Mein irischer Held - 14. Kapitel

14. KAPITEL

Genevieve hielt Declan auf dem Schoß, während sie sich mit Síle unterhielt. Der Knabe war damit beschäftigt, mit großem Appetit Apfelküchlein zu verspeisen. Auch Síle war hungrig. Die Burgherrin allerdings verspürte eine leichte Übelkeit. Und sie war ungewöhnlich müde, obwohl sie die Nacht gut geschlafen hatte. Sie würde doch nicht etwa krank werden?

     Entschlossen straffte sie die Schultern, wandte den Blick von dem süßen Gebäck ab und sagte: "Ich bin sicher, Ihr sorgt sehr gut für den Jungen. Doch leicht ist es vermutlich nicht."

     "Seine Eltern fehlen ihm natürlich. Aber abgesehen davon fühlt er sich wohl bei uns." Síle seufzte kurz auf. "Es war falsch, was sein Vater getan hat. Trotzdem wünschte ich …" Sie brach mitten im Satz ab.

     "Ich bedaure sehr, was geschehen ist", meinte Genevieve. "Wenn der Kleine wenigstens nicht auch noch die Mutter verloren hätte."

     "Kiaras Tod ist bisher nicht gerächt worden", brach es aus Síle hervor.

     "Es ist eine schwierige Angelegenheit." Genevieve runzelte die Stirn. Sie dachte an Hugh, von dem niemand mehr etwas gehört oder gesehen hatte, seit sie ihn aus Rionallís hinausgeworfen hatte. "Aber ich bin sicher, dass Bevan sich darum kümmern wird."

     "Ja …" Síle schaute sich im Saal um, und als sie sich davon überzeugt hatte, dass niemand ihnen zuhörte, meinte sie: "Ich bin froh, mich mit Euch allein unterhalten zu können. Es gibt da nämlich etwas, das mir Sorgen bereitet. Also, wie Ihr wahrscheinlich wisst, lebe ich mit meinem Mann ein Stück nördlich von hier."

     Eine neue Woge der Übelkeit überrollte Genevieve. Aber sie atmete ein paarmal tief durch und sagte: "Ja. Ich danke Euch, dass Ihr die weite Reise auf Euch genommen habt, um mich mit Declan zu besuchen."

     Ein Lächeln war die Antwort. Doch gleich wurde Síle wieder ernst. "Ich weiß nicht recht, wie ich beginnen soll. Ich weiß nicht einmal, ob mein Verdacht berechtigt ist. Aber ich denke, Ihr solltet es erfahren."

     "Was denn?"

     "Erinnert Ihr Euch, dass ich Euch erzählt habe, wie ich im letzten Sommer Fiona MacEgan von Weitem gesehen habe?"

     "Wir haben beide angenommen, dass Ihr eine andere Frau mit ihr verwechselt habt."

     "Nein."

     Genevieve hob verwirrt die Brauen. Ihr Magen schien sich zu drehen, aber ihre Stimme klang ruhig, als sie ihren Gast bat, mit ihrer Erzählung fortzufahren.

     "Ich habe mit anderen darüber gesprochen und festgestellt, dass ich nicht die Einzige war, die Fiona gesehen hat. Sie ist nicht, wie Bevan glaubt, in jenem Kampf gegen die Normannen gestorben. Sie lebt. Und das bedeutet, dass Eure Ehe ungültig ist."

     Einen Moment lang hatte Genevieve das Gefühl, ihr ganzes Leben würde in sich zusammenbrechen. Dann aber machte sie sich klar, dass Síle sich irren musste. Hatte Bevan ihr nicht gesagt, dass er selbst seine Gemahlin begraben hatte? Aber sie wollte Síle nicht der Lüge bezichtigen. Also sagte sie nur: "Ich war schon an Fionas Grab."

     Declans Tante betrachtete sie voller Mitgefühl. "Dort ist der Leichnam einer Frau beerdigt worden, ja. Der Leichnam einer bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Frau. Nur weil man eines von Fionas Schmuckstücken bei ihr fand, nahm man an, dass es sich um Bevans Gemahlin handelte."

     Es fiel Genevieve schwer, zu sprechen. Ihr war, als würde ihr die Luft abgeschnürt. Und die Übelkeit war schlimmer als je zuvor. "Was glaubt Ihr also, was wirklich geschehen ist?"

     "Nach allem, was ich gehört habe, stelle ich mir die Sache so vor: Fiona hat Rionallís freiwillig verlassen, nachdem sie sich in einen der Normannen, Raymond Graham, Baron of Somerton, verliebt hatte. Mit ihm ist sie nach England gegangen."

     "Ihr habt doch gesagt, dass Ihr sie nordöstlich von hier in Irland gesehen habt."

     "Sie soll dort jemanden besucht haben."

     "Ihr denkt aber, dass sie in England mit einem Adligen zusammenlebt? Mit dem Baron of Somerton?" Sie kannte den Namen. Der Landsitz der Familie befand sich in der Nähe der Grenze zu Wales.

     "Es tut mir wirklich leid, die Überbringerin solch beunruhigender Nachrichten zu sein. Doch ich möchte Euch dringend raten, herauszufinden, ob Eure Ehe rechtmäßig ist oder nicht."

     "Ja." Genevieve erhob sich. Ihr war jetzt so schlecht, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Sie würde sich hinlegen müssen. Und sie brauchte auch Zeit, um über alles, was sie eben erfahren hatte, nachzudenken. "Entschuldigt mich, Síle. Ich habe einiges zu erledigen. Wir sehen uns später."

     "Kann ich Euch behilflich sein?" Síle war nicht entgangen, wie blass Genevieve war.

     "Nein, danke." Sie zwang sich zu einem Lächeln. Dann schritt sie zur Treppe.

     Wenig später schloss sie die Tür ihrer Kemenate hinter sich und ließ sich kraftlos aufs Bett fallen. Was sollte sie nur tun, wenn Síle recht hatte?

Erst bei Sonnenuntergang fiel Bevan auf, dass er Genevieve seit dem Morgen nicht mehr gesehen hatte. Er begab sich nach oben, in ihre Kammer, und fand sie mit geschlossenen Augen auf dem Bett liegend vor. Ihr Gesicht war krankhaft blass, ihr Atem ging schwer. Und als er ihr eine Hand auf die Wange legte, stellte er erschrocken fest, dass ihre Haut glühend heiß war.

     "Genevieve?" Er schloss sie in die Arme, richtete sie halb auf und versuchte, sie zu wecken.

     Langsam schlug sie die Augen auf. Einen Moment lang schien sie nicht zu wissen, wo sie war. Doch dann brachte sie ein schwaches Lächeln zustande. "Bevan! Ich muss eingeschlafen sein."

     "Du bist krank. Ich werde nach Siorcha schicken."

     "Nein", protestierte sie mit schwacher Stimme. "Nicht jetzt. Ich muss dir erst etwas erzählen."

     "Pst!" Sanft legte er ihr den Finger auf die Lippen. "Sprich jetzt nicht. Ruh dich aus, gewinne deine Kraft zurück. Dann unterhalten wir uns. Es gibt nichts, das so wichtig wäre, dass es nicht warten könnte."

     Sie legte den Kopf an seine Brust. "Ich danke dir dafür, dass du Declan und seine Tante nach Rionallís eingeladen hast."

     "Ich wusste, dass du den Kleinen gern sehen würdest. Doch nun werde ich Siorcha holen lassen."

     Diesmal widersprach Genevieve nicht, denn ihr war klar geworden, dass die Gegenwart der Heilerin zumindest Bevan beruhigen würde.

     Es dauerte nicht lange, bis es klopfte und Siorcha eintrat. Bevan blieb in der Kammer, während sie Genevieve untersuchte. Anschließend gab die alte Frau der Kranken etwas von einem weißen Pulver, das sie in Wein aufgelöst hatte. "Es wird Euch helfen, tief und fest zu schlafen", erklärte sie.

     Tatsächlich wurden Genevieve sogleich die Lider schwer. Während sie wie von weit her hörte, wie Bevan und Siorcha leise ein paar Worte wechselten, fiel ihr ein, dass die Heilerin bei Brianna gewesen war, als das Mädchen starb. Auch als Fionas Leiche gefunden wurde, war sie in der Nähe gewesen. Vielleicht würde Siorcha die Antworten auf die Fragen kennen, die Síles Bericht aufgeworfen hatte.

     Genevieve zwang sich nun, die Augen noch einmal zu öffnen. "Siorcha?"

     Die alte Frau wandte sich um und trat ans Bett der Kranken.

     "Kann ich Euch kurz allein sprechen? Es geht um eine Angelegenheit unter Frauen."

     Bevan warf ihr von seinem Platz aus ein ermutigendes Lächeln zu. "Ich lasse mir etwas zu essen geben und komme dann zurück. Wenn du mich vorher brauchen solltest, lass es mich wissen."

     Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, legte Genevieve ihre heiße Hand auf die kühlen Finger der Heilerin. Jetzt, da sie allein waren, wusste sie nicht recht, wie sie beginnen sollte.

     Siorcha kam ihr zuvor. "Es dauert eine Weile, ehe eine Frau sicher sein kann, dass sie ein Kind erwartet. Glücklicherweise ist es im Allgemeinen nicht gefährlich, wenn die werdende Mutter sich zu Beginn der Schwangerschaft krank fühlt. Fieber ist ziemlich selten, aber viele Frauen leiden unter Übelkeit."

     "Ich glaube nicht, dass ich schwanger bin", meinte Genevieve errötend.

     "Ah … was ist es dann, das Ihr mit mir bereden möchtet?"

     "Ich möchte mit Euch über Fiona sprechen. Ich denke, Ihr könnt mir sagen, ob sie einen Mann namens Raymond Graham, Baron of Somerton, gekannt hat."

     Einen Moment lang spiegelte das Gesicht der Heilerin Entsetzen wider. Dann hatte die alte Frau sich wieder unter Kontrolle. Sie schüttelte den Kopf.

     "Bitte, belügt mich nicht. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Fiona nicht während dieser Schlacht umgekommen ist. Wenn Ihr etwas wisst, dann verschweigt es mir nicht."

     Siorcha seufzte tief auf. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schien schließlich einen Entschluss gefasst zu haben. "Ich werde Euch alles erzählen. Was ich getan habe, war falsch, und ich werde zweifellos dafür büßen müssen. Doch ich habe aus Rücksicht auf Bevan geschwiegen. Ich wollte, dass er endlich Frieden findet."

     "Dann lebt Fiona also wirklich noch?" Genevieve war jetzt wieder hellwach. Ihr Mund fühlte sich trocken an und ihr Herz schlug aufgeregt.

     Die alte Frau nickte.

     "Ihr müsst es Bevan mitteilen. Er hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren."

     "Er wird mich bestrafen. Ich wage es nicht, ihm alles zu erzählen."

     "Wenn Ihr ihn weiter belügt, wird er nur umso härter mit Euch ins Gericht gehen, sobald er herausfindet, was wirklich mit Fiona geschehen ist." Genevieve war jetzt so zornig, dass sie das Fieber kaum noch spürte. "Ich selbst werde …" Sie wollte aufstehen, doch Siorcha drückte sie zurück in die Kissen.

     "Ich werde mit Bevan sprechen." Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie rang die Hände. "Ich habe doch nichts Böses beabsichtigt. Ich habe Fiona geliebt wie meine eigene Tochter."

     In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und Bevan, der einen Becher mit Met und ein großes Stück Brot sowie eine Scheibe kalten Bratens in den Händen hielt, betrat die Kammer. Er ließ den Blick zwischen den Frauen hin und her wandern und fragte dann: "Was ist los?"

     Genevieve atmete tief durch. "Siorcha muss dir etwas gestehen. Es geht um Fiona."

     "Haben wir nicht beschlossen, die Vergangenheit ruhen zu lassen?"

     "Das ist in diesem Fall leider nicht möglich." Jetzt begann Genevieve zu weinen.

     Bevan stellte alles, was er mitgebracht hatte, auf dem Tisch ab und eilte zu ihr. Sanft wischte er ihr die Tränen von den Wangen. Dass er sie trösten wollte, machte es ihr nur noch schwerer, ihm die Wahrheit mitzuteilen. "Siorcha?", meinte sie bittend.

     Die alte Frau trat mit gesenktem Kopf vor. "Ich werde Euch alles über die Geschehnisse an Fionas … Todestag berichten."

     "Ja?" Sein Herz schlug heftig, aber er bemühte sich, gelassen zu erscheinen, obwohl eine böse Vorahnung von ihm Besitz ergriffen hatte. Er musste sich eingestehen, dass er Angst hatte.

     "Ich habe Fiona schon gekannt, als sie noch ein kleines Kind war. In der Pflegefamilie, in der sie eine Zeit lang lebte, war ich als Kinderfrau beschäftigt. Ich zog sie zusammen mit meiner eigenen Tochter auf und habe sie genauso geliebt wie mein eigenes Kind. Das änderte sich auch später nicht, obwohl wir uns nicht mehr so oft sahen. Dann hat sie Euch geheiratet und wir waren wieder öfter zusammen. Dadurch bemerkte ich, dass sie unglücklich war. Sie liebte Brianna, und es gefiel ihr, Herrin von Rionallís zu sein, doch das war nicht genug, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie war ruhelos. Wenn Ihr fort wart, wanderte sie oft Stunde um Stunde und Tag für Tag über die Wiesen und durch die Wälder."

     Bevan nickte. Er hatte Gerüchte über Fionas häufige Abwesenheit von Rionallís gehört. Und er hatte gefühlt, dass sie nicht glücklich an seiner Seite war. Dennoch hatte er versucht, dieses Wissen einfach zu ignorieren.

     "Auf einer ihrer Wanderungen lernte sie einen Mann kennen. Von da an traf sie sich mit ihm, wann immer es ihr möglich war. Eines Tages gestand sie mir, dass sie ihn liebte."

     Ein heftiger Schmerz durchzuckte Bevan. Er musste ein Stöhnen unterdrücken. Hatte er Fiona nicht alles gegeben? Hatte er ihr nicht jeden Wunsch von den Augen abgelesen? Trotzdem hatte sie ihn betrogen. Die Erkenntnis tat weh. Aber sie machte ihn auch zornig.

     "Der Mann war ein Normanne. Später erfuhr ich, dass er Raymond Graham hieß."

     "Der Baron of Somerton?", stieß Bevan hervor. Er war jetzt so wütend, dass er nicht mehr klar denken konnte. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte alles um sich herum kurz und klein geschlagen. Aber irgendwer – es musste wohl Genevieve sein – hielt seine Hand fest.

     "Lange nachdem sie Somerton zum ersten Mal getroffen hatte, berichtete mir Fiona, wie alles sich abgespielt hatte", fuhr Siorcha fort. "Er und seine Soldaten hatten ihr Lager am Fluss aufgeschlagen. Der Baron hatte wohl etwas Ruhe gesucht und war dabei im Wald auf Fiona gestoßen. Sie waren vom ersten Moment an fasziniert voneinander."

     Genevieve hielt noch immer Bevans Finger umklammert. Sie betrachtete seine gequälte Miene voller Mitleid. Er hatte Fiona angebetet, und sie hatte ihn hintergangen. Es musste ein schreckliches Gefühl sein …

     "In dem Jahr, als Strongbow mit seiner Armee hier in der Gegend wütete, bat Somerton Fiona, die Gelegenheit zu nutzen, um mit ihm durchzubrennen. Am liebsten hätte er Euch getötet. Aber davon wollte Fiona nichts hören. Ich bin sicher, sie hat Euch geliebt, wenn auch nicht auf die gleiche leidenschaftliche Art wie Somerton. Sie wollte ihr Leben an seiner Seite verbringen, auch wenn es eine Sünde war. Aber sie wollte nicht, dass man Euch ein Leid zufügte."

     Bevan hatte sich inzwischen so weit beruhigt, dass er wieder denken und auch sprechen konnte. "Ich habe gehört, wie sie um Hilfe geschrien hat", wandte er ein. "Sie ist nicht freiwillig gegangen. Sie ist von den Normannen verfolgt, in die Enge getrieben und in der Kate, in die sie sich geflüchtet hatte, verbrannt worden. Ich selbst habe sie begraben."

     "Ihr habt nicht Fiona, sondern ihre Zofe Nuala beerdigt. Sie hatte zuvor die Kleider mit ihrer Herrin getauscht und auch deren Schmuck angelegt. Während Fiona sich schon in Sicherheit befand, sollten die Soldaten Nuala jagen, fangen und fortschleppen. Alle Welt sollte glauben, dass Fiona geraubt worden war. Dass die arme Nuala sterben würde, gehörte nicht zum Plan."

     "Seht mich an!" Bevans Stimme klang rau.

     Siorcha hob den Kopf. Ihr Gesicht spiegelte wider, welche Gewissensnöte sie ausstand. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass sie wusste, welch schwere Schuld sie auf sich geladen hatte. "Vergebt mir", bat sie. "Bitte, vergebt mir."

     Stille senkte sich über den Raum. Dann, nach einer Weile, sagte Bevan: "Fiona hätte mich um die Scheidung bitten können. Sie hätte mich nicht so hintergehen müssen."

     "Ihr hättet doch niemals in eine Scheidung eingewilligt", gab Siorcha zurück. "Das weiß ich, das wusste Fiona, und das wisst Ihr auch selbst."

     Alles Blut wich aus Bevans Gesicht. "Ja", murmelte er, "Ihr habt recht." Er hätte Fiona nicht freigegeben. Deshalb war sie vor ihm geflohen – so wie Genevieve vor Hugh geflohen war.

     "Bevan?" Das war Genevieves Stimme.

     Er wandte sich ihr kurz zu, aber er sah sie nicht wirklich. Denn in diesem Moment wurde ihm klar, dass Fiona sehr wahrscheinlich noch lebte. Und das bedeutete, dass er noch immer ihr Gemahl war.

Genevieve fühlte sich fiebrig und ihr war weiterhin übel. Hinzu aber war gekommen, dass sie jetzt, da Siorchas Bericht die Wahrheit über Fiona ans Licht gebracht hatte, der Verzweiflung nahe war.

     Ihre Ehe mit Bevan war ungültig.

     "Was wirst du tun?", hatte sie ihn mit schwacher Stimme gefragt.

     "Ich weiß es nicht. Ich muss darüber nachdenken."

     Doch tatsächlich hatte er seine Entscheidung längst getroffen, das sah sie an seinen Augen. Er würde sich auf die Suche nach Fiona machen, würde alles in seiner Macht Stehende tun, um eine Versöhnung herbeizuführen, und sie, Genevieve, aus seinem Leben verstoßen.

     Das ist nicht fair, dachte sie, das ist wirklich nicht fair. Habe ich denn gar kein Recht auf Glück?

     Mit ihrem Schicksal hadernd, war sie in einen unruhigen Schlaf gesunken.

     Als sie erwachte, war sie allein. Irgendjemand, vermutlich Siorcha, hatte ihr einen Kräutertrank auf den Tisch beim Kamin gestellt. Sie erhob sich, stellte fest, dass sie sich besser fühlte, roch an dem Absud, trank ihn und beschloss, sich anzukleiden.

     Wenig später trat sie in den Burghof hinaus.

     Am Tor traf sie auf Ewan. Er sah bedrückt aus. "Genevieve, wie geht es Euch? Ich habe gehört, was geschehen ist. Kann ich Euch irgendwie helfen?"

     "Ja." Ernst schaut sie ihn an. "Ich brauche jetzt etwas Zeit ganz für mich allein. Ich möchte in Ruhe trauern. Bitte, sorg dafür, dass man mir ein Pferd zur Verfügung stellt und dass die Wachen mich passieren lassen."

     Der Junge zögerte. Doch dann nickte er. "Ich hoffe, Ihr seid warm genug angezogen? Es ist ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit."

     Gerührt über seine Besorgnis lächelte Genevieve ihn warm an. "Danke, Ewan."

     Wenig später verließ sie die Festung. Sie ritt zu dem Hain mit dem Steinkreis, den Bevan ihr gezeigt hatte. Dort stieg sie ab und schritt langsam von Monolith zu Monolith. Als sie den größten erreicht hatte, lehnte sie die Stirn gegen den kühlen Stein. Es war ein seltsam tröstliches Gefühl. Trotzdem kamen ihr die Tränen.

     Sie wusste nicht, wie lange sie geweint hatte. Doch als sie sich schließlich auf den Heimweg machte, war sie ruhig und gefasst.

Genevieve betrat die Kemenate, in die sie nach dem Auftauchen des goldenen Haarreifs umgezogen war. Überrascht blieb sie stehen. Die Truhe, die Fionas Sachen enthielt, stand offen, und vor ihr kniete Bevan. Er hielt das Stück Leinenstoff in der Hand, das erst Fiona und dann Brianna gehörte.

     Eine Zeit lang betrachtete Genevieve ihn schweigend. Schließlich fragte sie leise: "Bist du sicher, dass Siorcha die Wahrheit gesagt hat?"

     "Ja."

     Ein neuerliches Schweigen folgte. Und wieder war es Genevieve, die als Erste das Wort ergriff. "Ich verstehe nicht, warum sie vor dir geflohen ist."

     "Aus den gleichen Gründen, die dich veranlasst haben, vor Marstowe zu fliehen. Sie wusste, dass ich sie freiwillig nicht gehen lassen würde."

     "Aber du bist nicht wie Hugh. Wie kannst du dich überhaupt mit ihm vergleichen?"

     Er zuckte die Schultern. "Ich habe Fiona als mein Eigentum betrachtet. Wenn ich von Somerton gewusst hätte, hätte ich ihn vermutlich getötet."

     Genevieve streckte die Hand nach ihm aus, doch er entzog sich ihr. "Was soll aus uns werden?", murmelte sie.

     Er richtete sich auf, sein Blick war dabei abweisend. "Da unsere Ehe ungültig ist, ist es wohl am besten, du kehrst zu deinen Eltern zurück."

     Ihr Herz schien in tausend Stücke zu zerspringen. Aber ihre Stimme klang ruhig, als sie erklärte: "Du könntest eine Scheidung erwirken und mich rechtmäßig heiraten."

     "Nein." Er schüttelte den Kopf. "Ich werde Fiona finden und sie zurückholen."

     "Sie wird bei Somerton bleiben wollen."

     "Vielleicht. Aber in zwei Jahren kann sich viel ändern."

     "Liebst du sie denn immer noch?"

     "Ich weiß es nicht."

     "Und Rionallís? Was soll aus Rionallís werden, wenn wir nicht mehr Mann und Frau sind?"

     Bevan seufzte tief auf. "Ich muss abwarten, wie der Hochkönig über diese Angelegenheit entscheidet. Glaubst du, dein Vater würde mir den Besitz verkaufen? Bis alles geklärt ist, werde ich auf Laochre leben."

     Mit weichen Knien ließ Genevieve sich auf einen Stuhl sinken. "Ich liebe dich noch immer", flüsterte sie. "Ich begreife es nicht, aber es ist so. Trotz allem liebe ich dich."

     Ihre Worte schmerzten ihn. Sie war ihm eine gute Frau gewesen, und er wünschte so sehr, dass sie glücklich sein könne. Aber nun hatte sich herausgestellt, dass ihr Zusammenleben Sünde gewesen war. Seine rechtmäßige Gemahlin hieß Fiona. In den Nächten mit Genevieve hatte er Ehebruch betrieben, ohne es zu ahnen.

     "Du siehst blass aus", sagte er voller Mitgefühl. "Willst du dich nicht ein wenig hinlegen?"

     "Wo?" Ihre Stimme brach.

     "Hier. Ich werde dein Gemach nicht mehr betreten." Damit wandte er sich zur Tür.

     Kaum hatte er sie hinter sich geschlossen, als er von drinnen Genevieves Schluchzen hörte. Auch er selbst hätte am liebsten geweint. Sein Kummer wollte ihn schier zerreißen. Doch er sagte sich, dass er genau wusste, was er zu tun hatte. Er musste einen kühlen Kopf bewahren und sich sobald wie möglich auf die Suche nach Fiona machen. Genevieve würde er – so war es am besten – nie wieder sehen.

Bevan stand bei Morgengrauen auf. Er packte nur die allernotwendigsten Dinge, nahm ein bescheidenes Frühstück zu sich und begab sich dann zu Ewan.

     Als er seinen Bruder weckte, fragte dieser schlaftrunken: "Was ist los?"

     "Ich gehe nach England. Während meiner Abwesenheit möchte ich dich und Connor bitten, Genevieve und Rionallís zu schützen."

     Ewan, der genau wie alle anderen inzwischen von Siorchas Geständnis erfahren hatte, verzog missbilligend das Gesicht. "Du willst Fiona zurückholen?"

     "Wenn sie noch lebt, so sind wir Mann und Frau. Sie gehört zu mir."

     "Sie ist anderer Meinung. Sonst hätte sie dich wohl kaum verlassen, nicht wahr?"

     Bevan erwiderte nichts darauf, sondern sagte nur: "Du wirst nach Connor schicken und dich gemeinsam mit ihm um Rionallís und Genevieve kümmern?"

     "Ja."

     "Danke. Wenn ich in drei Wochen nicht zurück bin, soll Patrick zur walisischen Grenze kommen. Er wird wissen, was zu tun ist, wenn ich in Gefangenschaft geraten sein sollte."

     "Willst du dich etwa ganz allein auf den Weg machen? Du brauchst ein paar Männer, die dir zur Seite stehen, falls diese Normannen dich angreifen."

     Er zuckte einfach die Schultern. "Allein falle ich am wenigsten auf. Also, du weißt, was zu tun ist." Damit wandte er sich zur Tür.

     Während er zu den Ställen ging, dachte er darüber nach, wie es sein würde, seiner ersten, seiner rechtmäßigen Gemahlin gegenüberzutreten. Vor seiner Hochzeit mit Genevieve hatte er oft davon geträumt, Fiona wieder in den Armen zu halten. Dann hatte er Genevieve in sein Bett geholt und über seiner Leidenschaft für sie alles andere vergessen. Er war Fiona untreu geworden, hatte Ehebruch begangen. Aber er war sich seiner Sünde nicht bewusst gewesen. An Genevieves Seite hatte er – wie er sich jetzt eingestand – ein neues Glück gefunden.

     Dieses Glück war nun zerbrochen.

     Er hörte Schritte hinter sich und drehte sich um. Ewan war ihm nachgelaufen. "Wessen Gastfreundschaft wirst du erbitten, ehe du nach England übersetzt?"

     "Die der Ó Flayertys." Deren Land befand sich nahezu gegenüber von Somertons Besitz. Es war sicherer, durch Irland nach Norden zu reisen und dann die See zu überqueren, als weite Strecken auf englischem Boden zurückzulegen.

     "Gut." Der Junge runzelte die Stirn. "Was soll ich Genevieve sagen, wenn sie nach dir fragt?"

     "Sie weiß, was ich vorhabe. Sie soll ihren Eltern Bescheid geben, damit sie sie nach Hause zurückholen."

     "Ihr Zuhause ist hier", erklärte Ewan hitzig.

     Bevan warf ihm nur einen nachdenklichen Blick zu. Dann schwang er sich auf das Pferd, das der Stallbursche ihm brachte. "Gott schütze dich, Ewan."

     "Und dich, Bevan."

"Er wird mich umbringen", sagte Ewan. Tatsächlich sah er verängstigt aus. Aber das hinderte ihn nicht daran, seine Umgebung aufmerksam zu beobachten. "Wir müssen jetzt schon auf Ó Flayerty-Land sein."

     "Gut."

     "Nicht gut. Ich habe Bevan versprochen, Euch zu beschützen, Genevieve."

     "Ihr habt mich beschützt."

     "Ich hätte Euch niemals erlauben dürfen, Rionallís zu verlassen."

     "Ihr hättet mich nicht daran hindern können."

     Das stimmte. In der Nacht, ehe Bevan sich auf die Suche nach Fiona machte, war Genevieve zu einem Entschluss gelangt. Sie wollte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, ob Fiona lebte. Und wenn das nicht der Fall sein sollte, dann würde sie alles daransetzen, ihre Ehe mit Bevan zu retten.

     Also hatte sie Ewan erklärt, dass sie ihrem Gemahl folgen würde. Nichts hatte sie von ihrem Vorhaben abbringen können. Also hatte Ewan sich schließlich ins Unvermeidliche gefügt, sie begleitet und sicher zu den Ó Flayertys gebracht.

     Am Tor der Festung wurden sie von mehreren Bewaffneten aufgehalten. Ewan stellte sich vor und nannte ihr Anliegen, woraufhin man sie einließ. Im Hof schwang er sich aus dem Sattel, half Genevieve beim Absteigen und nahm die Zügel ihres Pferdes. "Ich werde mich um die Tiere kümmern, während Ihr seht, was Ihr erreichen könnt."

     "Feigling", neckte Genevieve ihn.

     Doch er ging auf den Scherz nicht ein. "Dort drüben", er zeigte auf eine schwere Tür, "muss der Eingang zum großen Saal sein."

     Ehe Genevieve das Gebäude erreichte, kam ihr eine schwangere junge Frau mit rosigen Wangen entgegen. Sie begrüßten einander auf Gälisch, und Genevieve fragte nach Bevan.

     "Er hat sich mit meinem Gemahl in dessen Gemach zurückgezogen. Ich werde jemanden zu ihm schicken. Was möchtet Ihr ihm ausrichten?"

     "Sagt ihm, dass seine Gemahlin Genevieve MacEgan eingetroffen ist."

     "Oh!" Aoife Ó Flayerty konnte ihre Überraschung nicht völlig verbergen. "Wir werden bald zu Abend speisen. Bitte, schließt Euch uns an."

     Gemeinsam begaben sie sich in den Saal, in dem die letzten Vorbereitungen fürs Essen getroffen wurden. Ein Harfenspieler schlug die ersten Töne auf seinem Instrument an, und an den langen Tischen saß schon eine große Anzahl von Kriegern. Mägde schleppten schwere Platten voller Fleisch herbei.

     Ein hoch gewachsener Mann kam die Treppe hinunter. An seiner Seite befand sich Bevan. Gemeinsam näherten sie sich einem Tisch, an dem noch niemand Platz genommen hatte.

     Plötzlich blieb Bevan abrupt stehen. Seine Miene verdüsterte sich. Selbst auf die Entfernung hin konnte Genevieve sehen, wie seine Augen zornig aufblitzten. Ein Schauer überlief sie, aber sie straffte die Schultern und kämpfte ihre Angst nieder. Sie war Bevan nicht bis hierher gefolgt, um ihm am Ende aus dem Weg zu gehen. Sie würden ihm sagen, was sie zu sagen hatte.

     Da stand er auch schon vor ihr. Seine Finger schlossen sich so fest um ihre Schultern, dass sie einen Ausruf des Schmerzes unterdrücken musste.

     "Du hättest nicht herkommen dürfen", zischte Bevan, während er Genevieve zu einem Alkoven in der Nähe der Treppe führte.

     "Du auch nicht", antwortete sie. "Wenn das, was Siorcha sagt, wahr ist, hat Fiona dich aus freien Stücken verlassen. Niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Du hättest Rionallís nicht allein lassen dürfen, um einem Phantom nachzujagen."

     "Ich muss mir Klarheit über die Situation verschaffen. Und ich beabsichtige, das allein zu tun."

     "Finde dich damit ab, dass ich dich als meinen Gemahl betrachte, solange ich mich nicht mit eigenen Augen davon überzeugt habe, dass Fiona noch lebt."

     Bevan starrte sie an. Wo war die ängstliche Frau geblieben, die er auf Rionallís gekannt hatte? Die neue Genevieve beeindruckte ihn. Und plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. "Ich muss mich damit abfinden?", fragte er schmunzelnd.

     "Allerdings." Sie griff nach seiner Hand und flüsterte ihm zu. "Außerdem möchte ich die vielleicht letzten Nächte, die mir mit dir bleiben, genießen."

     Ein heißer Schauer überlief ihn, als er ihren verlangenden Blick auf sich spürte. Himmel, wie sehr er sie begehrte! Aber er durfte diesem sündigen Wunsch nicht nachgeben. Einst hatte er Fiona Treue geschworen, und an diesen Schwur fühlte er sich, nun da er davon ausgehen musste, dass sie lebte, wieder gebunden.

     Aber, sagte eine kleine Stimme in seinem Inneren, Fiona hat ihr Eheversprechen zuerst gebrochen.

     Wie sehr wünschte er sich in diesem Moment, Siorcha hätte ihm nie erzählt, was sie über Fionas Verschwinden wusste.

     "Lass uns zu unseren Gastgebern zurückgehen", sagte er und entzog Genevieve seine Hand.

     Beim abendlichen Mahl dachte er an all die wundervollen Dinge, die er nie wieder mit ihr würde tun dürfen.

Ewan befand sich auf dem Heimweg. Bevan hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er seine Begleitung nicht wünschte. "Ich werde mich selbst um Genevieve kümmern", hatte er gesagt. "Du aber wirst auf Rionallís gebraucht."

     Ewan war sich nicht sicher, ob Vertrauen aus diesen Worten sprach oder ob Bevan ihn zurückschickte, weil er ihn noch immer für einen schlechten Kämpfer hielt. Nun, er selbst wusste, dass er während der letzten Wochen viel dazugelernt hatte. Sein Selbstbewusstsein war gewachsen. Eines Tages – dessen war er sich ganz sicher – würde er sich mit den besten Kriegern Irlands messen können.

     Die Sonne stand hoch am Himmel, als er hinter sich Hufgetrappel hörte. Suchend schaute er sich nach einem Platz um, der ihm Schutz gewähren würde. Aber weit und breit gab es keine Möglichkeit, sich als Reiter zu verbergen. Also straffte er die Schultern und setzte seinen Weg fort, wobei er sich allerdings immer wieder umschaute.

     Es dauerte eine Weile, ehe ihm klar wurde, dass es eine kleine Gruppe von Normannen war, die ihm folgte. Zuerst hatte er das nur aus der Art ihrer Rüstung geschlossen. Dann aber, als sie ihm so nahe gekommen waren, dass er ihre Gesichter erkennen konnte, erschrak er. Es handelte sich um niemand anderes als Sir Hugh und seine Männer. Und diese waren offenbar entschlossen, ihn einzukreisen. Da er gegen sie keine Chance hatte, brachte er sein Pferd zum Stehen und wartete ab, was passieren würde.

     Marstowe selbst ritt auf ihn zu und fragte in seinem überheblichen Ton: "Ihr seid doch der Jüngste der MacEgans? Mir scheint, Euer Bruder hat Euch fortgeschickt."

     Ewan erwiderte nichts darauf.

     "Wohin will Euer Bruder?"

     Keine Antwort.

     Hugh zog daraufhin sein Schwert und setzte es auf die ungepanzerte Brust des Jungen. "Nun? Ihr wollt nicht reden?"

     "Nein, von mir werdet Ihr nichts erfahren."

     Marstowe lachte. Und plötzlich hielt er ein Messer in der Hand, mit dem er Ewans Arm bis hinunter zum Handgelenk aufschlitzte. Blut strömte aus der Wunde, und dem Jungen wurde schwarz vor Augen.

     "Nun?", hörte er wie von weit her Hughs Stimme.

     "Somerton", flüsterte er.

"Ich werde mit dir gehen", sagte Genevieve entschlossen.

     "Ich werde dich nicht mitnehmen. Deshalb wirst du in der Abtei von Dun Laoghaire bleiben."

     "Nein. Du kannst nicht verhindern, dass ich dir folge." Sie wandte ihr Pferd, so dass sein Kopf nun wieder in Richtung Küste zeigte.

     Bevan bebte vor Zorn. "Genevieve, ich befehle dir …"

     Sie unterbrach ihn. "Da du darauf bestehst, dass unsere Ehe nicht rechtsgültig ist, kannst du mir nichts befehlen."

     Er stieß einen Fluch aus.

     "Versetz dich einmal in meine Lage", meinte Genevieve nun leiser. "Wenn ich unterwegs wäre, um ein Gespräch mit Hugh zu suchen, würdest du mich dann allein gehen lassen?"

     "Das kann man nicht miteinander vergleichen."

     "Du würdest mich begleiten wollen, weil du Hugh kennst und weißt, dass er zu allem fähig ist. Nun, ich kenne Fiona nicht. Aber ich weiß, dass sie dich schon einmal hintergangen hat. Und was ist mit Somerton? Vielleicht brennt er nur darauf, dich zu töten. Ich werde nicht zulassen, dass du dich ohne jede Unterstützung in eine solche Gefahr begibst."

     Sie sah, dass er in seinem Entschluss wankend wurde. Rasch fuhr sie fort: "Sobald ich mich mit eigenen Augen davon überzeugt habe, dass Fiona lebt und du nicht in Gefahr bist, werde ich euch allein lassen. Das verspreche ich dir."

     Sie hatte keine Ahnung, wohin sie sich dann wenden sollte. Sie wusste nicht einmal, ob sie nicht vor Kummer und Eifersucht krank werden würde. Aber in diesem Moment war sie bereit, alles zu versprechen, wenn es ihr nur die Möglichkeit eröffnete, noch eine Weile an Bevans Seite zu bleiben.

     In ihrem tiefsten Inneren zweifelte sie nicht daran, dass sie ihn längst verloren hatte. Sein Verhalten hatte nur zu deutlich gezeigt, dass sein Herz noch immer Fiona gehörte – sei sie nun tot oder lebendig. All die leidenschaftlichen Nächte, die sie in seinen Armen verbracht hatte, waren nur ein Ausdruck seiner Lust, nicht aber seiner Liebe gewesen. Dennoch hatten sie vielleicht etwas Wunderbares bewirkt. Ihr Herz schlug schneller, wenn sie daran dachte. Sie hatte die Hoffnung, dass sie endlich schwanger geworden war.

     "Ich möchte nicht, dass dir etwas zustößt", sagte Bevan.

     "Wer sollte mich zuverlässiger beschützen als du?", erwiderte sie.

     "Auf Dun Laoghaire wirst du sicher sein, bis dein Vater dich holen kommt."

     "Ich bleibe nicht dort", erklärte sie mit der gleichen Entschiedenheit wie zuvor.

     "Also gut." Bevan gab sich geschlagen. "Wir werden gemeinsam zu Somertons Burg reiten."

Der Besitz des Baron of Somerton glich in mancher Hinsicht Laochre. Die Burg war auf einem Hügel errichtet, und vom Turm aus konnte man weit über das umliegende Land schauen. Starke Mauern schützten die Ansammlung von Gebäuden, in denen gelebt und gearbeitet wurde.

     Bevan hatte sich als Bauer verkleidet. Sein kurzes Schwert hatte er so umgegürtet, dass der lange Kittel es vor neugierigen Augen verbarg. Wenn nötig, konnte er es jedoch rasch ziehen.

     Genevieve trug ein einfaches braunes Gewand und ein Kopftuch. So würde sie sich, wie sie hoffte, unauffällig unter die Mägde mischen können, während Bevan nach Fiona suchte.

     Es ging auf Mittag zu, als sie den Hügel zur Burg hinaufstiegen. Genevieve musste all ihre Selbstbeherrschung aufbieten, um nach außen hin einigermaßen ruhig und gelassen zu wirken. Die Angst, den geliebten Mann für immer zu verlieren, war in den letzten Stunden ständig gewachsen. Jetzt waren ihre Füße schwer wie Blei. Ihre Augen brannten vor zurückgehaltenen Tränen. Hilfe suchend streckte sie die Hand nach Bevan aus. Doch er entzog sich ihr, sah nicht einmal zu ihr hin, sondern schaute mit starrem Blick zur Burg.

     Niemand hielt sie am Tor auf. Sie überquerten den Hof, und Bevan wandte sich dem Wohngebäude zu. "Ich warte draußen auf dich", sagte Genevieve.

     Da endlich schien Bevan aus seiner Erstarrung zu erwachen. Er drehte sich zu Genevieve um, betrachtete sie nachdenklich und drückte ihr dann, für sie völlig unerwartet, einen Kuss auf die Stirn. "Es tut mir so leid", murmelte er. "Aber ich muss das tun."

     Sie nickte. "Ich weiß. Geh nur." Dabei war ihr, als müsse ihr das Herz brechen.

     Ein letztes Mal drückte Bevan ihre Hand. Dann machte er ein paar Schritte von ihr fort, bückte sich nach irgendetwas und verschwand gleich darauf im Wohnturm.

Vorheriger Artikel Mein irischer Held - 15. Kapitel
Nächster Artikel Mein irischer Held - 13. Kapitel