Vom Feind erobert - 18. Kapitel

18. Kapitel

Brice stand auf dem Wachtturm und wartete auf Gillian. Der Tag war klar und sonnig; die Unwetter der vergangenen Tage hatten den Himmel reingewaschen. Was nicht hieß, dass es in diesem Land morgen nicht schon wieder regnen konnte.

     Seit jenem Tag vor einer Woche, da Gillian ihnen von dem Goldschatz berichtet hatte, hatte Brice sich einen Plan ausgedacht. Zahlreiche Männer wurden für die Umsetzung gebraucht – Kämpfer ebenso wie jene, die auf Thaxted und den Feldern arbeiteten. Auch ein paar persönliche Einsichten waren in den Plan mit eingeflossen. Das Wissen um die menschliche Gier, zum Beispiel, und um die Beweggründe aller, die aufbegehrten. Und ebenso das Wissen darum, wie das Bestreben eines Mannes, die Frau zu schützen, die er liebte, außer Kontrolle geraten konnte. In vielerlei Hinsicht traf das auf ihn selbst zu, aber in diesem Fall ging es um Gillians Vater.

     In wenigen Augenblicken würde sein Vorhaben in die Tat umgesetzt werden, und die Dinge würden ins Rollen geraten. Leider gab es in der Liebe wie im Krieg so manche Unwägbarkeit, die sich nicht beeinflussen ließ. Manchmal lief eine Sache eben nicht wie geplant. Brice hoffte, dass dies nicht im Hinblick auf Thaxted galt. Er hörte, wie Gillian mit einem der Wachmänner scherzte und lachte. Schließlich stürmte sie durch die Tür und zauberte ein Licht in sein Herz, das ihm einst undenkbar erschienen wäre.

     Als sie ihn erblickte, hatte sie nur noch Augen für ihn, und ein wohlig warmer Schauer durchrieselte ihn. Sie hatten es weit gebracht seit jener Nacht, in der er sie eingefangen und sie ihn besinnungslos geschlagen hatte.

     „Mylord“, begrüßte sie ihn. „Ihr habt mich rufen lassen?“

     „So ist es, Madame.“ Er sah ihr über die Schulter und wartete einen Moment. „Wo ist Ernaut?“ Er hatte nach beiden geschickt.

     „Will gleich hier sein, Mylord“, erklärte einer der Wachmänner. „Wollte schnell noch etwas erledigen.“

     Brice entließ die Männer, nahm Gillian bei der Hand und führte sie zum anderen Ende der Plattform, von wo aus man hinunter in den Hof schauen konnte. Er lächelte sie an. „Womit sollen wir uns nur die Zeit vertreiben, bis sich der junge Ernaut zu uns bequemt?“

     Gillian warf sich ihm kurzerhand in die Arme, und so vertrieben sie sich die Zeit auf höchst amouröse Weise. Nie hatte Brice sich dies mit einer Ehefrau vorstellen können. Als Ernaut endlich eintrudelte, war Gillians Stirnreif verrutscht, der Schleier hatte sich ihr um den Hals gewunden, und ihren Lippen war anzusehen, dass sie geküsst worden waren – ausgiebig geküsst.

     „Monseigneur. Mylady.“

     „Monseigneur!“, rief Ernaut von der Tür her eine Spur lauter, nachdem sein erster Versuch, auf sich aufmerksam zu machen, ungehört verhallt war.

     Brice löste sich von Gillian, die sich das Haar glatt strich, den Schleier richtete und den Reif geraderückte, damit er das Tuch an seinem Platz hielt, ehe sie dem Jungen entgegentrat. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und beinahe hätte Brice sie erneut an sich gezogen.

     „Wir müssen über ernste Angelegenheiten reden“, eröffnete er den beiden, wobei er aus Gewohnheit die Stimme senkte. „Gillian, ich bin auf Eure Mithilfe angewiesen. Und du, Ernaut, musst meine Gemahlin bis aufs Blut verteidigen und beschützen. Ich kann den Plan erst ausführen, wenn ich felsenfest davon überzeugt bin, dass sowohl du, Ernaut, als auch Ihr, Gillian, meinen Anweisungen fraglos und umgehend Folge leistet.“

     Brice beobachtete, wie Gillian über seine Worte nachsann. Er konnte es kaum erwarten, sie über das Unterfangen ins Bild zu setzen, aber inzwischen kannte er sie gut genug, um ihr Zögern nicht als Sturheit auszulegen. Sie wollte stets zuerst begreifen, worum es ging und welche Rolle sie dabei spielte. Dann, so wusste er, beurteilte sie Pläne und Vorgehensweisen so scharfsinnig, wie er es selten erlebt hatte.

     „Beim bevorstehenden Angriff geht es für uns alle um Leben und Tod“, erklärte er. „Jede Verzögerung, jedes Zaudern wird Menschenleben kosten. Ich kann nicht kämpfen und all meine Aufmerksamkeit auf das Gefecht richten, wenn ich mir um die Sicherheit meiner Gemahlin Gedanken machen muss.“

     Gillian traten Tränen in die Augen, und wäre Ernaut nicht dabei gewesen, hätte Brice sie in die Arme geschlossen und versucht, ihr die Angst zu nehmen. Der Junge räusperte sich, als ahne er, was er dachte.

     „Ernaut.“ Brice sah den jungen Mann an, der längst bewiesen hatte, dass er der ihm bevorstehenden Aufgabe gewachsen war. „Sobald du hörst, dass sich Ärger anbahnt, sei es durch einen Schlachtruf oder einen Angriff, suchst du Lady Gillian auf und bleibst als Leibwächter an ihrer Seite. Du musst ihr bei dem helfen, was sie wird tun müssen, und darfst nichts anderes im Sinn haben. Lass dich nicht in den Kampf verstricken. Lass dich nicht ablenken, wenn andere dich rufen oder brauchen. Du hast dich ausschließlich um meine Gemahlin zu kümmern.“

     „Jawohl, Monseigneur.“ Ernaut nickte knapp.

     „Was soll ich denn tun, Mylord?“, fragte Gillian.

     „Das, was Ihr am besten könnt, Liebste.“ Oh, ihr Blick sagte ihm, dass sie dabei an etwas völlig anderes dachte als er! „Ich möchte, dass Ihr fortlauft.“

     „Wie bitte, Mylord?“ Ihre Augen wurden schmal. „Ich soll fortlaufen?“

     „Ihr müsst aus Thaxted fliehen und Euch so rasch wie möglich zum Kloster begeben. Ernaut wird Euch den Rücken decken und beschützen, aber ich weiß, dass auch Ihr Euren Teil zum Gelingen beitragen werdet.“

     „Fortlaufen?“, wiederholte sie. Dass dies ihre bemerkenswerteste Fertigkeit sein sollte, erschütterte sie sichtlich.

     „Nicht jedem gelingt es, sich aus einer gefährlichen Lage zu befreien und seinen Feinden zu entfliehen, Gillian“, erklärte Brice. „Zugegeben, mir habt Ihr letztendlich nicht entkommen können, aber Eurem Bruder seid ihr gleich mehrmals entronnen.“ Er sah von ihr zu Ernaut. „Nun müsst Ihr es noch einmal tun und sicher zum Kloster gelangen.“

     Bevor er weitersprechen konnte, hallten Rufe aus dem Hof zu ihnen herauf, und eine Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Einer der Wachposten kam angerannt, um sie ihnen zu übermitteln. „Sie haben das Gold gefunden, Monseigneur. Stephen hat das Gold gefunden!“

     Ernaut jauchzte, und Brice entließ ihn, damit er einen Blick auf den Schatz werfen konnte. Gillian wirkte fassungslos. Er hielt sie zurück, als sie Ernaut nachsetzen wollte, der die Stufen hinabsprang und in Richtung Wohnturm davoneilte.

     „Es gibt kein Gold in Thaxted“, stellte Gillian schlicht, aber nachdrücklich fest, als Ernaut fort war.

     „Nein, Gillian, es gibt kein Gold in Thaxted.“

     In diesem Augenblick trugen mehrere Krieger eine verdreckte Holztruhe über den Hof und öffneten den Deckel. Obenauf im Innern der Truhe prangte ein großes goldenes Kreuz an einer Kette. Jeder im Hof kam herbeigelaufen, um die Kiste in Augenschein zu nehmen, während die Männer sie in die Halle schleppten. Die Menschen brachen in Jubel aus und schauten zu Brice auf, und er hob einen Arm und fiel in ihre Hochrufe mit ein. Als er sich wieder umwandte, fixierte Gillian ihn finster.

     „Und was, bitte sehr, hat es damit auf sich?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, und ihre Augen wurden noch eine Spur schmaler.

     Brice erwiderte nichts, sondern gab ihr Zeit, seinen Plan selbst zu erfassen. Als sie aufkeuchte, wusste er, dass sie verstanden hatte.

     „Ihr habt einen Köder ausgelegt, um Oremund in die Falle zu locken“, stellte sie fest.

     „Ihn und Edmund Haroldson. Und einige ihrer nördlichen Verbündeten, die von Rechts wegen die Waffenruhe einhalten müssten, die William ausgehandelt hat, als er die Earls aus dem Norden in die Normandie schickte.“

     „Brice, das ist zu gefährlich.“ Sie berührte ihn am Arm. „Wir haben nicht genügend Männer und Waffen, um eine solche Streitmacht wie die ihre niederzuringen.“

     „Doch, Gillian, das haben wir – wenn ich all meine Krieger an einem Ort zusammenziehe und sie nicht verteile, um mal hier, mal dort ein Grüppchen zu bekämpfen.“ Mit einer ausladenden Geste wies er auf das Umland, wo in letzter Zeit immer wieder kleinere Unruhen ausgebrochen waren.

     Eine Weile war Gillian in Gedanken versunken und ließ den Blick über den Hof und die frisch bestellten Felder hinter den Mauern schweifen. Ihre Unterlippe bebte, aber schließlich begegnete sie seinem Blick fest.

     „Ich will, dass Ihr Oremund für das, was er Vater und Thaxted angetan hat, unter Eurem Stiefelabsatz zerquetscht.“

     Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und kurz war er froh darüber, dass sie jemand anderen und nicht ihn meinte. „Das werde ich“, entgegnete er und zog sie an sich. „Aber das kann ich nur, wenn ich Euch in Sicherheit weiß. Ihr müsst mir versprechen, dass Ihr Euch ins Kloster begebt, sobald der Angriff beginnt. Sofort. Ohne zu zögern oder Fragen zu stellen.“

     „Ich verspreche es, Brice.“

     Er küsste sie auf den Scheitel und trat zurück. „Nur Stephen, Lucais und ein paar andere wissen, dass das Gold falsch ist. Ernaut weiß es nicht.“ Er bot ihr seinen Arm und führte sie zur Stiege. „Kommt, werfen auch wir einen Blick auf den Schatz von Thaxted.“

     Sie lachte, und in diesem Moment ging Brice auf, dass er den Schatz von Thaxted längst besaß – den einzigen jedenfalls, der für ihn zählte.

„Welche Neuigkeiten gibt es aus Thaxted?“, verlangte Oremund zu wissen. Ihm war zugetragen worden, dass sein Spion im Lager aufgetaucht war, aber bislang hatte er diesen nicht zu Gesicht bekommen. Seine Anhänger wechselten Blicke, doch niemand antwortete auf die Frage. „Wo ist er?“

     „Da kommt er, Mylord“, sagte jemand in Oremunds Nähe.

     Der Spitzel näherte sich – es war derselbe Mann, der ihn auch über Eoforwics Fluchttunnel in Kenntnis gesetzt hatte. Ihm folgten Edmund und die beiden Männer, auf deren Land sie sich verbargen und die Edwin of Mercia treu ergeben waren.

     Haefen trat vor.

     „Sie haben das Gold gefunden.“

     Oremund spürte, wie sein Blut zu kochen begann und vor seinen Augen alles verschwamm. Sterne tanzten ihm vor den Augen. „Dieses verlogene, diebische Luder!“ Der Fluch war heraus, ehe er sich zügeln konnte. „Ich werde ihr die lügnerische Zunge herausschneiden, bevor ich ihr die Kehle aufschlitze!“, brüllte er wutentbrannt. „Sie hat es die ganze Zeit über gewusst! Und ausgerechnet diesem bretonischen Bastard verrät sie das Versteck?“ Er starrte Gillians Onkel an. „Und du willst es nicht gewusst haben? Du hast mir erzählt, es gebe kein Gold in Thaxted. Was sagst du nun, Haefen?“

     Der Schmied blieb stumm. Wie weise von diesem niederen Tölpel. Schließlich hatte sein Weib sterben müssen, weil Gillian das Gold nicht hatte preisgeben wollen. Daran sollte er ruhig eine Weile kauen!

     „Edmund, trommele die Männer zusammen“, wies Oremund an. „Wir ziehen gegen Thaxted.“

     Bis tief in die Nacht hinein entwarfen sie Strategien, und als der Morgen graute, wussten sie, wie sie Thaxted einnehmen würden. Obgleich Oremund noch immer vor Wut schäumte, weil seine liederliche Schwester ihn getäuscht hatte, wusste er doch, dass das Gold, Thaxted und auch diese kleine Hure in wenigen Tagen ihm gehören würden. Und ihr bretonischer Gatte würde Futter für die Würmer sein.

     Das ließ ihn lächeln.

     Es war lange her, dass etwas ihm ein Lächeln entlockt hatte.

Wäre sie nicht vorbereitet gewesen, hätte Gillian laut aufgelacht, als sie die mit Gold gefüllte Truhe betrachtete. Der Gegenstand, der obenauf lag und den Blick auf sich zog, war echt, der Rest hingegen nicht. Aber das machte nichts, denn die meisten der in der Halle Versammelten dürften noch nie im Leben echtes Gold gesehen haben, wurde ihr klar, als sie sich umschaute.

     Und nach den Plänen ihres Gemahls würde es zu spät sein, wenn Oremund erst einmal so nahe war, dass er die Fälschung bemerkte.

     Das kann gar nicht rasch genug sein, entschied sie, denn sie verspürte einen Rachedurst, der keine Gnade kannte und nur durch Oremunds Blut zu stillen war. Ihr Halbbruder sollte büßen für seine Sünden – für all seine Sünden.

     Brice wartete, bis jeder das Gold begutachtet hatte. Dann ließ er die Truhe verschließen und in die Vorratskammer schaffen, vor der eine Wache Aufstellung nahm. Alles nur Mummenschanz. Alles nur, um Oremunds Aufmerksamkeit zu wecken. Sein Plan würde aufgehen, weil Oremund der Versuchung, um des Goldes willen zurückzukehren, nicht würde widerstehen können. Davon war Brice überzeugt. Des Goldes wegen und um sich an Gillian zu rächen. Und um mich umzubringen, weil ich mich eingemischt habe.

     Während Gillian die Vorbereitungen verfolgte, betete sie, dass Haefen nicht teilhatte an Oremunds Verschwörung. Ihren Bruder könnte sie ruhigen Gewissens sterben sehen, aber sie wusste, dass ein Teil ihrer selbst erlöschen würde, sollte Brice auch ihren Onkel töten müssen. Zuzusehen, wie Oremund dessen Frau gemeuchelt hatte, musste Haefen verändert haben. Noch immer aber konnte Gillian nicht fassen, dass er sie hintergangen haben sollte. Sie konnte es einfach nicht.

     Das war die einzige Schattenseite in ihrem neuen Leben, das sie seit der Gefangennahme durch ihren bretonischen Gemahl führte. Ihr Onkel war stets ein redlicher, verlässlicher Mann gewesen, ein glücklicher Mann gar, bis Oremund ihr aller Leben in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte.

     Die Tage waren voller Arbeit, die Nächte hingegen voller Leidenschaft. In den Nächten hielt Brice sie fest an sich gedrückt, und sie unterhielten sich flüsternd über ihre Zukunft, ihre Vergangenheit und ihre Ziele. Sie würden eine Familie gründen, Kinder haben und sie gemeinsam auf Thaxted großziehen. Und wenn Gillian schließlich einschlief, betete sie darum, dass sich Letzteres erfüllen würde.

     Beinahe glaubte sie, Brice habe sich getäuscht mit seiner Annahme, es werde eine Attacke geben. Mehrere Tage vergingen, in denen sie warteten und nichts auf einen Vorstoß hindeutete. Als sie schon zu hoffen wagte, dass Oremund nicht nach dem Köder schnappen und es kein Blutvergießen geben werde, vernahm sie den Aufschrei.

     Oremund griff an. Schlug eine Bresche in die Mauern von Thaxted.

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