Vom Feind erobert - 19. Kapitel

19. Kapitel

Dichter Qualm wälzte sich über den Hof. Die Angreifer setzten alles in Brand, was Feuer fangen konnte. Kurz glaubte Brice von blindem Zorn überwältigt zu werden, rang ihn jedoch nieder. Er hatte gewusst, dass dies geschehen würde, wie er ebenso wusste, dass alles ersetzbar und wieder aufzubauen war. Die Menschen waren es, die es zu schützen galt.

     Und die waren in Sicherheit. Wie befohlen, hatten sie sich in den Tunneln versteckt, um das Ende des Kampfes dort abzuwarten. So würden seinen Männern keine Unschuldigen in die Quere geraten, und in den Gängen hatte sie bessere Überlebenschancen als auf der Flucht.

     Brice sah das Signal des Wachpostens auf dem Turm. Es sagte ihm, dass Oremunds Horde wie vermutet von Norden her angriff. Das hieß, dass der Weg nach Süden frei war – Gillian sollte ohne Schwierigkeiten entrinnen können.

     Sofern sie seine Anweisungen befolgte.

     Er kämpfte sich in Richtung Tor durch. Seine Leute ließen Oremunds Männer absichtlich durchbrechen und auf der Jagd nach dem Gold ausschwärmen. Er würde Vater Henry für Kreuz und Kette entschädigen müssen, wenn es Oremund gelang, sich mitsamt dem Kleinod abzusetzen. Brice sah, dass seine Männer den Eindruck erweckten, unvorbereitet und überrumpelt zu sein, sie folgten damit aber genau Stephens und Richiers Strategie. Bald hatten sie Oremunds und Edmunds Mannen umzingelt und drängten den Feind durchs Tor zurück.

     Endlich erblickte Brice seine Gemahlin. Dem Herrn sei Dank. Ernaut und sie hielten sich dicht an der Mauer und schlichen zu dem Durchlass, den Brice eigens für sie hatte anlegen lassen. Zweimal wandte Gillian sich um, ehe sie sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf zog und Ernaut folgte. Sobald Brice wusste, dass sie auf dem Weg ins sichere Kloster war, stürzte er sich in den Kampf. Er setzte den Kerlen nach, die alles zu zerstören trachteten, was ihm teuer war. Kurz darauf gab der Wachmann auf dem Turm ein weiteres Zeichen.

     Im Hof sprach sich herum, dass Gillian geflohen war, und die Nachricht sickerte auch zu den Angreifern durch. Brice hörte über den Lärm der Schlacht hinweg Oremunds Zornesschrei, als er es erfuhr. Sein erster Gedanke würde sein, Gillian nachzusetzen, und daher hieß Brice seine Männer, ihm den Weg zu versperren. Er würde Oremund eine Weile aufhalten, um Gillian Zeit zu geben, das Kloster zu erreichen.

     Brice kreuzte die Klinge mit einem der Widersacher und ging mit seinem Streitkolben auf einen anderen los. Bald fand er seinen Kampfrhythmus – Schwerthieb, Ausfallschritt, Keulenschlag, Ausfallschritt und wieder von vorn. So entledigte er sich der Reihe nach seiner Gegner. Mit grimmiger Zufriedenheit sah er, wie seine Bogenschützen vom Wehrgang aus weiteren Feinden den Garaus machten. Da das Gefecht die Kämpfenden ständig in Bewegung hielt, schaffte Oremund es nicht, seine eigenen Bogenschützen in Position zu bringen. Brice verfolgte, wie die Angelsachsen auf die Felder rund um Thaxted zurückfielen.

     Gillian würde nicht lange brauchen bis zum Kloster. Das gut ausgebildete Schlachtross, das auf sie und Ernaut wartete, war ausdauernd und kräftig und würde auch mit zwei Reitern schneller sein als so manch anderes Pferd.

     Die Unantastbarkeit des Klosters würde Gillian ebenso wenig vor ihrem blutrünstigen Bruder schützen wie die klösterlichen Mauern. Aber Brice hatte etwas arrangiert, das ihre Sicherheit gewährleisten würde.

     Er wünschte, er könnte dort sein, um Oremunds Gesicht zu sehen. Doch seine Aufgabe bestand darin, Thaxted von den Eindringlingen zu befreien und sie bis auf den letzten Mann niederzumachen, auf dass nicht einer von ihnen nach Norden entschwinden konnte. Dies würde Oremunds letzte Schlacht sein, und Edmund Haroldson würde das Los zuteilwerden, das er schon vor Monaten während des Kampfs um Taerford verdient hätte – das Los des Grabs, das bereits seinen Vater ereilt hatte.

Gillian schlang die Arme um Ernaut und drückte sich an seinen Rücken, während sie die Straße entlanggaloppierten. Bei diesem Tempo würden sie die Klostermauern bald erreicht haben. Das Pferd lief und lief und zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen. Sie ritten gen Süden, fort von Thaxted.

     Sie hatte nicht davonlaufen wollen. Sie hatte bleiben und an der Seite ihres Gemahls Widerstand leisten wollen, aber sie wusste, dass er recht hatte. Sie wäre eine zu große Ablenkung für ihn gewesen, und er hatte ihr wieder und wieder erklärt, dass jede Unaufmerksamkeit im Krieg den Tod bedeutete. Also lehnte sich Gillian gegen Ernaut und betete so inbrünstig wie nie zuvor, dass Gott die Menschen von Thaxted schützen möge … und ihren Gemahl.

     Die Straße führte sie über die Anhöhe kurz vor dem Kloster, auf deren Kuppe sich die kleine Ebene erstreckte, auf der Brice vor Wochen gelagert hatte. Nichts als ein paar Druckspuren in der Erde deutete darauf hin, dass dies der Ort war, an dem sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Als sie ins Tal hinabritten und das Kloster fast in Sichtweite war, fühlte sie das Pferd langsamer werden.

     „Nein, Ernaut!“, rief sie. „Brice sagte doch, wir sollten zum Kloster. Halt nicht an.“

     Doch der Junge zügelte das Streitross und brachte es zum Stehen. „Seht, Mylady“, stieß er aus. Er keuchte vor Anspannung.

     Gillian schaute an ihm vorbei nach vorn, wo eine Phalanx aus Rittern zwischen ihnen und den Klostermauern Aufstellung genommen hatte. Davor kniete eine Reihe von Bogenschützen, die ihre Pfeile auf sie gerichtet hatten.

     „Lady Gillian, nehme ich an“, rief ein Recke in der Mitte.

     Ernaut versuchte, Gillian auf dem Pferderücken zu halten, aber sie glitt hinunter und schritt auf den Reiter zu. Ernaut stieg ebenfalls ab, und da er nicht zugleich das Pferd und Gillian festhalten konnte, ließ er die Zügel los und stellte sich schützend zwischen Gillian und die Bogenschützen. Als das Ross ausbrach, stieß jemand aus den Reihen der Berittenen einen Pfiff aus, und umgehend beruhigte sich das Tier und trottete auf den Ritter zu, der abgestiegen war und nun die Zügel ergriff.

     „So bleibt doch hinter mir, Madame“, flehte Ernaut, zog sein Schwert und hob es kampfbereit.

     „Du und die Dame habt nichts zu befürchten, Junge“, rief der Ritter, der gepfiffen hatte und den ersten Sprecher ein gutes Stück überragte. Letzterer ergriff wieder das Wort.

     „Ich bin Giles of Taerford, Lady Gillian“, erklärte er im Näherkommen und nahm den Helm ab, damit Ernaut ihn erkannte. „Der dort ist Soren, ebenfalls ein Freund Eures Herrn Gemahl.“

     Giles gab Soren mit einer Geste zu verstehen, er solle ebenfalls den Helm abnehmen, was dieser geflissentlich ignorierte. Gillian gewann den Eindruck, dass der hochgewachsene Ritter, der sich so gut auf Pferde verstand, kaum je tat, was man ihm sagte. Als Ernaut sah, dass es sich tatsächlich um die Freunde seines Herrn handelte, steckte er das Schwert wieder in die Scheide.

     „Hier, Bursche“, sagte Soren und reichte Ernaut die Zügel. „Bring die Dame zum Kloster.“ Neben dem hünenhaften Soren wirkte selbst das mächtige Schlachtross gar nicht mehr so riesig. Er half Ernaut in den Sattel, hob Gillian mühelos hoch und setzte sie hinter den Knappen aufs Pferd.

     So viele Fragen an Lord Giles lagen Gillian auf der Zunge, aber sie zu stellen, blieb ihr keine Zeit. Es dauerte nicht lange, und sie waren hinter den schützenden Mauern des Klosters in Sicherheit. Knapp einhundert Berittene, Bogenschützen und Fußvolk standen zwischen Gillian und ihres Bruders Horde.

     Und den Mannen ihres Gemahls. Sofern er noch lebte.

Nachdem Oremund und seine Reiter die Verfolgung aufgenommen hatten, machten Lucais’ Truppe und die Bogenschützen auf dem Wehrgang kurzen Prozess mit dem zurückgebliebenen Fußvolk. Stephen und Richier kamen aus dem Wald geritten, hielten sich jedoch vor den Angreifern verborgen und wappneten sich für ihre Mission. Oremunds Streitmacht war auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft. Stolz stellte Brice fest, dass er kaum Verluste erlitten hatte. Nun da er wieder die Kontrolle über Thaxted hatte, gab er den Männern, die bleiben würden, ein paar Anweisungen und machte sich mit seinen Rittern auf zum Kloster.

     Sie donnerten die Straße entlang, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her. Damit sein Plan aufging, musste er Oremunds restliches Heer zwischen dem von Giles und seinem eigenen in die Zange nehmen. Meile um Meile galoppierte sein Pferd dahin, und Brice betete – betete um Gillians Sicherheit. Bald näherten sie sich dem Kampfgetümmel, und Brice erblickte Giles’ Aufstellung. Oremund war eingekesselt.

     Er lächelte grimmig und setzte den Helm wieder auf.

     Möge Gott uns beistehen!

Edmund hatte ihm ausreden wollen, Gillian nachzusetzen, aber davon hatte Oremund nichts wissen wollen. Die Truhe voll Gold hatte sich als List erwiesen, um sie alle nach Thaxted zu locken; die Flucht seiner Schwester nun sagte ihm, dass der wahre Schatz im Kloster wartete.

     Während er dahingaloppierte, gelangte er zunehmend zu der Gewissheit, dass sein Vater alles von Wert auf dem Grund und Boden des Klosters versteckt haben musste. Die Mutter Oberin war die Halbschwester des gefallenen englischen Königs, und daher war das Kloster stets gut gesichert gewesen. Endlich würde er herausfinden, was sein Vater hinterlassen hatte – und es würde ihm gehören.

     Genügend Gold, um weitere Krieger anzuwerben, die gegen die normannischen Eindringlinge und deren bretonische Knechte kämpfen würden. Genügend Gold, um zu erreichen, dass die Earls aus dem Norden ihn ernst nahmen. Genügend Gold, um ihn zu versorgen und ihm seine Titel zu sichern.

     Genügend Gold, um endlich zu dem Respekt zu gelangen, den er verdiente.

     Seine Männer im Rücken, preschte er die Straße hügelaufwärts, erklomm die letzte Anhöhe vor dem Kloster und traute seinen Augen nicht.

     Zwischen ihm und allem, für das er so hart gerungen hatte, befand sich eine Mauer aus Männern – nein, es waren drei Mauern. Eine Reihe aus Bogenschützen kniete vorn. Eine weitere zwei Mann tiefe Reihe bestand aus Fußvolk, und dahinter zog sich eine dritte Reihe aus Rittern zu Pferde entlang. Alle hielten ihre Waffen bereit beziehungsweise hatten Pfeile eingelegt und warteten nur auf den Befehl zum Angriff.

     Ein Ritter hatte tatsächlich die Stirn, vorzureiten und Oremund zum Aufgeben bewegen zu wollen. Er rief die Aufforderung zunächst auf Französisch und danach in gebrochenem Englisch. Oremund antwortete, indem er auf den Boden spie.

     Er hörte, wie Edmund hinter ihm wütend etwas zischte, achtete aber nicht darauf. Er hatte nur Augen für die Klostermauern hinter dem Feind – dort lag sein Ziel. Er musste überleben, um die gegnerischen Reihen durchbrechen zu können, und dafür musste er seine Krieger vorschicken. Oremund ritt nach hinten und wies seine Krieger an, sich zu Reihen zu formieren. Der erste Schwarm Pfeile, das war ihm klar, würde viele niedermähen, doch das war ihm gleich – diese Menschen waren entbehrlich, er hingegen nicht.

     Der Befehl erscholl, und Pfeile sirrten durch die Luft. Viele fanden ein Ziel. Männer schrien, und Pferde wieherten vor Schmerz. Oremund umrundete seine Kämpfer und ließ sich weit genug zurückfallen, um den Pfeilen zu entgehen. Fieberhaft hielt er Ausschau nach einer Bresche. Als die Normannen vorstürmten, tat sich eine kleine Lücke auf, da mehrere der Ritter sich hinter die anderen zurückfallen ließen. Edmund erteilte den Befehl zum Rückzug, was Oremund umgehend mit einem Gegenbefehl widerrief. Unter den Kämpfenden brach Verwirrung aus, weil sie nicht wussten, wem sie folgen und wohin sie sich wenden sollten.

     Oremund nutzte das Chaos, um näher an die Straße zu gelangen. Als ihm das Pferd abgestochen wurde, schaffte er es, die Füße aus den Steigbügeln zu ziehen und sich abzurollen, ehe das Tier zu Boden ging. Edmund hatte das Kommando übernommen und brüllte Anweisungen, um wieder Ordnung ins Geschehen zu bringen. Leider war inzwischen jeder Vorteil dahin, wenn sie denn je einen gehabt hatten.

     Ein weiterer Schlachtruf ertönte, aber dieser kam aus Richtung Thaxted. Als Oremunds Krieger den Bretonen heranpreschen sahen, wurden sie blind vor Angst und stoben in alle vier Winde davon. Die Ritter vor den Klostermauern hatten plötzlich freies Spiel.

     Doch Oremund würde nicht aufgeben.

     Nicht jetzt.

     Nicht so kurz vor dem Ziel.

Brice verfolgte, wie Oremunds Truppen dahingerafft wurden. Da der Angelsachse von jeglicher Verstärkung abgeschnitten war, setzte Giles zunächst seine Bogenschützen ein, um die feindlichen Reihen zu lichten. Sein Freund hätte genügend Pfeile und Zeit gehabt, um sich zurückzulehnen und die in der Falle sitzenden Gegner einfach einen nach dem anderen zu erschießen. Aber Brice wusste, dass Giles danach gierte, zum Schwert zu greifen. Als er sah, dass sich Edmund Haroldson aus dem Staub machen wollte, gab Giles auch schon den Befehl vorzustürmen. Seine Kämpfer überschwemmten das Feld wie eine tödliche Macht, die durch nichts aufzuhalten war.

     Giles und ein weiterer Ritter setzten Edmund nach. Großer Gott, war das wirklich Soren? Brice schirmte die Augen gegen die Sonne ab, aber die beiden waren zwischen den Bäumen verschwunden, ehe er Gewissheit hatte. In dem Moment machte er Oremund aus, der sich am Waldsaum entlangstahl, auf das Kloster zu.

     Brice gab seinem Pferd die Sporen und sprengte über das Feld und durch die Kämpfenden, darauf bedacht, Oremund zu erreichen, bevor dieser ein Reittier ergatterte, das ihn hinfort oder – weit schlimmer – zum Kloster trug. Er hatte gerade die Straße erreicht und glaubte schon, Oremund aufhalten zu können, als ein Mann aus dem Schatten der Bäume trat.

     Haefen schwang seinen Streitkolben, ohne zu zögern, und erwischte Oremund am Bein, sodass dieser zu Boden ging. Der Verwundete wand sich vor Schmerz, unfähig zu entkommen, und der Schmied holte erneut aus und ließ die Waffe auf Oremunds Brust und Kehle niederfahren. Brice wandte den Blick ab, als der dritte Hieb erfolgte, aber er verstand, was Haefen trieb. Als er wieder aufschaute, ließ Haefen den Streitkolben fallen und spie angewidert auf den Toten.

     Brice ritt hinüber und stieg aus dem Sattel. Haefen nickte ihm zu.

     „Für meine Frau“, sagte er düster.

     „Und für die meine.“ Brice reichte Gillians Onkel die Hand.

     Haefen war Oremund nur deshalb gefolgt, um dessen Pläne für Brice auszuspionieren. Das hatte Stephen herausgefunden, doch dieses Wissen hatte Brice seiner Gemahlin vorenthalten müssen. „Deine Nichte glaubt, du habest sie verraten. Wenn sie erfährt, welche Absichten du in Wahrheit verfolgt hast, wird ihr leichter ums Herz sein, denke ich.“

     Nachdem ihr Anführer gefallen war, begannen die noch verbliebenen Angelsachsen, sich zu zerstreuen. Brice wies an, ihnen nachzujagen und alle niederzumachen, die sie zu fassen bekamen. Ihm war klar, dass sich jeder Überlebende nur einem neuen Anführer anschließen und ihn und Thaxted abermals heimsuchen würde. Er hatte aus Giles’ Fehler, Edmund am Leben zu lassen, gelernt und würde ihn nicht wiederholen. Wobei seine Dame ausdrücklich Oremunds Tod gefordert hatte, während Giles’ Gemahlin nicht gewollt hatte, dass Edmund starb.

     Er wartete darauf, dass seine Männer die Lage gänzlich beherrschten. Erst dann würde er sich zu Gillian aufmachen. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als sie in die Arme zu schließen, aber vor seinen persönlichen Wünschen kam Wichtigeres. Er sprach gerade mit Richier, als Giles aus dem Wald ritt. Und tatsächlich, der Ritter hinter ihm war Soren. Sie saßen ab, und Brice begrüßte sie voller Wärme.

     Giles warf seinem Knappen den Helm zu und umarmte Brice. „Dieser Edmund muss zaubern können“, sagte er. „Noch nie habe ich erlebt, dass jemand so spurlos untertauchen kann wie er.“

     „Hättest du ihn getötet, wie ich dir geraten habe …“, setzte Brice an, aber Giles winkte ab.

     „Ich weiß, ich weiß.“ Er lachte. „Du hattest ja so recht.“

     Brice wandte sich ihrem gemeinsamen Freund zu und wartete darauf, dass der zu ihnen trat. Als Soren begann, seinen Helm zu heben, drückte Giles wie zur Warnung Brices Arm. Dennoch holte Brice scharf Luft, als sein alter Freund und Gefährte ihn schließlich ansah.

     Die linke Hälfte seines Gesichts war unverändert und ließ erkennen, warum er einst der „schöne Bastard“ genannt wurde. Aber die rechte Hälfte … Grundgütiger! Sie war verheilt, aber zurückgeblieben war ein Geflecht aus Narben, und das rechte Auge war verschwunden. Brice bemühte sich, Soren nicht entsetzt anzustarren, doch die Verunstaltung war grauenvoll. Endlich ergriff er Soren bei der Hand und zog ihn in eine derbe Umarmung.

     „Und wie steht es um den anderen Ritter?“, fragte er, um die Spannung zwischen ihnen zu mindern, nachdem er Soren losgelassen hatte.

     „Er schmort hoffentlich bald in der Hölle.“

     „Das wünsche ich dir.“ Aber er war nicht sicher, ob er es wirklich tat. „Habt Dank, ihr beiden, dass ihr gekommen seid, als ich euch brauchte. Wie geht es Lady Fayth?“

     Giles seufzte übertrieben. „Frauen werden nicht gerade vom Verstand geleitet, wenn sie ein Kind erwarten. Sie weint beim geringsten Anlass.“

     „Dann ist es dir also nicht allzu schwergefallen, mir doch so rasch zur Hilfe zu eilen?“

     „Oh, nein, keineswegs! Vermutlich hast du mir damit das Leben gerettet“, erwiderte Giles lachend. „Du wirst schon sehen, was ich meine.“

     „Hast du sie gesprochen?“, fragte Brice. „Meine Frau Gillian, meine ich.“ Nun, da er sich davon überzeugt hatte, dass das Gefecht unter Kontrolle war, wollte er sich endlich zu seiner Gemahlin aufmachen. „Begleitet ihr mich?“

     Sie saßen auf und ritten zur Klostermauer. Ernaut empfing sie mit der Nachricht, dass Gillian wohlbehalten im Innern sei. Die drei überließen die Pferde dem Knappen und betraten die Anlage des Konvents. Brice fühlte sich beschwingt. Gleich würde er seine Gillian wiedersehen und dieses Mal in dem Wissen, dass die Gefahr, die über ihrem gemeinsamen Glück und ihrer Zukunft geschwebt hatte, endgültig gebannt war. Giles und Soren grinsten ob seiner Ungeduld, denn Brice legte die Entfernung bis zum Portal im Eilschritt zurück. Er klopfte.

     Als er nicht sofort erhört wurde und die Saumseligkeit der Schwestern verfluchte, lachten seine Gefährten freiheraus. Und auch, dass er schließlich anfing, vor der Tür auf und ab zu schreiten, trug zur Heiterkeit der beiden bei. Endlich, eine gefühlte Ewigkeit später, kam eine greise Nonne angeschlurft, öffnete die in das Portal eingelassene Pforte und verlangte nach seinem Begehr – als wisse sie nicht genau, dass er zu seiner Frau wollte und draußen ein Kampf tobte! Endlich ließ sie ihn herein, und Brice mühte sich, seinen Schritt dem der Alten anzupassen, während er neben ihr her durch die Gänge zur Kammer der Mutter Oberin ging. Am liebsten hätte er sich die fromme Schwester unter den Arm gepackt und sie getragen, um schneller voranzukommen.

     Als sie das Gelass erreichten und die Nonne Brice mitteilte, seine Gemahlin erwarte ihn darin, stürmte er an ihr vorbei und stieß die Tür auf.

     Die Kammer war leer.

     Keine Spur von Gillian.

     Sein Aufschrei ließ die Wände beben und hallte durch Gänge und Zellen des Konvents. Er jagte die Tauben vom Dach auf, störte die Schwestern beim Gebet und ließ sie einen schrecklichen Moment lang glauben, dass nun plötzlich sie Opfer eines Übergriffs seien.

     Brice legte den Kopf in den Nacken und schrie Gillians Namen heraus, so laut er konnte. Wo zur Hölle war sie nun schon wieder? Etwa erneut entflohen?

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