Von dir will ich alles - 4. Kapitel

4. KAPITEL

"Hier ist es." Sylvia deutete auf ihre Zimmertür.

     Devin nickte. "Na endlich."

     Er stand neben ihr, ohne sie zu berühren, aber nahe genug, um sie nervös zu machen. Sie sehnte sich nach seiner Nähe, wusste aber auch, dass es kein Zurück mehr gab, wenn sie ihn jetzt mit in ihr Zimmer nahm.

     Aber war es nicht das, was sie wollte? War das nicht der Grund, warum sie jetzt hier standen? Wie absurd, sich einzureden, dass seine Küsse ihr genügen würden, wo sie in Wirklichkeit doch alles von ihm wollte. Und selbst wenn es nur sexuelle Neugier zwischen ihnen war, war das in Ordnung. Sie hatte gar nicht vor, sich an den Mann zu binden. Ihr ging es nur um eine heiße Nacht, von deren Erinnerung sie ihr Leben lang zehren konnte …

     Sie stellte sich ihn nackt auf ihrem breiten Bett vor, wie er die Hand nach ihr ausstreckte und sie lächelnd bat, zu ihm zu kommen. Um sie zu lieben. Zärtlich, leidenschaftlich und die ganze Nacht lang. So wie Alexander es in ihren Träumen tat. Die Vorstellung war ungemein verlockend.

     "Willst du nicht die Tür öffnen?", fragte er.

     "Oh … natürlich", sagte sie und zog die Karte durch den Schlitz. Das Licht wechselte von Rot auf Grün. Grün wie grünes Licht für …

     "Sylvia?"

     Devin war unglaublich sexy. Seine Seidenkrawatte war verrutscht, sein Hemd stand oben offen und erlaubte ihr einen Blick auf weiches dunkelblondes Haar. Seine Augen glitzerten, als er sie begehrlich musterte. Ein Lächeln spielte um seine Lippen … plötzlich dachte sie an den großen bösen Wolf und Rotkäppchen.

     "Brauche ich einen Passierschein oder so was?", witzelte er.

     Sie merkte, dass sie ihm den Weg verstellte. "Oh, Verzeihung."

     Er trat ins Zimmer und merkte offenbar ihre Unruhe. "Hast du jetzt etwa Bedenken?"

     "Nein", erwiderte sie rasch und ärgerte sich dann über ihre viel zu forsche Antwort. Sie hätte nicht weniger subtil sein können, wenn sie sich das Kleid vom Leib gerissen und sich in seine Arme gestürzt hätte. Das war zwar genau das, was sie jetzt wollte, aber eine derart kühne Taktik lag ihr nicht.

     Und im Übrigen würde sie ja sowieso nicht mit ihm schlafen.

     Sie seufzte. Dieses winzige Detail entglitt ihr doch immer wieder.

     Als er an ihr vorbei zum Bett ging, streiften seine Arme ihre, und selbst diese flüchtige Berührung von ihm genügte schon, um sie schwach werden zu lassen. Für einen Moment lehnte sie sich an die Wand. Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem spüren und seinen Herzschlag hören konnte. Dieser traumhaft gut aussehende Mann erschien ihr wie ein Geschenk des Himmels. Und seine Nähe erregte und verwirrte sie so sehr, dass sie sich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte.

     "Ich schlafe nicht mit dir", entfuhr es ihr, als sie sich nun aufs Bett setzte. Am liebsten hätte sie ihre Worte sofort wieder zurückgenommen, aber damit hätte sie ja zugegeben, dass er sie durcheinanderbrachte.

     Sie rechnete mit Enttäuschung oder Schock, als sie zu ihm aufschaute, aber er lächelte. "Gut, dass du das sagst", erwiderte er belustigt.

     "Ich meine es ernst. Kein Sex."

     "Ich weiß."

     "Wirklich?" Irgendwie enttäuschte es sie, dass er sich so schnell damit abfand. Alexander hätte nicht so rasch aufgegeben. Dazu war er viel zu sehr ein Casanova.

     Er hockte sich vor die Minibar. "Einen letzten Drink?"

     "Ich … ja, bitte."

     Doch vielleicht war er ja ein Gentleman und kein Don Juan wie Alexander. Beunruhigt runzelte sie die Stirn. Sie hatte wirklich große Mühe, den einen Mann vom anderen zu trennen.

     Er hatte inzwischen einen Piccolo entkorkt und schenkte zwei Gläser ein. "Und wie wäre es mit Reden? Das wäre doch nicht zu riskant, oder?"

     Reden? Ja, das war okay. Und Küssen wäre noch viel besser. Küssen überschritt nicht ihre selbst gesteckten Grenzen. "Worüber?"

     "Du bist doch Autorin, nicht?"

     Sie nickte argwöhnisch.

     Er trat näher und reichte ihr das Glas. Seine Finger streiften dabei ihre, und sie reagierte wieder so stark, dass sie mehr und mehr befürchtete, Küssen würde ihr nicht reichen.

     "Dann lass uns doch über Literatur reden."

     "Literatur?", entgegnete sie fassungslos.

     "Ja, über die erotische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts beispielsweise." Seine Stimme hatte sich verändert, war jetzt leiser, rauer. Gewinnender.

     Es durchströmte sie heiß. Wie mühelos er sie doch zum Erschauern bringen konnte. "Ich … Da kenn ich mich eigentlich gar nicht aus."

     "Nein? Schade. Und über Küssen?" Ruhig blickte Devin Sylvia in die Augen und sah bestimmt ihr brennendes Verlangen. Sie befeuchtete die Lippen mit der Zunge und schaute auf den Boden.

     "Küssen?", wiederholte sie, weil ihr nichts anderes einfiel. Was eben noch ein sicheres Terrain gewesen war, erschien ihr nun bedrohlich. Ungeheuer reizvoll, aber auch gefährlich.

     "Ja, wir könnten übers Küssen reden. Was meinst du?"

     Reden? Er sollte es tun, verdammt, anstatt davon zu reden!

     Er setzte sich zu ihr aufs Bett, und sie zwang sich, ruhig durchzuatmen. Doch je mehr sie versuchte, seine Wärme zu ignorieren, desto heißer wurde ihr.

     "Es ist nicht leicht zu plaudern, wenn man nebeneinandersitzt", erklärte er und lehnte sich zurück. "Ich verspreche, dass ich dich nicht beißen werde."

     Langsam wandte sie den Kopf. Er lag hinter ihr und stützte sich auf einen Ellbogen. "Komm. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben."

     Hatte sie auch nicht. Wirklich nicht. Um es zu beweisen, legte sie sich neben ihn.

     "Apropos Küssen." Mit der Fingerspitze fuhr Devin ihre Unterlippe nach, und ihr Puls begann zu rasen. "Wusstest du, dass manche Leute Küssen noch intimer finden als Sex?"

     Ein leises "Oh" war alles, was Sylvia herausbrachte.

     "Manchmal denke ich das auch", fuhr er mit einem vielsagenden Lächeln fort und ließ seinen Finger zwischen ihre Lippen gleiten. Sylvia schloss die Augen und wehrte sich gegen den Impuls, den Finger mit der Zunge zu liebkosen.

     "Nicht, dass ich gegen Sex etwas hätte", murmelte Devin. "Es hat wirklich etwas sehr Intimes für mich, nackt neben einer aufreizenden Frau zu liegen und mitzuerleben, wie sie in meinen Armen immer mehr dahinschmilzt vor Wonne und dann endlich den Höhepunkt der Lust erreicht."

     Sylvia presste die Schenkel zusammen und wehrte sich angestrengt gegen das Verlangen, das Devin in ihr weckte. Doch es war mächtiger als sie, und so umschloss sie seinen Finger mit den Lippen und umspielte ihn mit der Zunge.

     Sanft zog Devin seinen Finger zurück, und Sylvia protestierte mit einem leisen Seufzer. "Ein Kuss kann süß und zärtlich sein. Oder hart und leidenschaftlich. Küsse offenbaren viel über das Wesen des anderen." Er strich mit den Lippen über ihren Mund. "Und wie denkst du über das Küssen?"

     Die Vorstellung, dass er ihr Einblick in sein tiefstes Inneres gab, ließ sie erschauern. Denn erst, wenn sie wusste, wie es in ihm aussah, würde sie sagen können, ob er der Mann war, von dem sie schon so lange träumte …

     "Sylvia?"

     Sie öffnete die Augen. "Ein kleiner Kuss kann wohl nicht schaden." Ihre Stimme hatte noch nie so heiser geklugen.

     Devins Augen verdunkelten sich. Sie sah, dass er schneller atmete, und mit einem leisen Stöhnen zog er sie in seine Arme.

     Ihre Brüste pressten sich so fest an seinen Oberkörper, dass die empfindlichen Spitzen schmerzten, als Devin nichts weiter tat, als unendlich sanft an ihrer Unterlippe zu saugen, bis Sylvia vor Verlangen zu vergehen glaubte. Sie rutschte noch ein wenig näher an ihn heran und legte ein Bein über seinen Oberschenkel, weil sie den Beweis seiner Begierde spüren wollte.

     Noch immer vertiefte Devin den Kuss nicht. Sylvia stöhnte vor Erregung und kämpfte einen aussichtslosen Kampf, sich zu beherrschen. Verzweifelt presste sie sich an ihn und öffnete die Lippen in einer stummen Einladung, ihren Mund zu erobern. Erst jetzt begann Devin ein aufreizendes Spiel mit ihrer Zunge und drang ein klein wenig in ihren Mund vor.

     Als er sich jäh zurückzog, fröstelte Sylvia, weil sie nun nicht mehr seinen warmen Atem spürte. Ihre Lippen waren rot und brannten von seinen verheißungsvollen Küssen. Und sie wollte mehr.

     "Bitte …" Sie brachte nur dieses eine Wort heraus, aber mehr erforderte es auch nicht. Aufstöhnend legte er die Hände um ihren Kopf und ergriff nun hart und fordernd Besitz von ihrem Mund.

     Leidenschaftlich erwiderte sie den Kuss, presste sich an ihn und bog sich ihm entgegen, weil Küsse allein ihr nicht das geben würden, was sie brauchte.

     Wieder zog Devin sich zurück. "Sylvia … O Sylvia …" Er klang fast so, als ob er Qualen litte. Sie hätte nie gedacht, dass sie eine derartige Reaktion bei einem Mann auslösen konnte.

     Lächelnd küsste sie ihn auf die Lippen. "Ja?"

     "Du bringst mich um. Ich kann dich nicht weiter küssen und berühren, ohne richtig mit dir zusammen zu sein."

     "Oh. Ich …" In ihrer Erregung fand sie keine Worte. Sie hatte dumme, lächerliche Regeln aufgestellt, aber ihr Körper gehorchte einem anderen Gesetz und ignorierte diese Regeln.

     "Was willst du, Sylvia?"

     Schweigend schaute sie ihm in die Augen und wusste, dass er, falls er in ihr Herz sehen könnte, dort pure Leidenschaft erblicken würde. Seit Jahren fanden ihre Abenteuer nur in ihren Büchern statt. Eine Nacht lang wollte sie diesen rauschhaften Überschwang der Gefühle auch einmal wirklich erleben. Mit diesem Mann, der Alexander sein könnte.

     "Dich", flüsterte sie. "Heute Nacht will ich dich." Sie begehrte ihn mit einer Verzweiflung, die sie noch nie zuvor empfunden hatte. Morgen würde sie es vielleicht bereuen, aber heute Nacht brauchte sie ihn.

     Und hatte er nicht selbst gesagt, er würde heute Abend Alexander für sie sein?

     Das musste er auch. Denn wer außer Alexander hätte derartige Gefühle in ihr wecken können?

     Devin konnte den Blick nicht von Sylvia lösen.

     Sylvia hatte gesagt, sie begehre ihn, und er hatte vor, sie zu lieben wie kein anderer Mann zuvor. Und noch erotischer, noch sinnlicher, noch aufregender als jeder andere Liebhaber, den sie jemals haben würde.

     Quälend langsam ließ er seine Hand über ihr Bein gleiten. Er merkte, dass sie zitterte, als seine Finger wie zufällig höherglitten. Als er mit dem Daumen dann plötzlich warme Haut streifte, hielt er überrascht inne.

     "O Sylvia, ich ahnte, dass du unter diesem Kleid sexy Unterwäsche trägst. Aber Strümpfe und Strapse hatte ich wirklich nicht erwartet."

     "Eine Strumpfhose schien mir nicht passend", erwiderte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln. "Ich konnte ja nicht ahnen, was für eine Nacht es werden würde."

     Devin begehrte sie noch heftiger. "Hältst du noch mehr Überraschungen bereit?"

     Stumm schüttelte sie den Kopf, als er ihr den hauchzarten Strumpf auszog und mit der Hand über die Innenseite ihres Schenkels strich, bis er ihren Slip berührte.

     Sie schloss die Augen, als er am Beinausschnitt verweilte, wohl wissend, dass sie sich nach einer viel intimeren Berührung sehnte. Aber er wollte warten, bis sie ihn ausdrücklich darum bat.

     Als er seine Hand zurückzog, stöhnte Sylvia frustriert, doch er brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen, strich dabei über ihre harten kleinen Brustspitzen und ließ die Hand dann auf ihrer Schulter ruhen.

     Er zupfte an dem dünnen Träger. "Wenn du nicht willst, dass ich das Kleid zerreiße, solltest du es ausziehen."

     Sie bewegte sich, damit er ihr das Kleid abstreifen konnte. Dann trug sie nur noch den Slip, die Strapse und einen Strumpf.

     Sie sah ungemein verführerisch aus. "Du bist bezaubernd."

     Sie errötete.

     "Wirklich", bekräftigte er, aber sie hielt die Bettdecke vor sich.

     "Komm, Sylvia, ich möchte alles von dir sehen", drängte Devin und zog an der Decke. Ihr schnelles Nachgeben und ihr scheues Lächeln dabei sagten ihm, dass es seine Komplimente waren und nicht seine Zärtlichkeiten, die sie verlegen machten.

     Gut. Es versprach eine wunderbare Nacht zu werden. Und was die Komplimente betraf, so würde sie sich halt daran gewöhnen müssen.

     Devin zog Sylvia an den Rand des Bettes, bis sie die Füße auf dem Boden hatte und die Hände hinter sich aufstützte. Ihre Brüste hoben und senkten sich bei ihren schnellen flachen Atemzügen.

     Sein Blick schweifte zu ihrer Taille, die so schmal war, dass er sie mühelos mit beiden Händen umspannen könnte, und glitt dann zu ihren schlanken Hüften und dem winzigen Slip. Die Art, wie sie atmete, der weiche Glanz in ihren Augen, all das zeigte ihm deutlich, dass sie ebenso erregt war wie er.

     "Bitte", hauchte sie.

     "Bitte was?"

     "Berühr mich."

     Devin kniete sich vor sie und küsste die weiche Haut oberhalb des Seidenstrumpfs, den sie noch trug. Als er dann mit dem Finger in ihren Slip glitt, biss sie sich auf die Lippen.

     "So?"

     "Ja", murmelte sie rau. "So."

     Devin setzte seine lustvolle Entdeckungsreise fort und strich mit der Zunge über die Innenseite ihres Schenkels, während er sie mit dem Finger reizte, wenn auch ganz bewusst immer noch nicht dort, wo Sylvia es wollte. Es sollte eine süße Tortur für sie sein.

     Für ihn war es das auf jeden Fall. Er wollte in ihr sein und ihr heißes Pulsieren spüren. Sie berühren. Sie küssen …

     "Nicht aufhören", flehte sie.

     Er lächelte, weil er nur zu gern gehorchte.

     Er konnte es kaum glauben, aber jemand hämmerte heftig an die Tür.

     Das Pochen schreckte Sylvia aus ihrer erotischen Verzückung auf.

     Erschrocken richtete sie sich auf und warf einen Blick auf die Uhr. Devin auch. Fast vier Uhr morgens!

     "Sylvia?" Das war Rachels Stimme.

     Sylvia errötete. "Ich muss sie hereinlassen."

     "Es ist mitten in der Nacht. Was will sie hier?"

     "Sylvia!" Rachel klang sehr ungeduldig.

     "Ich komme!", rief Sylvia und zog sich rasch einen Morgenmantel über. "Vielleicht ist es etwas Wichtiges", flüsterte sie ihm zu.

     Er warf ihr Kleid und ihre Schuhe in den Schrank. "Dann schick sie rasch wieder fort. Ich habe heute Nacht noch sehr viel vor mit dir", sagte er und küsste sie.

     Sylvia lächelte. "Das hoffe ich." Sie wandte sich zur Tür. "Moment, Rachel. Ich bin im Badezimmer."

     "Beeil dich. Ich habe aufregende Neuigkeiten."

     Sylvia schaute ihn an. "Würdest du bitte für einen Moment in deinem Zimmer warten?"

     Er war total verwirrt. "Wo?"

     Sylvia schob ihn zum Nebenzimmer. "Ich nehme immer zwei", wisperte sie. "Eins für mich und eins für Alexander. Sonst würde es Gerede geben."

     Rachel stürmte herein, kaum dass er nach nebenan verschwunden war.

     "Na endlich! Ich habe schon versucht, dich anzurufen."

     Sylvia zuckte mit den Schultern. "Ich bin erst spät heraufgekommen. Was ist so dringend mitten in der Nacht?"

     "Geld", sagte Rachel grinsend. "Ein Haufen Geld, für dich und für mich."

     "Ich verstehe nicht …"

     "Die Sache hat nur einen kleinen Haken", fuhr Rachel fort. "Aber das kriegen wir schon hin."

     "Was versuchst du mir zu sagen, Rachel?"

     "Du hast doch seine Nummer?"

     "Wessen Nummer?", fragte Sylvia, obwohl etwas an ihrer Stimme verriet, dass sie die Antwort bereits kannte.

     "Alexanders. Wir brauchen ihn."

"Ein Vertrag über drei Hardcover? Ich fass es nicht! Ich weiß nicht, was ich sagen soll." Sylvia umarmte und küsste Rachel. "Ist dir klar, was das bedeutet?"

     Rachel lächelte. "Ja, aber sprich dich ruhig aus."

     "Dass ich nach diesen drei Büchern genug verdient haben werde, um endlich 'Reise in ein fernes Land' zu schreiben."

     Rachel zuckte mit den Schultern. "Wenn es das ist, was du willst … Aber sag, hast du seine Telefonnummer? Weißt du, wie er heißt und wann er in dem Pub arbeitet? Wir müssen mit ihm reden."

     "Er ist der Besitzer. Aber was willst du von ihm?"

     Rachel zögerte. "Der Verlag will Alexander auf eine Promotiontour schicken. Ellis Chapman war sehr beeindruckt von ihm."

     "Promotiontour?" Sylvia war entsetzt. "Mit Interviews? Und Talkshows?"

     Rachel nickte.

     "Und du hast zugestimmt?"

     "Natürlich hab ich gesagt, ich müsste es zuerst mit dir besprechen, aber ich sähe eigentlich kein Problem darin."

     "Das wäre kein Problem? Wie stellst du dir das vor, Rachel? Selbst wenn dieser Fremde alles über Alexander lesen würde, was wir haben, könnten wir nie sicher sein, dass er sich nicht verspricht und wir im Regen stehen!"

     "Ohne Promotiontour kein Vertrag. Und ohne Vertrag keine Ersparnisse, um an 'Reise in ein fernes Land' zu arbeiten."

     Rachel hatte recht. Es war eine einmalige Chance für Sylvia, endlich genug mit ihren Büchern zu verdienen, um in Ruhe ihren ersten "ernsthaften" Roman zu Ende zu schreiben und vielleicht sogar schon mit dem zweiten zu beginnen, solange sie noch ein sicheres Einkommen durch die Tantiemen ihrer Thriller hatte. Trotz des Risikos wäre es verrückt gewesen, auf eine derartige Chance zu verzichten.

     Sie warf einen Blick zu "Alexanders" Tür und dachte an all die anderen Vorteile, die ein solches Arrangement ihr bot. Irgendwo zwischen der Bar und ihrem Zimmer, zwischen Flirten und Küssen, hatte sie begonnen, mehr als eine heiße Nacht von diesem Mann zu wollen. Sie wollte ihn kennenlernen, mit ihm ausgehen, zum Dinner und ins Kino. Und sie wollte Sex mit ihm.

     "Na schön."

     "Na endlich!", rief Rachel triumphierend. "Dann gib mir seine Nummer."

     "Du willst ihn anrufen? Jetzt? Wozu die Eile? Wir können morgen mit ihm reden."

     Rachel schüttelte den Kopf. "Du verstehst nicht, Sylvia. Euer Flug geht übermorgen."

     "Was?" Sylvia blinzelte. "Wieso?"

     "Erinnerst du dich an Madame Marasky, die diese Detektivromane schreibt?"

     Sylvia nickte.

     "Nun, sie lebt in Kalifornien, und der Verlag hatte eine Radio- und Fernsehtour für sie gebucht. Sie sollte Interviews geben und Bücher signieren. Danach geht es nach Las Vegas zur Buch- und Mediamesse. Insgesamt sind es drei Wochen." Rachel hielt einen Moment inne. "Die letzte Station ist Texas. Dort könnte dein Dad dann vielleicht eine seiner Superpartys für dich geben."

     Sylvia rieb sich die Schläfen. "Ich verstehe wirklich nicht …"

     "Madame Marasky muss an der Gallenblase operiert werden. Du bekommst die Tour. Du und Alexander. Aber ihr müsst übermorgen in der Zehn-Uhr-Maschine nach Los Angeles sein." Rachel schaute auf die Uhr. "Oder vielmehr morgen schon." Ihr Blick glitt über Sylvias Morgenrock. "Also zieh dich jetzt an und lass uns zu dem Pub fahren. Vielleicht treffen wir ihn ja noch beim Gläserspülen an."

     "Nein." Sylvia errötete. "Ich …" Wie sollte sie es Rachel sagen? Rachel war ihre beste Freundin, aber …

     "Was?" Prüfend schaute Rachel sie an.

     Bevor sie Schlussfolgerungen ziehen konnte, die noch schlimmer als die Wahrheit waren, sagte Sylvia rasch: "Wir brauchen nicht zu ihm zu fahren."

     "Oh! Wieso nicht?"

     Sylvia zeigte auf die Verbindungstür.

     Rachel zog die Schultern hoch, doch dann sah sie auf das Bett mit der zerwühlten Decke.

     "Er ist nebenan."

     "Und du hast mir nichts davon gesagt!", rief Rachel.

     "Falls es dich beruhigt, es ist überhaupt nichts passiert. Ein gewisser Jemand hat uns gestört, bevor es dazu kommen konnte." Erst jetzt kam es Sylvia so richtig zu Bewusstsein, was sie beinahe getan hätte. "Du liebe Güte!"

     "Was?"

     Sie strich sich verlegen übers Haar. "Rachel, fast wäre ich mit einem Mann ins Bett gegangen, den ich erst seit heute Abend kenne!"

     Rachel grinste. "Er gefällt dir, was?"

     Sylvia dachte daran, wie er sie gestreichelt und ihr süße Nichtigkeiten zugeflüstert hatte. Bei der Erinnerung durchzuckte es sie heiß. Und sie wusste, dass das Lächeln, das sie Rachel schenkte, unverhohlene Zufriedenheit verriet. "Ja, er ist wunderbar."

     Das Problem war bloß, dass sie ihn noch gar nicht richtig kannte.

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