Mein irischer Held - 4. Kapitel

4. KAPITEL

 Im großen Saal der Burg gab Bevan Genevieve die erste Unterrichtsstunde. Sie standen einander gegenüber, die Normannin schaute nach unten. Bevan fasste ihr leicht unters Kinn und hob ihren Kopf, bis ihre Blicke sich trafen.

     "Nie dürft Ihr die erste Regel beim Kämpfen vergessen", sagte er. "Und diese heißt: Lasst Euren Feind niemals aus den Augen."

     Sie gehorchte und beobachtete ihn, als er begann, sich zu bewegen. Wieder fiel ihr auf, wie attraktiv sein Gesicht trotz der Narben war, wie männlich und sinnlich sein Mund wirkte und wie fest und unbeugsam der Ausdruck seiner grünen Augen war.

     "Ihr dürft im Kampf nicht fair sein. Ihr könnt Euch nur dann erfolgreich verteidigen, wenn Ihr die schwachen Stellen Eures Gegners trefft. Das wären bei einem Mann die Augen, sein Hals oder der Bereich seines Schritts."

     Sie errötete. Einen Moment lang hatte sie seine Hüften und Oberschenkel angeschaut. Dann fiel ihr ein, wie seine Haut sich in jenen Stunden angefühlt hatte, als sie im Bett an seiner Seite gelegen hatte, um ihn zu beruhigen und um selbst Schutz vor der Kälte zu finden. Sie fühlte, wie ihr heiß wurde. Die Erinnerung hatte eine Sehnsucht in ihr geweckt, die aber durch Furcht getrübt wurde. Genevieve konnte nicht vergessen, wie Hugh sich ihr gegenüber verhalten hatte.

     Jetzt trat MacEgan hinter sie und umfasste ihre Schultern. Verlangen flackerte in ihr auf, unerwünscht und bedrohlich. Sie musste sich zwingen, ruhig zu bleiben.

     "Wenn ein Mann Euch von hinten festhält", sagte er, "dann werft Euren Kopf mit aller Kraft zurück. Mit etwas Glück zertrümmert Ihr ihm so die Nase. Dann wird er Euch wahrscheinlich freigeben."

     Sie bemühte sich, ihre Konzentration ganz auf den Unterricht zu lenken. "Was kann ich tun, wenn mein Gegner ein Messer hat?"

     "Es ist nicht leicht, sich gegen einen bewaffneten Feind durchzusetzen. Aber es gibt gewisse Möglichkeiten. Probieren wir es aus." Er trat wieder vor sie und drehte ihr den Rücken zu. "Tut einmal so, als hieltet Ihr mir ein Messer an die Kehle."

     Sie gehorchte, verlor jedoch den Mut, als ihr bewusst wurde, dass sie Bevan jetzt so nah war, als wolle sie ihn umarmen. "Ich …", stammelte sie.

     "Versucht es. Sonst kann ich Euch nicht zeigen, wie Ihr Euch zur Wehr setzen könnt."

     Sie schluckte. Sei kein Dummkopf, schalt sie sich selbst, du willst es doch lernen!

     "Wenn Ihr schnell seid, könnt Ihr mit beiden Händen die Hand umfassen, die das Messer hält." Er zeigte es ihr. "Dann tretet Ihr einen Schritt zurück und dreht Euch zur Seite."

     In diesem Moment, da ihr Arm zur Seite gerissen wurde, verlor Genevieve das Gleichgewicht. Sie taumelte, und unwillkürlich griff sie nach Bevan, um sich festzuhalten. Doch statt sie zu stützen, warf er sie zu Boden. Gleich darauf spürte sie sein Gewicht auf sich.

     Panik überfiel sie. Hugh hatte sie so festgehalten. Obwohl sie wusste, dass Bevan nicht beabsichtigte, ihr wehzutun, konnte sie nichts gegen die übermächtige Angst ausrichten, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Sie begann zu zittern.

     "Wenn Ihr mit Schwung auf Eurem Gegner landet, wird er einen Moment lang nicht atmen können. Das gibt Euch Gelegenheit, ihm das Messer zu entwinden", erklärte Bevan. Dann bemerkte er ihre vor Furcht weit aufgerissenen Augen. "Was ist los?", fragte er und kniete sich neben die junge Frau. "Habe ich Euch Schmerzen zugefügt?"

     Sie schüttelte den Kopf und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. Sie wusste doch, dass er nicht wie Hugh war. Trotzdem brachte sie kein Wort über die Lippen. Endlich flüsterte sie: "Ich habe noch immer Angst vor ihm."

     "Es ist völlig normal, dass man im Kampf Furcht hat. Nur ein Mensch, der bereits tot ist, verspürt keine."

     "Aber ich habe Euch in jener Nacht beobachtet, und Ihr hattet keine Angst, als Hugh mit dem Messer auf Euch losging. Er hätte Euch töten können."

     "Es war nicht seine Absicht, mich sterben zu lassen. Er wollte mir nur Schmerzen zufügen und mich kampfunfähig machen."

     "Wie könnt Ihr Euch dessen so sicher sein?" Sie runzelte die Stirn. Warum hatte Bevan in jener bedrohlichen Situation keine Angst verspürt? Und warum begann sie vor Furcht zu zittern, wenn sie nur an Hugh dachte? Leise und ein wenig beschämt gestand sie: "Ich bin offensichtlich unfähig, meine Furcht zu überwinden."

     "Ihr braucht sie nicht zu überwinden. Es ist Euer Feind, den Ihr überwinden müsst. Also übt das, was ich Euch beibringe, bis Ihr in einer gefährlichen Lage das Richtige tut, ohne darüber nachdenken zu müssen. Eines sollte Euch klar sein: Wenn Ihr angegriffen werdet, habt Ihr keine Zeit, lange zu überlegen, wie Ihr reagieren wollt. Es ist wichtig, sich sofort zu verteidigen. Deshalb üben unsere Soldaten jeden Tag. Im Kampf sollen sie nicht zögern, sondern augenblicklich handeln."

     Er sprach so überzeugend, und Genevieve hätte ihm gern geglaubt. Aber ihre Erfahrungen mit Hugh hatten sie zutiefst verunsichert.

     In diesem Moment sagte Bevan leise: "Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, ich hätte in jener Nacht keine Angst gehabt."

     "Ihr habt um das Leben Eures Bruders gefürchtet."

     Er antwortete nicht. Doch nach einer Weile – sie hatten sich schweigend angeschaut – berührte er mit den Fingerspitzen ihre Wange. Es war die Stelle, an der Hughs Schlag sie getroffen hatte. Der blaue Fleck war inzwischen blasser geworden, aber noch konnte man ihn deutlich erkennen.

     Ein Schauer überlief Genevieve. Wollte Bevan ihr zu verstehen geben, dass er um ihre Sicherheit gefürchtet hatte? Dass er sich um das Wohlergehen einer Fremden gesorgt hatte?

     Er sprach nicht, aber sie war sich seiner Nähe sehr bewusst. Er war stark, er war ein Krieger, zweifellos konnte er im Kampf erbarmungslos zuschlagen. Aber im Gegensatz zu Hugh konnte er auch gütig sein und Mitgefühl empfinden. Ein faszinierender Mann!

     In diesem Moment griff Bevan nach Genevieves Hand. Feierlich erklärte er: "Solange ich bei Euch bin, wird Marstowe Euch nichts tun. Ich werde dafür sorgen, dass er Euch nicht anrührt."

     Sie senkte den Kopf. Noch war sie nicht davon überzeugt, dass Bevan in der Lage war, einen so hinterlistigen und brutalen Kämpfer wie Hugh wirklich zu überwinden. Aber sie brachte ein leises "Danke" über die Lippen.

Am Spätnachmittag ließ Bevan Genevieve noch einmal zu sich rufen, um ihr eine weitere Unterrichtsstunde zu geben. Es war offensichtlich, dass sie fest entschlossen war, so viel wie möglich zu lernen. Auch nachdem Bevan sich von ihr verabschiedet hatte, um – wie er sagte – anderen Pflichten nachzugehen, bemühte sie sich in ihrer Kemenate, das, was er ihr beigebracht hatte, weiter einzuüben.

     Einmal trat sie ans Fenster und sah im schwindenden Licht, dass er draußen bei den Soldaten war und sich mit ihnen im Schwertkampf maß. Er war so schnell, kraftvoll und geschickt, dass sie nur darüber staunen konnte, wie rasch er sich von seiner Schulterverletzung erholt hatte. Ein paar Minuten lang verfolgte Genevieve voller Bewunderung jede seiner Bewegungen.

     Als sie sich zum Abendessen im Burgsaal trafen, fragte sie ihn: "Wer hat Euch als Knabe in den verschiedenen Kampftechniken unterrichtet?"

     "Der wichtigste Lehrer für meine Brüder und mich war unser Vater."

     "Er muss ein guter Lehrmeister gewesen sein. Ihr seid sehr geschickt." Sie zögerte, ehe sie leise hinzusetzte: "Schmerzt Eure Schulter gar nicht mehr?"

     "Doch, aber die Wunde behindert mich nicht weiter, und bald werde ich sie ganz vergessen haben." Er warf Genevieve einen kurzen Blick zu. "Bereitet Euch auf die Abreise vor. Morgen früh machen wir uns auf nach Dun Laoghaire."

     "Warum nehmen wir nicht von hier aus ein Schiff? Wir müssen das Meer sowieso überqueren, wenn wir nach England wollen. Setzen wir uns nicht unnötigen Gefahren aus, wenn wir über Land reisen?"

     "Nein. Strongbow besitzt mehrere Schiffe, seine Soldaten kontrollieren die Küstengewässer."

     "Oh!" Das war ihr nicht bewusst. Natürlich hatte sie von Strongbow gehört, dessen richtiger Name Richard FitzGilbert de Clare war. Vor etwa zwei Jahren hatte er dem vertriebenen irischen König Diarmuid MacMurrough geholfen, sein Reich zurückzuerobern. Seine Männer hatten damals Hunderte von Iren umgebracht. Er galt als ein erbarmungsloser Kämpfer und großer Stratege. Wenn er tatsächlich das Meer in Küstennähe kontrollierte, dann war die Reise über Land wirklich ungefährlicher.

     "Ich dachte, Strongbow habe an Einfluss verloren", überlegte sie laut, "seit er MacMurroughs Tochter geheiratet und sich mit seinen ehrgeizigen Plänen das Misstrauen König Henrys zugezogen hat. Mein Vater erwähnte, dass der König ihm den Auftrag erteilt hätte, ein Auge auf Strongbow zu haben."

     "Es ist nicht leicht, einen Mann wie ihn in Schach zu halten", bemerkte Bevan.

     "Wie viele von Euren Männern werden uns auf der Reise begleiten?"

     "Genug."

     Das war eine nicht gerade zufriedenstellende Antwort. "Wie viele?", wiederholte Genevieve.

     "Genug." Bevans Stimme klang ungeduldig. "Meine Soldaten zählen zu den besten Kriegern Irlands. Es ist ausgeschlossen, dass Hugh und seine Leute sie überwinden."

     "Es ist Euch und Euren Leuten nicht gelungen, Rionallís zu erobern", gab Genevieve zu bedenken.

     "Ich habe ausreichend Männer, um Euch unbeschadet nach England zu bringen." MacEgan war jetzt sichtlich erzürnt.

     Doch Genevieve ließ sich nicht einschüchtern. "Unter den gegebenen Umständen ziehe ich es vor, hier zu bleiben, bis mein Vater kommt, um mich zu holen."

     Aus blitzenden Augen starrte Bevan sie an. "Ihr glaubt also, ich sei nicht in der Lage, Euch zu beschützen?"

     Sie zögerte, überlegte sorgfältig, welche Worte sie wählte. "Ihr habt mir geholfen, Hugh zu entkommen. Dafür bin ich Euch dankbar. Auch weiß ich, dass ich hier sicher bin. Von dieser Insel aus kann man jeden Feind, der sich ihr nähert, rechtzeitig sehen. Deshalb würde ich gern an diesem Ort die Ankunft meines Vaters abwarten."

     "Ich habe Euch doch schon gesagt, dass Normannen keinesfalls nach Ennisleigh kommen dürfen. Ich lasse das nicht zu."

     "Mein Vater würde keine Gefahr für Euch und Eure Leute darstellen. Im Gegenteil, er würde Euch belohnen, weil Ihr mir geholfen habt."

     "Er würde mich belohnen? Wie?" Sanfter Spott sprach aus Bevans Worten. "Indem er mir Rionallís zurückgibt?"

     Genevieve schüttelte den Kopf. "Ihr wisst, dass das unmöglich ist."

     "Dann ist es Euch wohl gleichgültig, wenn ich mit Waffengewalt um mein Eigentum kämpfe und dabei den Normannen Schaden zufüge?"

     "Das würdet Ihr nicht tun!"

     Er trat einen Schritt auf sie zu. "Was sonst sollte ich machen?" Plötzlich wirkte er sehr bedrohlich. "Auf mein Recht verzichten? Die irischen Familien, die den zu Rionallís gehörenden Boden bestellen, im Stich lassen?"

     Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. Ihr war klar, dass er versuchte, sie zu einem Eingeständnis zu bewegen, das sie niemals aussprechen konnte. Sie atmete tief durch. Wenn man die Dinge von seiner Warte aus betrachtete, war der Anspruch, den er geltend machte, sogar verständlich. Aber – sagte Genevieve sich zum wiederholten Mal – indem er fortgegangen war und Rionallís samt den dort lebenden Menschen allein ließ, hatte er sich selbst um sein Eigentum gebracht.

     "Rionallís hat seit jeher unserem Clan gehört", erklärte er, "und es wird in unserem Besitz bleiben. Wenn Uilliam, Patricks Sohn, alt genug ist, wird er die Verantwortung dafür übernehmen. Möglicherweise werden Land und Burg auch Ewan zufallen. Aber auf keinen Fall wird Rionallís normannisch."

     "Warum sprecht Ihr nicht von Euren eigenen Nachkommen? Gewiss werdet Ihr irgendwann heiraten und Söhne haben."

     "Ich habe geschworen, mich nie wieder zu vermählen."

     Forschend musterte sie sein Gesicht. "Dieser Schwur hat mit Fiona zu tun?"

     Bevan wirkte jetzt sehr angespannt. "Wann und wo habt Ihr diesen Namen gehört?"

     "Ihr habt nach ihr gerufen, als Ihr vom Wundfieber geschüttelt wurdet und fantasiert habt."

     Seine Miene war undurchdringlich.

     "Fiona war Eure Gemahlin?"

     "Ja."

     "Was ist mit ihr geschehen?"

     "Die Normannen haben sie ermordet."

     Genevieve bemerkte, dass er bebte. Er war wütend, ja. Obwohl er sich bemühte, alle anderen Gefühle zu verbergen, spürte sie genau, dass sein Schmerz größer war als sein Zorn. Gern hätte sie ihm versichert, dass sie mit ihm fühlte. Aber das hätte nur bewirkt, dass er sich noch weiter vor ihr zurückzog. Er war so stolz – und dabei so dickköpfig. Unwillkürlich seufzte sie auf.

     "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Ihr meinem Vater eine Botschaft schicken solltet." Genevieve kam auf ihr ursprüngliches Anliegen zurück. "Es ist unnötig, dass Ihr Eure Leute meinetwegen in Gefahr bringt. Weder Strongbows noch Hughs Soldaten sind ihnen freundlich gesinnt."

     Bevan schüttelte den Kopf.

     Sie fuhr fort: "Mein Vater ist vielleicht schon in Irland. Er hatte vor, an meiner Hochzeit mit Hugh teilzunehmen, und inzwischen müsste er längst genesen sein."

     "Also gut. Wir werden morgen zu meinem Bruder Patrick nach Laochre reisen. Ich hoffe, ich werde mich darauf verlassen können, dass Euer Vater die Festung nicht angreifen wird. Unsere Leute würden sie bis zum Äußersten verteidigen. Es würde viele Tote und Verletzte geben."

     "Himmel!" Jetzt ging auch Genevieves Geduld zu Ende. "Habe ich Euch nicht oft genug versichert, dass mein Vater Euch und die Euren nicht attackieren wird?"

     "Einem Normannen kann man nicht trauen." Das war alles, was Bevan darauf erwiderte.

     "Unsinn!" Seine Worte kränkten sie.

     Bevan machte aber alles nur noch schlimmer, als er sagte: "Je eher Ihr uns verlasst, desto besser. Ohne Euch werden wir wieder bedeutend sicherer sein."

     Sie warf ihm einen gekränkten wie auch zornigen Blick zu. Wie konnte er nur so blind sein? Wie konnte ein kluger Mann sich so in seinen Vorurteilen verstricken? Warum glaubte er ihr nicht, dass von ihrem Vater keine Gefahr für ihn und seine Leute ausging?

     Nun, immerhin konnte sie nicht leugnen, dass Hugh keinerlei Rücksicht genommen hätte, wenn ihm zu Ohren gekommen wäre, wo sie sich befand. Er hätte Ennisleigh angegriffen und, ohne nachzudenken, das Leben seiner Soldaten aufs Spiel gesetzt, um möglichst viele Iren zu töten. Dass es nicht dazu gekommen war, war zweifellos Bevan zu verdanken, dem es gelungen war, ihre Spuren zu verwischen. Dafür hatte er ihre Dankbarkeit verdient.

Hugh Marstowe ging vor dem Kamin in seinem Schlafgemach unruhig auf und ab. Noch immer gab es keine Spur von Genevieve. Vergeblich hatten er und seine Leute in der Umgebung von Rionallís Häuser durchsucht und Menschen, die vielleicht etwas hätten wissen können, unter Druck gesetzt. MacEgan und Genevieve blieben verschwunden.

     Mehr als einmal hatte Hugh sich ausgemalt, was der Ire wohl mit Genevieve tun mochte. Seine Fantasie hatte ihm Bilder vorgegaukelt, die ihm die Zornesröte ins Gesicht trieb und ihn vor Eifersucht hatten zittern lassen. Bei allen Teufeln, MacEgan würde dafür sterben!

     Vor einem beinahe mannshohen Spiegel blieb Hugh stehen. Eingehend betrachtete er sich. Von einem der Dienstboten hatte er sich die blonden Haare ganz kurz schneiden lassen, so wie es unter den Normannen gerade Mode war. Er hatte sich auch rasiert, und prüfend fuhr er nun mit den Fingerspitzen über sein Kinn. Gut, es waren noch keine Bartstoppeln nachgewachsen.

     In seinem Bett wartete eine junge Frau auf ihn. Sie hatte dunkles, weiches Haar und einen wohlgeformten Körper. Aber sie war längst nicht so schlank und biegsam wie Genevieve. Auch ihr Gesicht erschien Hugh bei Weitem nicht so perfekt wie das seiner Verlobten.

     "Kommt, Mylord." Auffordernd streckte die Dirne ihm die Arme entgegen. "Warum lasst Ihr mich warten?"

     Weil ich Genevieve nicht vergessen kann, wäre die richtige Antwort gewesen. Aber Hugh schwieg und warf der Frau nur einen kurzen Blick zu. Er liebte Genevieve, er wollte keine andere als sie zur Gemahlin. Und selbst wenn es nur um ein oberflächliches sinnliches Vergnügen ging, konnte keine andere ihn wirklich zufriedenstellen. Hatte er nicht gelobt, ihr alles zu geben? Warum war sie dann vor ihm davongelaufen? Sicher, er hatte sie hin und wieder strafen müssen. Aber es war doch nur zu ihrem Besten gewesen. Sie musste lernen, sich wie eine gute Ehefrau zu benehmen. Sie musste begreifen, dass es falsch war, dickköpfig und abweisend zu sein. Eine gute Gemahlin schuldete ihrem Ehemann absoluten Gehorsam.

     Unwillkürlich seufzte er auf. Mit Frauen verhielt es sich wie mit Pferden. Man musste sie zähmen. Ja, es war zu ihrem eigenen Vorteil, wenn der Mann ihren Willen brach. Sonst blieben sie wild und einsam. Sonst konnte man ihnen auch keine großzügigen Geschenke machen. Er, Hugh, hatte für Genevieve einen goldenen mit Saphiren besetzten Haarreif besorgt, den er ihr zur Hochzeit übergeben wollte. Zu ihrem dunklen Haar und den blauen Augen würde er wundervoll aussehen.

     Jetzt huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er stellte sich gerade die Hochzeitszeremonie vor, wie er seiner Gemahlin – die bis dahin natürlich gelernt hatte, sich gehorsam und demütig zu verhalten – den Reif aufs Haar setzte. Sie würden so glücklich sein!

     Viel Zeit blieb nicht mehr bis zur Heirat. Genevieves Vater war auf dem Weg nach Rionallís. Zwar hatte Hugh ihm eine Botschaft geschickt, dass keine Eile nötig sei, aber der Earl of Longford hatte sich nicht aufhalten lassen. Er würde außer sich vor Zorn und Sorge sein, wenn er bei seiner Ankunft in der Burg seine Tochter nicht vorfand. Und das bedeutete, dass Genevieve schnellstmöglich herbeigeschafft werden musste.

     "Verschwindet!", befahl Hugh der Dirne, die nach einem Blick auf sein hartes Gesicht aus dem Bett sprang, sich in einen Umhang hüllte und zur Tür hinauseilte. Auch Hugh trat auf den Gang hinaus. Ein Diener stand dort bereit, um seine Befehle entgegenzunehmen.

     "Ich will Sir Peter sprechen", erklärte Hugh. Dann schloss er die Tür und nahm sein Hin- und Herwandern vor dem Kamin wieder auf, dessen Feuer hell flackerte.

     Es dauerte nicht lange, bis ein Klopfen ertönte. "Herein!"

     Sir Peter war noch in seiner Kriegerrüstung. Er grüßte kurz und sagte: "Meine Frau und ich machen uns morgen auf den Rückweg nach England."

     "Es war Eure Aufgabe, Genevieve zu finden und sie nach Rionallís zurückzubringen."

     "Ihr wisst, dass wir ihre Spur verloren haben. Und wir haben nicht genug Soldaten, um uns weit von der Burg entfernen zu können."

     "Longford hat Euch zu Genevieves Beschützer ernannt, Ihr habt Eure Pflicht vernachlässigt."

     Der ältere Mann warf Hugh einen herablassenden Blick zu. "Ich bin nur meinem Herrn Rechenschaft schuldig. Den Earl habe ich allerdings darüber informiert, dass seine Tochter den Iren in die Hände gefallen ist. Mein Fehler ist das jedoch nicht. Ihr als Genevieves Verlobter wart genauso verpflichtet, sie zu beschützen wie ich." Damit verbeugte er sich und verließ die Kammer.

     Bebend vor Zorn blieb Hugh zurück. Es dauerte eine Weile, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er den draußen wartenden Diener erneut losschicken konnte.

     Diesmal war es Robert Staunton, der Anführer von Marstowes Kriegertrupp, der in Hughs Gemach beordert wurde.

     Aus Erfahrung wusste Staunton, dass es nicht klug war, es seinem Herrn gegenüber an der nötigen Achtung fehlen zu lassen. Mit gesenktem Kopf ließ er Hughs Vorwürfe über sich ergehen.

     "Warum haben Eure Leute Lady Genevieve nicht zurückgebracht? Warum habt Ihr Eure Pflicht nicht erfüllt?"

     "Sir, mir stehen dreißig Mann zur Verfügung. Ich betrachte es als meine erste Pflicht, zusammen mit ihnen die Burg zu schützen. Wenn MacEgan angreift, ist er uns weit überlegen. Es heißt, dass er mehr als dreihundert Mann unter Waffen hat. Jeder meiner Leute ist bereit, gegen eine Übermacht anzutreten. Jeder würde sein Leben opfern. Es sind gute Männer. Aber es wäre falsch, sie für eine Sache in den Tod zu schicken, die einerseits zu einer Gefährdung der Burg führt und bei der es andererseits keine Aussicht auf Erfolg gibt."

     "Heißt das, Ihr weigert Euch, nach meiner Verlobten zu suchen?" Hugh schäumte vor Wut. "Ich werde nicht zulassen, dass sie in der Gewalt der Iren bleibt."

     "Ich habe da einen Gefangenen, der Euch interessieren könnte", stellte Staunton ungerührt fest. "Wollt Ihr mir vielleicht in den Kerker folgen?"

     Marstowe nickte widerwillig. Er verabscheute den Geruch, der in den Kellergewölben der Burg hing, und ihn ekelte vor all dem Unrat, der dort herumlag. Doch als er sah, wie voll die große Zelle war, wie viele von MacEgans Leuten sich in seiner Gewalt befanden, hellte seine Stimmung sich auf.

     "Mir geht es um diesen Gefangenen." Staunton zeigte auf – eine Frau.

     "Wo habt Ihr sie gefunden?", fragte Hugh und musterte die Irin. Sie hatte ein kantiges Gesicht und wilde schwarze Locken. Ihr Körper war mager, ihre Kleidung schmutzig.

     "Sie hatte versucht, sich unter unsere Mägde zu mischen. Zweifellos war es ihre Absicht, den Gefangenen bei der Flucht zu helfen. Ich habe sie einsperren lassen, weil ich dachte, sie könnte nützlich für uns sein."

     Hugh runzelte die Stirn. Ihm war nicht klar, welche Vorteile sich durch das Aufgreifen der Frau für ihn ergeben sollten.

     Staunton zog ein Messer, trat auf die Gefangene zu und hielt es ihr an die Kehle. "Am einfachsten wäre es natürlich, sie umzubringen", sagte er.

     Die Frau war blass geworden, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Es war einer der anderen Gefangenen, der plötzlich rief: "Wartet!"

     "Wie heißt Ihr?", wollte Hugh wissen. Er musterte den Mann nachdenklich. Wie ein Krieger sah er mit seinen schmalen Schultern und dem wirren roten Haar eigentlich nicht aus.

     "Lasst sie in Ruhe!" Der Ire spuckte vor Hugh aus.

     Dieser wollte aufbrausen. Doch dann erkannte er die hinter der wütenden Miene verborgene Verzweifelung. Gut! Verzweiflung machte einen Mann schwach.

     Jetzt sagte die Frau etwas auf Gälisch. Doch keiner der Gefangenen reagierte darauf. Hugh trat auf Staunton zu, nahm ihm das Messer aus der Hand, griff der Frau in die Locken und schnitt mit einer einzigen Bewegung eine lange, schwarze Strähne ab. Dann wandte er sich dem schmalen Rothaarigen zu. "Es wäre klüger, wenn Ihr meine Fragen beantworten würdet."

     Der Mann zögerte.

     In diesem Augenblick wusste Hugh, dass er gewonnen hatte. "Als Nächstes werde ich ihr einen Finger abschneiden", verkündete er. Und schon umfasste er mit festem Griff das Handgelenk der Gefangenen. "Also?"

     Der Rothaarige schwieg.

     Die Frau stöhnte auf, als Hugh den Druck seiner Finger verstärkte.

     Der Mann stieß einen gälischen Fluch aus und wechselte dann ins Englische. "Was wollt Ihr wissen?"

     "Ihr kennt Bevan MacEgan?"

     "Ja. Und jetzt lasst die Frau los."

     Staunton beugte sich zu Hugh hinüber und sagte leise: "Solange wir die Frau haben, können wir ihn als Spion benutzen. Wir sollten ihn unter der Bedingung freilassen, dass er uns mit Informationen über MacEgans Pläne versorgt."

     "Ihr glaubt, dass er seine eigenen Leute verraten wird?"

     "Ja. Er weiß, dass wir andernfalls nicht zögern werden, die Frau zu foltern oder gar zu töten. Und diesen Gedanken kann er nicht ertragen."

     Hugh grinste. "Gut."

Die Strecke von Ennisleigh nach Laochre ließ sich, sobald man das Festland erreicht hatte, in kaum mehr als einer Stunde zurücklegen. Genevieve war dennoch ängstlich. Immer wieder schaute sie sich forschend um, hielt nach möglichen Verfolgern Ausschau und vermutete hinter jedem Gebüsch einen Trupp von Hughs Männern. Sie kam sich zwar albern dabei vor, aber ihre Furcht vor Marstowe war so groß, dass es ihr unmöglich war, sich sicher zu fühlen. Immerhin wurde sie nur von Ewan und Bevan begleitet.

     MacEgan hatte seinem jüngsten Bruder befohlen, vorauszureiten, um mögliche Feinde rechtzeitig ausfindig zu machen. Tatsächlich, vermutete Genevieve, ging es dem älteren Bruder in erster Linie darum, den Jungen, der einfach seinen Mund nicht still halten konnte, mit etwas zu beschäftigen. Auf der Überfahrt hatte Ewan jedenfalls wie ein Wasserfall geredet.

     Jetzt hatten sie ihn schon seit einer Weile nicht mehr gesehen. Doch als sie aus einem kleinen Wald heraustraten, tauchte vor ihnen ein Hügel und auf diesem eine Festung auf. Das große Tor in der äußeren Mauer stand offen, und der Reiter, der gerade hindurchritt, konnte eigentlich nur der jüngste MacEgan sein.

     "Oh, ich hatte ja keine Ahnung, dass die Burg Eures Bruders aus massivem Stein errichtet ist!", rief Genevieve aus. Sie war sehr beeindruckt von der Mauer, die mehrere Gebäude und den Burgfried umschloss. Laochre musste mindestens dreimal so groß sein wie Rionallís.

     "Seht Ihr die Wachposten?"

     Sie kniff die Augen zusammen. Ja, auf den Wehrgängen konnte man hier und da Metall aufblitzen sehen. Das waren wohl die Waffen der wachhabenden Soldaten.

     Als sie die äußere Befestigungsmauer fast erreicht hatten, sagte Bevan: "Jetzt werdet Ihr bald bemerken, dass Ihr Euch gerade eben geirrt habt. Die Mauern sind nicht aus Stein. Aber viele unserer Feinde lassen sich ebenso wie Ihr davon täuschen."

     "Tatsächlich! Habt Ihr die Mauer zunächst aus Holz gebaut und diese dann mit Lehm verkleidet?"

     "Ja. Patrick hat allerdings vor einiger Zeit begonnen, Holz und Lehm wirklich durch Steine zu ersetzen."

     Genevieve nickte. "Genau wie viele der normannischen Burgherren in England."

     Sie hatten jetzt das Tor erreicht. Wie auf Ennisleigh grüßten die Wachhabenden Bevan respektvoll und freundlich.

     "Kommt", forderte er Genevieve auf. "Oder seid Ihr gar nicht gespannt darauf, was Euch hinter den Mauern erwartet?"

     Sie betraten einen großen Hof, in dem ein geschäftiges Treiben herrschte. In einer Ecke befand sich eine Schmiede, aus der lautes Hämmern ertönte. Um den Wagen eines Kaufmanns herum hatte sich eine Anzahl von Frauen und Männern versammelt, um dessen Waren zu begutachten. Mägde und Knechte gingen den unterschiedlichsten Aufgaben nach. Ein Knappe führte zwei Pferde in Richtung der Ställe. Und zwischen all den Erwachsenen flitzten mehrere Kinder herum, die einen unbeschwerten Eindruck machten.

     Genevieve musste einen Seufzer unterdrücken. War es auf Rionallís früher auch so fröhlich zugegangen? Sie konnte sich nicht erinnern, jemals gehört zu haben, wie irgendwer dort unbeschwert gelacht hatte. Seit Hugh die Herrschaft übernommen hatte, wirkten alle, die in und um Rionallís lebten, entweder bedrückt, verängstigt oder zornig.

     Sie wurde durch einen kräftigen Mann mit blonden Haaren, der sich Bevan mit großen Schritten näherte, aus ihren Überlegungen gerissen. Die beiden fielen sich in die Arme, klopften sich auf die Schultern, strahlten sich an. Bevan stellte ihn als seinen Bruder Connor vor.

     Genevieve beobachtete die beiden fasziniert. Und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sah, wie glücklich Bevan in diesem Moment aussah. Die Wiedersehensfreude schien ihn völlig zu verändern. Seine Miene war in diesem Moment weder wütend noch abweisend, und seine grünen Augen strahlten. Er wirkte, wie Genevieve sich überrascht eingestand, plötzlich noch anziehender als sonst.

Während die beiden Krieger noch ein paar Sätze auf Gälisch wechselten, richtete Genevieve ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Treiben um sich herum. Nach einer Weile bemerkte sie Ewan, der von den Stallungen her auf sie zukam. Nachdem auch er Connor überschwänglich begrüßt hatte, versprach er seinem älteren Bruder, sich darum zu kümmern, dass man Genevieve ein Gemach zur Verfügung stellte.

     "Bitte, geht mit Ewan", meinte Bevan zu Genevieve. Und entschuldigend setzte er hinzu: "Ich muss als Erstes mit meinem Bruder Patrick sprechen."

     Er hatte ihr kaum den Rücken zugewandt, als sie ein Gefühl der Angst und Beklemmung überkam. Ohne Bevan fühlte sie sich schutzlos. Dabei wusste sie genau, dass Hughs Männer es niemals wagen würden, sich unter all diese im Kampf ausgebildeten Iren zu mischen. Auf Laochre war sie in Sicherheit. Dennoch wünschte sie, der attraktive Krieger wäre an ihrer Seite geblieben.

Bevan begab sich zum größten Wohngebäude der Burg, dem Palas. Im Saal traf er auf eine Gruppe von Soldaten, die ihm auf seine Frage nach Patrick mitteilten, dieser hielte sich in seinen Privatgemächern auf.

     Bevan schritt, nach allen Seiten Grüße erwidernd, weiter und klopfte wenig später an die Tür zu Patricks Kammer und öffnete sie, ohne auf eine Aufforderung zu warten. Sein Bruder, der am Fenster stand, wandte sich augenblicklich um. "Wie ich sehe, hast du die Normannin mitgebracht", sagte er statt einer Begrüßung.

     "Ich habe Ewan gebeten, ihr eine Kemenate zu besorgen. Sie möchte ihren Vater benachrichtigen und dann mit ihm nach England zurückkehren."

     "Du hättest sie selbst nach Dun Laoghaire bringen können."

     "Vielleicht. Aber noch habe ich meine Absicht, Rionallís zurückzuerobern, nicht aufgegeben", entgegnete Bevan. "Da könnte es sich als vorteilhaft erweisen, eine Normannin als Geisel zu haben." Er bemühte sich, ruhig zu sprechen, doch tatsächlich loderte der Zorn über Genevieves Weigerung, unter seinem Schutz durch Irland zu reisen, erneut in ihm auf. Wie kam sie dazu, daran zu zweifeln, dass er sie beschützen konnte? Ihr Misstrauen hatte ihn zutiefst gekränkt.

     Andererseits war ihm durchaus klar, dass sie ihn mit ihrem Verhalten zumindest teilweise von der Verantwortung befreit hatte, sie zu beschützen. Er würde sie einfach auf Laochre lassen, bis ihre Familie sich meldete. Dann konnte man einen Treffpunkt vereinbaren und Genevieve ihrem Vater übergeben.

     "Eine Geisel?" Patrick schüttelte den Kopf. "Man wird dir vorwerfen, diese Frau gegen ihren Willen hier festzuhalten. Der englische König wird Rechenschaft von dir fordern."

     "König Henry wird sich nicht gegen uns wenden. Er ist froh, dass wir seine Verbündeten sind."

     "Ich fürchte, da täuschst du dich. Erst kürzlich haben die Normannen einige unserer Landsleute besiegt und deren Ländereien an sich gebracht. Ich bin sicher, sie werden, wenn wir ihren Zorn wecken, nicht zögern, auch Laochre anzugreifen."

     "Aber …", begann Bevan.

     Doch Patrick ließ ihn nicht zu Wort kommen. "Die meisten deiner Männer sind nicht von Rionallís zurückgekehrt. Du weißt selbst, was das bedeutet. Hugh Marstowe hält sie gefangen. Er beabsichtigt zweifellos …"

     Diesmal unterbrach Bevan seinen Bruder. "Wenn du mir ein paar deiner Soldaten zur Verfügung stellst, werden wir meine Leute befreien."

     "Ich kann niemanden entbehren. Und auch dich brauche ich hier. König Henry ist auf dem Weg nach Tara, wo er sich mit dem irischen Hochkönig treffen will. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, um eine Übereinkunft auszuhandeln, die unsere Völker vor einem Krieg bewahrt."

     "Aber meine Männer …"

     "Ich werde ihnen Connor zu Hilfe schicken, wenn sich keine andere Möglichkeit ergibt. Hast du daran gedacht, diese Frau gegen deine gefangenen Leute auszutauschen? Du könntest sie nach Rionallís begleiten, ehe irgendwer die Angelegenheit vor den König bringt."

     Bevan schüttelte den Kopf. "Ich habe selbst gesehen, wie Marstowe sie behandelt hat. Wenn ich sie nicht mitgenommen hätte, hätte er sie früher oder später umgebracht."

     Patrick goss Wein in zwei Kelche und reichte einen davon seinem Bruder. "Du hast sie mitgenommen, weil sie von Marstowe misshandelt wurde?"

     "Ja. Dieser Bastard schämt sich nicht, eine Frau zu schlagen. Ich bin sicher, du hättest genauso gehandelt wie ich. Stell dir nur vor, was du tun würdest, wenn jemand Isabel quälen würde." Die Worte waren heraus, ehe Bevan sich darüber klar werden konnte, was Patrick aus ihnen schließen mochte. Himmel, wie war er nur darauf gekommen, Genevieve mit Isabel zu vergleichen? Selbstverständlich empfand er für die Normannin nichts, was auch nur entfernt Patricks Gefühlen für Isabel glich.

     Patrick betrachtete seinen Bruder nachdenklich. "Ich hoffe, du weißt, was du tust. Keine Normannin ist es wert, dass ein Ire – und schon gar nicht mein eigener Bruder – ihretwegen sein Leben aufs Spiel setzt."

     "Du machst dir unnötige Sorgen. Ich werde nicht zulassen, dass irgendeine Frau mein Dasein durcheinanderbringt." Erst recht keine, die an der verrückten Überzeugung festhält, Rionallís gehöre ihr, setzte er in Gedanken hinzu.

     Patrick schwieg, aber seine Miene drückte Zweifel aus.

     "Du weißt, dass es mein Ziel ist, Rionallís zurückzuerobern", erklärte Bevan mit fester Stimme. "Ich werde meine Männer befreien. Und ich werde nicht nachlassen in meinen Bemühungen, die Normannen von meinem Land zu vertreiben. Irgendwann werde ich Erfolg haben."

     "Ja, aber es könnte viel Blut dabei fließen. Mir wäre lieber, wenn wir eine andere Lösung fänden. Ich könnte mir vorstellen, dass der englische König durchaus bereit wäre, eine Einigung mit uns zu treffen. Henry ist nicht an einem Krieg interessiert. Ich würde ihm gern eine Verbindung zwischen den MacEgans und der Familie dieser Genevieve vorschlagen."

     "Du sprichst von einer Ehe? Niemals!", brauste Bevan auf.

     "Sei nicht unvernünftig", gab Patrick ruhig zurück. "Ich traue dir durchaus zu, Marstowe und seine Soldaten zu besiegen. Aber hast du auch nur einen Gedanken darauf verwendet, was dann passiert? König Henry wird neue Soldaten nach Rionallís schicken, um dich und deine Leute zu vertreiben. Auf Dauer könntet ihr dem Ansturm nicht standhalten."

     Bevan wollte widersprechen, doch sein Bruder brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. "Wenn du Rionallís wirklich willst, solltest du Genevieve heiraten. Das wird König Henry gefallen, denn damit entsteht ein starkes Band zwischen seinem und unserem Volk."

     "Du hast nicht das Recht, ein solches Opfer von mir zu verlangen. Nach Fionas Tod habe ich geschworen, mich nie wieder zu verehelichen. Diesen Schwur gedenke ich zu halten."

     Patricks Miene war undurchdringlich. "Als Oberhaupt der Familie kann ich alles von dir verlangen."

     Bevan senkte den Kopf. Würde sein Bruder wirklich auf dieser absurden Forderung bestehen? Er konnte es sich nicht vorstellen. Er hob den Blick und sagte: "Genevieve wird mit ihrem Vater nach England zurückkehren, und ich werde Rionallís zurückerobern."

     "Nein. Wenn du so abgeneigt gegenüber meinem Plan bist, werde ich Connor bitten, die Normannin zur Frau zu nehmen."

     Jetzt wurde Bevan blass. Die Vorstellung, irgendein Mann könnte Genevieve berühren, war ihm unerträglich. Sie hatte wahrhaftig genug unter ihrem Verlobten zu leiden gehabt. Am besten wäre es für sie, wenn sie in ein Kloster ginge.

     "Sie bedeutet dir mehr, als du zugeben willst, nicht wahr?"

     "Sie hat ihr Leben riskiert, um Ewan und mir zu helfen. Dafür schulde ich ihr Dank."

     "Und das ist alles?"

     "Ja." Er dachte daran, wie sie seine Wunden versorgt und ihm beigestanden hatte, als er vom Fieber geschüttelt wurde. Er erinnerte sich daran, wie groß ihre Angst vor Hugh war und wie verzweifelt sie ausgesehen hatte, als sie ihn um Hilfe bat. Aber er erinnerte sich auch daran, wie sie seine Fähigkeit, sie zu beschützen, immer wieder infrage gestellt hatte. "Ja", wiederholte er, "das ist alles."

Die beiden MacEgan-Brüder waren auseinandergegangen, ohne dass sie eine Einigung über ihr weiteres Vorgehen erzielt hatten. Jetzt wollte Bevan, um sich über seine eigenen Gefühle klar zu werden, ein wenig allein sein. Obwohl es wieder zu schneien begonnen hatte, begab er sich nach draußen. Eine Bewegung oben auf der Festungsmauer zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Wahrhaftig, es war Genevieve, die dort stand. Wie einsam und verletzlich sie aussah.

     In diesem Moment wurde Bevan deutlich, dass es tatsächlich nur einen Weg gab, sie vor Hugh zu schützen. Patrick hat recht gehabt, dachte er, ich muss sie heiraten.

     Er beschloss, zu ihr zu gehen.

     Genevieve wandte sich um, als sie seine Schritte hinter sich hörte. Ihr Gesicht wirkte ängstlich, und der langsam verblassende blaue Fleck ließ es noch furchtsamer erscheinen. Unwillkürlich streckte Bevan die Hand aus und berührte vorsichtig den Bluterguss. Die Normannin schloss die Augen und schmiegte ihre Wange in seine Hand.

     Ein Schauer durchlief seinen Körper. Und plötzlich wünschte er sich, er könne sie küssen.

     Eine Zeit lang standen sie reglos da. Plötzlich schlug Genevieve die Augen auf, und er entdeckte in ihnen jene Angst, die Hugh in sie eingebrannt hatte und die wohl kein anderer Mann, ganz gleich wie rücksichtsvoll er sein mochte, jemals würde auslöschen können.

     Allein deshalb würde er sie nicht heiraten und auch nicht zulassen, dass Connor oder sonst irgendwer sie zur Frau nahm. Dann allerdings gab es womöglich nur einen einzigen Weg, ihre Sicherheit zu garantieren: Er musste nach Tara reisen und den irischen Hochkönig um seine Unterstützung bitten.

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