Mein irischer Held - 6. Kapitel

6. KAPITEL

Als der Sturm nachließ, war das Land unter einer dichten, weißen Decke aus Schnee begraben. Dennoch wollte Genevieve ein wenig nach draußen gehen. Sie brauchte Ruhe, um über das nachzudenken, was Patrick ihr gesagt hatte.

     Sie hatte von Isabel einen warmen Wollumhang mit einem fröhlich bunten Muster bekommen, den sie sich jetzt umlegte. Dann trat sie in den Hof hinaus. Es war kalt, Schneeflocken tanzten um sie herum, Mensch und Tier hatten Zuflucht in den verschiedenen zur Burg gehörenden Gebäuden gesucht.

     Genevieve tat es gut, allein zu sein. Trotzdem fühlte sie sich innerhalb der Burgmauern noch all jenen zu nah, die hier lebten. So beschloss sie, durch das Außentor zu gehen. Niemand hielt sie auf. Tief aufatmend blieb sie stehen und ließ den Blick über die weiße Landschaft schweifen.

     Sie fragte sich, wie Hughs Pläne wohl aussehen mochten.

     In Anbetracht des Wetters hatte er vermutlich seine Bemühungen, sie zu finden, erst einmal aufgeben müssen, überlegte sie. Aber vielleicht hatte er ja längst erfahren, wo sie sich aufhielt. Wer konnte wissen, wo überall seine Späher waren? Sie war seit mehreren Tagen auf Laochre, Zeit genug, um die Kunde von ihrem Aufenthaltsort in der Umgebung zu verbreiten.

     Tatsächlich hatte Genevieve während der letzten Tage manchmal das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Sie versuchte sich einzureden, dass das Unsinn sei. Aber ihre Sorge blieb. Nachts wachte sie beim kleinsten Geräusch auf. Ihr Herz klopfte dann voller Angst, und sie musste sich in Erinnerung rufen, dass Bevan ihr eine Reihe von Tricks verraten hatte, wie sie sich gegen Angreifer zur Wehr setzen konnte. Aber würde sie überhaupt in der Lage sein, sich zu wehren? Sie kam sich schwach und hilflos vor. Manchmal schalt sie sich sogar, ein Feigling zu sein. Sie schämte sich dafür, dass Hugh, selbst wenn er weit fort war, solche Macht über sie hatte.

     Wahrhaftig, es war an der Zeit, ihre Angst zu besiegen. Weder Hugh noch seine Männer würden hier plötzlich vor ihr stehen und sie mit Gewalt nach Rionallís zurückbringen.

     Sie erschrak, als unerwartet eine Gestalt vor ihr auftauchte. Dann erkannte sie, dass es einer von Patricks Saldaten war. Erleichtert atmete sie auf.

     "Ihr solltet bei diesem Wetter im Warmen bleiben", sagte der Mann auf Gälisch. Sein Ton war ehrerbietig, aber gleichwohl konnte kein Zweifel daran bestehen, dass er sie daran hindern würde, sich weiter von der Burg zu entfernen.

     Genevieve lächelte ihn an. "Eure Sorge ist unbegründet. Ich will nur einen kleinen Spaziergang machen. Ich werde nur so weit gehen, dass Ihr mich im Auge behalten könnt."

     "Also gut."

     Langsam schritt sie den Hang hinab. Die Landschaft wirkte sehr friedlich. Alles war still. Ein einzelner Baum, dessen Zweige sich unter der Last des Schnees bogen, stand am Weg. Weit und breit gab es keinen Platz, an dem ein Feind sich verbergen konnte. Hier würde ihr nichts geschehen.

     Mit einem Mal war ihre Angst verschwunden, und Genevieve fühlte sich wunderbar frei. Am liebsten hätte sie vor Freude laut gelacht. Wie lange würde sie diese ungewohnte Empfindung genießen können? Würde sie schon bald ihre Freiheit aufgeben müssen, um in einem unsichtbaren Gefängnis zu leben? In einem Gefängnis, das der Stand der Ehe ihr auferlegen würde? Nein, es erschien ihr wirklich nicht wahrscheinlich. Ihr Vater würde sicher andere Pläne mit ihr haben, wenn die Verlobung mit Hugh erst gelöst war. Und Bevan hatte ihr sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass er sie nicht heiraten wollte – obwohl er sie geküsst hatte …

     Patrick hatte gesagt, Bevan würde sich seinen Wünschen beugen. Der größte Vorteil, den die von ihm angestrebte Hochzeit zwischen ihr und ihm mit sich brachte, war zweifellos das Ende der Auseinandersetzungen um den Besitz von Rionallís. Wenn Bevan wieder der rechtmäßige Herr von Burg und Land war, würde er sich vielleicht damit abfinden, dass seine Gemahlin zum Volk der Normannen gehörte. Vielleicht konnte sich sogar eine Freundschaft zwischen ihnen entwickeln.

     Die Vorstellung gefiel ihr. Sie würden nach außen hin ein Ehepaar sein, aber keiner würde versuchen, den anderen einzuengen. Sie würden – sozusagen – eine geschäftliche Verbindung eingehen, die beiden Seiten Vorteile brachte. Ja, genau davon würde sie Bevan überzeugen müssen. Dann war er sicher bereit, mit ihr vor den Altar zu treten.

     Ein seltsamer Laut riss Genevieve aus ihren Überlegungen. Bisher war es so still gewesen, dass selbst der Ruf eines Vogels Aufmerksamkeit erregen musste. Genevieve schaute sich um. Nirgends war ein solcher zu sehen. Es gab auch weit und breit keine anderen Lebewesen. Aber da war der Ruf noch einmal.

     Sie lauschte. Und dann wurde ihr klar, dass sie möglicherweise den Schrei eines Kindes gehört hatte, einen Hilfeschrei.

     Genevieve raffte ihre Röcke und rannte los.

     Am Fuß des Hügels befand sich ein kleiner Teich. Er war zugefroren, das Eis von blendend weißem Schnee bedeckt. Doch beinahe in der Mitte war ein dunkler Fleck zu erkennen. Ein Loch im Eis. Und in dem Loch eine kleine Gestalt!

     Genevieves Herz klopfte zum Zerspringen. Würde sie das Kind vor dem Ertrinken retten können? Es rief jetzt nicht mehr um Hilfe, aber die kleinen Hände griffen immer wieder nach dem festen Eis, rutschten jedoch wieder und wieder ab.

     "Ich komme dir zu Hilfe, mein Kleiner", rief Genevieve auf Gälisch, obwohl sie keineswegs sicher war, dass das Eis sie tragen würde. "Halte durch! Ich bin gleich bei dir."

     Vorsichtig legte sie sich auf die glatte Fläche und schob sich voran. Es ging unerträglich langsam, aber sie durfte nicht riskieren, ebenfalls einzubrechen. Das Eis knirschte, aber noch zeigten sich keine Risse.

     Dann waren die Kinderhände endlich in Reichweite. Genevieve umfasste sie mit aller Kraft und zog. Ein lautes Knacken war zu hören, und Genevieve landete im Wasser. Vor Angst schrie sie gellend auf. Doch gleich darauf hatte sie den Schock überwunden. Noch immer hielt sie die Hände des Kindes umklammert, ihre Füße hatten gleichwohl Grund gefunden. Dem Himmel sei Dank, das Wasser war nicht tief!

     Trotzdem war es beinahe unmöglich, das Ufer zu erreichen. Genevieves nasse Röcke klebten an ihren Beinen. Die Kälte des Wassers führte dazu, dass sie sich kaum rühren konnte. Und dann war da auch noch das Eis. Wenn sie versuchte, sich auf dieses zu stemmen, brach es. Aber es wollte nicht zerbersten, wenn sie sich einfach einen Weg hindurch bahnen wollte. Sie presste den jetzt reglosen Körper des Kindes an sich und rief, so laut sie nur konnte, um Hilfe.

     Glücklicherweise hatte der Wachposten sie die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen. Schon als sie losgerannt war, lief er sofort hinter ihr her. Ein zweiter Wachmann folgte ihm. Die beiden erreichten das Ufer des kleinen Teichs beinahe gleichzeitig. Einer nahm Genevieve das Kind ab, während der andere nach ihrer Hand griff und sie aus dem eisigen Wasser zog.

     Sie zitterte. Noch nie in ihrem Leben war ihr so kalt gewesen. Ihre Zähne schlugen aufeinander, ihr Körper fühlte sich steif an, wenn sie ihn überhaupt noch spürte. Ohne die Hilfe der Soldaten wäre sie nicht in der Lage gewesen, den Hügel hinaufzusteigen und die Burg zu erreichen.

     Sie bemerkte kaum, wie sie das äußere Tor durchschritten. Menschen strömten herbei. Irgendwer rief: "Wir brauchen Decken. Und das Feuer in der Kemenate soll geschürt werden."

     Sie erreichten die innere Mauer und gleich darauf das Hauptgebäude der Burg. Isabel war bereits benachrichtigt worden und hatte die Dinge in die Hand genommen. Mit ruhiger Stimme erteilte sie den Mägden Befehle. Dann wandte sie sich Genevieve zu. "Kommt mit mir."

     Sie warf einen Blick auf das Kind, um das sich inzwischen mehrere Frauen bemühten. Das kleine Gesicht hatte sich bläulich verfärbt. Doch eine der Mägde rief Genevieve beruhigend zu: "Der Junge lebt."

     Isabel griff nach ihrem Arm. "Kommt!"

     Genevieve machte einen Schritt nach vorn – und sah sich plötzlich Bevan gegenüber. "Was zum Teufel habt Ihr getan?", stieß er hervor.

     Es fiel ihr schwer zu sprechen, ihre Zähne klapperten noch immer. Aber schließlich brachte sie zwei kurze Sätze hervor: "Das Kind ist eingebrochen. Ich musste es retten."

     "Ihr hättet die Burg nicht verlassen dürfen!" Bevan schien außer sich vor Zorn zu sein.

     "Ich bete darum, dass ich nicht zu spät gekommen bin", murmelte Genevieve.

     "Das Kind ist am Leben", erklärte Isabel.

     "Ihr hättet mit ihm zusammen sterben können." Bevan wollte sich nicht beruhigen.

     "Meine Mägde sind bei dem Jungen", mischte Isabel sich erneut ein. "Und ich werde mich jetzt um Genevieve kümmern."

     "Wartet", bat diese. "Ich möchte bei ihm bleiben, bis ich weiß …"

     "Nein", unterbrach Bevan sie. "Ich selbst werde dafür Sorge tragen, dass alles Menschenmögliche für ihn getan wird. Ihr geht mit Isabel und zieht Euch endlich etwas Trockenes an."

     "Kommt", bat Isabel zum dritten Mal. Diesmal folgte Genevieve ihr.

     In der Kemenate brannte ein helles Feuer. Tücher zum Abtrocknen lagen bereit und wollene Decken, in die Isabel die Normannin hüllte, nachdem sie ihr geholfen hatte, die nasse Kleidung abzulegen und sich kräftig trockenzureiben.

     Eine Magd erschien mit einem dampfenden Becher.

     "Trinkt das"; befahl Isabel.

     Es schmeckte scheußlich. Aber Genevieve spürte, wie etwas Gefühl in ihre tauben Hände und Füße zurückkehrte. Ihre Haut brannte jetzt, und ihre Beine waren schwer wie Blei. Auch das Zittern hatte aufgehört. "Ich möchte mich anziehen und nach dem Kind schauen", sagte sie.

     "Bitte, geduldet Euch. Ihr seid geschwächt und müsst Euch erst richtig aufwärmen."

     Seufzend gab Genevieve nach. "Kennt Ihr die Eltern des Jungen? Habt Ihr sie benachrichtigt?"

     "Der Vater des Kleinen ist einer der Soldaten, die mit Bevan nach Rionallís gezogen sind. Er ist nicht zurückgekehrt."

     "Und die Mutter?"

     "Bevan wird jemanden zu ihr geschickt haben." Isabel zögerte, schien sich dann allerdings durchgerungen zu haben, noch mehr zu erzählen. "Ich denke, ich sollte Euch etwas sagen: Bevans Tochter starb an einem Fieber als sie etwa so alt war wie der Junge. Niemand könnte sich aus diesem Grund aufopferungsvoller um den Kleinen kümmern als mein Schwager."

     Genevieve senkte den Kopf. Bevan hatte ihr gegenüber nie erwähnt, dass er Vater einer Tochter war. Sie empfand Mitleid mit ihm. Aber sie war auch zornig. Der Ton, in dem er mit ihr gesprochen hatte, konnte alles andere als höflich bezeichnet werden.

Eine halbe Stunde später betrat Genevieve den großen Saal. Nichts wies darauf hin, dass hier vor Kurzem noch mehrere Menschen damit beschäftigt waren, das Leben eines kleinen Jungen zu retten. In einer ruhigen Ecke nahe dem Kamin entdeckte sie Bevan, der mit geschlossenen Augen in einem Lehnstuhl saß und das in warme Decken gehüllte Kind an sich drückte.

     Der Heiler, der herbeigerufen worden war, hatte ihn und die Mägde angewiesen, die Gliedmaßen des Jungen zu massieren. Nach und nach waren sie wieder warm geworden. Doch leider war der Kleine während der ganzen Zeit nicht zu Bewusstsein gekommen. Auch sein geräuschvolles Atmen verriet, dass es um ihn noch immer sehr schlecht stand.

     Lass ihn nicht sterben, betete Bevan stumm. Er war zutiefst aufgewühlt. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu Fiona und der Tochter, die er mit ihr gehabt hatte. Lange Zeit war es ihm gelungen, die Tatsache, dass beide gestorben waren, aus seinen Gedanken zu verdrängen. Nicht ein einziges Mal hatte er ihre Gräber besucht. Dass sie auf Rionallís zu Grabe getragen wurden, war einer der Gründe, warum er die Burg verlassen hatte. Doch nun konnte er plötzlich nicht länger vor seiner Trauer fliehen.

     Er öffnete die Augen und starrte das Kind an. Für einen Augenblick schien es ihm, als hielte er wieder seine kleine Tochter in den Armen. Aber abgesehen vom Alter hatte der Junge nichts mit dem Mädchen gemein, das er vor zwei Jahren verloren hatte.

     Ein Geräusch ließ ihn aufblicken. Genevieve stand vor ihm. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, streckte dann aber nur die Hand aus, um sanft die Stirn des Kindes zu berühren.

     "Der Junge hat Fieber." Bevans Stimme klang rau.

     "Er wird gesund werden", antwortete Genevieve mit mehr Überzeugung, als sie innerlich fühlte. Dann drückte sie Bevan ein Stück Stoff in die Hand.

     Es war das bestickte Leinentüchlein, das sie ihm schon einmal gegeben hatte. Er starrte es einen Moment lang an. "Woher habt Ihr das?"

     "Isabel hat es auf meine Bitte hin aus Eurem Gemach geholt. Ich dachte, es würde Euch freuen, es bei Euch zu haben. Es bedeutet Euch viel, nicht wahr?"

     Er nickte. "Es ist eine Erinnerung an Fiona. Sie hat es an unserem Hochzeitstag bei sich getragen. Später hat sie es als Teil des Häubchens verwendet, das sie für unsere Tochter zur Taufe nähte."

     Genevieve sah, wie viel Mühe er sich gab, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Doch er konnte den Schmerz, den er über den Verlust von Frau und Kind empfand, nicht völlig verbergen. Unwillkürlich hob sie die Hand und folgte mit den Fingerspitzen der Narbe, die sich über seine Wange zog. Dabei dachte sie, dass die Narben, die das Schicksal seinem Herzen zugefügt hatte, zweifellos schlimmer seien.

     Eine Zeit lang stand sie schweigend bei ihm, teilte ihre Aufmerksamkeit zwischen ihm und dem Kind. Dann endlich sagte sie: "Möge Gott Euren Schmerz lindern."

     Zu ihrer Überraschung griff er nach ihrer Hand und drückte sie. "Wollt Ihr Euch zu mir setzen?"

     Sie zögerte, doch dann holte sie einen Stuhl herbei, um mit Bevan gemeinsam über das Leben des Jungen zu wachen.

Es war draußen dunkel, und viele Bewohner der Burg schliefen noch. Bevan saß jedoch schon an einem der langen Tische im Saal. Er hatte sich aus der Küche etwas zu essen und zu trinken bringen lassen. Er war durstig, hungrig und erschöpft.

     Nachdem der Heiler am Abend zuvor noch einmal nach dem Kranken gesehen und erklärt hatte, das Wichtigste seien jetzt Ruhe, Wärme und Schlaf, hatte Bevan das Kind mit hinauf in sein eigenes Gemach genommen.

     Genevieve hatte darauf bestanden, bei ihm und dem Jungen zu bleiben. Und da sein Bett groß genug für drei war, hatte er schließlich eingewilligt. Sie hatten den Knaben zwischen sich gelegt. So konnten sie sich sicher sein, dass mindestens einer von ihnen wach wurde, wenn es dem Kleinen schlechter gehen sollte. Ein paarmal war Bevan aus dem Schlaf geschreckt, weil der Junge hustete. Der zarte Körper zitterte vor Anstrengung. Die Hände des Kindes schienen nach etwas zu tasten, was nicht da war. Sein Atem ging laut und unregelmäßig.

     Bevan tat, was in seiner Macht stand, um die Qual des Jungen zu lindern. Dabei fragte er sich, ob seine Tochter Brianna wohl auch so gelitten hatte. War Fiona Nacht für Nacht bei ihr gewesen? Oder hatte die Erschöpfung sie irgendwann gepackt, so dass sie die Kleine nicht mehr selbst pflegen konnte?

     Dass er damals nicht da war, an der Seite seiner Tochter, konnte Bevan sich nicht verzeihen. Er war nicht bei ihr gewesen, als sie krank wurde. Er hatte sie nicht in Armen halten können, als sie starb. Er war aus dem Krieg zurückgekehrt, in dem er gekämpft hatte, als man Brianna bereits beerdigt hatte.

     Die Ereignisse des letzten Tages hatten in Bevan Gewissensbisse geweckt. Unruhig waren seine nächtlichen Träume gewesen, und als er schließlich aufwachte und Genevieve schlafend neben sich entdeckte, verwirrte ihn das einen Moment lang. Dann musste er sich widerwillig eingestehen, dass es sich gut anfühlte, neben einer Frau aufzuwachen.

     Genevieve atmete ruhig, und auch das Kind schien sich ein wenig erholt zu haben. So hatte Bevan es gewagt, die beiden allein zu lassen, um nach unten in den großen Saal zu gehen.

     Noch ehe er sein Mahl beendet hatte, trat Patrick zu ihm. "Lass uns einen Spaziergang machen", sagte er.

     Sie verließen das Gebäude. Draußen war es kalt, aber es hatte aufgehört zu schneien. Im Osten färbte sich der Himmel leicht rötlich. Bald würde die Sonne aufgehen.

     "Ich habe Ruaidhrí eine Nachricht geschickt. Er hat darauf geantwortet, dass er dich sehen möchte."

     "Der Hochkönig befiehlt mich nach Tara? Warum?"

     "Es geht um Rionallís. Der englische König ist zurzeit ebenfalls dort. Gemeinsam wollen sie entscheiden, was mit dem Besitz geschehen soll."

     Bevan stieg die Zornesröte ins Gesicht. Seiner Meinung nach war die Sache eindeutig: Er war der ursprüngliche Eigentümer von Rionallís, also gehörten Land und Burg ihm. Patrick jedoch hatte zugelassen, dass eine politische Frage daraus gemacht wurde. Das bedeutete, dass ein Kompromiss gefunden werden musste.

     "Du willst also immer noch, dass ich sie heirate", meinte Bevan vorwurfsvoll.

     "Es ist die beste Lösung. Beide Könige werden zufrieden sein, und du musst nicht um Rionallís kämpfen."

     "Ich kann sie nicht zur Frau nehmen." Dafür gab es mehr als einen Grund. Zum einen wollte er den Schwur nicht brechen, den er nach Fionas Tod abgelegt hatte. Zum anderen aber ging es auch um Genevieve. Sie war in ihrer Unschuld allzu verführerisch. Und sie hatte nach ihren Erfahrungen mit Hugh Angst vor Männern.

     Einen Moment lang stellte Bevan sich vor, wie es sein würde, mit Genevieve ein Kind zu haben. Ein Mädchen mit blauen Augen, dunklem Haar und einem ebenso warmen Lächeln wie Genevieve es besaß. Dann fiel ihm Brianna ein. "Ich kann nicht", wiederholte er. Es war ihm unmöglich, sein Herz erneut zu verschenken. Er konnte kein weiteres Ehegelübde ablegen, er konnte nicht mit der Furcht leben, ein zweites Mal Frau und Kind zu verlieren.

     "Vielleicht wirst du heiraten müssen", sagte Patrick.

     "Unsinn", entfuhr es seinem Bruder.

     "Ruaidhrí hat mir mitgeteilt, dass König Henry alle irischen Könige zu sprechen wünscht."

     "Also wirst du auch nach Tara gehen?"

     "Eine endgültige Entscheidung habe ich noch nicht getroffen. Isabel allerdings meint, ich sollte der Aufforderung Folge leisten. Sie glaubt, nur so könne der Frieden zwischen Iren und Normannen gesichert werden." Er blieb stehen und schaute Bevan fest in die Augen: "Wenn König Henry verlangt, dass du Genevieve heiratest, werde ich nicht umhinkönnen, es dir zu befehlen."

     "Dazu hast du kein Recht."

     "Ich bin dein König. Ich kann nicht an dich allein denken, wenn es um das Leben all meiner Untertanen geht. Die Verantwortung, die ich trage, erstreckt sich auf viele Menschen. Ich werde keinen Krieg riskieren. Du weißt selbst, dass es klüger gewesen wäre, einer Normannin gar nicht erst Unterschlupf zu gewähren. Wenn es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen unseren Völkern kommt …"

     Bevan begriff sehr wohl, welche Sorgen seinen Bruder plagten. Aber er war fest entschlossen, sich zu nichts zwingen zu lassen. "Ich werde dich nach Tara begleiten", erklärte er. "Es muss eine Lösung geben, die mir ermöglicht, Rionallís zu behalten, und die Genevieve den Weg eröffnet, nach England zurückzukehren."

Genevieve hatte ein feuchtes Tuch auf die Stirn des Jungen gelegt. Er hatte noch immer Fieber. Auch der Husten hatte sich nicht gebessert.

     Isabel hatte ihr mitgeteilt, dass die Mutter des Kleinen trotz aller Bemühungen bisher nicht gefunden worden war. Dadurch fühlte Genevieve sich noch mehr für den Knaben verantwortlich.

     Als Bevan die Kammer betrat, fragte er sofort: "Geht es ihm besser?"

     "Er ist nicht ein einziges Mal wach geworden. Ich habe versucht, ihm etwas Brühe einzuflößen. Aber er schluckt sie nicht hinunter. Und das Fieber schwächt ihn zusätzlich. Ich bin mir nicht sicher, ob wir nicht nach dem Priester schicken sollten …"

     "Nein!" Bevan hob das Kind aus dem Bett. "Ich brauche eine Schüssel und viel heißes Wasser."

     Eine Magd, die ihm gefolgt war, lief sofort los, um seinen Befehl auszuführen.

     "Und ein großes, dichtes Tuch!", rief er ihr nach.

     Wenig später kam sie mit dem Gewünschten zurück. Auf Bevans Anweisung hin stellte sie die Schüssel auf den Tisch und goss dampfendes Wasser hinein. Bevan legte dem Kind das Tuch über den Kopf und hielt es so, dass es den Dampf einatmen musste.

     "Ihr glaubt, das könne helfen?", erkundigte sich Genevieve.

     "Es wird zumindest nicht schaden. Ich erinnere mich, dass es Brianna, als sie noch ein Säugling war, einmal gegen eine Erkältung mit Husten und Atemnot gutgetan hat."

     Genevieve sah skeptisch drein. Doch als der Dampf nachließ, goss sie das abgekühlte Wasser auf Bevans Bitte hin aus und füllte die Schüssel erneut mit heißem Nass.

     "Isabel hat mir berichtet, dass man die Mutter des Kleinen noch immer nicht gefunden hat." Sie wechselte das Thema.

     Bevan nickte bedrückt. "Ich habe ein paar Männer losgeschickt, um den Teich abzusuchen."

     Genevieve wurde blass. Bisher hatte sie nicht in Erwägung gezogen, dass die Mutter des Knaben tot sein könnte. Sie schickte ein stummes Gebet zum Himmel. Dann sagte sie: "Was ist mit seinem Vater?"

     "Er war in jener Nacht auf Rionallís. Ich befürchte, dass er aufgegriffen wurde."

     Ein Schauer überlief Genevieve. Wenn der Vater des Jungen Hugh in die Hände gefallen war, dann war er vermutlich inzwischen tot. "Wollt Ihr etwas unternehmen, um ihn zu befreien?"

     "Das wird nicht möglich sein. Patrick wird nach Tara gehen, und ich werde ihn begleiten. Mein Bruder Connor allerdings hat sich bereit erklärt, Nachforschungen auf Rionallís anzustellen."

     Sie spürte, dass er mit dieser Situation keineswegs zufrieden war. Sie verstand das sogar. Natürlich sah er es als seine Pflicht an, sich selbst um seine Männer zu kümmern. Wenn er sich nicht für sie, Genevieve, verantwortlich gefühlt hätte, wäre er sicher längst nach Rionallís zurückgekehrt.

     "Rechnet Ihr damit, dass Marstowe Euren Bruder angreifen wird?"

     Bevan zuckte die Schultern. "Connor ist ein hervorragender Kämpfer. Er weiß, wie man einer Gefangenennahme entkommt. Außerdem ist es nicht seine Aufgabe, die Burg anzugreifen."

     "Ihr würdet gern an seiner Stelle sein, das weiß ich", sagte Genevieve leise.

     "Ich werde tun, was mein König von mir verlangt", gab er zurück. Doch sein Ton verriet, dass er in seinem Inneren anders dachte.

     Sie beschloss, sich wieder ganz auf das Kind zu konzentrieren. Erneut tauschte sie das abgekühlte Wasser gegen heißes aus. Bevan hielt den Jungen noch immer über den Dampf. Es musste anstrengend sein. Und bisher gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass es dem Kleinen besser ging. Aber sie wollten nicht aufgeben.

     Zwei Stunden mochten vergangen sein, als Genevieve fragte: "Wollt Ihr Euch nicht ein wenig ausruhen?"

     "Nein. Ich habe das Gefühl, dass ich bleiben muss."

     Aus irgendeinem Grund trieben seine Worte ihr beinahe die Tränen in die Augen. Sie schluckte, und ihr wurde klar, was sie so berührte. Bevan war ein starker Mann, ein Krieger, der sich nehmen konnte, was immer er wollte. Aber im Gegensatz zu Hugh war er auch rücksichtsvoll. Er kümmerte sich aufopferungsvoll um ein Kind, das nicht einmal zu seinem Clan gehörte. Auch ihr gegenüber hatte er sich stets von seiner sanften Seite gezeigt. Sein Kuss war voller Zärtlichkeit gewesen. Nie hatte er mehr von ihr verlangt, als sie zu geben bereit war. Ja, so sorgfältig er seine Gefühle auch vor der Welt zu verbergen suchte, er war ein liebevoller Mensch. Ein Mensch, dem so viel Schmerz zugefügt worden war, dass er nun alles tat, um sein Herz vor Empfindungen abzuschirmen, die zu neuem Leid führen konnten.

     Als sie das Wasser das nächste Mal wechselte, erkundigte sie sich: "Wann werdet Ihr nach Tara reisen?"

     "In drei Tagen. Anscheinend möchte unser Hochkönig gemeinsam mit Eurem König klären, wer in Zukunft Herr auf Rionallís sein soll."

     Genevieve hob den Blick. Der richtige Zeitpunkt, um mit Bevan über Patricks Idee zu sprechen, war gekommen. Aber sie musste ihre Worte sorgfältig wählen. "Euer Bruder", begann sie, "ist der Meinung, dass es von Vorteil sein könnte, wenn Ihr mich heiratet."

     "Ich werde keine Ehe schließen, nur um zu erhalten, was mir von Rechts wegen sowieso zusteht."

     Das war mehr als deutlich. Er verabscheute die Vorstellung, sie zu heiraten. Genevieve war gekränkt. Aber sie zwang sich, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr er sie verletzt hatte. Leise sagte sie: "Ihr wehrt Euch gegen diese Ehe, weil ich eine Normannin bin. Aber ich bin nicht Eure Feindin. Auch würde ich nicht darauf bestehen, dass wir wie Mann und Frau zusammenleben. Ihr könnt mich also bedenkenlos heiraten."

     Er starrte sie an.

     Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. Seine Muskeln waren fest, und sie spürte die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. "Ich meine, ich würde nicht erwarten, dass Ihr … das Ehebett mit mir teilt."

     Sein Herzschlag beschleunigte sich.

     "Ihr könntet nach Lust und Laune kommen und gehen. Ich würde keine Fragen stellen. Und Rionallís würde Euch gehören, ohne dass Ihr das Leben auch nur eines einzigen Mannes riskieren müsstet."

     Er musste sich zwingen, langsam und regelmäßig zu atmen. "Ihr wisst nicht, was Ihr da sagt", stieß er schließlich hervor.

     "Doch." Seine Nähe, seine männliche Ausstrahlung, sein Mund, der dem Ihren so nah war, verwirrten sie. Aber sie musste jetzt stark sein. "Bitte, denkt wenigstens darüber nach."

     Himmel, wie er sie begehrte! So sehr er sich auch bemühte, er konnte das Verlangen nach ihr nicht bezwingen. Er wollte sie küssen. Wollte in ihren tiefblauen Augen versinken und alles um sich herum vergessen.

     Doch in diesem Moment zog sie ihre Hand zurück. Ihre Stimme klang ruhig, obwohl ihr Puls raste und ihr Herz vor Sehnsucht zu zerspringen schien. "Ich biete Euch Rionallís, Eure Freiheit und Frieden zwischen unseren Völkern an. Könnt Ihr ein solches Angebot guten Gewissens ausschlagen?"

Ein eher schmal gebauter Mann näherte sich Laochre. Er bewegte sich wie ein Ortskundiger – und so war es auch, man kannte ihn. Die Wachen riefen ihm einen überraschten Gruß zu.

     "Ich habe befürchtet, dass du tot bist", meinte einer der Soldaten. "Was ist geschehen?"

     Der Rothaarige hatte sich gut auf diesen Moment vorbereitet. Seine Leute verdienten nicht, was er ihnen antun würde. Aber er hatte keine Wahl. Wenn er Kiara, seine Frau und Mutter seines Sohnes retten wollte, musste er zum Verräter werden. "Ich bin mit den anderen in Gefangenschaft geraten. Doch ich konnte von Rionallís fliehen", sagte er.

     "Dann leben die anderen?"

     "Ja."

     "Das ist gut. Sie werden bald frei sein, Bevan hat Connor mit ein paar Männern nach Rionallís geschickt."

     "Bevan führt den Trupp nicht selbst an?"

     "Nein. Patrick wollte das wohl nicht …"

     Der Rothaarige dachte angestrengt nach. Connor wusste nicht, dass auch Kiara in Gefangenschaft geraten war. Konnte sie dadurch in eine noch größere Gefahr geraten? Etwa dann, wenn Hugh sie seit seinem neuen Plan von den anderen Gefangenen entfernt versteckt hielt? Was, um Himmels willen, soll ich tun? Er wagte nicht, den Soldaten die Wahrheit zu sagen.

     In diesem Moment überkam ihn ein großer Zorn auf Genevieve de Renalt. Ja, die Normannin war an allem Schuld. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte Bevan sich von Anfang an anders verhalten. Niemand wäre in Gefangenschaft geraten. Und Marstowe wäre nicht so voller Hass auf alle Iren gewesen.

     "Ist Bevan hier?", fragte er. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. "Und diese Normannin auch?" Sie musste eine Hexe sein, dass sie eine solche Macht über starke Krieger wie Bevan MacEgan und Hugh Marstowe ausüben konnte. Aber ich, dachte er, werde sie in meine Gewalt bringen und sie auf welche Weise auch immer nach Rionallís schaffen. Schließlich hatte der Normanne ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es nur eine Möglichkeit gab, Kiara zu retten: Sie musste gegen Genevieve ausgetauscht werden.

     "Beide sind zurzeit auf Laochre. Und dein Sohn übrigens auch."

     "Declan?" Kiara hatte ihm gesagt, das Kind sei bei ihrer Freundin. "Warum ist Declan in der Burg?"

     "Er war offensichtlich allein draußen. Jetzt ist er hier in Sicherheit. Aber seine Mutter …"

     "Kiara trifft keine Schuld", entfuhr es dem Soldaten. "Sie ist nach Rionallís gekommen, um uns zu befreien. Doch sie wurde erwischt und wird nun selber gefangen gehalten."

     Sein Freund stieß einen Fluch aus, setzte aber sogleich voller Überzeugung hinzu: "Connor wird sie zusammen mit den anderen befreien."

     Das allerdings bezweifelte der Verräter. Die Erfahrungen der letzten Tage hatten ihn gelehrt, den MacEgans nicht zu vertrauen. Bevan hatte sich schließlich tagelang nicht um seine Leute gekümmert. Wenn er sofort etwas zu ihrer Befreiung unternommen hätte, wäre Kiara den Normannen nie in die Hände gefallen.

     "Wo ist mein Sohn?", fragte er.

     "In Bevans Kammer."

     Das war seltsam. Und es gefiel ihm nicht. Wenn er jemandem ganz und gar nicht begegnen wollte, dann war es Bevan. Aber ehe er sich auf die Suche nach Genevieve de Renalt machen konnte, musste er sich davon überzeugen, dass es Declan gut ging.

     Er betrat den Saal, durchquerte ihn, wobei er sorgfältig darauf achtete, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Schließlich stieg er die Treppe hinauf und öffnete, ohne anzuklopfen, die Tür zu Bevans Gemach.

     Bevan saß mit geschlossenen Augen in einem Lehnstuhl am Kamin. Im Bett lagen zwei Menschen. Declan – und Lady Genevieve! Sie hielt das Kind in den Armen.

     Erleichterung überflutete den Soldaten. Sein Sohn befand sich in Sicherheit. Und gleich darauf spürte er Verzweiflung. Augenblicklich war es vollkommen unmöglich, die Normannin zu entführen.

Genevieve erwachte, als der Junge sich bewegte.

     "Mama", murmelte er.

     "Deine Mama wird bald wieder bei dir sein", versicherte Genevieve ihm liebevoll. Sie war müde. Es war eine anstrengende Nacht gewesen. Aber irgendwann schien der heiße Dampf die Atmung des Kindes tatsächlich erleichtert zu haben. Der Kleine war ruhig geworden, und Bevan hatte Genevieve aufgefordert, sich mit dem Kind schlafen zu legen.

     Jetzt, da der Knabe sich in ihren Armen regte, überkam sie eine große Zärtlichkeit. Tief sog sie den Duft seines feinen Haars ein. Er musste etwa drei Jahre alt sein, aber sie fand, dass er noch immer wie ein Baby roch. Dann legte sie ihm die Hand auf die Stirn. Dem Himmel sei Dank, das Fieber war gesunken.

     "Durst", klagte der Kleine.

     Sie erhob sich, strich ihre Röcke glatt – sie hatte in ihrer Kleidung geschlafen –, wickelte das Kind fest in die Decke und flüsterte ihm zu: "Wir werden sofort etwas zu essen und zu trinken für dich besorgen." Ohne Bevan zu wecken, schlich sie sich aus der Kammer.

     Im großen Saal bat sie die erste Magd, die ihr begegnete, Brühe für den Jungen zu holen. "Und bring auch noch ein paar andere Speisen mit."

     Der Knabe musterte Genevieve, als sie wieder bei dem Kind war.

     "Wie heißt du?", fragte sie ihn.

     Statt zu antworten, schob er den Daumen in den Mund.

     In diesem Moment kam die Magd mit den gewünschten Sachen.

     Genevieve war erleichtert, dass der Knabe seine Brühe mit gutem Appetit aß. Auch sie selbst war hungrig und genoss das Frühstück. Dann, als beide satt waren und sie gerade überlegte, was sie als Nächstes tun sollte, trat ein Mann auf sie zu. Er war groß, kräftig und selbstbewusst. Das dunkelblonde Haar fiel ihm offen auf die Schultern. Sie erkannte in ihm den Bruder, den Bevan bei ihrer Ankunft auf Laochre so herzlich umarmt hatte.

     "Guten Morgen. Ihr müsst Genevieve sein." Der Mann lächelte. Ich bin Connor MacEgan", fuhr er fort. "Und du bist Declan, nicht wahr?" Er fuhr dem Jungen durchs Haar. "Patrick hat mir erzählt, dass diese Dame dich aus dem Teich gerettet hat."

     Das Kind schaute ihn aus großen Augen an, sagte aber nichts.

     "Ich möchte Euch für Eure Hilfe danken", fuhr Connor zu Genevieve gewandt fort. "Man findet selten eine Frau, die gleichzeitig so schön und so mutig ist."

     Sie errötete. Allerdings war es weniger das Kompliment, das sie verwirrte, als Connors charmantes Lächeln. Diese MacEgan-Brüder waren alle geradezu erschreckend attraktiv.

     "Mein Bruder steht im Ruf, ein Frauenheld zu sein", hörte sie plötzlich Bevans Stimme hinter sich. "Gebt also Acht auf Euch. Man sagt, er habe schon viele Herzen gebrochen."

     "Guten Morgen, Bevan. Seht nur, wie gut es unserem kleinen Patienten geht", sagte sie ausweichend.

     Connor beugte sich zu Genevieve hinunter. "Hat Bevan etwa ein Auge auf Euch geworfen? Ich wäre in der Stimmung, mit ihm um Euch zu kämpfen."

     "Unsinn", sagten Genevieve und Bevan wie aus einem Munde. Und Letzterer fügte hinzu: "Berichte lieber, ob deine Mission erfolgreich war."

     "Wir konnten drei Männer aus dem Kerker von Rionallís befreien. Einer von deinen Soldaten soll gestorben sein. Und über das Schicksal eines weiteren konnten die anderen keine Auskunft geben. Er scheint eines Nachts einfach verschwunden zu sein."

     "Marstowe und seine Leute haben euch nicht entdeckt?"

     "Marstowe selbst war gar nicht da. Es hieß, er sei auf der Suche nach dieser schönen Dame." Er warf Genevieve einen weiteren bewundernden Blick zu.

     Sie war blass geworden. Hugh hatte also noch nicht aufgegeben. Bis wohin würde er ihre Verfolgung aufnehmen, um sie zurückzuholen? Und wie weit würde er gehen?

     "Ich nehme an, er weiß inzwischen, dass sie hier ist", stellte Bevan fest.

     "Ja. Aber ihm ist wohl auch klar, dass es sinnlos wäre, Laochre anzugreifen."

     Diese Feststellung beruhigte Genevieve nur bedingt. Sie wusste, dass Hugh nicht davor zurückschrecken würde, zu unfairen Mitteln zu greifen. Deshalb war sie auch in Patricks Burg nicht wirklich sicher.

     "Es ist Declans Vater, der aus dem Kerker verschwunden ist", sagte Connor in diesem Moment.

     Bevan öffnete den Mund, doch Connor gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er noch nicht fertig war mit dem, was er sagen wollte. "Ich habe erfahren, dass er letzte Nacht hier war. Jetzt aber ist er nirgends zu finden. Irgendetwas ist da nicht in Ordnung. Einer seiner Freunde erwähnte, dass Marstowe angeblich Declans Mutter gefangen hält. Die haben wir allerdings nicht auf Rionallís gefunden."

     Genevieve zog den Kleinen fester an sich und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Das arme Kind! Hugh würde kein Mitleid mit seiner Mutter haben. Und für das Verhalten des Vaters gab es eigentlich nur eine Erklärung: Er hatte dem Druck nicht standhalten können und war zum Verräter geworden.

     Bevan schien zu dem gleichen Schluss gekommen zu sein. "Wir müssen die Mutter retten und den Vater finden", erklärte er.

     "Ich werde mich darum kümmern", versprach Connor. "Du wirst ja keine Möglichkeit dazu haben, da du nach Tara reist."

     "Ich wäre beruhigt, wenn du auch für Genevieves Sicherheit sorgen würdest."

     "Natürlich!" Connor zog einen Stechpalmenzweig mit roten Beeren aus der Tasche seines Überwurfs. "Für Euch, meine Schöne." Er hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Dann wandte er sich seinem Bruder zu. "Ich verspreche, dass ich gut auf sie Acht geben werde."

     Genevieves Augen blitzten zornig auf. Connors Art gefiel ihr inzwischen gar nicht mehr. Irgendwie erinnerte er sie an Hugh, der sie anfangs mit ähnlichen Worten und Gesten umworben hatte. Selbst äußerlich hatten die beiden eine gewisse Gemeinsamkeit. Jedenfalls fühlte sie sich in der Gegenwart dieses blonden Iren äußerst unwohl. Sie erhob sich, setzte sich den Jungen auf die Hüfte und verließ mit einem kurzen Nicken in Richtung der beiden Männer die Kammer.

     Als sie den Flur hinunterging, wandte das Kind auf einmal den Kopf und begann zu zappeln.

     "Was ist los, Kleiner?", fragte sie. Aber statt zu antworten, begann der Junge zu weinen. Genevieve hatte das unbestimmte Gefühl, dass eine Gefahr drohte. Sie schaute sich um, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. "Alles wird gut, Declan", tröstete sie den Jungen. "Wenn du erst ein bisschen geschlafen hast, wirst du kein Fieber mehr haben. Und dann wirst du dich gleich viel besser fühlen."

     Sie bog in den Gang ein, an dem ihre Kemenate lag, als sie hinter sich Schritte hörte. Beunruhigt wandte sie sich um. "Isabel!"

     "Wie schön, dass ich Euch hier finde, Genevieve. Ich wollte Euch um Hilfe bitten." Sie wies hinter sich, mehrere Frauen mit Körben voller Immergrün warteten dort. "Wir wollen den Saal schmücken, denn bald feiern wir Alban Arthuan."

     Genevieve hatte bereits von dem keltischen Fest zur Wintersonnenwende gehört, und es freute sie, dass Isabel sie in die Vorbereitungen zu den Festlichkeiten einbeziehen wollte. Aber sie würde Declan nicht allein lassen.

     Isabel warf dem Kind einen liebevollen Blick zu, so, als habe sie Genevieves Gedanken erraten. "Siorcha hat angeboten, sich um den Jungen zu kümmern. Sie hat Enkelkinder in seinem Alter, zudem ist sie eine Heilerin. Bei ihr wird er gut aufgehoben sein."

     Eine alte Frau trat vor, sagte einige freundliche Worte zu dem Knaben, und sogleich strecke er ihr die Arme entgegen. Genevieve lächelte den beiden zu, dann nahm sie den Korb entgegen, den Isabel ihr reichte.

     "Alban Arthuan", erklärte Bevans Schwägerin der Normannin, "wird bei uns nach alter Sitte gefeiert. Ich bin sicher, es wird Euch gefallen."

     "Bestimmt", erwiderte Genevieve. Tief in ihrem Herzen jedoch fühlte sie sich seit dem Gespräch mit Connor und Bevan unsicher und bedrückt. Sie mochte Connor nicht, und Bevan würde bald fortgehen, um sich auf Tara mit dem irischen Hochkönig und wohl auch mit König Henry zu treffen. Bisher hatte er ihr durch nichts zu verstehen gegeben, dass er bereit war, ihren Vorschlag bezüglich der Eheschließung auch nur in Erwägung zu ziehen.

     Plötzlich wurde ihr klar, dass sie es unerträglich fand, dass andere über ihr Schicksal entschieden. Vielleicht, dachte sie, sollte sie selbst nach Tara gehen, um mit ihrem Vater über ihre Wünsche zu reden und, wenn nötig, König Henry um Unterstützung zu bitten.

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