Und plötzlich ist es Leidenschaft - 10. Kapitel

10. Kapitel

Lyndsey betrat vorsichtig das Gebäude in der Harper View Road. Anders als die anderen Fabrikgebäude in der Straße hatte dieses eine solide graue Tür, die allerdings wenig einladend wirkte. Drinnen erhellten kalte Leuchtstoffröhren die große Halle. Sie konnte die Schritte der Angestellten hören, die zwischen Reihen von Tischen mit hellen Arbeitsplatten und Regalen voller Stoffen umherliefen. In der Entfernung waren Stimmen zu hören. Doch zu sehen war allein ein Mann, der ein paar Tische weiter hinten einige Skizzen durchsah.

    "Hallo?", wagte Lyndsey sich vor.

    Der Mann sah hoch und strich seine langen grauen Haare aus der Stirn. "Ja?"

    Sie ging einige Schritte auf ihn zu. "Ich bin auf der Suche nach Rupert Cowan."

    Der Mann richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er trug eine schwarze Hose und einen schwarzen Rollkragenpulli. "Sie haben ihn gefunden."

    Lyndsey wurde vor Aufregung nervös. "Oh, gut."

    "Womit kann ich Ihnen behilflich sein?"

    Sie streckte ihm die Hand hin. "Ich bin Lyndsey Wainsbrook."

    Zurückhaltend schüttelte er ihr die Hand. "Nett, Sie kennenzulernen, Lyndsey."

    "Ich habe mich gefragt …", sie sah sich um und schluckte, weil sie einen trockenen Hals hatte, "… können wir hier irgendwo ungestört reden?"

    "Worüber?"

    "Es ist eine persönliche Angelegenheit." Sie bekam feuchte Hände und war froh, dass sie ihm schon die Hand geschüttelt hatte.

    "Suchen Sie einen Job?"

    Lyndsey schüttelte den Kopf. "Es geht um …, es wäre mir lieber, wenn wir uns irgendwo hinsetzen könnten."

    Rupert sah auf seine Armbanduhr. "Nun, ich bin ein bisschen …"

    "Bitte."

    Er zögerte. "Wir können im Lokal nebenan einen Kaffee trinken."

    Sie nickte. "Perfekt."

    "Patrice?", rief Rupert über die Schulter nach hinten.

    "Ja?", antwortete eine schroffe Frauenstimme.

    "Ich bin kurz weg. Wenn die Agentur anruft, sag, dass wir alle zehn Mädchen am Sonntag hier für die Anprobe brauchen."

    "Okay", rief die Frau.

    Rupert deutete auf die Tür, und Lyndsey lächelte ihn unsicher an. Sie gingen nach draußen und betraten ein kleines Café um die Ecke, das eine breite Glasfront hatte. "Milchkaffee, Latte macchiato?", fragte er.

    "Lassen Sie mich das übernehmen." Lyndsey nahm ihre Brieftasche heraus.

    "Eine Tasse Kaffee mit zwei Stück Zucker und viel Milchschaum", wandte sich Rupert an die Bedienung.

    "Für mich den Kaffee bitte schwarz", sagte Lyndsey, während sie einige Dollarscheine zückte.

    Sie setzten sich an einen Ecktisch mit einer Tischdecke aus Plastik. Das Brummen der Kaffeemaschine erfüllte den Raum.

    "Können wir das Geheimnis jetzt lüften?", fragte Rupert.

    Lyndsey atmete tief durch, machte ihre Handtasche auf und holte das Foto von der Imitation der Brosche heraus. "Erkennen Sie die wieder?"

    Rupert nahm das Foto und lehnte sich zurück. "Sie müssen eine von den Ericksons sein."

    Er weiß von den Ericksons?, fragte Lyndsey sich völlig verblüfft. Doch sie versuchte sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. "Also kennen Sie die Brosche?" Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er die Geschichte kannte. Wusste er von Grandma? Von seinem Vater? Von der Erpressung seiner Mutter?

    "Die Brosche ist ein Erbstück." Rupert legte das Foto auf den Tisch. "Meine Mutter hatte mich gewarnt, dass Sie eines Tages kommen würden, um nach ihr zu suchen."

    Wenn er von den Ericksons wusste, weshalb hat er sich dann nie gemeldet?, wunderte sich Lyndsey. "Was genau hat Ihnen Ihre Mutter erzählt?"

    Er strich über sein Kinn. "Wissen Sie, Sie entsprechen überhaupt nicht meinen Erwartungen."

    "Wen haben Sie denn erwartet?"

    Die Bedienung stellte die Kaffeetassen vor sie hin, und Rupert zuckte die Achseln. "Jemand, der ein bisschen weniger Klasse hat."

    "Ich bin keine Erickson."

    "Ah."

    Lyndsey verübelte ihm seinen Ton. Cole hatte in seinem Anzug verdammt exklusiv ausgesehen. "Ich bin eine … Freundin der Familie", erklärte sie. Sie würde das Museum besser nicht erwähnen. Wenn er davon ausging, dass sich ein Museum für die Brosche interessierte, würde er den Preis wahrscheinlich erhöhen.

    "Und Sie wollen die Brosche?"

    Sie nickte. "Ich werde sie Ihnen gut bezahlen."

    Rupert schüttelte den Kopf. "Der Blitz des Nordens steht nicht zum Verkauf."

    Verdammt, er ist sentimental, dachte sie und setzte ein Pokerface auf. "Sie wissen ja nicht, was ich Ihnen dafür biete."

    Er lehnte sich vor. "Sie ist im Moment ziemlich wertvoll für mich."

    "Aus sentimentalen Gründen?"

    Er lachte trocken. "Sentimental? Ich? Wegen denen?"

    "Warum dann?"

    "Haben Sie jemals von der Thunder-Frauenkollektion gehört?"

    Lyndsey schüttelte den Kopf.

    "Keine Sorge. Das werden Sie noch. Wir haben letzte Saison in Miami ein ziemliches Aufsehen erregt, und wir werden unsere Mode in zehn Tagen in Mailand präsentieren", erzählte Rupert.

    "Ich verstehe nicht ganz."

    "Nun, diese dumme, kleine Brosche, die meine Mutter so vergöttert hat, steht im Mittelpunkt meiner neuen Modelinie – die leuchtenden, gewagten Farben, die anmutige Linienführung, der edle Touch. Wir haben eine Abbildung der Brosche auf die Stoffe sticken lassen, und mein jeweils letztes Model trägt die richtige Brosche bei jeder Modenschau."

    "Eine Modelinie?"

    Er nickte. "Jahrelang konnte ich mich in der Modebranche nicht wirklich durchsetzen. Und dann habe ich eines Abends auf der Suche nach Manschettenknöpfen meine Schubladen durchwühlt, und dabei ist mir die Brosche in die Hände gefallen."

    Bei der Suche nach Manschettenknöpfen? Der Mann hat den Blitz des Nordens in der Schublade seiner Wäschekommode liegen? Lyndsey befürchtete, hier und jetzt eine Herzattacke zu erleiden.

    Rupert zupfte einen Fussel von seinem Ärmel. "Sehen Sie, die Brosche hat keinen sentimentalen, sondern einen geschäftlichen Wert für mich."

    Lyndsey nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und dachte über eine neue Taktik nach. Sie könnte mit einem lukrativen Angebot aufwarten – Grandma hatte dafür eine Summe bereitgestellt. Aber ihr Instinkt sagte ihr, dass es noch zu früh war, um über Geld zu reden. "Hat Ihnen Ihre Mutter jemals gesagt, wie sie an die Brosche gekommen ist?"

    Rupert lächelte abfällig. "Ein Geschenk von dem lieben, alten Dad. Ich nahm an, dass es Schweigegeld war."

    "Haben Sie deshalb nie Kontakt zu den Ericksons aufgenommen?"

    Er lachte. "Ich bin einfach davon ausgegangen, dass diese Cowboys nicht mehr an mir interessiert sind als ich an ihnen."

    Lyndsey nickte. Wenn Rupert nichts mit der Familie zu tun haben wollte, war es umso besser. Sie wählte ihre Worte sorgfältig. "Sie haben wahrscheinlich vermutet, dass die Brosche einen sentimentalen Wert für die Familie hat."

    Er trank einen Schluck Kaffee. "Das ist wohl der Grund, warum man Sie zu mir geschickt hat."

    Wieder nickte sie. "Ich bin in der Lage, Ihnen hunderttausend Dollar dafür zu geben."

    Rupert zeigte keinerlei Reaktion.

    Lyndsey fluchte insgeheim. Vielleicht hat er die Brosche schätzen lassen.

    Völlig unerwartet wurde der Stuhl neben ihr zurückgeschoben. "Welche Summe Sie Ihnen auch immer geboten hat", sagte Bradley Slander und setzte sich neben Lyndsey. "Ich werde sie verdoppeln."

    Sie hatte das Gefühl, als hätte sie einen Schlag in die Magengrube bekommen. "Wie bist du …?"

    "Ich bitte dich. James Bond machst du ja nicht gerade Konkurrenz." Slander griff einfach nach Lyndseys Kaffeetasse und genehmigte sich einen Schluck. "Ich nehme an, dass wir jetzt dazu übergehen, Nägel mit Köpfen zu machen."

    "Wer sind Sie?", fragte Rupert.

    Slander streckte ihm die Hand hin. "Bradley Slander. Ich handele mit Antiquitäten. Wenn sie Ihnen ein weiteres Angebot macht, werde ich auch das überbieten." Herausfordernd nahm er noch einen Schluck aus Lyndseys Tasse und sah sie kalt an.

    Der Mann hat keine Seele, dachte Lyndsey. Grandma konnte durch einen Kredit dreihunderttausend Dollar für die Brosche zur Verfügung stellen. Diese Summe würde Slander wahrscheinlich leicht überbieten können. Selbst wenn sie auch noch ihre eigenen Ersparnisse investierte, hatte sie gegen ihn keine Chance.

    "So spannend das alles ist", Rupert erhob sich, "und so gern ich eine solch hohe Summe auf meinem Bankkonto sehen würde – der Blitz des Nordens steht nicht zum Verkauf."

    "Aber …"

    Er sah sie an. "Sorry, Lyndsey."

    "Vierhunderttausend Dollar", sagte Slander.

    Rupert zögerte.

    Lyndsey schluckte. Sollte sie mithalten? Das würde sie ihre ganzen Ersparnisse kosten.

    "Tut mir leid", meinte Rupert und wandte sich zum Gehen.

    Lyndsey sprang auf. Sie konnte Rupert einfach nicht gehen lassen, ohne einen Deal mit ihm zu machen. Slander würde nicht aufgeben. Er würde sich von seinen Auftraggebern eine noch höhere Summe zusichern lassen und Rupert schließlich weich kochen. Dann würde Grandma ihre Brosche nie wiedersehen.

    "Wirklich Rupert …", fing sie an und versuchte, nicht nach Luft zu schnappen. "Es ist ein Familienerbstück."

    Er schüttelte den Kopf. "Darauf pfeife ich aus nachvollziehbaren Gründen."

    Sollte sie ihm die Wahrheit sagen? Dass seine Mutter eine Erpresserin war? Sollte sie die Karten auf den Tisch legen und Grandma verraten? Ihr Herz klopfte heftig. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken.

    Rupert machte sich auf den Weg zur Tür.

    "Warten Sie!", rief sie mit heiserer Stimme.

    Er drehte sich zu ihr um. "Ich brauche die Brosche in Mailand, Lyndsey. Und darüber hinaus."

    Die Fälschung! Die Idee kam ihr plötzlich in den Sinn. "Ich kann sie Ihnen ersetzen. Ich habe eine Kopie der Brosche." Sie folgte ihm.

    Rupert sah sie skeptisch an.

    "Eine sehr gute Kopie", versicherte Lyndsey ihm. "Mit makellosen Diamanten und Rubinen. Auf diese Weise können Sie das Geld und die Brosche haben."

    "Eine halbe Million", mischte sich Slander ein.

    "Ich müsste mir die Imitation ansehen", sagte Rupert zu Lyndsey.

    "Ich werde sie Ihnen heute Nachmittag zeigen können."

    Slander stand verärgert auf. "Für eine halbe Million können Sie zwei Imitationen anfertigen lassen. Und noch so einiges mehr."

    "Innerhalb einer Woche?" Rupert hob geringschätzig eine Augenbraue. Als Slander schwieg, wandte er sich an Lyndsey. "Ich werde mir die Brosche ansehen. Aber sie muss perfekt sein."

    "Das ist sie", sagte Lyndsey.

    Er zögerte einen Moment, bevor er nickte. "Hier. Um zwei Uhr. Und jetzt habe ich eine Konferenzschaltung."

    Sobald er gegangen war, griff Lyndsey nach ihrem Handy. Slander holte seines ebenfalls hervor und verließ das Café. Zweifellos würde er sich das Okay für eine noch höhere Summe holen. Lyndsey wählte eilig Grandmas Nummer.

Um zwei Uhr sah Cole ein, dass er den Tatsachen ins Auge sehen musste. Er war hereingelegt worden. Lyndsey kam nicht zurück. Die Spur, die sie nach Miami geführt hatte, musste verdammt gut gewesen sein. Offensichtlich hatte sie entschieden, dass sie ihn nicht mehr brauchte. Sie hatte ihn ohne jegliche Gewissensbisse abserviert. Vielleicht hatte sie vor, den Blitz des Nordens auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Vielleicht war ihr dieser Coup es wert, dafür ihre Karriere aufzugeben. Vielleicht arbeitete sie ja auch überhaupt nicht für das Laurent Museum und hatte ihm von Anfang an nur Lügen aufgetischt, um ihn auszunehmen.

    Cole ging zum Papierkorb und holte den zusammengeknüllten Zettel mit der Adresse wieder heraus. Harper View Road. Keine Erklärung der Welt würde Lyndsey dieses Mal aus dieser Geschichte heraushelfen können.

Einer von Joseph Neelys Angestellten lieferte die Imitation der Brosche persönlich bei Lyndsey am Flughafen ab. Innerhalb kürzester Zeit war sie zurück im Café. Dort nahm Rupert zu ihrer Überraschung eine Juwelierlupe zur Hand und begann, die Brosche zu begutachten.

    Slander saß neben Lyndsey und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch. "Fünfhundertfünfzigtausend", bot er an, und sie wusste, dass sich seine Profitmarge bei dem Geschäft stetig verringerte. Nun ging es ihm wohl hauptsächlich um seinen Stolz.

    "Vierhunderttausend und die Kopie", bot Lyndsey.

    Nach fürchterlichen fünfzehn Minuten, die Lyndsey wie eine Ewigkeit vorkamen, steckte Rupert die Lupe wieder in seine Jackentasche, schloss die Schatulle mit der Kopie der Brosche und sah Lyndsey an. "Vierhunderttausend."

    "Ein Scheck?", fragte sie aufgeregt.

    Slander fluchte, aber Rupert brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

    "Ja, ein Scheck ist okay", sagte Rupert und nahm einige Papiere aus seiner Brusttasche. "Und Sie können hier den Kaufvertrag unterschreiben." Dann holte er ein altes Schmuckkästchen hervor und reichte es Lyndsey.

    Sie bat ihn um seine Lupe und überprüfte zuerst die Edelsteine und dann die Fassung. Eine tiefe Befriedigung erfüllte sie. Der Blitz des Nordens würde heimkehren. Sie gab Rupert zwei Umschläge. In dem einen war der Scheck über Grandmas dreihunderttausend Dollar und in dem anderen ein Scheck über einhunderttausend Dollar – Lyndseys sämtliche Ersparnisse.

    Rupert reichte ihr einen Füller, und Slander schlug mit der Faust auf den Tisch. Überraschend schnell wickelten Lyndsey und Rupert das Geschäft ab.

    "Brauchen Sie eine Begleitung bis zum Taxi?", fragte Rupert und deutete mit dem Kopf auf Slander.

    Lyndsey, die den Moment genoss, lachte leise. Sie freute sich für Grandma und konnte es kaum erwarten, Cole alles zu erzählen. "Nein. Ich denke nicht, dass er mich überfallen wird."

    "Es war interessant, Sie kennenzulernen, Lyndsey", sagte Rupert. Er ignorierte Slander und ging.

    Lyndsey schloss sorgfältig ihre Handtasche und klemmte sie sich unter den Arm.

    "Mach nicht so ein selbstgefälliges Gesicht", sagte Bradley Slander zu ihr.

    "Das tue ich nicht. Ich freue mich nur für die Familie Erickson", erwiderte sie, wobei sie zur Tür gingen. Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, warf sie ihm über die Schulter noch einmal einen Blick zu. "Es war nett, mit dir Geschäfte gemacht zu haben, Slander." Dann drehte sie sich um und lief direkt in Cole hinein.

    Er packte sie an den Unterarmen und hielt sie von sich weg. "Du verlogenes, betrügerisches, kleines …"

    "Cole!" Er war wieder wie ein Cowboy gekleidet und trug Jeans, ein Jeanshemd, Stiefel, deren Absätze ihn noch etwas größer machten, und wirkte geradezu gefährlich.

    Cole sah an Lyndsey vorbei und starrte Bradley Slander wütend an. "Du sagtest doch, dass du dir eher die Pulsadern aufschneiden würdest, als mit ihm Geschäfte zu machen. Offenbar hast du deine Meinung diesbezüglich geändert."

    Verdammt, dachte Lyndsey, und der Magen drehte sich ihr um. Sie musste es Cole erklären. "Es ist nicht …"

    Cole brachte sie mit einem eiskalten Blick zum Schweigen. "Gib dir keine Mühe."

    "Aber …"

    "Glaubst du tatsächlich, dass ich mir auch nur einen Ton von dem anhören werde, was du jetzt von dir gibst?"

    Vorsichtig machte Slander eine Bewegung.

    "Gehen Sie weiter", schnauzte Cole ihn an und stellte sich zwischen Lyndsey und ihn.

    Slander zögerte eine Sekunde, hob dann die Hände und trat einen Schritt zurück. "He. Das hat nichts mit mir zu tun. Ich habe einen größeren Fisch an der Angel." Er drehte sich um und verschwand.

    "Gib sie mir", verlangte Cole mit kalter Stimme.

    "Du musst mich das erklären lassen", flehte Lyndsey ihn an und zermarterte sich das Hirn, wie sie ihm die Situation plausibel machen konnte, ohne Grandmas Geheimnis zu verraten.

    "Erklären?" Er lachte höhnisch. "Erklären, dass du mich in einem Hotelzimmer hast sitzen lassen, um den Blitz des Nordens für dich zu ergattern?"

    "Sie ist nicht für …"

    "Du hast mich von Anfang an für dumm verkauft."

    "Wirst du mich jetzt anhören?" Was konnte sie sagen? Was würde Sinn machen? Wenn nur Slander nicht aufgetaucht wäre. Wenn Cole nur im Hotel geblieben wäre.

    Er winkte ab. "Ich kann dir regelrecht ansehen, dass du dir Lügen ausdenkst."

    "Ich denke mir keine …" Okay, das tue ich tatsächlich, dachte Lyndsey.

    Cole schüttelte den Kopf. "Soweit es mich betrifft, ist jedes Wort, das aus deinem hübschen Mund kommt, eine Lüge."

    "Ich habe dich nie belogen."

    "Ja? Dann habe ich vermutlich nicht aufgepasst, als du gesagt hast: Cole, ich habe eine heiße Spur. Ich weiß, wer die Brosche hat. Wir können sie zurückkaufen."

    "So einfach liegt die Sache nun mal nicht."

    Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie distanziert. "Exakt so einfach ist das. Jetzt gib mir die Brosche, bevor ich die Polizei rufe."

    "Du würdest mich verhaften lassen?"

    "Du hast es erfasst."

    "Aber …" Was konnte sie sagen? Wie konnte sie es Cole erklären, ohne Grandma zu verraten?

    "Wirst du mir eine weitere angeblich logische Geschichte auftischen, Lyndsey? Darauf werde ich nicht noch einmal hereinfallen. Gib mir endlich die Brosche."

    Sie ließ resigniert die Schultern hängen. Es war egal, was sie sagte oder tat. "Du denkst, du hast mich überführt, und hast mich bereits verurteilt, nicht wahr?"

    "Ich mag ein bisschen schwer von Begriff sein, aber ich halte mich nicht für einen totalen Idioten."

    Lyndsey unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Zumindest würde Grandma die Brosche bekommen, und Cole würde sein Erbe erhalten. Sie zog den Reißverschluss ihrer Handtasche auf. Vielleicht würde er eines Tages heiraten. Vielleicht würde eine schöne Braut ihm schöne Kinder schenken und er würde die Familientraditionen an seine Kinder weitergeben. Darüber sollte sie glücklich sein. Doch sie fühlte sich nur müde und ausgelaugt, als sie das Schmuckkästchen aus der Tasche holte.

    "Ist das der richtige Blitz des Nordens?", fragte er drohend.

    Sie funkelte ihn nur wütend an.

    "Falls nicht, wirst du mich kennenlernen." Cole öffnete das Schmuckkästchen.

    Es war unter Lyndseys Würde, auf seine Unterstellung einzugehen. "Sag Grandma, dass es mir leid tut."

    "Das glaube ich dir nicht", erwiderte er unerbittlich.

    Lyndsey zuckte zusammen. Sie hatte den Blitz des Nordens verloren. Und sie hatte Cole verloren. Sie sah ihn forschend an, aber in seinem Gesicht war keine Spur von Mitgefühl und kein versöhnlicher Zug zu erkennen. Alles, was sie jetzt noch sagen würde, wäre pure Zeitverschwendung. Sie blinzelte und drehte sich um. Dann trat sie an die Straße und winkte ein Taxi heran.

    Cole hielt sie nicht auf, und sie warf keinen Blick zurück.

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