Und plötzlich ist es Leidenschaft - 12. und letztes Kapitel

12. Kapitel

Zwei Wochen später war das Museum bestens auf die Wikinger-Ausstellung vorbereitet, Lyndseys Brautkleid war ausgewählt, und Grandma hatte die Brosche glücklich an dessen Oberteil befestigt.

    Am Tag der Hochzeit kamen Lyndsey dann doch Zweifel, aber sie hatte Coles Antrag angenommen, und nun gab es kein Zurück mehr.

    In der brandneuen Heuscheune in der Nähe von Coles Blockhaus waren alle Augen auf die Braut und den Bräutigam gerichtet. Als die Band zum Hochzeitswalzer aufspielte, zog Cole Lyndsey in seine Arme. Sie tanzten so harmonisch miteinander, wie sie sich geliebt hatten. Lyndsey hätte schwören können, dass sogar ihre Herzen im Gleichtakt schlugen.

    "Entspann dich", flüsterte Cole ihr zu.

    "Ich versuche es."

    "Denk an den Blitz des Nordens", riet er ihr. "Du wirst berühmt werden."

    "Dann werde ich bei den Leuten richtig gut ankommen." Sie zwang sich zu einem Lachen und musste gleichzeitig gegen Tränen ankämpfen.

    Cole strich ihr über den Rücken.

    Für Lyndsey entbehrte es nicht einer gewissen Ironie, dass der Mann, der ihr das Herz brach, sie auch tröstete. Unbewusst rückte sie näher an ihn heran. Sie spürte die Wärme seines Körpers, und sein Duft versetzte sie zurück in die Zeit, die sie zusammen in dem winzigen Schlafzimmer in seiner Blockhütte verbracht hatten.

    Cole nahm Lyndsey fester in die Arme, als der Sänger ein romantisches Liebeslied von Shania Twain anstimmte. "Schwelgst du in Erinnerungen?", fragte er wispernd.

    "Nein", log sie.

    "Ich schon", hauchte er ihr ins Ohr.

    "Bitte nicht." Diese Erinnerungen brachten Lyndsey fast um.

    "Ganz egal, was geschehen ist. Ganz egal, was ich gesagt und getan habe und wahrscheinlich nie wieder gutmachen kann – du hast meine Welt aus den Angeln gehoben. Ich will, dass du das weißt."

    "Cole", stöhnte sie.

    "Mein ganzes Leben lang werde ich dich vor Augen haben, wie du mit zerzausten Haaren und erdbeerrotem Mund in diesem großen Hotelbett gelegen hast. Wie du meine Geheimnisse mit mir geteilt und dabei immer meine Familie im Blick gehabt hast."

    "Bitte, hör auf."

    "Es tut mir so leid, Lyndsey."

    Sie schüttelte den Kopf. "Du kannst nichts dafür."

    Er zog sie noch fester an sich. "Du kannst ganz sicher nichts dafür."

    "Vielleicht waren wir es beide."

    "Vielleicht waren es die Umstände."

    Lyndsey wagte es, Cole in die Augen zu sehen. "Spielt das wirklich noch eine Rolle?" Es war vorbei. Sie hatten ohnehin nie eine wirkliche Chance gehabt. Er war wegen der Brosche ihr Ticket zu beruflichem Erfolg, nichts weiter. Dass er außerdem noch ein fantastischer Liebhaber war, hatte alles durcheinander gebracht. Dass sie ihn hatte belügen müssen, hatte alles kaputt gemacht. Aber selbst ohne die Lügen und auch wenn sie nicht miteinander ins Bett gegangen wären – eine Ehe vorzutäuschen, um die Bestimmungen eines Testaments zu erfüllen, war das Beste gewesen, was sie sich hatte erhoffen können.

    Cole seufzte. "Ich hasse es, die Dinge zwischen uns so ungeklärt zu lassen."

    "Wir haben alles geklärt." Sie log immer besser.

    "Nein, haben wir nicht."

    "Was muss denn noch geklärt werden, Cole? Willst du hören, dass es mir leid tut, dich belogen zu haben?"

    "Nein." Er lehnte sich zurück und umfasste ihr Gesicht. "Das habe ich nicht gemeint."

    Zu Lyndseys Überraschung küsste er sie lange und gefühlvoll. Es war lächerlich, dass sie sich wieder Hoffnungen machte, als in dem Lied, das gerade gespielt wurde, die ewige Liebe beschworen wurde. Sie beendete den Kuss, weil sie Angst hatte, sonst etwas Verrücktes zu tun.

    "Hier sind zweihundert Leute, die uns beobachten."

    "Die können sich glücklich schätzen."

    "Cole."

    "Sag mir einfach, dass du mir verzeihst."

    "Was denn?"

    Er sah ihr in die Augen, während die Band den letzten Ton spielte. Dann fingen die Leute begeistert an zu klatschen.

    Kyle tauchte neben ihnen auf. "Ich glaube, jetzt ist der Trauzeuge an der Reihe."

Cole holte sich an der Bar, die in der Ecke der Scheune eingerichtet worden war, ein kaltes Bier. Lyndsey musste ihm verzeihen, dass er sie beleidigt und ihr damit gedroht hatte, sie verhaften zu lassen. Und sie musste ihm verzeihen, dass er nicht realisiert hatte, der wundervollsten Frau der Welt begegnet zu sein. Er selbst hatte sich dieses alberne Liebeslied gewünscht und gehofft, sie würde wie durch ein Wunder erahnen, was er ihr damit sagen wollte. Doch das war nicht passiert.

    Er nahm kurz die Glückwünsche eines Nachbarn entgegen, wich einem Gespräch aber aus. Da er Lyndsey nach diesem Abend vielleicht lange nicht mehr sehen würde, wollte er lieber in Ruhe gelassen werden, um sie beim Tanzen beobachten zu können. Als das Musikstück zu Ende war, unterdrückte er den Impuls, zurück an ihre Seite zu eilen.

    Er beobachtete, wie Lyndsey sich umsah und dann anmutig die Tanzfläche verließ. Einige seiner Nachbarn und auch Kollegen von ihr hielten sie immer wieder auf, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

    Als dann ein Mann vor ihr Position bezog, war Cole plötzlich hellwach. Zwar erkannte er ihn von hinten nicht, aber ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Also schlenderte er zu den beiden hinüber und realisierte auf halber Strecke, dass es sich um Bradley Slander handelte. Er fluchte leise und bahnte sich eilig seinen Weg an den Gästen vorbei. Er konnte immer noch nicht sehen, was Lyndsey für ein Gesicht machte, aber Slander bedrängte sie geradezu.

    "Ich frage mich, wie man sich fühlt, wenn man sich wegen einer Antiquität zur Hure macht", hörte Cole Slander mit einem bösartigen Unterton sagen, als er herankam. Er sah, wie Lyndsey zurückschreckte.

    Cole kochte vor Wut. Er lief die letzten Schritte auf Slander zu, schnappte den Mann am Kragen und stieß ihn gegen die Wand. Dort hielt er ihn fest und drückte ihm mit dem Unterarm die Luft ab, bis Slanders Gesicht rot anlief.

    "Ich weiß nicht, wie man so etwas in New York regelt", schnauzte Cole ihn an. "Aber hier in Texas haben Sie zwei Möglichkeiten. Sie können sich bei meiner Frau entschuldigen und dann schleunigst von meinem Land verschwinden, oder ich kann Ihnen mit meinen Fäusten Benehmen beibringen."

    Slander bewegte den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.

    "Cole", erklang Kyles warnende Stimme.

    Am liebsten hätte Cole Slander die Nase gebrochen, aber er hatte schon zu viel Zeit mit dem Mann verschwendet und musste sich überzeugen, dass Lyndsey in Ordnung war. Er ließ Slander los, der auf den Boden sank. Dann drehte er sich um, um nach seiner Frau zu sehen.

    Lyndsey wirkte völlig erstarrt. Einige Leute wollten sie in ein Gespräch verwickeln, aber sie war zu geschockt.

    Cole ging zu ihr, legte den Arm um sie und entfernte sich mit ihr von den neugierigen Gästen. Sie zitterte. Zum Glück hatte die Band den Zwischenfall nicht mitbekommen und machte weiter Musik. Er führte Lyndsey auf die Tanzfläche und zog sie in seine Arme.

    Sie starrte zur Tür hinüber, wo Kyle in diesem Moment Slander hinausbegleitete. Schnell machte Cole mit ihr eine Drehung, so dass sie nicht hinsehen musste.

    "Er …" Ihre Stimme bebte.

    "Er wird dir eine Entschuldigung zukommen lassen", sagte Cole. Lyndsey hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt, und er spürte, dass sie nickte. Ihr Körper fühlte sich steif an, so verkrampft war sie. "Es ist okay", wisperte er ihr zu und strich ihr beruhigend über den Rücken. "Entspann dich. Es ist vorbei. Tanz einfach mit mir."

    Sie schüttelte den Kopf. "Er hat nur ausgesprochen, was alle denken."

    "Nein, das hat er nicht."

    "Alle denken, dass ich dich nur wegen der Brosche geheiratet habe."

    "Alle denken, dass du eine schöne Braut bist."

    "Alle fragen sich, warum du mich heiratest. Sie halten mich für geldgierig", meinte Lyndsey.

    "Nein, das tun sie nicht."

    "Genau das hat auch Katie gedacht."

    Cole legte den Finger unter ihr Kinn und hob es an. "Vielleicht für eine kurze Zeit. Aber dann hat sie dich kennengelernt. Sie weiß, dass du nicht geldgierig bist."

    "Aber ich bin hinter der Brosche her."

    Lyndsey klang sehr bedrückt, was Cole ans Herz ging.

    "Wir beide kennen die Wahrheit. Das ist alles, was zählt."

    Erneut schüttelte Lyndsey den Kopf.

    Er küsste sie sanft auf das Haar. "Hör auf. Hör einfach auf damit."

    Sie sah ihn an. In ihren Augen standen Tränen. "Du kennst die Wahrheit nicht, Cole."

    Oh nein, dachte er.

    "Die Wahrheit ist, dass ich dich nicht wegen der Brosche geheiratet habe."

    Angst stieg in Cole auf. Noch eine Täuschung könnte er nicht ertragen. Nicht hier und nicht jetzt.

    Lyndsey atmete tief durch. "Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebe."

    Er schüttelte leicht den Kopf, denn er konnte nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte. "Sag das noch einmal", flüsterte er heiser.

    "Ich liebe dich, Cole."

    "Oh, Lyndsey. Ich liebe dich schon …" Er strich zärtlich über ihr Haar und wunderte sich, dass sein Traum tatsächlich wahr geworden war. "Schon immer, denke ich."

    "Wirklich?"

    Cole küsste sie auf die Schläfe. "Ja."

    Sie seufzte weich und schien in seinen Armen förmlich dahinzuschmelzen. "Oh, Cole."

    "Ich weiß."

    "Wir sind verheiratet, und mein Eheversprechen war aufrichtig gemeint."

    "Auch ich will dich lieben und ehren", erwiderte er im Flüsterton.

    "Bis dass der Tod uns scheidet." Lyndsey nahm seine Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen.

    "Bis dass der Tod uns scheidet." Cole zog sie fester an sich. "Ich denke, wir werden dieses Haus jetzt bauen." Er drückte zärtliche Küsse auf ihrer Wange.

    "Mit einem Eckturm und Erkerfenstern." Lyndsey seufzte. "Und einer Frühstückstheke."

    Er lachte leise. "Da ich nun ein Familienpatriarch werde, brauche ich wohl ein großes Haus."

    "Wirst du dann auch Verfügungen erlassen?"

    "Darauf kannst du wetten. Schon heute Abend werde ich damit anfangen."

    "Kyle wird das Land nie annehmen." Lyndsey ahnte, was Cole im Sinn hatte.

    "Das weiß ich." Er lächelte leise, denn er hatte sich etwas einfallen lassen. "Ich werde es seinen Kindern vermachen."

    "Du bist hinterhältig."

    "Ja. Aber du liebst mich trotzdem, richtig?"

    "Ich liebe dich."

    "Sag es noch einmal."

    Lyndsey nahm sein Gesicht in ihre Hände. "Ich liebe dich, Cole Erickson."

    Er seufzte. Das könnte ich die ganze Nacht lang hören, dachte er.

    "Gibt es etwas, das du mir sagen willst?", ermunterte sie ihn.

    Cole küsste sie auf den Mund. "Ich liebe dich, Lyndsey … Erickson. Wir haben noch nicht darüber gesprochen, welchen Nachnamen du nun tragen wirst." Er würde jedenfalls nicht darauf bestehen, dass sie seinen annahm.

    "Lyndsey Erickson." Lyndsey lächelte. "Ich denke, das gefällt mir."

    Cole erwiderte ihr Lächeln und küsste sie erneut. Jetzt würden sie richtige Flitterwochen verbringen können. Wohin sie reisten, wollte er seine Frau entscheiden lassen.

    "Wer war dieser Mann?", fragte Katie Lyndsey, als sie und Kyle neben ihnen tanzten.

    "Ein Aasgeier in Sachen Antiquitäten", antwortete Lyndsey, und Cole war stolz, dass sie sich so schnell von dem Vorfall erholt hatte.

    "Er wird nie mehr hier auftauchen", sagte Kyle.

    Cole nickte ihm dankbar zu.

    "Ich dachte, ihr beide würdet gern erfahren, dass eure Hochzeit funktioniert hat." Katie lächelte strahlend.

    "Ja, das hat sie", sagte Cole, obwohl ihm nicht klar war, wie Katie das schon wissen konnte.

    "Es sieht ganz nach April aus", meinte Katie.

    Lyndsey schnappte vor Überraschung nach Luft und umarmte ihre Schwägerin dann freudestrahlend.

    "Was ist los?", fragte Cole.

    "Ein neuer kleiner Erickson ist unterwegs." Kyle lächelte selig.

    Cole klopfte seinem Bruder begeistert auf die Schulter. "Das ist fantastisch! Glückwunsch, kleiner Bruder."

    "Danke."

    "Können wir nun darüber reden, das Land aufzuteilen?"

    "Nein", sagte Kyle.

    Cole schüttelte den Kopf und lächelte. "In diesem Punkt werde ich mich schon noch durchsetzen."

    Als jemand die Hand auf seinen Arm legte, drehte er sich verwundert um. "Hallo, Grandma. Genießt du die Hochzeit?" Er zog Lyndsey wieder in seine Arme.

    "Du weißt, dass ich das tue", sagte Grandma. "Und ich habe etwas für Lyndsey." Sie zwinkerte geheimnisvoll. "Kommt bitte beide mit mir. Hier entlang."

    Cole und Lyndsey folgten ihr Hand in Hand in den hinteren Teil der Scheune, wo das Licht gedämpft war. Auf dem Weg dorthin lächelte Cole Lyndsey immer wieder verliebt an. Er konnte es kaum erwarten, mit ihr allein zu sein. Aber es machte ihm auch Spaß, sich mit ihr zu zeigen, seiner Ehefrau. Und heute war der erste von unzähligen Abenden, die sie in Zukunft zusammen verbringen würden. Also konnte er warten. Er nahm ihre Hand und küsste sie. Er würde jede Stunde genießen, die er mit dieser Frau zusammen sein durfte.

    Grandma blieb vor einem Tisch stehen und zog etwas aus einer Papiertüte. Dann drehte sie sich mit ernstem Gesicht zu Lyndsey um. "Lyndsey Erickson, es ist mir eine Ehre, dir die Chronik unseres berühmten Familienerbstücks zu präsentieren." Sie reichte Lyndsey ein großes Buch mit Ledereinband.

    Lyndsey nahm das schwere Buch mit großen Augen entgegen.

    Cole blinzelte verblüfft, denn er hatte nicht einmal gewusst, dass ein solches Buch existierte.

    "Mitte des siebzehnten Jahrhunderts wurde es ins Englische übertragen. Ich weiß nicht, inwieweit die Geschichten auf mündlicher Überlieferung beruhen", sagte Grandma. "Auf jeden Fall ist hier alles über den Blitz des Nordens nachzulesen."

    Lyndsey strich über den Ledereinband. "Das ist unbezahlbar", flüsterte sie fast ehrfürchtig und sah Cole an.

    Grandma lächelte zufrieden. "Und es ist an dir, die Saga fortzuschreiben. Ich schlage vor, dass du mit dem letzten Abenteuer unserer berühmten Brosche beginnst."

    "Bist du sicher?", fragte Lyndsey. "Das ganze Abenteuer?"

    "Ja, das ganze Abenteuer. In diesem Buch soll die wahre Geschichte stehen."

    Cole zog seine Großmutter liebevoll an sich. "Danke, Grandma."

    In ihren Augen schimmerten Tränen, als sie ihn anlächelte.

    "Für alles", sagte er.

    "Ich hatte Recht, was Lyndsey angeht, nicht wahr?"

    "Ja. Absolut."

    "Gut. Dann werde ich euch beide nun allein lassen." Grandma lächelte ihnen noch einmal zu.

    "Ich kann es nicht glauben", flüsterte Lyndsey ergriffen.

    "Die Aufzeichnungen könnten nicht in bessere Hände kommen", erwiderte Cole, der Lyndsey von Minute zu Minute mehr liebte.

    Gerührt drückte sie das Buch an ihre Brust. "Ich hätte nie gedacht, dass es jemals passieren würde. Aber du hast es tatsächlich geschafft, Cole."

    Er sah ihr in die Augen. "Mich in dich zu verlieben?"

    "Das auch." Sie strich über seine Wange. "Aber ich meinte, du hast das Silbermedaillon für mich gefunden."

    Sein Blick fiel auf die Brosche an ihrem Kleid. "Meinst du den Blitz des Nordens?"

    "Nein. Es ging nie wirklich um Schmuck oder irgendeinen Gegenstand." Sie lächelte. "Es ging um das Erbe, um ein Heim. Das ist mir schließlich klar geworden." Lyndsey trat an ihn heran, und er nahm sie zärtlich in die Arme. "Ich habe nach der Familie gesucht, die ich nie hatte. Und du hast sie mir gegeben."

    Cole ging das Herz auf. "Willkommen daheim, Lyndsey", flüsterte er. "Ich habe die ganzen Jahre nur auf dich gewartet."

– Ende –

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