Vom Feind erobert - 21. Kapitel

21. Kapitel

Thaxted Hall, Nordostengland
Juli 1067

Brice stand auf dem Wachtturm, ließ den Blick schweifen und lächelte. Unter der gleißenden Sommersonne stand das Getreide auf den Äckern in Saft und Kraft. Lucais hatte eine reiche Ernte prophezeit und plante bereits, die Felder im nächsten Sommer zu vergrößern und ihre Zahl zu erhöhen.

     Nachdem die Gefahr gebannt war, war Giles nach Taerford zurückgekehrt, um die Geburt seines ersten Kindes mitzuerleben. Zuvor hatte Gillian ihm versprechen müssen, nach Taerford zu kommen und seine Gemahlin kennenzulernen. Er hatte sie mit der Aussicht gelockt, dass sie einander dann kräftig bedauern könnten, da sie schließlich beide selbstbewusste angelsächsische Damen seien, die sich mit einem bretonischen Dickschädel von Ehemann herumschlagen müssten.

     Und Soren … Soren war ein Fremder, ein gehetzter Mann auf der Suche nach einem Weg zurück ins Leben, nachdem er dem Tod nur um Haaresbreite entronnen war. In ihm brodelte giftiger Zorn, und Brice sorgte sich um ihn. Als Bischof Obert eintraf, war es wegen des königlichen Lehens an Soren zu einem Kräftemessen zwischen Gottesmann und Ritter gekommen. Ein jeder hatte seinen Willen durchsetzen wollen – Soren hatte weiter seiner Rache frönen wollen, während der Bischof ihm eine andere Aufgabe zugedacht hatte. Letzten Endes war der zornige Krieger nach Norden aufgebrochen, um Eoforwics übrige Güter zu befrieden, ehe die dortigen Earls sie sich unter den Nagel rissen.

     Obert teilte die Beunruhigung, die Brice ob der beiden Aufrührer hegte, die, obwohl in der Normandie weilend, nach wie vor Anhänger in England zu haben schienen. Was Brice jedoch viel mehr zu denken gab, war die bodenlose Düsternis, in der Soren versunken war. Und dessen Rachedurst. Vor langer Zeit hatten sie gelernt, dass eine Schlacht nicht persönlich zu nehmen war. Doch Soren hatte in einer solchen beinahe sein Leben gelassen und die alte Lektion darüber vergessen.

     Ihre Pläne zum Ausbau der Feste – aus Stein neu zu errichten, was bislang vor allem aus Holz und Lehm bestand – würden warten müssen, bis Brice mehr Geld angespart hatte. Die Mauer allerdings war wunschgemäß verstärkt und erweitert worden. Bis auf zwei Tunnel für den Notfall waren sämtliche Gänge zugeschüttet worden.

     Gillian hatte sich sowohl mit ihrer Mutter als auch mit ihrem Onkel ausgesprochen und begann zu verstehen, was beide zu ihrem Handeln bewogen hatte. Brice merkte, wie sie an diesem Verständnis wuchs; wie die Frau, die sie heute war, Dinge begriff, die sich ihr als Heranwachsende, als die verhängnisvollen Geschehnisse in Gang gesetzt worden waren, entzogen hatten.

     Entgegen den Wünschen der Mutter Oberin besuchte Gillian ihre Mutter oft, und manchmal übernachtete sie auch im Kloster. Brice war nie glücklich, wenn er sich allein im Bett fand, aber er freute sich auch, da er sah, wie selig und gelöst Gillian nach jedem Besuch war. Zudem machten sie die verlorene gemeinsame Zeit stets auf höchst erfreuliche Art und Weise wieder wett.

Gillians Brüste waren eindeutig größer, die Höfe um die Brustwarzen eine Spur dunkler geworden. Als Brice darüberstrich, sie mit dem Finger sanft umkreiste und an den Knospen saugte, stellte er auch an Gillians Verhalten eine Veränderung fest. Sie ging auf jede Berührung noch rascher als früher ein.

     Darüber beschwerte er sich nicht – im Gegenteil, das hatte vielerlei Vorzüge. Aber irgendetwas war anders.

     Als er an ihrem Körper hinabglitt, um sie zu verwöhnen, fiel ihm auf, dass auch ihr Schoß noch empfindsamer als sonst war. Sie bog sich ihm entgegen, kaum dass er sie mit der Zunge liebkoste. Er schob ihre Beine auseinander, sodass er die Pforte zu ihrem warmen und feuchten Innersten sehen und berühren konnte. Auch hier machte er eine Veränderung aus.

     Keine dieser Auffälligkeiten beschäftigte ihn lange, dafür war er zu sehr darauf bedacht, Gillian Erfüllung zu bescheren. Sein liebster Moment war der, in dem die Ekstase, die zwischen ihnen aufflammte, ihr ausdrucksvolles Gesicht erstrahlen ließ. Nun, zumindest war dies einer seiner liebsten Momente.

     Anderthalb Tage hatte sie dieses Mal im Kloster geweilt, und als sie zurückkehrte, war er regelrecht ausgehungert nach ihr gewesen. Das Einzige, das ihn in ihrer Abwesenheit wärmte, war das Wissen, dass sie sich ihm nach ihrer Rückkehr stundenlang hingeben würde. Nun lag sie unter ihm, und er konnte sie endlich wieder nach Herzenslust erforschen und erregen und mit seiner Liebe überhäufen. Einmal mehr befand er, dass es die Sache wert sei, ein braver Gemahl mit einer Engelsgeduld zu sein.

     Nachdem sie sich an ihrer Begierde berauscht und Befriedigung gefunden hatten, lagen sie eng umschlungen nebeneinander, fest entschlossen, das Bett bis zum Morgen nicht zu verlassen. Das amüsierte Gillian.

     „Ich bin nicht sicher, ob es sich ziemt, jedes Mal dem Taumel der Leidenschaft zu erliegen, wenn ich meine Mutter im Kloster besuche, Brice.“

     „Was soll ich tun, mein Herz? Da könnt Ihr noch so viel übers Beten reden. Solange Ihr fort seid und ich auf Euch warte und meinerseits bete – nämlich um Eure Rückkehr –, bin ich nun einmal hart wie Stein. Und das ist allein Eure Schuld, schließlich habt Ihr es zur Gewohnheit werden lassen, mich nach Eurer Rückkehr stets splitternackt im Bett zu erwarten. Nun setze ich das eben voraus.“ Er küsste sie, schob sich von ihr und zog sie an sich.

     „Wo wir gerade von meiner Mutter sprechen …“, begann Gillian, aber Brice fiel ihr ins Wort.

     „Ich denke nicht, dass ich über Eure Mutter reden will, wenn Ihr … mich in der Hand habt, Gillian. Das käme mir irgendwie frevelhaft vor.“ Danach waren Worte eine geraume Weile überflüssig.

Als sie später im Dunkel der Nacht so dalagen und auf den Schlaf warteten, kam Gillian abermals auf ihre Mutter zu sprechen. „Mutter meinte, Ihr würdet ihr umso mehr gefallen, weil Ihr nicht nach dem Gold gefragt habt.“

     Im schummrigen Kerzenlicht versuchte er, ihre Miene zu deuten, was ihm jedoch nicht gelang. „Welches Gold?“

     „Der wahre Schatz von Thaxted, Brice. Das Gold, das mein Vater hinterlassen hat, damit ich versorgt bin und die Burg unterhalten kann.“

     Brice war, als habe er die entscheidende Hälfte des Gesprächs verpasst. Er setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken an das Kopfteil des Betts. „Ich habe Euch und Eurer Mutter bereits erklärt, dass ich den Schatz längst habe, den Euer Vater zu schützen suchte. Es gibt kein Gold, und selbst wenn doch, so bräuchte ich … so bräuchten wir es nicht.“

     Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das er länger trug als früher, und schaute Gillian an. Nichts in ihrem Blick wies darauf hin, dass sie scherzte. Ihr ernster Ausdruck gab ihm zu denken. „Glaubt Eure Mutter wirklich an diesen Schatz, Gillian? Ich dachte, er sei letzten Endes nichts weiter als Oremunds Hirngespinst.“

     „Meine Mutter behauptet, dass es ihn gibt.“

     Er sann über ihre Worte nach. Kurz hatte er geglaubt, wenn das Gold existiere, müsse es in dem Grab verborgen sein, in dem angeblich Lady Ældra bestattet worden war. Aber schließlich hatte für ihn festgestanden, dass Gillian und ihre Mutter Eoforwics wahre Reichtümer darstellten, und nicht länger darüber nachgedacht, ob es dieses Gold nun tatsächlich gab oder nicht. Und wenn er es ihm dann doch noch einige Male in den Sinn kam, hielt er sich stets vor Augen, in welchen Wahn die Schatzsuche Oremund getrieben hatte. Damit war die Sache für ihn stets erledigt. Nun allerdings …

     „Weiß sie, wo es ist?“

     Gillian kletterte über ihn hinweg, glitt aus dem Bett und suchte nach dem Kästchen, in dem sie Schmuck und Erinnerungsstücke verwahrte. Sie öffnete es, entnahm etwas, kam zum Bett zurück und legte Brice das Geholte in die Hand. „Mutter hat mich angewiesen, Euch dies hier zu geben. Ich soll Euch sagen, dass Ihr das Rätsel lösen sollt.“

     Er nickte. „Das ist die Halskette, die Euer Vater Euch geschenkt hat.“

     „Nein, es ist die Kette meiner Mutter“, stellte sie richtig. „Diese hier ist die meine.“

     Brice nahm beide Ketten und hielt sie vor sich hoch. Beide hatten einen herzförmigen Metallanhänger mit einem kleinen Schlüssel in der Mitte.

     „Mutter lässt Euch ausrichten, Ihr sollt das Gold selbst finden. Damit ihr Enkelkind anständig aufwachsen kann.“

     „So, so, ich soll das Gold selbst finden“, brummte er, die Stirn unwillig gerunzelt ob des Umstands, dass seine Schwiegermutter ihn vom Kloster aus herumkommandierte. Dann erst sickerte der Rest des Gesagten zu ihm durch, und er starrte Gillian entgeistert an. „Enkelkind?“, sagte er heiser. „Ein Kind?“

     Sie nickte lächelnd. Brice legte die Schmuckstücke auf den Tisch neben dem Bett, zog Gillian fest an sich und küsste sie. Er konnte es nicht fassen. „Wann?“

     „Um Lichtmess herum, meint Mutter. Zu Beginn des Februars.“

     „Und, seid Ihr wohlauf?“

     „Gegen Nachmittag werde ich müde, aber das scheint bislang das einzige Anzeichen zu sein. Abgesehen davon, dass in den letzten zwei Monaten mein Mondblut ausgeblieben ist.“

     Das hätte ihm auffallen müssen, denn bislang hatten sie sich nur während ihres Monatsflusses die Sinnesfreuden versagt. Nun da er darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass sie seit ihrer Vermählung nur einmal geblutet hatte. Doch über den genauen Zeitpunkt der Empfängnis und alles Weitere konnten sie später reden. Jetzt wollte er Gillian einfach nur fest in seinen Armen halten. Und wissen, was sie empfand und wie sie darüber dachte, Mutter zu werden.

     „Freut Ihr Euch auf das Kind, Gillian?“

     „All unsere Gebete und Pläne waren auf dieses Kind ausgerichtet, Brice. Mit ihm werden wir die Familie sein, von der wir beide geträumt haben.“ Ihre Lippen berührten zärtlich die seinen. „Ja, ich freue mich unsagbar, Euer Kind unter dem Herzen zu tragen.“

     Vergessen waren die beiden Ketten. Erst am folgenden Tag fielen sie Brice wieder ins Auge, und er beschloss, sie zu untersuchen. Dafür löste er die Anhänger, hielt sie nebeneinander hoch und stellte fest, dass sie sich keineswegs glichen, sondern spiegelverkehrt waren.

     Tage vergingen, und die beiden Anhänger faszinierten Brice immer mehr. Erstmals näher kam er der Lösung des Rätsels, als er feststellte, dass man die Schlüssel in der Mitte ausklappen konnte. Sie mussten durch Scharniere mit dem herzförmigen Außenstück verbunden sein. Da sie jahrelang in derselben Position verharrt hatten, waren sie nur schwer zu bewegen, aber das Problem behob Brice, indem er sie mit ein wenig Öl schmierte. Anschließend ließen sich die beiden kleinen dünnen Schlüssel zu einem stabilen zusammenfügen.

     Noch hatte er keine Ahnung, was damit zu öffnen war. Gillian beobachtete schweigend, wie die Schlüssel ihn immer mehr gefangen nahmen.

     Eines Tages, als seine Männer an einem älteren Abschnitt an der Innenseite der äußeren Mauer werkelten, lösten sich einige Steine und gaben eine Gedenktafel für Lady Ældra preis. Die schwere Platte war in die ursprüngliche Mauer eingebettet. Oremund sei über die Tafel in Rage geraten, erklärte der Schmied Brice, als man ihn dazugeholt hatte. Als er sie nicht habe zerstören können, habe er sie zumauern lassen, damit sie ihm aus den Augen sei.

     Brice untersuchte die Platte. Sie kam ihm solide vor, nur in einer Ecke fand sich ein winziges Loch. Zunächst glaubte er, dieses sei bei Oremunds Wutausbruch entstanden, ehe er bemerkte, dass die Öffnung gerade groß genug für einen kleinen Schlüssel war.

     Er lachte über sich und diesen närrischen Gedanken. Wahrscheinlich hatte seine Schwiegermutter ihn nur auf die Probe stellen wollen, um zu sehen, ob die Gefühle, die er ihrer Tochter entgegenbrachte, aufrichtig waren. Sie wollte herausfinden, ob es ihm ernst war mit der Behauptung, er brauche das Gold nicht. Ja, vermutlich war es eine Prüfung, um festzustellen, wie viel er tatsächlich taugte.

     Also hatte Brice das Loch mehrere Tage lang nicht weiter beachtet, bis er entschied, dass es niemandem schadete, wenn er dort den Schlüssel ausprobierte. Als Zeitpunkt wählte er den frühen Morgen, wenn die meisten in der Feste noch schliefen und er sich daher nicht zum Narren machen würde, sollte er sich täuschen. Er nahm die Halsketten aus Gillians Kästchen und stahl sich hinaus zur Gedenktafel. Dort steckte er die beiden kleinen Schlüssel zu einem zusammen und führte diesen in das Loch ein.

     Er passte genau.

     Als Brice ihn drehte, spürte er, wie die Fallriegel nachgaben und das Schloss aufschnappte. Die Platte löste sich von der Mauer, und dahinter kam ein Fach zum Vorschein. Es barg eine hölzerne Truhe, halb so groß wie die, in der er seine Kleider aufbewahrte. Er versuchte, sie anzuheben, und scheiterte an ihrem Gewicht. Er würde Hilfe brauchen. Also schob er die Gedenktafel zurück und verriegelte das Schloss. Er wollte auf einen günstigen Moment warten, um mit Lucais oder Stephen zurückzukehren.

Als er wieder ins Bett schlüpfte, war Gillian bereits wach. Seinen Fund würde er vorerst für sich behalten, bis er sicher war, dass es sich tatsächlich um den vermeintlichen Schatz handelte – und bis er ihr die Truhe bringen konnte. Schließlich gehörte sie ihr. Als ihre Mutter die Ordensgelübde abgelegt hatte, hatte sie Gillian all ihre weltliche Habe vermacht, und dazu zählte auch diese Kiste. Aber nicht um die Besitzverhältnisse ging es ihm – im Vordergrund stand, dass ihr Vater damit ihre Zukunft hatte sichern wollen. Und Gillian sollte erfahren, wie wichtig sie Eoforwic gewesen war.

Am Abend schritt er an ihrer Seite hinauf zum Gemach, denn er wollte auf keinen Fall verpassen, wie sie auf die Überraschung reagierte. Er öffnete ihr die Tür, und Gillian betrat die Kammer, hielt abrupt inne und stand wie versteinert da.

     „Was … was ist das?“, brachte sie mühsam heraus und schüttelte den Kopf, als traue sie ihren Augen nicht.

     „Das Gold Eurer Mutter.“

     „Das Gold meiner Mutter? Aber wo habt Ihr es gefunden?“ Sie bückte sich und nahm ein paar Münzen auf, begutachtete sie und ließ sie zurückfallen. „Tatsächlich, es ist Gold“, flüsterte sie, grub die Finger tief in die Truhe und wühlte durch die Schichten unzähliger Münzen.

     „Euer Vater hat es im Grunde für alle sichtbar aufbewahrt, Gillian. Hinter der Gedenktafel, die er für Eure Mutter hat fertigen lassen.“ Er sah, wie ihr allmählich dämmerte, dass dies kein Traum war. „Er hat Euch nicht mit leeren Händen zurückgelassen, sondern das hier für Euch beiseitegeschafft. Für Euch, für Eure Mutter und für Thaxted.“

     Er lächelte über ihre erstaunte Miene. Vermutlich hatte er ebenso überrascht dreingeblickt, als er am Nachmittag den Deckel der Truhe gehoben und den reichen Schatz erspäht hatte. „Eure Mutter hat mir den Ansporn gegeben, es zu finden – also will sie wohl, dass wir es nutzen.“

     „Und ich bin überzeugt davon, dass Ihr es zu unser aller Wohl nutzen werdet, Brice. Ich vertraue Euch.“

     Brice ahnte, dass ihr Worte wie diese noch immer schwer über die Lippen kamen. Wieder einmal wurde ihm bewusst, dass seine Gemahlin der eigentliche Schatz von Thaxted war. Aber das Gold würde ihnen wahrlich helfen, denn vieles musste erneuert werden, und zudem galt es, bald ein Kind großzuziehen, Gillians und sein Kind. Das Gold kam ihnen durchaus zupass.

Und so geschah es, dass am neunzehnten Tage des Jänner im Jahre des Herrn 1068 dem Lord und der Lady of Thaxted ein Sohn geboren wurde. Der Vater tat kund, dass sein Kind zu dem besten Manne unter der Sonne heranwachsen werde. Die Mutter lächelte nur leise, denn sie wusste, dass es keinen besseren Mann gab als den, der ihr angetraut war.

– Ende –

Anmerkung der Autorin

Die Invasion von Herzog William von der Normandie im Jahr 1066 sorgte in England für tief greifende Veränderungen sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Einige dieser Veränderungen waren bereits zuvor angestoßen worden, denn die Normannen hatten sich schon unter Edward the Confessor – Eduard dem Bekenner – in England etabliert. Viele hatten dort Land und Titel erworben, lange bevor der Eroberer erstmals seinen Fuß auf englischen Boden setzte. Daher besaßen die Angelsachsen einige Erfahrungen mit dem normannischen Wesen, als das große Invasionsheer Ende September 1066 bei Pevensey an Land ging.

     Viele Angelsachsen durften ihren Landbesitz nach Williams Ankunft behalten – zumindest diejenigen, die dem neuen Herrscher die Treue schworen. Viele wurden allerdings auch durch die Männer ersetzt, die für William gekämpft hatten. Bedeutende normannische Edelleute erhielten umfangreiche Ländereien und nicht selten eine englische Erbin zur Frau.

     William war unbarmherzig und hatte keinerlei Skrupel, seine Herrschaft mittels Gewalt durchzusetzen. Dennoch gelang es ihm nach der Schlacht von Hastings zunächst nicht, seine Herrschaft gänzlich zu festigen. Den ersten wichtigen Schritt in diese Richtung erreichte er, als er drei Jahre später eine von den Dänen unterstützte Revolte im Norden Englands niederschlug und die Menschen dort seinen Zorn spüren ließ. Sein Zug durch den Norden wird noch heute als „Harrowing of the North“ bezeichnet, als „Verwüstung des Nordens“. Er machte alles nieder, was er fand, und radierte damit wirkungsvoll aus, was von der angelsächsischen Lebensweise übrig geblieben war.

     In meiner Geschichte taucht einer von Harolds Söhnen namens Edmund als Rebellenführer auf. „Mein“ Edmund setzt sich aus verschiedenen realen Personen zusammen, die nach der Schlacht von Hastings weiterhin gegen die Normannen aufbegehrten, als Letztere vom Südosten Englands nach Norden und Westen zogen, um das ganze Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

     Es wird angenommen, dass mindestens zwei von Harolds Söhnen die Schlacht, bei der ihr Vater fiel, überlebten (oder sich davor gedrückt hatten). Sie sollen sich gemeinsam mit ihrer Mutter dem Widerstand gegen die normannische Herrschaft angeschlossen haben. Die Earls of Mercia und Northumbria, beide Harolds Schwäger, wechselten im Laufe des Konflikts mehrmals die Seiten. Eine Weile lang wurden sie zusammen mit dem designierten Thronerben Edgar Ætheling in der Normandie festgehalten, und später nahmen sie an dem Aufstand teil, der William zu seinem verheerenden Zug quer durch den Norden verleitete.

     Jedwede Ähnlichkeit zwischen „meinem“ Edmund und realen historischen Hauptfiguren ist also durchaus beabsichtigt!

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