Mein irischer Held - 13. Kapitel

13. KAPITEL

Ein wenig Wasser schwappte über den Rand des Badezubers, als Genevieve hineinstieg. Bevan legte ihr die Hände um die Taille und half ihr, sich so zu setzen, dass ihr Rücken an seiner Brust lag. Es war seltsam, das warme Wasser und zugleich Bevans kräftigen, männlichen Körper zu spüren. Auch war es geradezu beunruhigend, zu fühlen, wie erregt er war. Einen Moment lang empfand Genevieve die alte, vertraute Angst. Dann sagte sie sich, dass sie nicht mit Hugh, sondern mit ihrem Gemahl zusammen war, und der würde ihr keine Schmerzen zufügen.

     Es fiel ihr nicht leicht, sich zu entspannen, aber da Bevan geduldig wartete, gelang es ihr schließlich doch. Nach einer Weile ließ sie sich gegen ihn sinken, und er begann, sie zu streicheln.

     "Ich finde, man sollte immer so baden", sagte er zufrieden.

     "Meinst du nicht, dass es ein bisschen eng ist?"

     "Nein, gar nicht." Er hatte die Hände auf ihre Brüste gelegt und massierte sie sanft.

     Genevieve seufzte wohlig auf und fuhr mit den Fingern über Bevans Oberschenkel. Wie muskulös sie waren! Und wie ungewohnt seine Haut sich anfühlte. Sie ließ die Hände an seinen Beinen hinabwandern. Als sie die Fußsohlen erreichte, ertönte hinter ihr ein herzhaftes Lachen.

     "Bist du etwa kitzelig?", rief sie aus. Sie versuchte es noch einmal.

     Diesmal lachte Bevan so heftig, dass erneut Wasser über den Rand des Zubers schwappte. Dann allerdings setzte er Genevieves Treiben ein Ende, indem er sie bat, sich umzudrehen. "Am besten legst du die Beine um meine Hüften", erklärte er. Sobald sie das mit seiner Hilfe getan hatte, beugte er sich vor und küsste zärtlich abwechselnd ihre beiden Brustknospen.

     Ein heißer Schauer durchlief sie, und ihr Puls begann zu rasen. Immer schneller ging ihr Atem. Sie stöhnte vor Lust auf. Wie von selbst begannen ihre Hände, Bevans Körper zu liebkosen. Nach und nach wurde sie mutiger. Sie küsste die Narbe auf seiner Wange, dann die an seiner Schulter und die, die schräg über seine Rippen lief.

     "Warte", flüsterte Bevan. Auch er atmete jetzt in kurzen, heftigen Stößen. "Warte, ich möchte mich hinstellen."

     Wasser tropfte aus seinem Haar und rann über seinen muskulösen Körper, als er sich aufrichtete. Genevieve kniete jetzt vor ihm und presste die Lippen auf eine Narbe an seinem Oberschenkel.

     Er fing an zu zittern und fragte mit rauer Stimme: "Weißt du eigentlich, was du mit mir machst?"

     Sie antwortete nicht, aber ihr Blick verriet, dass sie genau verstand, was Bevan meinte.

     "Komm!" Er griff nach ihrer Hand und zog sie hoch. "Hilfst du mir beim Abtrocknen?"

     Gleich darauf standen beide tropfend neben dem Badezuber und trockneten sich gegenseitig ab. Schließlich schlang Genevieve ein Tuch um ihr nasses Haar und schaute unsicher in Richtung Bett. Aber da hatte Bevan sie schon hochgehoben. Mühelos trug er sie durch die Kammer, ließ sie auf die mit Stroh gefüllte Matratze gleiten und deckte sie zu. Dann schlüpfte er zu ihr unter die Decke und verschloss ihr den Mund mit einem langen und leidenschaftlichen Kuss.

     Nie zuvor hatte er eine Frau so sehr begehrt. Nicht einmal Fiona hatte ein solch grenzenloses Verlangen in ihm entfacht. Mit bebenden Fingern begann er erneut, den Körper seiner jungen Gemahlin zu erforschen.

     Genevieve, die im Bad noch so mutig gewesen war, lag jetzt fast reglos da. War es ein Fehler gewesen, sie ins Bett zu tragen? "Hab keine Angst", bat er.

     "Ich bemühe mich ja", flüsterte sie, "aber ich kann nichts dagegen tun."

     Er versuchte sich vorzustellen, was Hugh mit ihr getan hatte, damit er, Bevan, all jene Furcht einflößenden Dinge vermeiden konnte. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie der Normanne sich vor ihr aufgebaut und sie mit seiner Kraft und Größe eingeschüchtert hatte.

     Gut, dachte er, dann muss ich dafür sorgen, dass sie sich auf keinen Fall unterlegen fühlt.

     Er drehte sich auf den Rücken und zog Genevieve auf sich.

     Im ersten Moment erstarrte sie. Doch dann wurde ihr klar, dass es, solange sie über ihm kniete, allein an ihr lag, was weiter geschah. Sie bewegte sich ein wenig – und Bevan stöhnte auf. Einfühlsam begann er ihr zu zeigen, was in dieser Stellung möglich war. Nach einer Weile fasste Genevieve Mut. Noch war sie zurückhaltend, aber ihre Hemmungen und Ängste schwanden. Bald wagte sie es, ihren Gemahl mit Händen und Lippen zu liebkosen.

     Es kostete ihn beinahe übermenschliche Kraft, sich nicht zu rühren. Er hatte das Gefühl, innerlich zu verbrennen, so heiß rann ihm das Blut durch die Adern. Vor Verlangen hätte er sterben mögen. Und dann, gerade als er meinte, es nicht länger ertragen zu können, ließ Genevieve sich auf ihn sinken und nahm ihn in sich auf.

     Bevan konnte nicht anders: Leicht hob er ihr seine Hüften entgegen. Als Genevieve kurz zusammenzuckte, wusste er, dass sie noch Jungfrau war. Einen Moment lang verharrten beide regungslos. "Meine Schöne", flüsterte Bevan, "meine wunderbare Verführerin."

     Das genügte, um Genevieves Starre zu durchbrechen. Sie schien den Schmerz überwunden zu haben. Langsam, dann rascher und rascher bewegte sie sich, bis sie einen erregenden Rhythmus gefunden hatte, der sie und Bevan alles andere vergessen ließ und sie gemeinsam zur Erfüllung trug.

     Später, als sie darauf warteten, dass ihr Herzschlag sich beruhigte, lagen sie aneinandergeschmiegt da. Sie schwiegen, aber ihre Blicke sprachen für sich. In Genevieves Augen hatte Bevan gesehen, wie sehr sie ihn liebte, wie sehr sie ihn brauchte. Und er gestand sich ein, dass auch er nicht mehr ohne sie sein wollte. Er sehnte sich nach ihrer Liebe. Er sehnte sich nach ihrer Nähe. Nie hatte sich etwas so wunderbar und richtig angefühlt wie ihr Körper in seinen Armen.

Als der Morgen graute, schlug Genevieve die Augen auf. Sie lag eng an Bevans Rücken und fühlte sich glücklicher als seit Jahren, ja, vielleicht glücklicher als je zuvor in ihrem Leben. Lächelnd stützte sie sich auf den Ellbogen und küsste die Schulter ihres Gemahls. "Guten Morgen", flüsterte sie ihm ins Ohr.

     Er erwiderte nichts, obwohl er ebenfalls wach war. Sie war verwirrt. In der Nacht hatte er sie noch zweimal geliebt, und sie war davon überzeugt, ihn nicht enttäuscht zu haben. Jetzt erschien er ihr kühl, ja beinahe abweisend. Was war geschehen?

     "Ist alles in Ordnung?", fragte sie ängstlich.

     "Ja." Er setzte sich auf und begann sich anzukleiden. "Allerdings stehe ich im Allgemeinen früher auf. Meine Männer warten bestimmt schon auf mich. Ich sollte mich besser beeilen."

     Genevieve schlang ihm die Arme um die Taille. "Hast du keinen Hunger?"

     Er wandte sich um und ließ den Blick über ihren nackten Oberkörper gleiten. Sie bemerkte, wie seine Augen aufleuchteten. Aber dann gab er ihr nur einen kleinen Kuss auf die Stirn und murmelte: "Nicht jetzt. Wir sehen uns später."

     Genevieve wollte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen. Sie lächelte Bevan zu und zog dann ihr Unterkleid an. "Ich habe Mairi versprochen, ihr beim Färben der Wolle zu helfen", sagte sie, bemüht, so zu tun, als sei sie bester Laune. Insgeheim fragte sie sich jedoch, warum die Vertrautheit, die in der Nacht zwischen ihr und Bevan geherrscht hatte, plötzlich verflogen war. Bedauerte er womöglich, dass er die Ehe nun tatsächlich vollzogen hatte? Nein, das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Er war zärtlich und rücksichtsvoll gewesen, aber sein Verlangen war ebenso gestillt worden wie ihres.

     Jetzt schien er das alles weit von sich geschoben zu haben. Ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen, war er zur Tür hinaus.

     Genevieve kleidete sich fertig an und begann damit, die Kammer aufzuräumen. Als sie das Bett richtete, runzelte sie unwillkürlich die Stirn. Nachdem Bevan sie in die Liebe eingeführt hatte, konnte sie sich kaum noch vorstellen, dass sie noch vor Kurzem in Panik geraten war, wenn sie sich ausmalte, was als Ehefrau von ihr erwartet wurde. Bevan hatte ihr diese Angst genommen. Und dafür würde sie ihm immer dankbar sein.

     Als sie sich seine Liebkosungen in Erinnerung rief, musste sie lächeln. Auch wenn er sich jetzt kühl und abweisend gab, so war es doch offensichtlich, dass sie wunderbar harmonierten. Sicher würde sie nie Fionas Platz einnehmen können. Aber sie würde darum kämpfen, Bevans Liebe zu gewinnen.

     Ja, machte sie sich selbst Mut, unsere Ehe kann durchaus glücklich werden.

Später traf sie sich mit Mairi in dem zur Burg gehörenden Gebäude, in dem Jahr für Jahr die Wolle gefärbt wurde. Es roch sehr eigen nach verschiedenen Pflanzen und Flüssigkeiten, die für die Arbeit benötigt wurden. Auch die feuchte Wolle selbst verbreitete einen nicht gerade angenehmen Geruch. Genevieve rümpfte die Nase. Im Allgemeinen scheute sie sich nicht, den Mägden und Pächterfrauen bei allen möglichen Aufgaben zur Hand zu gehen. Aber der Gestank in der Hütte machte ihr doch zu schaffen, und einen Moment lang überlegte sie, ob sie sich mit einer Entschuldigung verabschieden sollte.

     Dann bemerkte sie Siorcha. Überrascht begrüßte sie die alte Frau, die sich auf Laochre so liebevoll um den kleinen Declan gekümmert hatte. "Wie kommt es, dass Ihr auf Rionallís seid?"

     "Hier ist meine Heimat", gab Siorcha zurück. "Ich habe hier gelebt, bis die Normannen in die Burg einzogen. Schweren Herzens bin ich damals fortgegangen, weil ich es einfach nicht ertragen konnte, für ein Ungeheuer wie Marstowe zu arbeiten. Als ich erfuhr, dass Bevan seinen Besitz zurückerhielt, bin ich zurückgekommen."

     "Wie schön, dass Ihr wieder hier seid", sagte Genevieve herzlich. "Ihr und Mairi müsst mir sagen, was ich tun soll. Was das Färben betrifft, habe ich keine Erfahrung."

     Die beiden älteren Frauen lachten und gaben ihr ein paar Anweisungen. Später, als sie Seite an Seite mit Mairi arbeitete, sagte diese leise zu ihr: "Wie ich sehe, hat er Euch endlich in sein Bett geholt."

     Genevieve errötete, gab aber lächelnd zurück: "Wie kommt Ihr darauf?"

     "Ihr habt diesen Gesichtsausdruck, den man nur bei Frauen sieht, die eine sehr schöne Nacht hinter sich haben. Die MacEgan-Brüder sind bekannt dafür, genau diesen Ausdruck auf die Gesichter ihrer Geliebten zaubern zu können."

     "Oh!"

     Mairi warf Krappwurzeln in den Kessel mit kochendem Wasser und sagte erklärend: "Färberröte, die braucht man für rote Wolle. Wenn man die Menge ändert, kann man aber auch violette und sogar blaue Stoffe damit herstellen."

     Etwas verwirrt über den Themenwechsel, nickte Genevieve. Gleich darauf rief Siorcha nach ihr, da sie ihr zeigen wollte, wie man verhindert, dass die Farbe aus den frisch gefärbten Stoffen beim Waschen auslief. Genevieve bemühte sich, sich alles Wichtige zu merken und alle Anweisungen korrekt auszuführen. Doch ihre Gedanken wanderten bereits zur kommenden Nacht. Seit Mairis Bemerkung über die MacEgans konnte sie einfach nicht anders: Sie musste sich immer wieder vorstellen, wie Bevan sie küssen und streicheln würde, bis sie vor Verlangen fast den Verstand verlor. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich ausmalte, wie glücklich er sie machen würde.

     Allerdings würde es noch lange nicht Abend werden. Ehe die Sonne unterging, galt es noch viel zu erledigen.

     Da sie sich inzwischen an den Geruch gewöhnt hatte, stimmte Genevieve sogleich zu, als Mairi ihr vorschlug, ihr auch noch zu zeigen, wie man Wolle so färbte, dass sie einen Orange- oder einen Braunton annahm. Die Burgherrin war nicht wenig erstaunt, als sich herausstellte, dass man Zwiebeln dazu verwendete. Bisher hatte sie geglaubt, diese Pflanze fände nur in der Küche Verwendung.

     Als sie von England nach Irland gekommen war, hatte sie staunend gesehen, dass die wohlhabenden Iren gern bunte Stoffe trugen. Sie schienen sich auch nicht zu scheuen, alle möglichen Farbtöne miteinander zu kombinieren. In England wäre niemand auf die Idee gekommen, sich so farbenfroh zu kleiden. Lady Helen hatte sogar einmal ihrer Tochter gegenüber bemerkt, dass die bunten Kleider der irischen Damen ein bisschen kindisch auf sie wirkten. Genevieve allerdings fand die irische Mode inzwischen beinahe schöner als die englische.

     Gegen Mittag verließen die drei Frauen das Gebäude, in dem sie unermüdlich gefärbt hatten. Nachdem Genevieve etwas gegessen hatte, begab sie sich zum Übungsplatz der Krieger. Es herrschte eine klirrende Kälte, doch Bevans Männer ließen sich dadurch nicht von ihrem Treiben abhalten. Einige traten mit den Schwertern gegeneinander an, während andere mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben aus Stroh schossen. Bevan selbst ging zwischen seinen Leuten umher, gab hier einen Ratschlag, lobte dort und wirkte im Großen und Ganzen recht zufrieden.

     Nicht so Ewan, der von einem windgeschützten Platz an der Mauer aus zuschaute. Man konnte seiner Miene entnehmen, wie unglücklich er war, nicht zu den Männern zu gehören, die so fleißig übten. Genevieve wusste, dass er sich in die Waffenkammer begeben würde, wenn er sich sicher sein konnte, dort unbeobachtet zu sein. Dann würde er Stunde um Stunde allein seine Schrittfolgen ausführen. Der Junge tat ihr leid. Er gab sich solche Mühe, aber aus irgendeinem Grund konnte er sich nicht mit seinen Altersgenossen messen.

     Genevieve wünschte sich nur, dass er eines Tages sein Ziel erreichen würde. Sein Fleiß und sein Durchhaltevermögen sollten ihrer Ansicht nach wirklich belohnt werden.

     Sie richtete den Blick wieder auf Bevan, der ihr heute verändert vorkam. Nach einer Weile wurde ihr klar, was anders war. Er bewegte sich mit größerer Energie als sonst, seine Schritte wirkten geradezu beschwingt, und wenn er ab und zu zum Schwert griff, um seinen Männern etwas zu zeigen, so kämpfte er nicht nur mit Kraft und Geschick, sondern mit Begeisterung.

     Irgendwann bemerkte er, dass sie ihn beobachtete. Er legte das Schwert aus der Hand, nickte seinen Leuten zu und richtete den Blick auf Genevieve. Er hatte sein Haar mit einer Kordel zusammengebunden und trug die lederne Rüstung, die er bei den Übungen bevorzugte. Wie stark und männlich er aussah! Wie attraktiv! Unwillkürlich stellte Genevieve sich vor, wie sie seine muskulösen Arme, seinen kräftigen Brustkorb, seine schmalen Hüften und seine Oberschenkel streicheln würde. Ihr war, als lächele er zu ihr herüber. Und in diesem Moment war ihr, als könne sie seine Lippen schmecken.

     Dann stand er plötzlich vor ihr. "Was gibt es?", fragte er.

     Sie errötete, als ihr bewusst wurde, woran sie gedacht hatte. "Nichts Besonderes", sagte sie rasch. "Ich hatte noch ein bisschen Zeit, ehe ich in der Küche nach dem Rechten sehen muss. Du weißt ja, dass ich den Männern gern beim Kämpfen zuschaue."

     "Ich bin hier fertig", stellte Bevan fest, "eigentlich könnte ich dich begleiten."

     Da er neben ihr ging, wollte Genevieve nach seiner Hand greifen. Aber er entzog sich ihr und beschleunigte seine Schritte. Verwirrt und verletzt durch diese Zurückweisung senkte sie den Kopf.

     Als sie den Saal betraten, eilte eine Magd auf sie zu, die eine Schüssel voll mit warmem Wasser und ein Fläschchen mit Öl trug. Sie stellte alles vor Bevan ab, damit dieser sich die Füße waschen konnte. Er ließ sich auf einer Bank nieder und zog die Schuhe aus. Ehe er jedoch mit dem Waschen beginnen konnte, kniete Genevieve sich vor ihn hin und bat: "Lass mich das machen."

     Sie spürte, wie ihr Gemahl sich versteifte, als sie ihn berührte. Was sie nicht ahnte, war, dass er, seit sie die Hand nach ihm ausgestreckt hatte, befürchtete, sich vor Verlangen nach ihr zum Narren zu machen. Wie peinlich, wenn alle Welt sehen würde, wie sein Körper auf die erregende Nähe dieser Frau reagierte. Aber schlimmer noch war Bevans Sorge, dass er sich erneut von seinen Gefühlen, statt von seiner Vernunft leiten lassen könnte. Er hatte Angst vor der Liebe und dem Schmerz, den sie so oft im Gefolge hatte. Es war dumm gewesen, Fiona zu lieben. Und diese Dummheit wollte er nicht wiederholen. In seiner zweiten Ehe war kein Platz für solche Empfindungen. Aber wie kam es dann, dass er sich gegen Genevieves Anziehungskraft nicht zur Wehr setzen konnte?

     Sie goss sich ein paar Tropfen Öl in die Handflächen und begann damit, seine Zehen zu massieren. Bevan zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Doch so sehr er sich auch bemühte, er musste sich unentwegt vorstellen, wie es sein würde, wenn diese betörende Frau wieder nackt und hingebungsvoll in seinen Armen lag.

     Eine Ewigkeit schien zu vergehen, ehe Genevieve seine Füße abgetrocknet hatte und ihm die Schuhe wieder anzog. Dann richtete sie sich auf und schaute ihn forschend an. Ihre Augen verrieten, dass sie ihn genauso begehrte wie er sie. In diesem Moment vergaß er, was er sich vorgenommen hatte. Seine Beherrschung, die er so mühsam aufrechterhalten hatte, zerbrach. Er beugte sich vor und gab Genevieve einen leidenschaftlichen Kuss.

     Atemlos ließen sie schließlich voneinander ab. "Komm!" Bevan nahm Genevieve bei der Hand und zog sie zur Treppe. Er konnte es kaum erwarten, ihre Haut auf seiner zu spüren. Er wollte neben ihr liegen, unter ihr, auf ihr. Er wollte sie küssen und streicheln und ihren Körper ganz und gar besitzen.

     Sie liefen die Stufen hinauf, rannten durch den Gang, rissen die Tür zu Bevans Schlafgemach auf und warfen sie gleich darauf hinter sich zu. Mit fliegenden Fingern entkleideten sie sich gegenseitig. Einander umschlungen haltend, ließen sie sich aufs Bett fallen, wo sie sich sofort küssten.

     Plötzlich richtete sich Genevieve auf und starrte mit schreckensweiten Augen auf den Kaminsims. Dort lag ein goldener Haarreif, auf dem blaue Edelsteine glitzerten.

     "Was ist das?", fragte Bevan.

     Genevieve zitterte. Offenbar war sie nicht in der Lage, ein Wort von sich zu geben. Erst als ihr Gemahl sie schützend in die Arme schloss, sagte sie mit tonloser Stimme: "Hugh wollte mir dieses Schmuckstück schenken. Ich habe es nicht angenommen."

     Wie immer, wenn Marstowes Name fiel, stieg Zorn in Bevan auf. Größer allerdings war seine Besorgnis um die Sicherheit seiner Gemahlin und all der Menschen, die auf und in der Umgebung von Rionallís lebten. "Wie kommt der Reif in mein Gemach?"

     "Ich weiß es nicht." Genevieve hatte sich inzwischen wieder so weit beruhigt, dass sie klar denken konnte. "Vor einiger Zeit hat Hugh mir ein Päckchen geschickt, das nichts als ein blaues Seidenband enthielt. Er hatte es mir zu Beginn unserer Bekanntschaft geschenkt. Ewan fand heraus, dass ein normannischer Krieger es einem Jungen im Dorf übergeben hatte mit dem Hinweis, er solle es in die Burg bringen." Sie schmiegte sich an Bevan. "Für mich war das ein Beweis dafür, dass er versuchen würde, mich zurückzugewinnen. Sein Besuch hier hat mich in meiner Annahme bestärkt. Zuerst hat er sich bemüht, sich charmant und großzügig zu geben. Als ich allerdings ihn und sein Geschenk zurückwies, hat er gedroht, dir etwas anzutun."

     "Es wäre besser gewesen, wenn du gleich nach meiner Rückkehr mit mir über dieses Band gesprochen hättest." Es kränkte ihn, dass sie so wenig Vertrauen zu ihm hatte. Alles Wichtige über Marstowes Auftauchen hatte er vorrangig von Ewan erfahren. Und das Seidenband war, soweit er sich erinnern konnte, überhaupt nicht erwähnt worden. Glaubte Genevieve womöglich noch immer, er könne sie nicht gegen diesen Normannen beschützen?

     Dann fiel ihm ein, dass jeder, der den geheimen Gang kannte, unbemerkt Genevieves Kammer betreten konnte. "Du musst in eine andere Kemenate ziehen", erklärte er. "Außerdem werde ich ein paar meiner Männer beauftragen, die Burg gründlich zu durchsuchen."

     "Ewan könnte etwas wissen", meinte Genevieve. "Er hat einige deiner Leute beauftragt, Hugh und die Normannen nach ihrem Besuch hier zu verfolgen."

     "Ja, das hat er erwähnt. Allerdings möchte ich eigentlich nicht, dass mein Bruder in diese Angelegenheit verwickelt wird."

     "Ich glaube, du unterschätzt ihn. Mir war Ewan eine große Hilfe. Er ist kein Kind mehr, und er würde so gern etwas Sinnvolles tun. Ich finde, du solltest ihm eine Chance geben."

     "Wenn er sich in Gefahr begibt, muss er sich verteidigen können. Aber das kann er nicht. Er hat nicht das geringste Talent zum Kämpfen."

     "Er übt geradezu verbissen. Bestimmt wird er sein Ziel eines Tages erreichen."

     Bevan zuckte die Schultern. "Eines Tages? Das ist zu spät, wenn er jetzt angegriffen wird. Du willst doch auch nicht, dass er stirbt, weil er seinem Gegner unterlegen ist. Es wäre wirklich besser, wenn er sich für einen anderen Lebensweg entscheiden würde. Er ist nicht zum Krieger geboren."

     "Ich glaube nicht, dass ihn irgendwer von seinen Plänen abbringen kann. Meiner Meinung nach wäre es am klügsten, ihn beim Üben zu unterstützen, damit er sich im Laufe der Zeit verbessern kann."

     "Nein!" Bevans Stimme klang hart. "Ich werde meinem Bruder nicht helfen, einen Weg einzuschlagen, der ihn mit Sicherheit ins Verderben führt. Solange er nicht als Krieger gilt und nicht in den Kampf zieht, kann er nicht auf dem Schlachtfeld umkommen."

     Genevieve seufzte auf. So sehr ihr Gemahl und sein jüngster Bruder sich in den meisten Bereichen voneinander unterschieden, eines hatten sie gemeinsam: Sie waren beide schreckliche Dickköpfe.

     "Wir werden eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen ergreifen müssen, solange wir nicht wissen, was Marstowe zu tun beabsichtigt", stellte Bevan fest. "Dazu gehört auch, dass du die Burg auf keinen Fall ohne Begleitung verlassen darfst. Wenn du die Pächter besuchen willst oder sonst etwas außerhalb der Festung zu erledigen hast, musst du eine Gruppe Bewaffneter zu deinem Schutz mitnehmen."

     Sie nickte.

Drei Monate vergingen. Und von Tag zu Tag fühlte Genevieve sich mehr wie eine Gefangene. Da Bevans Krieger viele Pflichten hatten, stand keineswegs immer ein Trupp Bewaffneter zur Verfügung, wenn Genevieve die Burg verlassen wollte. Das hatte zur Folge, dass sie den größten Teil ihrer Zeit innerhalb der Mauern verbringen musste. Doch selbst da wurde sie bewacht. Bevan hatte einen seiner Männer zu ihrem persönlichen Schutz abgestellt. Er war sehr besorgt um ihre Sicherheit, was sie einerseits durchaus zu schätzen wusste. Andererseits allerdings ging ihr dadurch jegliche Privatsphäre verloren.

     Hin und wieder, wenn sie glaubte, den Mangel an Bewegungsfreiheit nicht länger ertragen zu können, begann sie mit ihrem Gemahl eine Diskussion darüber, wie unsinnig seine Vorsichtsmaßnahmen seien.

     Sie war davon überzeugt, dass Hugh vorerst nichts unternehmen würde, um ihr Schaden zuzufügen. Zweifellos hatte er einsehen müssen, dass Rionallís so gut bewacht wurde, dass er keine Chance hatte, sie in seine Macht zu bringen. Verbündete würde er unter den Iren nicht finden. Der Knecht, den der Normanne bestochen hatte, damit er die goldene Kette in Bevans Kammer schmuggelte, hatte seine Tat gestanden und war bestraft worden. Er hatte als Entschuldigung angeführt, dass er doch nur ein Geschenk habe überbringen sollen. Doch Bevan hatte auf einer strengen Bestrafung bestanden, damit alle begriffen, dass er als Burgherr größten Wert darauf legte, über alle Vorgänge, die Rionallís betrafen, sofort unterrichtet zu werden.

     Seine Leute verstanden das und achteten ihn deshalb umso mehr. Genevieve allerdings wünschte sich oft, er würde sich nachgiebiger, wärmer zeigen. Ihr gegenüber verhielt er sich tagsüber so kühl, dass sie manchmal glaubte, die leidenschaftlichen Nächte in seinen Armen seien nur ein Traum. Sein ihr unverständliches Verhalten bedrückte sie. Auch war sie enttäuscht darüber, dass ihr sehnlichster Wunsch, ein Kind zu empfangen, bisher nicht in Erfüllung gegangen war.

     Noch hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben. Wenn es Frühling wird, dachte sie, wenn die Pflanzen sprießen und die Erde erneut Zeugnis von ihrer Fruchtbarkeit gibt, dann wird sich vielleicht auch mein Körper verändern, dann werde ich – sofern es Gottes Wille ist – endlich schwanger.

     Vorerst jedoch blieb das Wetter kalt und unfreundlich. Und abgesehen von den üblichen Hausarbeiten, gab es wenig zu tun. Genevieve hatte sich einen Webstuhl in der Nähe des offenen Kamins aufstellen lassen. Dort verbrachte sie einen großen Teil ihrer Zeit. Aus grünen, gelben und roten Fäden webte sie einen Teppich mit buntem Blumenmuster.

     In ihrer Nähe hatte sich der Krieger einen Platz gesucht, der von Bevan damit beauftragt war, Genevieve zu bewachen. Er langweilte sich, denn für ihn gab es, während die junge Frau sich ihrer Webarbeit widmete, nichts Sinnvolles zu tun.

     Plötzlich erhob Genevieve sich. Die Sonne war hinter den Wolken hervorgekommen und hatte alles in ein warmes Licht getaucht, das den Menschen eine Vorahnung vom Frühling vermittelte.

     "Es ist zu schön, um in der Burg zu bleiben. Ich werde meinen Überwurf holen und einen Spaziergang machen."

     "Bevan hat mir aufgetragen, dafür zu sorgen, dass Ihr Rionallís nicht verlasst", gab ihr Wächter zurück.

     "Das weiß ich. Aber was wollt Ihr tun, wenn ich zu dieser Tür hinausspaziere? Da es Eure Aufgabe ist, mich zu beschützen, werdet Ihr mir wohl folgen müssen." Damit machte sie sich auf den Weg in ihre Kemenate, um das warme Übergewand anzuziehen und sich zudem ein wollenes Tuch um die Schultern zu legen.

     Wenig später stand sie im Burghof und atmete tief die frische Luft ein. Während der Ire ihr auf Schritt und Tritt folgte, machte sie sich auf die Suche nach Bevan. Schließlich fand sie ihn an der äußeren Mauer, wo er Reparaturarbeiten überwachte und, wann immer nötig, auch selbst mit anfasste. Gemeinsam mit seinen Leuten bildete er eine Reihe, in der schwere Steine von Mann zu Mann weitergegeben wurden. So sollte die hölzerne Palisade noch sicherer gemacht werden.

     Als er Genevieve bemerkte, runzelte er die Stirn und fragte ungeduldig: "Was gibt es?"

     "Ich werde einen Ausritt unternehmen", erklärte sie. "Ich halte es einfach nicht mehr länger aus, wie eine Gefangene behandelt zu werden."

     "Du kannst aber nicht ausreiten. Wie du weißt, solltest du an dem Ort bleiben, wo ich für deine Sicherheit garantieren kann."

     Im ersten Moment wollte sie aufbrausen. Doch dann zwang sie sich, ruhig zu sagen: "Ich sehne mich so danach, diese Mauern einmal hinter mir zu lassen. Warum begleitest du mich nicht? Dann kannst du dich selbst darum kümmern, dass mir nichts zustößt."

     Er wollte ihre Bitte nicht erfüllen, aber Genevieve schaute ihn flehend an. "Wäre es nicht schön, wenn wir ein wenig Zeit miteinander verbringen könnten?"

     Bevan zögerte.

     "Nimm deine Waffen mit. Ich könnte ebenfalls einen Dolch einstecken. Inzwischen weiß ich dank deiner Anweisungen recht gut, wie man damit umgeht."

     Noch immer war er nicht bereit, ihr nachzugeben.

     "Bitte", drängte sie. "Seit Monaten ist in der Gegend kein einziger Normanne gesehen worden. Und du bist ein starker Krieger. Ich bin sicher, dass mir, wenn du mich begleitest, nichts geschehen wird."

     "Also gut."

     Gemeinsam begaben sie sich zu den Ställen, wo zwei Burschen ihnen eiligst eine braune Stute und einen kräftigen schwarzen Hengst sattelten. Als Bevan Genevieve auf den Rücken der Stute half, flüsterte sie ihm zu: "Ich werde die Zeit mit dir genießen."

     Er runzelte die Stirn und kontrollierte seine Waffen, ehe er auf sein Pferd stieg. Zusätzlich zu seinem Schwert führte er einen Dolch sowie Pfeil und Bogen mit sich. Außerdem hatte er, wie Genevieve erst jetzt bemerkte, einigen seiner Soldaten befohlen, ihm zu folgen. Immerhin schien er sie aufgefordert zu haben, sich in einigem Abstand von seiner Gemahlin und ihm zu halten, so dass ihnen ein wenig Privatsphäre blieb.

     Sie verließen die Festung und ritten in gemächlichem Tempo den Hügel hinunter. Sonnenstrahlen ließen die noch nicht getauten Schneeflecken aufblitzen. Hier und da, an besonders geschützten Stellen, kamen bereits die ersten Frühlingsblumen zum Vorschein. Genevieve schaute sich um und strahlte. Wie gut tat es doch, nicht mehr nur bis zur nächsten Mauer schauen zu können. Wie schön die Landschaft war, jetzt, da der Winter zu Ende ging.

     Die Stute tänzelte. Und mit einem kleinen Freudenschrei ließ Genevieve sie losgaloppieren. Endlich frei!

     Kurz darauf hatte Bevan sie eingeholt und nach den Zügeln ihres Pferdes gegriffen. "Ich möchte, dass du an meiner Seite bleibst."

     "Aber du siehst doch, dass es nichts zu befürchten gibt", protestierte sie.

     "Ich möchte nah genug sein, um dich zu beschützen." Er warf ihr einen so strengen Blick zu, dass sie begriff, wie sinnlos jede Diskussion sein würde.

     "Gut." Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln. "Du bist ein sehr verantwortungsbewusster Ehemann."

     Sie näherten sich einem Wäldchen, und Bevan bedeutete seinen Leuten, dass sie nachschauen sollten, ob sich irgendwer zwischen den Bäumen verbarg. Innerhalb weniger Minuten waren die Soldaten zurück und riefen den Wartenden zu, dass alles in Ordnung sei.

     Bevan half Genevieve vom Pferd und fasste sie bei der Hand. Dann führte er sie zwischen den Bäumen hindurch zu einer Lichtung.

     "Oh!" Sie blieb erstaunt stehen. Vor ihr, auf einer nur noch teilweise mit Schnee bedeckten Fläche, standen mehrere mannshohe Steine. Sie waren im Kreis angeordnet. Ein keltisches Heiligtum.

     "Ich wusste, dass du noch nicht hier gewesen bist", sagte Bevan. "Ich wollte es dir zeigen." Er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Monolithe und umfasste mit beiden Händen die Taille seiner Frau: "Viele Menschen schreiben diesem Ort noch heute magische Kräfte zu."

     "Hm …" Genevieve ließ sich gegen ihren Gemahl sinken und genoss die Wärme, die von seinem Körper ausging. "Magische Kräfte?"

     "Ja. Es heißt, dass eine Frau, die hierher kommt, weil sie sich Kinder wünscht, schon bald guter Hoffnung sein wird."

     "Ein Fruchtbarkeitszauber …" Sie legte den Kopf in den Nacken und bot Bevan die Lippen zum Kuss.

     Sein Mund war warm, weich und zärtlich. Genevieve seufzte leicht auf, und ein ungewohntes Kribbeln breitete sich in ihrem Magen aus. Ein Kind, wie wundervoll wäre das. "Ich möchte dir so gern einen Sohn schenken", flüsterte sie.

     Ein Schatten huschte über sein Gesicht.

     "Erzählst du mir ein wenig über deine Tochter?"

     Er zögerte. Doch dann sprach er so schnell, als habe er lange darauf gewartet, endlich darüber reden zu können. "Brianna wurde am Fest der heiligen Catherine geboren. Fiona hatte sich einen Sohn gewünscht. Doch als ich die Kleine zum ersten Mal in den Armen hielt, hätte ich nicht glücklicher sein können. Sie war so schön. Und lieb. Und fröhlich. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie – kaum dass sie laufen gelernt hatte – lachend auf mich zu rannte und mich in die Arme schloss. Wenn sie dieses Fieber nicht bekommen hätte, wäre sie …" Er schluckte. "Noch heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht da war, als es ihr nicht gut ging und sie starb. Fiona erkrankte ebenfalls, und sie gestattete niemandem außer Siorcha, sich um das Kind zu kümmern. Ich wünschte, ich wäre bei ihm gewesen, um zu helfen."

     "Siorcha ist eine erfahrene und verantwortungsbewusste Frau. Mehr als sie getan hat, hättest du auch nicht tun können. Es ist nicht deine Schuld, dass das Fieber stärker war als das Kind."

     Diesmal schüttelte Bevan nur den Kopf.

     Genevieve legte ihm die Hand auf die Wange, folgte mit den Fingerspitzen dem Verlauf der Narbe.

     Das genügte, um die Leidenschaft ihres Gemahls aufflammen zu lassen. "Ein Baby", flüsterte er Genevieve ins Ohr. Dann begann er, sie zu küssen und zu streicheln. Gleich darauf hob er ihre Röcke hoch. Sie presste sich, alles um sich herum vergessend, an ihn. Es war kalt. Aber als sie vereint waren, spürte keiner der beiden die Kälte.

Ein paar Wochen später war Genevieve klar, dass sie noch immer kein Kind erwartete.

     Manchmal, wenn sie befriedigt neben Bevan lag und im Dämmerlicht seinen starken männlichen Körper betrachtete, musste sie die Tränen zurückdrängen. Nachts schenkte er ihr so viel Glück. Aber ihr größter Wunsch war bisher nicht in Erfüllung gegangen. Gewiss war es ihr Fehler. War ihre Unfruchtbarkeit eine Strafe Gottes? Was konnte sie tun, um endlich Mutter zu werden?

     Mit der Zeit fiel es ihr immer schwerer, mit den Kindern anderer Frauen ungezwungen umzugehen. Neid regte sich in ihr, obwohl sie sich selbst für dieses Gefühl verachtete. Und manchmal ergriff eine tiefe Melancholie Besitz von ihr.

     Diese Stimmungsschwankungen blieben auch Bevan nicht verborgen. Er kannte Genevieve inzwischen gut genug, um zu wissen, worunter sie so litt. Daher beschloss er, ihr etwas Abwechselung zu verschaffen. "Morgen", kündigte er eines Abends an, "habe ich eine Überraschung für dich."

     Am nächsten Vormittag nahm er sie mit auf einen der Wachtürme. So sah sie schon von Weitem, dass sich Besucher näherten. Aber erst, als diese das äußere Tor fast erreicht hatten, erkannte sie, um wen es sich handelte.

     "Es ist Declan!", rief sie aus und drückte Bevan spontan einen Kuss auf die Wange. "Wie lieb von dir, ihn herzuholen." Damit wandte sie sich ab und lief die Treppe hinunter, um den kleinen Jungen und seine Begleiterin – es war niemand anderes als Síle – zu begrüßen.

     Hand in Hand mit Declan begab Genevieve sich zum großen Saal. Síle ging neben ihnen und berichtete, was sich während der Wintermonate alles zugetragen hatte. Ehe sie ins Haus traten, schaute Genevieve sich noch einmal nach Bevan um. Und als sie ihn entdeckte, schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln.

     Es war dieses Lächeln, das ihm den ganzen Tag nicht aus dem Sinn ging. Tatsächlich fiel es ihm schwer, sich auf seine Pflichten zu konzentrieren. Er überwachte die Arbeiten an der äußeren Mauer, sprach mit einigen Pächtern über die Arbeiten, die auf den Feldern zu erledigen waren, schlichtete einen Streit zwischen zweien seiner Krieger. Doch immer wieder wanderten seine Gedanken zu Genevieve.

     "Weißt du, was ich glaube?", fragte Ewan seinen Bruder, nachdem er ihm zweimal die gleiche Frage gestellt und doch keine Antwort erhalten hatte. "Ich glaube, du bist verliebt."

     "Unsinn." Bevan schüttelte den Kopf und wechselte das Thema. "Was hältst du davon, wenn ich dir eine Stunde Unterricht im Schwertkampf gebe?"

     "Gern!" Ewan strahlte.

     Er strahlte noch mehr, als Bevan ihm nach einer Stunde auf dem Übungsplatz anerkennend auf die Schulter klopfte und sagte: "Du warst fleißig. Ich bin überrascht, welche Fortschritte du gemacht hast. Ich werde Genevieve fragen, ob sie dir zur Belohnung ein paar Apfelküchlein bäckt."

     "Sie macht die besten Kuchen", stellte Ewan fest. "Überhaupt ist sie eine wunderbare Frau. Ich kann sie viel besser leiden als Fiona."

     Schlagartig war Bevans gute Laune dahin. "Sprich nie wieder so über Fiona", fuhr er seinen Bruder an, drehte ihm den Rücken zu und eilte mit großen Schritten davon.

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