Mein irischer Held - 3. Kapitel

3. KAPITEL

Es hatte wieder zu schneien begonnen, der Boden war gefroren, der Wind eisig. Unter diesen Umständen war der Weg vom Strand zur Burg besonders mühsam, und es kostete Genevieve einige Anstrengung, mit den beiden MacEgans Schritt zu halten. Während sie den Blick auf Bevans kräftigen Rücken gerichtet hielt, um ihn im Schneetreiben nicht aus den Augen zu verlieren, überlegte sie, was sie über den Mann wusste.

     Er war gekleidet wie ein einfacher Krieger, doch er behauptete, der rechtmäßige Besitzer von Rionallís zu sein. Das bedeutete wohl, dass er von Adel war. Darauf ließen auch sein Geschick mit dem Schwert und sein ausgeprägtes Verantwortungs- und Gerechtigkeitsgefühl schließen. Ein sympathischer, aber auch ein gefährlicher Mensch …

     Endlich erreichten sie den Eingang zur Burg. Die Wachleute, die Bevan offensichtlich kannten, grüßten ihn respektvoll. Nachdem er ein paar unverbindliche Worte mit ihnen gewechselt hatte, führte er seinen Bruder und Genevieve in einen kleinen Raum, der angenehm warm war, da im offenen Kamin ein helles Feuer loderte. Gleich darauf erschien ein Knecht, der Brot, Käse und heißen Met brachte.

     Bevan hielt sich abseits, während Genevieve und Ewan aßen und tranken. Genevieve fiel auf, wie erschöpft er aussah. Sie trat zu ihm und bot im ein Stück Brot an. Doch er schüttelte nur den Kopf.

     "Ihr müsst etwas zu Euch nehmen", drängte sie. Dann bemerkte sie den Ausdruck der Qual in seinen Augen. Himmel, wie hatte sie vergessen können, dass er verwundet war und vermutlich schreckliche Schmerzen litt. "Eure Wunde muss versorgt werden", stellte sie fest. "Ihr solltet Euch hinlegen und …"

     "Mir fehlt nichts", unterbrach er sie.

     Genevieve ließ sich von seinem schroffen Ton nicht einschüchtern. Sie streckte die Hand aus und berührte Bevans Stirn. Natürlich, er hatte Fieber.

     Was soll ich tun, überlegte sie. MacEgan gehörte, wie sie längst begriffen hatte, zu jenen Männern, die es hassten, eine Schwäche zuzugeben. Aber wenn seine Wunde sich entzündet hatte, brauchte er Hilfe.

     Sie senkte die Stimme, so dass nur er hören konnte, was sie zu sagen hatte. "Ihr habt mein Leben gerettet. Dabei habt Ihr Euch eine Verletzung zugezogen, die behandelt werden muss. Erlaubt mir, mich darum zu kümmern. Niemand wird etwas davon erfahren. Sagt einfach, Ihr würdet mich zu einer Kammer begleiten, in der ich mich ausruhen kann."

     "Ich brauche kein Kindermädchen", zischte er.

     Sie achtete nicht darauf, sondern sagte laut und deutlich: "Ich möchte mich hinlegen. Gibt es in dieser Burg ein Gemach, in dem ich mich von den Strapazen der letzten Stunden erholen kann?"

     Ewan schaute auf, und der Knecht, der sich im Hintergrund bereitgehalten hatte, machte einen Schritt auf Genevieve zu. "Mit Eurer Erlaubnis, Bevan, werde ich der Lady eine Kammer zuweisen."

     "Nicht nötig", gab MacEgan zurück. "Ich selbst werde sie nach oben begleiten."

     "Vielleicht könnte man mir warmes Wasser zukommen lassen und ein Tuch, um mich abzutrocknen?", fragte Genevieve.

     Bevan warf ihr einen zornigen Blick zu, während der Knecht verschwand, um den Auftrag auszuführen.

     Die junge Frau folgte ihrem unwilligen Führer, der eine steile Wendeltreppe hinaufstieg. Schon von außen hatte sie gesehen, dass die Burg nicht sehr groß war. Das zeigte sich auch jetzt. Von dem Gang, den sie erreichten, gingen nur wenige Türen ab. MacEgan öffnete gleich die erste. "Warum widersetzt Ihr Euch meinen Wünschen?"

     "Weil Ihr Euch unvernünftig benehmt. Eure Wunden müssen behandelt werden."

     Er schloss die Tür, nachdem Genevieve eingetreten war, stellte sich vor sie und verschränkte die Arme. "Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, Ihr könntet mich dazu bewegen, auf die Rückeroberung von Rionallís zu verzichten."

     "Ich kenne Euch inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Ihr starrsinnig wie ein Esel seid."

     "Ihr nennt mich einen Esel?" Zu ihrer Überraschung lachte er. "Ihr, die Ihr Euch unvernünftiger, starrsinniger und dümmer benehmt als alle Frauen, die mir je begegnet sind. Begreift Ihr denn nicht, dass ich Eure Hilfe nicht will?"

     Sie zuckte die Schultern und schaute sich um. Die Kammer war eher klein, aber sie war mit einem schmalen Bett, einem Tisch und einem Lehnstuhl ausgestattet. Es gab sogar einen Kamin, in dem allerdings nur ein Häufchen kalter Asche lag.

     "Setzt Euch!", befahl sie. Neben dem Kamin hatte sie etwas Brennholz, Kienspäne und eine Zunderbüchse entdeckt. Nun machte sie sich daran, ein Feuer zu entzünden. Ihre Rippen schmerzten, als sie sich bückte. Aber sie fühlte sich für ihre Mühen belohnt, als wärmende Flammen aufzüngelten.

     In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Der Knecht brachte warmes Wasser und mehrere weiche Tücher. Genevieve nahm alles entgegen, dankte ihm und schloss die Tür wieder. Bevan hatte sich noch immer nicht gesetzt. Er starrte sie vorwurfsvoll an. Doch ohne ihn weiter zu beachten, stellte sie die Schüssel auf den Tisch und begann, einen der Lappen in schmale Streifen zu reißen, um sie als Verband benutzen zu können.

     Plötzlich trat MacEgan mit grimmiger Miene auf sie zu. Sie schrak zusammen, und instinktiv hob sie die Arme schützend vors Gesicht. Gleich darauf wurde ihr klar, was diese Geste verriet. Sofort ließ sie die Hände wieder herabsinken.

     "Ich schlage keine Frauen", erklärte der Ire. Seine Stimme klang jetzt sanfter.

     Bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie innerlich noch immer vor Schreck zitterte, wandte Genevieve sich wieder dem Verbandsmaterial zu. "Ich weiß", murmelte sie.

     Bevan streckte langsam und vorsichtig die Hand nach ihr aus, berührte leicht ihre Schulter. "Nur ein Feigling benutzt seine Fäuste, um einer Frau wehzutun. Ein echter Mann braucht seine Kraft nicht auf diese Art zu beweisen."

     Sie senkte den Blick. Warum verwirrte seine sanfte Geste sie so? Sie fühlte sich unsicher, schwach und schüchtern. Dann schluckte sie und fand ihre Stimme wieder. "Setzt Euch, und lasst mich Euren Verband wechseln!"

     Zu ihrer Überraschung nahm er gehorsam auf dem Stuhl Platz. Mit den Händen umschloss er fest die Armlehnen. Zweifellos war ihm bewusst, dass die Behandlung schmerzhaft sein würde.

     Genevieve schaute ihn ernst an. "Ich werde Euch helfen, den Umhang abzulegen und das Obergewand auszuziehen."

     Er schien widersprechen zu wollen, doch zu spät. Schon hatte sie ihm schnell und geschickt die blutverschmierten Kleidungsstücke ausgezogen.

     Obwohl sie ihn bereits in der vergangenen Nacht halbnackt gesehen hatte, überlief sie ein leichter Schauer, als sie seinen Oberkörper und die Arme mit den kräftigen Muskeln betrachtete. Seine Haut war noch immer von der Sonne des vergangenen Sommers gebräunt. Sie konnte sich gut vorstellen, wie er mit bloßem Oberkörper an den Waffen trainierte oder bei der Feldarbeit half. Er war zweifellos ein sehr attraktiver Mann.

     Für einen Moment wanderten ihre Gedanken zu ihrem Verlobten. Auch Hugh war muskulös, doch seine Haut war blass, und während der letzten Wochen hatte sein Anblick nichts als Angst und Ekel in Genevieve geweckt.

     Sie biss sich auf die Lippen und richtete den Blick entschlossen auf MacEgans verletzte Schulter. Das Fleisch um die Wunde herum war gerötet, geschwollen und mit Blutkrusten bedeckt. Doch immerhin hatte die Naht gehalten, und noch war keine Eiterung eingetreten. Vorsichtig berührte Genevieve den Wundrand. Bevan zuckte zusammen.

     Bei allen Heiligen, es war ein Wunder, dass er trotz Schlafmangel, Schmerzen und Blutverlust unterwegs nicht zusammengebrochen war.

     Sie konzentrierte sich darauf, das Blut abzuwaschen. Dann schaute sie sich noch einmal suchend im Raum um. In einer Ecke entdeckte sie tatsächlich ein großes Spinnennetz. Sie warf den nassen, blutverschmierten Lappen auf den Tisch und holte die Spinnwebe, um sie sorgfältig auf die Wunde zu legen, denn mehr als einmal hatte sie beobachtet, dass diese Behandlung den Heilungsprozess zu beschleunigen vermochte. Als Letztes legte sie mit einem sauberen Stück Stoff einen neuen Verband an.

     "Es wäre gut, wenn ich einen Breiumschlag machen könnte", sagte sie.

     MacEgan erwiderte nichts darauf. Sein Gesicht war vom Schmerz gezeichnet, eine Gänsehaut bedeckte seine Arme. Sie legte ihm den Umhang um, kniete vor ihm nieder und zog ihm die Schuhe aus. Dann begann sie, seine eiskalten Füße zu kneten.

     Nie zuvor hatte sie die Füße eines Mannes berührt. Und was sie jetzt tat, kam ihr erschreckend nah vor. Die Fußsohlen des Iren waren rau, seine muskulösen Unterschenkel behaart. Alles fühlte sich so fremd an. In ihren Fingern verspürte sie ein seltsam prickelndes Gefühl, als sie mit der Massage fortfuhr.

     "Es tut mir leid, dass Ihr meinetwegen solche Schmerzen habt", flüsterte sie.

     "Sie gehören zum Kampf", erwiderte er. "Ich bin daran gewöhnt."

     Nach einer Weile fühlten seine Füße sich nicht mehr ganz so kalt an, auch hatte ihre Farbe sich verändert. "Kommt", meinte Genevieve und half MacEgan auf die Beine, "Ihr müsst Euch hinlegen. Ihr braucht Ruhe."

     Er wehrte sich nicht. Und als sie die Decke über ihn breitete, sagte er leise: "Danke."

     Ein letztes Mal legte sie prüfend die Finger auf seine Stirn. Noch fühlte seine Haut sich fiebrig an, aber insgesamt schien es ihm etwas besser zu gehen. Eine ungemeine Erleichterung breitete sich in ihr auf einmal aus.

     "Schlaft jetzt", forderte sie Bevan sanft auf.

Genevieve beschloss, vorerst nicht von Bevans Seite zu weichen. Als nach einiger Zeit ein Knecht kam, um nach ihren Wünschen zu fragen, bat sie ihn, den Haushofmeister zu ihr zu schicken. Dieser erschien wenig später, und sie brach das Versprechen, dass sie Bevan gegeben hatte. Sie machte sich zu große Sorgen um ihn, fühlte sich nicht in der Lage, die Verantwortung für seine Genesung allein zu tragen.

     Der Haushofmeister betrachtete die Verletzungen des tief schlafenden MacEgan. Dann warf er Genevieve einen kurzen anerkennenden Blick zu. Offenbar war ihm klar, wer die Wunde genäht hatte. Als sie ihn bat, ihr verschiedene Heilkräuter zu besorgen und über alles Stillschweigen zu bewahren, nickte er sogleich.

     Er kümmerte sich auch darum, dass bei Einbruch der Dämmerung aus der Küche nicht nur ein paar Speisen für Genevieve, sondern auch ein fiebersenkender Tee für Bevan heraufgeschickt wurde.

     Es war schwierig, MacEgan auch nur ein paar Schlucke davon zu verabreichen. Er wollte nicht aufwachen, warf sich, geplagt von Fieberträumen, im Bett hin und her, und einmal, als er zufällig Genevieves Handgelenk zu fassen bekam, zog er sie mit überraschender Kraft zu sich heran. Zunächst wehrte sie sich vergeblich. Dann jedoch gab sie nach, streckte sich neben dem Verwundeten aus und legte ihm beruhigend die Hand auf die Brust.

     Nach einer Weile – MacEgan schlief jetzt wieder, ohne sich zu bewegen – fielen auch Genevieve die Augen zu. Sie dachte daran, dass sie eigentlich die Kerze löschen sollte, die auf dem Tisch stand. Aber sie war zu erschöpft, um aufzustehen. Mit einem Seufzer zog sie die Decke zurecht, die sie sich mit dem Iren teilte, dann war auch sie eingeschlafen.

Bevan träumte von Fiona, von ihrer hellen Haut, die so weich war wie die Blüten der Frühlingsblumen, von ihrem dunklen Haar, das sich so seidig anfühlte, wenn er es um den Finger schlang. Er streichelte ihre Wangen, ließ die Hand nach unten gleiten und umfasste Fionas Brust. Ah, es tat so gut, sie in den Armen zu halten. Wie sehr hatte er sie vermisst. Verlangen erwachte in seinem Körper.

     Ein heftiger Schmerz durchfuhr seine Schulter, aber er weigerte sich, darauf Rücksicht zu nehmen. Stattdessen zog er Fiona fester an sich und presste seine Lippen auf die ihren. Wie süß ihr Mund schmeckte.

     "Mein Herz, mein Liebling", murmelte er auf Gälisch.

     Einen flüchtigen Augenblick lang spürte er, dass irgendetwas nicht richtig war. Doch dann küsste er sie noch einmal, und alles war gut – bis er hörte, dass sie weinte.

     "Liebste …" Er versuchte, ihre Tränen fortzuwischen.

     "Stopp", flüsterte sie. "Aufhören." Mit der flachen Hand stemmte sie sich gegen seine Brust.

     Warum? Er wollte sie noch einmal küssen. "Fiona, lass mich dich lieben. Wir werden wieder ein Kind haben. Wir …"

     "Nein." Ihre Stimme hörte sich jetzt verängstigt an. "Nein, bitte nicht."

     Er ließ von ihr ab. Und in seinem Traum sah er, wie Fiona von ihm fortging. Sie liebte ihn nicht. Sie wollte nicht, dass er sie berührte. Sie wollte kein Kind von ihm. Er spürte, wie ein Kloß seine Kehle verschloss.

     "Bevan …" Etwas Kaltes wurde auf seine Stirn gedrückt. Ein feuchtes Tuch. "Ihr habt geträumt." Jemand sprach Englisch mit ihm. "Beruhigt Euch. Es ist alles in Ordnung. Schlaft weiter."

     Genevieve trat vom Bett zurück, zog einen Stuhl zum Kamin und setzte sich. Sie zitterte noch immer. MacEgan hatte ihr Angst gemacht, obwohl sie doch wusste, dass er vom Blutverlust und vom Fieber geschwächt war und nur fantasierte.

     Sie streckte die Hände dem fast erloschenen Feuer entgegen. Ihr war heiß und kalt zugleich. Bevans Liebkosungen hatten sie erregt. Aber sie hatten ihr auch Hugh mit seinen Forderungen und seinen brutalen Übergriffen in Erinnerung gerufen. Als Bevan begonnen hatte, sie zu küssen, hatte sie aus dem Bett schlüpfen wollen. Es war ein Kuss gewesen, der sich von allem unterschied, was sie bisher erlebt hatte. Ein Kuss voller Verlangen und Zärtlichkeit. Hugh hatte sie nie so geküsst. Was er auch getan hatte – sein Ziel war es gewesen, sie zu erniedrigen.

     Ein Schauer überlief Genevieve. Wie war es MacEgan nur gelungen, innerhalb so kurzer Zeit all diese verwirrenden Gefühle in ihr zu wecken? Empfindungen, die zugleich wunderbar und beängstigend waren? Sie war sich vorgekommen wie die schönste und begehrenswerteste Frau der Welt. Sie hatte sich geliebt gefühlt. Aber sie hatte auch gewusst, dass er von einer anderen träumte. Nicht sie hatte er gemeint, als er gälische Koseworte flüsterte und sie so sanft und liebevoll bedrängt hatte.

     Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Kehle. Wenn es ihr doch nur vergönnt wäre, ebenso geliebt zu werden. Sicher, vor noch gar nicht allzu langer Zeit hatte sie geglaubt, Hugh wolle sie aus Liebe zu seiner Gemahlin machen. Er hatte ihr Blumen geschenkt sowie bunte Bänder für ihr Haar und ihre Kleider. Ihr Herz hatte vor Freude schneller geschlagen, wenn er sie anlächelte. Damals war sie voller Lebensfreude gewesen, damals hatte sie große Hoffnungen in die Zukunft gesetzt …

     Inzwischen fragte sie sich, ob sie überhaupt wusste, was Liebe war. Ihre Eltern standen einander sehr nahe. Aber das allein war schon ungewöhnlich in einer Welt, in der Ehen geschlossen wurden, um den eigenen Besitz oder die eigene Macht zu vermehren.

     Genevieve sprang nun auf. Sie war viel zu aufgeregt, um still zu sitzen. Außerdem hatte das Feuer längst seine Kraft verloren. Die Glut reichte kaum noch, um die Kammer auch nur etwas zu erwärmen.

     Ich muss mich bewegen, wenn ich nicht frieren will, dachte sie.

     Sie begann aufzuräumen. Viel gab es allerdings nicht zu tun. Die übrig gebliebenen Stoffstreifen faltete sie sorgfältig zusammen. Bevans blutiges Gewand hängte sie über die Lehne des Stuhls. Dann bemerkte sie etwas Weißes, das neben dem Bett auf dem Fußboden lag. Sie bückte sich danach. Es war ein Leinentüchlein, nicht viel größer als ihre Handfläche. Neugierig trat sie zum Tisch, um das Stückchen Stoff im Licht der Kerze genauer zu betrachten. An einer Seite befand sich über dem Saum eine Reihe winziger, kunstvoll gestickter Blüten. Das wies wohl darauf hin, dass es einmal einer Dame gehört hatte. Aber es war so klein, dass es nicht einmal als Taschentuch benutzt werden konnte.

     Was machte ein Krieger wie MacEgan mit einem solchen Stück Leinen? Es konnte nur ihm gehören, so viel stand fest. Sie warf Bevan einen nachdenklichen Blick zu. Er schlief, doch selbst im Schlaf spiegelte sein Gesicht die Schmerzen wider, die seine Verletzungen ihm verursachten. Würde er gesund werden? Und würde es ihr gelingen, ihn davon zu überzeugen, dass es Wahnsinn war, seine Pläne weiter zu verfolgen, was Rionallís betraf?

     Einem Impuls folgend, kniete sie nieder und bat Gott, weiteres Blutvergießen zu verhüten.

"Ich breche gleich heute Abend auf", sagte Bevan, "Ich muss nach Laochre."

     Seit Genevieve seine Schulterwunde zum ersten Mal versorgt hatte, waren mehrere Tage vergangen. Er war noch nicht wieder ganz genesen, aber es ging ihm deutlich besser. Wenn er sich etwas schonte – wovon allerdings nicht auszugehen war –, würde er in wenigen Wochen nicht mehr unter den Folgen der Verletzung zu leiden haben. Jetzt allerdings benötigte er einen neuen Verband.

     Sie konzentrierte sich darauf, den alten zu entfernen. Bevan hatte sein Gewand ausgezogen, und der Anblick seines nackten Oberkörpers verunsicherte die junge Frau noch immer.

     "Ihr werdet hierbleiben", fuhr der Ire fort. "An diesem Ort seid Ihr in Sicherheit, bis ich Euch eine Eskorte zusammengestellt habe, die Euch nach England begleiten kann."

     "Wenn Ihr es sagt …" Sie glaubte nicht eine Sekunde lang daran, dass Hugh die Suche nach ihr aufgegeben hatte. Auch war ihr klar, dass die Chance, sie zu finden, mit jedem Tag wuchs, den sie in dieser Burg verbrachte.

     "Die Normannen vermuten Euch nicht hier", stellte Bevan fest. "Und wenn sie Euch entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch an diesem Ort suchen sollten, so würden sich ihnen mehr als sechzig Krieger in den Weg stellen, die mein Bruder Patrick ausgebildet hat."

     Genevieve hatte unterdessen die Wunde gereinigt und einen sauberen Leinenstreifen vom Tisch genommen. Sorgfältig band sie ihn um MacEgans Schulter. "Da habt Ihr wohl recht. Aber ich bin davon überzeugt, dass Hugh mich früher oder später aufspüren wird."

     "Auch dann seid Ihr hier sicherer als irgendwo sonst in Irland."

     "Vielleicht." Sie zuckte die Schultern. "Aber ich möchte nicht, dass meinetwegen eine Auseinandersetzung zwischen Eurem und meinem Volk ausbricht."

     "Dieser Krieg begann lange bevor Ihr von England hierher gekommen seid", antwortete Bevan. "Darf ich Euch daran erinnern, dass die Normannen mir Rionallís fortgenommen haben und dass ich nicht bereit bin, auf mein Eigentum zu verzichten?"

     "Ich gehöre auch zu den Normannen." Ihre Stimme war schärfer geworden. Es gefiel ihr nicht, dass Bevan, dem sie sich in den letzten Tagen so nahe gefühlt hatte, sich nun deutlich von ihr distanzierte. Sie schaute ihn fragend an. Er erwiderte ihren Blick, wobei seine Augen plötzlich einen harten und abweisenden Ausdruck angenommen hatten. Wahrhaftig, für ihn stand sie eindeutig auf der Seite seiner Feinde, auf der Seite von Menschen, die er hasste und verachtete.

     Genevieve atmete tief aus. Einerseits verstand sie, dass er Rionallís als sein rechtmäßiges Eigentum betrachtete. Aber er hatte die Burg und die dort lebenden Menschen allein gelassen, und so hatte ihr Vater den Besitz ohne Blutvergießen an sich gebracht. Jetzt würde Thomas de Renalt, Earl of Longford, natürlich nicht mehr kampflos auf Rionallís verzichten. Und das wiederum bedeutete, dass Bevan und seine Krieger eine Gefahr für ihre Familie darstellten. Himmel, sie würde das nicht zulassen!

     Sie wählte ihre nächsten Worte sorgfältig. "Rionallís gehört zu meiner Mitgift. Seid Ihr bereit, mein Blut zu vergießen, um den Besitz zurückzuerobern?"

     Bevan stand eine Weile reglos da, dabei schien er den kleinen Raum vollständig auszufüllen. Jedenfalls wirkte er sehr groß, sehr stark, sehr männlich auf sie – und sehr gefährlich.

     Dann legte er seine beiden Hände schwer auf ihre Schultern. "Ich werde dafür sorgen, dass man Euch nach England zurückbringt. Und ich würde Euch dringend raten, dort zu bleiben."

     Ihr Puls beschleunigte sich. Sie hatte Angst, hätte aber nicht genau sagen können, ob sie sich mehr vor MacEgan fürchtete oder vor Hugh und seinen Leuten, die sie zweifellos finden würden, noch ehe sie England erreichte. "Es gibt keine Eskorte, die groß genug wäre, um Sicherheit für mich zu gewährleisten. Hugh wird Eure Leute töten lassen und mich wieder zu seiner Gefangenen machen. Der einzige Mensch, dem ich in dieser Situation vertraue, ist mein Vater. Ihr könntet ihm eine Botschaft schicken. Er wird sich um mich kümmern – und Ihr seid die Verantwortung für mich los."

     "Ihr wisst selbst, dass Normannen nicht nach Ennisleigh kommen dürfen. Nie werde ich das zulassen." Er zog sich ein neues Gewand an und griff nach seinem Umhang, auf dem inzwischen die Blutflecken entfernt worden waren.

     "Mein Vater würde Euch und den Euren keine Feindschaft entgegenbringen. Er würde mich holen und Euch weitere Mühen ersparen." Sie zwang sich, fest an das zu glauben, was sie sagte. Es war nicht ganz leicht, denn sie hatte ihrem Vater von Rionallís aus mehrere Botschaften geschickt, und dennoch war er nicht erschienen, um sie von Hugh fortzuholen. Vermutlich – nein, ganz gewiss – hatte Hugh ihre Nachrichten abgefangen und vernichtet.

     "Niemals würde ich einen Normannen um einen Gefallen bitten", bemerkte Bevan und schickte sich an, die Kammer zu verlassen.

     Genevieve trat rasch auf ihn zu und griff nach seinem Arm. "Wartet!" Sie drückte ihm etwas in die Hand. "Ihr werdet das mitnehmen wollen."

     Er starrte das Stückchen besticktes Leinen an und schloss dann die Finger darum. "Woher habt Ihr das?"

     "Von Euch. Ihr habt es verloren."

     Sie hielt ihn immer noch fest, und er spürte plötzlich, wie heftig sein Körper auf ihre Berührung reagierte. Verlangen loderte in ihm auf. Seit Fionas Tod war ihm keine Frau mehr so nah gewesen. Keine hatte es gewagt, ihn anzufassen.

     Er machte sich von Genevieve los und verließ die Burg. Draußen blies ihm ein kalter Wind ins Gesicht, aber sein Körper brannte noch immer. Am liebsten hätte er laut geflucht. Doch stattdessen biss er die Zähne zusammen, eilte zum Strand hinunter und stieg in eines der dort liegenden Boote.

     Während er es zum Festland hinüberruderte, zwang er sich, an Fiona zu denken. Er und sie hatten so viele Pläne für ihre gemeinsame Zukunft geschmiedet. Doch noch ehe sie ernsthaft mit der Verwirklichung ihrer Ziele hatten beginnen können, waren normannische Krieger aufgetaucht und hatten Fiona getötet. Das Stückchen Stoff war eine Erinnerung daran, dass er sie verloren und sich geschworen hatte, ihren Verlust zu rächen.

Bevan erreichte Laochre ohne irgendwelche besonderen Vorkommnisse. Doch als man ihn in die Burg einließ, spürte er überall Freude und Aufregung. Man feierte die Geburt eines neuen Mitglieds des MacEgan-Clans.

     Als Bevan seine Schwägerin Isabel mit ihrem neugeborenen Sohn sah, war ihm, als müsse sein Herz stehen bleiben. Sie hielt den Säugling im Arm, und ihr Gesicht war so gütig und so voller Seeligkeit wie das einer Madonna.

     "Wir haben ihn Uilliam genannt", sagte Isabel mit ihrer sanften Stimme, "zur Erinnerung an seinen Onkel, den er leider nie kennenlernen wird."

     Bevan ließ den Blick von Isabel zu seinem Bruder Patrick wandern und bemerkte, wie stolz der junge Vater war. Er zwang sich, den frischgebackenen Eltern zu gratulieren. Doch tatsächlich konnte er es kaum ertragen, Zeuge ihres Glücks zu sein. Der Kummer, den er über den Verlust seiner eigenen Tochter und über Fionas Tod empfand, war einfach immer noch zu groß.

     "Du hast uns gefehlt, Bevan", meinte Isabel freundlich.

     "Ich habe euch auch vermisst", erwiderte er. "Ich bin froh, dass es euch allen gut geht."

     Isabel lächelte. "Wirst du eine Weile bei uns bleiben?"

     "Wohl kaum. Lionel Ó Riordan hat mich gefragt, ob ich ihn in Kilkenny im Kampf gegen Strongbows Leute unterstütze. Ich werde ihm wohl mein Schwert zur Verfügung stellen, sobald ich Rionallís von den Normannen befreit habe."

     Seine Schwägerin sah enttäuscht aus, aber Patrick wandte seine Aufmerksamkeit sogleich den mit Rionallís zusammenhängenden Problemen zu. "Ich habe gehört, dass Ewan sich wieder einmal in Schwierigkeiten gebracht hat. Was ist geschehen?"

     Bevan senkte den Kopf und überlegte, wie er seinen Bericht beginnen sollte. Doch noch ehe er ein Wort gesagt hatte, wurde die Tür geöffnet und Ewan, der schon einige Tage zuvor nach Laochre gekommen war, trat ein.

     Er musterte den Neuankömmling überrascht. "Was tust du hier? Ich dachte du wärest bei Genevieve."

     Isabels Augen verrieten ihre Neugier. "Wer ist Genevieve?"

     Bevan warf Ewan einen warnenden Blick zu. Aber der Junge reagierte gar nicht. "Sie ist …", begann er.

     "Warte!", unterbrach Bevan ihn.

     "… die Frau, die wir befreit haben. Allerdings erst, nachdem sie uns aus unserem Gefängnis geholt hatte." Ewan grinste.

     Bevan wollte ihn im Nacken packen, aber Ewan duckte sich und machte rasch mehrere Schritte zur Seite.

     "Eine Frau hat euch geholfen? Das ist interessant", stellte Patrick fest.

     "Allerdings", stimmte Isabel zu. "Wo hält sie sich jetzt auf? Warum hast du sie nicht mitgebracht, Bevan?"

     "Es erschien mir am klügsten, sie auf Ennisleigh zurückzulassen."

     Isabel wollte nachhaken, aber Patrick brachte sie mit einem Blick zum Schweigen.

     "Sie ist eine Normannin", erklärte Ewan.

     "Eine Geisel?" Patricks Gesicht verfinsterte sich. "Das erscheint mir nicht klug."

     "Sie ist keine Geisel", stellte Bevan klar. "Wie Ewan schon sagte: Sie hat uns geholfen. Als Dank habe ich ihr ihre Bitte erfüllt, sie vor ihrem Verlobten in Sicherheit zu bringen." Dann schaute er Ewan böse an. Der Junge musste endlich lernen, seine Zunge im Zaum zu halten! "Wir sehen uns morgen früh auf dem Übungsplatz. Dann wird sich zeigen, ob dein Schwert ebenso schnell ist wie dein Mundwerk."

     Ewan nickte lachend, was Bevan sogleich dazu brachte, seinen Vorschlag zu bereuen. Er wusste, dass sein jüngster Bruder darauf brannte, weitere Unterrichtsstunden im Schwertkampf zu bekommen. Aber so sehr sich Bevan auch bemühte, ein guter Lehrmeister zu sein, sein Unterfangen war absolut unergiebig. Ewan schien keinerlei Fortschritte zu machen. Jeder, der den Jungen kannte, befürchtete, dass er eines nicht allzu fernen Tages den Tod finden würde, weil er ein so miserabler Kämpfer war. Und jeder wünschte, er würde sich entscheiden, ein Amt in der Kirche anzustreben. Davon aber wollte Ewan nichts hören.

     Sobald Isabel mit ihrem Gemahl allein war, sagte sie: "Ich wüsste wirklich gern mehr über diese Frau. Bevan hasst die Normannen. Es muss also einen besonderen Grund dafür geben, dass er ihr geholfen hat."

     "Vermutlich war er durch die Umstände dazu gezwungen", antwortete Patrick. "Eine andere Erklärung kann es nicht geben."

     "Vielleicht … Trotzdem erscheint es mir seltsam, dass sie ihre eigenen Leute verlassen wollte. Ich frage mich wirklich, was für eine Frau sie ist."

     Diese Bemerkung brachte Isabel einen misstrauischen Blick ihres Gemahls ein. "Du planst doch nicht irgendetwas?"

     "Vorerst nicht. Allerdings halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass ich mich in ein paar Tagen entschließe, Ennisleigh einen Besuch abzustatten."

     "Ich möchte nicht, dass du dich in diese Angelegenheit einmischt, Isabel."

     In diesem Moment hob sie das Kind hoch und herzte es, ehe sie erklärte: "Ob diese Normannin wohl schön ist? Bevan ist nun schon so lange allein …"

     "Also wirklich!" Patricks Stimme verriet seine Entrüstung. "Er trauert noch um Fiona. Und eine Fremde wäre gewiss nicht die richtige Frau für ihn."

     Darauf erwiderte Isabel nichts. Aber über ihre Lippen huschte ein kleines Lächeln.

Am nächsten Morgen standen sich die MacEgan-Brüder im Schwertkampf gegenüber.

     "Willst du, dass ich dich umbringe?", schimpfte Bevan schon nach kurzer Zeit. Nur mit Mühe hatte er den Schwung seiner Waffe so weit bremsen können, dass er Ewan nicht verletzte. "Warum benutzt du dein Schild nicht?"

     Statt zu antworten, versuchte der Junge einen Angriff. Dabei stolperte er und wäre fast in sein eigenes Schwert gefallen.

     Bevan unterdrückte einen Fluch. "Genug", stellte er mit schneidender Stimme fest. "Sieh endlich der Wahrheit ins Gesicht: Du bist einfach nicht zum Krieger geboren."

     Ewan stand mit gesenktem Kopf da. Seine Miene verriet, wie unglücklich er war. "Ich werde alles lernen, was ich für den Kampf können muss", erklärte er. "Mir fehlt einfach die nötige Übung. Wenn du mir mehr Unterricht gibst …"

     "Es ist sinnlos, dir weiter etwas zu zeigen", unterbrach sein Bruder ihn. "Du lernst nichts dazu. Und ich kann nicht immer in deiner Nähe sein, um dich zu beschützen."

     "Ich habe dich nie um deinen Schutz gebeten", fuhr der Junge auf. "Ich kann auf mich selbst aufpassen."

     Nein, das kannst du nicht, hätte Bevan beinahe gesagt. Aber er wollte Ewan nicht noch mehr kränken. Also befahl er ihm nur, ins Haus zurückzukehren.

     "Ich werde euch allen beweisen, dass ich ein Krieger bin."

     "Es wäre klüger, wenn du dich für einen anderen Weg entscheiden würdest. Warum willst du nicht deine sonstigen Stärken nutzen? Es muss auch Männer geben, die Aufgaben erledigen, die nicht unmittelbar mit Kampf und Waffen zu tun haben."

     "Ich bin ein MacEgan, und die MacEgans sind Krieger."

     Bevan musste einsehen, dass es ihm wieder nicht gelingen würde, Ewan zur Vernunft zu bringen. Aber die Vorstellung, noch einmal einen seiner Brüder im Kampf zu verlieren, schnürte ihm die Kehle zusammen. Schlimm genug, dass Uilliam von den Normannen erschlagen worden war …

     Er atmete ein paarmal tief durch, dann fuhr er Ewan liebevoll mit der Hand durchs Haar. "Mit so viel Entschlossenheit sollte es dir eigentlich gelingen, dein Ziel zu erreichen."

     Dieses Zugeständnis trug ihm ein strahlendes Lächeln ein. Und Ewan wagte zu fragen: "Wann werden wir Genevieve wiedersehen? Ich mag sie."

     "Du meinst, du willst sie besuchen? Daraus wird nichts. Morgen oder übermorgen werde ich mich darum kümmern, dass ein Trupp unserer zuverlässigsten Leute zusammengestellt wird. Die Krieger sollen Genevieve nach England begleiten. Du aber wirst nicht zu dieser Eskorte gehören."

     "Sir Hugh wird nicht zulassen, dass seine Verlobte Irland verlässt. Ich glaube, er hat seine Soldaten längst auf die Suche nach ihr geschickt."

     "Er hat nicht genug Männer, um uns gefährlich zu werden. Und auf Ennisleigh ist Genevieve sicher."

     "Aber wieso willst du dann, dass sie die Burg verlässt? Auf dem Weg nach England ist die Gefahr viel größer, dass sie den Normannen in die Hände fällt. Außerdem …" Ewan zögerte.

     "Außerdem?", hakte Bevan nach.

     "Außerdem wäre es für einen einzelnen Mann nicht schwer, sich Zugang zu Ennisleigh zu verschaffen. Hugh könnte Genevieve von dort entführen."

     "An den Wachen kommt niemand vorbei."

     "Ich habe mich schon mehrmals ungesehen an ihnen vorbeigeschlichen."

     "Tatsächlich?" Bevan runzelte die Stirn.

     "Glaubst du mir etwa nicht?" Ewan setzte eine gekränkte Miene auf. Dann wiederholte er: "Unabhängig davon ist es jedoch für Genevieve gefährlicher, wenn sie die Burg erst verlassen hat."

     Die Überzeugung, die aus diesen Worten sprach, machte Bevan zornig, vor allem, weil die Normannin genau dasselbe gesagt hatte. Er durfte nicht zulassen, dass ihr irgendetwas zustieß. Und das bedeutete, dass er sie persönlich nach England begleiten musste.

     Diese Vorstellung behagte ihm gar nicht.

Bevan stieg aus dem Boot und machte ein paar Schritte auf die Inselfestung zu. Innerlich fluchte er, während er sich sorgfältig umschaute. Ewan hatte gerade das Boot vertäut und richtete sich auf.

     Ursprünglich war es nicht Bevans Absicht gewesen, nach Ennisleigh zurückzukehren, solange Genevieve sich dort aufhielt. Insbesondere hatte er nicht vorgehabt, Ewan seinen Wunsch nach einem Wiedersehen mit der schönen Normannin zu erfüllen. Dennoch hatte er seinem jüngsten Bruder schließlich gestattet, ihn zu begleiten. Ewan hatte darüber geklagt, die Sticheleien nicht länger ertragen zu können, die er auf Laochre über sich ergehen lassen musste, da er bei der misslungenen Eroberung von Rionallís eine so unrühmliche Rolle gespielt hatte.

     MacEgan wartete, bis Ewan ihn eingeholt hatte. Er war dem Jungen nicht gerade dankbar dafür, dass er ihm in Erinnerung gerufen hatte, in welch großer Gefahr Genevieve noch immer schwebte. Dennoch musste er sich eingestehen, dass Hughs Soldaten aller Wahrscheinlichkeit nach überall in der weiteren Umgebung von Rionallís nach der Verlobten ihres Herrn Ausschau hielten. Wenn sie die Normannin fanden und sie zu Hugh zurückbrachten, so musste die junge Frau um ihr Leben fürchten. Bevan konnte nicht vergessen, wie brutal Hugh sie geschlagen hatte. Er hasste den normannischen Ritter dafür. Und nicht zum ersten Mal bedauerte er, dass er den Feind in jener Nacht nicht getötet hatte.

     Unwillkürlich hob er die Hand und berührte leicht die verletzte Schulter. Die Wunde war gut verheilt, doch es würde noch Wochen dauern, bis er den Arm wieder uneingeschränkt gebrauchen konnte. Welch ein Glück, dass er Rechtshänder war und deshalb sein Schwert nach wie vor mit unverminderter Kraft schwingen konnte.

     Gefolgt von Ewan, trat er durch das äußere Tor. Hinter der Mauer befand sich der Übungsplatz, und mehrere Männer waren damit beschäftigt, sich in den verschiedenen Kampfarten zu verbessern. Eine Frau schaute ihnen dabei zu. Genevieve!

     Als sie ihn bemerkte, leuchteten ihre Augen auf. Lächelnd begrüßte sie ihn. "Guten Tag, Lord MacEgan."

     "Bevan", korrigierte er sie. "Anders als die Normannen legen wir Iren keinen Wert darauf, mit unserem Titel angesprochen zu werden."

     "Ich werde in Zukunft daran denken, Bevan." Sie wandte den Blick wieder den Kriegern zu. "Üben sie jeden Tag?"

     "Im Allgemeinen ja. Unsere Leute gehören zu den besten Kämpfern Irlands."

     Ein Windstoß fegte über den Platz, und Genevieve erschauderte. "Glaubt Ihr, sie wären bereit, mir etwas von ihrer Kunst beizubringen?"

     "Ihr wollt lernen, eine Waffe zu führen?" Er war verwirrt.

     "Ja. Und ich wüsste auch gern, wie ich mich mit bloßen Händen verteidigen kann."

     "Aber warum?"

     "Wenn mich je wieder ein Mann bedrohen sollte, dann möchte ich mich wehren können."

     Mit gerunzelter Stirn musterte er ihr Gesicht. Schließlich schüttelte er den Kopf. "Kommt mit ins Haus. Es ist kalt hier."

     Bittend legte sie ihm die Hand auf den Arm. "Es ist mir ernst. Ich möchte kämpfen lernen."

     "Das braucht Ihr nicht. Ihr befindet Euch in Sicherheit. Niemand wird Euch hier belästigen oder Euch Schmerzen zufügen."

     "Ihr versteht nicht!" Ihre Augen hatten einen gehetzten Ausdruck angenommen. "Ich möchte sicher sein, dass ich mich nie wieder so hilflos fühlen muss. Es war schrecklich, all diese Demütigungen zu ertragen, weil ich zu schwach war, mich zu verteidigen."

     Er bemerkte, dass sie den Tränen nahe war. Aber er wusste nicht, was er sagen sollte. Seine Gedanken waren zu Fiona gewandert. Wäre sie noch am Leben, wenn er ihr beigebracht hätte, wie man kämpft?

     Schließlich kam er zu einem Entschluss. Es war ihm nicht gelungen, Fiona vor den Normannen zu retten. Aber vielleicht würde es ihm tatsächlich gelingen, Genevieve beizubringen, wie sie sich vor ihren Feinden schützen konnte.

     "Gut, ich werde Euch unterrichten", versprach er. Er würde dadurch einen oder zwei Tage verlieren, aber jetzt war es sowieso zu spät, um noch aufzubrechen. Sie würden sich eben später als geplant auf den Weg nach England, nach Dun Laoghaire machen.

     "Danke." Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Lippen. "Wann wollen wir beginnen?"

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