Mein irischer Held - 8. Kapitel

8. KAPITEL

Genevieve lief die Treppe hinab, durchquerte den großen Saal und trat in den Hof hinaus. Ein eisiger Wind zerrte an ihrem Kleid und wehte ihr ein paar Haarsträhnen ins Gesicht. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht einmal einen Mantel angezogen hatte. Vor Kälte begann sie zu zittern.

     "Ich habe etwas für Euch!", rief jemand ihr zu.

     Sie wandte sich um und konnte den wollenen Umhang, den Ewan ihr zuwarf, gerade noch auffangen, ehe er in den Schnee fiel. Sie legte sich das warme Tuch um die Schultern und bedankte sich.

     Der Junge kam näher. "Ihr irrt Euch in Bezug auf meinen Bruder."

     "Ewan", ihre Stimme klang jetzt vorwurfsvoll, "hast du etwa gelauscht?"

     Er nickte, dabei wirkte er ein wenig betreten.

     Sie seufzte. Vermutlich war es sinnlos, ihn auszuschimpfen. Also fragte sie nur: "In welcher Beziehung irre ich mich?"

     "Glaubt Ihr wirklich, dass Bevan Euch nicht will? Er will Euch sogar sehr. Das Problem ist, dass Ihr keine Irin seid. Sonst würde er Euch bestimmt lieber heute als morgen heiraten."

     Da der Wind erneut an ihrem Haar riss, zog Genevieve sich den Umhang über den Kopf. Ewans Eifer amüsierte sie. Allerdings fiel es ihr schwer, die Worte des Jungen ernst zu nehmen. Was wusste er mit seinen vierzehn Jahren schon über die Liebe?

     "Habt Ihr einmal überlegt, warum er vorhin zu Euch gekommen ist?", wollte Ewan wissen.

     "Um sich zu verabschieden."

     "Eben!" Ein triumphierendes Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht des Knaben. "Kommt, wir gehen zum Tor. Da können wir zuschauen, wie mein Bruder und unsere Soldaten losreiten."

     "Mir liegt nichts daran, Bevan noch einmal zu sehen."

     "Ihr seid verärgert. Nun, vielleicht sollten wir auf die Mauer steigen und meinen Bruder mit Schneebällen bewerfen."

     Ewan war wirklich noch ein Kind. Doch sein Vorschlag hatte Genevieve zum Lachen gebracht. "Auf gar keinen Fall", erklärte sie.

     In diesem Moment war von den Ställen her Pferdegetrappel zu hören. Eine Gruppe von Reitern überquerte den Hof. Genevieves Laune änderte sich sofort wieder. Ihr Ärger über Bevans Verhalten flammte aufs Neue auf, zornig wollte sie sich abwenden.

     Doch der Ire hatte sie bereits bemerkt und brachte sein Pferd direkt vor ihr zum Stehen. Als er sich zu ihr herabbeugte, machte ihr Herz einen Sprung.

     "Es tut mir leid", sagte er. Dabei schaute er ihr fest in die Augen.

     Sie wollte etwas erwidern, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Ihr Puls raste, und sie rechnete fest damit, dass Bevan ihr einen Abschiedskuss geben würde.

     Aber dann sagte er nur "Lebt wohl", wendete sein Pferd und folgte eilig dem kleinen Trupp, der das Tor schon fast erreicht hatte.

     Sie wusste, dass seine Entschuldigung ehrlich gemeint war. Letztendlich war das aber kein Trost. Er hatte ihr verboten, ihn nach Tara zu begleiten. Gleichwohl würde ihr Schicksal sich dort entscheiden. Je nachdem, zu welchem Entschluss die Könige kamen, würde Bevan ihr Feind oder ihr Gemahl werden.

Tara, die Residenz des irischen Hochkönigs Ruaidhrí, war eine mächtige Festung. Die starke hölzerne Umfassung wurde von mehreren Wachtürmen gekrönt. Schon von Weitem sah man die beeindruckenden Verteidigungsanlagen. Niemand, der sich der Burg über eine der fünf wichtigsten Fernstraßen Irlands näherte, die hier zusammentrafen, sollte daran zweifeln, dass Tara uneinnehmbar war.

     Als Bevan und seine Leute fast vor dem Tor angekommen waren, hörten sie, wie ein Mann vor Schmerz aufschrie und dann in gebrochenem Gälisch um Gnade bettelte. Ruaidhrí hatte den Ruf, ein gerechter König zu sein. Aber es war auch allgemein bekannt, dass er die Normannen nicht mochte.

     Bevan schaute sich aufmerksam um. In einiger Entfernung entdeckte er den Lia Fail, den legendären Krönungsstein, von dem es hieß, er würde Tränen der Freude vergießen, wenn der rechtmäßige König erschien. Einen Moment lang wünschte er sich, es gäbe auch einen magischen Stein für die Rechtsprechung. Dann könnte er sicher sein, dass man ihm Rionallís zurückgeben würde.

     Er hatte Patrick noch nicht verziehen, dass dieser auch den normannischen König über die Angelegenheit informiert hatte. Seiner Meinung nach hätte man das Problem allein mithilfe des irischen Hochkönigs lösen können.

     Die Gruppe der Neuankömmlinge hatte inzwischen das Tor passiert, und Knechte waren herbeigeeilt, um sich um die Pferde zu kümmern. Aus dem Wohnturm war ein vornehm gekleideter Mann getreten und hatte die Gäste aufgefordert, sich nach der Reise im Saal zu stärken. Die Männer ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie nahmen an den langen Tischen Platz, aßen, tranken und schäkerten mit den Mägden, die ihnen immer wieder die Becher füllten und sie mit Brot, Käse und kaltem Braten versorgten.

     Bevan war zu nervös, um die Mahlzeit genießen zu können. Er beobachtete den Hochkönig, der abseits von den anderen saß und sich mit Ailfred, seinem Hofdichter und Berater, unterhielt. Ailfred war nicht mehr jung. Sein Haar war längst ergraut, und er trug einen langen, ebenfalls grauen Bart. Seine Augen allerdings blickten lebhaft und klug.

     Zur Rechten von Ruaidhrí saß König Henry. Er schien guter Laune zu sein, wie seine weit ausholenden Gesten und sein lautes Lachen verrieten. Er scherzte mit seinen Männern und machte einen zufriedenen, entspannten Eindruck. Manch einer hätte ihn wegen dieses lockeren Auftretens vielleicht für einen schwachen Gegner gehalten. Bevan jedoch wusste, dass Henry ein gewiefter Taktiker und ein zäher Verhandlungspartner war. Zweifellos würde er alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um Irland seinem eigenen Königreich einzuverleiben.

     Nach einer Weile wurde MacEgan zu den Königen gerufen. Er begrüßte sie mit aller Ehrerbietung, die ihnen gebührte. Ruaidhrí, der einen Becher mit Met in der Hand hielt, lächelte huldvoll und forderte seinen Gast auf, Platz zu nehmen und auch etwas zu trinken.

     "Ich bin über den Grund Eures Besuches informiert", sagte er dann, "und habe die Angelegenheit bereits mit König Henry besprochen. Wir sind darin übereingekommen, dass ihm die Entscheidung zusteht, da es um die Zukunft von mehreren seiner Untertanen geht."

     Bevan zwang sich, eine undurchdringliche Miene aufzusetzen. Was er da hörte, gefiel ihm überhaupt nicht! Welchen Grund konnte Ruaidhrí haben, dem Normannen das Recht zuzugestehen, allein über Rionallís zu bestimmen? Zweifellos hatte es etwas mit weit reichenden politischen Fragen zu tun. Aber gerade das beruhigte Bevan überhaupt nicht.

     Während er einen Schluck aus seinem Becher nahm, beobachtete er den englischen König. Dieser lächelte, aber es war klar, dass das nicht mehr als eine höfliche Geste war.

     "Wir haben erfahren, dass Ihr einst auf dem Besitz, der den Namen Rionallís, trägt, gelebt habt", begann Henry. "Wir haben auch erfahren, dass ihr von dort fortgegangen seid und Burg und Land ungeschützt zurückgelassen habt. Jeder hätte sich diesen Besitz aneignen können."

     Bevan erwiderte den Blick des Normannen ohne Scheu. "Ich hatte meine Gründe dafür. Gründe, die meiner Meinung nach niemandem das Recht gaben, mir Rionallís fortzunehmen."

     "Deshalb habt Ihr versucht, es zurückzuerobern. Ihr habt mit Euren Männern die Festung angegriffen, die inzwischen meinem Untertan Thomas de Renalt, dem Earl of Longford, zugefallen war. Als Ihr keinen Erfolg hattet, wolltet Ihr Sir Hugh Marstowe, den Verlobten von Longfords Tochter, ermorden."

     Bevans Finger schlossen sich fester um den Becher mit Met. "Ich habe mich gewehrt, als Sir Hugh mich angriff."

     "Ihr habt ihn verwundet und seine Braut entführt. Doch da es Gottes Wille war, ist Marstowe genesen und nach Tara gekommen, um sein Recht zu fordern."

     Innerlich bebte Bevan vor Zorn. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest hielt er das Trinkgefäß umklammert. Dann bemerkte er, dass Henry ihm über die Schulter schaute. Er wandte sich um und sah, wie sein Feind den Saal betrat. Marstowe war prächtig herausgeputzt, seine Kleidung schien aus feinster Seide zu sein und war zudem mit Gold bestickt. Auf dem Gesicht lag ein triumphierendes Lächeln.

     MacEgan setzte den Becher ab und wollte nach seinem Schwert greifen. Doch dann fiel ihm ein, dass er – genau wie alle anderen, die den Saal betreten wollten – seine Waffen hatte abgeben müssen. Ruaidhrí gestattete niemandem, nur seinen Leibwächtern, in den Wohngebäuden der Burg bewehrt zu sein.

     "Entführung ist ein Verbrechen, das bestraft werden muss", stellte Hugh, nachdem er sich vor den Königen verbeugt hatte, in arrogantem Ton fest.

     "Ich unterstehe nicht der Gerichtsbarkeit der Normannen", gab Bevan zurück. Er kochte vor Wut, und am liebsten hätte er Marstowe mit bloßen Händen niedergeschlagen. Wenn er nur daran dachte, wie dieser feige Schurke Genevieve behandelt hatte, konnte er sich kaum zügeln. Statt sie zu schützen, hatte Marstowe Genevieve Angst gemacht, sie geschlagen, gequält, gedemütigt. Himmel, wie er diesen Normannen hasste!

     König Henry musterte Bevan jetzt voller Abneigung. Die Bemerkung des Iren hatte ihn sichtlich erzürnt.

     Ruaidhrí fand, dass es an der Zeit war, einzugreifen. "Ihr seid an unser Recht und Gesetz gebunden, MacEgan", erklärte er ruhig. Dann wandte er sich seinem königlichen Gast zu. "Wir werden eine Lösung finden, die beide Seiten zufriedenstellt."

     Jetzt ergriff Ailfred das Wort. "Entführung ist auch nach unserer Rechtsprechung ein Verbrechen, das gesühnt werden muss. Ihr, Bevan MacEgan, solltet Sir Hugh eine Gegenleistung dafür anbieten, dass Ihr seine Verlobte geraubt habt."

     "Sie bat mich, sie mitzunehmen. Sir Hugh hat sie so schlecht behandelt, dass sie vor ihm geflohen ist. Er hat sie geschlagen und ihr deutlich sichtbare Verletzungen zugefügt. Er sollte ihr eine Gegengabe zahlen."

     "Wenn sie Euch freiwillig gefolgt ist, dann müsst Ihr ihrer Familie eine noch festzusetzende Summe zukommen lassen", meinte Ailfred.

     Bevan war klar, welche Richtung die Diskussion nun unweigerlich nehmen würde. "Ich bin hier", erklärte er mit fester Stimme, "um meinen Besitz Rionallís zurückzufordern. Lady Genevieve wünscht, zu ihren Eltern zurückzukehren. Sie wartet in der Burg meines Bruders darauf, dass ihr Vater sie abholt."

     Der irische Hochkönig schaute zu Henry, dessen Miene noch immer Ärger und Unzufriedenheit ausdrückte.

     "Euer Untertan", sagte König Henry zu Ruaidhrí, "ist offenbar nicht bereit, seine Strafe anzunehmen. Wenn er sich weigert, ein Entgelt zu entrichten, dann sollte Longfords Tochter so schnell wie möglich befreit und zu ihrer Familie zurückgebracht werden. Weiterhin", er betrachtete Bevan finster, "sind wir der Ansicht, dass man ihm Rionallís auf keinen Fall zurückgeben sollte. Schließlich hat er sich bereits einmal als unfähig erwiesen, den Besitz zu schützen."

     Bevan war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Er trank einen Schluck Met und ließ den Blick dann von König Henry zu Hugh wandern. Dieser bedachte ihn mit einem überheblichen Lächeln.

     Die Vorstellung, Rionallís einem Schuft wie Marstowe überlassen zu müssen, bewirkte, dass sich alles in ihm sträubte. Noch schlimmer allerdings war es, wenn er sich ausmalte, dass Genevieve wieder in die Hände dieses brutalen Mannes fallen würde. Er konnte das nicht zulassen. Er würde es nicht ertragen, verantwortlich für Genevieves Unglück zu sein.

     In diesem Moment wurde ihm klar, dass Patrick von Anfang an recht gehabt hatte. Es gab nur eine Lösung: Er, Bevan, musste Genevieve heiraten. Ihm war, als würde eine Schlinge sich um seinen Hals zusammenziehen. Aber ganz gleich, welche Opfer von ihm gefordert wurden, jetzt kannte er seine Pflicht. "Ich nehme an, die Angelegenheit würde sich anders darstellen, wenn Lady Genevieve mich ehelichen würde."

     "Ja", stimmte Ailfred sogleich zu, "wenn sie Eure Gemahlin wird, dann fällt der Besitz Rionallís Euch als ihrem Ehemann zu. Mir scheint, dass das eine gute Lösung wäre. Obwohl ich denke, Ihr solltet sowohl Sir Hugh als auch der Familie der Braut einen Ausgleich überreichen, damit allen Ansprüchen Genüge getan ist."

     "Longford würde einer solchen Regelung nie zustimmen", behauptete Henry.

     Bevan schaute von einem zum andern. Jetzt, da er seine Entscheidung getroffen hatte, würde er tun, was in seiner Macht stand, um alles zu einem guten Ende zu bringen. "Ich möchte einen Vorschlag machen", begann er. "Lasst Lady Genevieve nach Tara bringen. Sie selbst soll hier, in Anwesenheit ihres und unseres Königs entscheiden, wen sie heiraten will. Derjenige, den sie wählt, soll Rionallís erhalten."

     Ruaidhrí wandte sich König Henry zu. "Ist das ein auch für Euch akzeptables Vorgehen?"

     Der Normanne schüttelte den Kopf. "Es ist das Recht eines Vaters, den Gemahl der Tochter zu wählen. Ohne die Zustimmung des Earls kann keine Hochzeit geplant werden. Ich allerdings hätte weder gegen den einen noch gegen den anderen Bewerber um Lady Genevieves Hand etwas einzuwenden."

     Jetzt hatte Hugh die Hände zu Fäusten geballt. Welch eine Unverschämtheit, dass dieser Ire es wagte, Ansprüche auf Genevieve anzumelden. Und wie dumm dieser Barbar war! Er wollte tatsächlich Genevieve selbst die Wahl überlassen. Marstowe zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass sie sich für ihn, ihren rechtmäßigen Verlobten, entscheiden würde. Schließlich war allgemein bekannt, dass es den Iren an Bildung und Umgangsformen fehlte, wohingegen die Normannen der Inbegriff jeglicher Zivilisation waren. Keine normannische Dame würde sich für einen Wilden ohne jede Kultur entscheiden!

     "Man soll sie holen", sagte Hugh.

     "Aber es soll keine Entscheidung ohne die Einwilligung ihres Vaters getroffen werden", wiederholte Henry. "Darauf bestehe ich."

     "So soll es sein", stimmte Ruaidhrí zu.

     Hugh hatte sich unterdessen Bevan zugewandt und diesem leise mitgeteilt, dass er sich darauf freue, eine großzügige Entschädigung von ihm zu erhalten.

     "Und ich", gab der Ire ebenso leise zurück, "freue mich darauf, Euch mein Schwert in den Körper zu rammen, statt Euch eine Gegenleistung zu zahlen."

     Mit vor der Brust gekreuzten Armen stand Hugh vor Bevan und lachte.

     Der Ire, der größer war als der Normanne, schaute auf ihn hinunter. Seine Miene war undurchdringlich.

     "Ihr glaubt doch nicht wirklich, ich würde Euch Genevieve überlassen?", spottete Marstowe. Dann drehte er sich plötzlich um, verbeugte sich tief vor König Henry und fragte: "Dürfte ich einen Vorschlag machen, Majestät?"

     König Henry nickte.

     "Ich möchte den Iren zum Zweikampf fordern."

     Sogleich trat Bevan einen Schritt vor. "Majestät, ich nehme die Herausforderung an."

     Ruaidhrí nickte einer Gruppe von Männern zu, die daraufhin herbeieilten und sich zwischen Marstowe und MacEgan stellten, um einen möglichen Faustkampf zu verhindern.

     "Ich habe meine Entscheidung getroffen", erklärte Henry. "Als mein loyaler Untertan werdet Ihr sie selbstverständlich respektieren, Sir Hugh."

     Die Warnung war eindeutig. Wer sich gegen den König stellte, beging Hochverrat. Also senkte der Ritter den Kopf und trat einen Schritt zurück.

     Bevan ließ ihn nicht eine Sekunde lang aus den Augen.

     "Es wäre gut, wenn Ihr den Earl of Longford rufen lassen könntet", meinte Ruaidhrí zu Henry gewandt.

     "Ich glaube, er ist bereits auf Tara", entfuhr es Bevan.

     "Ja." König Henry nickte. "Euer Bruder Patrick MacEgan hat ihm eine Nachricht geschickt und ihn gebeten, hierher zu kommen."

     König Henry gab nun einem seiner Leute ein Zeichen, woraufhin dieser den Saal verließ. Kurz darauf kam er in Begleitung eines kräftigen Mannes zurück, dessen Haar bereits grau wurde, dessen muskulöse Arme und Schenkel jedoch verrieten, dass er noch immer ein ausgezeichneter Kämpfer war. Genevieves Vater! Dass Marstowe bei seinem Anblick blass wurde, erfüllte Bevan mit Befriedigung.

     "Euer Majestät!" Der Earl verbeugte sich erst vor König Henry, der ihn hatte rufen lassen, und dann vor seinem Gastgeber, dem irischen Hochkönig. Als er sich wieder aufrichtete, fiel sein Blick auf Sir Hugh. Alle, die in der Nähe standen, spürten, wie ihn dieser Ritter mit Zorn erfüllte.

     "Wir haben eine Entscheidung bezüglich der Zukunft Eurer Tochter getroffen", informierte König Henry seinen Untertan. "Euer Einverständnis vorausgesetzt, wird Lady Genevieve selbst zwischen Sir Hugh Marstowe und Bevan MacEgan als Bräutigam wählen dürfen. Der zu ihrer Mitgift gehörende Besitz Rionallís wird an ihren Ehemann übergehen."

     Ein leicht spöttischer Unterton war nicht zu überhören, und so beschloss Longford, sehr vorsichtig zu antworten. "Ich fühle mich geehrt durch das Interesse Eurer Majestät." Dann wandte er sich um und musterte sowohl Hugh als auch Bevan eingehend. Seine Miene war jetzt undurchdringlich. Sein Zorn schien verflogen zu sein. Er wirkte kühl und überlegen. "Wie ich gehört habe, ist meine Tochter aus der Burg Rionallís entführt worden."

     Es war eine Art Test, das begriff Bevan sofort. "Ich habe Lady Genevieve auf ihre Bitte hin geholfen, aus Rionallís zu fliehen", erklärte er gelassen.

     Longford schaute ihn mit gerunzelter Stirn an, ein unausgesprochener Vorwurf lag in seinem Blick.

     Doch MacEgan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Sie war geschlagen und verletzt worden", fuhr er fort. "Sie bat mich um Hilfe. Ich habe sie mitgenommen nach Laochre, wo sie darauf wartet, von Euch abgeholt zu werden."

     Der Earl zeigte sich wenig beeindruckt von Bevans Worten. "Ihr glaubt also, meine Tochter wäre bereit, die Gemahlin eines … irischen Kriegers zu werden?" Seine Stimme klang nicht verächtlich, doch es war klar, dass er Genevieve nicht zu einer solchen Ehe raten würde.

     "Wenn Sie zwischen Marstowe und mir wählen muss, wird sie sich für mich entscheiden." Er dachte daran, wie Genevieve unter Hughs Brutalität gelitten hatte, wie sie ihn angefleht hatte, ihr zur Flucht zu verhelfen. Es stand außer Zweifel, dass sie niemals freiwillig zu dem Normannen zurückkehren würde.

     Hugh allerdings schien das anders zu sehen. In arrogantem Tonfall stellte er fest: "Es heißt, Ihr hättet Eure erste Frau verloren, weil Ihr nicht in der Lage wart, sie zu beschützen. Ein ähnliches Schicksal könnte ebenso Genevieve ereilen, wenn sie tatsächlich Eure Gemahlin würde. Man sollte auch nicht vergessen, dass sie", er zögerte kurz, "temperamentvoll und unvernünftig ist. Sie liebt es, aus den nichtigsten Anlässen fortzulaufen und sich in Gefahr zu bringen."

     Bevan machte einen Schritt auf Hugh zu. In diesem Moment war es ihm vollkommen gleichgültig, dass er sich am Hof des Hochkönigs befand. Er wollte diesen normannischen Ritter, diesen Bastard umbringen!

     Kräftige Hände packten seine Arme und hielten ihn zurück. Mit einem einzigen Blick hatte Ruaidhrí dafür gesorgt, dass seine Wachen einschritten.

     Die beiden Könige wechselten einen Blick, dann ergriff noch einmal Ailfred das Wort. "Bevan MacEgan", sagte er, "seid Ihr Euch der Tatsache bewusst, dass Ihr Eure Rechte auf Rionallís an Lady Genevieve abtretet, wenn Ihr dem Vorschlag zustimmt, sie ihren Ehemann selbst wählen zu lassen? Wenn sie Sir Hugh Marstowe heiratet, so fällt diesem der Besitz zu."

     Bevan schaute Hugh hasserfüllt an und nickte.

Thomas de Renalt, Earl of Longford, beobachtete den irischen Krieger, der die Absicht hatte, sich mit seiner Tochter zu vermählen. Er schien es gar nicht erwarten zu können, wieder bei Genevieve zu sein. Unnachgiebig trieb er sein Pferd an. Es konnte nicht Sehnsucht allein sein, die ihn zu solcher Eile trieb. Offenbar fürchtete er, ihr könne etwas zustoßen, wenn er sie nicht bald erreichte.

     Das war nicht das Benehmen eines Mannes, dem es nur darum ging, ein bestimmtes Stück Land zu besitzen.

     MacEgan war ihm, wie Longford sich schon vor einiger Zeit eingestehen musste, ein Rätsel. Tatsächlich mochte er ihn nicht besonders. Aber er fand ihn doch sympathischer als Marstowe. Von Anfang an war er gegen die Verlobung seiner Tochter mit Sir Hugh gewesen. Doch König Henry hatte die Verbindung gutgeheißen, und Genevieve schien in den muskulösen blonden Ritter verliebt zu sein. Sie hatte erklärt, dass sie sehr unglücklich sein würde, wenn ihr Vater sich nicht mit der geplanten Ehe einverstanden erklärte. Also hatte er schließlich nachgegeben.

     Es hatte ihn nicht gewundert, dass Bevan dem Normannen vorgeworfen hatte, Genevieve misshandelt zu haben. Vor nur wenigen Tagen hatte er ein Schreiben seiner Tochter erhalten, das auf Umwegen zu ihm gelangt war und in dem sie ihn bat, sie vor Sir Hughs brutalen Übergriffen zu retten. Er wünschte nur, er hätte eher von ihrer Lage erfahren. Nun hatte sie diesen Iren um Hilfe bitten müssen. Doch keineswegs war er sich sicher, dass er Bevan MacEgan vertrauen konnte.

     Zwei Tage lang hatte er ihn nun beobachtet. Aber noch immer hatte er sich kein bestimmtes Bild von Bevans Charakter machen können. Fest stand, dass der Ire seinen normannischen Rivalen verabscheute. Das bewies jeder Blick, den er Marstowe zuwarf, und jede Geste, mit der er ihn bedachte.

     Sir Hugh hatte darauf bestanden, sich der Gruppe, die nach Laochre ritt, anzuschließen. Vermutlich wollte er verhindern, dass irgendwer Genevieves Entscheidung bezüglich ihres zukünftigen Gemahls beeinflusste. Manchmal ließ er sich dazu herab, ein paar Worte an MacEgan zu richten. Meist sagte er Dinge wie: "Genevieve gehört mir. Diese dumme Idee, sie ihren Gemahl selbst wählen zu lassen, wird zu nichts führen. Der Earl würde niemals zulassen, dass seine Tochter einen irischen Barbaren heiratet."

     Bevan reagierte nicht auf solche Reden. Diesmal jedoch erklärte er ruhig: "Ich bin sicher, dass Genevieves Vater längst weiß, wer von uns der Barbar ist."

     Marstowe wollte aufbrausen, doch Longford, der die Auseinandersetzung verfolgt hatte, lenkte sein starkes Kriegsross neben Bevans Pferd und fragte: "Wann werden wir die Festung Eures Bruders erreichen?"

     "Ehe die Nacht hereinbricht."

     "Und Ihr seid Euch sicher, dass es meiner Tochter gut geht?"

     Nein, dessen war Bevan sich durchaus nicht sicher. Der Grund seiner Eile war, dass er befürchtete, Hughs Männer hätten irgendetwas unternommen, um Genevieve aus Laochre zu rauben. Aber das wollte er dem besorgten Vater nicht mitteilen.

     Dieser allerdings erwartete eine Antwort auf seine Frage. Und als er die nicht erhielt, stellte er verärgert fest: "Wenn es stimmt, was man über Euch erzählt, dann wart Ihr nicht in der Lage, für die Sicherheit Eurer verstorbenen Gemahlin zu sorgen."

     "Und wenn es stimmt, was Lady Genevieve mir berichtet hat, dann wart Ihr nicht fähig, Eurer Tochter Unterstützung zu gewähren, als sie Euch verzweifelt um Hilfe bat." Er warf dem Earl einen forschenden Blick zu. "Oder ist es bei den Normannen üblich, Frauen zu schlagen? Wir Iren jedenfalls halten es für nicht richtig, unsere Frauen mit Gewalt zu unterwerfen."

     Das bestätigte Longford in seiner Überzeugung, dass MacEgan – ganz gleich, welche Fehler und Schwächen er haben mochte – nie die Hand gegen Genevieve erheben würde. Das war eine einigermaßen beruhigende Vorstellung. Dennoch hielt es der Earl für nötig, sich noch einmal mit Marstowe darüber zu unterhalten. "Sir Hugh", begann er, "ich würde gern unter vier Augen mit Euch sprechen."

     "Selbstverständlich, Mylord."

     Sie zügelten ihre Pferde, bis der Abstand zu den anderen so groß war, dass niemand ihr Gespräch belauschen konnte.

     "Es wundert mich", stellte Longford fest, "dass Ihr so wenig zu MacEgans Vorwürfen zu sagen habt."

     "Mylord, ich hätte nicht erwartet, dass Ihr überhaupt etwas auf die Lügen eines Barbaren gebt. Wir wissen doch beide, dass diesem Mann nichts an Lady Genevieve liegt. Er sucht lediglich nach einer Möglichkeit, den Besitz zurückzugewinnen, den er durch eigenes Verschulden verloren hat. Es ist unsere gemeinsame Pflicht, Genevieve vor ihm zu schützen."

     Der Earl schwieg einen Moment lang, er sah, dass auf Hughs Stirn Schweißperlen traten.

     "Ich habe mit einigen der Soldaten gesprochen, die Euch und Genevieve in meinem Auftrag nach Rionallís begleitet haben, und sie gefragt, wie Ihr meine Tochter behandelt habt", fuhr Longford jetzt fort. "Ihr könnt Euch sicher vorstellen, was Sie berichtet haben."

     Marstowe wurde erst rot und dann blass. "Ich schwöre, dass ich mein Leben opfern würde, um Genevieve zu schützen. Allerdings …" Er zögerte. "Niemand wird abstreiten können, dass sie sehr eigenwillig ist, so dass man sie gelegentlich daran erinnern muss, dass eine Frau ihrem Gemahl zu gehorchen hat."

     "Ihr meint, es sei nötig gewesen, sie für ihren Eigensinn zu strafen und sie mit Schlägen gefügig zu machen? Hugh, Ihr seid nicht ihr Gemahl!"

     "Ich bin ihr Verlobter. Das ist beinahe dasselbe."

     "Keineswegs. Solange Ihr nicht mit Genevieve verheiratet seid, ist meine Autorität als Vater bedeutend größer als die Eure." Er schaute Marstowe nachdenklich an, auf diese Weise wollte er ihm die Gelegenheit zu einer Erwiderung oder einer Entschuldigung geben. Doch er wartete vergeblich. Also sagte er nach einer Weile: "Ich bin froh, dass niemand uns hören kann, denn es ist nicht meine Absicht, Euch vor anderen zu beschämen. Aber merkt Euch eines: Ich werde meine Zustimmung zu einer Ehe zwischen Genevieve und Euch nicht erteilen. Es wäre wohl am klügsten, wenn Ihr Euch sogleich auf den Rückweg nach England machen würdet. Eure Besitztümer, die sich noch auf Rionallís befinden, werde ich Euch nachschicken lassen. Ich werde Euch auch alle Geschenke zurückgeben, die Ihr meiner Tochter im Laufe der Zeit gemacht habt. Von Euch erwarte ich, dass Ihr mir nie wieder unter die Augen tretet."

     "Aber …", stammelte Hugh.

     Longford griff in die Tasche und zog ein zerknittertes Blatt hervor. Es war der Brief, den er von Genevieve erhalten hatte. Sie bat ihn darin dringend, zu ihr zu kommen, auch berief sie sich auf andere Schreiben mit ähnlichen Hilferufen, die sie ihm zuvor geschickt hatte. Keiner dieser Briefe hatte ihn je erreicht. Vermutlich hatte Hugh selbst dafür gesorgt, dass sie nicht bei ihm eingetroffen waren.

     "Ihr habt nicht vollkommen verhindern können, dass meine Tochter mich darüber informiert hat, wie Ihr sie behandelt", sagte er. "Ihr habt auch nicht verhindern können, dass ich aus anderen Quellen erfahren habe, zu welchen Grausamkeiten Ihr fähig seid. Ihr seid es nicht wert, Genevieves Gemahl zu werden oder auch nur den Titel 'Ritter' zu tragen."

     Marstowe bebte vor Zorn, seine Wangen hatten sich gerötet, aber er wagte nicht, den Earl anzugreifen. Mit einem unterdrückten Fluch wendete er sein Pferd und ritt davon.

"Lady Genevieve, man hat mich geschickt, um Euch mitzuteilen, dass Eure Eltern eingetroffen sind."

     Genevieve, die einen Korb voller Wäsche, die geflickt werden musste, vor sich stehen hatte, sprang auf. Dann besann sie sich auf ihre Erziehung. Ein würdevolles Benehmen wurde von ihr erwartet. Also fragte sie, scheinbar gelassen: "Der Earl und die Countess halten sich im großen Saal auf?"

     "Nein. Eure Leute erwarten Euch vor den Toren der Burg."

     Sie runzelte die Stirn. "Es ist kalt, zudem bricht die Dämmerung herein. Warum wollen sie die Festung nicht betreten?"

     Der rothaarige Bote trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. "König Patrick hat sie nicht hereingebeten. Wie Ihr wisst, betrachtet er die Normannen als Feinde."

     Das kam ihr seltsam vor. Zweifellos gab es genug Iren, die gegen alle Normannen waren. Aber Partrick hatte sich wieder und wieder für eine Versöhnung zwischen den Völkern ausgesprochen. Er war es gewesen, der vorgeschlagen hatte, Bevan solle sie, Genevieve, heiraten, damit der Frieden gesichert wurde. Würde er sie nun gehen lassen, ohne sich auch nur von ihr zu verabschieden? Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

     Sie musterte den Soldaten aufmerksam und mit wachsendem Misstrauen. Sein Gesicht kam ihr bekannt vor, aber sie hätte nicht zu sagen gewusst, wann und wo sie ihm schon einmal begegnet war. Eines allerdings war ihr klar: Sie musste vorsichtig sein.

     "Soll ich mitnehmen, was mir gehört?", erkundigte sie sich.

     "Nein, Patrick wird dafür sorgen, dass all Eure Besitztümer nach Rionallís geschickt werden."

     "Das ist auch eine Möglichkeit." Genevieve trat zu einer Truhe und nahm einen wollenen Umhang und ein kleines Messer heraus, das sie in den Falten des Stoffs versteckte. So unwahrscheinlich es ihr auch erschien, dass ihre Eltern draußen auf sie warteten, sie wollte nicht riskieren, das so lang erhoffte Treffen mit ihrem Vater und ihrer Mutter zu versäumen.

     "Gehen wir."

     Der Ire führte sie durch einen ihr bisher unbekannten Gang zu einer Tür, durch die sie in den Hof hinaustraten. Sie überquerten ihn und erreichten das Tor der inneren Mauer. Niemand wartete dort, um Genevieve hinaus zu ihren Eltern zu begleiten. Sie blieb stehen, endgültig überzeugt davon, dass der Bote nicht die Wahrheit gesprochen hatte. "Ich werde Laochre erst verlassen, nachdem ich mit Patrick gesprochen habe", erklärte sie.

     Plötzlich ging alles sehr schnell. Der Soldat ergriff ihr Handgelenk und zog sie mit sich fort. Sie umfasste mit der anderen Hand das Messer. Doch ehe sie es benutzen konnte, hatte der Mann es ihr entwunden. Und schon spürte Genevieve die Klinge an ihrem Hals.

     "Warum tut Ihr das?", fragte sie ihn entsetzt. "Ihr gehört doch zu MacEgans Leuten."

     "Ich habe keine Wahl", erwiderte er. "Sir Hugh hält meine Frau gefangen, und er wird sie nur freigeben, wenn ich Euch zu ihm bringe. Es wäre für alle am besten, wenn Ihr mir freiwillig folgen würdet. Ich möchte Euch nicht wehtun."

     Genevieves Gedanken überschlugen sich. "Woher wollt Ihr wissen", stieß sie hervor, "dass Sir Hugh sie nicht längst umgebracht hat? Ich kenne ihn. Ihm fehlt jede Güte. Wollt Ihr zum Verräter werden, obwohl Eure Frau wahrscheinlich schon tot ist?"

     Seine Miene war starr. "Ich werde herausfinden, ob sie noch lebt." Sein Blick wanderte zu einem Lederbeutel, den er am Gürtel trug.

     Hatte er sich von Hugh für seinen Verrat bezahlen lassen? Genevieve konnte es nicht glauben. Bisher hatte sie stets den Eindruck gewonnen, dass die Soldaten der MacEgans ihrem König treu ergeben waren. Und dann wurde ihr klar, warum ihr das Gesicht des Mannes so bekannt vorgekommen war. "Ihr seid Declans Vater", rief sie aus.

     Er lockerte seinen Griff. "Ja. Glücklicherweise ist mein Sohn jetzt bei seiner Tante und in Sicherheit."

     "Aber nur, weil ich ihm das Leben gerettet habe. Wisst Ihr nicht, dass ich ihn aus dem eisigen Wasser des Teichs gerettet habe? Bedeutet Euch das gar nichts?"

     Einen Moment lang senkte er den Kopf, als sei er beschämt. Doch als er aufschaute, trug er eine störrische Miene zur Schau. "Ohne Euch wären weder meine Frau noch mein Kind je in Gefahr geraten."

     Genevieve begriff, dass er nicht auf die Stimme der Vernunft hören würde. Er war verzweifelt und zögerte deshalb nicht, Zuflucht zu unvernünftigen Taten zu nehmen.

     Als sie sich dem äußeren Tor näherten und sie die Wachen sah, die dort postiert waren, schrie sie laut um Hilfe. Gleichzeitig entsann sie sich der Tricks, die Bevan ihr damals auf Ennisleigh gezeigt hatte. Sie trat einen Schritt zurück und versuchte, indem sie den Kopf nach hinten warf, mit dem Hinterkopf die Nase ihres Entführers zu treffen. Dieser aber war zu schnell. Statt ihn außer Gefecht zu setzen, verlor Genevieve beinahe das Gleichgewicht. Schon spürte sie das Messer wieder an ihrer Kehle.

     "Wenn ihr uns nicht vorbeilasst, töte ich sie", rief der Rothaarige den Torwächtern zu. Gleichzeitig fügte er ihr eine oberflächlich blutende Wunde zu. Die Wachen senkten daraufhin die Waffen und traten beiseite.

     Der Verräter, der Genevieve noch immer fest umklammert hielt, machte ein paar Schritte nach vorn. Dann war plötzlich ein seltsames Schwirren zu hören, gleich darauf war Genevieve frei. Verwirrt sah sie sich um. Ihr Entführer lag im Schnee, aus seiner Brust ragte der Schaft eines Pfeils.

     Jetzt erst bemerkte Genevieve die Reiter, die sich Laochre rasch näherten. An ihrer Spitze ritt niemand anderes als Bevan. Dem Himmel sei Dank! Ihre Erleichterung war so groß, dass sie beinahe auf die Knie gesunken wäre.

     Bevan brachte sein Pferd direkt vor ihr zum Stehen, schwang sich aus dem Sattel und schloss Genevieve, den Bogen achtlos fallen lassend, in die Arme. Sie schmiegte sich an ihn. Er roch nach Leder, und sie spürte, wie sein Bart ihre Gesichtshaut ein wenig zerkratzte.

     "Ihr seid verletzt." Mit den Fingerspitzen fuhr er vorsichtig über die Schnittwunde an ihrem Hals.

     "Es ist nichts", antwortete sie, erstaunt darüber, dass sie überhaupt in der Lage war, einige Worte zu sprechen. "Ich habe versucht, mich zu befreien."

     "Ja. Aber Euer Entführer hätte es nie geschafft, weit zu kommen. Seht!" Er drehte sie so, dass sie die äußere Mauer betrachten konnte, die Laochre schützte. Mehrere Bogenschützen standen dort bereit. Der Verräter hätte tatsächlich keine Chance gehabt, sie zu verschleppen, auch wenn Bevans Pfeil ihn nicht getroffen hätte.

     "Euer Vater ist hier", fuhr MacEgan fort. "Er hat Marstowe nach England zurückgeschickt. Euren ehemaligen Verlobten braucht Ihr also nicht mehr zu fürchten."

     Eine weitere Woge der Erleichterung überschwemmte sie. Sie fühlte sich mit einem Mal so leicht, dass ihr schwindelig wurde. Unwillkürlich klammerte sie sich an Bevans Schulter. Der jedoch löste ihre Finger und trat einen Schritt zurück. "Lasst Euren Vater nicht warten", sagte er.

     Auch der Earl war inzwischen vom Pferd gestiegen.

     "Vater!" Genevieve lief auf ihn zu, obwohl sie immer noch zitterig auf den Beinen war.

     Longford schloss sie in die Arme, und ein paar Sekunden lang standen sie da, ohne sich zu rühren. Dann schob der Earl seine Tochter ein wenig zurück und betrachtete sie aufmerksam. Obwohl der Bluterguss in ihrem Gesicht inzwischen kaum noch zu sehen war, bemerkte er ihn sofort. "Wer hat dir das angetan?"

     "Hugh", sagte sie rasch, als sie den zornigen Blick bemerkte, den ihr Vater Bevan zuwarf. "Er hat mich oft auf solche Art gestraft."

     "Hm … Dann hast du wohl nichts dagegen einzuwenden, dass ich ihn nach England zurückgeschickt habe?"

     Sie konnte nur nicken.

     "Du möchtest also lieber diesen Iren heiraten?"

     Genevieve warf Bevan einen unsicheren Blick zu, wartete auf ein Zeichen der Ermutigung, doch seine Miene blieb ausdruckslos. Und bisher hatte niemand ihr berichtet, was sich auf Tara zugetragen hatte. "Ich verstehe nicht …", murmelte sie.

     "König Henry und der irische Hochkönig haben einen Vorschlag gemacht, der deinem Leben eine neue Richtung geben könnte: Dein zukünftiger Gemahl – du kannst zwischen Marstowe und MacEgan wählen – soll Herr von Rionallís werden."

     Erneut musterte sie Bevans Gesicht. "Ihr habt Euch mit dieser Regelung einverstanden erklärt?"

     "Es ist die einzige Möglichkeit, wieder in den Besitz von Rionallís zu gelangen."

     Genevieve senkte den Kopf.

     "Du sollst wissen, mein Kind", ließ sich erneut ihr Vater vernehmen, "dass ich meine endgültige Zustimmung zu dieser Regelung noch nicht gegeben habe. Wir könnten nach England zurückkehren und ich könnte dort einen Ehemann für dich suchen."

     Sie schluckte. Bevan wollte sie nicht, ihm ging es nur um Rionallís. Aber wenn sie deshalb die Heirat mit ihm ablehnen würde, käme es erneut zum Kampf um den Besitz. Einige der Soldaten ihres Vaters würden sterben – und zweifellos auch einige von Bevans Leuten. Laut und deutlich erklärte sie: "Ich werde Bevan MacEgan heiraten."

     "Wir sollten das Gespräch im Warmen fortsetzen", bemerkte nun dieser. "Kommt, Mylord, mein Bruder wartet schon darauf, Euch und Eure Männer auf Laochre willkommen zu heißen."

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