Vom Feind erobert - 15. Kapitel

15. Kapitel

Sie saß allein an der Tafel.

Nun gut, Dutzende weitere Speisende am Tisch straften diesen Gedanken Lügen, aber ohne Brice fühlte sie sich allein. Gillian schaute sich um und stellte fest, dass viele seiner Krieger ebenfalls nicht zum Nachtmahl erschienen waren.

     Brices und ihr Alltag folgte seit zwei Wochen einem bestimmten Rhythmus. Ihr Gemahl hatte sie gebeten, seinen – ihrer beider – Haushalt zu führen, und sie hatte angenommen. Sie bezweifelte, dass er die ganze Tragweite seiner Bitte erfasste, doch ihr war sie durchaus bewusst – ihr wie auch Oremunds noch verbliebenen Getreuen in Thaxted. Brice hatte zu seinem Wort gestanden, und sie war nun nicht länger nur dem Namen nach Lady of Thaxted, sondern verkörperte diese Stellung auch. Zudem hatte er damit bewiesen, dass er ihr vertraute.

     Die Pflichten, auf deren Erfüllung ihre Mutter sie vorbereitet hatte, oblagen nun ihr – oblagen nun abermals ihr, nachdem ihr Vater sie ihr übertragen und Oremund wieder genommen hatte.

     Zu diesen Pflichten gehörte, dafür zu sorgen, dass ihr Gemahl etwas zu essen bekam.

     Er hatte ihr nicht mitgeteilt, dass er das Nachtmahl ausfallen lassen werde. Stattdessen war er im Hof an ihr vorbeigestapft, hatte ihr stumm zugenickt und war auf sein Pferd gestiegen und mit ein paar Männern durchs Tor entschwunden, um irgendetwas zu erledigen. Sie hatte ihm nachgeschaut und auf ein diskretes Zeichen oder einen Blick gewartet, denn diese Art der Verständigung war ihnen in den letzten zwei Wochen zur Gewohnheit geworden. Aber Brice hatte ihr kein Zeichen gegeben. Er hatte sich noch nicht einmal umgeblickt.

     Gillian beendete ihr Mahl, von dem sie ob ihrer Grübeleien kaum etwas geschmeckt hatte. Nachdem sie angewiesen hatte, genügend Essen für die Säumigen warm zu halten, schritt sie die Treppe zu ihrem Gemach hinauf, um auf die Rückkehr ihres Gemahls zu warten.

     Womöglich fühlte sie sich so anders, weil ihre monatliche Blutung zu fließen begonnen hatte? Spürte Brice dies etwa? Oder hatte es ihm eine der Mägde gesagt? Begehrte er sie deshalb nicht? War das so zwischen Eheleuten?

     Sie wusste nicht, wie es bei ihren Eltern gewesen war. Die Fleischeslust zwischen den beiden war nichts, mit dem sie sich befasst hatte. Und obgleich ihre eigene Vermählung oft zur Sprache gekommen war, hatte sie nicht geahnt, was wirklich im Brautbett geschah – bis sie es selbst erlebt hatte. Oh, sie hatte durchaus Dinge gesehen und vernommen, ja gar Männer wie Frauen zotige Bemerkungen über die körperlichen Wonnen machen hören. Aber ehe Brice ihr einige der Freuden gezeigt hatte, hatte sie mit den Bemerkungen nichts anfangen können.

     Nun allerdings verstand sie. Und sie wollte Brice.

     Als sie ihre Kammer betrat, sah sie sich nach Dingen um, die geflickt werden mussten. Zum Nähen setzte sie sich an den Tisch, auf dem mehrere Kerzen brannten. Stich um Stich vernähte sie Risse und besserte dies und jenes aus.

     Ob es etwas Schlechtes war, sich so sehr nach ihm zu verzehren? überlegte sie.

     Lord Raedan gegenüber hatte sie jedenfalls nichts dergleichen empfunden. Raedan war Oremunds Spießgeselle und der Mann, dem ihr Bruder sie versprochen hatte. Dabei war Raedan alt genug, ihr Vater zu sein, ja älter gar. Seine runzelige Haut hing ihm in Falten um den Hals, sein Atem stank, aber noch widerwärtiger waren seine Berührungen. Sie bekam eine Gänsehaut, wenn sie nur daran dachte, was sie in seinem Bett erwartet hätte. Beim besten Willen konnte sie sich nicht vorstellen, die intimen Dinge mit ihm zu tun, die sie mit Brice getan hatte.

     Nun, da sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass Oremund nie versprochen hatte, Raedan werde sie heiraten – nur dass sie diesem Kerl gehören werde. Als Brice Nachricht geschickt und sie davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass sein König William ihm Thaxted übereignet habe, hatte dies Oremund nur angestachelt. Aber er hatte sie Raedan nicht überlassen können, solange er nicht herausgefunden hatte, wo das fehlende Gold war. Ebenso wenig hatte er Thaxted ohne sie verlassen können. Ihre wiederholten Fluchtversuche hatten Oremunds Vorhaben behindert, und Brice und dessen Truppen hatten es zum Glück gänzlich zunichtegemacht.

     Gillian schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet gen Himmel als Dank dafür, dass sie den Machenschaften ihres Bruders entronnen war. Obwohl Brice aus der Fremde stammte, ein Eindringling war und einen feindlichen König unterstützte, hätte Thaxted und ihr selbst nichts Besseres passieren können. Sie hoffte nur, dass sein Wesenswandel heute nicht darauf verwies, dass er diese Ehe letztlich doch für einen Fehler hielt.

     „Betest du für seine oder für meine Seele, Schwesterherz?“

     Eine Stimme, die sie nur noch aus ihren Albträumen kannte, drang aus dem Schatten des Raums zu ihr herüber. Da das Licht der Kerzen neben ihr sie blendete, war der betreffende Winkel nur schwer auszumachen.

     Der Winkel nahe dem Geheimgang.

     Oremund trat in den Lichtkreis und verneigte sich. „Oder betest du für deine eigene Seele und flehst Gott an, er möge dir deinen Ungehorsam vergeben?“ Gillian blickte flüchtig zur Tür und überlegte, ob sie um Hilfe rufen sollte. Bevor sie den Mund öffnen konnte, hatte Oremund bereits sein Kurzschwert gezogen und auf sie gerichtet.

     „Wie hast du den Tunnel gefunden?“, fragte sie. Lediglich ihr verstorbener Vater, sie selbst und ihr Onkel hatten bislang davon gewusst.

     Er lachte, leise nur, aber es klang gefährlich. „Glaubst du wirklich, ich wüsste nicht, wie du aus deiner Kammer entkommen bist? Einer deiner ach so treuen Untergebenen hat mir die Auskunft verkauft. Treue wird überschätzt, weißt du.“

     Ihr Onkel hätte das Wissen niemals preisgegeben. Niemals. Also war sie von jemand anderem hier in Thaxted verraten worden.

     „Es hat sich als kluger Zug von mir erwiesen, allen weiszumachen, du wärest eine Hexe wie deine Mutter“, knurrte er.

     „Ich bin keine Hexe, Oremund, und das weißt du.“

     „Ah, aber du hurst ebenso herum, wie deine Mutter es getan hat. Ich rieche ihn ja regelrecht an dir.“ Er schnüffelte in ihre Richtung. Es wirkte vulgär. „Und du lässt dich von ihm vögeln wie die Hure, die du bist.“

     Gillian schoss so ungestüm hoch, dass es sie selbst überraschte. Mit wenigen Schritten war sie bei ihm und hob die Hand, um ihm diese Schmähung zu vergelten. Aber er war schneller und stärker, fing den Schlag ab und umschloss ihre Hand. Sie versuchte, sich ihm zu entziehen, doch vergeblich. „Er ist mein Gemahl!“, zischte sie.

     „Ein Bastard, der sich bald ein Grab mit all jenen teilen wird, die meinen Plan vereiteln wollen, mein Engel. Und ich nehme an, Lord Raedan wird höchst erfreut über die Bettspielchen sein, die der Bastard dir beigebracht hat. Seine Gelüste sind nämlich ein wenig … außergewöhnlicher als die der meisten Männer. Vermutlich reizt du ihn jetzt, da du eingeritten bist, weit mehr. Jungfrauen können ja so fade sein.“

     Sie keuchte und versuchte abermals, sich ihm zu entwinden. Dieses Mal ließ er sie los, und sie taumelte rückwärts. „Was willst du, Oremund?“

     „Das, was ich immer schon von dir wollte, seit deine Hurenmutter es mir gestohlen hat – das Gold, das mir zusteht.“

     Gillian rieb sich das Handgelenk und schüttelte den Kopf. „Das Gold war Teil der Mitgift, die Vater ihr im Rahmen der Vermählung geschenkt hat.“ Als er die Hand hob, wich sie zurück. „Ich weiß, du weigerst dich, es zu glauben, aber sie haben das Ehegelübde abgelegt. Meine Mutter starb als seine Gemahlin.“

     Er kam auf sie zu, packte sie beim Gewand und zog sie zu sich heran, sodass sie seinem Blick nicht ausweichen konnte. Aus seinen Augen sprühte Wut, und Wut sprach auch aus seinen Worten. „Diese Hure hat meiner Mutter den ihr rechtmäßig angetrauten Gemahl und mir mein Erbe gestohlen. Also, wenn dir etwas liegt an deinem Leben und dem dieses Bretonen, zu dem du ins Bett gekrochen bist, so verrätst du mir jetzt endlich, wo das Gold ist.“

     Wenn Gillian eines gelernt hatte im Umgang mit ihrem Halbbruder, dann die Sinnlosigkeit des Versuchs, mit ihm zu streiten, wenn er vom Zorn beherrscht wurde. Das führte zu nichts, und ohnehin hatte sie vermutlich schon zu viel gesagt. „Meinst du nicht, das hätte ich dir längst gesagt, wenn ich es wüsste?“, fragte sie leise. „Als du mich verprügelt hast? Mich ohne Wasser und Brot eingesperrt hast? Vor meinen Augen meine Bediensteten abgeschlachtet hast? Oder meinen Onkel gezwungen hast zuzusehen, wie du meine Tante tötest, um ihn dazu zu bringen, es dir zu verraten? Wenn ich es wüsste, Oremund, hätte ich all diese Menschen vor ihrem Los bewahrt. Falls es dieses Gold gibt, ist es den Preis nicht wert, den ich gezahlt habe.“

     Oremund trat einen Schritt zurück und ließ sie los. „Sag mir, wo es ist, Gillian, und ich werde diesem Drecksloch, an dem dir offenbar so viel liegt, auf immer den Rücken kehren.“ Er atmete tief und vernehmlich ein und wieder aus. „Sag es mir, und du kannst den Bretonen weiterhin in deinem Bett willkommen heißen.“ Er starrte sie an. „Sag es mir.“

     Gerade wollte sie ihm erneut erklären, dass sie das Versteck nicht kenne, als draußen im Hof ein Tumult losbrach. Aus den gebellten Befehlen schloss sie, dass ihr Gemahl zurück war.

     „Du hast dein Erbe, Oremund. Vater hat dir alles vermacht – seine Titel, seine Ländereien im Norden, seine Habseligkeiten. Das alles ist dein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es gibt keinen Schatz mehr – wenn es ihn denn je gegeben hat. Vater sagte, er habe sein Gold meiner Mutter anvertraut. Sie sollte es hüten für schwere Zeiten. Nach ihrem Tod hat er es nie wieder erwähnt. Er hat mir auch nicht gesagt, was damit geschehen ist.“

     „Oh, es gibt einen Schatz, Gillian. Es gibt ihn, und er ist mein. Ich werde ihn finden.“

     „Falls er existiert hat, so muss Vater damit seine Kriegsausgaben bestritten haben.“ Das jedenfalls hatte sie sich selbst zahllose Male eingeredet.

     Nun kam der Lärm aus der Halle. Laute Männerstimmen waren zu hören, und die Geräusche wurden lauter. Oremund blickte gehetzt von der Kammertür zum Tunnelzugang und von dort zu Gillian, als berechne er, wie viel Zeit ihm noch blieb, um zu fliehen.

     „Vater hätte seine Dirne und seine Bastardtochter nicht mittellos zurückgelassen, nur mit diesem Schweinekoben als Versorgung. Um das Anwesen auf Dauer unterhalten zu können, muss Vermögen da sein – das ist uns beiden doch wohl klar. Finde das Gold, und gib es mir zurück. Oder es werden noch mehr Menschen für deine Dummheit und deinen Dickkopf leiden.“

     Daraufhin glitt er zur Wand, betätigte den Hebel und wurde von der Schwärze des Geheimgangs geschluckt. Als sich die Öffnung hinter ihm schloss, vernahm Gillian Schritte vor dem Gemach.

     Brice.

     Wie sollte sie verhindern, dass er erfuhr, wo genau der Eingang zum Tunnel war und wie die Verriegelung funktionierte? Sollte sie es überhaupt verheimlichen? Sie starrte auf die Wand, hinter der sich der Gang verbarg. Dabei fiel ihr siedend heiß ein, dass Oremund und seine Männer nun nach Belieben kommen und gehen konnten. Ihr war unbegreiflich, wie er überhaupt in die Feste gelangt war und von dem Geheimgang in ihre Kammer erfahren hatte.

     Gillian atmete mehrmals tief durch und versuchte, Anspannung und Bangnis abzuschütteln, damit sie ihrem Gemahl beherrscht entgegentreten konnte. Was das Gold anging, hatte sie Oremund die Wahrheit gesagt – obgleich ihr Vater es ihr versprochen hatte, hatte sie es nie zu Gesicht bekommen. Wenn ihre Mutter den Schatz, ihre Mitgift, versteckt haben sollte, so hatte sie das Geheimnis mit ins Grab genommen, denn nach ihrem Tod hatte ihr Vater nie mehr darüber geredet. Überhaupt hatte er seine Tochter kaum noch wahrgenommen, geschweige denn ernsthafte Gespräche über ihre Zukunft geführt, sosehr war er in seinem Schmerz über den Verlust der geliebten Frau gefangen gewesen. Und sollte das Gold nun wieder auftauchen, gehörte es von Rechts wegen dem bretonischen Ritter, ihrem Herrn und Gemahl.

     Falls man es fand.

     Ein leises Klopfen warnte sie davor, dass Brice gleich eintreten würde, und sie wandte sich zur Tür um.

Brice hatte einen miserablen Tag hinter sich, seit ihm bewusst geworden war, dass sein liebestolles Gehabe der Erfüllung seiner Pflichten in die Quere kam. Auch heute hatte er nichts anderes als seine Frau im Sinn gehabt, während er sich in Halle und Hof betätigt hatte und schließlich mit Stephen und einigen anderen aufgebrochen war, um den Wald zu durchstöbern.

     Der Aufbruch hatte sich als der schlimmste Moment des Tages entpuppt. Wortlos war er an Gillian vorbeigegangen, obwohl ihm nicht entgangen war, wie erwartungsvoll sie ihn angeschaut hatte. Die anderen hatten ihr etwas zugerufen, als sie davongaloppiert waren, doch nicht so Brice, denn er fürchtete, seine Entschlossenheit könne ins Wanken geraten. Und das war sie – kaum hatte er entschieden, welchen Kurs er künftig einschlagen würde, da hatte er seine Meinung auch schon wieder geändert.

     Später hatten sie im Regen gehockt und besprochen, wie sie so viele Morgen Wald durchkämmen sollten. Sie hatten die Straßen mit Wachposten bestückt, die jede Bewegung und jede Gruppe von Männern melden sollten. Und bei all dem hatte er sich erneut vorgenommen, sich strikt an seinen neuen Kurs zu halten.

     Auf dem Weg zu Gillians Kammer hatte er sich verzweifelt bemüht, nicht loszustürmen, sondern beherrschten Schrittes zu Gillians Kammer zu gehen und sein Begehren nach ihr im Zaum zu halten – wenngleich sich dies grundfalsch anfühlte. Er klopfte und trat ein.

     Etwas stimmte nicht, stimmte ganz gewaltig nicht. Er konnte es ihr an den Augen ablesen, an der Blässe ihrer Wangen, an der Art, wie sie dastand. Er schloss die Tür und ging langsam auf Gillian zu. „Seid Ihr wohlauf?“, fragte er und versuchte zu ermitteln, was los war. War sie krank? Er berührte sie an der Wange, und sie zuckte zusammen.

     Etwas war faul hier.

     „Seid Ihr wohlauf?“, erkundigte er sich abermals, als sie schwieg.

     „Ich bin müde, Mylord“, erwiderte sie. „Nur müde.“

     Zeigte sie auf diese Weise ihren Unmut ob seines Verhaltens von vorhin? Brachte eine Gemahlin so vielleicht zum Ausdruck, dass ihr etwas missfiel? „Mylord – nicht Brice?“, fragte er beklommen.

     „Und mein Monatsblut hat heute zu fließen begonnen“, fügte sie hinzu, ohne auf sein Nachhaken einzugehen oder seinem Blick zu begegnen.

     Brice trat zurück und überlegte, was dies mit ihnen beiden zu tun hatte. „Habt Ihr Schmerzen? Braucht Ihr Leoma? Soll sie Euch einen Trank zubereiten oder irgendetwas anderes tun, um Euer Unwohlsein zu lindern?“

     Gillian schüttelte den Kopf, wobei sie den Blick weiterhin gesenkt hielt, und ging zum Bett. „Ich denke, ich benötige nur etwas Ruhe.“

     „Dann ruht, Gillian. Ihr hättet nicht auf mich warten müssen.“

     Sie fuhr leicht zusammen, und er fragte sich, ob er sie gekränkt hatte. Dann jedoch ließ er den Blick an ihr hinabwandern und sah, dass sie eines ihrer Handgelenke umklammert hielt. Brice griff nach ihrer Hand und hob sie, um sie zu begutachten. Erste Anzeichen eines üblen Blutergusses verunstalteten die Haut.

     „Wie habt Ihr Euch das Gelenk so zugerichtet?“

     Gillian entzog ihm die Hand und barg sie an ihrem Leib. „Ich bin gestolpert, Mylord. Ich wollte den Sturz abfangen und bin auf der Hand gelandet.“

     Der miserable Tag wurde noch eine Spur miserabler. Nun wusste er, dass er Gillian mit seinem kühlen Gebaren vorhin tatsächlich verletzt hatte. Schlimmer war jedoch, dass sie ihn anlog.

     Er hatte auf den ersten Blick erkannt, dass die Quetschung von den Fingern einer Hand herrührte. Jemand hatte das Gelenk grob gepackt. Jemand, der größer und stärker war als sie und unverschämt genug, seine Gemahlin anzurühren. Aber wie hatte Oremund – denn kein anderer konnte es gewesen sein – hier auftauchen können, ohne dass seine Männer es bemerkt hatten?

     Brice drehte sich um und betrachtete die Wand. Er tat einen Schritt darauf zu, doch Gillians Stimme hielt ihn zurück.

     „Ich fühle mich nicht gut und würde mich gern hinlegen, wenn Ihr erlaubt.“

     Ihm war klar, dass sie ihn ablenken wollte, dennoch ging er darauf ein und nickte. Argwohn legte sich ihm wie Blei ums Herz. „Braucht Ihr irgendetwas?“

     „Nein, Mylord, nur ein wenig Schlaf.“

     Er stand unweit der Tür. Wie gern wäre er zu Gillian geeilt und hätte sie angefleht, ihm die Wahrheit zu sagen, aber er wagte nicht, sich zu rühren. Sie löste die Schnürung des langen Übergewands und streifte es ab, während sie zum Bett schritt. Statt sich ihm zuzuwenden und ihn zu bitten, sie vom Unterkleid zu befreien, stieg sie ins Bett.

     „Ich kann Euch beim Auskleiden behilflich sein“, bot er an.

     „Nein, Mylord.“ Sie schüttelte den Kopf. „Mir ist kalt, und die Decken werden mich wärmen.“

     Weil Ihr es heute Nacht nicht tun werdet, führte er ihren Satz im Geiste fort.

     Sie sprach die Worte nicht aus, aber er meinte, sie dennoch zu vernehmen. Es war unmissverständlich, dass er in ihrem Bett nicht erwünscht war. Zwischen all den „Mylords“ und der Zurückweisung seiner Hilfe hatte Brice herausgehört, dass er heute Nacht allein schlafen würde. Einen weit schmerzhafteren Stich als die Verbannung aus ihrem Bett versetzte ihm allerdings das Wissen, dass sie es vorgezogen hatte zu lügen, als sie Gelegenheit gehabt hätte, das Ganze zu erklären.

     „So schlaft gut, Madame“, sagte er, während sie es sich auf dem Bett bequem machte.

     Mit dem Rücken zur Wand.

     Was genau ihn beunruhigte, fiel ihm erst später auf, als er längst in der Halle und Mittelpunkt der Scherze war, mit denen ihn die übrigen verheirateten Männer in ihren Reihen willkommen hießen. Nachdem er sich kräftig bedauert hatte, weil er schon nach einem Monat ehelicher Zweisamkeit wieder alleine schlief, und nachdem er Gillians Wortwahl und Verhalten gründlich überdacht hatte, sah er die Lage klarer.

     Das Monatsblut war nichts als ein Vorwand, der Gillian zupasskam, um ihn fernzuhalten. Durch sein eigenes Verhalten hatte er Distanz zwischen sie gebracht, aber seine Gemahlin fürchtete sich regelrecht davor, diese Distanz wieder zu überbrücken.

     Etwas war geschehen in ihrem Gemach. Jemand hatte sie verletzt. Doch sie vertraute ihm nicht genug, um ihm dies zu gestehen.

     Nachdem Brice gegessen und noch ein wenig in der Halle gesessen hatte, zog er sich in die Kammer zurück, in der er auch die erste Woche nach seiner Ankunft geschlafen hatte, als Gillian im Fieber lag. Es war ein zugiger, düsterer Raum, der keine Bilder von Gillian heraufbeschwor. Stundenlang wälzte Brice sich auf dem leeren Bett von einer Seite auf die andere, ehe er sich eingestehen musste, dass er ohne sie nicht schlafen konnte. Endlich gab er den Kampf auf und schritt entschlossen den Gang entlang zu ihrer Kammer.

     Lautlos schlüpfte er hinein, trat ans Bett und betrachtete seine Gemahlin im Schein der mitgebrachten Kerze einige Augenblicke lang. Sie stritt im Schlummer mit jemandem, und er lächelte, denn dies pflegte sie oft zu tun. Nicht selten lag er da und lauschte ihrem Teil des geträumten Disputs. Zum Glück war es nicht die grausige Nachtmahr, die sie während des Fiebers bedrängt hatte. Kein Trost, kein beschwichtigendes Wort hatte sie damals von der Überzeugung abzubringen vermocht, dass ihr Tod durch Oremunds Hand unmittelbar bevorstehe.

     Gillian regte sich, wand sich und streckte einen Arm aus, als suche sie nach etwas. Sie war zur Seite gerückt, sodass neben ihr nun genügend Platz für ihn war. Nein, er wollte nicht allein schlafen. Er zog sich aus, glitt neben sie und war selig, als sie sich unwillkürlich an ihn schmiegte. Mochte sie sich auch in Schlafes Fängen befinden – im Bett jedenfalls vertraute sie ihm, ihrem Gemahl.

     Brice hielt sie fest und hörte zu, wie sie jemandem im Traum die Meinung sagte. Dabei wurde ihm klar, was ihrem Misstrauen Menschen gegenüber zugrunde lag. Jeder, dem sie je vertraut hatte, hatte sie im Stich gelassen. Sie konnte auf niemanden zählen; niemand stärkte ihr den Rücken. Stets musste sie sich selbst verteidigen, selbst Schutzmaßnahmen ergreifen, sich selbst in Sicherheit bringen.

     Mutter und Vater hatten Gillian schutzlos den Intrigen des Bruders ausgeliefert, wenngleich dies nicht ihnen, sondern allein ihrem Ableben anzulasten war. Brice mutmaßte, dass der Tod seiner zweiten Gemahlin Gillians Vater das Herz gebrochen und den Lebenswillen geraubt hatte. Wahrscheinlich hatte seine Pein ihn so sehr vereinnahmt, dass er es verabsäumt hatte, Vorkehrungen zum Schutze seiner Tochter zu treffen. Was dringend vonnöten gewesen wäre, nachdem Oremund mit Eoforwic gebrochen und sich mit den rebellischen Earls im Norden verbündet hatte.

     Eine Verlobung und Vermählung hätten Gillian abgesichert. Vermutlich war es weniger mangelndes Interesse an seiner Tochter, vielmehr war ihr Vater vor Schmerz wie gelähmt gewesen und hatte sich kaum noch um sie gekümmert. Die Dringlichkeit, für ihre Zukunft zu sorgen, hatte er schlichtweg nicht erkannt.

     Eoforwics verhängnisvollstes Versäumnis allerdings – abgesehen davon, dass er den falschen König unterstützt hatte – bestand darin, seinen Sohn vernachlässigt zu haben. Oh, Brice zweifelte nicht daran, dass er gute Gründe gehabt hatte. Aber indem er einfach darüber hinweggesehen hatte, wie es auf seinen Besitzungen zu brodeln begann, hatte er nicht nur sich, sondern auch seine Tochter ins Verderben gestürzt.

     Nun, in Gillians Fall nur beinahe. Brice lächelte und küsste sie auf den Scheitel. Seine Ankunft hatte sie so gerade noch vor dem Schlimmsten bewahrt. Auch Oremunds Plan, wie immer dieser geartet war, wird nicht aufgehen, jetzt da ich hier bin, davon war Brice überzeugt.

     Zunächst allerdings musste Gillian lernen, ihm zu vertrauen.

     Er wusste, wie der erste Schritt dahin aussah, und gleich morgen würde er ihn tun. Sie mochte keine Freunde und Getreuen haben, die sie sich hinter sie stellten, so wie seine Gefährten ihn schützten. Aber sie hatte ihn. Als das für ihn feststand, schloss er die Augen und überließ sich dem Schlaf.

     „Brice.“ Es klang fast wie ein Seufzen.

     „Ich bin hier“, raunte er. „Ich mochte nicht allein schlafen.“

     „Darüber bin ich froh“, flüsterte sie und drängte sich näher an ihn. „So froh.“

Als Brice nach erholsamem Schlummer des Morgens erwachte, war ihm sein in der Nacht gefasster Entschluss sofort wieder gegenwärtig. Er wusste nun, was er im Hinblick auf seine Frau zu tun hatte und wie er ihr Vertrauen gewinnen konnte. Der Ärmel ihres Gewands war nach oben gerutscht, und Brice sah den zunehmend dunkler werdenden Bluterguss in Form einer Männerhand an ihrem Gelenk. Bei Gott, er durfte keine Zeit verlieren.

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