Vom Feind erobert - 16. Kapitel

16. Kapitel

„Bitte, Madame, geht ein Stück mit mir.“

Gillian war dabei, in der Halle einen Stoffstapel durchzusehen, den sie in einer Truhe entdeckt hatte. Als sie aufschaute, begegnete sie dem durchdringenden Blick ihres Gemahls. Seine Augen wirkten schwarz, und erst als er sich vorbeugte, erkannte sie, dass sie so dunkelbraun waren wie stets. Die Frauen, die ihr zur Hand gingen, senkten den Kopf, aber das vielsagende Lächeln entging Gillian nicht.

     „Keine Sorge, Mylady“, meinte Leoma. „Wir kommen vorläufig auch ohne Euch zurecht.“

     Also stand sie auf, ergriff seine Hand und ließ sich von ihm führen, wohin auch immer es ihn zog. Statt zum Schlafgemach zu streben, verließ Brice die Halle und trat auf den Hof. Gillian merkte, dass er absichtlich langsam ging, damit sie mithalten konnte. Sie hatte gesehen, wie schnell er ausschritt, wenn er in Eile war.

     Bald hatten sie die Tür des Wachtturms erreicht. Brice ließ ihr den Vortritt, und sie erklommen die Stiege. Oben stieß er die eisenbeschlagene Tür auf, und sie traten auf die Plattform hinaus, die höchste Stelle von Thaxted. Brice schickte die wachhabenden Posten fort und geleitete Gillian zur Brüstung.

     „Ich habe vor, die Mauern um Thaxted zu erweitern, und hätte diesbezüglich gern Euren Rat“, sagte er und hielt ihr eine Pergamentrolle hin.

     Gillian hatte längst erkannt, dass es bei den Arbeiten rund um Thaxted nicht nur um bloße Ausbesserungen ging, denn diese hatten die Normannen innerhalb von zwei Wochen nach ihrer Ankunft abgeschlossen. Sie entrollte das Pergament, begutachtete die Zeichnungen und lächelte. Einige der Veränderungen hatte schon ihr Vater vornehmen wollen – unter anderem die Mauern zu erweitern, denn einige Freie siedelten aus Platzmangel bereits außerhalb der Umfriedung. Oder vernünftige Stallungen und ein separates Küchengebäude aus Stein zu bauen.

     „Hier wollt Ihr den Wall erweitern?“, fragte sie und deutete zunächst auf den Plan und dann auf den tatsächlichen Abschnitt, den sie vom Turm aus sehen konnten.

     „Ganz recht. Und hier könnten wir unseren eigenen Garten anlegen, wenn Ihr wollt. Dort könnt Ihr anbauen, was immer Ihr wünscht, zum Beispiel …“ Er stockte, als überlege er, was man wohl anbauen könnte. „Ich gebe zu, ich habe keine Ahnung, was Damen in ihrem Garten alles anbauen“, räumte er ein und lachte.

     „Seid Ihr denn noch nie in einem Garten gewesen?“

     „Oh, gewiss doch“, erwiderte er und nickte. Seine Wangen verdunkelten sich kaum merklich. Errötete er etwa? Jedenfalls sagte ihr dies, dass seine Besuche in Gärten nichts mit Kräutern, Gemüse oder anderen wachsenden Dingen zu tun gehabt hatten – sofern man wachsendes Verlangen ausklammerte.

     „Und was habt Ihr in diesen Gärten so gefunden?“, konnte sie sich nicht verkneifen zu fragen.

     „Mondschein. Eine schöne Frau. Und ihren erbosten Gemahl“, sagte er. „Womöglich sollten wir doch lieber keinen Garten anlegen?“

     „Ich hätte aber furchtbar gern einen“, entgegnete sie. „Und zwar dort, also hier …“, sie wies auf die betreffende Stelle in der Zeichnung, „… in der Nähe der Mauer, wo in den Mittagsstunden das meiste Sonnenlicht hingelangt.“

     „So sei es, Ihr sollt Euren Garten haben.“

Etwa eine Stunde lang fachsimpelten sie über die Pläne, änderten auf ihren Rat hin dies und jenes und stritten über so manchen Punkt. Zwar verfiel Brice einmal mehr in seine Angewohnheit, auf Bretonisch zu fluchen, aber erstaunlicherweise tat er ihre Empfehlungen nie ab.

     Lucais und Stephen gesellten sich zu ihnen und brachten ihrerseits Verbesserungsvorschläge und Anregungen ein, um die Feste noch stärker zu machen und die Verteidigungsanlagen wirkungsvoller zu gestalten. Erst später ging Gillian auf, dass Brice und seine Gefährten mit Angriffen rechneten und bereits ohne ihr Wissen einige Änderungen vorgenommen hatten, zum Schutze aller.

     Der Vormittag war fast vergangen, als endlich alles geklärt war. Dass sie an der Zukunft Thaxteds mitwirkte, erfüllte Gillian mit Stolz und dem Gefühl, etwas zu leisten.

     Dies hätte ihr Bruder ihr nie zugestanden.

     Ihr Gemahl hingegen hatte es getan, trotz der gestrigen Unstimmigkeiten zwischen ihnen, was auch immer dahintergesteckt haben mochte. Damit hatte er ihr und seinen Männern gezeigt, dass er ihre Meinung wertschätzte und ihre Wünsche berücksichtigte.

     „Wieso habt Ihr das getan?“, fragte sie, nachdem Lucais und Stephen gegangen waren.

     Brice betrachtete sie einen Moment lang, ehe er den Blick in die Ferne richtete, als suche er dort nach den passenden Worten. „Weil ich denke, dass Ihr zu oft einsam wart. Ihr wart gezwungen, Euch auf niemanden als Euch selbst zu verlassen, wenn es um Euren Schutz ging. Ihr wart gezwungen, Eure Klugheit zu verhehlen und zu fliehen, wann immer es gefährlich wurde. Bei all dem wart Ihr auf Euch allein gestellt und konntet Euch auf niemanden stützen.“ Lächelnd nahm er ihre Hand und streichelte sie sanft, als er fortfuhr: „Ich war immer schon mit treuen Freunden und Gefährten gesegnet, fast alle Bastarde wie ich. Stets haben sie mir den Rücken gestärkt – in der Schlacht ebenso wie im Leben. Sie haben mich beraten, mich ermahnt, mir so manches Mal ordentlich zugesetzt und – vielleicht das Wichtigste – mich in einen sicheren Winkel gewälzt, wann immer ich zu betrunken war, um mein Bett zu finden.“

     Gillian lachte. Unbedingt wollte sie jene beiden Bastarde kennenlernen, die eine solch große Rolle dabei gespielt hatten, ihren Gemahl zu dem Mann zu machen, der er heute war. Zu einem Mann, den sie, da war sie gewiss, eines Tages lieb…

     „Hinzu kommt“, fuhr Brice fort, „dass ich von einem Mann mit Verstand und Weisheit erzogen wurde. Ich höre noch heute seine Worte …“ Er brach ab und starrte abermals in die Ferne.

     Seigneur Gautier hatte drei Bastarde anderer Adeliger zu sich genommen und sie gemeinsam mit seinem ehelichen Sohn großgezogen. Diesen Teil von Brices Geschichte kannte Gillian bereits von anderen.

     „Bislang habe ich geglaubt, ich hätte keine Familie. Aber wenn ich bedenke, welchen Einfluss sie alle auf mein Leben gehabt haben, muss ich einsehen, dass ich doch eine habe.“ Gillian sah, dass seine Augen verdächtig schimmerten, und prompt musste auch sie gegen die Tränen ankämpfen. „Nun möchte ich eine eigene Familie gründen. Mit Euch. Und mit unseren Kindern, sollte uns dieses Glück gewährt werden, Gillian.“

     Er nahm ihre Hand und küsste ihr zärtlich die Finger. „Ich möchte Euch zeigen, dass Ihr anderen durchaus vertrauen könnt – Ihr hattet bis jetzt einfach keine Gelegenheit dazu. Ich möchte, dass Ihr teilhabt an unseren Bestrebungen und nicht von außen zuschauen müsst, während ich allein an der Zukunft – an unserer Zukunft – werkele.“

     Wie gern wäre Gillian auf sein Angebot eingegangen. Ihr Herz sehnte sich so sehr wie ihr Leib nach Brice, aber noch brachte sie es nicht fertig, sich ihm anzuvertrauen. Er hatte recht – jedes Mal, wenn sie in den letzten Monaten jemandem vertraut hatte, war sie verraten worden. Und ob die Betreffenden sie nun absichtlich oder unverschuldet im Stich gelassen hatten, war sie doch wieder und wieder in die Lage geraten, sich allein durchschlagen zu müssen. Nun vertraute sie nur noch auf ihren eigenen Willen, ihre eigenen Gedanken und ihr eigenes Handeln. Entsprechend schwer fiel es ihr, sich den Entschlüssen anderer zu beugen, sich zu öffnen und die Gewalt über ihr Leben in fremde Hände zu legen.

     Obgleich sie dies wollte. Sie hatte Brice kennengelernt, hatte Einblick in sein Leben genommen und wusste, welche Werte er hochhielt. Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter und dem Niedergang ihres Vaters wollte sie ihr Leben einem anderen Menschen anvertrauen.

     „Ich wünschte, mir bliebe genügend Zeit, Euch zu beweisen, dass Ihr mir in guten wie in schlechten Tagen trauen könnt, aber die Zeit habe ich leider nicht. Die Zeit haben wir nicht“, fügte er an. „Auch wenn Euer Bruder es nicht öffentlich kundtut, ist er mit den Rebellen im Bunde, die den König stürzen wollen. Derzeit wirbt er um Unterstützung für Edmund Haroldson. Diese Feste, Euer kleines Thaxted, liegt an einem strategisch wichtigen Punkt. Die Straßen, die hier zusammenlaufen, sind unentbehrlich für Williams Truppen, um die Eroberung weiter ins Landesinnere zu tragen und seine Herrschaft zu festigen.“

     „Thaxted?“ Gillian war nie weiter als bis zum Kloster gekommen und ahnte daher nicht, von welch wesentlicher Bedeutung diese Festung war – dieses „Drecksloch“, wie Oremund es zu nennen beliebt hatte.

     „Edmund hat in Wales Verbündete um sich geschart“, erklärte Brice. „Zwar sind die Earls aus dem Norden wie auch Edgar Ætheling in der Normandie am Hofe Williams, aber ihr Netzwerk aus Spionen und Handlangern versucht nach wie vor eifrig, Edmund den Weg zu ebnen. Und Euer Bruder zählt ebenfalls zu seinen Getreuen.“

     Jetzt ergab auch Oremunds Gier nach dem Gold Sinn. Es ging ihm nicht um den Anspruch auf sein Erbe – es ging ihm darum, sich einen Platz unter den Lords zu erkaufen. Und diese würden den Schatz verwenden, um König William zu stürzen. Gillian hatte selbst nicht viel übrig für den normannischen König, doch sie argwöhnte, dass es Oremund allein um Macht ging, ganz gleich, von wem er sie erhielt und um welchen Preis.

     „Die Pflicht ruft“, sagte Brice und trat einen Schritt von ihr fort.

     „Ich werde über Eure Worte nachdenken.“ Mehr konnte sie ihm im Augenblick nicht zusichern, denn zu viele machtvolle Gefühle, Ängste und Erinnerungen drohten sie zu überwältigen.

     Brice wollte sich abwenden, als Gillian seine Hand ergriff. Sie wollte klären, was gestern zwischen ihnen vorgefallen war. So weit vertraute sie ihm immerhin, dass sie ihm diesen einen Kummer bekennen wollte. Groß war der Schritt nicht, den sie ihm damit entgegenging, aber sie zwang sich, ihn zu tun. „Was war gestern?“, wollte sie wissen. „Was ist da zwischen uns getreten?“ Als er die Stirn runzelte, war sie versucht, die Frage zurückzuziehen. Doch sie musste es wissen, sie wollte es begreifen. „Wollt Ihr mich etwa nicht mehr?“

     Er überraschte sie, indem er den vorderen Saum seines Kettenhemds hob und ihre Hand auf die pralle Wölbung legte, die sie selbst unter dem Stoff der gefütterten Tunika erfühlen konnte. Gillian wollte sich ihm entziehen, aber er hielt sie fest, ließ sie spüren, wie hart und groß er war.

     „Ich will Euch so sehr, dass selbst das Atmen wehtut, Gillian. Ich will Euch in jedem einzelnen Augenblick eines jeden Tages. Manchmal kann ich an nichts anderes denken als daran, wie ich ein ums andere Mal in Euren Schoß hineintauche, bis wir beide keine Luft mehr bekommen und uns Hören und Sehen vergeht.“

     Seine Worte verschlugen ihr den Atem, denn sie riefen all jene Empfindungen in ihr wach, die er in ihr hatte auflodern lassen. Sie erinnerte sich an die unzähligen Male, da er sie wieder und wieder genommen und ausgefüllt hatte, bis sie beide sich nicht mehr rühren konnten. Und sie spürte einmal mehr, wie sehr auch sie ihn begehrte. Brice gab ihre Hand frei und zog sich das Kettenhemd zurecht.

     „Gestern habe ich erkannt, dass ich weit mehr als nur Euren Körper will“, erklärte er. „Ich will ebenso Euren Verstand und Euren Geist, wenn nicht gar Eure Seele.“ Er schenkte ihr das vertraute sündige Lächeln, bei dem sie sich am liebsten auf der Stelle die Kleider vom Leibe gerissen und ihn angefleht hätte, sie von oben bis unten zu küssen und mit seinem Zungenspiel zu verwöhnen. „Oh, das will ich auch“, fuhr er fort, als könne er ihre Gedanken lesen. „Aber das andere ist wichtiger. Und gestern ist mir klar geworden, dass wir uns, was unsere Ziele angeht, nicht näher sind als damals, als ich Euch auf der Straße zum Kloster aufgelesen habe.“

     Er neigte sich vor und küsste sie, und sie schmeckte und fühlte dieselbe Leidenschaft wie eh und je. Nicht etwa erstickt oder verschwunden war sie, sondern sie glomm im Verborgenen. So wie Feuer des Nachts mit Asche bedeckt wurde – bereit, jederzeit aufs Neue aufzuflammen.

     „Ihr braucht nur zu sagen, dass Ihr … gewillt seid, und ihr werdet festzustellen, dass sich an meinem Verlangen nach Euch nichts geändert hat.“

     Gillian atmete aus und versuchte, ihr wild pochendes Herz zu beruhigen. Er nickte ihr zu und schritt die Stiege des Wachtturms hinab. Gillian beschloss, noch ein wenig die kühle Brise zu genießen, bevor sie zu ihrer Arbeit zurückkehrte. Als sie jedoch Brice unten aus dem Turm treten sah, traf sie urplötzlich die Erkenntnis, dass sie ihm einfach trauen musste. „Brice!“, rief sie, aber er schien sie nicht zu hören. „Brice!“

     Sie wandte sich ab und hastete die Stufen hinab, um ihn einzuholen. Atemlos erreichte sie den unteren Treppenabsatz und eilte an den Wachen vorbei, die ihren Platz auf der Plattform wieder einnehmen wollten. Brice drehte sich um, schloss sie in die Arme und wartete darauf, dass sie wieder zu Atem kam.

     „Brice“, stieß sie keuchend aus. „Er war hier gestern Abend. Oremund war hier.“ Sie umklammerte seine Arme. „Es tut mir leid, dass ich es Euch nicht früher gesagt habe.“

     „War er allein? Wann war er da? Und wo war er?“ Die Fragen folgten blitzschnell aufeinander. Brice rief Stephen und Lucais zu sich und harrte dann Gillians Antwort.

     „Ob er allein war, weiß ich nicht“, erwiderte sie. „Er war in meiner Kammer, wo ich nach dem Nachtmahl auf Euch gewartet habe. Als Ihr und Eure Männer zurückgekehrt seid, ist er verschwunden.“

     Er zog sie näher und hielt sie einen Augenblick lang einfach nur fest. Dadurch, dass sie ihm die Wahrheit eröffnet hatte, hatte sie einen größeren Schritt auf ihn zu gemacht, als ihr vermutlich bewusst war. Und doch musste er sie nun bitten, einen noch Größeren zu tun. „Wohin führt der geheime Gang?“, fragte er und ließ sie los, um sich auf ihre Worte zu konzentrieren.

     „Von meiner Kammer zur Schmiede.“

     Schon wieder der Schmied. Ihr Onkel. War es möglich, dass er mit Oremund im Bunde war? „Kommt“, sagte Brice. „Ich würde gern ein Wörtchen mit Eurem Onkel reden.“

     Sie gingen quer über den Hof zu der Kate, in der sich Haefens Schmiede befand. Brice spürte, wie Gillian seine Hand ergriff und umklammerte. Vielleicht geschah es unbewusst, und sie merkte es gar nicht, aber ihm fiel es sehr wohl auf. Es rührte an sein Herz zu wissen, dass sie sich mühte, ihm zu vertrauen.

     Die Fensterläden, durch die sonst frische Luft und Licht in die Schmiede drangen, waren verriegelt. Stephen schlug polternd gegen die Tür, aber von drinnen war nichts zu hören. Fast mühelos brachen die Männer die Tür auf, und Stephen trat in die Hütte. Brice stand zwischen der Schmiede und Gillian und wartete.

     „Leer, Brice“, berichtete Stephen, als er wieder nach draußen trat. „Er ist nicht hier.“

     „Hör dich um“, wies Brice ihn. „Finde ihn.“ Stephen verschwand, um Nachforschungen anzustellen, und Brice führte Gillian in Haefens Hütte.

     „Hier drüben, in diesem Winkel dort“, sagte sie und ging ihm voran durch das aufgeräumte Innere zur Rückseite der Schmiede.

     „Alles wirkt wie immer. Keines der Werkzeuge fehlt.“ Brice ließ den Blick durch den engen Raum wandern und sah keinerlei Anzeichen eines Kampfes. „Wie verschafft man sich Zugang zum Gang?“

     Er beobachtete, wie sie etwas öffnete, das von vorn wie ein Verschlag aussah. Hinter der hölzernen Klappe jedoch verbarg sich eine Tür. Gillian griff in die linke obere Ecke, steckte zwei Finger in einen Spalt und bewegte sie aufwärts, abwärts und wieder aufwärts. Die Tür an der Rückseite des Verschlags schwang auf und enthüllte einen finsteren Gang.

     „Nun schließt den Zugang wieder.“

     Sie nickte, und erneut verfolgte er aufmerksam, was sie tat. Um die schwere Tür zu schließen, bediente sie sich einer Ritze in der gegenüberliegenden Ecke. Gillian trat zurück, um ihm Platz zu machen. Sein Wissen, was den Umgang mit einer Ehefrau anbelangte, war zwar beschränkt, aber mit Schlössern und mechanischen Apparaturen kannte er sich aus. Diese Kenntnisse hatte er sich während seiner wenig ehrenhaften Vergangenheit angeeignet, ehe Seigneur Gautier ihn zu sich genommen hatte. Er konnte jedes Schloss knacken oder zerstören, und das hatte sich so manches Mal als nützlich erwiesen.

     Brice rief Lucais zu sich, suchte nach einer Fackel und entzündete sie an den glimmenden Kohlen in der Esse. Er wies ihn an, Gillian zurück in ihre Kammer zu geleiten. Nachdem auch Ernaut herbeizitiert worden war, um ihm den Rücken zu decken, betrat Brice den schmalen Tunnel und folgte dem gewundenen Gang bis zu der kleinen Stiege, die zu Gillians Gemach hinaufführte. Bevor er die Stufen erklomm, forschte er nach weiteren Abzweigungen und fand zwei, jede davon hinter weiteren Türen versteckt.

     Es war eine geniale Erfindung. Die Erbauer hatten Türen und Vorrichtungen geschickt verborgen, und diese waren ohne viel Kraftaufwand zu bedienen. Sogar eine Frau konnte sie bewältigen, sofern sie von ihnen wusste. Brice tastete sich weiter und bemerkte Spuren von Beschädigung auf dem festgestampften Lehmboden. So als habe jemand nach etwas anderem als Türen gesucht. Nach etwas gegraben vielleicht?

     Schließlich stieg er die Treppe hinauf und kam zum Ende des Gangs. Seiner Position nach zu urteilen, stand er vor der Rückwand zu Gillians Kammer. Er hob die Hand und fand die Öffnungsvorrichtung, und die Wand tat sich auf. Dahinter stand Gillian. Sie rang die Hände und blickte überaus besorgt drein.

     „Ich wollte den Zugang gerade öffnen und nach Euch suchen“, empfing sie ihn. „Ihr habt lange gebraucht.“ Sie trat beiseite, sodass Brice und nach ihm Ernaut der Enge des Tunnels entfliehen konnten.

     Brice schloss die Tür und beobachtete, wie sie, durch ein Gegengewicht geführt, geschmeidig zuglitt. Eindrucksvoll. Er musste dem Geschick des Erbauers Bewunderung zollen, dessen es bedurfte, eine solche Anordnung zu entwerfen und zu bauen.

     „Hat Euer Vater dies einrichten lassen?“

     „Ja, kurz nach meiner Geburt – er war wie besessen davon, einen Fluchtweg zu schaffen für den Fall, dass uns Ungemach drohen sollte.“

     „Weise gehandelt. Eine exzellente Arbeit“, erwiderte Brice und entließ Ernaut, nachdem er ihn ermahnt hatte, mit niemandem außer Lucais oder Stephen über den Tunnel zu sprechen. „Wusstet Ihr, dass jemand im Gang gegraben hat?“, fragte er Gillian.

     Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hatte nie Muße für eingehendere Betrachtungen, wenn ich hindurchgeeilt bin.“

     Er lachte über ihre verdrossene Miene. „Zugegeben, nicht gerade ein Ort, der zum Verweilen einlädt. Habt Ihr keine Fackel mitgenommen?“

     „Ich hatte bislang nie die Zeit, erst eine zu besorgen und zu entzünden.“

     Natürlich nicht. Wenn sie gezwungen war, durch den Gang zu fliehen, rannte sie um ihr Leben und schaute nicht nach links und rechts, nicht nach oben und unten. „Hat Euer Vater Euch den Weg gezeigt?“

     „Nein. Er hat ihn mir beschrieben. Die Stufen hinab, dann nach rechts und nach fünfundzwanzig Schritten wieder nach rechts. Gezeigt hat er mir, wie man den Zugang öffnet.“

     Also hatte sie keine Ahnung von den Gängen, die vom Haupttunnel abzweigten. Allerdings argwöhnte er, dass Oremund davon wusste.

     „Könntet Ihr den Zugang versperren, damit niemand ihn mehr benutzen kann?“

     „Glaubt Ihr denn, dass Euer Bruder zurückkommt?“

     Die Frage schwebte unheilvoll im Raum, und Gillian antwortete nur mit einem knappen Nicken. Brice sah sich in der Kammer um. Solcherlei Konstruktionen wurden für gewöhnlich mitsamt Schlüssel gefertigt. Mit diesem ließ sich die Schließvorrichtung sperren, sodass das Gegengewicht blockiert war.

     „Hat Euer Vater Euch nach dem Tod Eurer Mutter irgendeinen Schlüssel gegeben?“, fragte er. Etwas offen herumliegen zu lassen, war manchmal die gewiefteste Art, es zu verstecken.

     „Nur den Bund mit den Schlüsseln für Halle und Wirtschaftsgebäude“, entgegnete sie und griff nach dem Ring, der an ihrem Gürtel hing. „Hier.“ Sie löste ihn und reichte ihn Brice.

     Er nahm die Schlüssel und trat näher ans Fenster, um sie zu begutachten. Vier ähnelten sich und erregten dadurch seine Aufmerksamkeit. Er erkannte, wofür sie dienten, und nahm sie vom Bund.

     „Die da sind …“ Gillian stockte und betrachtete die Schlüssel. „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, zu welchen Türen sie gehören. Ich dachte, Ihr hättet sie vielleicht hinzugefügt.“

     „Wann habt Ihr den Schlüsselbund vor meinem Eintreffen zuletzt gesehen?“ Immer mehr Fäden des Gespinstes zeigten sich, immer mehr Verbindungen zwischen Oremund und Eoforwics Tod traten zutage. „Versucht, Euch genau zu erinnern, Gillian.“

     „Ehe mein Vater mit König Harold aufbrach. Danach noch einmal, als Oremund eintraf und die Nachricht von Vaters Tod brachte. Oremund trug die Schlüssel am Gürtel, um mir seine Vormachtstellung vor Augen zu führen.“

     Brice legte die vier einander ähnlichen Schlüssel auf den Steinboden vor dem Kohlebecken und zückte seinen Dolch. Er setzte die Klinge so an, dass sie den ersten Schlüssel der Länge nach teilte, und drückte sie fest nach unten. Wie er beabsichtigt hatte, zersprang der Schlüssel in zwei Hälften. Er wiederholte den Vorgang bei den übrigen Schlüsseln und gab sie Gillian mit der Anweisung, jedes Paar separat zu halten.

     „Wo habt Ihr das gelernt?“, fragte sie erstaunt.

     Er lachte über ihren Gesichtsausdruck, ohne recht zu wissen, ob Gillian bestürzt oder beeindruckt ob seiner Fähigkeiten war. Als er fertig war, nahm er alle Paare und steckte jeden Schlüssel in die Kerbe neben dem Tunnelzugang. Als er den Passenden fand, drehte er ihn herum. Anschließend versuchte er, die Tür zu öffnen. Sie blieb verschlossen.

     „Und wo habt Ihr das gelernt?“

     „Ich war nicht immer der feine Edelmann, der Euch geheiratet hat, Gillian.“ Sie lachte, und das tat gut, auch wenn die Lage ernst war. „Als ich noch ein aufmüpfiger junger Taugenichts war, habe ich mich mit einer Bande von Dieben herumgetrieben und mir gestohlen, was ich zum Leben nötig hatte. In dieser Zeit habe ich alles über Schlösser gelernt – wie man sie anfertigt und vor allem wie man sie öffnet.“ Gillian starrte ihn ungläubig an, und er nickte. „Es gab keine Tür, die mir verschlossen blieb, und kein Schloss, das mich ein- oder ausgesperrt hätte.“

     „Und Lord Gautier wusste davon?“

     „Er hat es geahnt.“ Brice lächelte. „Hätte man mich erwischt, so hätte ich zur Strafe mindestens eine Hand eingebüßt. Als Seigneur Gautier mich zu sich nahm, band er mir als Erstes die rechte Hand auf dem Rücken fest, sodass ich sie nicht benutzen konnte. Drei Tage und drei Nächte lang hat er mich so herumlaufen lassen und mich anschließend gefragt, ob ich wirklich so leben wolle.“

     „Ein weiser Mann.“

     „Ja, diese Lektion habe ich rasch und ganz ohne Worte gelernt. Etwas länger hat es gedauert, mir Anstand beizubringen“, gab er zu. „Aber nach wie vor weiß ich mit Schlössern umzugehen, auch wenn es nur selten vonnöten ist.“

     „Und was habt Ihr damit vor?“ Gillian deutete auf die Schlüssel.

     „Ich möchte den Zugang nicht gänzlich versperren. Denn dann bliebe Euch kein Weg hinaus, falls Ihr fliehen müsst. Aber ich kann die Vorrichtung so einstellen, dass Ihr den Zugang hier …“, er nickte in Richtung der nun wieder solide wirkenden Wand, „… und den Ausgang in der Schmiede von innen bedienen könnt.“

     „Ich will nicht, dass er noch einmal hereingelangt, Brice“, wandte sie entschieden ein. „Verschließt den Gang. Versiegelt ihn von mir aus, aber sperrt Oremund aus.“

     Ehe Brice ihr den Rest erklären konnte, wurden sie unterbrochen, denn Stephen rief durch die Kammertür hindurch. Brice hätte die anstehende Angelegenheit lieber in der Halle beredet, denn er wusste, dass das Folgende eine weitere Bresche in Gillians Vertrauen schlagen würde. Aber sie musste der Wahrheit ins Auge sehen. Also ließ er seinen Freund eintreten.

     „Hast du ihn gefunden, Stephen?“

     Der Krieger blickte von Brice zu Gillian und wieder zu Brice. „Keine Spur von ihm. Meine Männer haben jeden Winkel in Wohnturm, Hof und den übrigen Gebäuden durchstöbert. Niemand will ihn nach dem Nachtmahl mehr gesehen haben – nachdem du zurückgekehrt bist, Brice. Er ist fort.“

     „Mein Onkel?“, fragte Gillian und trat auf Stephen zu. „Er würde Thaxted niemals verlassen.“

     Brice schwieg – er musste auch gar nichts sagen. Seine Frau mochte sich von Gefühlen leiten lassen, aber sie war auch klug und würde die Einzelteile selbst zusammenfügen können. Er beobachtete besorgt, wie die Erkenntnis sie wie ein Hammerschlag traf und ihre Hände zu zittern begannen. Alle Farbe wich aus ihren Wangen, und als sie den Blick auf ihn richtete, traf ihn die Verlorenheit darin bis ins Mark.

     „Niemals“, hauchte sie und schüttelte den Kopf. Mochte ihr Verstand die Wahrheit auch sehen, so sperrte sich ihr Herz doch mit aller Macht dagegen. „Er hat mich beschützt. Er hat mir zur Flucht verholfen. Niemals würde er …“ Sie brach ab, stand einfach da und verweigerte sich der grausamen Gewissheit.

     „Geh, such weiter“, befahl Brice.

     „Er ist nicht hier“, wandte Stephen ein.

     Mit einem Nicken entließ Brice ihn. Stephen war sein bester Jäger. Und wenn der den Kerl nicht aufspüren konnte, so zweifelte er nicht im Mindesten daran, dass Haefen tatsächlich verschwunden war.

     Blieb nur zu klären, wie tief er in Oremunds Pläne verstrickt war und was er sich seine Dienste kosten ließ.

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