Von dir will ich alles - 8. Kapitel

8. KAPITEL

"Es ist eine große Ehre, Sie hier bei uns zu haben, Mr. Alexander. Wirklich. Ich liebe Ihre Bücher." Der Page schob den Gepäckwagen vor den Aufzug des Hotels in Santa Monica.

     "Danke", sagte Devin und deutete auf den Aufzugknopf. "Er wird schneller kommen, wenn Sie drücken."

     "Oh. Natürlich. Ich bin bloß … Wow!" Der Junge drückte auf den nach oben zeigenden Pfeil.

     Devin unterdrückte ein Grinsen und schaute Sylvia an. Die runzelte die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann schaute sie auf die Uhr und richtete den Blick wieder auf ihn.

     Er zuckte die Schultern, weil er nicht verstand, was sie verstimmt hatte. Vielleicht die Taxifahrt. Obwohl der morgendliche Berufsverkehr vorbei war, konnte man das Fahren auf den Freeways von Los Angeles nicht gerade als entspannend bezeichnen, und ihr Fahrer, der kein Englisch sprach, hatte die ganze Fahrt lang ohrenbetäubend laute Rap-Musik gespielt. Wahrscheinlich war Sylvia einfach müde.

     Der Aufzug kam, die Türen glitten auf. "Da ist er, Mr. Alexander." Der Junge schob den Gepäckwagen herein und hielt die Tür gerade lange genug auf, um ihn einzulassen. Sylvia huschte rasch herein, als sich die Türen bereits schlossen. Sie warf dem Pagen einen bösen Blick zu, was dieser wahrscheinlich gar nicht bemerkte, so wie er den berühmten Montgomery Alexander anstarrte.

     Und Devin schien das eher amüsant als unangenehm zu finden. Er wandte sich zu Sylvia, um zu sehen, ob sie auch belustigt war. Aber sie bedachte ihn mit einem noch vernichtenderen Blick als den Pagen, kehrte ihm danach den Rücken zu und starrte die geschlossenen Türen an. Die Arme wieder vor der Brust verschränkt, klopfte sie ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden, den Rücken steif wie ein Brett. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment explodieren.

     Wobei sie verdammt sexy aussah.

     Was war es bloß mit ihnen und den Aufzügen?

     Eine leichte Jacke bedeckte ihren Rücken und die Arme, aber das machte nichts. In Gedanken konnte Devin noch immer ihre zarte weiße Haut sehen, die er entblößt hatte, als er ihren Reißverschluss herunterzog. Er dachte an die Wärme unter seinen Fingerspitzen, an Sylvias leidenschaftliche Reaktion auf seine Berührung.

     Der Aufzug hielt im vierzehnten Stock. Endlich, dachte Devin. Er brauchte schleunigst eine kalte Dusche.

     Der Page ging über den schmalen Korridor voran. "Gut. Miss, das ist Ihr Zimmer." Er öffnete die Tür und stellte Sylvias Koffer auf die Schwelle. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt."

     Sylvia verdrehte die Augen, nickte Devin flüchtig zu und schlug die Tür zu.

     Der Page hastete zum Gepäckwagen zurück. "Und Ihres ist das nächste Zimmer, Mr. Alexander."

     "Es ist verbunden mit dem Raum der Dame, nicht?"

     "O ja, Sir. Mr. Alexander, Sir." Der Junge zwinkerte ihm zu, als er ging, und Devin war froh, dass Sylvia nicht dabei war und es sah.

     Das Zimmer war schlicht, aber gemütlich. Sein Blick ging sofort zu dem breiten Doppelbett und dann zur Tür, die ihn mit Sylvias Raum verband. Er klopfte leise an. "Sylvia?"

     "Jetzt nicht."

     Er widerstand der Versuchung, den Schlüssel zu benutzen, den der Page ihm gegeben hatte. Sylvia war gut gelaunt gewesen, als sie den Flughafen verließen, doch nun war sie schroff und abweisend. Sie konnte aber unmöglich so verärgert sein, nur weil der Page es an Höflichkeit ihr gegenüber hatte mangeln lassen, oder?

     Er klopfte noch einmal.

     "Ich schlafe."

     "Du schläfst nicht, wenn du antwortest."

     Schlurfende Schritte, dann wurde ein Riegel zurückgezogen, und die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. "Was willst du?"

     Eine gute Frage. Denn eigentlich hatte Devin keinen Grund, zu ihr zu gehen. Zumindest nicht im Augenblick. Er musste seine Tasche auspacken. Die Dusche lockte. Und Sylvia war alles andere als gastfreundlich. Doch wenn er sie die Tür jetzt schließen ließ, sah er sie vielleicht für Stunden nicht. Und das ertrug er nicht.

     "Devin, was willst du?"

     "Proben." Das war das Beste, was ihm einfiel. Und es stimmte ja auch irgendwie.

     "Proben?"

     "Richtig." Er stieß die Tür auf und ging an ihr vorbei. Es war recht unwahrscheinlich, dass sie sich die Kleider vom Leib reißen und sich in seine Arme werfen würde, aber sie sah auch nicht so aus, als ob sie vorhätte, ihn hinauszuwerfen. Das war immerhin ein kleiner Fortschritt. "Das Fernsehinterview heute Abend – hast du das vergessen?"

     "Oh." Sie ging zum Bett, setzte sich darauf und lehnte den Kopf ans Kopfteil. Mit einem Finger tippte sie sich an die Lippen. "Hast du Lampenfieber?"

     "Natürlich nicht."

     Sie zog eine Braue hoch. "Bist du so zuversichtlich?"

     Zweifelte sie etwa an seinen Fähigkeiten? Glaubte sie nicht mehr, dass er die Rolle spielen konnte? Mittlerweile müsste sie es doch wirklich besser wissen. Er konnte Alexander sein. Er konnte alles sein, was sie von ihm verlangte, solange sie zum Schluss nur wollte, dass er Devin war.

     Alexander war aalglatt, beherrscht und immer ein wenig arrogant. Das konnte er, Devin, auch sein. Er trat ans Fenster, richtete sich noch gerader auf als gewöhnlich und straffte die Schultern. Dann wandte er sich langsam um.

     "Zuversicht ist die letzte Zuflucht der Narren", zitierte er mit britischem Akzent und verneigte sich höflich wie ein Gentleman alter Schule, ohne den Blick von Sylvia zu lösen. "Und ich versichere Ihnen, Madam, dass ich in Bezug auf Sie ein Narr bin."

     "Sind Sie so sicher, dass Sie mich auf meinem eigenen Terrain besiegen werden?", zitierte Sylvia weiter.

     Sie spielte mit, und er empfand es als ermutigend, dass er ihr ein Lächeln entlockt hatte. Nur schade, dass er erst in Alexanders Rolle schlüpfen musste, um das zu erreichen.

     Mit zwei großen Schritten war er bei ihr, nahm ihre Hand und strich ganz leicht mit den Fingerspitzen über ihre Handfläche. Sylvia schloss die Augen, und er spürte förmlich den Kampf, den sie mit sich ausfocht. Er wünschte, er könnte die steile Falte zwischen ihren Brauen wegküssen und den angespannten Zug um ihren Mund.

     Stattdessen kniete er sich aufs Bett. Als sie die Augen öffnete, streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Das Lächeln, mit dem sie sich an ihn schmiegte, war schüchtern, fast dankbar. Er hätte den ganzen Tag so sitzen können. Es fühlte sich schlichtweg herrlich und richtig an, sie so zu halten. Sie gehörte zu ihm. Er hatte es von Anfang an gewusst. Jetzt musste er nur noch einen guten Weg finden, es auch ihr klarzumachen.

     "Sylvia", murmelte er und strich mit den Lippen über ihre Schulter, in einer stummen Bitte, ihm zu sagen, was sie quälte, und seine Hilfe anzunehmen.

     Sie zitterte und schmiegte sich noch fester in seine Arme. Er küsste ihren Scheitel, atmete den frischen Duft ihrer blonden Locken ein und zitierte wieder Alexander: "Ich verspreche dir, dass alles gut wird. Manchmal bringt die katastrophalste Niederlage den süßesten aller Siege mit sich."

     Sie versteifte sich und richtete sich auf, ohne sich ihm jedoch völlig zu entziehen. Sie hatte nur wenige Zentimeter Distanz zwischen sie gebracht, aber ihm war, als erstreckte sich der Grand Canyon zwischen ihnen. Er wusste nicht, was das verursacht hatte, und hatte keine Ahnung, wie er die Kluft überbrücken sollte.

     "Sylvia?"

     "Du machst es gut. Du brauchst nicht zu proben. Montgomery Alexander hat es nicht nötig, dass man ihm Verhaltensregeln für ein Fernsehinterview gibt."

     Und plötzlich ging ihm nicht nur ein Licht, sondern gleich eine ganze Batterie von Neonröhren auf. Sie war neidisch! Wie dumm von ihm, es nicht schon längst bemerkt zu haben!

     Sie wollte nicht ihn, Devin. Noch nicht jedenfalls. Alexander war derjenige, der sie getröstet, sie gestreichelt und ihr Haar geküsst hatte. Sie suchte Trost in Alexanders Armen, nicht in seinen.

     Aber obwohl sie wollte, dass aus ihm Alexander wurde, grollte sie ihm. Sie ärgerte sich über die Publicity, die mit seiner Rolle einherging. Der Rolle, die sie ihn selbst zu spielen gebeten hatte.

     Er spannte sich an. Die Situation ging ihm allmählich an die Nieren.

     Er stand auf und trat zum Fenster. Er träumte davon, dass am Ende dieser Promotiontour eine glückliche Beziehung stand, doch er wusste beim besten Willen nicht, wie er dieses Ziel erreichen sollte. Für Sylvia war er immer noch ein kleiner mieser Betrüger. Sie würde sich mit aller Macht dagegen wehren, sich mit jemandem wie ihm einzulassen. Aber offenbar konnte er auch nicht ihr Herz erobern, indem er sich wie Alexander gab. Nicht, wenn das ihre Missgunst weckte.

     Das Ausmaß des Problems frustrierte ihn. Er hatte sein Leben lang hart gearbeitet. Doch nichts war ihm versagt geblieben, wenn er sich wirklich intensiv genug darum bemüht hatte. Er hatte es geschafft, dem Einfluss seines Vaters zu entfliehen, hatte nachts studiert und schließlich seinen Pub eröffnet.

     Aber noch nie hatte er eine Frau so sehr begehrt wie diese. Und erst recht keine Frau wie Sylvia. Der bloße Gedanke, dass er es vielleicht nicht schaffen würde, ihre Liebe zu gewinnen, machte ihn fast wahnsinnig.

     Er schob die Vorhänge beiseite und schaute auf den Santa Monica Boulevard hinunter. In der Ferne konnte er das Meer sehen, die Wellen glitzerten in der Sonne. Er war nicht der Typ, der Herausforderungen auswich. Er hatte bisher noch alle Hindernisse überwunden. Und irgendetwas sagte ihm, dass auch Sylvia nicht unerreichbar für ihn war. Sie wusste es bloß noch nicht.

     Tief im Innersten war er überzeugt, dass Sylvia die Richtige für ihn war und er der Richtige für sie. Er musste sie nur noch dazu bringen, es endlich einzusehen.

     Bis dahin blieb ihm jedoch keine andere Wahl, ihren Erwartungen zu entsprechen und Montgomery Alexander zu spielen. Er würde Sylvia bloß daran erinnern müssen, dass sie selbst es war, die ihn für diese Rolle engagiert hatte.

     Sylvia beobachtete Devin. Die Sonne schien ins Zimmer und zauberte Lichtreflexe in sein Haar und auf die goldfarbene Tapete. Im Allgemeinen heiterten ein hübscher Raum und Sonnenschein sie immer auf. Doch diesmal nicht. Sie wusste nicht, ob es die Nerven waren oder der Schlafmangel, der unhöfliche Page oder der attraktive Mann in ihrem Zimmer, aber etwas in ihr rebellierte.

     Eine Ewigkeit verstrich, bevor Devin wieder sprach. "Du hast wie immer recht, Sommers. Ich brauche nicht zu proben. Ich könnte im Schlaf ein Interview geben." Er drehte sich um und schaute auf die Uhr. "Um fünf schickt uns das Studio einen Wagen. Ich glaube, ich gehe in die Bar und gebe ein paar Autogramme."

     "Autogramme?" Sie konnte fast nicht glauben, dass er dreist genug war, anzunehmen, er könnte einfach nach unten gehen und Autogramme geben. "Moment mal!" Entrüstet kniete sie sich auf das Bett. "Ich bin Alexander! Vielleicht sollte ich lieber doch das Geheimnis lüften."

     "Ja, vielleicht solltest du das." Devin schien noch etwas hinzufügen zu wollen, und für einen Moment glaubte sie, dass er nun aufbegehren würde. Fast hoffte sie es sogar. Sie war innerlich dermaßen aufgewühlt, dass ein heftiger Streit die Spannung womöglich lösen würde. Aber dann wurde sein Gesicht weicher, und ihr wurde klar, dass sie den Nachmittag ohne Auseinandersetzung überstehen musste. Schade.

     "Du bist nicht meinetwegen verärgert." Er hielt inne, als wollte er ihr Gelegenheit geben zu widersprechen. "Du bist nur wütend auf dich selbst."

     "Mich selbst …"

     "Gib doch selbst das Interview im Fernsehen heute Nachmittag." Er machte eine Pause.

     "Geh hin und erzähl ihnen einfach alles."

     Sie atmete tief ein. Wie hatte sie sich bloß so über einen einzigen Pagen ärgern können? Montgomery Alexander hatte viele Fans. Sie wusste es seit Jahren, und es hatte sie noch nie gestört. Nicht sehr zumindest. Aber keiner dieser Fans hatte eine Aufzugtür vor ihrer Nase zugehen lassen.

     "Ich bin nicht wütend. Wirklich nicht." Sie schaute ihn fest an. "Außerdem muss ich sowieso bloß noch drei weitere Action-Thriller schreiben – dann bin ich Alexander los und kann endlich so leben, wie ich will."

     Er ließ sich rittlings auf einem Stuhl nieder und legte die Arme um die Rückenlehne. Er war nun zu hundert Prozent Devin – lässig und sexy. Und sie konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. "Mir scheint, du lebst schon jetzt nicht schlecht", bemerkte er. "Du hast ein gutes Einkommen, eine Arbeit, auf die du stolz sein kannst, und schreibst, was dir Spaß macht. Ist das nichts?"

     Sie verzichtete auf eine Erwiderung. Devin war unmöglich. Er wusste nicht, wovon er sprach. Ihr Leben würde erst dann perfekt sein, wenn sie tun konnte, was sie schon seit Jahren plante. Dass es ihr Spaß machte, die Montgomery-Alexander-Bücher zu verfassen, hatte damit nichts zu tun.

     "Nun", entgegnete sie, "zumindest werden mich dann keine Pagen mehr brüskieren, und ich habe es nicht mehr nötig, mit einem spielsüchtigen Trickbetrüger durch die halbe Welt zu reisen." Er fuhr zusammen bei ihren scharfen Worten, und sie hätte sich beinahe entschuldigt. Aber schließlich hatte er damit begonnen, und rein technisch betrachtet, stimmte es ja, was sie gesagt hatte. Außerdem war sie noch immer sehr verstimmt. "Und ich kann mir ein schönes Haus mit einem Arbeitszimmer leisten. Bei den Lesereisen werde ich, Sylvia Sommers, die Autogramme und die Interviews geben. Ich kann meine Familie besuchen, ohne wegen meiner Arbeit zu lügen, und …"

     Obwohl es bestimmt noch viele andere gute Gründe gab, zählte sie diese jetzt nicht auf. Denn in diesem Augenblick erschien ihr nichts an ihren ehrgeizigen Plänen so verlockend wie die Vorstellung, drei volle Wochen mit Devin zu verbringen. Mit seinem schrägen Humor und seiner lässigen Art begann er sich als amüsanter Begleiter zu erweisen. Ganz zu schweigen davon, dass er ihr Herz schon mit einem bloßen Blick schneller schlagen lassen konnte.

     "Nun, das klingt, als wärst du dir deiner Sache schon sehr sicher. Wahrscheinlich hast du recht. Was könntest du noch mehr wollen?"

     Es lag nichts Angriffslustiges in seinen Worten, trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass er glaubte, sie wolle noch erheblich mehr. Vielleicht hatte er sogar recht. Denn langsam kam sie zu der Überzeugung, dass sie selbst nicht wusste, was sie wollte.

     "Das mit vorhin tut mir leid", räumte sie ein. "Wirklich. Das war nicht nett von mir. Ich habe dich engagiert, und du bist wirklich großartig in deiner Rolle." Sie ließ den Blick noch einmal über seinen gut gebauten Körper gleiten und konnte gar nicht anders, als zu lächeln. Sie räusperte sich. "Und jetzt willst du also in die Bar hinuntergehen?"

     Er bedachte sie mit einem charmanten Lächeln. "Ich habe nicht oft Gelegenheit, in einem Hotel zu wohnen. Und deshalb dachte ich, ich tue mal etwas ganz Verrücktes." Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob er sich und reichte ihr die Hand. "Willst du mir dabei Gesellschaft leisten?"

Der Film war zu Ende, und Sylvia schniefte und wischte ihre Tränen ab. Sie und Devin saßen nebeneinander auf dem Bett, den Rücken an das Kopfende gelehnt, zu ihren Füßen zwei Kartons mit Käse- und Apfelkuchen.

     Devin gab ihr mit einem amüsierten Lächeln eine Serviette. "Das war ein Action-Film, Sylvia. Wieso weinst du?"

     Sie zuckte mit den Schultern. "Ich weine beim Fernsehen immer. Sogar bei manchen Werbespots."

     "Der ideale Konsument", erklärte er und rückte näher.

     Sie lehnte sich an seine Schulter. "Danke für den schönen Nachmittag." Sie hatten nichts anderes getan, als in ihrem Zimmer herumzusitzen, aber Faulenzen mit Devin war so ungefähr das Unterhaltsamste, was sie sich vorstellen konnte.

     "Es war mir ein Vergnügen." Er zog sie an sich, bis ihre Brüste seinen Oberkörper berührten. Die Spitzen richteten sich auf, und ein heißer Schauer überlief sie, als Devin ihren Rücken streichelte. Unwillkürlich glitten ihre Hände über seine Schultern und seinen Nacken.

     Das solltest du nicht tun, ermahnte sie ihr Verstand, aber sie achtete nicht darauf. Sie wollte Devins Haut an ihrer spüren, seinen warmen Atem an den Lippen und …

     "Sylvia?"

     Ein Blick in seine Augen reichte, um das Feuer in ihr noch mehr zu entfachen. Sie ahnte, was er dachte, was er wollte, und konnte es kaum glauben, dass er sie ebenso begehrte wie sie ihn. Aber da stand eindeutig Verlangen in seinen Augen, und sie schmiegte sich noch fester an ihn, voller Sehnsucht danach, sich mit ihm zu vereinen.

     Erwartungsvoll bot sie ihm ihre Lippen, und schon spürte sie seinen heißen Mund auf ihrem. Zärtlich strich Devin über ihre Mundwinkel, bevor er seine Zunge zwischen ihre Lippen schob und weiter vordrang.

     Ein schneller Ruck, und ihre Bluse rutschte aus den Jeans. Devin streichelte ihren nackten Rücken, fuhr mit den Fingern unter ihren BH und umfasste ihre festen Brüste. Sie stöhnte, und er vertiefte seinen Kuss noch. Begierig erwiderte sie ihn, schob die Hände in sein dichtes Haar und zog seinen Kopf noch näher.

     Sie wollte mehr. Viel mehr. All das, von dem sie wusste, dass sie es mit ihm nicht haben konnte.

     In dem sicheren Bewusstsein, dass sie sich später dafür hassen würde, löste sie sich von ihm. Das hohle Gefühl in ihrem Magen steigerte sich mit jedem Zentimeter, den sie sich von ihm entfernte. Aber es ging nicht anders, wenn sie einen klaren Kopf behalten wollte. Und so stand sie auf vom Bett und trat ans Fenster.

     "Jetzt haben wir wohl eine deiner Grundregeln gebrochen, was?"

     Enttäuschung klang in seiner Stimme mit, und sie war ihm dankbar dafür, dass er sie nicht umzustimmen versuchte. "Ich denke, schon. Deine Umarmungen sind tödlich."

     "Eingetragene Waffen."

     Aber was für eine Art zu sterben! Er lag noch immer ausgestreckt auf ihrem Bett, und sie warf ihm einen nervösen Blick zu.

     "Nun …", langsam richtete er sich auf, "dann werd ich mal wieder …" Er deutete mit dem Kopf auf die Verbindungstür.

     "Ja. Es ist sowieso bald fünf. Wir sollten uns jetzt umziehen."

     Bereits an der Tür, sagte er: "Ich bin hier, falls du mich brauchst. Ruf mich, wenn der Wagen da ist."

     Kaum hatte er die Tür geschlossen, ließ sie sich aufs Bett fallen, zog ein Kissen über ihr Gesicht und stieß einen frustrierten kleinen Schrei aus.

     Gesteh es dir doch ruhig ein. Wenn du mit Devin geschlafen hättest, würdest du dich besser fühlen …

     Sie riskierte einen Blick auf die Tür zum Nebenzimmer. Soweit sie es sagen konnte, hatte er sie nicht verriegelt.

     Und wenn du nun …

     Auf keinen Fall!, unterbrach sie sich streng.

     Sie stand wieder auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Vor einer Woche war sie noch zufrieden gewesen mit der Entwicklung, die ihr Leben nahm. Doch dann war Alexander in ihr Leben getreten. Oder zumindest der Mann, der ihrem Traummann am nächsten kam. Und seitdem hatte sich alles geändert.

     Sie ließ sich wieder aufs Bett fallen und umarmte das Kopfkissen. Dieser Mann hatte sich in ihr Herz geschlichen. Tag und Nacht musste sie an ihn denken.

     Rachel hätte ihr jetzt geraten, sich nicht mehr zu quälen und mit ihm zu schlafen. Ihre Chance auf ein kleines Abenteuer zu ergreifen.

     Ihn zu benutzen, wie er beinahe sie benutzt hätte.

     Oder festzustellen, dass er bereits einen festen Platz in ihrem Herzen hatte … Der Gedanke behagte ihr nicht. Denn das war eine Möglichkeit, die sie auf gar keinen Fall in Betracht ziehen wollte.

     Aber mit ihm schlafen? Den sprichwörtlichen Stier bei den Hörnern packen? Die Idee war vielleicht gar nicht so schlecht. Mit all ihren brillanten Karriere- und Zukunftsplänen hatte sie schließlich nichts anderes erreicht, als sich jetzt mies und frustriert zu fühlen.

     Drei ganze Wochen lang würde sie in nächster Nähe eines Mannes sein, den der Himmel ihr geschickt hatte, um Montgomery Alexander darzustellen. Er ging, redete und benahm sich wie der Mann aus ihren Fantasien, und sie verlangte von ihm, dass er sie nicht berührte.

     War sie verrückt?

     Die meisten Frauen hätten sonst was dafür gegeben, drei Wochen mit dem Mann ihrer Träume zu verbringen. Sie nicht. Wie eine komplette Idiotin hatte sie Barrieren errichtet und Regeln festgelegt. Rachel hatte recht. Sie führte sich auf wie eine Märtyrerin.

     Aber nicht mehr lange. Sobald sie von dem Interview zurückkamen, würde sie Devin klarmachen, dass ihre Regeln nicht mehr galten.

Vorheriger Artikel Von dir will ich alles - 9. Kapitel
Nächster Artikel Von dir will ich alles - 7. Kapitel