.“

     „Aha.“ Ruby las von dem Blatt ab: „Peta O’Shannassy, achtundzwanzig Jahre, Australierin.“

     Marcus runzelte die Stirn. Worauf hatte er sich bloß eingelassen? „Sie braucht meine Hilfe.“

     Ruby sah ihn aufmerksam an. „Steckt sie in Schwierigkeiten?“

     „Ja.“

     „Möchten Sie es mir erzählen?“

     Marcus seufzte. Ruby auf seiner Seite zu wissen war sicher nützlich. Also berichtete er kurz, was vorgefallen war. Nun lachte sie nicht mehr. Sie war gern bereit, Peta und Marcus gegen Charles Higgins zu unterstützen.

     Wie immer kam Ruby gleich zur Sache: „Dann brauchen Sie einen ordentlichen Ehevertrag. Eine hieb- und stichfeste Abmachung.“

     „Können Sie das in die Wege leiten?“

     „Natürlich.“ Ruby zögerte. „Sie wissen so gut wie ich, dass Charles nicht kampflos das Feld räumen wird, wenn es um viel Geld geht.“

     „Vermutlich haben Sie recht.“

     „Okay, warten wir die Stellungnahme der Anwälte ab.“ Ruby nahm die Angelegenheit tatkräftig in die Hand. „Ich lasse mir eine Kopie des Testaments faxen, damit wir wissen, womit wir rechnen müssen. Sie wollen dem Schicksal sicher nicht blind vertrauen, oder?“ Sie musterte ihn amüsiert. „Ach, Mr Benson? Sie hat hier ihre New Yorker Adresse angegeben. Kennen Sie die Unterkunft?“

     „Warum? Wir heiraten nur pro forma. Wo Peta wohnt, ist ihre Sache.“

     Ruby sah ihn nachdenklich an. „Im Prinzip haben Sie recht, aber ich kenne die Absteige. Billiger kann man in New York nicht übernachten. Ein Freund meines Nachbarn hat dort mal eine Nacht verbracht. Er wurde bis aufs Hemd ausgeraubt.“

     Das geht mich nichts an, dachte Marcus. Oder doch? Schließlich war sie seine Braut. „Können Sie da was machen, Ruby?“

     „Wie stellen Sie sich das vor? Soll ich sie besuchen und ihr sagen, sie solle auf Ihren Wunsch umziehen?“

     „Nein, lieber nicht.“ Da er Peta inzwischen etwas besser kannte, wusste er, dass es nicht die geschickteste Art wäre, sie zu etwas zu bewegen. Er gestand sich ein, dass er sich schon zu sehr auf die Sache eingelassen hatte, obwohl er es gar nicht gewollt hatte. „Dann muss ich wohl selbst hinfahren.“

     Ruby nickte. Marcus Benson als Retter in der Not? Das war ja etwas ganz Neues.

Als Robert Peta vor ihrer Pension absetzte, war sie so erschöpft, dass sie sich sofort in dem Mehrbettzimmer auf das harte, schmale Bett legte und einzuschlafen versuchte. Die Schmerztabletten würden sie müde machen, hatte der Arzt gesagt.

     Trotzdem konnte sie nicht schlafen.

     Und das lag nicht an der Geräuschkulisse. Peta wohnte seit einer Woche dort und hatte sich an die vielen Menschen, die Stimmen Betrunkener und die unangenehmen Gerüche gewöhnt. Auch um ihre Sicherheit machte sie sich keine Sorgen. Pass und Rückflugticket trug sie in einem Geldgürtel auf der Haut. Davon abgesehen besaß sie nichts, was man ihr hätte wegnehmen können.

     Sogar der Schmerz in ihrem Knöchel hatte nachgelassen.

     Trotzdem schlief sie nicht ein. Denn sobald sie die Augen schloss, sah sie Marcus vor sich, sein markantes Gesicht, die kräftigen Hände, den sanften, forschenden Blick.

     Wer war er? Hätte sie einen Detektiv beauftragen sollen, um etwas über ihren zukünftigen Ehemann herauszufinden? Ihre begrenzten Mittel ließen es gar nicht zu.

     Da sie nichts besaß, konnte sich Marcus nicht an ihr bereichern. Gemeinsam mit ihren vier Brüdern gehörte ihr die Hälfte der Farm. Darüber hinaus hatte sie Verpflichtungen, die ihr schwer auf den Schultern lasteten.

     Wenn Marcus sie aus anderen als aus selbstlosen Gründen heiratete, erwartete ihn eine Überraschung. Vielleicht mag Harry ihn, dachte Peta plötzlich erleichtert. Marcus würde Harry mögen. Sie liebte Harry sehr, doch zuweilen empfand sie die Verantwortung für ihn als sehr belastend. Wenn sich Marcus die Verantwortung mit ihr teilen wollte, hätte sie nichts dagegen.

     Mit diesen Gedanken schlief Peta endlich ein.

     Irgendwann wachte sie auf, weil jemand kreischte. Ein Glas zerbrach. Na und? Die sieben Frauen, mit denen sie das Zimmer teilte, waren meistens betrunken oder im Drogenrausch. Trotzdem hatten sie sie bisher in Ruhe gelassen. Peta öffnete die Augen. An der gegenüberliegenden Wand fand ein Handgemenge statt.

     Und dann hob jemand Peta aus dem Bett.

     „Lassen Sie mich sofort los!“, schrie sie entsetzt.

     „Sei still! Du solltest keine Aufmerksamkeit erregen“, erklärte ihr zukünftiger Ehemann. „Ist das deine Reisetasche?“ Er trug sie aus der schäbigen Pension für Rucksacktouristen und setzte sie in seine Limousine. Ohne sich auf eine Diskussion einzulassen, brachte Marcus Peta in sein Apartment. Auch als die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ignorierte er Petas Protest.

     „Ich werde dich heiraten. Also muss ich dafür sorgen, dass du morgen noch am Leben bist. Jetzt sei vernünftig, und tu was ich dir sage!“

     Immer noch im Halbschlaf und von den Schmerztabletten wie benommen, hielt Peta sich mithilfe der Krücken aufrecht. Den Weg vom Wagen durch das Foyer des luxuriösen Apartmenthauses hatte sie auf eigenen Füßen zurückgelegt.

     „Ich tue nur sehr ungern das, was andere mir sagen“, erwiderte sie.

     „Komisch, das wusste ich doch.“ Marcus lächelte.

     Sie standen im Flur, und Peta sah sich neugierig um. Anscheinend gab es hier nur schwarzen Marmor und Spiegel. „Wir können nicht zusammen in deiner Wohnung bleiben.“

     „Keine Sorge, ich übernachte im Club.“ Er wies auf die drei Türen, die vom Flur abgingen. „Bad, Schlafzimmer, Küche. Nimm dir, was du brauchst. Wir sehen uns morgen früh.“

     „Aber …“ Peta war so verwirrt wie noch nie zuvor. Eins war ihr jedoch klar: Dieser Tag, der so katastrophal begonnen hatte, war gerettet. Und das hatte sie diesem außergewöhnlichen Mann in dem eleganten Anzug zu verdanken, der so sanfte Augen hatte und so freundlich lächelte. Vorsicht, ich werde sentimental, mahnte sie sich.

     Dabei weckte Marcus noch ganz andere Gefühle in ihr.

     „Vielen Dank, Marcus“, flüsterte Peta.

     „Gern geschehen.“

     „Ich bin dir wirklich von Herzen dankbar.“ Peta beugte sich etwas vor und nahm seine Hand. Ehe er ahnte, was sie vorhatte, hob sie den Kopf und küsste ihn zart auf den Mund. Als Dankeschön. Es war ein unromantischer Kuss, der Petas Bedürfnis nach Trost und menschlicher Nähe entsprang. Dieser Kuss hätte eigentlich keine Verwirrung zu stiften brauchen, aber als Peta einen Schritt zurücktrat und Marcus in die Augen sah, spürte sie, dass er irritiert war.

     „Marcus?“

     „Ich glaube, ich gehe jetzt besser.“ Er klang seltsam rau und unsicher.

     „Das brauchst du nicht.“ Sie konnte ja auf der Couch schlafen oder … Irgendetwas wollte sie noch sagen, aber nun überwältigte sie die Müdigkeit. Was hatte sie gesagt? Er brauche nicht zu gehen? Richtig, sie wollte, dass er blieb. Sie fühlte sich so einsam.

     „Ich meinte, du …“

     „Ich weiß, was du meinst.“ Er lächelte.

     Dieses Lächeln wird noch mein Untergang sein, dachte Peta verzweifelt. Es stellte ihre Welt auf den Kopf.

     „Trotzdem fahre ich in den Club.“ Sanft berührte er ihre Wange mit dem Zeigefinger und malte eine hauchfeine Spur an ihrem Kinn entlang.

     Bildete sie es sich ein, oder zögerte er wirklich? Wäre er gern geblieben? Peta wusste es nicht. Sie war zu müde, um noch über irgendetwas nachzudenken.

     Marcus merkte es ihr an und fluchte leise. „Schließ die Tür hinter mir ab“, forderte er sie auf. „Ruh dich aus. Hier bist du sicher. Nein, keine Widerrede! Bis morgen.“

     Wie erstarrt stand sie da und blickte die Tür an, durch die er verschwunden war. Nach einer Weile hinkte sie an ihren Krücken ins Schlafzimmer. Dort stand ein großes Bett mit vielen weiß bezogenen Kissen und Decken.

     Es sah wundervoll einladend aus.

     Zum ersten Mal seit Petas Ankunft in New York war es still um sie her. Kein Geräusch drang herein. Aufatmend setzte sie sich auf die Bettkante, legte die Krücken auf den Boden und ließ sich in die Kissen sinken.

     Fünf Minuten später schlief sie tief und fest, eine Hand an die Wange geschmiegt, die Marcus so zärtlich berührt hatte.

Marcus lag fluchend im Bett in seinem Club. Jetzt kommt noch das Standesamt, und das war es dann, schwor er sich. Doch die Bilder vom Nachmittag verfolgten ihn bis in den Schlaf. Die heruntergekommene Absteige, in der er Peta vorgefunden hatte, betrunkene Männer im Schlafraum der Frauen. Peta, die fest schlief, ohne sich um ihre Sicherheit zu sorgen.

     Und dann hatte sie ihn geküsst, spontan, unschuldig, ohne Hintergedanken. So … hm, wie eigentlich?

     Jedenfalls hatte Marcus nach diesem Kuss viel Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um Peta nicht einfach hochzuheben und ins Schlafzimmer zu tragen.

     Schluss jetzt, befahl er sich. Ich passe auf sie auf, bis sie nach Australien zurückfliegt. Mehr nicht, danach vergesse ich sie, fügte er in Gedanken hinzu.

Als Peta am nächsten Morgen aufwachte, streckte und rekelte sie sich in dem riesigen Bett. Dann sah sie sich genauer um. Das Apartment entsprach überhaupt nicht ihrem Geschmack. Okay, es war ruhig, sicher und bot allen Komfort. Aber gemütlich war es nicht, sondern eher unpersönlich und steril. Vermutlich hatte Marcus eine Einrichtungsfirma beauftragt, ein modernes, männlich wirkendes Ambiente zu schaffen. An Farben kamen nur Grau und Schwarz vor, dazu viel Chrom und Glas.

     Peta nahm ihre Krücken und hinkte zum Fenster. Der Ausblick entschädigte sie für die kühle Atmosphäre des Apartments, denn das Fenster ging auf den Central Park hinaus. Gerade fuhren einige Pferdekutschen vorbei.

     Der Blick war herrlich.

     Die Wohnung hingegen … Peta drehte sich wieder um. Nein, die Wohnung war schrecklich. Nicht ein Foto zierte die Wände, kein persönlicher Gegenstand lockerte die sterile, strenge Atmosphäre auf. Ein Hotelzimmer wäre gemütlicher gewesen.

     Dann blickte Peta auf die Uhr und erschrak. In einer halben Stunde fand Hatties Beerdigung statt. Der Beerdigungsunternehmer hatte so kurzfristig keinen anderen Termin freigehabt. In Windeseile duschte Peta, zog den Rock und die Bluse an, die Marcus ihr gekauft hatte, warf einen Blick in den Spiegel und verließ die Wohnung. Die Pension war schrecklich gewesen, aber die Atmosphäre in Marcus’ Apartment fand Peta nicht viel besser. Und so etwas nannte er sein Zuhause?

     Na und? Was ging sie Marcus Benson an?

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