Ich lege dir die Welt zu Füßen - 7. Kapitel

  1. KAPITEL

Als die Aufforderung kam, sich für den Landeanflug anzuschnallen, war Peta wie ausgewechselt. „Vielen Dank, Marcus, aber nun kannst aufhören, deine Rolle zu spielen.“

     „Was soll denn das heißen?“

     „Ich meine …“ Sie errötete leicht, ließ sich jedoch nicht beirren. „Dass du mich wie deine Frau behandelst und mir ein Erste-Klasse-Ticket und Kleider gekauft hast. Es war sehr schön, aber nun reicht es. Hier kümmert sich niemand darum.“

     „Wie bitte?“

     Sie lächelte verlegen. „Entschuldige, wenn ich mich ungeschickt ausgedrückt habe. Hier interessiert sich keiner dafür, ob wir verheiratet sind oder nicht.“

     „Heißt das, du willst mich loswerden?“

     „Glaubst du wirklich, dass Charles uns nachspioniert?“

     „Ja, ganz bestimmt.“

     „Wie will er das denn machen?“

     „Privatdetektive sind relativ billig, und es steht viel Geld auf dem Spiel.“

     Peta überlegte und nickte dann. „Vielleicht hast du recht. Aber die Farm kann keiner unbemerkt betreten. Die Hunde schlagen sofort an. Du kannst in Hatties Haus wohnen.“

     „Willst du mich denn nicht in deinem Haus haben?“, fragte Marcus.

     „Ich habe kein Gästezimmer.“

     „Aber vier Brüder.“

     „Na und?“

     „Wenn drei davon nicht zu Hause sind, sollten Zimmer frei sein.“

     Peta blickte ihn stumm an. Dann lächelte sie. „Du bekommst Hatties Haus. Alles andere hat Zeit. Jetzt lass uns nachsehen, wer mich abholt.“

     Kaum waren sie in der Ankunftshalle, verschwand Peta schon mitten zwischen lauter Rotschöpfen. Jeder wollte sie in den Arm nehmen. Marcus kam es so vor, als dauerte die Begrüßung endlos.

     Irgendwann löste sich Peta aus der Gruppe. Alle vier Jungen sahen ihr sehr ähnlich. Drei waren über eins achtzig groß, nur der vierte war etwas kleiner.

     „Ihr habt mir schrecklich gefehlt“, sagte Peta. „Und das ist Marcus.“

     Der Älteste trat auf Marcus zu. Er mochte etwa zwanzig sein und hatte fast den gleichen Gesichtsausdruck wie Peta damals, als Marcus sie das erste Mal getroffen hatte, eine Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit, die er zu verbergen suchte. Sein Händedruck war erstaunlich kraftvoll. „Hallo, ich bin Daniel. Peta hat uns angerufen und erzählt, was Sie für uns getan haben. Wir sind Ihnen ja so dankbar.“

     Marcus, den kaum etwas überraschen konnte, wurde etwas verlegen. Diese Jungen sahen ihn an, als wäre er ihr Wohltäter. „Ich habe doch nur eure Schwester geheiratet“, wandte er ein. „Das war kein großes Opfer.“

     Daniel lächelte. „Das kann ich schlecht beurteilen, Sir. Aber Peta ist sehr rechthaberisch.“

     „Moment mal“, protestierte Peta.

     „Und unordentlich“, sagte der Jüngste. „Kochen kann sie auch nicht.“

     „Aber mit Kühen kennt sie sich aus“, meldete sich der Zweitälteste zu Wort.

     „Darf ich dir meine Brüder vorstellen, Marcus?“, fragte Peta schwach. „Daniel, Christopher, William und Harry. Wie gut, dass du sie nicht vor der Hochzeit kennengelernt hast. Sie sollten dir nicht meine Vorzüge und Schwächen aufzählen.“ Sie zog den Jüngsten an sich. „Hast du mich vermisst, Harry?“

     „Ja.“ Harry klang verlegen, aber er ließ es zu, dass sie ihn umarmte. „Können wir jetzt nach Hause fahren?“

     „Das nenne ich undankbar“, beschwerte sich Daniel. „Wir haben im College sehr gut für dich gesorgt.“

     „Und niemand hat etwas gemerkt?“, fragte Peta.

     „Doch, alle wussten, dass er da war“, erklärte Daniel. „Aber niemand hat etwas gesagt.“

     „Ich war wirklich brav“, erklärte Harry. „So brav, dass es mir zum Halse heraushängt. Peta, ich bin heilfroh, dass du wieder da bist.“

     Alle lachten, aber das Lachen klang etwas angespannt. Marcus spürte, dass die Jungen ihn prüfend betrachteten, und er fand es unangenehm.

     „Habt ihr Zeit, mich auf die Farm zu begleiten?“, fragte Peta.

     Die drei Älteren schüttelten den Kopf.

     „Das Semester ist fast zu Ende“, antwortete Daniel. „Das bedeutet jede Menge Prüfungen und Klausuren. In den Ferien helfen wir dir natürlich bei der Heuernte. Es sei denn, du brauchst uns vorher.“ Er warf Marcus einen vielsagenden Blick zu. Offensichtlich meinte er: Wir kommen sofort, falls du Hilfe brauchst, um mit diesem Mann fertig zu werden. „Wir müssen gleich zurück ins College, weil wir nachmittags Veranstaltungen haben. Können wir dir Harry überlassen?“

     Peta hatte Harry einen Arm um die Schultern gelegt, und die liebevollen Blicke ihrer Brüder zeigten, dass sie Harry sehr mochten. Die Familienmitglieder standen sich offensichtlich sehr nahe. Marcus fühlte sich plötzlich seltsam allein. Eine lange verdrängte Sehnsucht nach Wärme und Zuneigung regte sich in ihm.

     „Der Wagen steht auf dem Parkplatz für Kurzparker“, informierte Daniel Peta. „Aber ihr könnt nicht zu dritt nach Hause fahren. Oder einer sitzt auf der Ladefläche.“

     „Marcus mietet sich sicher einen Wagen, damit er kommen und gehen kann, wann er will. Bestimmt hat er keine Lust, sich immer nach mir zu richten.“

     „Das tut man doch, wenn man verheiratet ist, oder?“, fragte William.

     Peta sah ihn warnend an, doch William lachte nur.

     Was für nette Jungen, dachte Marcus. Kein Wunder, schließlich sind sie mit Peta verwandt. Aber halt, du bist nicht auf der Suche nach einer Familie.

     Also blätterte er in den Reisedokumenten, bis er den Beleg der Mietwagenfirma fand. Aber … „Dieser Wagen ist auch nicht groß genug. Ruby kennt meinen Geschmack und hat mir einen Zweisitzer bestellt.“

     „Was für ein Modell?“, fragte Harry interessiert und ließ Petas Hand los.

     „Einen Jaguar.“

     Harry fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Du hast einen Mann geheiratet, der sich einen Jaguar mietet, Peta?“

     „Gut, was?“ Peta zwinkerte Marcus zu. „Damit wäre die Transportfrage geklärt. Ich nehme unseren Wagen, und Marcus folgt mir mit Harry in dem Jaguar. Auf geht’s.“

     So kam es, dass Marcus nicht mit seiner Braut an der Küste von Neusüdwales entlangfuhr, sondern mit einem Schuljungen. Harry belegte Marcus so selbstverständlich mit Beschlag, als würde er ihn seit Jahren als den Freund seiner Schwester kennen. Der Junge wirkte überglücklich.

     „Das liegt aber nicht an dem Jaguar“, erklärte er Marcus. „Ich freue mich einfach auf zu Hause. Die Farm ist Klasse. Du wirst schon sehen.“

Peta war kurz vor Marcus und Harry angekommen und hockte auf der Veranda eines baufälligen Hauses inmitten von Hunden, die sie begeistert begrüßten. Sobald Marcus anhielt, kamen ihm die Hunde bellend entgegen, und Peta folgte ihnen.

     Sie hinkte noch immer etwas, und sie trug den Rock und das Top, das Marcus ihr für den Termin bei Charles gekauft hatte. Und sie strahlte vor Glück. Warum? Weil sie wieder in dieser gottverlassenen Gegend war?

     Nein, das ist unfair, dachte Marcus sogleich. Die Landschaft war sehr schön. Vor den Bergen im Hintergrund erstreckte sich das hügelige Land an der Küste entlang, so weit das Auge reichte. Im warmen Licht der Nachmittagssonne sah die Gegend wirklich reizvoll aus.

     Das Haus dagegen wirkte abbruchreif, die Veranda auch.

     „Willkommen auf der Rosella Farm“, sagte Peta und versuchte, die aufgeregten Hunde zu beruhigen. „Aus!“

     Doch sobald die Hunde Harry in dem Auto entdeckten, gerieten sie außer Rand und Band. Bald kugelte sich Harry mit der ganzen Meute auf dem Boden herum.

     Marcus betrachtete ungläubig das heruntergekommene Gebäude. „Wohnst du etwa in diesem Haus?“

     „Ja.“ Petas Lächeln löste sich auf. „Keine Sorge, Marcus, Hatties Haus ist besser in Schuss. Es liegt da drüben hinter den Ställen. Komm, ich bringe dich hin.“

     „Okay.“ Marcus stieg aus. „Wie wär’s mit einem Rundgang über die Farm?“

     „Harry kann dir morgen nach der Schule alles zeigen“, erwiderte Peta ausweichend.

     Der Junge freute sich schon. „Am besten bleibe ich morgen zu Hause, um Marcus herumzuführen.“

     „Kommt nicht infrage, Harry, du hast schon zu viel versäumt. Aber du kannst Marcus jetzt zu Hatties Haus begleiten.“

     Damit war sie ihn los. Marcus runzelte die Stirn. Sie hatte ihn Harry übergeben und konnte nun ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen. Na und? Das war doch genau das, was er auch wollte.

     „Erst bringe ich dein Gepäck ins Haus.“ Marcus hielt in einer Hand Petas Reisetasche, in der anderen seinen Koffer.

     „Peta schläft auf der Veranda hinter dem Haus.“ Harry schob die Hunde beiseite und entschloss sich, den Gastgeber zu spielen. „Wir haben nur ein Schlafzimmer, und Peta besteht darauf, dass ich darin schlafe.“

     „Du schläfst auf der Veranda, Peta?“ Marcus traute seinen Ohren nicht.

     „Ja. Da ist es angenehm kühl“, sagte Peta.

     „Das glaube ich gern. Vor allem im Winter. Schläfst du das ganze Jahr über draußen?“

     „Früher haben wir alle da geschlafen“, sagte Harry. „Wir Jungen an dem einen Ende der Veranda, Peta am anderen. Nach Dads Tod wurde ich ins Haus verbannt. Ich weiß nicht mehr, wie es draußen war, aber bestimmt hat es mir gefallen.“

     „Unglaublich.“

     „Wenn du meinst, wir hätten Harry vernachlässigt, irrst du dich, Marcus. Als er klein war, hat er immer bei mir geschlafen.“ Petas Miene war undurchdringlich. „Du kannst Hatties Vorräte aufbrauchen. Die Gefriertruhe ist voll, und in der Speisekammer stehen haltbare Milch und Saft. Ich gehe morgen einkaufen und kann dir mitbringen, was du außerdem noch brauchst. Aber jetzt möchte ich gern …“

     „Was essen wir denn heute Abend?“ Marcus hatte keine Lust, in einem fremden Haus für sich allein zu kochen.

     „Peta macht immer Bratwürste“, erklärte Harry. „Meistens lässt sie sie anbrennen.“

     „Sind in meiner … in Hatties Gefriertruhe auch Würste?“

     „Klar“, antwortete Harry stolz. „Peta kauft immer gleich einige Hundert.“

     „Okay.“ Marcus lächelte seiner verwirrten Braut zu. „Dann koche ich heute Abend. Wir essen in einer Stunde. Ist das okay?“

     Peta war offenbar wenig begeistert. „Ich muss melken.“

     „Gleich am ersten Abend?“ Marcus sah sie erstaunt an.

     „Ja, sicher. Für heute Abend habe ich niemanden zum Melken bestellt. Wenn ich es nicht tue, verdienen wir kein Geld.“

     „Kann ich dir dabei helfen?“, fragte Marcus.

     „Nein, ich bin beim Melken lieber allein. Konzentriere du dich lieber auf die Bratwürste.“

     „Und dein Fuß?“

     „Der ist okay. Vergiss es, Marcus, ich möchte nicht, dass du mir hilfst.“

     Jetzt strahlt sie nicht mehr, dachte er. War ihr bewusst geworden, dass alles seinen Preis hatte?

     Und der Preis war … er, Marcus.

Hatties Haus ähnelte einem Puppenhaus. Alles war rosa. Außen sah man nur rötlichen Backstein, aber sobald Marcus den Fuß über die Schwelle setzte, sprang ihn das Rosa förmlich an. Rosa Wände, rosa Bilder, rosa Häkeldeckchen …

     „Rosa war Tante Hatties Lieblingsfarbe“, erklärte Harry.

     „Ja, das sehe ich. Ich finde Rosa grässlich.“

     „Ich auch.“ Harry grinste. „Unser Haus ist schöner, auch wenn es zusammenfällt.“

     Marcus blickte sich um. „Wieso ist dieses Haus so viel besser als das andere?“

     „Besser?“

     „Abgesehen von der rosa Farbe.“

     „Ach so. Tante Hattie hatte immer mehr Geld als wir.“

     „Kannst du mir erklären, warum?“

     Harry war nur allzu gern bereit, über diese Ungerechtigkeit zu berichten. „Mein Großvater hatte zwei Kinder, meinen Dad und Tante Hattie. Tante Hattie bekam Charles, als sie noch ein Teenager war. Also blieb sie hier wohnen. Großvater hat ihr dieses kleine Haus gebaut. Mein Dad hat meine Mom geheiratet und fünf Kinder bekommen. Als Großvater starb, erbte Tante Hattie die eine Hälfte der Farm und Dad die andere. Meine Familie hat immer die ganze Arbeit gemacht, und das Einkommen der Farm wurde durch zwei geteilt. Eine Hälfte für uns, die andere für Hattie.“

     „Wer macht die Arbeit?“

     „Hauptsächlich Peta. Wir helfen ihr.“

     „Und Hattie?“

     „Hattie hat nie gearbeitet.“ Harry sah sich um und schnitt ein Gesicht. „Sie hat nur das Haus gestrichen und so.“

     „Das war Peta gegenüber ziemlich unfair“, stellte Marcus nachdenklich fest.

     Harry nickte. „Stimmt. Charles meinte, wir müssten arbeiten oder die Farm aufgeben, eine andere Wahl hätten wir nicht. Dad war alles egal, die Hauptsache war, das Geld reichte für Alkohol. Oh, ich hätte dir wohl nicht verraten sollen, dass Dad getrunken hat.“ Harry wirkte plötzlich sehr jung. „Daniel hat es mir erzählt, aber Peta würde sich ärgern, wenn sie es wüsste.“

     „Ich erzähle es ihr nicht.“ Marcus runzelte die Stirn. „Peta ist also auf der Farm geblieben und macht die Arbeit. Warum sind denn deine Brüder weggegangen?“

     „Peta wollte es so. Sie meint, dass wir nie genug Geld für alle mit der Farm verdienen können und wir ordentliche Berufe lernen sollen.“ Jetzt grinste Harry wieder. „Wenn Peta sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann man sie nicht umstimmen.“

     „Da hast du vermutlich recht.“

     „Willst du wirklich Bratwurst machen?“

     „Ja, wenn mir nichts anderes übrig bleibt. Wo steht der Gefrierschrank?“

     „Komm, ich zeige es dir! Hattie hat manchmal Delikatessen gekauft. Vielleicht finden wir etwas Interessantes. Aber bitte nicht zu interessant.“

     „Okay, lass uns nachsehen. Kannst du eigentlich kochen, Harry?“

     „Nein“, antwortete Harry verblüfft.

     „Dann wird es höchste Zeit, dass du es lernst.“

Nach dem Melken duschte Peta. Sie war erschöpft, aber zufrieden. Ihre Kühe waren gesund und hatten sie mit lautem Muhen begrüßt. Die Farm kann mir keiner mehr nehmen, hatte Peta immer wieder gedacht, während sie die Euter einfettete und eine Kuh nach der anderen an die Melkmaschine anschloss. Anschließend bekam jedes Tier einen freundschaftlichen Klaps und durfte zurück auf die saftigen Weiden rund um das Haus.

     Beim Duschen überlegte Peta, dass endlich die beiden größten Risiken ihres Lebens Vergangenheit waren: ihr Vater und ihr Cousin Charles. Das verdankte sie Marcus. Es war ein großes Geschenk. Sie blickte auf den goldenen Ring an ihrem Finger. Marcus hatte darauf bestanden, dass sie die Ringe ein Jahr lang trugen. „Wenn wir es schon machen, dann machen wir es richtig“, hatte er gesagt.

     Er hatte es richtig gemacht. Und sie hatte ihn in Hatties Haus abgeschoben.

     Vielleicht liebte er Rosa. Bei dem Gedanken musste sie lächeln. Aber wenigstens hatte Marcus es bequem und war gut untergebracht.

     „Peta?“, rief Harry.

     Sie steckte den Kopf aus der Dusche. „Ja, was ist?“

     „Marcus und ich haben ein super Essen gemacht. Komm schnell, sonst wird es kalt.“ Harry hüpfte ungeduldig von einem Bein aufs andere, während Peta frische Jeans und ein T-Shirt überzog. „Los, Peta! Nun mach schon!“

     Aus ihrem Plan, sich mit Toast und Wurst auf die Veranda zu setzen und in Ruhe nachzudenken, würde wohl nichts werden. „Hättest du nicht Lust, heute mit mir allein Abendbrot zu essen, Harry?“

     „Machst du Witze?“, fragte Harry erstaunt. „Marcus ist Klasse.“

     „Ja, schon, aber …“

     „Und du solltest erst mal sehen, was wir gekocht haben.“

Peta betrat Tante Hatties Haus durch die Hintertür und blieb verblüfft stehen. Curry! So etwas hatte sie noch nie in diesem Haus gerochen. Tante Hattie hätte sicher drei Dosen Raumspray versprüht, um den Geruch wieder loszuwerden.

     Dann kam Marcus in den Flur, und Peta vergaß Tante Hattie. Peta hatte Marcus noch nie anders als in einem Designeranzug gesehen. Selbst auf der Reise war er so korrekt und teuer gekleidet gewesen, dass sie sich neben ihm sehr unscheinbar vorgekommen.

     Jetzt trug er Jeans, die beinahe so verwaschen waren wie ihre, und ein eng anliegendes T-Shirt, das über der Brust spannte. Wie muskulös er war! Sein dichtes schwarzes Haar stand zu Berge, und auf seiner linken Wange prangte ein gelber Fleck. Von der Currysoße?

     Außerdem trug Marcus eine von Tante Hatties gestärkten rosa Schürzen mit Rüschen und sorgfältig gebundener Schleife.

     Peta blickte ihn entgeistert an. Sie hatte sich vorgenommen, die höfliche, distanzierte Gastgeberin zu spielen, das Essen schnell hinter sich zu bringen und sich für den Rest des Abends zu entschuldigen. Aber dieser Anblick war zu viel. Plötzlich bog sich vor Lachen.

     „Was hast du denn?“ Marcus tat beleidigt. „Gefällt dir etwa meine Schürze nicht?“

     „Hast du …“ Peta rang vergeblich nach Fassung. Sie prustete erneut los. Dann versuchte sie es noch einmal: „Hast du die Schleife selbst gebunden?“

     „Nein, das war ich“, erklärte Harry. „Marcus hatte fettige Hände und wollte eine Schürze haben. Eine andere habe ich nicht gefunden.“

     „Macht nichts, Harry. Die Schürze ist nett und die Schleife perfekt. Das habt ihr gut gemacht.“ Allmählich beruhigte sie sich wieder. „Hm, rieche ich da tatsächlich Curry?“

     „Erraten.“ Marcus strahlte. „Harry mag Curry. Das hat er jedenfalls behauptet.“

     „Hatte Hattie etwa Currypulver im Haus?“ Peta war fasziniert.

     „Man braucht kein Pulver, um ein Currygericht zu kochen.“

     „Nicht?“

     „Nein. Sie verstehen wohl wirklich nichts vom Kochen, Mrs Benson!“

     Mrs Benson …

     Damit hatte Peta nicht gerechnet. Sie presste die Lippen zusammen und verdrängte alles, was mit dem neuen Namen zu tun hatte. „Dann verrate mir doch, wie du ein Currygericht ohne Currypulver kochst.“

     „Du suchst dir die passenden Gewürzdöschen aus Tante Hatties Würzregal. Sie hat es eher zu Dekorationszwecken gekauft, aber es enthält die nötigen Zutaten: Koriander, Kreuzkümmel, Kurkuma, Kardamom. Alle Gläschen waren noch fest verschlossen, sodass das Aroma nicht verflogen ist. Dann holst du die Chilipflanze von der Veranda und pflückst zwei Chilis, nimmst Lamm aus dem Gefrierschrank, eine Dose Tomaten aus der Speisekammer und eine Zitrone von dem Baum hinterm Haus und fängst an zu kochen. Hast du Hunger?“

     Peta atmete den Essensduft ein. Irgendetwas geschah mit ihr. Aber das lag nicht an dem köstlichen Geruch, sondern an der ganz neuen Erfahrung.

     Marcus schob ihr einen Stuhl an den Tisch. Das hatte noch nie jemand für sie getan. Marcus lächelte sie an. Noch nie hatte jemand sie angelächelt …

     War sie verrückt geworden? Natürlich lächelten die Leute sie an, sehr oft sogar.

     Aber nicht so wie Marcus.

     Ich muss damit aufhören, mahnte Peta sich. Sie war zu Hause und musste ihr normales Leben wieder aufnehmen. Die nächsten zwei Wochen wären eine verrückte Ausnahme, genauso wie dieser Mann, der für sie kochte und sie ansah, als bedeutete sie ihm etwas.

     Es würde vorübergehen. In vierzehn Tagen würde Marcus zurückfliegen, dann wäre alles wieder so wie bisher.

     Stimmte das wirklich?

     Peta und Harry saßen gegenüber von Marcus am Tisch und aßen das Currygericht, das er für sie gekocht hatte, mit gutem Appetit.

     Kochen war Marcus’ einziges Hobby. Er kochte für sein Leben gern, aber er hielt diese Tatsache geheim. Er hatte noch nie für andere gekocht.

     Dabei gefiel ihm diese Erfahrung sehr. Seine beiden Gäste aßen mit so viel Genuss und Freude, dass das Zusehen mehr Spaß machte als das Kochen. Peta und Harry unterhielten sich begeistert über das Essen und langten so kräftig zu, dass nichts übrig blieb und die Hunde, die unter dem Tisch lagen, leer ausgingen.

     „Wo hast du das gelernt?“, fragte Peta.

     Marcus erzählte es ihr. Es war eine neue Erfahrung für ihn, dass ihm eine Frau aufmerksam zuhörte. Eine Frau, die aussah, als würde es sie wirklich interessieren und als wäre er ihr wichtig.

     Bilde dir bloß so etwas nicht ein, warnte ihn eine innere Stimme. Sie hatte ihre Farm, ein erfülltes Leben. Sie brauchte ihn nicht. Trotz dieser vernünftigen Überlegungen versetzte es ihm einen Stich, als Peta nach dem Essen aufstand und sich verabschiedete.

     „Ich mache uns noch einen Kaffee“, bot er an.

     „Nein, danke. Ich muss morgen früh um fünf melken und gehe jetzt ins Bett. Du kommst mit, Harry! Morgen geht’s wieder zur Schule.“

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