Von dir will ich alles - 13. Kapitel + Epilog

13. KAPITEL

"Bitte nennen Sie mich Courtland."

     Sylvia betrachtete den alten Mann, der in einem Morgenrock im Rollstuhl saß. Auf dem Tisch vor ihm stand ein Aschenbecher, und daneben lag ein Päckchen Zigaretten.

     Schon Minuten nachdem er angerufen hatte, war sie zum Houstoner Flughafen gefahren. Sie war zweimal umgestiegen – was drei Starts und Landungen bedeutete –, bevor sie endlich in New Jersey angekommen war und ein Taxi zu dem Pflegeheim genommen hatte, in dem Mr. O'Malley lebte. Aber sie hätte alles auf sich genommen, um Devin zurückzukriegen.

     "Ich hätte sofort gewusst, dass Sie Devins Vater sind, selbst wenn Sie es mir nicht gesagt hätten. Er sieht genauso aus wie Sie."

     "Der arme Junge."

     Sylvia lachte. "Ganz und gar nicht. Und das wissen Sie."

     "Früher einmal vielleicht. Aber jetzt hab ich Falten und graues Haar, und nichts klappt mehr wie früher. Oh, die Damen hier beklagen sich natürlich nicht, aber sie sind ja auch nicht gerade die Jüngsten."

     "Sie sind sehr gut aussehend. Sehr weltmännisch. So sexy wie Paul Newman. Also hören Sie auf, sich zu beklagen, denn mehr Komplimente kriegen Sie von mir nicht."

     "Freches kleines Ding. Ich kann verstehen, dass mein Junge sich in Sie verliebt hat."

     Ihr Herz machte einen Satz. War es möglich, dass seine Worte stimmten? "Wie kommen Sie darauf, dass er in mich verliebt ist?"

     "Das Fernsehen, meine Liebe. Der Kamera entgeht nichts. Ich habe Sie mit ihm bei Interviews gesehen. Die Art, wie er Sie ansieht, hat es mir verraten."

     "Wie sieht er mich denn an?"

     "So wie Sie ihn."

     "Ich liebe ihn." Es tat gut, es auszusprechen. Je öfter sie es sagte, desto stärker fühlte sie sich. Wenn sie es oft genug sagte, würde sie Devin zurückbekommen. Ganz bestimmt.

     "Ich hab ihm gesagt, dass es ein Fehler ist, sich in ein Opfer zu verlieben."

     "Ich hab ihn engagiert. Er erpresst mich nicht." Sie grinste. "Nun ja, er war nahe dran. Aber dann brachte er es doch nicht über sich."

     "Das freut mich." Courtland schaute aus dem Fenster. "Ich hatte schon befürchtet, dass er wegen meiner Schulden seinen Prinzipien untreu werden würde."

     "Ihre Schulden?", warf Sylvia verwundert ein.

     "Ich habe einen Hang zu Pferderennen. Mein Sohn konnte mir bisher immer aushelfen. Aber beim letzten Mal hab ich mich mit den falschen Leuten eingelassen. Ich hätte es besser wissen sollen. Ich war immer nur ein kleiner Gauner. Als ich mich dann übernommen habe, forderten sie das Geld zurück."

     "Und Devin versprach ihnen, Ihre Schulden zu begleichen."

     "Ich habe ihm gesagt, er soll das lassen. Was könnten diese Kerle mir hier denn schon tun?" Er deutete auf sein kleines Zimmer in dem Pflegeheim. "Ich bin senil. Die meiste Zeit erinnere ich mich nicht mal mehr, dass ich Geld schulde."

     "Devin hat seinen eigenen Ehrenkodex. Er würde niemals zulassen, dass sie Ihnen wegen Ihrer Schulden Schwierigkeiten machen."

     Courtland nickte. "Ich habe ihm nie gesagt, wie stolz ich darauf bin, dass er nicht in meine Fußstapfen getreten ist. Klar, ich hab ihm natürlich alles beigebracht, aber nur, weil ich wollte, dass er wenigstens etwas hatte, worauf er notfalls zurückgreifen könnte, falls es mit seinen Plänen nicht geklappt hätte. Was ist, wenn er versagt hätte? Zumindest haben wir dank meiner Fähigkeiten nie Hunger leiden müssen."

     "Aber er hat nicht versagt", erklärte Sylvia. "Er ist klug und lustig, und er liebt Sie sehr."

     "Warum ist er nicht bei Ihnen?"

     Die Frage schmerzte. "Weil ich einen Fehler gemacht habe. Ich bin meinem Kopf gefolgt und nicht meinem Herzen." Eine Träne rollte über ihre Wange, und Sylvia wischte sie rasch ab. "Und jetzt habe ich ihn verloren, fürchte ich."

     Courtland schüttelte erstaunlich entschieden den Kopf. "Nichts da. Wenn Sie ihn wollen, müssen Sie kämpfen."

     Sylvia nickte. "Das werde ich."

Devin versuchte sich auf seine Kreditkartenabrechnungen zu konzentrieren. Er war sehr leicht abzulenken in den letzten Tagen, und er kannte auch den Grund dafür. Sylvia. Ganz gleich, was er auch tat, er musste ständig an sie denken.

     Nach dem zufällig mitgehörten Gespräch mit ihrem Vater und kurz darauf der ziemlich unverhüllten Drohung, die einer von Carlos Gorillas in Sylvias eigenem Garten ausgesprochen hatte, hatte er es für richtiger gehalten zu verschwinden. Aber ihm waren längst Zweifel gekommen, ob das richtig war, denn mit jedem Tag glaubte er, ein bisschen mehr zu sterben. Und er begann einzusehen, dass er falsch gehandelt hatte.

     Er konnte alles andere aufgeben, aber nicht Sylvia. Er brauchte sie – und entweder würde er sie zurückgewinnen oder bei dem Versuch sein Leben lassen.

     Er wandte sich zu Jerry um. "Du wirst dich in den nächsten Tagen allein um die Geschäfte kümmern müssen. Ich fahre zurück nach Texas und komme nicht eher wieder, bis diese Frau begreift, dass sie mich liebt."

     Jerry warf ihm einen Blick zu. "Dich hat es aber schlimm erwischt, Boss."

     "Ja, ich weiß, Jerry."

     Es war schon drei Uhr morgens, als Devin den Pub verließ und sich auf den Weg nach Hause machte. Als er die Wohnungstür aufschloss, merkte er, dass er alle Lampen hatte brennen lassen. Kein Wunder, dass er immer so hohe Stromrechnungen hatte.

     Dann sah er sie. Zusammengerollt auf seinem Sofa unter einem alten Quilt, den er von einem Flohmarkt mitgebracht hatte.

     Er musste irgendein Geräusch verursacht haben, denn sie bewegte sich, öffnete die Augen und sah ihn blinzelnd an.

     "Hi", sagte sie.

     "Hi." Nicht sehr poetisch, aber das Einzige, was er bei seinem Herzrasen über die Lippen brachte.

     Sie setzte sich auf. Sie trug eins seiner alten T-Shirts, unter dem ihre nackten Schenkel gut sichtbar waren. Ihr Haar war zerzaust, die wilden Locken standen in alle Richtungen ab. Das meiste ihres Make-ups war verblasst, bis auf die Wimperntusche, die unter einem Auge verschmiert war.

     Sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte.

     "Was machst du hier?", fragte er, und ihm war fast ein bisschen bange vor der Antwort.

     "Montgomery Alexander geht nicht in den Ruhestand. Ich habe meinem Dad alles gesagt." Sie lächelte. "Er ist nicht explodiert." Sie drehte eine Locke um ihren Finger, und er konnte gar nicht anders als grinsen. "Ich habe immer gedacht, ich wollte einen ganz bestimmten Typ von Mann und einen ganz bestimmten Typ von Büchern schreiben. Ich dachte, wenn ich diesen Mann bekäme und ein Leben führte, wie ich es plante, würde ich glücklich sein."

     Er schluckte. "Und was willst du damit sagen?"

     "Dass ich nie wusste, was ich will. Aber jetzt weiß ich es. Ich will einen Mann, mit dem ich am Strand oder in einem Ballsaal tanzen kann. Der mich so leidenschaftlich liebt, dass ich es bis in meine Seele spüre. Der weltgewandt und dennoch lustig ist. Der hart arbeitet, aber auch spielen kann. Der Abenteuer liebt, aber sonntags morgens gern im Bett die Zeitung liest. Und der mich vor allem liebt." Sie betrachtete ihn mit einer Eindringlichkeit, die ihn mitten ins Herz traf. "Ich liebe dich, Devin. Und es tut mir leid, dass ich es dir nicht vorher schon gesagt habe."

     Er atmete auf, blieb aber nach wie vor misstrauisch. "Ich bin kein Alexander."

     "Ich will keinen Alexander. Er existiert ja nicht einmal." Sie stand auf. "Ich will keinen Alexander, keinen Buchhalter oder Börsenfritzen." Sie trat einen Schritt näher. "Ich will dich. Ich will den Mann, der mich bezaubert und verwöhnt. Ich will den Mann, der so treu zu seinem Vater steht, dass er sogar bereit ist, dessen Spielschulden zu übernehmen."

     "Du hast mit meinem Dad geredet?"

     "Ja, und er ist reizend. Er sagte mir, ich solle um dich kämpfen." Sie lächelte. "Und er hat mir auch deinen Haustürschlüssel gegeben."

     Er zog sie an sich. "Erinnere mich daran, dass ich ihm danke", flüsterte er, bevor er sie küsste und küsste. Sie war die richtige Frau für ihn, und nichts mehr konnte sich jetzt zwischen sie stellen.

     Außer …

     Sanft unterbrach er den Kuss, um sie anzusehen. In ihren Augen stand Verwirrung.

     "Was ist?", fragte sie.

     "Es geht nicht nur um uns beide. Alexander ist ein Teil von alldem."

     "Nein, er …"

     "Sie werden uns nie in Ruhe lassen."

     Sie schüttelte den Kopf. "Wir können die Schulden deines Vaters zahlen."

     Nervös trat er zurück und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er sagte es ihr nur ungern. Aber sie musste es erfahren.

     Als er wieder aufschaute, lächelte sie.

     "Was ist?"

     "Mir gefällt dein blondes Haar. Es ist sexy."

     "Sylvia, wenn wir nicht zahlen, werden sie der Öffentlichkeit enthüllen, dass Alexander gar nicht existiert."

     Sie runzelte die Stirn. "Die Männer in Las Vegas?"

     Er nickte.

     "Die Pressekonferenz! Dieser Mann sprach eine Drohung aus, und du hast es so gedreht, dass ich mich zu erkennen geben konnte. Es war nicht die neue Heldin oder der Vertrag oder sonst etwas, woran du dabei dachtest."

     "Wenn du dich nicht öffentlich als der wahre Autor zu erkennen gibst, werden wir ihnen ewig ausgeliefert sein." Er schaute ihr in die Augen. "Ich könnte aber nicht damit leben, dass du mir das zu verdanken hast."

     "Warst du gern Alexander?"

     "Das ist nicht das Thema."

     Sie nickte heftig. "O doch, genau das ist es. Ich habe keinen Alexander. Er kann natürlich in den Ruhestand gehen. Aber wenn es dir Spaß gemacht hat, ist das gar nicht nötig."

     "Riesenspaß sogar", gestand er und lachte. "Vielleicht bin ich ja wirklich meines Vaters Sohn."

     Sie lachte. "Und mein Seelenverwandter. Denn irgendwie muss ich wohl auch etwas von Alexander haben."

     "Dein Seelenverwandter. Das klingt gut."

     "Könntest du es? Und wenn auch nur gelegentlich? Könntest du Alexander sein und trotzdem den Pub führen?"

     Natürlich konnte er, aber das war nicht der Punkt. "Sylvia, diese Männer …"

     "Kannst du es?", beharrte sie.

     "Jerry schafft das hier sehr gut allein. Nächste Woche unterzeichnen wir den Vertrag über den neuen Pub in Boston, und ich habe schon Leute, die ihn führen wollen. Ich muss zwar eine Weile dort sein, bis er eröffnet ist, aber das dürfte nicht allzu lange dauern. Eigentlich stehe ich gar nicht gerne selbst hinter der Theke. Lieber würde ich noch ein paar mehr Pubs eröffnen." Er lächelte sie an. "In Texas, hatte ich gedacht."

     "Na, siehst du?"

     Er sah gar nichts. "Ich weiß nur, dass diese Gangster dich mit der Zeit vergessen werden, wenn Alexander wieder von der Bildfläche verschwindet. Wenn ich dagegen weiter als er auftrete, werden sie uns ein Leben lang verfolgen."

     "Ich lasse mir von diesen Kerlen nicht diktieren, was ich mit meinem Leben oder meinen Büchern tue." Trotzig schaute sie ihn an. "Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass ich das nicht mal meinem Dad erlauben kann. Und erst recht nicht ein paar miesen Gangstern, die nichts Besseres zu tun haben, als invalide alte Männer und Autoren zu bedrohen."

Der Mann namens Carlo war Sylvia unheimlich, aber der andere, der sich Bull nannte, jagte ihr direkt Angst ein. Eine gezackte Narbe verlief über seiner Wange, seine dunklen Augen blickten kalt.

     Einen Moment lang wünschte sie, sie hätte einen Drink bestellt, aber es war noch früh und der Pub eigentlich noch geschlossen. Sie schaute sich in dem Raum mit den leeren Tischen um. Nur sie und Devin und diese beiden finsteren Gesellen waren hier.

     Sie drückte Devins Hand unter dem Tisch, und er erwiderte die Geste. Das beruhigte sie ein wenig. Sie atmete tief durch. Es konnte losgehen.

     "Ihr wolltet, dass ich sie herbringe, und das hab ich getan. Aber überzeugen müsst ihr sie schon selbst", erklärte Devin, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück.

     "Ich weiß nicht, was das soll. Was ist es, worüber diese Herren mit mir reden wollen?", fragte sie mit gespielter Ahnungslosigkeit und unterdrückte den Impuls, den beiden ins Gesicht zu spucken.

     Carlo grinste, und ein Goldzahn blitzte auf. "Das ist eine gute Frage, Miss Sommers. Wir sind sozusagen von der Sicherheitsbranche. Wir kennen Ihr Geheimnis. Und wir können dafür sorgen, dass niemand sonst es je erfährt."

     "Nun, das klingt interessant", sagte sie und beugte sich sogar noch weiter zu den beiden widerlichen Ungeheuern vor. "Aber ich verstehe nicht ganz, wie Sie sich das vorstellen."

     In der nächsten Viertelstunde erklärte Carlo ihr, wie sein "Schutzdienst" funktionierte, und nannte ihr auch die beträchtliche monatliche Summe, die sie zu zahlen hatte, wenn sie diesen Schutz in Anspruch nehmen wollte.

     "Was meinst du, Sylvia? Hast du genug gehört?", fragte Devin.

     Sie ließ sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Es waren sicher nicht die eindeutigsten Beweise, aber sie genügten. Dann schenkte sie Carlo und Bull ihr schönstes Lächeln. "Ja. Ich glaube, das genügt jetzt."

     Devin hob den Arm und klopfte an die Wand in seinem Rücken. "Habt ihr alles mitgehört, Jungs?"

     "Laut und deutlich", kam die Antwort, und Sylvia musste grinsen, als sie den Ausdruck auf Carlos und Bulls Gesichtern sah.

     Als die beiden Gangster in Handschellen abgeführt wurden, kam sich Sylvia wie in einem ihrer Romane vor. Am liebsten hätte sie jetzt applaudiert, doch es gelang ihr, den Impuls zu unterdrücken.

     Stattdessen küsste sie Devin. "Danke."

     Er schüttelte den Kopf. "Dank nicht mir. Es war dein Vater, der Larry überredet hat zu kommen, und Larry hat die Polizei hier informiert."

     "Aber die Idee, meinen Vater anzurufen, hattest du."

     "Niemand kann uns garantieren, dass die Aufnahme sie ins Gefängnis bringt. Die Mühlen der Justiz drehen sich bekanntermaßen nur sehr langsam. Das solltest du am besten wissen. Aber zumindest werden sie begreifen, dass es wenig Sinn hat, uns zu erpressen."

     "Genau. Und eine Erpressung wäre sowieso zwecklos, sobald wir Plan B verwirklicht haben."

     "Hast du Rachel angerufen?"

     Sylvia nickte. "Alles ist bereit. Bist du es?"

     "Bereit, mein Leben mit dir zu verbringen? O ja. Und ob. Für immer."

     Sylvia lachte. "Und bereit für eine Pressekonferenz?"

     Devin zuckte mit den Schultern. "Das auch." Er lächelte sie an, machte aber keine Anstalten, zur Tür zu gehen.

     "Was ist?"

     "Hab ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?"

     Sie lächelte. "Ja. Aber sag es ruhig noch mal."

     "Ich liebe dich, Sylvia."

     Sylvia legte die Arme um seinen Nacken und küsste ihn, den Mann ihrer Träume, der in jeder Hinsicht ihre kühnsten Fantasien verwirklicht hatte. "Und ich liebe dich, Devin."

EPILOG

Houston, Texas

     Bestsellerautor Devin O'Malley heiratete gestern seine Managerin und zukünftige Co-Autorin Sylvia Sommers.

     O'Malley ist besser bekannt als Montgomery Alexander, mysteriöser Autor einer Serie sehr beliebter Spionagethriller. O'Malley überraschte Alexanders Fans vor sechs Monaten bei einer Pressekonferenz mit der Erklärung, Alexander sei O'Malleys Pseudonym.

     Die Hochzeit fand im Elternhaus der Braut in River Oaks statt, wo der Brautvater, Richter Patrick Sommers, das Paar persönlich traute.

– ENDE –

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