Und plötzlich ist es Leidenschaft - 6. Kapitel

6. Kapitel

Da Katie jetzt in die Heiratspläne eingeweiht war, musste Lyndsey Cole nicht mehr annähernd so oft sehen. Während sie auf den Ausflug nach Wichita Falls wartete, arbeitete sie aus der Entfernung an der Vorbereitung der Ausstellung mit und stattete Grandma einige Besuche ab. Lyndsey mochte die exzentrische alte Frau. Grandma war klug und eigenwillig und hatte viel Sinn für Humor. Sie erzählte Geschichten über ihre frühen Jahre in Texas und über den Blitz des Nordens, die Lyndsey faszinierten.

    Als Cole ihr endlich mitteilte, dass er Zeit habe, mit ihr in die Stadt zu fahren, konnte sie es kaum mehr erwarten, die Brosche zu sehen. Selbst wenn das bedeutete, während der zweistündigen Fahrt neben ihm im Pick-up sitzen zu müssen.

    "Ich habe dich in den letzten Tagen nicht oft zu Gesicht bekommen", meinte er, als sie in die Hauptstraße abbogen.

    "Ich dich auch nicht." Lyndsey versuchte herauszufinden, was in ihm vorging, und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass sie das überhaupt wollte.

    Cole zuckte die Achseln. "Ich hatte viel zu tun."

    "Ich auch." Sie hatte ein eigenes Leben. Es war ja nicht so, dass sie sich vor Kummer verzehrte und sich ständig gefragt hätte, ob er es bedauerte, mit ihr ins Bett gegangen zu sein. Oder ob er schon eine Frau gefunden hatte, die ihren Platz einnehmen würde.

    "Habe ich dich durch irgendetwas verärgert?"

    "Ich bin nicht verärgert."

    "Dann ist das also der Umgangston, den du dir für unsere Beziehung ausgesucht hast?"

    "Wolltest du mehr?"

    Erneut zuckte Cole die Achseln, setzte den Blinker und wechselte auf die mehrspurige Bundesstraße. "Du musst zugeben, dass unser Verhältnis intensiver geworden war, nachdem wir beschlossen hatten, Katie etwas vorzumachen."

    "Ah. Dann willst du also mehr Sex."

    Er sah sie kurz an. "Wie bitte?"

    "Das tut mir leid. Vermutlich habe ich den Schalter etwas zu schnell umgelegt."

    Irritiert sah Cole auf die Fahrbahn und schaute dann wieder sie an. "Gibt es einen besonderen Grund für deinen plötzlichen Rückzug?"

    Sie hob die Schultern. Es gab keinen logischen Grund dafür, außer dem für sie sehr schlimmen Gefühl der persönlichen Kränkung und Zurückweisung. "Wir brauchen nicht mehr so zu tun, als ob."

    "Du meinst, die Brosche ist dir sicher."

    "Ja. Richtig. Etwas in der Art." Lyndsey drehte sich weg, um aus dem Seitenfenster zu schauen.

    "Verstehe."

    "Okay."

    "Gut." Cole trat aufs Gaspedal und drehte das Radio an. Bis sie in Wichita Falls ankamen, sagten beide kein Wort mehr. In der Stadtmitte reihte er sich links in den Verkehr ein. "Da ist es."

    Trotz seiner schlechten Stimmung rutschte Lyndsey aufgeregt auf ihrem Sitz hin und her. "Welches Gebäude ist es denn?"

    Cole zeigte auf einen großen grauen Büroturm und parkte davor.

    Sie musterte das Bürogebäude. Dort drinnen wartete also der Schatz ihres Lebens auf sie. Trotz ihrer Wut auf Cole fühlte sie sich wie ein Kind kurz vor der Bescherung. Im Büroturm nahmen sie den Aufzug und fuhren in den zehnten Stock. Neben den Bürotüren prangte ein übergroßes Schild, auf dem "Neely & Smythe, Rechtsanwälte" zu lesen war. "Sehr beeindruckend", meinte Lyndsey.

    "Diese Kanzlei betreut unsere Familie seit vier Generationen."

    "Und der Blitz des Nordens befand sich die ganze Zeit über hier?"

    "Die meiste Zeit über."

    "Ich bekomme eine Gänsehaut."

    Als Cole die Tür aufmachte, lächelte er sie das erste Mal seit drei Tagen an.

    Lyndsey tat dieses Lächeln ihrer Meinung nach viel zu gut. Sie folgte ihm in den mit einer Marmortheke, Ledersesseln und Kunstgegenständen eingerichteten Empfangsbereich, wo er von einer Mitarbeiterin herzlich begrüßt wurde.

    "Mr. Neely erwartet Sie", sagte sie zu Cole.

    Cole ging mit Lyndsey einen Gang hinunter. An dessen Ende wartete ein Mann mit Halbglatze auf sie.

    Joseph Neely schüttelte Cole die Hand und begrüßte dann Lyndsey. "Sie sind also hier, um den Blitz des Nordens zu sehen."

    "Ja. Ich bin Lyndsey Wainsbrook."

    "Ich freue mich, eine Entschuldigung dafür zu haben, selbst einen Blick auf die Brosche zu werfen." Neely schloss ein Büro auf und hielt ihnen die Tür auf.

    "Es ist ziemlich aufregend", gab sie zu.

    "Dann werde ich Sie beide jetzt allein lassen."

    Lyndsey betrat den Raum zuerst und blinzelte, um sich in dem gedämpften Licht zurechtzufinden.

    Cole folgte ihr und deutete auf den großen runden Konferenztisch.

    Als sie den Blitz des Nordens auf einem roten Samttuch auf dem Tisch thronen sah, hielt sie voller Ehrfurcht den Atem an. Das war die Königin der Broschen, um die sich Legenden rankten. Sie war groß, kühn geschwungen und in jeder Hinsicht prachtvoll. Das glänzende Gold in Form eines Blitzstrahls war dicht mit Rubinen, Smaragden und Diamanten besetzt. Das Schmuckstück war so einzigartig, dass es Lyndseys Erwartungen noch übertraf. Sie strich andächtig über den roten Samt, wagte es aber nicht, die Brosche zu berühren. "Du kannst dich glücklich schätzen, Cole", sagte sie mit heiserer Stimme.

    "Manchmal empfinde ich das auch so." Seine Stimme klang ebenfalls ehrfürchtig.

    "Das ist das Event meines Lebens."

    "Du kannst sie anfassen, weißt du."

    Lyndsey rieb ihre Fingerspitzen aneinander und lehnte sich dann langsam nach vorn. Nach einem Moment wagte sie es, die Brosche kurz zu berühren. Sofort zuckte sie zurück, weil sie eine Gänsehaut bekam. Dann strich sie wieder darüber und war geschockt. "Cole?"

    "Ja?" Er trat näher.

    Noch einmal fuhr sie mit eiskalten Fingern prüfend über den untersten Diamanten. "Das ist eine Fälschung."

    "Das ist absurd." Cole sah in Lyndseys geschocktes Gesicht.

    "Es ist eine Fälschung", wiederholte sie.

    "Bestimmt", meinte er spöttisch. Es war wohl kaum möglich, dass ein Einbrecher sämtliche Alarmanlagen umgangen, den Safe des Anwalts aufgebrochen und das Originalstück durch eine täuschend echt wirkende Imitation vertauscht hatte, ohne dass jemand etwas davon mitbekommen hätte.

    "Wann ist die Brosche das letzte Mal begutachtet worden?"

    Cole versuchte zu ergründen, worauf Lyndsey hinauswollte.

    "Wann?"

    "Sie ist seit Jahrhunderten gehütet worden wie ein Augapfel." Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass das Schmuckstück eine Fälschung sein sollte. Hatte Kyle vielleicht Recht gehabt, als er ihn in Bezug auf Lyndsey zur Vorsicht gemahnt hatte? Steckte vielleicht ein ausgebuffter Plan hinter all dem? "Was hast du vor?"

    "Ich habe vor, dir meine professionelle Meinung zu sagen."

    "Aha." Er versuchte herauszufinden, wie sie diese kleine List zu ihrem Vorteil nutzen könnte.

    Lyndsey zeigte auf die Brosche. "Siehst du die kleinen Diamanten?"

    "Sicher."

    "Sie sind geschliffen."

    "Ja, und weiter?"

    "Bis zum vierzehnten Jahrhundert gab es keine geschliffenen Diamanten. Die Leute hatten bis dahin weder das Know-how noch das Werkzeug dafür. Ich weiß nicht, wer diese Brosche gefertigt hat, aber ganz sicher waren es nicht die alten Wikinger."

    Cole warf wieder einen Blick auf die Brosche. Er hatte sie ein Dutzend Mal gesehen und nie eine Veränderung bemerkt. Aber Lyndseys Argumente klangen alarmierend plausibel. Außerdem konnte er nicht erkennen, welche Vorteile es ihr bringen sollte, an der Echtheit der Brosche zu zweifeln. Er musste zumindest in Erwägung ziehen, dass sie Recht haben könnte. Er nahm die Brosche in die Hand und hielt sie ins Licht. "Wer würde sie denn fälschen?", meinte er mehr zu sich.

    "Wir brauchen mehr Informationen", erklärte Lyndsey. "Ich habe eine Freundin, die als Sachverständige im Museum arbeitet. Sie könnte uns das Datum der Fälschung näher benennen. Dann hätten wir zumindest einen Anhaltspunkt."

    Ach so ist das. Jetzt konnte Cole die Masche durchschauen. "Du hast also eine Freundin", spottete er.

    "Gwen Parks. Sie arbeitet im Laurent und …"

    "Und deine Freundin wird herkommen, um den Wert meiner Brosche zu bestimmen?"

    "Sie wird nicht den Wert schätzen, sondern sie …"

    Cole lachte laut auf. "Lass mich raten." Er ging einen Schritt auf sie zu. "Die Brosche wird sich als wertlos herausstellen, und du wirst dich anbieten, sie mir abzunehmen. Und dann werde ich erfahren, dass sie in New York ausgestellt ist."

    Aus Lyndseys Gesicht zeichnete sich der blanke Horror ab. "Cole, ich würde niemals …"

    "Niemals was? Niemals alles versuchen, um in den Besitz der Brosche zu kommen? Niemals lügen und betrügen? Mich niemals deswegen heiraten oder mit mir schlafen?"

    Lyndsey ballte die Hände zu Fäusten. "Im Moment ist es mir wirklich total egal, was du von mir hältst. Diese Brosche ist jedenfalls eine Fälschung. Das sage ich dir als Expertin. Wähl selbst einen anderen Experten. Bring sie meinetwegen in den Louvre. Aber wenn du nicht herausfindest, wann sie gefälscht wurde, wirst du nie herausfinden, warum sie gefälscht wurde. Und dann wirst du niemals auch nur den Funken einer Hoffnung haben, die echte Brosche zurückzubekommen."

    Cole starrte Lyndsey an. Sie schien es tatsächlich ernst zu meinen. Er musterte wieder das Schmuckstück.

    "Lass es dir durch deinen argwöhnischen Kopf gehen, Cole. Wie könnte ich denn einfach mit dem Blitz des Nordens verschwinden? Wie kannst du auch nur eine Minute lang denken, dass ich nur so tue, als wäre sie eine Fälschung?"

    Er wusste, dass sie Recht hatte. Aber wer würde und könnte die Brosche fälschen? Und dazu noch so gut, dass es bisher niemand bemerkt hatte? Es waren keine Fotos vom Blitz des Nordens im Umlauf. Niemand hatte Zugang zu der Brosche, außer …

    Er riss die Tür auf. "Joseph!", rief er.

    Der Anwalt eilte sofort herbei. "Mr. Erickson?"

    Cole ließ ihn herein und machte die Tür wieder hinter ihnen zu. "Wir brauchen einen Gutachter. Sofort."

    "Einen Sachverständigen aus einem Museum, der auf Edelsteine und antike Schmuckstücke spezialisiert ist", ergriff Lyndsey das Wort.

    "Stimmt etwas nicht?", fragte Joseph Neely.

    "Die Brosche ist gefälscht." Cole nahm den Mann ins Visier. Jemand in der Kanzlei könnte der Täter sein.

    Neely schwieg betroffen. Er wirkte nicht schuldbewusst. Ihm schienen die Auswirkungen aber sofort klar zu sein. Schließlich sagte er: "Ich weiß nicht, wie die Brosche …"

    "Wir müssen das Wann, Wie und Warum herausfinden", sagte Cole, der Lyndseys Einschätzung jetzt glaubte. Das war eine Katastrophe. Beim Gedanken daran, wie sehr das seine Großmutter aus der Fassung bringen würde, wurde ihm ganz elend. Er musste sie beschützen. Sie durfte das nie erfahren.

Acht Stunden später verschwammen die Buchstaben des gerade fertig gestellten Berichts der Sachverständigen vor Coles müden Augen. Neely hatte ihnen angeboten, sein Büro zu nutzen, um Nachforschungen anzustellen.

    Nachdem sich herausgestellt hatte, dass es dem Sachverständigen im hiesigen Museum an Wissen und Erfahrung fehlte, hatte Cole zugestimmt, Lyndseys Kollegin Gwen Parks aus New York kommen zu lassen. Die beiden Frauen hatten sich zwei Stunden lang fachmännisch beraten, und auch Gwen hatte ihn schnell von ihrer Kompetenz überzeugt. Doch Cole war ihnen schon bald nicht mehr gefolgt. Wichtig war ihm nur gewesen, wie die Beurteilung am Ende ausfallen würde.

    Nun bestätigte ihm Gwen in ihrem Gutachten, dass die Brosche tatsächlich eine Reproduktion war, die vermutlich irgendwann zwischen 1950 und 1975 gefertigt worden war. Damit gab es zumindest einen Hauch von Hoffnung, die echte Brosche noch ausfindig machen zu können.

    "Ich kann meine Fühler ausstrecken", sagte Gwen zu Lyndsey, während Joseph das Schmuckstück wieder in den Safe legte.

    Cole fragte sich, wieso das noch notwendig war. Sicher waren die Edelsteine wertvoll, aber sie waren zu ersetzen. Eine Reproduktion bedurfte wohl kaum ausgeklügelter Sicherheitsmaßnahmen. Er ballte wütend die Hände.

    "Falls die Brosche jemals zum Kauf angeboten worden ist", fuhr Gwen fort, "wird das da draußen jemand mitbekommen haben."

    "Hast du Kontakte zum Schwarzmarkt?", fragte Lyndsey.

    Ihre Freundin nickte, und beide Frauen schwiegen einen Moment.

    Lyndsey stellte ihr keine weiteren Fragen, sondern wendete ihre Aufmerksamkeit Cole zu. "Ich denke, wir sollten jetzt mit Grandma reden."

    Er riss die Augen auf. "Was?"

    "Gwen wird versuchen, ihre Kontakte zu nutzen. Aber wir brauchen weitere Informationen von deiner Großmutter. Je früher, desto besser."

    "Grandma wird kein Wort davon erfahren." Hier ließ Cole nicht mit sich reden.

    Lyndsey stemmte die Hände in die Hüften. "Natürlich wird sie das."

    "Hast du eine Vorstellung davon, wie sehr sie das aufregen wird?"

    Sie ging auf ihn zu. "Natürlich wird sie das aufregen. Aber wenn wir die echte Brosche nicht finden, wird sie das noch viel mehr aufregen."

    "Wir werden es ohne sie herausfinden", beharrte Cole.

    "Die Brosche war während der Zeit, in der sie kopiert wurde, bei Grandma. Sie ist unsere beste Spur", meinte Lyndsey.

    "Nein."

    "Sei vernünftig, Cole. Nur Grandma kann uns sagen, wo die Brosche im Laufe der Jahre genau war und ob sie sie jemals vermisst oder verliehen hat."

    "Meine Antwort lautet nein."

    Lyndsey stellte sich direkt vor ihn und verschränkte die Arme vor der Brust. "Wieso kannst du eigentlich darüber entscheiden?"

    Verärgert stand Cole auf und nahm die gleiche Haltung ein wie sie. "Du wirst nicht hinter meinem Rücken mit ihr reden."

    "Aber die Polizei könnte es tun. Hier ist ein Verbrechen begangen worden, Cole."

    "Wir werden uns selbst darum kümmern." Keinesfalls würde er es zulassen, dass er die Kontrolle über die Nachforschungen verlor, und den Fall irgendeinem überarbeiteten Polizisten anvertrauen.

    "Cole", hörten sie hinter sich Gwens Stimme. Lyndsey und Cole drehten sich um, und Gwen strich sich die blonden Haare hinter das Ohr. "Lyndsey hat Recht. Egal, wen Sie privat oder bei den Behörden um Hilfe bitten werden – mit Ihrer Grandma zu reden, wird das Erste sein, worauf jeder bestehen wird. Und falls nicht, sollten Sie denjenigen wegen Inkompetenz feuern."

    "Sie ist unsere einzige Spur", wiederholte Lyndsey.

    Das spielte für Cole keine Rolle. "Sie ist über siebzig Jahre alt."

    "Sie wird es verkraften."

    "Die Aufregung könnte sie umbringen."

    Lyndsey sah ihn eindringlich an. "Das wird nicht passieren."

    Cole musste anerkennen, dass ihre Augen Intelligenz ausstrahlten und dass sie logisch argumentierte. Er hatte nie bezweifelt, dass Lyndsey klug und fähig war. Und auf diesem Gebiet war definitiv sie die Expertin. Wenn er die Polizei heraushalten wollte, musste er wohl auf Lyndsey und Gwen vertrauen und ihre Ratschläge annehmen. Er hasste das, aber es war eine Tatsache. "Okay. Gut. Wir werden mit Grandma reden."

    "Heute Abend noch?", fragte Lyndsey.

    "Morgen." Er würde seine Großmutter nicht aus dem Schlaf reißen, um ihr eine schlimme Nachricht zu überbringen.

    Gwen nahm ihre Handtasche. "In diesem Fall werde ich jetzt besser nach New York zurückkehren."

    Cole schüttelte ihr dankbar die Hand. "Vielen Dank, dass Sie so schnell gekommen sind."

    "Danke dafür, dass Sie das Flugzeug gechartert haben", erwiderte Gwen.

    "Wenn Sie irgendetwas brauchen, rufen Sie mich jederzeit an", sagte Cole.

    Gwen nickte. "Zunächst einmal werde ich nur einige Telefonate führen. Aber ich werde Lyndsey und Sie auf dem Laufenden halten." Sie sah auf die Uhr. "Wenn ich in London ankomme, wird es dort schon früher Morgen sein."

    "Denken Sie, dass die Brosche in Europa ist?", fragte Cole. Sie suchten nach einer Nadel im Heuhaufen.

    "Ich werde jede Möglichkeit überprüfen."

    Lyndsey umarmte ihre Freundin. "Danke", flüsterte sie.

    "Ich helfe gern." Gwen warf Cole noch einen Blick zu. "Ich werde mich morgen bei Ihnen melden", sagte sie und verließ das Büro.

    Um ihre Müdigkeit und Erschöpfung zu vertreiben, atmete Lyndsey einige Male tief durch. "Wir werden es Grandma schonend beibringen."

    Cole spürte eine schwere Verantwortung auf sich lasten. "Ich weiß nicht, wie wir das bewerkstelligen könnten."

Grandma begrüßte Lyndsey mit einer Umarmung. "Nun? Hat er es getan? Hat er dich gefragt?"

    "Grandma", warnte Cole.

    "Ich hoffe, er hatte einen Ring."

    "Er hatte keinen Ring", sagte Lyndsey.

    "Aber Katie erzählte, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Ich habe gehofft, das sei der Anlass für diesen Besuch."

    "Wir werden heiraten", kündigte Cole an.

    Lyndsey wusste nicht, warum er sich bemühte, die Scharade aufrechtzuerhalten. Katie kannte ihr Geheimnis, und es könnte sein, dass sie die echte Brosche nie fanden. Eine schnelle Hochzeit spielte keine Rolle mehr. Erst jetzt kam ihr wirklich zu Bewusstsein, was das für sie bedeutete. Die Chancen, die Brosche rechtzeitig bis zur Ausstellung in einem Monat zu finden, waren realistisch gesehen gleich null. Sie würde die Ausstellung abblasen müssen und dann ihren Job verlieren. Ihr Ruf wäre ruiniert. Sie konnte froh sei, wenn sie nach diesem Fiasko noch eine Stelle als Museumsführerin bekäme.

    "Ich wusste es", sagte Grandma und klatschte in die Hände. "So wie du sie angesehen hast, war mir das klar."

    "Grandma."

    "Kommt rein." Sie führte die beiden ins Wohnzimmer. "Ich werde Tee machen. Erzählt mir alles. Wann und wo wird die Trauung stattfinden? Lyndsey, du wirst mir eine Gästeliste geben müssen."

    "Wir brauchen keinen Tee. Und es gibt noch kein Datum", sagte Cole.

    "Aber wir müssen doch Vorbereitungen treffen. Zum Glück haben wir schon ein Haus ausgesucht." Sie grinste.

    "Können wir uns bitte setzen?", fragte Cole.

    "Natürlich. Setzt ihr beiden euch schon mal auf die Couch. Ich bin gleich zurück."

    "Grandma." Coles Ton war scharf, und Lyndsey legte ihm eine Hand auf den Arm, doch er schüttelte sie ab.

    "Was ist?"

    Lyndsey stellte sich zwischen die beiden und nahm ihre Hand. "Grandma." Sie sah ihr in die gütig blickenden Augen. "Es gibt etwas, über das wir mit dir reden müssen."

    Grandma warf Cole einen Blick zu und sah dann wieder Lyndsey an. Sie lächelte verschmitzt. "Wird es …, wird es eine schnelle Hochzeit werden?"

    "Wir haben einige beunruhigende Nachrichten für dich", meinte Lyndsey.

    Die alte Frau sah wieder von ihr zu Cole, und das erwartungsvolle Glitzern in ihren Augen verschwand. "Ja?"

    Lyndsey brachte sie dazu, sich auf die Couch zu setzen, und atmete tief ein. "Das lässt sich nicht so einfach sagen."

    "Ist jemand krank?"

    "Nein, allen geht es gut, Grandma. Es geht um den Blitz des Nordens."

    "Wir haben bei Joseph vorbeigeschaut", fuhr Cole fort. "Die echte Brosche ist verschwunden. Das Stück im Safe ist eine Fälschung."

    Seine Großmutter wurde blass. Ihre Lippen bebten, und sie griff sich ans Herz.

    Cole sprang auf. "Grandma?"

    Sie sagte keinen Ton.

    Lyndsey verfluchte sich insgeheim dafür, nicht auf Coles Rat gehört zu haben. Dieser Schock war zu viel für die alte Frau.

    "Grandma?", wiederholte Cole.

    Sie antwortete immer noch nicht.

    "Am besten betten wir sie auf die Couch." Lyndsey legte ein Kissen zurecht. "Grandma? Wir sollten deine Füße hochlegen."

    Cole trat zurück, während Lyndsey seine Großmutter versorgte. "Ich werde Doktor Diers anrufen."

    "Gute Idee", stimme Lyndsey zu, die sich Vorwürfe machte. Dieser Frau war ihr Erbe gestohlen worden. Sie hätten bei der Suche nach der Brosche erst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen sollen. Aber sie hatte es so eilig gehabt und dabei vielleicht einer wundervollen Frau geschadet.

    Grandma griff nach Lyndseys Hand. "Ich brauche keinen Doktor."

    "Nicht sprechen", flüsterte Lyndsey.

    Die alte Frau machte die Augen zu und wirkte sehr gebrechlich. Ihre Haut war durchsichtig, ihr Haar dünn, und auf der Stirn hatte sie Altersflecken.

    Cole legte den Hörer auf. "Doktor Diers ist auf dem Weg. Wie geht es ihr?"

    Seine Großmutter atmete flach, aber regelmäßig. "Ich brauche keinen Doktor."

    "Nun, Doktor Diers wird trotzdem nach dir sehen."

    "Zeitverschwendung."

    Er kniete sich vor die Couch. "Grandma", sagte er weich und nahm ihre Hand. "Wir werden den echten Blitz des Nordens finden."

    Sie sah ihn einen Moment lang schweigend an. "Das weiß ich." Und dann stiegen ihr Tränen in die Augen.

"Sie wird sich jetzt ausruhen." Doktor Diers schloss leise Grandmas Schlafzimmertür. "Offensichtlich hat sie einen Schock."

    "Wir hatten schlechte Nachrichten für sie", erklärte Cole angespannt. "Wahrscheinlich hätten wir den Mund halten sollen."

    Lyndsey wusste, dass er sich die Verantwortung dafür gab. Aber es war ihre Schuld. Zu versuchen, ihre Karriere zu Lasten einer alten Frau zu retten, war unverzeihlich.

    "Ich habe ihr ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben. Es wird ihr bald wieder gut gehen. Sie würde Sie gern sehen."

    Cole nickte und wollte zu ihr gehen.

    "Ihre Grandma hat darum gebeten, mit Lyndsey zu sprechen", sagte der Doktor.

    Überrascht blinzelte Cole. "Warum will sie Lyndsey sehen?"

    Der Arzt zuckte leicht mit den Achseln. "Vielleicht möchte sie lieber mit einer Frau reden?"

    "Ich kann Katie holen."

    "Sie hat nach Lyndsey gefragt."

    "Ich werde zu ihr gehen", erklärte Lyndsey. "Ich verspreche, dass ich mir nur anhören werde, was sie zu sagen hat", meinte sie, als Cole Einwände machen wollte.

    "Ich kann es nicht zulassen, dass du sie aufregst. Wir haben schon genug Fehler gemacht."

    "Ich werde sie nicht aufregen. Und wir hatten keine andere Wahl", versuchte Lyndsey ihn zu beruhigen.

    "Doch, die hatten wir."

    Das stimmte. Aber auf diese Debatte wollte sie sich jetzt nicht einlassen. "Ich werde herausfinden, was sie will, und dann können wir reden, okay?" Sie ging einfach zur Schlafzimmertür und öffnete sie möglichst leise, für den Fall, dass Coles Großmutter eingeschlafen sein sollte.

    Grandma war noch wach, sah aber schmal und mitgenommen aus. "Lyndsey", flüsterte sie.

    Lyndsey machte die Tür hinter sich zu und kam an ihre Seite. "Kann ich dir irgendetwas bringen? Ein Glas Wasser? Ein Aspirin?"

    "Ich habe etwas Schreckliches getan, Lyndsey."

    "Was ist los? Erzähle es mir." Lyndsey setzte sich zu ihr ans Bett.

    Grandma nahm Lyndseys Hand und sah ihr in die Augen. "Ich habe kein Recht, dich darum zu bitten."

    "Nur zu."

    "Bitte sage meiner Familie nicht, was ich dir jetzt erzählen werde."

    "Natürlich werde ich das nicht."

    Grandma atmete tief ein. "Ich habe die Brosche imitieren lassen."

    "Wie bitte?", fragte Lyndsey geschockt. "Wann und wie?" Doch dann besann sie sich und zwang sich, einen moderaten Ton anzuschlagen. " Weißt du, wo die echte Brosche ist?"

    "Nein", antwortete Grandma kläglich.

    "Ich verstehe das nicht." Hatte Grandma etwa Geld gebraucht?

    "Es ist lange her. Ich war damals erst zwanzig Jahre alt. Harold und ich feierten unseren zweiten Hochzeitstag, und ich war mit Neil schwanger. Und dann tauchte da diese Frau auf …"

    Lyndsey wurde das Herz schwer, und sie drückte Grandmas Hand.

    "Sie hatte ein Baby. Einen Sohn. Von Harold." Ihre Stimme wurde brüchig. "Er war sechs Monate alt …"

    "Das tut mir leid."

    Grandma schüttelte den Kopf. "Sie sagte und wusste Dinge … Es war mir klar, dass sie die Wahrheit erzählte."

    Lyndsey stöhnte voller Mitgefühl. Dieses Geheimnis musste sehr schmerzen. Was für eine schreckliche Erfahrung hatte Grandma da machen müssen.

    "Damals herrschten noch andere Verhältnisse", fuhr sie fort. "Die Nachbarn hätten sich den Mund zerrissen, Neil wäre geächtet worden, und die Ranch hätte geschäftliche Einbußen hinnehmen müssen."

    "Hast du mit ihm geredet?", fragte Lyndsey. Schließlich hätte Harold die Verantwortung übernehmen müssen.

    Grandma schüttelte den Kopf.

    "Warum nicht?"

    "Wir hatten so viel durchgemacht. Ich fühlte mich sehr einsam im ersten Jahr und habe Harold die Schuld daran gegeben. Und wir waren nicht …" Sie verstummte verlegen.

    "Es war nicht deine Schuld", sagte Lyndsey. Untreue war nicht durch Probleme in der Beziehung zu rechtfertigen.

    Grandma lächelte unter Tränen. "Aber die Sache mit der Brosche ist allein mir anzulasten. Ich war jung und unerfahren und hatte Angst davor, was die Leute sagen würden. Kurzum, mir war mein Mann und unser gemeinsames Leben wichtiger als ein antikes Schmuckstück."

    Lyndsey lief ein eisiger Schauer über den Rücken. "Was sagst du da?"

    Sie wischte sich eine Träne weg. "Diese Frau verlangte, dass ich ihr den Blitz des Nordens gebe, und ich habe mich darauf eingelassen. Sie sagte, Rupert wäre der erstgeborene Sohn der Ericksons. Deshalb würde ihm die Brosche zustehen. Sie versprach, uns dann für alle Zeit in Ruhe zu lassen."

    "Sie hat dich erpresst?"

    Grandma nickte. "Und ich war ein williges Opfer. Um meine Ehe zu retten, habe ich meine Familie betrogen."

    Lyndsey schloss kurz die Augen. "Hat es funktioniert?"

    "Ja, hat es. Dreißig Jahre lang. Bis jetzt."

    Lyndsey war betroffen und wusste nicht, was sie sagen sollte. Die Brosche war weg.

    "Kannst du sie bitte zurückholen?", fragte Grandma nach einer Weile zaghaft. "Denn wenn du sie zurückbekommen kannst …"

    Lyndsey nickte. "Ja", versprach sie einem inneren Impuls folgend, obwohl sie nicht wusste, ob sie das Versprechen halten konnte. "Egal, wer sie hat und wo sie ist."

    In Grandmas Augen leuchtete Hoffnung auf, und sie bekam wieder etwas Farbe. "Ich habe einen Fehler gemacht."

    "Nein, du hast eine Entscheidung getroffen."

    "Wie soll ich das nur den Jungs erklären?", fragte sie mit brüchiger Stimme.

    "Cole und Kyle müssen das nicht erfahren. Dein Geheimnis ist bei mir sicher."

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