Weingut der Liebe - Prolog

PROLOG

„Alles in allem finde ich die Marketingstrategie, die man Ihnen vorgelegt hat, einfallslos und idiotisch. Sie berücksichtigt in keinster Weise die Demografie, die Marktforschung und Ihre Konkurrenten. Außerdem ist sie schlecht recherchiert und einfach nur zusammengeschustert. Wenn Sie sie umsetzen, garantiere ich Ihnen, dass Sie binnen fünf Jahren die meisten Marktanteile verloren haben werden. Wenn nicht sogar Ihren Betrieb.“

            Luke Savage blickte über seinen Schreibtisch hinweg die junge Frau mit den blonden Haaren und braunen Augen an, die auf der Kante ihres Stuhls saß. In ihrem Gesicht spiegelten sich jugendlicher Eifer sowie eine gesunde Portion Arroganz. Wie hieß sie noch gleich?

            Er sah auf die Akte, die er eben hervorgeholt hatte. Jess Sherwood. Sie war zweiundzwanzig und machte gerade ihren MBA in Marketing. Offenbar war sie sehr begabt und intelligent, denn ihre Leistungen in der Schule und auf der Universität waren – gelinde gesagt – beeindruckend. Dazu war sie auch noch ausgesprochen hübsch. Und dessen war sie sich zweifellos bewusst.

            Mit gelassener Miene beobachtete Luke, wie sie die langen Beine übereinanderschlug. Danach verschränkte sie die Hände locker überm Knie, und ihre Zeigefinger begannen, gegeneinanderzuklopfen. Sie hatte ein Rüschenkleid an, das eine Schulter entblößte und den Blick auf einen schmalen lilafarbenen BH-Träger freigab. Ein breiter Gürtel betonte die schlanke Taille. Das Outfit bedeckte ihre Schenkel nur zur Hälfte und war eindeutig zu leger und sexy, um darin zur Arbeit zu erscheinen.

            Luke überraschte sonst nichts so schnell. Doch Jess’ Selbstgefälligkeit und Unverfrorenheit taten es. Um Erfahrungen zu sammeln, absolvierte sie in den Semesterferien ein Praktikum in der Marketingabteilung von St Sylve. In seiner Marketingabteilung, denn er hatte das Weingut, das seit Generationen von seiner Familie betrieben wurde, vor Kurzem geerbt.

            Jess war einfach in sein Büro hereingeplatzt. Sie hatte ihm erklärt, sie sähe sich moralisch dazu verpflichtet, ihm zu sagen, dass er schlechte Entscheidungen treffe und der Marketingplan unzureichend sei.

            Und jetzt besitzt sie sogar noch die Frechheit, den Untergang der Kellerei zu prophezeien, dachte er, als ihr Handy klingelte. Sie holte es aus der Handtasche und schaute aufs Display. Danach lächelte sie ihn charmant an.

            „Sorry, ich muss drangehen.“

            Natürlich, er war ja bloß ihr Boss und konnte warten. Luke fühlte sich gut zwanzig Jahre älter als sie, obwohl es tatsächlich nur sechs waren. Aber in puncto Erfahrung empfand er es vermutlich zu Recht. Denn seit dem Universitätsabschluss hatte er praktisch tagein, tagaus vierzehn bis sechzehn Stunden gearbeitet.

            Wäre er in letzter Zeit nicht ständig so erschöpft, würde er jetzt aufstehen, ihr das Handy wegnehmen und ihr gehörig die Meinung sagen. Letzteres würde er in jedem Fall machen, sobald sie das Gespräch beendet hatte.

            Binnen fünf Jahren werden Sie die meisten Marktanteile verloren haben, hallten ihre Worte in seinem Kopf wider, während er sie musterte. Verflixt, er verlor St Sylve … Nicht, dass es seine Schuld war oder sein Versagen, denn er versagte nicht. Es war ihm schließlich nie gestattet worden.

            Er war eine Sportskanone gewesen und ein glänzender Schüler dazu. Weshalb er auch Stipendien erhalten hatte und später gute Jobangebote. Vor drei Jahren hatte er sein eigenes Unternehmen gegründet und war zudem einer der jüngsten Risikokapitalgeber in Südafrika. Einzig in Sachen Ehe war er gescheitert. Aber in ein paar Wochen würde er von seiner Frau, dem geldgierigen Biest, geschieden sein.

            Und wenn ich diese kleine Hexe aus meinem Büro befördern kann, ohne sie zu erwürgen, bin ich ein Heiliger, dachte Luke, als Jess das Gespräch beendete. Sie steckte das Handy wieder in die Tasche, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und blickte ihn abwartend an.

            Ja, sie war arrogant – und sexy. Gemächlich stand er auf. Seinen Zorn würde man ihm nicht ansehen. Dessen war er sich sicher. Das Zusammenleben mit seinem impulsiven Vater – seine Mutter war gestorben, als er drei Jahre alt gewesen war – hatte ihn gelehrt, dass offen gezeigte Gefühle gegen ihn verwandt werden konnten. Also hatte er früh begonnen, sie zu verbergen, und beherrschte es perfekt.

            Er stützte die Hände auf den Schreibtisch und beugte sich vor, um Jess einzuschüchtern. Jetzt ließ er es auch zu, dass sie seinen Ärger bemerkte, und war ein wenig besänftigt, als ihre Augen immer größer wurden.

            „Sie hochnäsige Göre“, sagte er ruhig und kühl, denn er wusste, wie wirksam harte Worte auf diese Art und Weise sein konnten. „Was fällt Ihnen ein, in mein Büro zu kommen und mir zu erklären, was ich zu tun und zu lassen habe? Für wen, zum Teufel, halten Sie sich?“, brüllte er plötzlich, und Jess zuckte zusammen. Dann hob sie zwar entschuldigend die Hände, aber er musste sich leider eingestehen, dass sie so gar keinen verängstigten Eindruck machte.

            „Sie verstehen nicht …“

            „Ich verstehe, dass Sie ein intelligentes junges Ding sind, dem immer erzählt worden ist, es sei fantastisch, klug und begabt. Und hübsch. Wie sollten Sie nach so viel Bewunderung auch annehmen, dass ich Ihre Weisheiten nicht hören will, die so mühelos aus Ihnen hervorsprudeln?“

            Jess sprang auf. „Luke, ich …“

            „Für Sie immer noch Mr Savage. Ich bin Ihr Boss, nicht Ihr Freund. Wenn Sie es zu etwas bringen wollen, sollten Sie schleunigst lernen, ein wenig bescheidener und respektvoller aufzutreten. Ich habe meinen Abschluss in Betriebswirtschaft schon und leite zudem seit Jahren ein erfolgreiches Unternehmen. Weshalb ich in diesem Business schon eine gewisse Routine und einen weitreichenden Erfahrungsschatz erlangt habe. Ganz im Gegensatz zu Ihnen.“

            „Schreien Sie mich nicht an!“

            Luke musterte sie eingehend. Der Junge in ihm fand, dass sie in ihrem Zorn umwerfend aussah. Und sie wirkte nicht eingeschüchtert. Weshalb seine innere Stimme ihrem Mut Anerkennung zollte. Aber nur ganz leise.

            „Es ist nicht meine Schuld, dass Ihr Marketingplan schlecht ist. Ich weiß einfach, dass er so nicht funktionieren kann.“

            „Aha. Sie besitzen also eine Kristallkugel. Können Sie mir sagen, ob ich mich bei meiner Scheidung bis aufs Hemd ausziehen muss oder ob der Ölpreis sinkt?“

            „Natürlich werden Sie sich nackig machen müssen. Das geschieht nun einmal, wenn man eine Frau heiratet, die geldgierig ist. Und der Ölpreis wird übrigens immer weiter steigen, da an den Märkten eine zu große Unsicherheit herrscht.“

            Hatte sie seinen Sarkasmus etwa nicht verstanden? „Für jemanden, der erst zwei Monate hier ist, scheinen Sie dank des Flurfunks ja schon gut über das Privatleben des Chefs informiert zu sein.“

            Kess lächelte sie ihn an. „Vielen Dank.“

            „Das war kein Kompliment.“

            „Ich weiß.“

            Ich bringe sie um, dachte Luke, als er um den Schreibtisch herumging und dann ihre schmalen Schultern umfasste. „Ich bin nicht sicher, ob ich Sie erwürgen oder ohrfeigen soll.“

            Jess warf den Kopf in den Nacken. „Sie sind nicht der Typ Mann, der eine Frau schlägt. Sie sind nur verärgert, weil Ihnen klar ist, dass ich recht habe.“

            „Verärgert? Ich bin auf dem besten Weg, fuchsteufelswild zu werden.“

            „Warum? Ich sage bloß die Wahrheit.“

            Ihre Frechheit machte ihn wütend. Aber noch wütender machte ihn, dass sie es schaffte, seinen Blutdruck in die Höhe zu treiben und ihn aufzuregen. „Sie sind dreist, eingebildet, selbstgefällig und eitel“, zischte er, während er sich zu ihr beugte.

            Aus ihren braunen Augen funkelte sie ihn herausfordernd an. Aber genauso wenig wie er ein Versagen hinnahm, wich er auch nie vor einer Herausforderung zurück. Er bemerkte, dass sie das Kinn leicht anhob, und im nächsten Moment spürte er auch schon ihren warmen Atem auf seinen Lippen. Ihm war bewusst, dass er mit dem Feuer spielte, konnte sie jedoch nicht loslassen.

            „Warum wollen Sie mich dann küssen?“

            „Weil ich entweder das tue oder Sie übers Knie lege.“

            „Aber Sie mögen mich nicht.“

            „Grundgütiger, wie alt sind Sie? Anziehungskraft hat nichts mit Mögen zu tun.“

            „Sollte es aber.“

            „Sie sind naiv.“

            „Mich zu küssen, wäre ein Fehler“, sagte Jess leise, während sie ihren Mund leicht öffnete.

            „Zu spät.“

            Schon zog er sie an sich und fasste ihr ins Haar, um ihren Kopf sanft in seine Richtung zu drehen, damit er sie besser küssen konnte. Und während er mit seiner anderen Hand ihren Rücken entlangwanderte, drängte Jess sich gegen ihn und schob ihre Hand unter sein Hemd.

            Noch nie war seine Leidenschaft so schnell für jemanden entbrannt. Luke schloss die Augen. Er ließ die Hand tiefer gleiten und streichelte ihre halb nackten Beine. Hör auf, das geht zu weit, mahnte ihn eine innere Stimme. Hör jetzt sofort auf!

            Aber stattdessen schob er ihr den Rock hoch und umschloss ihren festen Po. Er streichelte ihre warme, samtige Haut, während sie sich immer stürmischer küssten.

            Als sein Daumen an das kleine Stoffdreieck ihres Stringtangas stieß, riss er sich energisch von ihr los. Er hoffte, sie würde nicht bemerken, dass er sich am Schreibtisch festhalten musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Verflixt, sie sah unglaublich hinreißend aus mit ihren funkelnden Augen und den zerzausten Haaren. Nur zu gern würde er sie hier und jetzt ganz für sich haben wollen.

            Tief atmete er ein und spürte, wie er mehr und mehr die Kontrolle über sich zurückgewann. Er drückte sein Kreuz durch und richtete sich vollständig auf. Stumm deutete er zur Tür. Jess verstand sofort, nickte und zupfte noch kurz ihr Kleid zurecht.

            „Ja, es wird Zeit, dass ich gehe.“ Sie ergriff ihre Laptoptasche, holte einen großen Umschlag heraus und legte ihn auf den Schreibtisch. „Eine Alternative zu Ihrer Marketingstrategie. Vielleicht können wir ein anderes Mal darüber reden.“

            Wie bitte? Hatte sie nicht gehört, was er gesagt hatte, bevor er sie wie verrückt geküsst hatte? „Nein, das glaube ich nicht.“

            „Warum nicht?“

            Luke ging um den Schreibtisch herum und ließ sich in seinen Ledersessel fallen. „Weil Sie gefeuert sind. Packen Sie Ihre Sachen, und verlassen Sie danach sofort mein Anwesen.“

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