Vom Feind erobert - 7. Kapitel

7. Kapitel

Gillian tat der Mann beinahe leid. Wie unangenehm es ihm war, dass seine Männer sein Blut an den Tüchern für das ihre gehalten hatten. Wie verwirrt und wütend er darüber war, dass seine Gefährten sich auf ihre Seite geschlagen und ihr Unterstützung zugesichert hatten. Wie bestürzt er über die Erkenntnis war, dass seine Frau von unehelicher Geburt war und kaum Anspruch auf das Anwesen hatte, das er ihrem Bruder zu entreißen trachtete. Sie empfand Mitgefühl für all jene, die sterben würden bei diesem zweifellos fruchtlosen Versuch, Oremund aus der soliden, wehrhaften Feste Thaxted Hall zu vertreiben.

     Als sie heute Morgen durch Lord Brices Lager gegangen war, hatte sie seine Männer ausgehorcht und befragt, um zu ermitteln, wie es tatsächlich um seine Truppenstärke stand. Alles deutete auf eine Katastrophe hin, sollte aus dem Sturm gegen ihren Halbbruder und dessen Verbündete Ernst werden. Ihn jedoch davon zu unterrichten, dass sein Vorhaben – selbst mit ihr als Gemahlin – müßig war, hatte die Lage nur verschlimmert. Seither hatte er kein Wort mehr mit ihr gewechselt.

     In wenigen Stunden hatten sie Thaxted erreicht. Sie waren derselben Straße gefolgt, die Gillian auf dem Weg zum Kloster genommen hatte. Als sie die letzte Anhöhe erklommen und hinabritten, stockte ihr der Atem.

     Zwischen ihnen und Thaxted lag ein Heer.

     Dessen Stärke mindestens zweimal so umfangreich war wie die der Truppen, mit denen sie reiste. Die Krieger umgaben das Anwesen wie eine zweite Mauer, sodass niemand hinein- oder hinausgelangen konnte. Gillian warf einen Blick zur Nordmauer und erkannte, dass sie niemals entkommen wäre, hätte sie noch einen Tag länger gewartet.

     Die Männer um sie her johlten, als sie ihre Kameraden erblickten, und das gemahnte Gillian an ihre missglückte Flucht. Dann sah sie, wie Brice sich aus dem Sattel schwang und auf sie zustapfte. Obwohl er einen Helm trug, bemerkte sie seine grimmige Miene, die er durch jeden seiner schweren Schritte unterstrich. Sie war eine Bürde für ihn und seine Pläne für Thaxted geworden, und zwar aus vielerlei Gründen, von denen ihm nur einige bekannt waren.

     Er hob die Arme, um ihr von dem Pferd zu helfen, das man ihr gegeben hatte. Dabei ließ er die Hände an ihrer Taille hinaufgleiten und unterhalb ihrer Brüste verharren. Er hatte die gepanzerten Handschuhe abgelegt, trug aber nach wie vor die ledernen darunter. Daher war kaum anzunehmen, dass er ihren Körper fühlte, dennoch spürte Gillian, wie sie erschauerte und die Spitzen ihrer Brüste hart wurden, so wie gestern Abend, als er sie gestreichelt hatte.

     Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und erwiderte seinen Blick. Seine braunen Augen verdunkelten sich, sodass sie beinahe schwarz wirkten. Etwas blitzte darin. Er hatte sehr wohl gemerkt, was seine Berührung in ihr ausgelöst hatte. Langsamer als nötig ließ er sie zu Boden gleiten.

     „Dazu kommen wir, wenn ich Kettenhemd und Rüstung abgelegt habe, Madame“, versprach er. Seine Stimme klang rau.

     Offenbar hatte ihm die fleischliche Verbindung heute Morgen mehr Vergnügen bereitet als ihr. Gaben sich Männer stets mit einem flüchtigen Moment der Lust zufrieden? Nach seiner leidenschaftlichen Zusage zu urteilen, gedachte er den Akt zu wiederholen. Und ganz gleich, was sie davon hielt – ihr Leib verhieß anderes, und sie spürte, wie Hitze sie durchströmte, als sie um Gleichgewicht rang und die stützenden Hände des Bretonen ihre Brüste streiften.

     Feuer loderte in ihr auf, und fast hätte sie Brice an sich gezogen. Gerade noch rechtzeitig ging ihr die Bedeutung einer solchen Geste auf. Das Glück war auf ihrer Seite, denn der junge Ernaut platzte in diesen Augenblick hinein.

     „Monseigneur?“

     Brice erwiderte nichts und nahm den glühenden Blick nicht von Gillian.

     „Monseigneur!“, wiederholte Ernaut lauter.

     Brice ließ so rasch von ihr ab, dass sie beinahe erneut ins Straucheln geriet. Bevor er sich zu seinem Knappen umwandte, raunte er ihr eine Warnung zu, die sie aus der Fassung brachte, weil sie völlig ungerechtfertigt war, aber voller Inbrunst geäußert wurde.

     „Tändelt nicht mit meinen Männern. Ihr seid mein Weib und keiner von ihnen wird zu Euch stehen, es sei denn auf meinen Befehl hin.“

     Gillian brach sich nur deshalb nicht die Hand an seiner Brustpanzerung, weil Brice diese blitzschnell packte und den impulsiven Schlag abfing, mit dem sie auf diese Kränkung antworten wollte. Er umschloss ihr Handgelenk, sobald sie den Arm hob, und bewahrte sie so vor körperlichem Schaden, wenngleich der Vorwurf sie nicht minder schmerzte. Gillian versuchte sich dem Griff zu entwinden, aber er verstärkte ihn, womit er ihr wehtat und sie zugleich weiter in Rage brachte.

     „Innerhalb nur eines Tages bin ich gejagt, gefangen genommen, gefesselt und geknebelt, gegen meinen Willen verheiratet und geschändet worden, ohne dass sich irgendwer die Mühe gemacht hätte, mich nach meiner Meinung zu fragen“, zischte sie. „Und nun beleidigt Ihr mich auch noch?“ Mit der freien Hand bog sie seine Finger nach hinten, machte sich los und trat hastig zurück, um nicht unwillkürlich zu einem weiteren Schlag auszuholen. Während sie fortfuhr, rieb sie sich die Hand, die er umklammert gehalten hatte.

     „Es ist mir gelungen, mir meine Unberührtheit zu wahren, trotz aller Bemühungen meines Bruders, diese zu verschachern oder zu verschenken. Ich habe stärkere Männer als Euch abgewehrt, um mir die Unschuld nicht rauben zu lassen, wie ich es meinem Vater versprochen habe. Glaubt Ihr allen Ernstes, ich würde mich selbst oder das Andenken meines Vaters entehren, nur weil Ihr einen Weg gefunden habt, mir diese Unschuld zu nehmen? Bastard oder nicht, Angelsächsin oder nicht – ich bin keine Hure, die die Beine für jeden breit macht!“

     Gillian atmete tief durch, denn die Worte waren so schnell und heftig aus ihr herausgesprudelt, dass sie nicht zum Luftholen gekommen war. Sie richtete Tuch und Umhang und machte sich bereit, abgeführt und gezüchtigt zu werden. Rings um sie her waren alle Geräusche verstummt, und als sie den Kopf hob, erkannte sie die Ursache. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie die Stimme derart gegen erhoben hatte. Offenbar war sie so laut geworden, dass alle Umstehenden ihren Wortschwall mitbekommen hatten.

     Das Gesicht des Ritters verzog sich auf eine ihr vertraute Weise. Oremund trug eine ähnliche Miene zur Schau, wenn sie wieder einmal gegen seine Herrschaft oder seine Pläne aufbegehrt hatte. Zorn funkelte in den Augen des Bretonen und ergriff Besitz von ihm. Noch etwas war da, das sie nicht genau bestimmen konnte. Als er die Hand auf den Schwertknauf legte, fragte sie sich, ob sie für ihren Ausbruch mit dem Leben bezahlen würde.

     Sie spürte, wie sich Schweiß in Nacken und Rücken sammelte und unter dem Kleid hinab rann. Das Atmen fiel ihr plötzlich schwer, und verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg aus dieser so demütigenden wie gefährlichen Lage. Sollte sie ihn um Vergebung anflehen? Sie rieb sich die feuchten Handflächen am Gewand ab. Sollte sie sich ihm vor all seinen Männern unterwerfen? Gillian erschauderte und wartete darauf, dass er den Befehl gab, sie zu prügeln oder auszupeitschen. Das Schweigen zog sich, sodass sie vor Furcht und Aufregung noch mehr zitterte.

     Lord Brice beendete die ausweglose Situation, indem er den Blick abwandte und die Männer ansah, die ihm am nächsten standen. Er nahm die Hand vom Schwert, zog den Helm ab und drückte ihn Ernaut in die Arme, der schreckensstarr neben ihm stand.

     „So langsam begreife ich, weshalb Oremund of Thaxted sie nicht zurückhaben will.“

     Gillian wollte weder jetzt noch auf diese Weise sterben und beschloss, den Tadel hinzunehmen. Sie wusste, dass er damit nur diese entsetzliche Spannung zwischen ihnen auflösen und vor seinen Kriegern seine Würde wahren wollte. Sie hatte schon früh gelernt, dass Männer handgreiflich wurden, wenn sie sich in die Ecke gedrängt oder gedemütigt fühlten. Dieses Mal hatte er lediglich mit Worten und nicht mit den Händen zugeschlagen. Sie schluckte mühsam, räusperte sich und gab nach, indem sie sich so tief verneigte, dass sie beinahe den Boden berührte.

     „Wie wahr, Mylord“, setzte sie an und suchte krampfhaft nach einer Entschuldigung, die ihr nicht im Halse stecken bleiben oder ihn noch weiter aufbringen würde.

     Eine solche erübrigte sich, weil er sie einfach stehen ließ. Noch während sie sich vor ihm verneigte, wandte er sich ab und stapfte davon, als sei sie gar nicht da. Seine Männer folgten ihm, sodass nur sie und Ansel zurückblieben.

     „Wenn Ihr so gut sein wollt, mir zu folgen, Madame“, sagte dieser und streckte die Hand aus, um Gillian aufzuhelfen. „Ich bringe Euch zu Eurem Zelt.“

     Sie nahm die Hand und richtete sich auf. Ihre entkräfteten Beine zitterten und fühlten sich butterweich an nach dem Tag im Sattel, denn sie war monatelang nicht geritten. Zudem hatte sie alle Mühe gehabt, das lebhafte Pferd zu bändigen und zu lenken. Das Tier hatte mehr Feuer besessen, als sie hatte zügeln können. Ansel geleitete sie durch das fremde Lager, das durch die Männer des bretonischen Lords nun umso größer war.

     Bald kehrten sie Thaxted den Rücken zu und bewegten sich fort, bis sie den Waldsaum erreichten. Ab da stieg das Gelände so steil an, dass die Rückseite des an dieser Stelle errichteten Zelts geschützt war – niemand konnte sich von hinten nähern oder in diese Richtung entkommen.

     Hatte Lord Brice diesen Ort ihretwegen gewählt?

     Womöglich würde sie das nie erfahren, denn sie war gewiss, dass er noch nicht mit ihr fertig war – weder was die Bestrafung noch was seine wollüstigen Absichten anbelangte. Und der Zorn, den sie in seinen Augen erkannt hatte, entsprach dem, der nach ihrer letzten Flucht in Oremunds Blick aufgeblitzt war – wenn die Wut des Bretonen nicht gar noch heißer loderte.

     Eine Woche hatte es gedauert, bis sie sich nach Oremunds Prügelstrafe wieder von ihrem Bett hatte erheben können.

     Ansel ließ sie zuerst in das Zelt eintreten. Gillian schaute sich um und erkannte, dass es genauso spärlich eingerichtet war wie das erste Zelt. Trotz seines neuen Rangs sah Lord Brice sich offenbar so, wie er sich stets gesehen hatte – als mittellosen Krieger, der für seinen Herrn kämpfte.

     Sie sank auf das Lager nieder und lehnte sich gegen eine der Zeltstützen. Es würde eine Weile dauern, bis er zurückkehrte, um sie zur Rede zu stellen. Nur eines wusste sie mit Bestimmtheit – wenn er sie tötete, würde er nie von der Mitgift erfahren, die ihr Vater ihr vor seinem Tod versprochen und die er versteckt hatte – leider Gottes auch vor ihr.

     Und was auch immer ihr einst gehört hatte, gehörte nun ihm, denn er war ihr rechtmäßiger Gemahl. Sofern sie diese Mitgift denn fand.

Du Schwachkopf.

     Du elender Schwachkopf.

     Du dämlicher, elender Schwachkopf.

     Brice bedachte sich mit jedem nur erdenklichen Schimpfwort. Seit er gestern zum ersten Mal Lady Gillian of Thaxted begegnet war, hatte er gänzlich die Gewalt verloren – über sich, über seinen Zorn, über seine Gedanken, ja selbst über seine Strategien und Pläne. „Schwachkopf“, das traf es.

     War es wirklich erst gestern gewesen?

     Wenn er schon innerhalb eines einzigen Tages ein Dutzend Mal versucht gewesen war, sie zu nehmen, zu erwürgen oder zu verbannen, wie sollten sie dann eine Woche gemeinsam überstehen … oder den Rest ihres Lebens? Und seit er sie auf der Straße aufgelesen hatte, als sie vor ihm hatte fliehen wollen, hatten sein Leib, sein Ruf und nun gar sein Verstand Schaden genommen.

     Ganz zu schweigen von seinem Stolz.

     Brice wusste, dass ihre körperliche Vereinigung wenig befriedigend für Gillian gewesen war. Letztlich hatte er sich doch entschieden, die Sache schnell hinter sich zu bringen, und dabei hatte er ihre Lust auf unverzeihliche Weise vernachlässigt. Angesichts der knappen Zeit hatte er die Zweckmäßigkeit über ihre Bedürfnisse gestellt und damit ihre erste Zusammenkunft mit ihrem Gemahl – der schließlich über reichlich Erfahrung mit dem schwachen Geschlecht verfügte – zu einem erschreckenden Desaster werden lassen.

     Trotz ihres Tadels vor aller Augen war er die ganze Zeit hin- und hergerissen gewesen zwischen Begehren und Wut, verletztem Stolz und Angst und so gut wie jeder Empfindung, derer ein Mann ob derlei Erfahrungen fähig war. Dennoch wollte ein Teil von ihm nichts anderes tun, als Schuld und Furcht aus Gillians Blick zu vertreiben und den tiefen Schmerz zu lindern, in den sie ihn unwissentlich eingeweiht hatte.

     Es sei stets einfacher, hatte Seigneur Gautier ihnen beigebracht, die eigenen Makel in anderen zu sehen. Wie es ebenso leichter sei, andere der Unzulänglichkeiten zu bezichtigen, die eigentlich die eigenen waren, die man sich selbst aber nicht eingestehen mochte. Er, der neben seinem ehelichen Sohn Simon drei Bastarde großgezogen hatte, war ein weiser Mann gewesen und hatte seine Weisheit an die Jungen in seiner Obhut weitergegeben.

     Brice hatte das Lager von einem Ende bis zum anderen durchquert und sich mit den Reitern, Fußvolk und Bogenschützen unterhalten, die in der anstehenden Schlacht für ihn und seine Ansprüche kämpfen würden. Dabei hatte er immerzu an Gillian denken müssen. Zweimal hatte er sich davon abhalten müssen, zum Zelt zu gehen und nach ihr zu sehen. Und drei weitere Male ertappte er sich dabei, dass er dastand und sie anstarrte, denn sie hatte Ansel offenbar überreden können, sich vor dem Zelt aufhalten zu dürfen. Zunächst hatte er erwogen, sie zu ihrer eigenen Sicherheit ins Zelt zurückzuschicken, hatte es sich jedoch anders überlegt, als er sah, wie sehr sie die Sonnenwärme und die laue Brise genoss.

     Die Nacht brach bereits herein, als seine Strategie endlich stand und im Hinblick auf die Attacke morgen früh alles besprochen war. Nun erst gestattete er sich, zum Zelt zu gehen. Statt Ansel stand ein anderer Mann Wache und nickte ihm zu, als er sich näherte. Brice atmete tief durch und wollte das Zelt gerade betreten, als der Wachposten ihn mit gesenkter Stimme zurückhielt. „Die Dame hat darum gebeten, mit Vater Henry sprechen zu dürfen, Monseigneur“, erklärte er. „Ansel sah keinen Grund, ihr diesen Wunsch zu verwehren. Vater Henry hat den Männern bis eben die Beichte abgenommen und ist noch nicht lange hier.“ Er nickte in Richtung Zelt, um zu unterstreichen, dass der Priester darin war.

     Brice reichte dem Mann Waffen und Helm und blieb schweigend vor dem Zelt stehen, wobei er ganz unverhohlen versuchte, das Gespräch zwischen seiner Gemahlin und dem Gottesmann zu belauschen. Nicht einen Atemzug lang glaubte er, dass sie den alten Priester zu sich bestellt hatte, um reuig ihre Sünden zu bekennen. Und was er von drinnen aufschnappte, beschrieb tatsächlich nicht etwa Gillians Verfehlungen und Makel, sondern die seinen. Brice riss die Zeltklappe hoch und trat hindurch, womit er der Unterhaltung ein jähes Ende bereitete.

     „Mylord.“ Vater Henry erhob sich von seinem Schemel. „Kommt, und gesellt Euch zu uns.“ Der alte Mann trat beiseite, und Brice schritt an ihm vorbei zu Gillian. „Wir haben gerade über Euch gesprochen.“

     Brice bemerkte, wie Gillian das Blut in die Wangen schoss. Auch ihr schuldbewusster Blick kündete davon, dass die Worte des Priesters nur allzu wahr waren. Sie hatte sich das Tuch so um den Kopf gebunden, dass es die Stirn bedeckte und die Seiten ihres Gesichts umrahmte. Ob sie dies aus Respekt vor dem Geistlichen getan hatte, vermochte er nicht zu sagen, aber dadurch war nicht viel von ihr zu sehen. „Über mich, Vater? Und was habt Ihr meiner Gemahlin über mich mitgeteilt?“

     Ehe der Priester etwas erwidern konnte, stand Gillian von ihrem Hocker auf und ergriff das Wort. „Mylord, ich habe um ein Gespräch mit Vater Henry gebeten, weil ich mich kaum an die Vermählung entsinne. Ich wollte mir Klarheit über einige Einzelheiten des Ehevertrags verschaffen.“

     Brice entging nicht, dass sie seinem Blick nur kurz standhielt, bevor sie mal an ihm vorbeistarrte, mal auf ihre Hände schaute, ihm jedoch nicht mehr in die Augen sah. „Und war Vater Henry in der Lage, Euch Klarheit zu verschaffen?“, wollte er wissen.

     „Ja, Mylord“, sagte sie beinahe flüsternd.

     „Mylord“, setzte Vater Henry an. „Brice“, wechselte er zu einer weniger förmlichen Anrede über. „Lady Gillian hatte keineswegs die Absicht, sich Euch gegenüber durch ihre Fragen respektlos zu zeigen.“

     Brice runzelte die Stirn. Es war nicht zu übersehen, dass beide überzeugt davon waren, ihre Unterredung errege seinen Unmut. Beide fürchteten offenbar die Folgen. In Anbetracht seiner Auseinandersetzung mit Gillian vorhin konnte er ihre Furcht durchaus verstehen. Doch weder dem Priester selbst noch jemandem in dessen Umfeld hatte er je etwas getan, sodass das Zögern und die Besorgnis des alten Mannes völlig fehl am Platze waren.

     „So habe ich ihre Bitte, mit Euch zu sprechen, auch keineswegs aufgefasst“, erwiderte Brice. „Obwohl ich gehofft habe, dass sie bei dieser Gelegenheit auch gleich ihre Sünden beichtet und bereut.“ Unwillkürlich musste er lächeln. Den Drang, laut aufzulachen, kämpfte er lieber nieder. Gillian hob kaum merklich den Kopf, weit genug, dass er das nun schon vertraute zornige Funkeln in ihren Augen sah.

     „Es gab eine Zeit, da habe ich durchaus jeden Tag gebeichtet, Mylord. Aber dann ist unser Priester fortgelaufen, und ich hatte niemanden mehr, der mir die Beichte abnimmt.“ Stimme und Tonfall waren ruhig, nur ihr Blick gab ihre wahren Gefühle preis.

     In diesem Moment ging ihm auf, dass ihm die ungezähmte, rebellische Gemahlin lieber war als die beherrschte, verschüchterte. Er wollte die feurige, mutige Frau, die ihn niedergeschlagen hatte, und nicht jene, die sich vorhin so ehrerbietig vor ihm verneigt hatte. Auch die Frau hier missfiel ihm, die da meinte, einen Gottesdiener um sich haben zu müssen, der sich für sie einsetzte.

     „Habt Ihr schon gegessen, Vater?“, fragte Brice. „Wollt Ihr uns beim Nachtmahl Gesellschaft leisten?“ Ernaut war eingetreten und brachte eine Platte mit Bratenscheiben, verschiedenen Käsesorten und etwas Brot.

     Der alte Priester sah von Brice zu Gillian und zurück. Brice spürte, wie das starke Verlangen nach seiner Frau in seinen Adern brodelte, spürte es direkt unter der Haut, spürte es, seit er ihr zum ersten Mal begegnet war. Ob dieser Mann des Glaubens das merkte? Erkannte Vater Henry, dass er nichts lieber wollte, als seiner Gemahlin die Kleider vom Leibe zu reißen und sich die ganze Nacht lang mit ihr zu vergnügen?

     Vater Henry räusperte sich und schüttelte den Kopf. „Der junge Selwyn kümmert sich um mein Mahl, Mylord. Aber habt Dank für Euer gastfreundliches Angebot.“ Er stand auf und begab sich zum Ausgang. „Brice, wenn Ihr es wünscht, bleibe ich bei Lady Gillian, während …“, er warf Gillian einen sorgenumwölkten Blick zu, „… während des morgigen Tages.“

     „Ich wüsste Eure Gegenwart zu schätzen, Vater“, antwortete Lady Gillian, ehe Brice es tun konnte. „Aber ich fürchte, Ihr werdet während der Schlacht andernorts gebraucht.“

     Der Priester würde sich um Verwundete und Sterbende kümmern müssen, dachte Brice. Vater Henry und Gillian schauten ihn an. Brice nickte. „Ich bin sicher, dass Lady Gillian Euch bei Eurer Aufgabe morgen gern zur Hand gehen wird, Vater. Sie scheint mir die Art Frau zu sein, die lieber beschäftigt ist, als tatenlos dazusitzen.“

     „Dann will ich euch beide mit meinem Segen verlassen.“

     Der Priester senkte den Kopf, murmelte ein paar lateinische Worte und schlug das Kreuzzeichen über Brice und Gillian. Er nickte Brice zu, ehe er ging und ihn mit seiner Frau allein ließ. Brice forderte Gillian mit einer Geste auf, sich von den Speisen zu nehmen, die Ernaut auf dem kleinen Tisch für sie beide angerichtet hatte. Ohne den Blick von ihm abzuwenden, setzte sie sich und wartete auf ihn. Er goss Bier aus dem Krug in einen Becher und reichte ihr diesen.

     Sie aßen schweigend und mit Appetit, doch die Spannung zwischen ihnen nahm mit jedem Atemzug zu. Als sie beide ihren Becher gelehrt hatten, rief Brice nach Ernaut. Er befahl ihm, die Reste des Mahls mitzunehmen, nachdem er ihm aus dem Kettenhemd geholfen hatte.

     Als der Junge gegangen war, legte Brice die gesteppte Tunika ab, die er unter dem metallenen Schutzpanzer trug. Beides hängte er zum Auslüften in eine Ecke des Zelts; für das anstehende Gefecht würde er sie wieder brauchen. Danach drehte er sich zu Gillian um in der Erwartung, sie habe sich abgewendet, um ihm nicht beim Ausziehen zusehen zu müssen. Fast hätte er gelächelt, denn ihre Beherztheit war zurück. Gillian schaute ihn geradewegs an. Einen Moment lang erwiderte er ihren Blick.

     Er zog sich das Hemd über den Kopf, das er unter der Tunika trug. Danach löste er die Bänder, die die Beinlinge eng an seinen Schenkeln hielten, und entknotete die Schnüre der Bruche, das Unterzeug unter den Beinlingen. Anschließend wusch er sich, wobei er Gillian, die auf einem Schemel saß, den Rücken zuwandte. Im Zelt war nichts zu hören außer ihrer beider Atem.

     Brice warf einen Blick über die Schulter und stellte fest, dass sie sich nun doch weggedreht hatte. Als er fertig war, beugte er sich vor, griff nach einem Leinentuch zum Abtrocknen und schlang es sich um die Hüften. Er sah, wie Gillian rot wurde, obgleich sie ihn nicht direkt anschaute. Als sie schließlich den Blick auf ihn richtete, riss sie die Augen auf, die riesig wirkten in ihrem zarten Gesicht. Sie öffnete und schloss den Mund, von dem Brice den ganzen Tag über geträumt hatte, und schien etwas sagen zu wollen, brachte jedoch kein Wort heraus. Brice schaute an sich hinab und erblickte die Folgen der Wirkung, die Gillians Nähe auf ihn hatte. Und die noch dadurch verstärkt wurde, dass sich zwischen seiner Gemahlin und seinem nackten Leib nichts als ein dünnes Leinentuch befand.

     Schon kurz nachdem er sie am Morgen genommen hatte, war er wieder bereit gewesen, und es hatte ihn nach ihrem Körper gelüstet. Den ganzen Tag über hatten jeder Blick und jedes Wort von ihr seine Lenden erwachen lassen. Jedes Mal, wenn er sie angesehen hatte, hatte sein Schaft sich geregt. Dass der Blick ihrer hellen Augen nun erneut auf ihm oder vielmehr auf seiner Männlichkeit ruhte, zeitigte umso längere und härtere … Folgen.

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