Mein irischer Held - 5. Kapitel

5. KAPITEL

Genevieve hatte ihre Schlafkammer mit zwei anderen Frauen teilen müssen. Sie erwachte früh und zog sich im Dämmerlicht an. Ihre Kleidung war inzwischen an einigen Stellen zerrissen, und sie empfand eine gewisse Scham über ihr Aussehen. Mit den Fingern versuchte sie ihr Haar zu kämmen, doch der Erfolg war bescheiden. Wenn sie doch wenigstens einen Schleier gehabt hätte, um die wirren Strähnen zu bedecken.

     Als sie die Treppe zum großen Saal hinabstieg, begegnete sie einigen Knechten und Mägden, die ihr neugierige Blicke zuwarfen. Sie tat, als bemerke sie das gar nicht. Dann betrat sie den mit einfachen Tischen und Bänken ausgestatteten Raum, in dem sich die Bewohner der Burg zum Frühstück versammelt hatten.

     Eine Frau in einem blauen Obergewand, über das sie einen leichten Umhang trug, der ihr bis auf die Füße fiel, erhob sich und schritt auf sie zu. Ihr golden schimmerndes Haar war in der Mitte gescheitelt und fiel ihr in sanften Wellen bis auf die Hüften. "Ihr seid Genevieve?", fragte sie auf Englisch.

     "Ja." Sie streckte zur Begrüßung beide Hände aus, und die Irin ergriff sie.

     "Ich bin Isabel, die Gemahlin von Patrick MacEgan, dem König von Laochre. Bitte, setzt Euch doch ein wenig zu mir." Sie zog Genevieve neben sich auf eine der einfachen Holzbänke.

     "Ihr seid eine Königin?"

     "In Irland gibt es viele Könige und Königinnen, die allerdings alle unserem Hochkönig unterstehen." Isabel lächelte. "Habt also keine Scheu vor mir oder meinem Gemahl. Ich möchte Euch willkommen heißen und Euch dafür danken, dass Ihr Ewan und Bevan das Leben gerettet habt. Es geschieht nicht oft, dass eine Dame in der Lage ist, einem von Irlands besten Kämpfern zu Hilfe zu eilen."

     Genevieve spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. "Euer Schwager hat es mir ermöglicht, dem Mann zu entkommen, der sich als mein Verlobter betrachtet. Indem ich Bevan und seinem Bruder half, habe ich auch mich selbst gerettet."

     "Eure Bescheidenheit macht Euch Ehre." Isabel musterte die Normannin freundlich, aber auch mit einer gewissen Neugier. "Ich verstehe, dass Bevan von Euch angetan ist."

     Im ersten Moment wusste Genevieve nicht, was sie darauf erwidern sollte. Dann sagte sie, dabei aus Höflichkeit ins Gälische wechselnd: "Ich fürchte, Ihr übertreibt, Königin Isabel."

     "Nennt mich einfach Isabel. Und: Nein, ich übertreibe nicht. Wenn Bevan nicht fasziniert von Euch wäre, hätte er Euch einfach keine Beachtung geschenkt. Seit dem Tod seiner Gemahlin hat er kaum ein Wort mit irgendeinem weiblichen Wesen gewechselt."

     "Unsere Wege kreuzen sich nur kurz, das ist alles", sagte Genevieve rasch, denn sie spürte, dass Isabel sich gern als Heiratsvermittlerin betätigen wollte, und das behagte ihr gar nicht. Sie wollte sich nie wieder an einen Mann binden. Hugh war ebenso attraktiv wie Bevan, und da er anfangs liebenswürdig und charmant gewesen war, hatte sie ihm vertraut. Dieses Vertrauen hatte ihr fast das Leben gekostet. Nun, sie hatte daraus gelernt. Es gab Fehler, die man nur einmal machte.

     Isabel begriff, dass es klüger war, das Thema zu wechseln. "Wir geben heute Abend ein Fest zu Ehren von Bevans Heimkehr. Er erwähnte, dass Ihr bald nach England weiterreisen werdet. Aber es würde uns freuen, wenn Ihr Euch die Zeit nähmet, mit uns zu feiern."

     "Ich werde zum Fest kommen." Genevieve erhob sich lächelnd. "Kann ich Euch bei den Vorbereitungen zur Hand gehen?"

     "Ihr habt noch nichts gegessen und wollt schon arbeiten?", fragte Isabel amüsiert.

     "Sobald ich etwas zu mir genommen habe, würde ich mich wirklich gern nützlich machen. Ich bin es nicht gewohnt, untätig herumzusitzen. Und das Warten fällt mir schwer."

     Mit einer Geste wies Isabel auf den gesamten Saal. "Hier gibt es genug Arbeit. Welche Tätigkeiten liegen Euch besonders?"

     Genevieve zögerte. Sie liebte die Musik, aber Hugh hatte ihr immer wieder zu verstehen gegeben, dass so etwas eher unerwünscht und überflüssig sei. Also erklärte sie: "Ich kann gut mit Nadel und Faden umgehen." Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu ihrem zerrissenen Kleid. "Ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr mir, ehe ich mich einer anderen Aufgabe zuwende, Gelegenheit geben würdet, mein Gewand zu flicken."

     "Natürlich. Ich werde Euch auch eine Magd schicken, die Euch beim Frisieren hilft. Und", sie runzelte nachdenklich die Stirn, "was haltet Ihr davon, dass ich Euch für das Fest ein Kleid und einen Umhang nach irischer Mode leihe? Ich bin sicher, Ihr würdet sehr hübsch darin aussehen."

     "Danke, Ihr seid sehr freundlich. Ich nehme Euer Angebot gern an."

     "Ihr sprecht unsere Sprache sehr gut", bemerkte Isabel. "Wo habt Ihr, eine Normannin, Euch diese Kenntnisse angeeignet?"

     "Ich bin in England aufgewachsen. Die Ländereien meines Vaters liegen nahe der Grenze zu Wales. So kam es, dass ich eine Zeit lang als Pflegekind bei einer befreundeten walisischen Familie verbrachte. Es gab dort noch ein zweites Pflegekind, ein Mädchen aus Irland. Von ihm habe ich Eure Sprache gelernt."

     "Dann lebt Eure Familie schon seit Längerem in England?"

     "Seit drei Generationen. Mein Urgroßvater verließ die Normandie, um in England sein Glück zu machen. Er verliebte sich dann in eine Engländerin, die sich weigerte, ihn zu heiraten, solange er beabsichtigte, irgendwann in seine Heimat zurückzukehren. Er entschloss sich, in England zu bleiben. Und seine Gemahlin brachte eine Menge Land mit in die Ehe."

     "Und auf diesen Besitz möchtet Ihr nun zurückkehren?"

     Genevieve zögerte, entschied sich dann aber für eine ehrliche Antwort: "Solange nicht geklärt ist, unter welchen Bedingungen meine Verlobung gelöst wird, habe ich keine andere Wahl als nach England zurückzukehren. Später, wenn von Hugh Marstowe keine Gefahr mehr für mich ausgeht, würde ich gern nach Irland zurückkommen."

     Isabel lächelte. "Esst und trinkt jetzt. Ich hole Euch nachher hier ab, um Euch ein wenig herumzuführen."

     Tatsächlich war sie nach kurzer Zeit zurück. Genevieve erhob sich, um ihrer Gastgeberin nach draußen zu folgen. Sie gingen an mehreren kleinen Gebäuden vorbei, durchschritten das Tor der inneren Festungsmauer und befanden sich nun auf dem äußeren Hof. Hier waren mehrere Männer und Frauen damit beschäftigt, ihrer Arbeit nachzugehen. Als Erstes entdeckte Genevieve eine Magd, die über einen Kessel gebeugt stand, unter dem ein Feuer loderte. Dampf stieg von ihm auf und es roch nach Wäsche. Es war eine so friedliche Szene, dass Genevieve unwillkürlich lächelte.

     "Möchtet Ihr sehen, wo unsere Webstühle stehen?", fragte Isabel, wobei sie in Richtung einer einfachen, aber stabil gebauten Hütte schaute.

     "Gern."

     Sie traten ein, und Genevieve war überrascht von dem Eifer, mit dem die Weberinnen bei der Sache waren. Eine von ihnen, die an einem besonders feinen Leinen arbeitete, wurde von Isabel aufgefordert, den fertigen Stoff noch am Nachmittag zu ihr zu bringen.

     Auf dem Rückweg zum großen Saal überholten sie eine Magd, die ein Bündel Binsen trug. Offenbar gehörte es zu ihrer Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Fußboden in den Wohnräumen der Burg stets mit frisch geschnittenen Binsen bedeckt war.

     Zu Genevieves Erstaunen begann Isabel damit, beim Auskehren der alten Binsen zu helfen. In England war es nicht üblich, dass eine Burgherrin sich an so niederen Tätigkeiten beteiligte. Hier aber schien sich niemand darüber zu wundern, obwohl Isabel doch behauptet hatte, eine Königin zu sein. Die Dienerinnen gingen unbeirrt ihren unterschiedlichen Beschäftigungen nach, wechselten hin und wieder ein paar Worte mit der Herrin und plauderten auch miteinander, allerdings ohne darüber ihre Pflichten zu vernachlässigen.

     Auch Genevieve suchte sich eine Arbeit, und sie unterbrach ihr Tun erst, als sie einen Mann bemerkte, der Bevan sehr ähnlich sah. Er schritt auf Isabel zu, die auf einen Tisch geklettert war, um beim Aufhängen eines Wandteppichs zu helfen, umfasste ihre Taille und hob sie herunter. Lächelnd schauten die beiden sich an.

     Das muss Patrick sein, dachte Genevieve, wenn sein Haar nicht schon ein wenig grau wäre, könnte man ihn fast für Bevans Zwilling halten.

     In eben diesem Moment betrat auch Bevan den Saal. Nachdem er sich kurz umgeschaut hatte, kam er auf Genevieve zu, die ihm als Willkommensgruß die Hände entgegenstreckte.

     Er blieb vor ihr stehen, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, ihre Finger zu ergreifen. Beschämt ließ sie die Arme sinken. Dann bemerkte sie, dass auch er verlegen aussah. Anscheinend wollte er etwas sagen. Doch er brachte kein Wort über die Lippen.

     Wie seltsam!

     "Laochre ist eine sehr große und gut befestigte Burg", brach Genevieve schließlich das unbehagliche Schweigen. "Aber wie Isabel mir erzählt hat, ist Euer Bruder ja nicht nur Burgherr, sondern auch König."

     "Doch nicht unser Hochkönig", erwiderte Bevan, "obwohl viele ihn gern dazu gemacht hätten. Patrick aber zog die Verantwortung für seine eigene Familie dieser Aufgabe vor."

     Genevieve runzelte die Stirn. Für sie war es schwer vorstellbar, dass jemand freiwillig auf Ehre und Macht verzichtete, die die Position des Hochkönigs unwillkürlich mit sich brachte. Nun, vermutlich musste ein Mann auch viele Opfer bringen, wenn er Hochkönig sein wollte.

     Bevan war wieder in ein Schweigen versunken. Er blieb bei Genevieve stehen, schien sie aber nicht weiter zu beachten. Als sie ihm ein paar Fragen über das geplante Fest stellte, antwortete er so einsilbig, dass es fast einer Beleidigung gleichkam.

     "Habt Ihr einen Boten zu meinem Vater geschickt?", erkundigte sie sich schließlich.

     "Nein."

     "Gibt es einen Grund dafür? Habt Ihr Eure Pläne geändert? Ich wüsste gern, worauf ich mich einstellen muss."

     "Patrick hat sich bereit erklärt, sich um alles zu kümmern."

     Sie verlor langsam die Geduld. Nie zuvor hatte Bevan sich ihr gegenüber so merkwürdig benommen. Warum war er zu ihr gekommen, wenn er nicht mit ihr sprechen wollte?

     "Ist es Euch unangenehm, mit einer Normannin zu reden, die – wie jedermann weiß – Feuer spuckt und kleine Kinder verspeist?", stieß sie mit einer gewissen Schärfe hervor.

     Seine Augen blitzten amüsiert auf. Aber noch immer sagte er nichts.

     "Oder seid Ihr beleidigt, weil eine Frau es gewagt hat, Euch zu widersprechen? Hätte ich Eurer Meinung nach sogleich ja sagen müssen, als Ihr vorgeschlagen habt, mich nach Dun Laoghaire zu bringen?"

     "Ich habe Euch hierher begleitet und somit Patrick die Verantwortung für Euch übergeben. Dadurch habe ich nun die Möglichkeit, mich Dingen zu widmen, die nichts mit Euch zu tun haben."

     "Ah …" Man konnte den spöttischen Ton in ihrer Stimme nicht überhören. Wenn Bevan so viel zu erledigen hatte, warum stand er dann die ganze Zeit neben ihr, ohne etwas zu tun?

     Vielleicht hatte er ihre Gedanken erraten, jedenfalls straffte er die Schultern, wobei sich seine Miene verfinsterte. In diesem Moment wirkte er regelrecht bedrohlich. Dennoch empfand Genevieve keine Angst vor ihm.

     "Ein Mann hat viele Pflichten zu erfüllen."

     "Verzeiht", meinte sie und streckte kampfeslustig das Kinn vor, "wenn ich Euch sagen muss, dass Ihr Euch eher wie ein Kind benehmt. Ihr werdet zweifellos sehr erleichtert sein, wenn Ihr keinen Gedanken mehr auf mich verwenden müsst. Ich hoffe wirklich, dass mein Vater bald erscheint, um mich zu holen." Damit wandte sie sich von ihm ab und ging zu Isabel.

     Bevan kochte vor Zorn. Was habe ich nicht alles für sie getan, dachte er, und nun hat sie nichts als Vorwürfe für mich übrig. Ungerechte Vorwürfe.

     "Patrick", rief er seinem Bruder zu, "ich gehe hinaus zum Übungsplatz. Wenn du Ewan siehst, kannst du ihn zu mir schicken."

     Im gleichen Moment sagte Isabel zu Genevieve: "Kommt mit mir nach oben, damit ich Euch die versprochenen Gewänder geben kann."

Da Ewan auf sich warten ließ, begann Bevan einen Übungskampf mit einem der Soldaten seines Bruders. Doch bald schon musste er feststellen, dass es ihm schwerfiel, sich auf seinen Gegner zu konzentrieren. Tatsächlich traf das Schwert des Mannes ihn gleich darauf an der verletzten Schulter. Obwohl es kein harter Schlag gewesen war, durchfuhr Bevan ein beinahe unerträglicher Schmerz, und einen Moment lang wurde ihm schwarz vor Augen.

     "Verzeiht, Bevan", hörte er den erschrockenen Krieger wie von weit her sagen.

     Er atmete ein paarmal tief durch, dann fand er seine Stimme wieder. "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Es war mein Fehler. Du hast gut gekämpft."

     "Danke."

     Bevan hob die Hand an die Schulter. Die Wunde hatte wieder zu bluten begonnen. Ihm fiel ein, wie Genevieve sie gesäubert, genäht und verbunden hatte. Er erinnerte sich auch daran, mit welch hilfloser Wut er hatte zuschauen müssen, wie Marstowe Genevieve geschlagen hatte. Er konnte nicht vergessen, wie verängstigt sie gewesen war und mit welcher Überheblichkeit Hugh sie behandelte.

     Bevans Gedanken wanderten nun zu Fiona. Nie hätte er es gewagt, ihr gegenüber überheblich aufzutreten. Im Gegenteil, er hatte stets das Gefühl gehabt, ihr unterlegen zu sein. Sie war so schön gewesen, so wunderbar. Er hatte immer gewusst, dass er eine Frau wie sie nicht verdient hatte. Aber er hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um sie glücklich zu machen. Er hatte ihr ewige Liebe geschworen, und nach ihrem Tod war er sich sicher gewesen, dass er nie wieder heiraten würde.

     Und nun verlangte Patrick von ihm, dass er Genevieve zur Gemahlin nahm! Vielleicht war das tatsächlich der beste Weg, um Rionallís zurückzugewinnen. Aber es war ein Weg, den er nicht gehen konnte.

     Er verließ den Übungsplatz, um sich seiner blutigen Kleidung zu entledigen. Als er den Saal durchquerte, war ihm, als höre er wieder Genevieves Stimme. Verzeiht, wenn ich Euch sagen muss, dass Ihr Euch eher wie ein Kind benehmt.

     Verflixt, sie hatte recht!

     Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Indem er sich an die Vergangenheit klammerte, weigerte er sich, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Er musste etwas ändern. Er musste sich ändern. Aber konnte ihm das überhaupt gelingen?

Genevieve folgte Isabel in eine kleine Kammer, in deren Mitte ein Badezuber stand, der offensichtlich kurz zuvor mit heißem Wasser gefüllt worden war. Dampf stieg von ihm auf. Auf einem Stuhl lag ein Gewand aus cremefarbener Seide.

     "Ich bin sicher, dass es zu Eurem dunklen Haar sehr hübsch aussehen wird", meinte Isabel. "Schaut, hier ist ein dazu passendes Überkleid. Und dann gehört noch ein goldener Gürtel dazu." Sie hob beides hoch.

     "Ein wunderschönes Weinrot", rief Genevieve bewundernd aus. "Ist das Überkleid etwa auch aus Seide?" Vorsichtig befühlte sie den kostbaren Stoff.

     Isabel lächelte. "Ich möchte wetten, dass Bevan kein Auge von Euch lassen kann, wenn Ihr diese Gewänder tragt. Doch zuerst solltet Ihr ein Bad nehmen."

     Genevieve musste daran denken, dass sie Bevan bei ihrem letzten Gespräch gekränkt hatte. Vermutlich würde er ihr in der nächsten Zeit aus dem Weg gehen. Bewunderung konnte sie von seiner Seite jedenfalls nicht erwarten. Doch darüber wollte sie mit Isabel nicht reden. Sie bedankte sich bei ihrer Gastgeberin für deren Großzügigkeit und begann damit, sich auszukleiden.

     Isabel ließ sich nicht anmerken, wie schockiert sie über die blassblauen Flecke war, die zum Vorschein kamen, als sich Genevieve ihrer Kleider entledigt hatte. Sie sagte einzig: "Das warme Wasser wird Euch guttun."

     Damit hatte sie zweifellos recht. Genevieve seufzte zufrieden auf, als sie in den Badezuber stieg. Sie schloss die Augen, um einen Moment völliger Entspannung zu genießen. Doch schon tauchten in ihrer Erinnerung Bilder von Bevan auf. Wie vorsichtig, ja, wie zärtlich er sie berührt hatte, als er sich auf der Festungsmauer zu ihr gesellte. Wie wohl sie sich gefühlt hatte, als sie ihre Wange in seine Hand schmiegte. Wie wunderbar es gewesen war, ihm so nah zu sein …

     Später wurde ihr klar, dass sie sich zu ihm stärker hingezogen fühlte als je zuvor zu einem Mann. Sie war nicht in ihn verliebt, nein. Ihre Gefühle ihm gegenüber ließen sich nicht mit den Empfindungen vergleichen, die Hugh einst in ihr geweckt hatte. Und das war gut so, denn inzwischen rief allein der Gedanke an ihren Verlobten nur noch Angst und Ekel in ihr hervor. Bei Bevan hingegen fühlte sie sich sicher und geborgen. Vielleicht hätte es ihm sogar gelingen können, dass sie ihre Furcht vor Männern vergaß … Doch schade, dafür war er ihr gegenüber viel zu abweisend. Er hatte ihr mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass er alle Normannen verachtete und daher auch mit ihr nichts zu tun haben wollte. Er machte die Angehörigen ihres Volkes dafür verantwortlich, dass er seine Fiona und seinen Besitz verloren hatte. Gewiss würde er nicht zögern, um Rionallís zu kämpfen. Und das bedeutete, dass er früher oder später das Schwert gegen ihren Vater erheben würde.

     Um jeden Preis musste sie eine Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Männern verhindern.

     "Ich habe hier etwas Seife für Euch."

     Isabels Worte rissen Genevieve aus ihren Gedanken.

     "Danke." Sie streckte die Hand nach der Seife aus und begann sich zu waschen. Der Bluterguss auf ihren Rippen hatte eine helllila Tönung angenommen. Genevieve runzelte die Stirn. Ob ihr Gesicht sich auch so verfärbt hatte? Sie hatte plötzlich das Bedürfnis, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. "Habt Ihr einen Spiegel?", fragte sie Isabel.

     "Ja."

     Mit zitternden Fingern nahm sie ihn entgegen. Dann sah sie den blauen Fleck, der zwar inzwischen ziemlich blass, aber noch immer sehr groß war. "O Gott!" Eine einzelne Träne lief ihr die Wange hinunter. "Ich habe nicht geahnt, dass es so schlimm aussieht."

     "Ich habe eine Salbe, die die Heilung unterstützt und gleichzeitig die Verfärbung etwas abdeckt", antwortete Isabel. "Wenn Ihr möchtet, kann ich Euch beim Auftragen helfen."

     "Nochmals vielen Dank für Eure Hilfe." Die Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Gastgeberin war Genevieve fast ein wenig peinlich. Sie wünschte, es wäre ihr irgendwie möglich, sich zu revanchieren. Aber solange ihr Vater nicht kam, um ihr Schutz zu geben, war sie völlig mittellos.

     "Ich bin froh, dass Ihr bei uns seid", sagte Isabel in diesem Moment. "Niemand wird Euch hier Schmerzen zufügen."

     "Mein Verlobter war davon überzeugt, dass er sich mir gegenüber stets gnädig gezeigt hat. Er war der Meinung, mich mit Schlägen für meine Verfehlungen strafen zu müssen."

     "Euer zukünftiger Gemahl hat Euch diese Verletzungen zugefügt?" Isabel war entsetzt. "Niemand sollte einer Frau so etwas antun dürfen."

     Genevieve seufzte. "Ich werde Hugh nicht heiraten. Und ich bin Bevan sehr dankbar dafür, dass er mir zur Flucht verholfen hat."

     Das Badewasser hatte sich abgekühlt, und es war an der Zeit, aus dem Zuber zu steigen. Isabel half Genevieve beim Abtrocknen, Ankleiden und dann auch beim Kämmen. Es dauerte eine Weile, bis alle Knoten gelöst waren und Genevieves Haar wieder glänzte.

     "Ich fühle mich wie ein neuer Mensch", sagte Genevieve schließlich.

     "Ihr seht auch so aus." Isabel lachte. "Jetzt fehlt nur noch ein wenig Schmuck." Sie holte eine hölzerne Kassette herbei und öffnete den Deckel. "Bevan wird begeistert sein. Er mag Euch sehr." Sie legte ein paar goldene Ohrringe auf den Tisch. "Seit dem Tod seiner Gemahlin hat er gelebt wie ein Mönch. Bis ihr aufgetaucht seid, hat er keine Frau auch nur eines Blickes gewürdigt."

     "Es tut mir so leid, dass Fiona sterben musste …"

     "Er hat mit Euch über Fiona geredet?" Isabel konnte ihre Überraschung nicht verbergen. "Soweit ich weiß, hat er ihren Namen nicht mehr erwähnt, seit sie in die Hände der Normannen fiel."

     "Wie kam es dazu?"

     Isabel zuckte die Schultern. "Es gab eine Schlacht zwischen Normannen und Iren. Fiona geriet ins Kampfgetümmel und versuchte zu entkommen. Offenbar versteckte sie sich in einer Hütte, die später in Flammen aufging. Es war Bevan, der Fionas völlig verbrannten Körper fand."

     "Wie schrecklich …"

     "Er macht sich noch heute Vorwürfe, weil er sie nicht retten konnte."

     "Dann hat er sie wohl sehr geliebt?"

     "Ja, er hätte alles für sie getan."

     Ein heftiger Schmerz durchfuhr Genevieve. Himmel, es war Eifersucht! Ihr hatte bislang niemand eine solche Liebe entgegengebracht. Gleich darauf schämte sie sich für ihre Gefühle. Immerhin lebte sie, während die arme Fiona tot war.

     Inzwischen hatte Isabel einen kleinen Tontopf geholt. "Hier ist die Salbe. Legt zuerst die Ohrringe an. Dann werde ich versuchen, diesen blauen Fleck abzudecken. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, ehe das Fest beginnt."

     Genevieve war im Moment gar nicht nach Feiern zumute. Aber um nichts in der Welt hätte sie ihre freundliche Gastgeberin kränken wollen. Also schritt sie wenig später an Isabels Seite die Treppe hinunter und betrat den inzwischen festlich geschmückten Saal.

     Dort war bereits eine große Menge versammelt. Ohne Rücksicht auf ihre Herkunft, ihren Besitz und ihre gesellschaftliche Stellung schienen die Anwesenden miteinander zu reden, zu essen, zu tanzen und zu lachen. Wären die Unterschiede in der Kleidung nicht unübersehbar gewesen, hätte man meinen können, es handele sich um ein fröhliches Fest eines Clans.

     "Ich möchte Euch noch einmal willkommen heißen", sagte Isabel. "Bitte, nehmt unsere Gastfreundschaft an und bleibt, so lange Ihr nur möchtet."

     "Danke." Mit den Augen suchte Genevieve den Saal nach Bevan ab. Aber er schien nicht da zu sein.

     "Ein Rundtanz!", rief jemand. Die Musikanten spielten auf, Männer und Frauen griffen sich bei den Händen und begannen im Rhythmus der Melodie kleine Schritte nach vorn und wieder zurück, nach rechts und links zu machen.

     Doch nicht alle tanzten. Viele hatten an den langen Tischen Platz genommen und taten sich an Fleisch, Brot und Käse gütlich. Das beliebteste Getränk schien Met zu sein.

     Jetzt trat Patrick, der ein schreiendes Baby auf dem Arm hielt, zu Isabel. "Willst du unseren Sohn etwa verhungern lassen?", neckte er sie.

     Die junge Mutter lachte, nahm das Kind, zog sich in eine ruhige Ecke zurück und begann damit, es zu stillen.

     Genevieve staunte. In England wäre so etwas unmöglich gewesen. Adlige normannische Damen nahmen sich eine Amme für ihre Kinder. Und wenn wirklich eine darauf bestand, ihren Säugling selbst zu nähren, dann hätte sie das nur an einem Ort tun können, an dem niemand sie beobachtete. So kam es, dass Genevieve auf Laochre zum ersten Mal sah, welch wunderbare Einheit eine Mutter mit ihrem Kind bilden konnte.

     Wie schön wäre es, dachte sie, wenn ich dieses Glück eines Tages auch erleben würde.

     Eine unerwartete Wehmut überkam sie, und sie beschloss, sich eine Weile zurückzuziehen. Sie war wahrhaftig nicht in der richtigen Stimmung, um an einem fröhlichen Fest teilzunehmen. Am besten würde es sein, sich in der Nähe der Wand ein ruhiges Plätzchen zu suchen, um – von den anderen unbemerkt – weiterhin der Musik zu lauschen.

     In diesem Moment legten die Musikanten ihre Instrumente aus der Hand und begaben sich lachend und plaudernd zu einem der Tische, auf denen große Mengen appetitlich aussehender Speisen angerichtet waren.

     Dann wurde es plötzlich still im Saal. Eine Frau hatte begonnen, ein Stück auf der Harfe vorzutragen. Jetzt erhob sich die tiefe und klare Stimme eines Mannes. Er sang eine traurige Ballade über die unglückliche Liebe eines Hirten zu einem schönen Mädchen.

     Genevieve schloss die Augen, um sich besser auf die Melodie konzentrieren zu können. Es war so lange her, dass sie eine musikalische Darbietung genießen konnte. Hugh mochte es nicht, wenn jemand ein Instrument spielte oder gar ein Lied sang. Er hielt dies für Zeitverschwendung. Deshalb hatte er ihr auch bald nach ihrer Ankunft auf Rionallís erklärt, dass sie seine Männer nicht mit Musik von ihren Pflichten ablenken dürfe.

     Als der letzte Ton der Harfe verklungen war, berührte jemand Genevieves Schulter. Sie zuckte zusammen und riss die Augen auf.

     Vor ihr stand nicht, wie sie gehofft hatte, Bevan, sondern ein rothaariger Mann mit dichtem Bart. "Ich habe Euch noch nie hier gesehen", begrüßte er sie auf Gälisch. "Ich hoffe, es gefällt Euch auf Laochre. Habt Ihr Lust, mit mir zu tanzen? Ihr seid sehr hübsch." Sein Blick drückte Bewunderung aus.

     Genevieve schüttelte den Kopf. "Danke, aber ich … tanze nicht."

     "Dann solltet Ihr es lernen!" Er strahlte sie an, griff nach ihrer Hand und versuchte, sie auf die Tanzfläche zu ziehen. "Ich heiße Seán."

     Sie bemühte sich, ihm ihre Finger zu entziehen. Doch es wollte ihr nicht gelingen, obwohl Seán sich keine besondere Mühe zu geben schien, sie festzuhalten. "Bitte", sagte sie, "ich möchte nicht tanzen."

     Ein zweiter Mann gesellte sich zu ihnen. Er war groß, breitschultrig und trug ebenfalls einen Bart. "Wir können beide mit ihr tanzen, Seán", meinte er grinsend. "Anschließend kann sie zwischen uns wählen." Er legte Genevieve den Arm um die Taille.

     Angst stieg in ihr auf. "Lasst mich los", drängte sie. "Bitte!"

     Aber die beiden lachten nur und zogen Genevieve mit sich auf die Tanzfläche. Der Rothaarige begann, sie herumzuschwenken. Eine seiner Hände hatte er dabei auf ihre Rippen gepresst, Genevieve musste einen Schmerzensschrei unterdrücken.

     Unerwartet gab er sie auf einmal frei. Auch sein Freund machte einen Schritt zurück. Bevan war zwischen die Männer getreten. Drohend ließ er den Blick zwischen ihnen hin- und herwandern. "Niemand fasst sie an!"

     Sie zuckten die Schultern und verschwanden in der Menge.

     "Haben sie Euch wehgetan?", erkundigte Bevan sich sichtlich besorgt.

     "Sie haben mich nicht ernst genommen, als ich sagte, ich wolle nicht tanzen", beruhigte sie ihn. "Weiter ist nichts geschehen."

     "Alle hier sollten wissen, dass man eine Frau zu nichts zwingen darf", stellte Bevan erregt fest. "Ich werde mich darum kümmern, dass sie es nicht noch einmal tun."

     "Nein, nein", widersprach Genevieve. "Ich bin sicher, sie hatten nichts Böses im Sinn." Sehnsüchtig schaute sie in Richtung der ruhigen Ecke, in der sie sich zuvor aufgehalten hatte.

     Bevan begriff sofort. Er führte sie aus der Mitte der tanzenden und lachenden Menschen fort und blieb dann einfach bei ihr stehen. Er berührte sie nicht, er sprach aber auch nicht mit ihr. Nach kurzer Zeit gelang es ihr, sich zu entspannen. Als wenig später die Harfenistin wieder zu spielen begann, huschte ein Lächeln über Genevieves Gesicht.

     Erst als das Stück endete, fragte Bevan: "Ihr hört gern Musik?"

     "Ja."

     Eine neue Melodie erklang. Und dann spürte Genevieve, wie Bevan seine Finger leicht auf ihre legte. Sie wehrte sich nicht, obwohl sie wusste, dass es besser gewesen wäre, wenn sie ihm nicht gestattet hätte, sie anzufassen. Seine Nähe bewirkte, dass ihr heiß wurde.

     Irgendwann umschloss er ihr Gesicht sanft mit den Händen. "Man sieht diesen blauen Fleck gar nicht mehr", stellte er fest.

     "Isabel hat ihn mit einer Salbe abgedeckt."

     Bevan begann, mit ihrem Haar zu spielen, das sie, auf Isabels Vorschlag hin, nach irischer Sitte offen und ohne Schleier trug.

     "Ihr seht heute Abend sehr schön aus."

     Ihr Herz klopfte viel zu schnell, ihre Knie wurden weich und in ihrem Bauch schienen Schmetterlinge zu tanzen. Einen Moment lang hielt sie den Atem an.

     Sei vorsichtig, warnte sie eine innere Stimme, dieser Mann wird dir nichts als Schmerz und Kummer bringen, halte Abstand zu ihm.

     Aber weder ihr Herz noch ihr Körper wollten gehorchen.

     Bevan schaute ihr tief in die Augen. Sein Blick schien Zärtlichkeit auszudrücken. Und plötzlich wurde Genevieve bewusst, dass sie sich wider alle Vernunft wünschte, er würde sie küssen. Es könnte ein Kuss sein, der keine Angst weckte, ein Kuss, der nicht als Strafe gedacht war, sondern als Beweis dafür, dass sie eine begehrenswerte Frau war.

     "Bevan?", hauchte sie.

     Es war, als würde er aus einem Traum erwachen. Er zog seine Hand zurück, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Genevieve hörte, wie er flüsterte: "Ich muss den Verstand verloren haben."

     Sie versteifte sich. Er wollte keine Nähe zu ihr aufkommen lassen. Er fand sie keineswegs so attraktiv und sympathisch, wie sie angenommen hatte. Sie würde …

     Genevieve kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Denn in diesem Moment beugte Bevan sich zu ihr herab – und seine Lippen berührten die ihren.

     Der Kuss war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Zurückhaltend. Freundschaftlich. Zärtlich. Und mehr noch: Er war wie Balsam, der sie vergessen ließ, wie viel Schmerz und wie viel Furcht Hugh ihr eingeflößt hatte, wenn er sie in die Arme schloss.

     Genevieve fühlte sich sicher und geborgen. Und da sie keine Angst zu haben brauchte, öffnete sie die Lippen ein wenig. Sogleich eroberte Bevans Zunge ihren Mund.

     Noch immer war es ein Kuss, der nichts Bedrohliches an sich hatte, aber er wurde leidenschaftlicher. Genevieve hörte, wie Bevans Atem sich beschleunigte.

     Dann allerdings legte er ihr die Arme um die Schultern und zog sie fester an sich. Erschrocken stöhnte sie auf.

     Im selben Moment schien er zu begreifen, dass sein Verhalten die Erinnerung an Hugh geweckt haben musste. Er ließ Genevieve abrupt los und trat einen Schritt zurück. "Es tut mir leid", stieß er hervor. "Ich hätte Euch nicht anfassen dürfen."

     Sie zitterte. Um die Fassung zurückzugewinnen, atmete sie ein paarmal tief durch. Dann hob sie den Kopf und schaute Bevan an. Sie hatte erwartet, seine Miene würde Bedauern ausdrücken. Doch was sie entdeckte, war Zorn.

     Was ging nur in diesem Mann vor? Dass er sie begehrt hatte, war – wie ihr schien – offensichtlich gewesen. Was hatte seinem Verlangen ein so plötzliches Ende gesetzt? Küsste sie seiner Meinung nach so schlecht, dass er es besser fand, sich vor ihr zurückzuziehen? Oder war ihm eingefallen, dass sie eine Normannin, eine Feindin war?

     "Es war töricht von mir, unsere sowieso schon schwierige Situation noch weiter zu komplizieren", sagte er jetzt. Sogar äußerst töricht! Bei allen Heiligen, ich hätte sie niemals küssen dürfen. Nachdem ich zwei Jahre lang wie ein Mönch gelebt habe, musste das ja dazu führen, dass ich mich völlig vergesse. Ich glaube fast, ich habe noch nie eine Frau so begehrt. Das ist völlig verrückt. Selbst nach Fiona habe ich nie ein so unbändiges Verlangen gespürt. Dabei habe ich sie mehr geliebt als mein Leben.

     Erneut wallte Zorn in ihm auf. Genevieve hatte sein ganzes Leben durcheinandergebracht. Noch vor wenigen Tagen hätte er seine Männer bedenkenlos nach Rionallís geführt, um zurückzuerobern, was er als sein Eigentum betrachtete. Jetzt zögerte er, weil er wusste, dass es Genevieves Familie war, gegen die er würde kämpfen müssen. Noch vor wenigen Tagen war er davon überzeugt gewesen, dass er nie wieder Sehnsucht nach der Zärtlichkeit einer Frau verspüren würde. So sehr hatte er Fiona geliebt. Und nun weckte diese normannische Hexe ein Verlangen in ihm, das ihm schier den Verstand raubte.

     Einen Fluch unterdrückend, wandte er sich ab und verließ mit großen Schritten den Saal.

Am nächsten Tag fegte ein Schneesturm über Laochre hinweg. Wer nicht unbedingt hinaus musste, blieb unter den schützenden Dächern der zur Burg gehörenden Gebäude. Zu den Mahlzeiten trafen die Menschen sich im großen Saal, Bevan tauchte dort jedoch nicht auf. Und Genevieve begann zu glauben, dass er ihr aus dem Weg ging. In Gedanken versunken saß sie am Tisch. Sie hatte in der Nacht zuvor wenig geschlafen, weil es zu viele Dinge gab, die sie beunruhigten. Als jemand sie unerwartet ansprach, erschrak sie.

     Es war Patrick. "Guten Tag. Ich hatte gehofft, Euch hier zu treffen. Ich würde gern einiges mit Euch besprechen."

     Seine Stimme klang ernst, und Genevieve begriff, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste. "Es täte mir sehr leid, wenn ich Euch und den Euren Unannehmlichkeiten bereiten würde", sagte sie.

     "Einige meiner Leute sind misstrauisch. Aber da Ihr Euch auf meine Einladung hin auf Laochre aufhaltet, müssen sie sich damit abfinden, dass eine Normannin als Gast bei uns weilt." Er bot Genevieve den Arm. "Wollt Ihr mir an einen Platz folgen, an dem niemand unser Gespräch belauschen kann?"

     "Natürlich."

     Er ging mit ihr zu einer abgeschiedenen Saalecke, wo sie beide auf zwei Holzstühlen Platz nahmen. Patrick musterte nun mit seinen grünen Augen aufmerksam Genevieves Gesicht. "Ich habe mit Bevan über die Möglichkeit eines Arrangements gesprochen."

     Er zögerte, und Genevieve folgerte daraus, dass ihm nicht ganz wohl bei dem Vorschlag war, den er ihr unterbreiten wollte.

     "Ich nehme an, es geht um Rionallís?", erkundigte sie sich nervös.

     "In gewisser Weise ja. Ich möchte, dass Frieden zwischen Eurer Familie und den Angehörigen meines Volkes herrscht. Und ich bin ziemlich sicher, dass Ihr das Gleiche wünscht."

     Sie nickte. Er hatte so ruhig und überlegt gesprochen, dass ihre Unsicherheit verflogen war. "Wenn ich Euch recht verstehe, möchtet Ihr, dass ich etwas tue, um diesen Frieden herbeizuführen. Woran habt Ihr gedacht?"

     "Ich möchte, dass Ihr Bevan heiratet. Eine Ehe zwischen Euch und ihm würde zur Folge haben, dass der Streit um Rionallís ein Ende hat. Denn der Besitz würde dann beiden Clans gleichermaßen gehören. Meiner Meinung nach würde auch Euer König diese Lösung gutheißen."

     Genevieve runzelte die Stirn. Tatsächlich hatte sie bereits ähnliche Überlegungen angestellt. Doch das war vor Bevans Kuss und seiner anschließenden Flucht gewesen. "Euer Bruder", stellte sie fest, "würde lieber sterben, als eine Normannin zur Frau zu nehmen."

     Patrick schüttelte den Kopf. "Ich bin nicht nur sein Bruder, sondern auch sein König. Er schuldet mir Gehorsam."

     Das mochte stimmen. Aber wollte sie den Rest ihres Lebens an der Seite eines Mannes verbringen, der sie ablehnte? War sie bereit, dieses Opfer zu bringen, damit es kein Blutvergießen gab?

     "Im Moment würde es mir genügen, wenn Ihr Euch damit einverstanden erklären könntet, dass ich die Angelegenheit vor Euren König Henry bringe und sie auch mit unserem Hochkönig bespreche."

     "Es nützt Euch nichts, wenn ich ja sage. Ihr braucht das Einverständnis meines Vaters."

     "Ich habe ihm bereits eine Nachricht geschickt und ihn gebeten, mich auf Tara zu treffen. Gerade eben ist der Bote zurückgekehrt. Der Earl of Longford lässt mir mitteilen, dass er dorthin reisen wird."

     Das war eine gute Neuigkeit. Ihr Vater würde endlich kommen und sie vor Hugh schützen. Das jedenfalls wollte sie fest glauben, auch wenn Thomas de Renalt auf keine ihrer Botschaften reagiert hatte. Nun, immerhin war es möglich, dass Hugh all ihre Briefe abgefangen hatte, so dass nicht ein einziger ihren Vater erreichte.

     Sie runzelte die Stirn. Nach allem, was Marstowe ihr angetan hatte, konnte sie ihn nicht heiraten. Das würde ihr Vater sicher verstehen. Aber würde er sich deshalb auch damit einverstanden erklären, dass sie die Gemahlin eines anderen wurde? Eines Iren? Es war keineswegs auszuschließen, dass er eigene Pläne hegte. Und da er davon überzeugt war, dass Rionallís ihm von Rechts wegen zustand, würde er auch bereit sein, mit Bevan um den Besitz zu kämpfen.

     Patricks Stimme riss sie aus ihren Gedanken. "Kann ich die Verhandlungen aufnehmen? Seid Ihr bereit, Bevan zu heiraten, damit in Zukunft Frieden zwischen unseren Familien herrscht?"

     Sie holte tief Luft. "Ja."

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