Vom Feind erobert - 3. Kapitel

3. Kapitel

Gillian suchte in seinem Gesicht nach Antworten, fand jedoch keine. Er war wütend, und sein Zorn war beinahe greifbar. Die ganze Zeit über hatte er gewusst, wer sie war, selbst als sie geheuchelt und gelogen hatte. Aber woher?

     „Wer seid Ihr, Mylord?“

     Oremund hatte ihr von jenem Edelmann des normannischen Eroberers berichtet, der sich aufgemacht hatte, Thaxted und sie selbst in Besitz zu nehmen. Doch dieser Fremde hier vor ihr hatte erklärt, er sei nicht von vornehmer Abstammung. Sie hatte ihn fluchen hören wie einen Gemeinen, und die übrigen Männer nannten ihn bei seinem Vornamen – Brice. Sie brachten ihm nicht den Respekt entgegen, der einem königlichen Vasallen zukam, und sei er auch nur einer dieser normannischen Halunken, die derzeit über England herfielen.

     „Brice Fitzwilliam, seit Kurzem Lord of Thaxted und Lehnsmann seiner Hoheit William, Herzog der Normandie und König von England“, verkündete er so laut, dass alle es hörten. „Und fortan Euer Gemahl“, fügte er hinzu und verneigte sich knapp vor ihr.

     Seine Krieger antworteten mit Jubelrufen, die durch die Nacht hallten und Gillian verschreckten. Dies also war der Mann, der ihre Welt in Trümmer legen, ihren Halbbruder meucheln, ihr Land und ihr Volk unterwerfen und auch sie selbst bezwingen würde, und zwar so sicher, wie sein Herzog den Süden Englands verwüstet hatte.

     Fitzwilliam? So war er vermutlich ein Bastard wie sein Herr selbst – die Vorsilbe fiz, im Normannischen für „Sohn“ meist illegitimer Herkunft, deutete darauf hin. Nur so ließ sich sein Zorn verstehen, denn was sie vorhin über Edelmänner gesagt hatte, musste ihn in seiner neu gewonnenen Ehre gekränkt haben.

     „Ihr seid nicht mein Gemahl.“ Sie weigerte sich einfach zu glauben, dass sich so etwas ohne ihr Mitwirken oder ihre Zustimmung bewerkstelligen ließ.

     Er lachte und überraschte sie dadurch mit einer Seite von sich, die ihr bislang verborgen geblieben war. In seinen Augen blitzte Heiterkeit auf, und von seinem Lächeln wurde ihr seltsam warm. Als er ihr in die Augen sah, stockte ihr der Atem.

     „Das lässt sich leicht ändern, Madame.“ Er winkte jemandem jenseits der Lichtung. „Auf Euer Wort hin.“

     Ein alter Mann, ein Priester, trat aus der Menge, gefolgt von einem jüngeren ohne Priestergewand, der mehrere Pergamentrollen trug. Beide blieben vor Gillian stehen und verneigten sich.

     „Lady Gillian“, sagte der ältere respektvoll. „Ich bin Vater Henry und komme aus Taerford.“ Er wandte sich leise an den normannischen Krieger. „Mylord, Selwyn wird zunächst die Übertragung von Land und Titeln und anschließend den Ehevertrag verlesen.“

     So entsetzt war Gillian über diese Wende der Ereignisse, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie der Mann neben ihr sie aus seiner eisernen Umklammerung entlassen und stattdessen ihre Hand ergriffen hatte. Und wann hatten sich ihrer beider Finger miteinander verflochten? Im Nu war aus der Gefangenen eine Braut geworden, und so recht begriff sie diese Wandlung nicht. Während der junge Selwyn die Auszeichnungen und Ländereien aufzählte, die diesem Lord übereignet wurden – der aus der Bretagne und nicht aus der Normandie stammte, wie sie nun wusste –, suchte Gillian fieberhaft nach einem Ausweg. Nach einer Möglichkeit, zurück nach Thaxted Hall zu gelangen; zurück zu ihrem Bruder; nein, besser: zurück zu dem Leben, das sie bis vor wenigen Monaten geführt hatte.

     Da stand sie nun neben einem völlig Unbekannten, einem fremdländischen Ritter, der durch seinen König zu Ehren gekommen war. Der sich – sofern sie ihn ließ – alles zu eigen machen würde – sogar ihren Leib. Sie wusste, sie musste handeln, aber als sie sich seinem Griff entwinden wollte, raunte er ihr etwas zu, das ihr das Blut gefrieren ließ und sie augenblicklich fügsam stimmte.

     „Geachtete Gattin oder geächtetes Bauernmädchen – welche Rolle wünscht Ihr in dieser Nacht einzunehmen, Gillian?“

     Sie sah ihn an. In seinem Blick lag weder Häme noch Drohung. Aber er würde dafür sorgen, dass ihre heutige Entscheidung über ihr künftiges Leben bestimmte. Selwyn kam zum Ende des Ehevertrags, der vom König dieses Fitzwilliam abgesegnet worden war, und aller Augen richteten sich auf sie. Gillian zögerte.

     Tief in ihr schrie etwas danach, tapfer zu sein und ihren Widersacher zurückzuweisen. Seinen Versuchen zu trotzen, sie gegen ihren Willen zu nehmen, und sich ebenso den Plänen ihres Bruders zu widersetzen. Sie mochte nicht glauben, dass dieser Priester tatenlos zusähe, wenn sie in diese Ehe gezwungen oder von den Umstehenden geschändet würde.

     Ein anderer Teil von ihr wollte hingegen tun, was getan werden musste, wollte erdulden, was erduldet werden musste, um die Menschen von Thaxted vor diesem Eroberer zu schützen. Das edle Blut in ihren Adern, wenngleich befleckt durch die Umstände ihrer Geburt, ging dank ihrem Vater auf unzählige Generationen zurück. Dieses Wissen stärkte sie in ihrem Entschluss, nicht einfach die Hände in den Schoß zu legen und die Menschen auf Thaxted weiterhin leiden zu lassen. Wenn eine Verbindung mit diesem Krieger Frieden nach Thaxted brachte, so würde sie diese Ehe ertragen.

     „Willigt Ihr in die Vermählung ein?“, fragte der Bretone erneut. Er schlug einen verführerisch sanften Ton an, der selbst Eva einmal mehr das Paradies gekostet haben dürfte, denn sie hätte sich diesem Mann unweigerlich hingegeben.

     Gillian wünschte, ein einziges Mal nur um ihrer selbst willen geschätzt und nicht als Wertgegenstand betrachtet zu werden, aber sie musste den Tatsachen ins Auge blicken und sich der Verantwortung, die sie trug, stellen. Vielleicht würde sie irgendwann einmal Gelegenheit haben, etwas zu tun, nur weil ihr der Sinn danach stand, oder aus demselben Grunde etwas zu verweigern. Aber noch war diese Zeit nicht gekommen – jetzt stand ihr der Luxus einer solchen Wahl nicht zu.

     Also gab sie mit widerstrebenden Gefühlen nach und willigte in diese Farce einer Ehe ein – so verschmutzt, wie sie nach der Wanderung und ihren Fluchtversuchen war, in den Umhang einer Magd gehüllt und vor einer Meute, die aus Hunderten fremder Finsterlinge bestand. Schlimmer noch – als ihr Bräutigam mit warmer, sinnlicher Stimme das Ehegelübde sprach und schwor, sie zu schützen und zu ehren, durchfuhr es sie wie Feuer. Sündige Bilder, die ihr vorgaukelten, wie sie bei ihm lag, tauchten vor ihrem inneren Auge auf.

     Als er geendet hatte und sich vorbeugte, um ihren Bund mit einem Kuss zu besiegeln, wusste Gillian genau, wie Eva sich an jenem Tag gefühlt hatte, da Satan sie versuchte.

Als sein Mund den ihren berührte, schnappte sie überrascht nach Luft, doch Brice erstickte den Laut mit seinen Lippen. Während des Gelübdes war sie ganz in ihre Gedanken vertieft gewesen, und er wollte, dass sie endlich begriff, in was sie da eingewilligt hatte. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich ihm im Zelt angeboten hatte, hatte ihn erzürnt. Als er sie nun jedoch küsste, schmeckte er nichts als Unschuld und Angst. Er trat näher, legte ihr einen Arm um die Schultern, zog sie an sich und bewahrte sie dadurch davor, zu Boden zu sinken.

     Sie wehrte sich nicht, erwiderte den Kuss aber auch nicht, und Brice verspürte einen Anflug von Enttäuschung darüber, dass ihre frühere Beherztheit entschwunden war. Er wollte ihre Leidenschaft und ihr Feuer kosten, doch alles, was er wahrnahm, war ihre Furcht. Ihr Körper bebte in seinen Armen, und daher beließ er es bei einem nur zarten und flüchtigen Kuss und hob den Kopf.

     Aus blaugrünen Augen starrte sie ihn an, und er beobachtete, wie Neugier, Angst und Erstaunen in ihrem Blick miteinander rangen. Sie berührte ihren Mund, als sei sie nie zuvor geküsst worden. Trotz ihrer Unschuld und ihrer spürbaren Ablehnung weckten der Geschmack ihrer weichen Lippen und die Aussicht darauf, sich in seinem Zelt an seine junge Gemahlin zu schmiegen, seine Begierde. Er würde seine Hände unter ihr Gewand gleiten lassen und jeden Zoll ihrer Haut berühren, ehe das Licht der Sonne einmal mehr das Lager erhellte.

     Ob sie nun seinen Gesichtsausdruck richtig deutete oder nicht, ihr Körper reagierte jedenfalls, und sie erschauerte, als Brice ihr in die Augen blickte. Dabei malte er sich aus, wie sie sich nackt unter jeder seiner Liebkosungen wand. Sie würde sein Bett in dieser wie auch in allen künftigen Nächten wärmen, und er wollte ihr solche Wonnen bereiten, dass sie niemals bereuen würde, in diese Ehe eingewilligt zu haben. Er riss sich von ihrem Blick los und musterte sie von Kopf bis Fuß.

     Ihre weiblich gerundeten Hüften verhießen, dass sie gesunde Kinder zur Welt bringen würde. Und er gedachte, jede Menge Kinder mit Gillian zu zeugen, wenn er erst einmal ihren Bruder von dem Land verjagt hatte, das nun ihnen beiden gehörte, und das Gebiet für König William befriedet hatte. Und jedes seiner Kinder würde seinen Namen tragen. Das hatte sein eigener Vater ihm vorenthalten – und im Gegensatz zu seinem Erzeuger hatte Brice die Frau geheiratet, die ihm Kinder gebären würde. Nun, da sie ihm gehörte, war in greifbare Nähe gerückt, was er sich so sehr gewünscht und für was er sich geschunden und geplagt hatte.

     Er nahm Gillians Hand, wandte sich seinen Männern zu, reckte die Faust in die Höhe, mit der er ihre Finger umschlossen hielt, und machte seinen Anspruch auf seine Frau damit vor aller Augen geltend.

     „Lady Gillian of Thaxted“, rief er laut. „Meine Gemahlin!“ Die Hochrufe erklangen erst vereinzelt und griffen schließlich auf das gesamte Lager über, bis alle Anwesenden die Vermählung anerkannten und seiner Frau zujubelten. Brice nickte Stephen zu, der vortrat und sich vor Gillian verneigte. „Geleite die Dame zu meinem Zelt“, wies er ihn an. „Und bewache sie, bis ich komme.“

     Er hegte keinerlei Zweifel, dass all ihre Worte und Gelübde, die sie vor dem Priester ausgesprochen hatte, in nichts zerrinnen würden, sobald ihr dämmerte, was sie getan hatte. Nur der Vollzug der Ehe würde ihr begreiflich machen, dass sie nun ihm gehörte, und allein dieser Akt konnte einer späteren Annullierung vorbeugen. Bis ihr Bund auf diese Weise besiegelt und die Gültigkeit ihrer Ehe somit von allen Seiten anerkannt war, würde er Gillian hüten wie einen Schatz. Denn genau das war sie.

     Stephen trat näher, und Brice spürte, wie Gillian sich versteifte. Sein Krieger verbeugte sich abermals und reichte ihr den Arm, um sie zu begleiten, wie es einer Dame und der Gemahlin eines Lords gebührte. „Madame?“

     Brice hielt den Atem an, denn er erwartete, dass sie davonstürzen würde. Stattdessen legte sie die Hand auf Stephens Arm und schritt neben ihm her zum Zelt. Brice hatte noch einiges zu erledigen, ehe er sich endlich zurückziehen konnte. Und wenn er die anstehenden Aufgaben heute hastiger erledigte als sonst, so unterdrückte doch jeder seiner Gefährten wohlweislich eine spöttische Bemerkung.

     Nachdem er veranlasst hatte, dass Botschaften versandt und weitere Wachen rund ums Lager aufgestellt worden waren, stand er vor seinem Zelt. Er fragte sich, welche Frau – die geschätzte Gemahlin oder das geächtete Bauernmädchen – er vorfinden würde. Endlich hob er die Zeltklappe und trat ein.

Gillian hörte, wie er hineinkam, erhob sich jedoch nicht und schaute auch nicht auf. Noch immer hatte sie kein klares Bild von dem Mann, der sie in diese missliche Lage gebracht hatte. Nachdem man sie allein im Zelt gelassen hatte, war sie zunächst in eine Art Schreckstarre verfallen. Doch dann hatte sie sich besonnen und grübelte seit geraumer Zeit darüber nach, welche Möglichkeiten sie hatte. Sie war das ständige Auf und Ab in ihrem Leben leid. Obwohl sie sich eigentlich längst daran gewöhnt haben müsste, dass sie sich auf nichts und niemanden verlassen konnte …

     Gescheitert war ihr Plan, Zuflucht im Kloster zu suchen, um sich der Kontrolle ihres Halbbruders zu entziehen und dieser – gerade besiegelten – Ehe zu entgehen. Ihr Vorhaben war von Anfang an leichtsinnig gewesen, schien aber aussichtsreicher als ihre ersten drei Fluchtversuche. Obgleich oder gerade weil ihr Bruder gedroht hatte, sie wieder zu strafen, sollte sie erneut fliehen, hatte sie diesen Schritt gewagt – und nicht zuletzt auch, um endlich Oremunds demütigender Bevormundung zu entkommen.

     Auf seine Hilfe konnte sie daher nicht hoffen. Und zum Kloster würde sie es nun auch nicht mehr schaffen. Ihr blieb nichts … Seufzend musste Gillian sich eingestehen, dass es für sie keinen Ausweg gab.

     „Madame?“ Die tiefe Stimme des Ritters riss sie aus den Gedanken und zwang sie, aufzuschauen und seinem Blick zu begegnen.

     Wie hatte sie ihn je für etwas anderes halten können als den Anführer, der er war? Er führte zwar kein Banner mit seinem Feldzeichen und bediente sich mitunter einer ungehobelten, rüden Sprache. Aber selbst wenn sie den Geschichten Glauben schenkte, die Oremund über diesen Normannen – nein, Bretonen – und dessen Pläne erzählte, ließ sich das Edelmütige, das ihn umgab, nicht übersehen.

     Er hatte alles Rüstzeug abgelegt und stand nicht länger als Krieger, sondern als Mann vor ihr. Dennoch flößte er ihr, nun da er ihr Gemahl war, mehr Furcht ein als zuvor.

     Groß war er, so groß, dass er den Kopf einziehen musste, um nicht ans Dach zu stoßen, als er tiefer ins Zelt trat. Stattlich war er, seine breiten Schultern kündeten von jahrelangen Waffenübungen. Und er … wartete. Gillian schluckte mühsam, als ihr aufging, dass ihr musternder Blick ihm nicht entgangen war. Aber offenbar billigte er ihn. Sie senkte den Kopf, starrte auf ihre verschränkten Hände und verharrte schweigend.

     „Hat man Euch frisches Wasser gebracht und alles zu Eurer Bequemlichkeit hergerichtet?“, fragte er leise. Sie hielt den Kopf weiterhin gesenkt, sah aber aus den Augenwinkeln, dass er näher kam. „Wünscht Ihr etwas zu trinken oder zu essen?“

     Ihr lief die Zeit davon, denn er würde die Ehe rasch vollziehen wollen. Daher unternahm sie einen letzten Versuch, ihn von diesem Vorhaben abzubringen. „Mylord“, sagte sie kaum hörbar, erhob sich und trat vor ihn. „Ich benötige nichts von Euch. Gewährt mir nur sicheres Geleit zum Kloster.“

     Sie wartete auf seine Antwort, und die schier unerträgliche Spannung zwischen ihnen wuchs. Als er stumm blieb, hob sie den Kopf und schaute ihn an. Er betrachtete sie. So eindringlich und glühend war sein Blick, dass das Braun seiner Augen fast schwarz wirkte.

     „Ihr verlangt das eine von zwei Zugeständnissen, die ich Euch nicht machen kann, Madame. Selbst wenn ich wollte.“

     Hatte er seine Worte mit Absicht so gewählt, dass sie nicht anders konnte, als zu fragen, worum es sich bei dem zweiten Zugeständnis handelte? Wusste er um ihre ungebührliche Neugier, in der Bruder und Vater stets einen Wesensmakel gesehen hatten? Das Herz drohte ihr in der Brust zu zerspringen, als er sie bei der Hand nahm und näher zog. Sosehr sie sich auch zu beherrschen suchte – die Worte platzten einfach heraus. „Was ist das andere?“ Sie hielt den Atem an, als er ihre Hand an die Lippen hob und die Innenseite des Gelenks liebkoste.

     Er ließ den Kuss einen Augenblick länger währen als nötig, ehe er sie wieder ansah. „Ich kann Euch den kommenden Morgen nicht als Jungfrau begrüßen lassen.“

     Gillian schüttelte abwehrend den Kopf und riss sich los – oder versuchte es vielmehr, denn er hielt ihre Finger fest umklammert und ließ sie nicht gehen. „Mylord …“

     „Madame“, entgegnete er.

     „Ich bitte Euch …“ Ihr versagte die Stimme, als er den Ärmel ihres Gewands hochstreifte und ihm mit den Lippen folgte. Einen Kuss nach dem anderen hauchte er auf ihre entblößte Haut. Gillian war, als loderten Flammen in ihr auf. Alle Gedanken, alle Argumente, die ihr soeben noch auf der Zunge gelegen hatten, waren verflogen. Sie erbebte unter seinen Berührungen und hob die freie Hand, um sich seinem Griff zu entziehen.

     „Nein, Madame“, raunte er an ihrer Haut. Er hielt nicht einmal inne, während er ihre Hand abfing und sich an die Brust drückte. Dann blickte er sie an. „Ich lasse Euch nicht gehen.“

     Gillian suchte in seiner Miene nach einem Zeichen dafür, dass er vielleicht nachgeben würde, doch vergebens. Und als er sie enger an sich zog, ihren Blick auffing und sie das Verlangen in seinen Augen glitzern sah, wusste sie, dass sie sich ihm nicht würde entziehen können. Nur kurz ließ er sie los, um ihr Tuch zu lösen und von ihren Haaren zu streifen. Er warf es beiseite und umschlang sie erneut, enger als zuvor. Als er den Kopf senkte und mit seinem Mund, den ihren berührte, schwanden ihr beinahe die Sinne. Jedwedes Bemühen, ihre Gedanken auf einen – irgendeinen – Plan zu richten, war dahin, als ihr Leib in den Bann dieses Mannes geriet.

     Der Kuss begann erst sanft, wurde aber rasch forschender, fordernder, lockender. Ihr stockte der Atem, als der Bretone sich weiter herunterbeugte und gänzlich die Kontrolle über ihren Mund und ihren Körper übernahm. Gillian ergab sich und spürte, wie er die Hände über ihre Schultern hinauf in ihr Haar gleiten ließ. Er strich ihr mit der Zunge über die Lippen, und sie öffnete sich ihm, ließ ihn gewähren und erschauerte ein ums andere Mal. Flüchtig schoss ihr durch den Kopf, dass sie nie zuvor so kühn, so besitzergreifend geküsst worden war.

     Schließlich gab er ihr Haar frei, streichelte zärtlich ihren Hals und ihre Brüste und ließ seine gespreizten Finger auf ihrem Unterleib verweilen. Gillian löste sich von seinen Lippen und rang nach Luft. Ein Kuss war eine Sache, doch sie auf solch intime Weise zu berühren, war …

     Unsittlich.

     Verboten.

     Ungeheuerlich.

     Er drängte sie nicht, seine Liebkosung zu erwidern, zog die Hand jedoch auch nicht zurück, sondern ließ sie viel zu nah dort, wo ihre Schenkel sich trafen. Dieser Stelle hatte sie bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt, nun jedoch verlangte sie geradezu schmerzhaft nach etwas, das sie nicht zu benennen wusste. Das Sehnen ergriff auch ihren übrigen Leib, als sie das Begehren in den Augen des Mannes lodern sah. Er wartete.

     „Das ist voreilig, Mylord“, stieß sie hervor. „Wir kennen uns doch gar nicht, und dennoch wollt Ihr mich hier und jetzt nehmen?“

     Er ließ die Hand, wo sie war, sodass die Hitze, die sie durchströmte, nicht nachließ. Sie musste diese Flammen ersticken, sofern sie das Kommende abwenden wollte.

     „Der König hat mir Thaxted, Titel und auch Euch übereignet, Madame“, erwiderte er leise. „Trotz Eurer Bemühungen und denen Eures Bruders …“

     „Halbbruders“, unterbrach sie ihn. „Er ist nur mein Halbbruder“, erklärte sie, als er die Stirn runzelte.

     „Halbbruder oder nicht, das schert mich ebenso wenig wie den König.“ Er schüttelte den Kopf. „Trotz aller Bemühungen, mich von meinem Land und meiner Braut fernzuhalten, habe ich Euch aufgespürt und werde keinen weiteren Aufschub oder Fluchtversuch riskieren. Für mich ist einzig und allein von Belang, dass Ihr nun endlich mein mir rechtmäßig angetrautes Weib seid …“ Ehe sie entscheiden konnte, welchen Kurs sie einschlagen sollte, beugte er sich vor und küsste sie abermals. „Und dass unser Bund gleich auch im Fleische vollzogen wird.“

     Das fachte einen letzten Funken Widerstand in ihr an; ob dieser Torheit oder Mut entsprang, vermochte sie nicht zu sagen. Erneut rückte sie von ihm ab. „Und wenn Ihr in der nächsten Schlacht fallen solltet“, wandte sie ein, „werde ich außer Eurem Namen nichts über Euch wissen. Kümmert Euch das denn gar nicht?“ Seine zuversichtliche Miene war Antwort genug.

     „Ich werde die nächste Schlacht nicht verlieren, Madame. Wenn jemand fällt, dann Euer Bruder.“

     Sie fuhr zusammen, denn bis jetzt hatte sie sich nicht ernsthaft vor Augen gehalten, was bevorstand. Oh ja, sie hatte gewusst, dass es zu einem Kampf um die Herrschaft über Thaxted kommen würde. Ebenso wusste sie, dass einige dabei verwundet oder sterben würden. Und so manchem wünschte sie das eine oder andere, mochte der Herrgott ihr vergeben. Aber es würde auch Menschen treffen, die unverschuldet in dieses Spiel zwischen Königen und Edelleuten geraten waren. Den Preis mussten stets die Unschuldigen zahlen.

     „Vergebt mir meine Worte, Gillian.“ Er fasste sie an den Schultern. „Krieg ist für keinen der Beteiligten einfach. Verzeiht mir bitte, dass ich Euch mit Andeutungen über Eures Bruders Tod gequält habe.“

     Wieder hatte er sie bestürzt, wie er merkte, denn sie riss die schönen blaugrünen Augen auf und öffnete den Mund. Er war wahrlich nicht unerfahren, wenn es darum ging, eine Frau zu verführen. Allerdings schien ihn all sein Geschick verlassen zu haben, ausgerechnet jetzt, da er es besonders dringend gebraucht hätte. Er musste sie in dieser Nacht nehmen. Er musste die Ehe vollziehen und sie zu seiner rechtmäßigen Frau machen, sodass sie unter dem Schutz seiner Freunde und dem des Königs stehen würde. Denn wer wusste schon, was die kommenden Gefechte brachten. Erneut versuchte Brice, sie in sein Bett zu locken.

     „Uns bleiben noch unzählige Tage, einander besser kennenzulernen, Gillian“, raunte er. „Lasst uns heute den ersten Schritt tun.“ Er schob ihre die langen Locken von den Schultern, sodass sie auf ihren Rücken hinabfielen.

     Sie erbebte unter seinen Zärtlichkeiten. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, ihr Leib war bereit für ihn. Brice beugte sich vor und küsste sie, ohne weitere Fragen oder Einwände abzuwarten. Zunächst nahm Gillian es reglos hin, aber als er begann, sanft mit der Zunge ihren Mund zu erforschen und die ihre zu necken, schloss sie die Augen und ergab sich den Verlockungen einmal mehr. Brice fachte ihre Glut mit seinen Küssen an, bis er sie schwer atmen hörte. Diese gehauchten Seufzer waren es, durch die er fast die Gewalt über sich verlor.

     Auch wenn er sich vorgenommen hatte, in ihrer ersten Nacht einen kühlen Kopf zu bewahren, konnte Brice nicht verhindern, dass sein Körper auf Gillians unschuldige Erregung reagierte. Jeder ihrer Seufzer ließ mehr Blut durch seine Lenden pulsieren, bis er so erregt war, dass er meinte, förmlich zu bersten.

     Er legte ihr einen Arm um die Schultern, hob sie auf und küsste sie leidenschaftlich, während er sie zu seinem Lager trug. Dort kniete er nieder, um Gillian darauf zu betten. Die Decken waren sauber, aber er wusste, dass sie nicht annähernd die Bequemlichkeit boten, die eine Dame gewohnt war. Flüchtig schoss ihm durch den Kopf, dass er dabei war, seine Gemahlin auf einer Pritsche in einem Zelt inmitten eines Kriegslagers zu nehmen.

     Sie verdiente etwas Besseres, als behandelt zu werden wie eine Dirne. Eine Dame wie sie sollte umworben werden und von sich aus bereit sein, ihre Jungfräulichkeit zu schenken. Eine Gemahlin von edlem Geblüt – seine Gemahlin – sollte ehrerbietig behandelt und zärtlich verführt werden – diskret und in einer komfortablen Umgebung.

     Brice gestand sich nur diesen Moment des Bedauerns ob der Umstände und Gegebenheiten zu, ehe er sich neben Gillian aufs Lager legte. Er hielt sie immer noch umschlungen, löste seine Lippen endlich von ihrem Mund und küsste die weiche Haut an ihrem Kinn und ihr linkes Ohr. Erfreut nahm er wahr, dass sie in seiner Umarmung erbebte. Mit einem Finger zeichnete er die Konturen ihrer Lippen nach, strich über Kinn und Hals hinab zu den Rundungen ihrer Brüste und hielt an der Schnürung ihres Kleids inne. Als er daran zu nesteln begann, holte Gillian scharf Luft und packte seine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten.

     „Jemand könnte hereinkommen“, flüsterte sie.

     Er wusste, dass niemand es wagen würde, ihn zu stören, und versuchte ihr die Angst zu nehmen. „Sofern dieses Zelt nicht plötzlich in Flammen aufgeht, wird niemand hereinkommen.“

     Wieder neigte er sich über sie, küsste ihren Hals und löste zugleich die Bänder an ihrem Ausschnitt. Er ließ seine Finger unter den Stoff gleiten und den Rundungen ihrer üppigen Brüste folgen. Als er die Spitzen berührte, wölbte Gillian sich seiner Hand entgegen. Sanft strich er über die beiden Knospen, und sie stöhnte auf. Er spürte seine Männlichkeit schwellen und darauf drängen, den Akt zu vollziehen. Aber er wollte das Ganze langsam angehen und es seiner jungen Gemahlin so angenehm wie möglich machen.

     Er blickte auf ihr Gesicht hinab. Da lag sie, die Augen fest geschlossen. Nur ihr Mund verriet, dass sein Bestreben, sie nicht zu verschrecken, sondern im Gegenteil, ihr Vergnügen zu bereiten, erfolgreich war. Er sah, wie sie sich auf die Unterlippe biss und anschließend mit der Zunge darüber fuhr. Jede Bewegung, jeder Laut von ihr ließ ihn erschauern. Am liebsten hätte er ihr das Gewand vom Leibe gerissen und wäre tief und hart in sie gedrungen, doch wollte er sich diesmal mit einem zarteren Vorgehen zufriedengeben.

     Aufmerksam beobachtete er ihr Gesicht, während er eine Hand nach unten gleiten ließ und mit dem Handrücken ihre Brüste, ihren Bauch und schließlich ihre Schenkel berührte. Sie wand sich in seinem Arm, als ihr unschuldiger Leib unter den Liebkosungen erwachte, auch wenn sie sich vermutlich nicht gewahr war, was mit ihr geschah. Brice strich ihr über die Beine und erfühlte die Stelle, nach der er sich so sehr sehnte. Gillian rang nach Luft und wollte sich aufrichten.

     „Nicht, mein Engel“, flüsterte er und drückte sie sanft, aber bestimmt nieder, sodass sie sich nicht rühren konnte. „Lasst mich Euch die Wonnen zeigen, die Mann und Frau einander bereiten können …“ Behutsam streichelte er sie und ließ sie dabei nicht aus den Augen. „Die Gemahl und Gemahlin einander bereiten können.“ Er hielt inne in seiner Bewegung und schob Gillian das Kleid hoch. Ihre Haut fühlte sich samtig an unter seinen Fingern, und ihre Schenkel, nun endlich seinem Blick vollständig preisgegeben, waren wohlgeformt und lang. Fast schon war das Gewand aus dem Wege, als Gillian sein Handgelenk umfasste.

     „Man kann uns hören, Mylord. Man wird jeden Laut von uns hören …“

     Dies war einer der Gründe dafür, dass Brice nie eine Jungfrau zu sich aufs Lager holte – sie waren zu befangen, um ihre Lust in vollen Zügen genießen zu können. Ohnehin war ein Bastard wie er kaum gut genug für eine unberührte Maid, und er hätte nie eine bekommen, vor allem keine von so edler Herkunft wie seine Gemahlin.

     „Ich versichere Euch, die Männer haben Weisung, unsere Zweisamkeit zu achten, Madame. Sie werden über alles hinwegsehen, was nach außen dringen sollte. Sorgt Euch also nicht.“

     Wieder strich Brice über die nackte Haut ihrer Schenkel und ließ seine Hand zu ihrem vom Rocksaum verborgenen Schoß wandern, als Gillian abermals zusammenzuckte. Dieses Mal gelang es ihr, sich seinem Arm zu entwinden.

     „Habt Ihr das gehört?“, wisperte sie. „Da ist jemand direkt vor dem Zelt.“ Ihr Blick hetzte von einer Seite zur anderen und schließlich zum Eingang.

     Brice lauschte, hörte jedoch nichts. Wenn es sie aber beruhigte, entschied er, würde er rasch sicherstellen, dass seine Befehle befolgt wurden. Er bezweifelte, dass sich auch nur einer seiner Männer in die Nähe des Zelts gewagt hatte, doch er nickte Gillian zu und erhob sich. Dabei zog er sich die Hosen so zurecht, dass sie seine Erregung bedeckten. Er trat an den Zelteingang und schaute hinaus.

     Die Wachen standen auf ihren Posten, ein gutes Stück entfernt. Brice konnte in unmittelbarer Nähe keine Bewegungen oder Geräusche ausmachen. Er drehte sich um und wollte seiner Gemahlin Bericht erstatten und sie so weit beschwichtigen, dass sie sich ihm nun hingeben würde.

     Die Waffe, die aus der Dunkelheit des Zelts auf ihn niedersauste, sah er erst, kurz bevor sie ihn traf. Und da war es zu spät.

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