Vom Feind erobert - 20. Kapitel

20. Kapitel

Ernaut half Gillian vom Pferd, als sie das Klostertor erreichten, und wartete, bis jemand auftauchte und sie hineingeleitete. Er versicherte ihr mit der ihm eigenen Ernsthaftigkeit, dass er den Eingang und sie bewachen und bereitwillig sein Leben opfern werde. Gillian hatte nicht das Herz, ihm zu sagen, dass zu eben diesem Zweck vier Ritter zu Pferde im Schatten neben der Straße harrten.

     Es fiel ihr schwer, nicht auf den Kampflärm in ihrem Rücken zu achten, während sie durch das Portal schritt. Ihr war schmerzlich bewusst, dass ihretwegen Menschen starben. Die Mutter Oberin empfing sie freundlich und bot ihr an, im Empfangszimmer zu warten, und dort angelangt, begann Gillian zu beten. Sie kniete auf dem Boden, senkte den Kopf und versuchte, die Geräusche von Mord und Tod auszublenden, die über die Mauern und bis in ihre Gedanken drangen.

     War Brice verletzt? War ihr Bruder ihnen wie geplant gefolgt? War er tot? Wie viele in Thaxted waren umgekommen? Und war Thaxted selbst womöglich längst dem Erdboden gleichgemacht? Ihre Sorge wuchs, mit jedem Herzschlag brannte ihr eine weitere Frage auf der Seele.

     Sie erhob sich und schritt ruhelos im Zimmer auf und ab, bis ihr schwindelig war. Endlich hielt sie es nicht länger aus, die Zeit mit Warten zuzubringen. Sie öffnete die Tür und sah den langen Gang hinab in der Hoffnung, jemanden zu erblicken, der ihr sagen konnte, wo sie die Mutter Oberin fand.

     Möglichst leise schlich sie durch die Korridore, um niemanden beim Gebet zu stören. Sie spähte in jeden Raum, bis sie das Ende des Flurs erreichte. Als sie die letzte Tür öffnete, hatte sie den Friedhof vor sich. Fast ein Jahr lang war sie nicht mehr hier gewesen. Das Grab ihrer Mutter lag in einem Winkel hinten links. Ihr Vater hatte zu ihrem Gedenken einen von Blumen und Efeu umrankten Bogen darüber errichten lassen.

     Gillian schritt zum Grab und kniete daneben nieder. Auf dem Grabstein stand: „Ældra, über alles geliebtes Weib des Eoforwic“, und Gillian traten Tränen in die Augen, als ihr aufging, dass ihre Mutter ganz allein hier ruhte. Oremund hatte behauptet, er habe Vaters Leichnam nach der Schlacht nicht einfordern können, und daher wusste sie nicht, wo er begraben lag.

     Vernahmen die Toten die Worte, welche die Lebenden an ihrem Grabe sprachen? Konnte ihre Mutter hören, was sie sagte? So viel war seit ihrem letzten Besuch geschehen, und als Gillian nun neben der letzten Ruhestätte ihrer Mutter kniete, sprudelte all dies aus ihr heraus.

     Vaters Trauer und schließlich sein Tod. Oremunds Gewaltherrschaft. Brices Ankunft. Wie sie sich verliebt hatten. Sein Plan, sie und die Menschen von Thaxted zu schützen. Gillian redete und redete und teilte ihre Empfindungen mit ihrer Mutter, als lausche diese ihr. Zum Schluss sprach sie ein förmliches Gebet für den Fall, dass sie ihren Worten dadurch mehr Gehör verschaffte. Danach lehnte sie sich zurück und wartete auf den Fersen hockend auf ein Zeichen dafür, dass ihre Mutter sie vernommen hatte.

     Der Schrei, der prompt ertönte, klang nach einem waidwunden Tier …

     Oder einem wütenden Ehemann!

     Gillian kam auf die Füße und strich sich die Erde von ihrem Gewand. Wieder hörte sie, wie Brice ihren Namen brüllte, und da rannte er auch schon durch die Tür, querte den Friedhof mit wenigen langen Schritten und blieb vor ihr stehen. Ein Tross von Menschen war ihm gefolgt und umringte sie – seine beiden Freunde, eine wachsende Schar von Nonnen, angeführt von einer erzürnten Mutter Oberin, sowie einige der Laienfrauen, die im Kloster lebten und arbeiteten.

     „Ich dachte schon …“, raunte er heiser. „Ich dachte …“

     Er verstummte, zog sie in die Arme und küsste sie, dass ihr Hören und Sehen verging. Gillian ließ ihn gewähren, weil es sich so gut anfühlte, in seiner Umarmung geborgen zu sein. Als sie sich daran erinnerte, wo sie sich befanden, rückte sie ein wenig von ihm ab und schaute zu ihm auf.

     Dabei fiel ihr die Platzwunde über dem Auge auf, die Prellung auf dem Jochbein und weitere kleinere Blessuren. Sanft berührte sie sein Gesicht, und als ihr bewusst wurde, wie nah er dem Tode gewesen war, begann sie zu weinen.

     „Oremund?“, fragte sie durch die Tränen hindurch.

     „Tot“, beschied Brice ihr. Seine beiden Freunde spien verächtlich auf den Boden.

     „Und Edmund?“

     „Ist entkommen.“

     „Wieder einmal“, fügte Giles an.

     Ein weiterer Name lag ihr auf der Zunge, aber sie brachte es nicht über sich, ihn auszusprechen. Brice schien auch so zu wissen, nach wem sie fragen wollte.

     „Euer Onkel lebt, Gillian. Er wartet draußen auf Euch.“

     „Was?“ Es entsetzte sie, wie ruhig er ihr dies eröffnete.

     „Haefen stand auf unserer Seite und hat Oremund ausspioniert“, erklärte Brice. „Er hat Euch nicht hintergangen, wie Ihr befürchtet habt.“

     Das ließ sie umso heftiger schluchzen. Sie konnte nicht fassen, dass das, was als Tragödie für sie alle hätte enden können, einen solch glücklichen Ausgang gefunden haben sollte. Sah man einmal von den Männern ab, die im Kampf um Thaxted gefallen waren. Brice drückte sie behutsam an sich und raunte ihr tröstliche Worte zu, bis sie sich wieder in der Gewalt hatte. Er ließ sie los, und sie trat an seine Seite. Eine Sache lag ihr noch am Herzen, ehe sie nach Hause reiten konnten.

     „Würdet Ihr gemeinsam mit mir ein Gebet am Grabe meiner Mutter sprechen, Mylord?“, bat sie leise, denn das schien ihr angebracht. Seine Antwort allerdings traf sie wie ein Schlag.

     „Gillian, Eure Mutter ist nicht tot.“

     Hatte er etwa den Verstand verloren? War er am Kopf verletzt worden und verwirrt? „Mylord, sie ist vor sechs Jahren hier gestorben.“

     Brice drehte sie so, dass sie ihm in die Augen sehen musste, nahm sie bei den Händen und schüttelte den Kopf. „Eure Mutter ist nicht tot.“

     „Brice, darüber scherzt man nicht“, sagte sie warnend und wies auf das Grab zu ihren Füßen. „Sie ruht genau hier.“

     Er wandte sich den umstehenden Nonnen zu, die Zeuginnen dieses aberwitzigen Gesprächs waren, und richtete den Blick auf eine der Frauen. Gillian tat es ihm nach und sah eine Frau, die ein wenig abseits stand. Die gute Schwester weinte, wahrscheinlich vor Entsetzen ob des ganzen Geschehens. Dann jedoch blickte sie Gillian an, und diese erkannte die Augen sofort.

     Herr im Himmel, Mutter lebt. Mutter lebt!

Brice hatte überlegt, ob er es bei der Lüge belassen sollte. Aber Gillian hatte ein Recht darauf zu erfahren, weshalb ihre Eltern diesen Weg gewählt hatten. Sie hatte einen hohen Preis gezahlt; das Mindeste, was sie dafür verdiente, war die Wahrheit. Gillians Bemerkungen über die Bande ihrer Mutter zum Kloster hatten ihn dazu gebracht, hier nach Antworten zu suchen. Und während Gillian nun auf dem Friedhof zu ihm sprach, hatte er sich verstohlen umgeschaut. Dabei war ihm die Nonne aufgefallen, die abseits stand und alles aufmerksam verfolgte, jedoch nie den Blick hob. Als sie es einmal doch tat, sah Brice in die gleichen blaugrünen Augen, die auch Gillian hatte. Da wusste er, dass er richtig lag. Lady Ældra of Thaxted war nicht tot. Sie lebte.

     Er war versucht, seine Entdeckung umgehend kundzutun, wartete aber in der Hoffnung, Ældra werde sich von selbst ihrer Tochter zu erkennen geben. Doch er war erschöpft, denn er hätte heute beinahe alles verloren, was ihm lieb und teuer war. Also hatte er die Sache schließlich beschleunigt, indem er Gillian die erschütternde, wenngleich freudige Tatsache selbst eröffnete. Und Gillian hatte ihre Mutter auf den ersten Blick erkannt.

     Als Gillian nun vor ihm zusammensank, war er nicht mehr so sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Er bekam sie gerade noch zu fassen, ehe sie fiel, hob sie auf und trug sie zu einer nahen Bank. Dort setzte er sich, hielt Gillian auf seinem Schoß und wartete auf Lady Ældra. Diese kam, nachdem die Mutter Oberin mit ihr gesprochen und alle übrigen Anwesenden fortgeschickt hatte.

     „Woher habt Ihr es gewusst?“, fragte Ældra leise und streckte die Hand aus, um das Gesicht ihrer Tochter zu berühren. Kurz davor hielt sie inne.

     „Darauf gekommen bin ich durch etwas, das Gillian gesagt hat. Sie kannte die Wahrheit, ohne es zu ahnen, denn sie war zu jung, sie den Worten ihres Vaters zu entnehmen.“

     „Sie wird die Wahrheit auch jetzt nicht begreifen“, erwiderte Lady Ældra. „Was ich getan habe, tat ich, um Gillian zu schützen. Um sie und Eoforwic zu schützen.“

     „Es wird sie verletzen, aber ich denke, dass es schlimmer für sie wäre, es nicht zu wissen“, erwiderte Brice. „Sie trauert noch immer um Euch. Ihr schuldet ihr eine Erklärung.“ Brice beobachtete, wie Lady Ældra abermals die Hand nach Gillians Gesicht ausstreckte.

     „Auch ich habe um sie getrauert, Mylord.“

     Brice hörte den tiefen Schmerz heraus und wusste, dass sie in bester Absicht gehandelt hatte – sie liebte ihre Tochter über alles und hatte sie tatsächlich vor Übel bewahren wollen.

     „Dann sprecht mit Eurer Tochter“, bat er leise. „Sorgt dafür, dass sie Eure Entscheidung versteht.“ Sie nickte, und ihm wurde leichter ums Herz. Er wollte so sehr, dass Gillian glücklich war, nun da nichts mehr sie bedrohte. Und dies hier war der erste Schritt zu ihrem Glück.

Gillian regte sich in seinen Armen und schlug die Augen auf. „Brice? Ich hatte einen höchst sonderbaren Traum. Wir waren im Kloster und …“ Sie stockte, als ihr aufging, dass sie keineswegs geträumt hatte. „Mutter? Bist du es wirklich?“

     Lady Ældra zog Gillian an sich, und Brice betrachtete, wie sie von der Mutter gehalten wurde, die sie verloren geglaubt hatte. Gillian schluchzte, und er hatte Mühe, sich nicht anstecken zu lassen. Daher stand er auf und ging, um Mutter und Tochter Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen.

     Giles und Soren standen in der Nähe, also er gesellte sich zu ihnen, um sich mit ihnen zu unterhalten. Mehrmals musste er sich räuspern, ehe er ein Wort herausbekam.

     „Dann war die Dame also die ganze Zeit über hier?“, fragte Giles.

     „Offensichtlich“, entgegnete Brice. „Ich nehme an, sie glaubte, dass ihr Tod das wachsende Zerwürfnis zwischen Gillians Vater und Oremund beenden würde. Sie war bereit, ihre Tochter aufzugeben, um sie zu retten.“

     Brice warf Soren einen flüchtigen Blick zu. Der einst so stattliche Ritter trug nun eine schwarze Kapuze, die einen Großteil seines entstellten Gesichts verbarg. Sie war geschnitten wie die schützende Haube eines Panzerhemds, bestand jedoch aus Leder. Eine ebenfalls lederne Augenklappe bedeckte die leere Höhle. Soren bemerkte den neugierigen Blick und stapfte davon.

     „Hat er Schmerzen?“, wandte Brice sich an Giles.

     „Er behauptet, er habe keine, aber ich habe den Verdacht, dass er mehr leidet, als er zugibt.“ Giles stieß den Atem aus. „Soren hat sich sehr verändert. Er ist nicht mehr der Mann, den wir einst kannten und der unser bester Freund war.“

     „Wie sollte er auch? Er hat dem Tod ins Auge gesehen und ist ihm gerade noch einmal von der Schippe gesprungen.“

     „Ich fürchte, er betrachtet den Umstand, dass er überlebt hat, nicht gerade als Glücksfall. Nicht bei all dem, was er verloren hat.“

     Brice schüttelte den Kopf. Von derlei Dingen verstand er nichts. Aber das gute Aussehen war in der Tat ein Teil Sorens gewesen, und dieser Teil war unwiederbringlich dahin. Stattdessen sah sein Freund sich nun Spott und Abscheu ausgesetzt. „Er braucht Zeit, Giles.“

     „Er wird mehr als nur Zeit brauchen, um den Menschen wiederzufinden, der er unter seiner Haut stets gewesen ist.“

     Brice drehte sich zu Gillian und Lady Ældra um. Die beiden Frauen saßen nebeneinander auf der Bank und sprachen leise miteinander. Auch sie würden Zeit benötigen, um sich auszusöhnen. Es würde eine ganze Weile dauern, bis Gillian begriff, warum ihre Mutter sich entschieden hatte, sie zu verlassen.

     Er trat zu ihnen und bot Gillian an, vorerst im Kloster bei ihrer Mutter zu bleiben. Anfangs lehnte sie ab, aber er spürte, dass sie das Angebot gern angenommen hätte, und daher überredete er sie.

     Giles und Soren wollten ganz in der Nähe ihr Lager aufschlagen. Gillian würde also sicher sein, während er sich in Thaxted um den Wiederaufbau kümmern konnte. Er würde den Rest seines Lebens mit ihr verbringen. Daher meinte er, er könne ruhig so großzügig sein, der Mutter etwas Zeit mit der Tochter zuzugestehen.

     Doch bevor Brice aufbrach, wollte er Gillian noch einmal in den Armen halten. Als er ihr die Hand entgegenstreckte, ergriff sie diese, ohne zu zögern. Er führte sie einige Schritte fort, hob ihr Kinn und küsste sie zärtlich. Auf ihren Wangen glänzten die Spuren der Tränen. Sie würde noch einige vergießen, bis alles überstanden war, dachte er. Die Wahrheit mit jemandem zu teilen, konnte eine höchst heikle Angelegenheit für beide Betroffenen sein, aber er bereute es nicht, sie seiner Gemahlin unterbreitet zu haben.

     „Vergebt Ihr mir, dass ich Euch nicht früher eingeweiht habe?“, fragte er sanft. Gillian bedeutete ihm so viel, und er schreckte vor dem Gedanken zurück, sie könne ihm womöglich nicht verzeihen, was er ihr über Lady Ældra und Haefen verschwiegen hatte. Gillian lächelte, und augenblicklich wurde ihm leichter ums Herz.

     „Wie einsam ich mich die ganze Zeit über gefühlt habe“, sagte sie. „Dabei hatte ich immer Beschützer, auch wenn ich nichts von ihnen gewusst habe. Meine Mutter, meinen Onkel – und meinen Gemahl“, flüsterte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.

     Brice spürte, dass er versucht war, es nicht bei Küssen zu belassen. Daher löste er sich von ihr und wandte sich gerade zum Gehen, als Lady Ældra ihn mit einer Frage zurückhielt.

     „Wollt Ihr gar nicht wissen, wo der Schatz von Thaxted ist, Lord Brice?“

     Er drehte sich um und schaute lächelnd von einem Paar blaugrüner Augen zum anderen. „Den Schatz von Thaxted habe ich längst gefunden, Madame. Mich verlangt es nach keinem anderen.“

     Schon lange hatte er vermutet, dass Eoforwic nicht etwa, wie Oremund meinte, Gold verborgen hatte. „So wie Ihr für Eoforwic das Wertvollste im Leben wart, ist Gillian das Kostbarste, das ich mein Eigen nenne.“

     Er rang die zarte Regung nieder, die ihn überkam, musste sich jedoch die Wahrheit seiner Worte eingestehen. Ihm war etwas beschert worden, das weit kostbarer war als Gold. Er hatte eine Gemahlin, die sein Leben teilte, sich um ihn sorgte und ihn liebte und dies bis ans Ende ihrer Tage tun würde. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er je so etwas besitzen würde. Seine engsten Freunde, die beiden anderen Bastarde – die einzig wirkliche Familie, die er bislang gehabt hatte –, würden nun Teil der Familie werden, die er und Gillian gründen würden.

     Damit ließ Brice die beiden Frauen allein und folgte Giles und Soren, um ihnen zu helfen, das Lager zu errichten.

Einige Stunden später kehrte Brice mit Ernaut nach Thaxted Hall zurück, wo er jubelnd empfangen wurde. Seine Männer schienen in guter Verfassung zu sein. Die Verwundeten waren bereits versorgt und die Gefallenen begraben worden. Die Vorbereitungen zum Wiederaufbau waren bereits in vollem Gange – vieles von dem, was aus Holz gefertigt war, hatten Oremunds Horden niedergebrannt.

     Brice begutachtete den Hof, den unversehrten Wohnturm und die Wirtschaftsgebäude und verspürte eine warme Dankbarkeit dafür, dass sie so viele Menschen und so viel Gut hatten retten können.

     In dieser Nacht schlief er nur, weil er erschöpft war. Das leere Bett fühlte sich unbehaglich an. Selbst in den schlimmsten Zeiten hatte er stets genossen, Gillian in den Armen zu halten.

Bereits am nächsten Tag drängte es ihn, Gillian ihrer Mutter und dem Kloster zu entreißen. Dafür musste doch, so meinte er, jeder vernunftbegabte Mensch Verständnis aufbringen. Er preschte an Giles und Soren vorbei und winkte ab, als sie ihn mit einer Geste ins Lager einluden. Binnen kürzester Zeit erreichte er das Kloster.

     Ein Teil von ihm quälte sich mit dem Gedanken, dass Gillian womöglich bei ihrer Mutter bleiben wollte, nun da sie diese wiedergefunden hatte. Um die verlorenen Jahre nachzuholen. Ein anderer Teil seiner selbst plagte sich mit der Frage, ob sie nicht vielleicht gar glücklicher im Kloster wäre, denn dorthin hatte sie schließlich gewollt, als er sie aufgegriffen hatte. Und wieder ein anderer Teil von ihm war einfach nur besorgt.

     Als er die Tür zum Empfangszimmer der Mutter Oberin aufstieß und Gillian ihm entgegenstürmte und sich ihm in die Arme warf, atmete er auf, ohne gemerkt zu haben, dass er unwillkürlich die Luft angehalten hatte. Die Äbtissin blickte mürrisch drein, Lady Ældra hingegen schenkte ihm ein Lächeln.

Auf dem Weg zurück nach Thaxted berichtete Gillian über ihre Erlebnisse, und Brice konnte nicht anders – er lachte lauthals. Während er sich mit dem Gedanken herumgeschlagen hatte, dass ihr das beschauliche Klosterleben womöglich zusagen könnte, hatte Gillian gegen eine Regel nach der anderen verstoßen. Sie hatte während der Mahlzeiten gesprochen. Sie hatte niemanden im Unklaren darüber gelassen, dass sie großen Gefallen an den Freuden des Ehelebens fand. Und zu guter Letzt hatte sie auch noch ihre Mutter zu überreden versucht, den Ordensschleier abzulegen und wieder nach Thaxted zu kommen.

     Obgleich sie ihre Mutter jederzeit besuchen durfte, hatte die Mutter Oberin ihr nahegelegt, dass mit einem Besuch pro Jahr der Pflicht doch wohl auch Genüge getan sei. Brice lachte so schallend, dass er sie beide fast vom Pferd gerissen hätte. Gillian war höchst entrüstet ob seines Gebarens, aber kaum lagen sie im Bett, verschaffte er ihr rasch vier weitere Gründe, die gegen ein Leben im Kloster – und allzu ausgiebige Besuche dort – sprachen. Und nachdem er sie zum vierten Mal zum Gipfel der Lust gebracht hatte, willigte Gillian endlich ein, den Gedanken an ein Leben hinter Klostermauern ein für alle Mal fallen zu lassen.

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