Vom Feind erobert - 4. Kapitel

4. Kapitel

Als er zusammenbrach, packte ihn Gillian an der Tunika, damit er ins Zelt fiel. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, warf das kurze Schwert mitsamt Scheide in eine Ecke und suchte nach ihrem Umhang. Bereit, einmal mehr zu entkommen, stieg sie über den bewusstlosen Ritter hinweg. Da wurde ihr bewusst, dass er sich nicht mehr gerührt hatte, nachdem er bäuchlings auf dem Boden gelandet war.

     Hatte sie ihn etwa getötet? Das war nicht ihre Absicht gewesen. Um ihn aufzuhalten, hatte sie den Schwertknauf allerdings, so fest sie konnte, auf seinen Kopf niederfahren lassen. Sie hockte sich neben ihn, hob ihn an der Schulter an und hielt ihm eine Hand vor Mund und Nase. Sie spürte die Wärme seines Atems auf der Haut und seufzte erleichtert auf. Einen Mord hatte sie nun wirklich nicht begehen wollen.

     Sie ließ ihn liegen, wie er gefallen war, denn sie hatte keine Zeit zu verlieren. Zudem besaß sie nicht die Kraft, ihn zu bewegen oder zu fesseln. Gillian bückte sich noch einmal und zog ihm den Dolch aus dem Futteral, das in den Schnüren seiner Beinlinge am rechten Unterschenkel steckte. Sie hatte gesehen, wie er die Waffe dort verstaut hatte. Der Dolch würde ihr auf der Flucht zumindest etwas Sicherheit geben. Sie spähte aus dem Zelt und sah, dass die Krieger ein wenig abseits standen, so wie der Bretone gesagt hatte.

     Gut. Wenn auch seine übrigen Worte der Wahrheit entsprachen und sich die Männer tatsächlich nicht um das scherten, was im Zelt ihres Anführers vor sich ging, würde sie sich davonstehlen und das nur eine Meile entfernte Kloster erreichen können. Auf Händen und Knien kroch sie vorsichtig vom Zelt fort. Als sie den Waldrand erreichte, stand sie auf und rannte hinunter ins Tal. Am Fluss änderte sie die Richtung und hielt sich nah am Ufer, denn der Wasserlauf würde sie bis an die Klostermauern führen.

     Nicht ein einziges Mal schaute Gillian sich um. Sie hielt nicht an und wurde auch nicht langsamer, während sie ihrem Ziel entgegenhastete. Als sie aus dem letzten Hain trat, der zwischen ihr und ihrer Zuflucht lag, blieb sie abrupt stehen. Ihr stockte der Atem, und sie traute ihren Augen nicht: Eine Reihe von Reitern, einige hielten Fackeln in den Händen, versperrte ihr den Weg zu den schützenden Mauern des Konvents.

     Tränen der Verzweiflung brannten ihr in den Augen, als sie erkannte, dass sie diesen Männern niemals entkommen würde. Sie fiel auf die Knie und rang erschöpft nach Luft, wobei sie versuchte, ihren hämmernden Herzschlag zu beruhigen und die aufsteigende Angst zu bekämpfen. Dass die Krieger sie hier erwarteten, bedeutete, ihr Anführer wusste, wohin sie zu fliehen gedachte. Natürlich, er hatte es ja die ganze Zeit über gewusst!

     Die Männer warteten geduldig und schweigend, als seien sie es gewohnt, mitten in der Nacht der Gemahlin ihres Herrn nachzujagen. Als Gillian wieder zu Atem gekommen war, richtete sie sich auf, zupfte Umhang und Tuch zurecht und machte sich bereit, zurück zum Lager geschleift oder eskortiert zu werden – zurück zu ihrem Gemahl … Sie begann zu zittern. Gewiss würde er Rache üben wie Oremund, wann immer sie dessen Pläne durchkreuzt hatte – mit Zorn und Strafe. Der Bretone allerdings verfügte über ganz andere Waffen als ihr Bruder, um sie zu züchtigen. Sie hatte sich ihm widersetzt und ihre Hand gegen ihn erhoben, und nun graute ihr umso mehr vor dieser Nacht.

     Hinter ihr brach etwas durchs Unterholz, und die Reiter schauten in einer Weise auf, die Gillian eine Gänsehaut bereitete. Sie umklammerte den Dolch und fuhr herum zu den Bäumen. Nicht die Größe des Streitrosses war es, die sie schreckte, und auch nicht die Länge des Schwerts, das auf sie gerichtet war. Nein, es war die steinerne Miene, mit welcher der Bretone sie musterte. Blanke Wut sprach daraus.

     Er hatte sich nicht die Zeit genommen, sein Kettenhemd überzustreifen oder auch nur seinen Helm aufzusetzen. Blut rann ihm an Haaransatz und Hals hinab, von der Wunde an seinem Kopf, die sie ihm zugefügt hatte. Sie schluckte und schickte eine stumme Bitte um Vergebung all ihrer Sünden hinauf zum Allmächtigen, denn sie zweifelte nicht daran, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte. Es kostete sie allen Mut und alle Kraft, nicht zurückzuweichen, als der Krieger vom Pferd sprang und gemessenen Schritts auf sie zukam. Ihre Handflächen wurden feucht, und sie wischte sich die freie Hand am Umhang ab, während sie ihrem Schicksal entgegensah.

     Wenige Armlängen vor ihr blieb er stehen, und erst jetzt schien er zu bemerken, dass er sie noch immer mit dem Schwert bedrohte. Ohne den Blick von ihr zu nehmen, schob er die tödliche Klinge zurück in die Scheide. Als er einen weiteren Schritt auf sie zu tat, fuhr Gillian leicht zusammen.

     „Gebt mir den Dolch“, knurrte er und streckte die Hand aus.

     Sie hatte fast vergessen, dass sie ein Messer hielt, sosehr ängstigte sie der Groll in seinen Augen. Einen Moment lang erwog sie, die Waffe auf ihn zu schleudern. Doch was würde ihr das einbringen, abgesehen von einem schnellen Ende und der ewigen Verdammnis ihrer Seele? Selbst jetzt, da sie ihm direkt ins zornige Antlitz starrte, wusste sie, dass sein Tod ihr nicht helfen würde … und nicht einmal in ihrer schwächsten Stunde hätte sie ihm diesen gewünscht.

     Gillian stieß den Atem aus, den sie unwillkürlich angehalten hatte, drehte den Dolch um und reichte ihn dem Bretonen mit dem Heft zuerst. So flüchtig, dass es ihr beinahe entgangen wäre, huschte Erleichterung über seine markanten Züge und ließ sie einen Moment lang weich erscheinen. Dann kehrte die Wut zurück. Er steckte den Dolch wieder in das Futteral, aus dem sie ihn gestohlen hatte.

     Geborgt hatte.

     Einer der Krieger hinter ihr rief etwas, und sie versuchte die Worte zu verstehen, aber sie wurden zu rasch ausgestoßen. Der Bretone antwortete in seiner Sprache, und ob er nun absichtlich undeutlich sprach oder die Angst ihren Geist vernebelte, jedenfalls verstand sie auch ihn nicht. Der Wortwechsel dauerte eine Weile, bis der Mann vor ihr sie wieder ansah und den Kopf schüttelte.

     Gillian kramte fieberhaft nach einer passenden Erklärung. Nach Worten, die rechtfertigten oder wenigstens milderten, was sie getan hatte. Aber Hand aufs Herz, dachte sie, welche Ausrede gibt es schon dafür, jemanden niederzuschlagen? Sie wusste schließlich genauso gut wie er, was sie getan hatte. Nun galt es, die Strafe zu empfangen, für die er sich entschieden hatte. Immerhin wollte er sie lebend, und Gillian wappnete sich. Sie hatte die Schläge und Peitschenhiebe ihres Halbbruders überstanden, und daher war sie zuversichtlich, dass sie würde ertragen können, was immer dieser Kerl sich für sie ausgedacht hatte.

     Aber er nickte den Männern hinter ihr nur zu, saß wieder auf, gab den Befehl, sie zum Lager zu schaffen, und ritt davon. Wie vom Donner gerührt, stand Gillian da und starrte ihm nach – bis eine Pferdenase ihr von hinten gegen die Schulter stieß und sie ins Stolpern brachte.

     „Vorwärts, Madame“, wies der Krieger auf dem Ross sie an.

     Zunächst begriff sie nicht. Sie blickte sich um und sah, dass die Männer nach wie vor im Sattel saßen. Einige waren näher geritten, andere warteten bei der Klostermauer.

     „Vorwärts“, wiederholte der Reiter und nickte in Richtung Fluss. „Nehmt den Weg, den Ihr gekommen seid.“

     Es war nicht so, dass sie die Worte nicht verstand, sie konnte schlicht den Befehl nicht fassen. Sie sollte zum Lager zurückgehen? Allein? Wo war der Anführer dieser Truppe hin?

     „Lord Brice sagte, Ihr sollt zum Lager zurückkehren und auf dem Weg Eure sündigen Taten bereuen“, erklärte Stephen. Die anderen lachten; offenbar wussten sie mehr über Gillians Sünden, als ihr lieb war. „Er wartet auf Euch.“

     Ihr zog sich der Magen zusammen, als ihr klar wurde, dass der Gang nicht etwa die Bestrafung, sondern nur der Auftakt zu dem war, was er mit ihr vorhatte – was immer das war. Und sie sollte aus eigener Kraft zurückkehren, nachdem sie fast eine Meile gerannt war, um sich dem zu stellen. Bestürzt schüttelte sie den Kopf, bis der Berittene erneut das Wort ergriff.

     „Wohlan, Madame, geht. Er hat mir befohlen, Euch an mein Pferd zu binden und zurückzuschleifen, solltet Ihr nicht willens sein.“ Er senkte die Stimme, und Gillian meinte, eine Spur Mitleid herauszuhören. „So lang ist der Weg ja nicht, und ich bin sicher, Ihr möchtet lieber aufrecht im Lager eintreffen statt wie eine Sklavin gefesselt.“

     Er will meine Würde wahren, stellte Gillian überrascht fest. Dennoch, sie war umzingelt und in die Enge getrieben – fürs Erste jedenfalls. Sie entschied, klein beizugeben, nickte Stephen zu und setzte sich in Bewegung. Auf dem Rückweg würde sie Zeit haben, einen neuen Plan zu ersinnen.

     Kalte Luft drang durch ihren Umhang, während sie dem Pfad zurück zum Fluss folgte und sich an dessen Ufer hielt. Vier Männer begleiteten sie, zwei vor und zwei hinter ihr. Sie ritten langsam, waren aber immer doch noch so schnell, dass sie bereits nach kurzer Zeit außer Atem war. Kein Wunder, dachte Gillian, dass ich so müde bin. Seit zwei Tagen war sie nun bereits unterwegs zum Kloster. Und wegen der hastigen Flucht aus dem Lager schmerzten ihr die Beine nun umso mehr. Bleierne Erschöpfung überkam sie.

     Sie wickelte sich enger in ihren Umhang, zog sich die Kapuze über den Kopf und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Nach einer Weile – länger, als sie in Erinnerung hatte – erreichten sie die Biegung, die vom Fluss fort zur Straße führte, und kurz darauf erblickte sie das Lager. Mehr als einmal wurde sie von einem Pferdemaul vorwärtsgeschoben. Mehr als einmal hob sie die Hand, um den Reitern zu signalisieren, dass sie ausruhen musste. Und mehr als einmal wünschte sie, ihnen und ihrem Herrn irgendwie entkommen zu können.

     Aber sie konnte nichts tun, als weiterzugehen und nachzudenken.

     Und sich den Kopf zu zermartern.

     Oh, nicht etwa wegen ihrer Sünden, wie der bretonische Lord sie angewiesen hatte, sondern über das, was ihr in dieser Nacht noch bevorstand. Und auch über den morgigen Tag, an dem dieser Mann, ihr Gemahl, seine Männer gegen ihren Halbbruder und dessen Verbündete führen würde. Als die Lagerfeuer in Sicht kamen, trat diese letzte Sorge in den Hintergrund – oder wurde vielmehr überschattet von der bangen Frage, was ihr nun bevorstand. Ihre Begleiter führten sie zurück zum Zelt, das von Wachposten umringt war, und riefen nach ihrem Anführer. Auf dessen Wort hin gab Stephen ihr ein Zeichen vorzutreten.

     Gillian atmete tief durch, schritt auf das Zelt zu und hob die Plane vor dem Eingang.

Während Brice wartete, grübelte er darüber nach, was er im Hinblick auf Lady Gillian of Thaxted alles falsch gemacht hatte. Sobald sein Ärger verraucht war, fiel ihm auf, wie sehr sein Missgeschick der Hochzeitsnachtposse seines Freundes Giles, inzwischen Lord of Taerford, ähnelte. Das schmeckte ihm gar nicht, denn es gemahnte ihn daran, wie er sich damit gebrüstet hatte, dass er derlei Querelen mit seiner Braut nicht durchmachen werde.

     Nun dröhnte ihm der Schädel, weil er mit seinem eigenen Schwert niedergeschlagen worden war, und vor dem Zelt würde gleich seine flüchtige Gemahlin auftauchen. Brice hoffte inständig, dass Giles und Lady Fayth nicht allzu bald von dem Debakel Wind bekämen. Zu wünschen blieb auch, dass er sich nach diesem katastrophalen Anfang wieder aufrappeln und künftig mehr Geschick in der Ehe wie auch bei der Eroberung seines Anwesens beweisen würde. Er nahm einen Schluck Bier und fasste sich an die taubeneigroße Beule am Kopf, um zu prüfen, ob sie noch blutete. Da das nicht der Fall war, trank er darauf erneut. Er hoffte, dass das Bier seinen Groll ebenso lindern würde wie den Schmerz.

     Von draußen hörte er Stephen rufen. Brice wies ihn an, seine Gemahlin eintreten zu lassen, und wartete. Er hatte sich vorhin am Fluss davongemacht, da ihn Zorn über ihren Angriff und ihren Ungehorsam fast überwältigt hätte. Auch wenn er kurz davor gestanden hatte, war er kein Mensch, der seine Wut an anderen ausließ, und hatte nicht vor, jetzt ein solcher zu werden.

     Jetzt trat Gillian ins Zelt und ließ die Klappe hinter sich zufallen. Brice betrachtete sie, während sie sich ihm langsam näherte. Er saß in einer Ecke auf einem Schemel und wartete, dass sie ihn bemerkte. Als sie es tat, ließ ihr Verhalten nichts Gutes ahnen: Ihr entfuhr ein erstickter Schrei, und sie wich zum Eingang zurück. Er folgte ihrem Blick und sah, dass zu seinen Füßen der blutige Lappen lag, mit dem er die Platzwunde an seinem Kopf gereinigt hatte.

     „Ich … ich …“, stammelte sie.

     „Erspart mir Euer falsches Mitgefühl, Madame“, sagte er warnend, schob die Lumpen mit dem Fuß beiseite, ging auf Gillian zu und blieb vor ihr stehen. „Ihr wolltet fliehen, und ich war Euch im Weg. Also habt Ihr mich unschädlich gemacht.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und genoss einen Moment lang Gillians Unbehagen. Dabei achtete er genau darauf, wie sie sich auf seine anklagenden Worte hin verhielt, denn das würde ihm helfen, sie besser zu verstehen.

     Gillian seufzte vernehmlich und strich sich das aufgelöste Haar aus dem Gesicht. Ihr unordentliches Äußeres tat ihrer Schönheit keinen Abbruch. Im Gegenteil – am liebsten hätte Brice seine Gemahlin fest in die Arme geschlossen und die Besorgnis fortgeküsst, von der ihre gefurchte Stirn zeugte.

     „Ihr habt recht, Mylord“, gab sie leise zu. „Ich hatte nur die Flucht im Sinn, und Ihr wart mir im Wege.“

     „Aber weshalb?“, fragte er und überraschte sich damit selbst. Er wollte tatsächlich wissen, warum sie vor ihm geflohen war. „Seid Ihr vor mir davongerannt? Oder vor der Ehe?“ Sie wirkte, als suche sie nach einer Möglichkeit, die Antwort schuldig zu bleiben, und daher drängte er weiter. „Ihr habt vor Priester und Zeugen das Ehegelübde abgelegt. Ihr habt Euch durch Euer Wort an mich gebunden. Wovor also, Madame, seid Ihr geflohen?“

     „Vor Euch. Vor der Ehe. Vor einfach allem“, flüsterte sie kaum vernehmbar. Sie hatte sich abgewandt, um ihn nicht ansehen zu müssen. Während sie sprach, starrte sie auf ihre Hände hinab, mit denen sie nervös den Stoff ihres Umhangs knetete.

     Ihr musste doch klar gewesen sein, dass er sie um nichts auf der Welt ins Kloster hätte ziehen lassen. Weshalb aber hatte sie sich nicht wieder in die Obhut ihres Bruders begeben?

     „Warum das Kloster?“ Er tat einen Schritt auf sie zu, blieb jedoch sofort stehen, als sie zurückwich. Wahrscheinlich fürchtete sie seinen Zorn.

     „Weil ich dort willkommen bin. Die Mutter Oberin hat mir mitgeteilt, man werde mich gern in die Gemeinschaft aufnehmen.“

     „Und Euer Bruder hätte Euch bei Eurer Rückkehr nicht willkommen geheißen?“ Die erschrockene Miene ob seiner Worte sagte ihm mehr, als er zu erfahren gehofft hatte. Gillian wurde blass, Schmerz und Angst flackerten in ihrem Blick. Brice streckte die Hand nach ihr aus, doch sie schreckte nur noch weiter zurück. Während er überlegte, was zu tun sei, bemerkte er, dass sie sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten konnte.

     Genau das hatte er beabsichtigt – der Fußmarsch zum Lager zurück sollte sie ermüden und ihr einen weiteren Fluchtversuch in dieser Nacht so gut wie unmöglich machen. Wenngleich die Entkräftung sie zu überwältigen drohte, merkte er, dass Gillian sich bemühte, Stärke zu zeigen. Erst jetzt begriff er, wie stolz und willensstark sie war.

     Sie war eine eindrucksvolle Gegnerin und würde eine überaus geschätzte Herrin von Thaxted sein. Und ihm eine würdige Gemahlin – sofern er ihr Vertrauen gewinnen und sie dazu bringen konnte, ihm zur Seite zu stehen. Das würde er nicht erreichen, indem er sich ihr hier und jetzt im Zelt aufzwang. Die Ehe nicht zu vollziehen, stand allerdings außer Frage, denn sollte es ihr wider Erwarten gelingen, sich doch noch zum Kloster durchzuschlagen, würde daraus eine komplizierte Situation erwachsen, die zu entwirren Monate oder gar Jahre dauern konnte. Und er war vollkommen davon überzeugt, dass sie es wieder versuchen würde. Dennoch schüttelte er diesen Gedanken ab und ergab sich dem vorerst Unabänderlichen.

     „Ruht Euch aus, Madame.“ Er wies auf das Lager.

     Gillian erschrak und blickte von ihm zu der Pritsche, auf der sie noch vor Kurzem gemeinsam gelegen hatten. „Ich verstehe nicht.“

     „Es ist fast Mitternacht“, erwiderte er. „Und morgen früh steht uns so manche Herausforderung bevor. Also schlaft jetzt.“

     Er wandte sich ab und hob den blutigen Lappen vom Boden auf und warf ihn in vor das Zelt. Gillian blieb, wo sie war, und machte keinerlei Anstalten, zur Bettstatt zu gehen. Also trat er selbst an das Lager, hob einladend die Decken und forderte Gillian mit einer Geste auf, sich niederzulegen. Misstrauisch schlich sie näher, als erwartete sie, dass er sie jeden Augenblick anfallen könne. Sie setzte sich, ohne ihn aus den Augen zu lassen, machte sich daran, den Umhang abzulegen, überlegte es sich anders, wickelte sich stattdessen darin ein und streckte sich aus.

     Brice breitete mehrere Decken über sie und versuchte, ihre Gegenwart auszublenden – nicht an den lieblichen weiblichen Körper unter den Decken zu denken. Vor allem wollte er sich nicht an das leise Seufzen erinnern, das sie ausgestoßen hatte, als seine Finger sich ihrem Schoß genähert hatten. Nun löste Gillian das Tuch, sodass ihr Haar sich um ihr Gesicht ergoss. Dieser unschuldige Akt sorgte dafür, dass Brice umgehend das Feuer in seinen Lenden spürte und er seinen inneren Kampf beinahe verlor.

     Als er gewahr wurde, dass er kurz davor stand, seine jungfräuliche Gemahlin entgegen seinem Vorsatz doch hier und jetzt zu nehmen, versuchte Brice sich abzulenken und begann, im Zelt Ordnung zu schaffen. Er hätte nach Ernaut rufen und ihn aufräumen lassen können, doch das konnte bis morgen warten. Er verstaute sein Schwert so, dass Gillian nicht ohne Weiteres herankam. Danach hielt er sich mit anderen unwichtigen Tätigkeiten beschäftigt, um nur ja nicht die Decken fortzureißen, Gillian die Gewänder vom Leib zu zerren und sich so tief und ungestüm in sie zu versenken, wie er es ersehnte.

     Kurz darauf wurde er von einem leisen Zähneklappern ernüchtert. Brice drehte sich um, trat näher ans Lager und sah, dass Gillian unter Umhang und Decken am ganzen Leib zitterte. In der Kälte der Nacht sah er seinen Atem weiß in der Luft stehen – Gillian musste schon nach ihrer Flucht und dem langen Rückweg halb erfroren gewesen sein, und im Zelt gab es keine Feuerstelle, an der sie sich hätte wärmen können.

     Brice hatte es mit seinen Anweisungen darauf angelegt, es ihr möglichst unbequem zu machen. Nun allerdings, da er das Ergebnis vor Augen hatte, war er gar nicht mehr glücklich darüber. Er band den Zelteingang zu, schob seinen Dolch unter eine Kante des Lagers, hob die Überwürfe und glitt neben seine Gemahlin.

     Sie lag auf der Seite und hatte ihm den Rücken zugewandt. Er rückte ganz nah an sie heran, nahm sie in die Arme und zog sie fest an sich. Sofort erstarrte sie und verharrte reglos. So still lag sie da, dass er sie nicht einmal atmen spürte.

     „Nur ruhig, Madame“, flüsterte er ihr heiser zu. „Ich möchte Euch wärmen, auf dass Ihr aufhört, mit Eurem Zähneklappern einen solchen Höllenlärm zu veranstalten, dass ich nicht schlafen kann.“

     Mit einer Hand steckte er den Stoff ihres Umhangs um sie herum fest. Er legte ein Bein auf die ihren, um ihr möglichst viel Wärme zu spenden, und rechnete mit ihrem Protest, doch der blieb aus. Nach einer Weile hörten ihre Zähne endlich auf zu klappern. Etwas länger dauerte es, bis ihr Zittern nachließ.

     „Nach dem, was Ihr getan habt, wollte ich Euch strafen, aber es war nicht meine Absicht, dass Ihr so leidet“, flüsterte er, als er spürte, wie Gillian sich entspannte.

     Brice erwartete keine Antwort. Und eine eingehendere Erklärung würde er nicht abgeben, wie er ebenso wenig bereit war, der darin mitschwingenden Entschuldigung mehr Gewicht zu verleihen. Doch wie schon so oft, seit er erstmals von ihr gehört hatte, verblüffte Lady Gillian of Thaxted ihn einmal mehr.

     „Ich habe Euch zwar außer Gefecht setzen wollen, jedoch nie beabsichtigt, Euch so schwer zu verletzen, wie ich es tat“, gab sie wispernd zurück.

     Er konnte nicht anders – er lachte schallend. So sehr schüttelte es ihn, dass er sie kurz losließ und sich auf den Rücken wälzte, nur um sich sogleich wieder an sie zu schmiegen. Er umschlang sie und machte es ihnen beiden bequem. „Nun denn, Madame. Ich habe den Verdacht, dass wir trotz allem füreinander geschaffen sind.“

     Brice wartete auf eine Erwiderung, die jedoch nicht kam. Bald vernahm er Gillians tiefe, gleichmäßige Atemzüge, die ihm zeigten, dass sie schlief. Nun, da sie nicht länger vor Kälte zitterte und ihre Leiber sich gegenseitig Wärme gaben, spürte er, wie der Schlaf auch ihn übermannte. Er konnte sich ebenso gut ein paar Stunden Ruhe gönnen, bis er die nächsten Schritte tun musste – auch im Hinblick auf seine Gemahlin.

     Noch wähnte sie sich sicher vor seinen Zuwendungen, aber der Aufschub würde nur bis zum Morgen währen. Mochte sie sich in dieser Nacht auch als Jungfrau schlafen gelegt haben, so würde sie es in der kommenden ganz gewiss nicht mehr sein. Oder bereits nicht mehr, bevor sie beide sich heute früh erhoben und neuen Aufgaben entgegensahen.

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