Von dir will ich alles - 11. Kapitel

11. KAPITEL

Trotz unerwarteter Turbulenzen hatte Sylvia den Flug von Los Angeles nach Las Vegas überlebt. Und sie überlebte auch die Fahrkünste des Taxifahrers, der den berühmten Strip von Las Vegas mit einer Rennstrecke zu verwechseln schien. Und nachdem sie es so weit geschafft hatte, dachte sie gar nicht daran, sich jetzt von dem anzüglichen Grinsen der Verkäuferin in der Geschenkboutique des Kasinohotels beirren zu lassen.

     Ohne mit der Wimper zu zucken, nahm sie ihre Tüte und das Wechselgeld entgegen und verließ den Laden, um ins Kasino zurückzukehren. Rachel kam ihr entgegen und schmunzelte, als sie Sylvias Tüte sah.

     Sie nahm sie ihr aus der Hand, um einen Blick hineinzuwerfen. "So, so."

     "Es ist nicht, was du denkst", sagte Sylvia.

     "Ein Zwölferpack. Farbige? Oder extragroße?"

     "Rachel!" Sylvia blieb stehen und schaute sich rasch um. "Du bist …"

     "Ich weiß." Rachel stieß sie an. "Komm schon, sag's mir. Oder muss ich meine eigenen schmutzigen Schlüsse ziehen?"

     Sylvia lächelte. "Und die wären?"

     "Dass du ihn verführen willst. Oder dass er Geburtstag hat und du ein paar ziemlich ausgefallene Ballons für ihn gekauft hast."

     "Zu spät."

     "Wofür? Für seinen Geburtstag?"

     "Um ihn zu verführen."

     Rachel machte große Augen. "Im Ernst? Du und dein Lover? Das ist ja fantastisch!" Dann runzelte sie die Stirn. "Das war es doch wohl hoffentlich, oder?"

     Sylvia lachte. "Keine intimen Einzelheiten. Aber ja, es war fantastisch. Jedes Mal." Sie begann an ihren Fingern abzuzählen. "In Los Angeles, San Diego und in San Francisco. Und ich habe vor, die letzte Woche gut zu nutzen. Wie du schon ganz richtig feststelltest, sind wir beide erwachsene Menschen."

     "Und was ist nach dieser Woche?"

     Sylvia zog die Schultern hoch. "Es ist nichts Dauerhaftes. Wir haben eine Vereinbarung. Nach der Tour wird jeder seiner eigenen Wege gehen."

     Rachel grinste nur.

     "Was ist?"

     "Nichts. Ich dachte bloß, da wir in Vegas, dem Spielerparadies, sind, könnte ich ruhig ein bisschen Geld verdienen. Wetten, dass du am Ende der Reise anders über diese vermeintliche flüchtige Affäre denkst?"

     "Ganz bestimmt nicht", beharrte Sylvia.

     "Du solltest wirklich nichts dagegen setzen", meinte Rachel. "Bisher habe ich nämlich in allem recht behalten."

     "Du nervst."

     "Ich weiß." Rachel schaute sich suchend in dem riesigen Raum um. "Wo ist er denn, dein Lover?"

     Sylvia beschloss, den Ausdruck "Lover" zu ignorieren. "Er muss hier irgendwo sein. Nach dem Einchecken sagte er, er wolle sich ein wenig im Kasino umsehen."

     "Beunruhigt dich das nicht?"

     "Wieso?" Doch dann fiel es Sylvia wieder ein. Devin hatte zwanzigtausend Dollar Spielschulden! Sie packte Rachels Arm. "Du musst mir helfen, ihn zu finden."

     Aber in dem überfüllten Kasino jemanden zu finden war nicht leicht. Nach einer Stunde hatten sie noch immer keine Spur von Devin entdeckt. Schließlich setzte Sylvia sich an eine Bar in der Nähe der Blackjack-Tische, bestellte ein Glas Wein und hoffte, dass Rachel mehr Erfolg hatte als sie.

     Und da sah sie ihn, direkt vor ihr.

     Sie stand auf und merkte dann, dass sie in einen Spiegel schaute. Doch als sie sich umdrehte, war Devin nirgendwo zu sehen.

     Der Spiegel hing in einem Winkel und spiegelte ein Bild aus einem anderen Spiegel wider. Und Devin musste sich bewegt haben, denn er war jetzt nicht mehr Teil des Spiegelbilds. Aber er war in der Nähe. Dessen war sie sicher. Leider war nun auch der Barkeeper verschwunden, sodass sie ihren Drink nicht zahlen konnte.

     Spiegel und Barkeeper verfluchend, warf sie einen Zehndollarschein auf den Tresen und schickte sich an, die nähere Umgebung zu erkunden.

     Als sie hinter einer Säule vorbeiging, hörte sie eine vertraute Stimme und blieb stehen.

     "Karten zählen bringt dir nichts, Andy, genauso wenig wie zu Hause auf der Rennbahn herumzuhängen", sagte Devin.

     "Carlo meint, ich wär ein Ass mit Karten."

     Sylvia schüttelte in Gedanken den Kopf. Dieser Andy klang nicht so, als ob er schon einundzwanzig wäre. Was machte dieser Junge im Kasino?

     "Das überrascht mich nicht", erwiderte Devin. "Du bist ein schlauer Junge."

     "Da liegst du verdammt richtig", erklärte Andy stolz.

     "Du könntest etwas Besseres tun, als dein Leben lang zu spielen und für Carlo zu arbeiten."

     "Mein Onkel Carlo ist kein Verlierer."

     "Das habe ich auch nicht gesagt", entgegnete Devin ruhig. "Aber die Leute, für die er arbeitet, sind verdammt mies. Du könntest mehr aus deinem Leben machen."

     "Er will mit dir reden. Er sagt, ich soll dich an das Päckchen erinnern, das ich dir vor ein paar Wochen vor die Tür gelegt habe. Er sagt, das sollte dir eine Warnung sein, ihn nicht zu enttäuschen."

     "Wo ist er?", fragte Devin, und Sylvia erschauderte bei seinem kalten Ton.

     "Dort drüben. Er erwartet dich."

     "Andy, du brauchst nicht als Laufbursche für deinen Onkel zu leben. Du bist klug. Schließ die Highschool ab und geh aufs College. Dann kannst du dich entscheiden. Zumindest wirst du wissen, welche Möglichkeiten du dann hast."

     "Du bist ja so was von lahm, Mann. Du weißt wohl gar nicht, was du redest."

     "Doch das weiß ich. Denk wenigstens darüber nach."

     Stille.

     "Okay, Andy?"

     "Du kannst mich mal."

     Sylvia sah den Jungen mit gesenktem Kopf, die Hände in den Taschen seiner schwarzen Bomberjacke, an ihr vorbeigehen. Und sie fragte sich, ob Devin bei dem Jungen sich selbst in dessen Alter vor Augen hatte.

     "Verdammt", knurrte Devin, und sie wusste, was er dachte. Dieser Junge würde keinen Gedanken mehr an Schule oder Studium verschwenden.

     Aber zumindest hatte Devin es versucht.

     Spontan wollte sie nun zu ihm gehen, um ihn zu trösten und ihm zu sagen, dass er sein Bestes versucht habe. Aber da ging er schon mit großen Schritten auf zwei stämmige Männer zu, von denen einer eine Narbe an der Wange hatte. Das war sicherlich Carlo.

     Sie konnte nicht hören, was sie sagten, sah aber, dass Devin wütend war. Er stand stocksteif da, die Arme gesenkt, die Fäuste geballt. Der Mann ohne Narbe streckte ihm schließlich die Hand hin. Devin schob seine Hand in die Jackentasche. Der Mann mit der Narbe sagte etwas und stieß Devin an. Devin wich vor der Berührung zurück, während der andere erneut die Hand ausstreckte.

     Trotzig schaute Devin beide Männer an, bevor er sich abrupt abwandte und ging.

     "Du weißt, was ich gesagt habe, Devin!", schrie ihm der Mann nach, der ihm die Hand gereicht hatte. "Und du weißt, dass ich nicht scherze."

     Sie ging rasch zur anderen Seite des Kasinos, bevor Devin sie sehen konnte. "Devin", rief sie, als er an ihr vorbeikam. "Ich bin hier."

     "Hi." Er lächelte. "Du bist ein Trost für meine Augen."

     "Ja? Wieso?", fragte sie und hoffte, dass er ihr erzählen würde, was er mit diesen beiden Gorillas zu tun hatte.

     Doch er meinte: "Ich fühlte mich ganz verloren unter all den Leuten. Schön, ein vertrautes Gesicht zu sehen." Wieder lächelte er, und diesmal wirkte es echt. "Vor allem ein so angenehm vertrautes wie deins", fügte er hinzu und küsste ihre Hand.

     "Ich wollte Rachel suchen und irgendwo zu Mittag essen. Kommst du mit?"

     "Nein, ich hab noch keinen Hunger. Aber geht ihr beiden ruhig schon. Ich möchte zu den Blackjack-Tischen."

     "Zu den Spieltischen?" Sie hüstelte. "Du willst Blackjack spielen?" Nach dem Vortrag, den er dem Jungen gehalten hatte, konnte sie fast nicht glauben, dass er spielen wollte.

     "Ich möchte mich ein bisschen amüsieren." Er küsste sie rasch auf die Wange. "In zwei Stunden bin ich wieder bei dir", sagte er und ging.

     "Warte!" Sie lief ihm nach. "Warte, Devin."

     Er wandte sich fragend um. "Willst du mitkommen?"

     "Findest du das richtig?"

     Er schaute sie an, als ob sie den Verstand verloren hätte.

     "Ich meine …" Sie verstummte. Wie sollte sie ihm, ohne ihn zu kränken, klarmachen, dass es keine gute Idee war, sich noch höher zu verschulden? Da kam ihr ein Einfall. "Du musst dich noch auf morgen vorbereiten. Glaubst du wirklich, wir sollten unsere Zeit mit Blackjack vergeuden?"

     Er runzelte die Stirn. "Ich dachte, du wolltest essen gehen."

     Richtig, das hatte sie gesagt. Was jetzt? "Natürlich. Und das tun wir auch. Aber wir essen oben, bei der Arbeit."

     "Hm." Er verschränkte die Arme vor der Brust und verbarg ein Schmunzeln.

     Sie deutete auf die Aufzüge. "Also kommst du jetzt?"

     "Nein."

     "Nein?"

     Er schüttelte den Kopf.

     Oh, verdammt. Sie biss sich auf die Lippen. "Warum nicht?"

     "Weil wir das alles schon oft genug besprochen haben. In den letzten beiden Wochen hat es reibungslos geklappt. Ich glaube, eine Stunde können wir uns ruhig erlauben."

     Sie dachte an die Finanzjournale, die er las, und wählte einen anderen Weg. "Hast du den Pub wirklich mit dem Geld gekauft, das du mit Aktien verdient hast?"

     Er nickte. "Das nötige Wissen hab ich mir in Abendkursen angeeignet. Und auf dem College. Überrascht dich das?"

     "Überhaupt nicht." Devin war zielstrebig und intelligent genug, um alles zu erreichen, was er wollte.

     "Warum fragst du dann?"

     "Ich denke, mit Aktien zu spekulieren ist auch so eine Art von Glücksspiel, nicht?"

     Er zuckte die Schultern. "Schon möglich. Aber den Markt kann man beobachten und das Risiko beschränken."

     "Richtig. Ganz genau."

     "Was?"

     "Nun, nehmen wir einmal an, du würdest so um die zwanzigtausend Dollar an der Börse verlieren – das wäre doch bestimmt ein schwerwiegender Verlust für dich?"

     "Zwanzigtausend …" Devin unterbrach sich und bedachte sie mit einem nachdenklichen Blick. "Weißt du", sagte er schließlich, "vielleicht ist es ja tatsächlich keine so gute Idee, jetzt Blackjack zu spielen." Er zog sie an sich und strich zärtlich über ihre nackten Arme. Eine süße Schwere breitete sich in ihr aus. Nur ein Blick von ihm, und schon vergaß sie alles andere.

     "Ja." Sie zwang sich, in die Realität zurückzukehren. Sie musste an ihre moralische Verpflichtung denken. "Ich meine, nein. Das ist es wirklich nicht." Sie sah keinen Grund, warum ein solch intelligenter Mann seinen Spieltrieb nicht bezwingen konnte. Und sie würde alles tun, um ihm dabei zu helfen.

     Er grinste schief. "Roulette wäre wahrscheinlich besser. Weil es da wirklich nur um reinen Zufall geht."

     Plan B. Sie brauchte einen Ausweichplan. Ihr fiel nur ein todsicheres Mittel ein, um ihn vom Spielen abzulenken. Und Plan B hatte zum Glück auch Vorteile für sie.

     Mit einem verheißungsvollen Lächeln trat sie näher und strich mit den Fingerspitzen über seinen Kragen. "Die Wahrheit ist, dass ich weder proben noch zu Mittag essen will."

     "Ach nein?" Devins Blick bewies, dass ihm klar war, worauf sie hinauswollte.

     "Nein. Ich hatte eine völlig andere Art von Spiel im Sinn." Sie beugte sich noch weiter vor und strich mit der Zunge über die Konturen seines Ohrs. "Und ich verspreche dir, dass bei meinem Spiel nicht das Kasino der Gewinner ist."

     Er schluckte, und sie wusste, dass sie die Schlacht gewonnen hatte.

     Im Aufzug packte Devin sie von hinten um die Taille und zog sie an sich. "Weißt du eigentlich, dass wir nie beendet haben, was wir in jenem Aufzug in New York begonnen haben?"

     "Ach ja?"

     Sie erschauerte vor Erwartung, als er sich an ihrem Po rieb und dabei mit einer Hand über die Innenseiten ihrer Schenkel strich und langsam höherglitt, bis seine Finger den Beinausschnitt ihres Slips streiften.

     Heftiges Verlangen erfasste sie, eine wilde, jähe Sehnsucht, die nur er zu stillen vermochte.

     "Devin, was ist, wenn jemand kommt?"

     "Soll ich aufhören? Du brauchst es nur zu sagen", flüsterte er.

     "Ich … ich …" Sie konnte es nicht sagen. Und wollte es auch gar nicht.

     "Zu spät." Und er presste seine heißen Lippen in ihre Halsbeuge, während er fortfuhr, sie mit den Fingern auf intimste Weise zu streicheln und sie sich stöhnend hin und her wand.

     "Du raubst mir die Beherrschung", flüsterte sie, "und meine ganze Willenskraft."

     "Gut. Denn ich habe noch sehr viel mehr mit dir vor, wenn wir erst in unserem Zimmer sind." Als wollte er ihr eine Vorstellung davon geben, drang er mit einem Finger in sie ein, und sie seufzte vor tiefer Erregung.

     Der Aufzug hielt, und rasch löste Devin sich von ihr. Er blieb aber hinter ihr stehen und ließ einen Arm um ihre Taille liegen, und sie lehnte sich an seine Brust.

     Die Türen glitten auf, und er führte sie an einem älteren Paar vorbei. Errötend starrte Sylvia auf den Boden. Doch kaum hatten die Türen sich geschlossen, drehte sie sich zu Devin um und lachte.

     "Glaubst du, sie haben etwas gemerkt?"

     "Nein." Er küsste sie auf die Nasenspitze. "Und wenn, dann waren sie höchstens neidisch."

     Es erschien ihr wie eine kleine Ewigkeit, bis sie in ihrer Hotelsuite waren.

     "So", sagte er und drückte sie ungestüm an die Wand. In Windeseile hatte er ihr den Slip abgestreift und sich die Hose ausgezogen. Dann hob er Sylvia hoch. "Leg die Beine um mich."

     Sie tat es und bog den Rücken durch, um sich mit den Schultern an der Wand abzustützen.

     In der nächsten Sekunde war er in ihr – hart und heiß –, und das Gefühl war so stark, dass die Lust sie überwältigte und sie sofort zum Gipfel kam. Glücklich seufzend schlang sie die Beine fester um ihn, um ihn noch tiefer in sich hineinzuziehen, und als sie die Augen aufschlug, lächelte er sie an.

     Sie beugte sich vor und hielt sich an seinen Schultern fest, als er sie langsam wieder herunterließ. "Wow", hauchte sie und fragte sich, wie es möglich war, dass dieser Mann ihr nach so kurzer Zeit so viel bedeutete.

     "Ja", sagte er. "Aber …"

     "Aber was?"

     "Ich kann noch immer die Spieltische rufen hören."

     "Also wirklich …" Entrüstung vortäuschend, biss sie ihn in den Hals, bevor sie sein Hemd aufknöpfte und ihre Lippen langsam seine Brust hinuntergleiten ließ.

     Sie liebkoste seinen Bauch und merkte, dass Devin um seine Selbstbeherrschung kämpfte. Als sie den Teil seines Körpers, der unmissverständlich körperliche Lust signalisierte, mit den Lippen umschloss, stöhnte Devin auf und rief ihren Namen. Kurz vor dem Höhepunkt zog er sie auf den Boden und drang stürmisch in sie ein, denn er konnte sich nicht mehr bremsen. Sein Hunger war erst gestillt, nachdem er sich wild erschauernd in ihr verströmt hatte.

     Sylvia beugte sich über ihn und streichelte das weiche Haar auf seiner Brust. Und es dauerte nicht lange, und sie landeten im Bett und liebten sich von Neuem.

     Später kuschelte sie sich an ihn. Las Vegas und Texas. Die letzte Woche ihrer Promotiontour. Und ihrer Abmachung. In sieben Tagen würde er wieder Devin O'Malley sein, und sie würde ihren Vertrag über die nächsten drei Bücher in der Tasche haben und ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen.

     Ihr Leben ohne Devin. Kein Wunder, dass sie melancholisch war.

     Plötzlich fielen ihr die Männer im Kasino ein. Er hatte sie noch immer nicht erwähnt. War dieser Onkel Carlo, den der Junge erwähnt hatte, der Mann, dem Devin das Geld schuldete?

     "Devin", murmelte sie und drehte sich auf die Seite, um ihn anschauen zu können. "Ich habe dich unten mit zwei Männern reden sehen."

     War das Furcht, was in seinen Augen erschien?

     "Ach ja?"

     "Wer waren diese Männer?"

     "Bloß ein paar Leute, die ich aus New York kenne. Reiner Zufall, dass sie hier sind."

     Abgesehen von der Möglichkeit, dass Devin diesen Typen Geld schuldete, kam ihr ein weiterer beunruhigender Gedanke. Was, wenn sie ihn bei seinem Auftritt als Montgomery Alexander sahen?

     Er musste ihre Befürchtung ahnen. "Oh, sie reisen heute Abend ab. Keine Sorge. Sie werden mich nicht verraten." Er küsste sie und schaute ihr in die Augen. "Ich verspreche es."

     "Ich mache mir keine Sorgen. Ich vertraue dir."

     Devin seufzte und drehte sich auf den Rücken. "Warum gehst du nicht einfach hin und gibst ganz offen zu, dass du selbst die Bücher schreibst?"

     Sie stützte sich auf und musterte ihn prüfend. "Wie kommst du denn jetzt plötzlich darauf?"

     "Nur so", murmelte er.

     Was ging hier vor? Sie legte sich ebenfalls auf den Rücken und starrte an die Zimmerdecke.

     "Ich dachte, ich hätte es dir schon erklärt", sagte sie nach einem Moment.

     Er richtete sich auf und blickte in ihr Gesicht. In seinen Augen stand Sorge. Um sie? Oder steckte etwas anderes dahinter?

     Zärtlich streichelte er ihre Wange. "Erklär deinem Vater, wie gern du diese Bücher schreibst. Ich habe sie alle gelesen und finde, dass die Themen durchaus akzeptabel sind. Es geht um Mut, Loyalität und Patriotismus. Deine Charaktere sind stark. Wenn er das nicht erkennt, muss er blind sein."

     "Es ist nicht nur mein Vater. Die Fans lieben Alexanders Image. Ich kann ihnen jetzt nicht einfach sagen, dass ich die Autorin der Romane bin." Sie zwinkerte ihm zu. "Außerdem würde ich mich zum Gespött der Leute machen. Wer würde mir schon glauben, dass ich Alexander bin? Nachdem sie dich gesehen haben?"

     Er küsste sie auf die Stirn. "Dann sag es nur deinem Vater und vergiss deine anderen literarischen Ambitionen. Das bist nicht du, so gern du vielleicht auch glauben würdest, dass er dich so sehen will."

     Sie wollte widersprechen, aber da fuhr er schon fort: "Ich habe dich nachts gesehen. Ich weiß von deiner neuen Heldin, Joshuas Partnerin. Vivian und ihr Stilett. Ich habe beobachtet, wie du dir mit geschlossenen Augen neue Abenteuer ausgedacht hast. Du bist schön, wenn du arbeitest. Und das liegt daran, dass du deine Arbeit liebst."

     Sie spürte, dass ihr die Tränen kamen. "Ich bin es bloß nicht gewöhnt, in einem anderen Stil zu schreiben. Aber es wird mir genauso viel Freude machen, wenn ich erst besser darin werde."

     Sehr zärtlich küsste er sie, und sie erwiderte den Kuss so begierig, als wäre Devin eine Quelle, aus der sie Mut und Kraft schöpfen konnte.

     "Versprich mir etwas, Sylvia." Er hielt ihren Blick fest.

     "Was?"

     "Versprich es einfach."

     "Na schön, ich verspreche es."

     "Tu, was dein Herz dir rät."

     Sie runzelte die Stirn. Meinte er ihre Bücher? Oder sich?

     Hatte sie jetzt vielleicht etwas versprochen, was sie gar nicht halten konnte?

Devin schlug die Augen auf und starrte an die Zimmerdecke. Er lächelte und dachte, dass er sich wie ein Jüngling aufführte, der zum ersten Mal in seinem Leben verliebt ist. Doch er konnte nichts dagegen tun. Trotz der Begegnung mit Andys Onkel Carlo und mit Bull waren die letzten vier Tage in Las Vegas traumhaft schön gewesen. Sylvia in dem Glauben zu lassen, dass er über zwanzigtausend Dollar Spielschulden hatte, hatte sich als geniale Idee erwiesen.

     Sylvia war nur zu gern bereit gewesen, auf Kasinobesuche zu verzichten, um ihn von den Blackjack-Tischen fernzuhalten. Er wusste, dass das ihre Absicht war, und sie wusste, dass er es wusste. Was alles noch amüsanter machte.

     Die ganze Woche über waren sie in ihrer Freizeit in der Suite geblieben und hatten Wein getrunken und ferngesehen. Und sich geliebt. Mit einer Leidenschaft, die sich von Mal zu Mal gesteigert hatte.

     Lächelnd strich er Sylvia übers Haar, bevor er nun aufstand, um ins Bad zu gehen. Einen Moment war er versucht, sie aufzuwecken, aber dann verwarf er die Idee. Er hatte sie viel zu lange wach gehalten gestern Nacht – die Erinnerung daran entlockte ihm ein Schmunzeln –, und sie hatten zwei anstrengende Tage vor sich. Ein kurzer Flug nach Dallas, wo fünf Buchläden zu besuchen waren, und Drinks und Cocktails mit Reportern. Am nächsten Morgen dann nach Austin und die ganze Sache noch einmal. Danach Houston und sechs weitere Buchgeschäfte.

     Und am Ende von all dem die Party, die Sylvias Vater für sie gab, der Bundesrichter.

     Wieder kam ihm die gesellschaftliche Kluft zwischen ihnen zu Bewusstsein und erinnerte ihn daran, dass Sylvia darauf beharrt hatte, ihre Beziehung sei nur vorübergehend. Er spielte in der falschen Liga. Selbst wenn er ihrem Dad sympathisch war, änderte das nicht das Geringste. Richter Sommers traf nicht ihn, Devin O'Malley. Montgomery Alexander würde das Vergnügen haben.

     Was für ein Durcheinander!

     Nach einem letzten Blick auf Sylvia ging er ins Bad. Er konnte nur hoffen, dass es richtig gewesen war, ihr nichts von Carlos Drohungen zu erzählen.

     Diese verdammten Schurken hatten ihn im Fernsehen gesehen und Jerry gezwungen, ihnen alles zu erzählen. Es war nicht Jerrys Schuld. Carlo und seine Gorillas konnten knallhart sein. Er war nur froh, dass Jerry mit ein paar Prellungen davongekommen war.

     Kaum zu glauben, dass er sich tatsächlich eingebildet hatte, er würde Carlo bald los sein. Mit dem Geld, das Sylvia ihm nach dieser Reise geben würde, plus dem, was Jerry bei Freunden lockergemacht hatte, hätte er genug gehabt, um die Spielschulden seines Vaters zu begleichen.

     Aber dann war Carlo aufgetaucht und drohte, Sylvias Geheimnis zu enthüllen, falls sie nicht bereit sei, Schweigegeld zu zahlen. Er hatte Carlo gesagt, Sylvia pfeife auf ihre Anonymität und werde die Wahrheit lieber selbst enthüllen, als zu zahlen.

     Es war ein Bluff, der sich hoffentlich nicht als Bumerang erwies.

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