Und plötzlich ist es Leidenschaft - 2. Kapitel

2. Kapitel

Cole war wie vom Donner gerührt. Er starrte die schöne Frau ihm gegenüber an und versuchte, eine sinnvolle Erklärung für die Situation zu finden. Sollte das ein Witz sein? "Hat Kyle Sie zu mir geschickt?"

    "Wer ist Kyle?"

    "Mein Bruder."

    Lyndsey schüttelte den Kopf. Das rote Haar umrahmte weich ihr perfekt geschminktes Gesicht. "Nein, weder Ihr Bruder noch Ihre Großmutter hat sich das ausgedacht."

    "Wer dann?"

    "Ich."

    "Sie erwarten ernsthaft von mir, dass ich glaube, Sie wären den ganzen langen Weg von New York …"

    "Ja." Lyndsey nahm eine Visitenkarte aus ihrer Handtasche.

    Cole las die Karte und stellte fest, dass Lyndsey tatsächlich für das Laurent Museum arbeitete. Nun wurde er wirklich ärgerlich. Der Blitz des Nordens war keine Ware, über die man verhandeln konnte, sondern ein antikes Erbstück, dem die Familie verpflichtet war. "Also war die Panne eine abgekartete Sache?"

    "Welche Panne?"

    "Ihr Auto."

    "Mein Auto ist in Ordnung."

    "Der Motor kocht."

    "Haben Sie eigentlich bemerkt, dass ich Ihnen gerade einen Heiratsantrag gemacht habe?"

    Cole stand auf. "Haben Sie etwa damit gerechnet, dass ich ihn annehme?"

    "Ich hatte gehofft …"

    "Was denken Sie sich eigentlich?" Cole wurde lauter. Er fühlte sich stellvertretend für seine Großmutter, seine Vorfahren und seine zukünftigen Erben beleidigt. "Wie kommen Sie nur darauf, dass ich zustimmen würde, eine völlig Fremde zu heiraten und ihr ein Familienerbstück zu geben?"

    Lyndsey stand ebenfalls auf. "Oh nein. Ich meinte nicht …"

    "Ich habe Pferde, die beschlagen werden müssen." Er hatte genug gehört. Von ihm aus konnte sie ihr Auto selbst reparieren oder sich ein Taxi rufen.

    "Jetzt sofort?"

    Er griff nach seinem Stetson und setzte ihn auf.

    Lyndsey sah zu, wie Cole aus der Blockhütte marschierte. Das war nicht ganz so gelaufen, wie sie gehofft hatte. Aber er hatte ihr auch keine Chance gegeben, ihm ihr Anliegen zu erklären. Sie versuchte nicht, die legendäre Brosche zu stehlen. Sie wollte die Brosche nur einige Monate lang im Museum präsentieren. Sie bemühte sich um eine Wikinger-Ausstellung mit dem Blitz des Nordens als Glanzstück. Damit könnte sie Bradley Slanders Pläne vereiteln und ihre Karriere sichern. Die Kooperation des Cowboys war alles, was sie dafür brauchte.

    Sie ging zur Tür und betrachtete ihn, während sie über ihren nächsten Schritt nachdachte. Der Mann hatte die breitesten Schultern, die sie jemals gesehen hatte. Sein Gang machte deutlich, dass er vor Kraft und Selbstvertrauen strotzte. Ihr Blick glitt tiefer. Und er hat einen aufsehenerregenden Allerwertesten, dachte sie. Sie sah ihm noch einen Moment nach und zwang sich dann, den Blick abzuwenden. Sein Hinterteil war irrelevant. Die Ehe würde nur auf dem Papier bestehen. Sie musste sich auf die Brosche konzentrieren, nicht auf den Mann. Ihn konnte sie ja schlecht in der Galerie ausstellen. Obwohl …

    Lyndsey unterdrückte ein Grinsen und warf einen Blick auf den Mietwagen. Eine Autopanne, hm? Ja, die könnte ihr tatsächlich dabei helfen, mehr Zeit mit Cole zu verbringen. Sie wartete, bis er hinter dem Hügel verschwunden war, dann öffnete sie die Motorhaube, riss wahllos einige Kabel heraus und hoffte, dass sie damit einen ernsthaften Schaden verursacht hatte. Anschließend machte sie die Motorhaube wieder zu, klemmte sich ihre Handtasche unter den Arm und lief den Hügel hinauf.

    Ihre Schuhe mit den acht Zentimeter hohen Absätzen waren definitiv nicht die beste Wahl für die Erickson Ranch. Ebenso wenig wie der enge Rock. Als sie Cole eingeholt hatte, war sie zerzaust und außer Atem. Sie verschrammte sich die Hand, als sie sich unter einem Drahtzaun hindurchzwängte, und trat in einen kleinen Kaktus, der an ihrem Absatz stecken blieb.

    Cole ließ sich durch ihr Erscheinen nicht aus der Fassung bringen. Er stand mit einem Lasso in der Hand auf dem Hügel und stieß einen schrillen Pfiff aus.

    Als unter ihren Füßen der Boden zu vibrieren begann und ein dumpfes Donnern zu hören war, trat Lyndsey unwillkürlich einen Schritt zurück. Sie hielt den Atem an und zwang sich still zu stehen, als die Pferde in einem Höllentempo auf den Hügel gestürmt kamen. Der Blitz des Nordens hatte die Macht, ihre Karriere steil in die Höhe schnellen zu lassen, deshalb würde sie jetzt auf keinen Fall das Feld räumen. Es war besser, bei dem Versuch, an die Brosche zu kommen, zu Tode getrampelt zu werden, als aufzugeben und ihren Job zu verlieren.

    Die Herde bestand aus etwa fünfundzwanzig schwarzen, braunen und grauen Pferden, die mit fliegenden Mähnen herangaloppierten. Doch Cole blieb einfach ruhig stehen, nahm seinen Cowboyhut ab und wedelte damit in der Luft herum. Die Pferde drosselten ihr Tempo, und die Herde teilte sich. Dann blieben die Tiere um ihn herum stehen.

    Okay, dachte Lyndsey, das ist jetzt wirklich sexy. Und sie lebte noch immer. Der Tag wurde zunehmend besser.

    Cole fing eins der Pferde ein, führte es durch ein Gatter und band es fest. Schnell folgte Lyndsey ihm, obwohl sie durch das riesige Tier eingeschüchtert war.

    "War mein Nein in irgendeiner Weise missverständlich?", fragte er sie.

    Sie entdeckte einen Baumstamm, auf den sie sich setzen konnte, und entfernte vorsichtig den kleinen Kaktus von ihrem Absatz. Wahrscheinlich ruinierte sie sich gerade ihren Rock, aber das war nicht zu ändern. Sie stellte sich dumm. "Hatten Sie nein gesagt?"

    Cole drehte sich um und starrte Lyndsey einen Moment lang an. "Nur für den Fall, dass Sie meine Antwort beim ersten Mal nicht mitbekommen haben: Nein."

    "Sie haben mich nicht ausreden lassen."

    "Sie versuchen, mein Familienerbe zu stehlen. Warum sollte ich mir anhören, was Sie zu sagen haben?" Cole ging auf eine Baracke in der Nähe zu.

    Lyndsey kam wieder auf die Füße und folgte ihm. "Ich will die Brosche nicht behalten."

    Er machte die Tür auf. "Ah. Nun, in diesem Fall …"

    "Ja?", fragte sie hoffnungsvoll.

    "Nein", erklärte er kategorisch und kam mit einem Holzkasten und einem alten Metallgestell aus der Baracke heraus.

    "Werden Sie sich mein Angebot wenigstens anhören?" Lyndsey gab nicht auf.

    "Nein."

    "Warum nicht?"

    "Haben Sie jemals einem Ehegelübde zugehört?"

    "Natürlich."

    Cole ging zurück zu dem Pferd. "Da versprechen sich zwei Menschen, sich zu lieben und zu ehren, bis der Tod ihre Ehe scheidet. Und ein Pfarrer nimmt dem Paar dieses Gelübde in Anwesenheit ihrer Familie und Freunde ab."

    Lyndsey zögerte. Sie war die Einzelheiten der Trauung tatsächlich noch nicht im Kopf durchgegangen. Sie hatte sich eine möglichst kurze und nüchterne Zeremonie in einem Standesamt vorgestellt. "Ich könnte Sie ehren", bot sie an.

    Cole blieb stehen, drehte sich zu ihr um und nahm sie mit seinen kobaltblauen Augen ins Visier. "Könnten Sie mich lieben?"

    Was für eine Frage war das denn? Sie schwieg.

    Cole trat näher und sah ihr so tief und forschend in die Augen, dass sie das Gefühl hatte, er könnte mit einem Blick ihre Ängste und Hoffnungen ergründen.

    Natürlich wusste Lyndsey, wie man liebt. Sie hatte ihre Pflegeeltern geliebt und natürlich ihre leiblichen Eltern. Aber diese Liebe hatte einen bitteren Beigeschmack bekommen, als ihre Eltern bei einem Hausbrand ums Leben gekommen und ihre alt gewordenen Pflegeeltern vor fünf Jahren gestorben waren.

    "Hallo, Cole!"

    "Hallo, Katie." Cole drehte sich um und sah der jungen Frau entgegen, die herangeritten kam.

    Lyndsey trat einen Schritt zurück und schüttelte die traurigen Erinnerungen ab.

    "Verheimlichst du uns etwas?", fragte Katie.

    Lyndsey betrachtete die Frau, die auf dem Rücken eines Pferdes saß, das jetzt vor der kleinen Baracke stehen blieb. Ihr schulterlanges braunes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug ein burgunderfarbenes Hemd und Jeans und wirkte, als käme sie geradewegs aus einem Western. Ihr Ledersattel knarrte, als sie abstieg.

    "Willst du mir beim Beschlagen der Pferde helfen?"

    Katie grinste spöttisch und zog ihr Pferd mit sich. Als sie Lyndsey die Hand hinstreckte, schenkte sie ihr ein freundliches Lächeln. "Katie Erickson. Coles Schwägerin."

    "Lyndsey Wainsbrook." Sie schüttelten sich die Hand.

    "Schön, Sie kennenzulernen", sagte Katie. Sie warf Cole einen nachdenklichen Blick zu, bevor sie sich wieder Lyndsey zuwandte. "Was führt Sie nach Blue Earth Valley?"

    "Ich bin hier, um Cole zu heiraten." Lyndsey beschloss, dass sie nichts zu verlieren hatte.

    Cole gab einen grimmigen Laut von sich, aber Katie kreischte vor Entzücken auf.

    "Dann hast du uns also doch etwas verheimlicht!"

    "Sie ist nur hinter dem Blitz des Nordens her." Cole baute das Metallgestell auf.

    Seine Schwägerin konzentrierte sich jedoch ganz auf Lyndsey. "Wie lange kennen Sie ihn schon? Wo haben Sie ihn getroffen?" Ihr Blick fiel auf Lyndseys Finger, an dem kein Ring steckte. "Hat er Ihnen schon einen Heiratsantrag gemacht?"

    "Ich habe ihm einen Antrag gemacht."

    "Sie ist hinter dem Blitz des Nordens her", wiederholte Cole. "Sie ist eine Schwindlerin."

    "Ich bin für ein Museum tätig und möchte die Brosche gern ausstellen. Aber ich bin wirklich bereit, ihn zu heiraten."

    "Sie ist …, ach!" Cole machte eine wegwerfende Handbewegung und ging zurück zu dem Pferd. "Vergiss es einfach."

    "Nicht so hastig, Cole", rief Katie ihm nach. "Das klingt nach einem guten Angebot. Du wirst auch nicht jünger, weißt du."

    Er murmelte etwas vor sich hin.

    Katie lachte und wandte sich an Lyndsey. "Für ein Museum, sagten Sie?"

    "Ja, das Laurent."

    "In New York?"

    "Ja." Lyndsey bemerkte, dass Katies Reaktion auf den Antrag nicht annähernd so negativ war wie Coles. Vielleicht würde sie sich den Plan anhören. Möglicherweise hatte sie sogar etwas Einfluss auf ihren Schwager. "Ich möchte den Blitz des Nordens für eine Weile bei uns ausstellen", erklärte sie so laut, dass Cole sie hören musste. "Ich würde die Brosche nur ausleihen."

    "Woher wissen Sie, dass seine Ehefrau den Blitz des Nordens bekommt?"

    "Durch meine Recherchen."

    "Und woher wissen Sie, dass er noch nicht verheiratet ist?"

    "Weitere Nachforschungen." Lyndsey erhob wieder die Stimme: "Ich dachte an eine simple, standesamtliche Trauung. Die Verbindung würde nur vorübergehend bestehen."

    "Eine Zweckehe." Katie nickte.

    "Richtig."

    "Und worin liegt dabei der praktische Nutzen für mich?" Cole begann mit einem Hammer auf ein Hufeisen zu schlagen."

    "Sie würden der Öffentlichkeit damit einen Dienst erweisen", meinte Lyndsey.

    "Ich bin nicht altruistisch veranlagt."

    "Sie würden die Welt auf eine wichtige Antiquität aufmerksam machen."

    "Die Brosche ist Privatbesitz."

    "Sie würden sie ja nur verleihen."

    "Warum geben Sie nicht auf?"

    Während Lyndsey noch nach einer Antwort suchte, mischte sich Katie ein: "Warum kommen Sie stattdessen nicht zum Abendessen zu uns?"

    "Katie", ermahnte Cole seine Schwägerin.

    "Wir können darüber reden, Cole. Das kann ja nicht schaden", sagte Katie.

    Lyndsey bekam wieder Hoffnung. In Katie hatte sie definitiv eine Verbündete gefunden.

    "Ihr beiden könnt tun, was immer ihr wollt." Cole begann wieder zu hämmern. "Ich werde jedenfalls nicht zu dem Abendessen kommen."

    "Natürlich wirst du das", meinte Katie.

    "Nein."

    "Ich werde Kyle schicken, um dich abzuholen."

    "Viel Glück damit."

"Du musst wirklich etwas wegen deiner Frau unternehmen", sagte Cole, als er sich gegen das Geländer neben dem Grill lehnte, auf dem sein Bruder Steaks wendete.

    Kyle schob den Metalldeckel über den Grill und trat zu ihm. "Es ist nicht meine Schuld, wenn du ihr nichts abschlagen kannst."

    "Kannst du das denn?"

    "Warum sollte ich das wollen?"

    Cole verschränkte die Arme vor der Brust. "Hast du nie das Bedürfnis, ein Machtwort zu sprechen?"

    Kyle lachte. "Du machst Witze, richtig?"

    "Wie kann ein Mann mit jemandem leben, der sich ständig in seine Angelegenheiten einzumischen versucht?"

    "Sprechen wir jetzt von Katie oder von Lyndsey?"

    "Katie hilft Lyndsey. Und wir sprechen über die Frauen im Allgemeinen."

    "Und über deine Angst vor ihnen."

    "Das ist absurd."

    "Warum regst du dich dann so über Lyndseys Idee auf?"

    Cole sah seinen Bruder an. "Schlägst du ernsthaft vor, dass ich eine Fremde heirate und ihr die Brosche überlasse?"

    "Sie kommt von einem Museum und nicht aus einer Familie von Gangstern. Ich schlage nur vor, dass du sie anhörst."

    Katie kam mit einer großen Salatschüssel auf die Veranda. "Wen anhören?"

    "Lyndsey", sagte Kyle.

    "Oh, gut", meinte Katie. "Übrigens können wir jetzt essen."

    Hinter ihr tauchte Lyndsey mit einem Korb Brötchen auf, und Cole starrte sie unfreiwillig an. Sie hatte ihre Kostümjacke ausgezogen, und die gelbe Seidenbluse betonte ihr rotes Haar. Unter dem dünnen Stoff konnte man ihre Brüste erahnen, und zwischen dem Rockbund und dem Saum der Bluse blitzte nackte Haut hervor.

    "Kannst du die Weinflasche entkorken?", fragte Katie Cole.

    "Ja, sicher." Cole gab sich einen Ruck und ermahnte sich, sich nicht wie ein Teenager zu benehmen. "Ich habe Night Dreams ersteigert", sagte er zu seinem Bruder, um sich abzulenken.

    Kyle lächelte ihn wissend an, spielte aber mit. "Hast du vor, Sylvester als Zuchthengst einzusetzen?"

    Cole zog den Korken aus dem Merlot. "Nächstes Frühjahr werde ich mit einer völlig neuen Zucht beginnen."

    Nachdem Lyndsey den Korb mit den Brötchen auf den Tisch gestellt hatte, rückte Cole ihr automatisch den Stuhl zurecht. Sie lächelte ihn kurz dankbar an, und er nahm ihr Parfüm wahr.

    "Da fällt mir ein, dass du den Vertrag mit Everwood unterschreiben musst", meinte Kyle, der die brutzelnden Steaks vom Grill nahm und auf eine Holzplatte legte. "Er bezahlt den geforderten Preis und wird uns so viel Rindfleisch abkaufen, wie wir liefern können."

    Schnell versuchte Cole einen Anflug von Frustration zu verbergen, indem er den Wein einschenkte. Er hasste es, dass Kyle wegen jeder Unterschrift zu ihm kommen musste. Sein Bruder war ein unglaublich talentierter Rinderzüchter, und die Tradition, die Ranch allein unter dem Namen des ältesten Sohnes zu führen, war unfair und überholt. "Okay." Er verteilte die Gläser auf dem Tisch. "Du warst schon immer der Kopf des gesamten Unternehmens."

    "Ja, ganz bestimmt", spottete Kyle.

    Cole hielt sein Glas hoch, um mit seinem Bruder auf das gute Geschäft anzustoßen. "Das meine ich sehr ernst."

    "Werden wir den ganzen Abend über die Arbeit reden?", fragte Katie, die sich nun zu ihnen setzte.

    Während Cole mit Ja antwortete, verneinte Kyle gleichzeitig die Frage. Dann nahmen die Brüder ebenfalls Platz.

    "Vielleicht könnten wir über meine Arbeit reden", schlug Lyndsey vor.

    "Ich werde dir die Hälfte der Ranch überschreiben", wandte Cole sich an Kyle, ohne auch nur einen Blick in Lyndseys Richtung zu werfen. Diese Ankündigung hatte den gewünschten Effekt. Es wurde mucksmäuschenstill. "Ich habe letzte Woche in Dallas mit einem Anwalt über deine Optionen gesprochen", fuhr er fort und nahm sich ein Brötchen.

    "Cole", warnte Kyle ihn.

    "Ich denke, wir können das Land entlang Spruce Ridge aufteilen und dann dem Bach bis zur Straße folgen."

    Kyle legte mit Nachdruck sein Steakmesser auf den Teller. "Stopp."

    "Ich werde es tun", erklärte Cole.

    "Oh nein, das wirst du nicht."

    "Du kannst mich nicht aufhalten."

    "Männer", unterbrach Katie die beiden.

    "Oh doch, das kann ich", erwiderte Kyle. "Ich werde das Land nicht annehmen."

    "Das steht dir nicht zu." Cole holte tief Luft. Er fühlte sich schon lange wegen dieser traditionellen Regelung schuldig und würde nicht nachgeben. "Manchmal muss ein Mann ein Machtwort sprechen und im Interesse seiner Familie eine Entscheidung treffen."

    "Ist das ein persönlicher Angriff? Es klingt ganz danach."

    "So habe ich das nicht gemeint." Cole legte das Brötchen auf seinen Teller und bedauerte seine Wortwahl. "Ich denke nur, dass ein Mann sein eigenes Land braucht."

    "Kyle?" Katie versuchte es erneut. "Cole?"

    "Damit sagst du, dass ich all die Jahre kein eigenes Land hatte."

    Das brachte Cole aus dem Konzept. "Das ist natürlich Unsinn."

    "Da hast du es."

    "Was ist mit deinen Kindern?"

    Kyle presste die Lippen aufeinander und schwieg.

    Cole nahm an, dass seinem Bruder die Argumente ausgingen. "Du musst für deine Kinder ein Erbe aufbauen, um ihnen etwas hinterlassen zu können. Wenn du schon nicht an dich denkst, dann denke wenigstens an deine Kinder."

    Lyndsey legte die Hand auf Coles Oberschenkel. Sofort zuckten seine Muskeln, und er warf ihr einen verblüfften Blick zu.

    "Lasst uns über etwas anderes reden", sagte Kyle mit einem drohenden Unterton.

    Nun sah Cole wieder seinen Bruder an. "Lass uns bald nach Dallas fahren, um mit den Anwälten zu sprechen."

    Lyndsey krallte ihre Fingernägel in Coles Oberschenkel und machte ihn zunehmend nervöser. "Es geht nicht mehr nur um dich", sagte er zu Kyle. "Du hast eine Familie."

    Jetzt kniff Lyndsey ihn, was wirklich wehtat.

    Er drehte sich verärgert zu ihr um, nahm dabei aber Katies Gesichtsausdruck wahr, hielt inne und starrte auf die weißen Lippen seiner Schwägerin. "Katie?"

    Kyle rückte seinen Stuhl zurück, als Katie zu zittern anfing. Sie stand auf, und Kyle erhob sich ebenfalls.

    "Was ist los?" Cole sprang auf.

    "Es geht mir gut", versuchte Katie, die anderen zu beruhigen.

    "Das tut es nicht", sagte Cole.

    Sie legte die Hand auf Kyles Arm. "Ich bin wirklich okay. Ich werde mir nur schnell ein Glas Wasser holen."

    Kyle legte den Arm um Katies Schultern. "Bist du sicher?"

    Sie nickte. "Ja. Macht nicht so viel Aufhebens. Ich bin gleich wieder da."

    Besorgt sah Kyle seiner Frau nach.

    Cole fuhr sich unsicher durchs Haar und ließ die vergangenen Minuten noch einmal Revue passieren. "Es tut mir leid", sagte er. "Was, zum Kuckuck …"

    "Kann ich irgendwie helfen?", fragte Lyndsey Kyle.

    Kyle schloss für einen Moment die Augen, ließ sich auf den Stuhl fallen und schüttelte den Kopf. "Es ist das Gerede über Kinder."

    Cole machte den Mund auf, weil er um eine Erklärung bitten wollte, aber Lyndsey legte erneut die Hand auf seinen Oberschenkel. Er kam sich vor wie ein Elefant im Porzellanladen.

    "Sie hatte gehofft, jetzt schon schwanger zu sein", meinte Kyle, und Cole erstarrte.

    "Ich werde nachsehen, ob sie okay ist", erklärte Lyndsey und verschwand in der Küche.

    Unruhig stand Kyle auf, griff nach seinem Weinglas und trat ans Geländer. Cole folgte ihm und wusste nicht, was er sagen sollte. Er und Kyle schütteten sich normalerweise gegenseitig nicht das Herz aus, wenn es um so intime Dinge ging. Handelte es sich um ein medizinisches Problem?

    "Bist du …", fing er an. "Hast du …?"

    "Der Arzt denkt, dass es am Stress liegt", beantwortete Kyle seine unausgesprochene Frage. "Aber mit Sicherheit wissen wir nichts, und Katie macht sich Sorgen, dass sie niemals Kinder bekommen könnte."

    Cole hätte sich am liebsten einen Tritt verpasst. "Und ich war eine große Hilfe."

    Kyle lachte bitter. "Achte das nächste Mal auf meinen Gesichtsausdruck, und zieh deine Schlüsse daraus."

    "Das nächste Mal werde ich aufmerksam werden, wenn Lyndsey meinen Oberschenkel traktiert." Cole bedauerte seinen dummen Starrsinn. "Gibt es etwas, womit ich euch helfen kann?"

    "Heirate und mache deiner Frau ein paar Babys, damit Katie nicht diese Last wegen der Erbfolge auf ihren Schultern tragen muss."

    "Woher nehmen und nicht stehlen?"

    "He, in meiner Küche steht jemand, der dir ein Angebot gemacht hat."

    "Ja, eine Heiratsschwindlerin. Außerdem will sie keine Babys. Sie will die Brosche. Ich bin ziemlich sicher, dass dieses Angebot ohne jeden Gedanken an Sex gemeint ist."

    Kyle sah seinen Bruder grinsend an.

    "Was ist?", fragte Cole zunehmend beklommen.

    "Du müsstest ja nicht wirklich Babys mit Lyndsey bekommen. Du musst Katie nur den Eindruck vermitteln, dass ihr Babys haben werdet."

    "Das ist verrückt." Außerdem wusste Katie doch, weshalb Lyndsey hier war. Wie sollte er sie dann davon überzeugen können, dass mehr dahintersteckte?

    "Nein." Kyle schüttelte den Kopf. "Das ist brillant. Du gibst vor, dich in sie verliebt zu haben, und heiratest sie tatsächlich. Sie bekommt die Brosche, und Katie wird sich ausreichend entspannen können, um schwanger zu werden."

    "Und ich bekomme eine Frau, die ich nicht kenne, die mich nicht liebt, die nicht mit mir schlafen will, aber meinen Schmuck mitnehmen wird?"

    Kyle nahm einen großen Schluck Wein. "Da wärst du sicherlich nicht der erste Mann, dem so etwas passiert."

    Cole schnaubte.

    Sein Bruder gab ihm einen Klaps auf die Schulter. "Du bekommst die Befriedigung, eine Entscheidung im Interesse deiner Familie getroffen zu haben."

    "Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, ich werde mich in dieser Sache nicht durchsetzen können."

    "Also wirst du es tun?"

    "Das habe ich nie gesagt." Wie konnte er wegen einer geringen Chance, dass Katie daraufhin vielleicht schwanger werden würde, eine Heirat rechtfertigen? Wie konnte er andererseits rechtfertigen, nicht zu heiraten, wenn die Chance bestand, Katie damit zu helfen? "Wir würden deine Frau belügen", sagte Cole auf nach einem Weg, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

    "Nein, würden wir nicht. Wir müssen nichts sagen. Katie ist eine hoffnungslose Romantikerin. Vertrau mir. Sie wird dich und Lyndsey ohnehin zu einem Paar machen wollen. Du musst lediglich völlig vernarrt wirken", meinte Kyle.

    "Ich bin aber nicht vernarrt."

    "Sieh Lyndsey einfach so an, wie du es vor dem Abendessen getan hast. Ich gebe zu, dass du eher angetörnt als vernarrt gewirkt hast, aber dieser Blick dürfte funktionieren."

    "Du hast den Verstand verloren."

    "Sie ist umwerfend, Cole. Es dürfte dir wohl kaum schwerfallen."

    Cole registrierte alarmiert, dass Kyles Worte allmählich eine Art bizarren Sinn ergaben. Er konnte diese Heirat nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Oder doch? "Das ist der dämlichste Plan, von dem ich je gehört habe. Mach mit Katie Urlaub. Sie kann sich an irgendeinem Strand entspannen. Ich werde die Kosten übernehmen."

    "Sie wird sich Gedanken um dich machen, wenn du hier allein auf der Ranch bleibst."

    "Das muss sie nicht."

    "Ich weiß das, und du weißt das, aber Katie …"

    Cole schüttelte den Kopf. "Weißt du, heute Morgen sah alles noch ziemlich gut für mich aus. Ich habe mich über meine neue Stute gefreut und daran gedacht, die Pferde zu beschlagen und eine neue Scheune zu bauen."

    Kyle fing an zu lachen.

    "Dann ist Lyndsey Wainsbrook dahergekommen und hat plötzlich die Regie in meinem Leben übernommen."

    "Kyle?", rief Katie von der Küche aus.

    "Ja, Schatz?"

    "Denkst du nicht auch, dass es zu spät für Lyndsey ist, ganz allein nach Wichita Falls zurückzufahren?"

    "Natürlich." Kyle zwinkerte Cole zu. "Viel zu spät."

    "Sie wird bei uns bleiben", rief Katie.

    "Klingt gut."

    "Ich habe dem Plan nicht zugestimmt", murmelte Cole.

    "Du hast den einfachen Part", sagte Kyle. "Du musst bloß einen sehr verliebten Eindruck machen."

    "Ich gehe nach Hause."

    "Komm zum Frühstück wieder."

    "Nein."

    "Ich werde Katie schicken, um dich abzuholen."

    "Viel Glück damit."

 

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