Ich lege dir die Welt zu Füßen - 8. Kapitel

  1. KAPITEL

Die Stille war schwer zu ertragen.

     Peta, Harry und die Hunde verschwanden, und Marcus räumte die Küche auf. Dann packte er seinen Koffer aus und hängte seine Sachen auf rosa Bügel in den rosa Kleiderschrank. Nachdenklich betrachtete er die rosafarbenen Wände und überlegte, wie viele Stunden zwei Wochen hatten und wie viel Rosa ein Mann ertragen konnte.

     Er hatte schon jetzt fast genug davon.

     Dann schloss er seinen Laptop an und loggte sich ein. Es war neun Uhr in Australien, also fünf Uhr morgens in New York. Niemand außer ihm war online. Sogar sein E-Mail-Postfach enthielt nicht eine einzige Nachricht.

     Untätigkeit konnte einen Mann wie ihn in den Wahnsinn treiben.

     „Gönnen Sie sich einen Urlaub“, hatte Ruby ihm geraten. „Ich meine es ganz ernst, Mr Benson. Nehmen Sie sich zwei Wochen richtig frei. Wir wollen nichts von Ihnen hören. Probieren Sie einfach aus, ob Sie das schaffen.“

     Das hatte wie eine Herausforderung geklungen, und er hatte nicht begriffen, wovon sie sprach. Erst jetzt merkte er, dass Ruby diesen Moment vorhergesehen hatte. Sie kannte ihren Chef offenbar besser als er sich selbst.

     Der Abend heute hat Spaß gemacht, dachte er. Dabei hatte er nur einem Zwölfjährigen beigebracht, ein Currygericht zu kochen.

     Aber das stimmte gar nicht. Er hatte es genossen zu beobachten, wie viel Spaß Harry hatte. Und später hatte er miterlebt, wie sehr sich Peta über die Freude ihres kleinen Bruders freute.

     Peta war an diesem Abend glücklich gewesen, und das hatte ihn gefreut. Es war richtig, Peta glücklich zu machen, Anteil zu nehmen, für sie zu sorgen.

     Was war plötzlich mit ihm los?

     Marcus nahm sich zusammen. Er durfte nicht sentimental werden. Die Sache war in zwei Wochen vorbei.

     Also schaltete er den Fernseher ein und sah sich eine Folge einer amerikanischen Serie an. Der Film gefiel ihm nicht. Wie bin ich bloß in diese Situation geraten, fragte sich Marcus. Alle gingen ins Bett, nur er war noch hellwach. Der Jetlag machte sich bemerkbar. Seinem Körpergefühl nach war es sechs Uhr morgens. Konnte Peta vielleicht auch nicht schlafen?

     Oder schlief sie schon auf der Veranda?

     Es war schrecklich, jemanden zu zwingen, auf einer Veranda zu schlafen. Sie musste eine schlimme Kindheit gehabt haben. Marcus stellte sich vor, wie sie in ihrem altersschwachen Bett mit vielen kaputten Bettfedern unter abgenutzten Decken lag. Der Wecker würde sie im Morgengrauen unsanft aus dem Schlaf reißen, damit sie rechtzeitig aufstand, um die Kühe zu melken.

     Dabei hatte er ihr helfen wollen.

     Nein, er durfte nicht übertreiben. Er hatte ihr eine zweiwöchige Ehe angeboten. Mehr nicht.

     Doch plötzlich hielt er es keine Sekunde länger in dem kleinen rosa Haus aus. Er würde einen Spaziergang machen, und wenn er dabei zufällig in der Nähe von Petas Veranda vorbeikam …

Peta lag hellwach im Bett und versuchte, die tiefe Zufriedenheit heraufzubeschwören, die sie sonst jeden Abend empfunden hatte.

     Seit sie sich erinnern konnte, hatte sie in diesem Bett am Ende der Veranda geschlafen. Die Jungen am anderen Ende waren weit genug weg gewesen und trotzdem in der Nähe. Ihr Bett war Petas eigenes Reich. Hier konnte sie die Decke bis zur Nasenspitze hochziehen und ihren Gedanken nachhängen, während der Wind durch die Bäume strich, ein Käuzchen schrie und die Frösche quakten.

     Die nächtlichen Geräusche auf der Farm waren Peta vertraut. In New York hatte sie sie vermisst.

     Eigentlich hätte sie ruhig und zufrieden einschlafen können. Aber es klappte nicht. Sie lag mit offenen Augen da, blickte in den Sternenhimmel und sah immer nur Marcus vor sich.

Marcus wanderte einmal um das kleine rosa Haus herum und entschied sich dann für einen längeren Spaziergang. Der Vollmond schien hell, sodass die Umrisse der Kühe auf der Weide, der Baumgruppen und im Hintergrund die dunkle Silhouette der Berge zu sehen waren. Das Meer rauschte, und Marcus atmete die würzige Salzluft und den Duft der Eukalyptusbäume ein.

     Die ungewohnten Eindrücke, die Weite und die Stille hätten den Stadtmenschen Marcus normalerweise schnell zurück ins Haus getrieben. Stattdessen lenkte er seine Schritte in einem immer größeren Bogen vom Haus weg und folgte den Trampelpfaden, die Petas Familie ausgetreten hatte.

     Von Harry hatte Marcus erfahren, dass Peta Hattie oft besucht hatte. Die Kinder verdankten es Hatties Anwesenheit auf der Farm, dass sie nach dem Tod des Vaters nicht ins Heim gekommen waren, sondern auf der Farm hatten bleiben dürfen. Hattie hatte Peta sehr gern gehabt, war aber zu schwach gewesen, um sie vor Charles zu schützen.

     „Ich erinnere mich kaum an Charles“, hatte Harry Marcus erzählt. „Als er wegzog, war ich noch zu klein. Aber Daniel sagt, wenn jemand Charles in die Quere kam, hat er ihn geschlagen. Charles hat die Farm gehasst, und uns auch. Alle waren froh, als er wegzog, und fanden seine Besuche schrecklich. Charles kam nur, um Geld zu kassieren, und er brachte Tante Hattie zum Weinen, weil sie nie genug Geld für ihn hatte. Peta hat ihn daran gehindert, Tante Hattie zu schlagen. Also schlug Charles Peta.“

     Diese düstere Schilderung bestätigte, was Marcus über Charles wusste. Trotzdem sah Marcus jedes Mal rot, wenn er daran dachte, dass dieser elende Kerl Peta geschlagen hatte.

     Wenn er jemals darüber nachgedacht hätte, hätte Marcus wahrscheinlich seine eigene Kindheit als ziemlich furchtbar bezeichnet. Offenbar gab es noch andere Menschen mit ähnlichen oder noch schlimmeren Erfahrungen.

     Marcus wanderte immer weiter. Er fühlte sich kein bisschen müde, der Mond schien hell, und die Nacht war warm. Allmählich näherte sich Marcus Petas Zuhause, wo sie auf der Veranda lag. Bestimmt schlief sie tief und fest. Er würde niemanden aufwecken.

     Doch er hatte die Rechnung ohne die Hunde gemacht.

     Von allen Seiten kamen sie angerannt. Sie wollten ihn nicht verjagen, sondern sie waren außer sich vor Freude darüber, dass sie Besuch bekamen. Von Harry wusste Marcus, dass die Hunde während Petas Abwesenheit allein auf dem Grundstück geblieben waren. Ein Nachbar, der für Geld Nebenjobs annahm, hatte die Kühe versorgt und die Hunde gefüttert. Über Petas und Harrys Rückkehr hatten die Hunde sich sehr gefreut. Aber die beiden waren schon im Bett, und als nun Marcus auftauchte, der sie beim Kochen mit Resten gefüttert hatte, sprangen die Hunde an ihm hoch und bellten aufgeregt.

     „Tip und Bryson, kommt her! Was ist denn da draußen los?“

     Das war Peta. Bestimmt habe ich sie erschreckt, dachte Marcus besorgt.

     „Wenn du es bist, Marcus, pass auf, wohin du trittst. Wir haben die Kühe am Haus grasen lassen. Die Wiese ist voller Kuhfladen.“

     Sie schien nicht erschrocken zu sein.

     „Danke, ich sehe mich vor“, antwortete Marcus verblüfft.

     „Das würde ich dir auch raten!“

     Bildete er es sich nur ein, oder hatte ihre Stimme belustigt geklungen?

     „Kommt her, meine Lieben!“

     Sie meinte natürlich die Hunde.

     „Bist du im Bett, Peta?“

     „Aber sicher“, erklang ihre Stimme aus der Dunkelheit. „Und du gehörst auch dorthin.“

     „Ich bin hellwach. Warum schläfst du denn nicht?“

     „Würde ich ja gern, aber wenn fremde Männer nachts ums Haus laufen, ist nichts zu machen.“

     „Du hörst dich gar nicht verschlafen an. Willst du etwa behaupten, es sei meine Schuld, dass du noch wach bist?“

     „Nein. Ich freue mich, dass ich zu Hause bin.“

     „Auch wenn du auf der Veranda schlafen musst?“

     „Ich schlafe gern hier.“

     „Im Ernst?“

     „Ja, ganz im Ernst.“ Sie verstummte und traf dann offenbar eine Entscheidung. „Komm her, und sieh sie dir an!“

     „Du bittest mich in dein Schlafzimmer?“

     „Auf meine Veranda. Das ist ein großer Unterschied.“

     „Die Hunde passen ja auf dich auf.“

     „Wieso? Glaubst du, ich könnte plötzlich romantisch werden? Oder treibt dich etwa die Leidenschaft zu mir?“

     „Und wenn es so wäre?“

     „Ich habe hier einen Eimer eiskaltes Wasser. Im Notfall mache ich Gebrauch davon.“

     Marcus musste lachen. „Vielen Dank für die Einladung!“

     „Ich spreche sie kein zweites Mal aus. Kommst du nun her oder nicht?“

     Was für eine Frage! Seine Füße trugen ihn schon wie von selbst die wenigen Stufen hinauf.

     Oben blieb Marcus erstaunt stehen. Am Ende der Veranda stand ein Einzelbett, ganz wie erwartet. Aber er hatte sich ein hartes, schmales Bett nur mit dem Allernötigsten vorgestellt.

     Petas Bett dagegen quoll über von dicken bunten Patchworkdecken und vielen großen und kleinen Kissen. Im Mondlicht konnte Marcus die Farben nicht klar ausmachen, aber er sah genug, um sicher zu sein, dass es eine schrille Mischung aller Farbtöne war, die Peta liebte. Rings um sie her lagen sicher zehn große Kissen. Einige waren auf den Boden gefallen. Neben dem Bett ruhte auf mehreren Decken Ted, der älteste Hund der Farm.

     „Gefällt es dir?“ Peta verschwand tiefer unter dem Berg von Decken, sodass nur noch ihre Nase zu sehen war. „Ich finde es herrlich hier.“

     „Ich dachte, du seiest vernachlässigt worden“, rutschte es Marcus heraus.

     „Vernachlässigt?“

     „Ja, dein Vater war Alkoholiker, und deine Mutter lebte nicht mehr. Deshalb dachte ich, man hätte dich gezwungen, auf der Veranda zu schlafen …“

     „Mein Vater war okay. Er hatte keine Tochter haben wollen, aber das hat er nicht an mir ausgelassen. Für mich hatte er einfach nie Zeit.“

     „Und deine Mutter?“

     „An sie erinnere ich mich kaum. Sie saß immer im Haus und bekam das nächste Baby.“

     „Dir würde so etwas nicht passieren, stimmt’s?“

     „Wenn ich Kinder hätte, würde ich darauf achten, dass sie glücklich sind.“ Peta setzte sich aufrecht hin und blickte über das Verandageländer zum Meer, über dem der Mond tief am Himmel stand. „Meine Mutter liebte Babys. Aber sobald wir laufen konnten und Unordnung ins Haus brachten, hieß es: ‚Geht nach draußen spielen, und seht zu, dass ihr allein zurechtkommt.‘ Umso besser, dass es draußen herrlich war. Wir hatten Glück.“

     „Das nennst du Glück?“

     „Ja.“ Sie tätschelte liebevoll den alten Hund. „Es gab viel Platz zum Spielen, die Hunde und unsere Geschwister. Es war eine wunderbare Kindheit.“

     „Aber ihr wart arm.“

     „Du wirkst nicht besonders glücklich, obwohl du viel Geld hast“, antwortete sie leise. „Wo würdest du lieber schlafen? In deinem sterilen Apartment in Manhattan oder hier? Dies ist das schönste Schlafzimmer der Welt.“

     „Und wenn es regnet?“

     „Dann hänge ich Plastikplanen am Verandadach auf. Und wenn es mal sehr kalt wird, erlaube ich den Hunden, zu mir ins Bett zu kriechen. So ist es herrlich.“

     „Mir ist meine Zentralheizung lieber.“

     „Dreh dich um!“, forderte Peta ihn auf und richtete sich in ihrem erstaunlichen Bett auf.

     Sie trägt nur ein T-Shirt, dachte er. Die Frauen, mit denen er befreundet gewesen war, hatten ausnahmslos in teuren Seidennachthemden geschlafen.

     „Dreh dich um, Marcus!“, wiederholte sie.

     Er tat es und fühlte sich wie verzaubert. Sie hatte recht, die Aussicht war atemberaubend. Das Mondlicht warf ein silbrig glänzendes Band auf das Meer. Unterhalb des Hauses sah man den schmalen weißen Streifen, wo sich die Wellen am Strand brachen. Offenbar war Niedrigwasser, denn der Strand erstreckte sich meilenweit. Das Haus lag nur etwa zwei- oder dreihundert Meter vom Strand entfernt, und das stetige Rauschen der Wellen im Hintergrund klang wie ein Wiegenlied.

     Zwischen dem Haus und dem Strand standen vier oder fünf riesige Gummibäume, deren breit ausladende Äste ein dicht belaubtes Blätterdach trugen. Darunter käuten die Kühe friedlich wieder, was sie tagsüber an Kräutern und Gräsern gefressen hatten.

     „Deshalb habe ich dich geheiratet“, sagte Peta leise. „Nicht wegen des Geldes.“

     „Nicht aus Liebe?“

     Sie lächelte. „Sehnst du dich nach Romantik?“

     „Hm … nein.“

     „Ich hatte eine wunderbare Hochzeit“, sagte sie ernst. „Vielen Dank, Marcus. So geht die Geschichte doch, stimmt’s? Erst heiraten sie in Weiß, und dann lebt die Braut glücklich bis an ihr Lebensende.“

     „Zusammen mit ihrem Prinzen.“

     „Wozu brauche ich einen Prinzen? Ich habe doch die Farm, meine Hunde und genug Einkünfte, um meine Brüder gut zu versorgen.“

     „Du schickst mich also nach New York zurück?“

     „Nein, noch brauche ich dich hier“, erwiderte sie freundlich. „Du hast doch gesagt, die Ehe sei erst nach zwei Wochen rechtsgültig.“

     „Und dann kann ich gehen?“

     „Das willst du doch.“

     „Ja, natürlich.“

     „Trotzdem habe ich beschlossen, dich auf meine Veranda zu bitten“, verkündete Peta, als handelte es sich um ein großes Zugeständnis. „Nur dieses eine Mal. Damit du mit eigenen Augen siehst, was du mir gegeben hast.“

     „Und damit ich einsehe, dass du mich nach den zwei Wochen wirklich nicht mehr brauchst?“

     „Ja, das auch. Ich habe nämlich immer das Gefühl, dass du glaubst, meinen Wohltäter spielen zu müssen.“ Sie verstummte. „Okay, ich habe wirklich Hilfe gebraucht, und du hast die Farm für mich gerettet. Ich wünschte nur, ich könnte dir auch helfen.“

     „Mir helfen?“

     „Ja. Du führst kein besonders befriedigendes Leben.“

     Marcus blickte im Mondschein auf Peta hinab. Sie hatte die Arme um die angewinkelten Beine geschlungen und betrachtete ihn so aufmerksam, als wäre er ein seltener Käfer oder dergleichen.

     „Hör auf damit“, forderte er sie unvermittelt auf.

     „Womit?“

     „Deine Nase in Dinge zu stecken, die dich nichts angehen.“

     „Wie du willst.“ Peta verschwand wieder bis zur Nasenspitze unter den Decken. „Gute Nacht.“

     Sie schickte ihn wieder weg. Also sollte er wohl die ausgetretenen Stufen hinuntergehen und sich zu dem kleinen rosa Haus aufmachen …

     „Leidest du unter dem Jetlag, Peta?“

     „Nein, ich hatte doch ein bequemes Bett im Flugzeug.“ Zwischen all den Decken klang ihre Stimme leise und undeutlich.

     „Ich meine die Zeitverschiebung“, erklärte Marcus irritiert. „Meinem Gefühl nach ist es jetzt früher Morgen.“

     „Stimmt, das geht mir auch so. Aber das wissen die Kühe ja nicht. Ich muss um fünf Uhr aufstehen, und ich brauche meinen Schlaf.“

     „Du willst, dass ich weggehe?“

     Peta schob die Decken ein Stückchen beiseite und blickte Marcus an. „Ach so, du bist einsam.“

     „Nein! Ich …“

     „Hatties Haus ist wirklich etwas sonderbar. So viel Rosa. Kein Wunder, dass du dich dort einsam fühlst.“

     „Geht es dir nicht so?“

     „Mir fehlen die Jungen“, gab sie zu. „Harry schläft inzwischen immer im Haus. Er hat Angst, sein Computer könnte draußen feucht werden. Ich fand es damals herrlich, als wir noch alle hier geschlafen haben.“ Sie zeigte auf das andere Ende der Veranda. „Du kannst es ausprobieren, wenn du willst.“

     „Was? Ich soll die Veranda mit dir teilen?“

     „Sie ist sehr lang.“

     „Erlaubst du öfters fremden Männern …?“

     „Du bist kein Fremder, sondern mein Ehemann.“

     Es war unglaublich, aber wahr.

     „Und wenn ich den Hunden befehle, jemanden anzugreifen, tun sie es.“

     „Das glaube ich nicht.“

     „Es stimmt“, sagte Peta ernst. „Daniel hat die Hunde abgerichtet, nachdem Charles das letzte Mal hier war. Es sind sehr intelligente Hütehunde, und sie kommen wunderbar mit den Rindern zurecht. Charles hat mir eines Nachts das Leben so richtig schwer gemacht. Daraufhin hat Daniel beschlossen, die Hunde müssten mich beschützen, wenn ich hier allein übernachte. Seither brauche ich es ihnen nur zu befehlen, und sie verwandeln sich in wilde Angreifer. Soll ich es dir beweisen?“

     „Nein, danke!“ Marcus sah Peta lächeln.

     Er fand die Situation mehr als verwirrend. Diese Frau hatte gelobt, seine Frau sein zu wollen. Als seine wunderschöne Braut war sie Hand in Hand mit ihm vor die Pressefotografen getreten, und im Flugzeug hatte sie friedlich neben ihm geschlafen.

     Was hatte er denn auf der Farm erwartet?

     Jedenfalls keine Einladung auf die Veranda mit mehreren Hunden zwischen ihnen.

     Marcus blickte hinüber zum Strand. Es war herrlich hier. Und er konnte hier schlafen, bei ihr. Oder er konnte in das rosa Häuschen zurückgehen und sich in das rüschenbesetzte weiche Bett von Hattie legen oder es sich in Charles’ Jugendzimmer gemütlich machen, dessen Wände mit allen möglichen Postern geschmückt waren.

     Die drei Möglichkeiten hatte Marcus.

     „Es ist ein großzügiges Angebot“, neckte Peta ihn fröhlich. „Ich mache es nicht jedem. Aber jetzt will ich schlafen. Gute Nacht.“ Sie schlüpfte unter ihre Decken und kehrte Marcus den Rücken zu. Er konnte ihr Angebot annehmen oder es bleiben lassen, ganz nach Belieben.

     Ich sollte nach Hause gehen, dachte Marcus.

     Nach Hause? In Hatties Haus?

     Einen Moment lang ließ er den Blick auf Petas Bett ruhen, dann drehte er sich um und inspizierte das andere Ende der Veranda. Das Bett war frisch bezogen und sicher dreimal so breit wie Petas. Vielleicht hatte sie wirklich gar keine so schlimme Kindheit gehabt. Marcus betrachtete die vielen Decken und Kissen und stellte sich vor, wie vier kleine Jungen es sich darin gemütlich machten. Und Peta, die große Schwester, schlief ganz in der Nähe.

     Das war gar nicht so schlecht.

     Marcus zögerte nur kurz. Denn eigentlich wusste er, wo er am liebsten schlafen wollte. Kurz entschlossen zog er sich aus und schlüpfte unter die Decken. Er kam sich vor wie ein Kind bei einem Campingausflug. Als er sich vorsichtig ausstreckte, erwartete ihn die zweite Überraschung: Es gab weder kaputte Bettfedern noch durchgewetzte Betttücher. Im Gegenteil, das Bett schien ihn wie einen lang ersehnten Gast aufzunehmen. Angenehme Geräusche und Gerüche machten ihn schläfrig.

     Dann stupste eine feuchte Hundenase an seinen Ellenbogen, und Marcus war wieder hellwach.

     „Wen haben wir denn da?“ Marcus betrachtete den Hund. „Ah, du bist Tip, stimmt’s? Einer der gefährlichen Kampfhunde.“

     Tip sah ihn hoffnungsvoll an und wedelte eifrig mit dem Schwanz. Würde ihn dieser Fremde ins Bett einladen?

     „Wenn du Flöhe hast, fliegst du gleich wieder raus!“

     „Tip hat keine Flöhe“, erklärte Peta empört.

     „Ich dachte, du schläfst.“ Marcus zuckte zusammen, als der große Hund kurzerhand zu ihm unter die Decke kroch und sich an ihn schmiegte.

     „Tip schläft gern mit jemandem im Bett“, kommentierte Peta zufrieden. „Ich habe noch nie mit einem Ehemann hier geschlafen. Findest du nicht auch, dass das ein seltsames Gefühl ist?“

     Seltsam? Das ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts, dachte Marcus. Er lag auf dem Rücken und betrachtete den Sternenhimmel, während Peta unter ihren Decken verschwand. Nach kurzer Zeit begann Tip leise zu schnarchen.

     Wenig später war auch Marcus eingeschlafen.

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