Weingut der Liebe - 2. Kapitel

  1. KAPITEL

 Jess seufzte erleichtert, als sie mit Ally den Verkostungsraum von St Sylve betrat und Luke nirgends entdeckte. Als sie sich Kendall de Villiers vorstellte, wirkte dieser ziemlich überrascht und einen Moment erschrocken, bevor er lächelte.

            „Das wird interessant“, meinte er mit einem frechen Funkeln in den Augen.

            „Hat er tatsächlich geglaubt, ich würde nichts erfahren, oder ist es ihm egal?“

            „Äh …“

            Jess winkte ab. „Kann ich mich irgendwo verstecken, sodass er mich nicht sieht? Zumindest bis er das Briefing beendet hat.“

            Kendall zog eine Braue hoch. „In dem Outfit? Keine Chance.“

            Sie trug ein enges schwarzes Wickelkleid, schwarze Pumps, die ihre langen Beine betonten, und eine feine Perlenkette. Mit den hellblonden Haaren und dem kräftigen Lippenstift war sie so unauffällig wie ein Leuchtfeuer in der Nacht.

            „Wo ist er?“ Jess ließ den Blick durch den Raum mit den zwei Stuhlreihen schweifen.

            „Irgendwo draußen.“ Kendall schaute auf die Armbanduhr. „Setzen Sie sich. Es dürfte gleich losgehen.“

            Jess nahm auf einem Stuhl gleich neben der Wand Platz und versuchte, sich hinter den breiten Schultern des Kreativdirektors von Cooper & Co zu verstecken. Vielleicht war es verrückt, hier aufzutauchen. Aber vor acht Jahren hatte sie die Kampagne als ihre betrachtet und tat es jetzt immer noch. Niemand sollte sie ihr entreißen. Es gab nur ein kleines Problem: Sie musste Luke noch von ihrer Sichtweise überzeugen.

            Sie bemerkte ihn sofort, als er den Raum betrat und auf Kendall zuging. Er trug ein langärmeliges grünes T-Shirt, das seinen athletischen Oberkörper betonte, und ausgeblichene Jeans. Zweifellos war er noch genauso attraktiv wie damals.

            „Wow!“, stieß Ally hervor.

            „Er ist umwerfend, oder?“ Warum hatte er nicht wenigstens inzwischen einen Bierbauch oder schütteres Haar? Dann würde alles viel leichter für sie sein.

            „Ja, er auch. Aber ich meine den rothaarigen Typ, der nach ihm hereingekommen ist. Den würde ich nicht von der Bettkante stoßen.“

            Seine beiden Mitarbeiter konnten sich eindeutig ebenfalls sehen lassen. Aber Luke strahlt noch einen Tick mehr Macht, Souveränität und Männlichkeit aus, dachte Jess, während er sich ans Rednerpult stellte.

            Momente später spürte sie ein Kribbeln, als sich ihre Blicke begegneten. Unverwandt schaute er sie dann weiter mit kaum verhohlener Leidenschaft und gleichzeitig offener Feindseligkeit an. Was das Kribbeln nur noch verstärkte.

            „Er hat dich entdeckt“, sagte Ally leise.

            „Ja, ich weiß.“

            „Und du bist in Schwierigkeiten. Denn er wirkt, als wollte er dich auf einen Schlag mit Haut und Haar verschlingen.“

            „Wenn ich ganz viel Glück habe, wird er mich einfach ignorieren.“

            „Und vielleicht friert die Hölle zu.“

„Du hättest dir wenigstens saubere Sachen anziehen können, Luke.“ Missbilligend schaute Kendall ihn an.

            „Das wollte ich, hatte dann aber keine Zeit mehr dazu. Hättest du dich nicht geweigert, das Briefing zu übernehmen, müsstest du dich jetzt nicht über meine Kleidung ärgern.“

            „Du kannst mich mal“, erwiderte Kendall. „Die Leute wollen dich sehen, nicht mich. Und jetzt sieh zu.“ Er nickte in Richtung Rednerpult.

            Luke seufzte und fügte sich ins Unvermeidliche. Momente später ließ er den Blick über die Marketingexperten schweifen und blieb erneut bei Jess hängen.

            Nein, er irrte sich nicht wie schon mehrmals in den letzten Jahren. Es war wirklich Jess. Sein Puls begann zu rasen. Sie war mindestens genauso hübsch wie damals und wirkte mit ihren zerzausten schulterlangen Haaren noch sexyer.

            Hoffentlich verrät mein Gesichtsausdruck nicht, was mit mir los ist, dachte er, während er sie weiter anschaute. Er wollte sie genauso sehr wie einst in seinem Büro. Und wenn er sich nicht gewaltig täuschte, konnte er von Weitem spüren, dass es ihr genauso ging.

            Um sich zu beruhigen, atmete er tief ein und aus. Sie hatte offenbar von dem Briefing erfahren und war vermutlich sauer darüber, dass man sie nicht eingeladen hatte. Also war sie unaufgefordert hier aufgetaucht. Was wiederum typisch für sie war.

            Sollte er ihre Frechheit bewundern oder sich über ihre Aufdringlichkeit ärgern? „Ladies und Gentlemen“, begann er endlich, nachdem er sich geräuspert hatte. „Dies wird wahrscheinlich das kürzeste Briefing in der Geschichte der Werbung. Ich möchte etwas Neues, Frisches, das den Weinabsatz in die Höhe schnellen lässt. Ich will eine umfassende Marketingstrategie für aufeinander abgestimmte Kampagnen im Netz, in den Printmedien und im Fernsehen. Das war’s auch schon. Nach der Besichtigung unserer Kellerei wird Kendall de Villiers Ihnen den aktuellen Marktforschungsbericht aushändigen, und anschließend gibt es Snacks und eine Weinprobe.“

            Das Wesentliche war gesagt. Kurz und knapp. Und nun interessierte es ihn viel mehr, eine ernste Unterhaltung mit einer braunäugigen Blondine zu führen.

Sobald Jess mit Joel geklärt hatte, dass Ally mit ihm zum Flughafen zurückfahren konnte, verließ sie den Verkostungsraum. Sie beabsichtigte, schnellstens zu verschwinden, bevor sie Luke über den Weg lief und er ihr erzählte, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte.

            Draußen wehte ein frischer Wind, weshalb sie den Mantel eilig zuknöpfte. Als sie um die Ecke des Herrenhauses biegen wollte, um auf die Einfahrt zuzugehen, wo sie den Leihwagen geparkt hatte, sah sie Luke auf dem Zaun der Koppel sitzen.

            Sie blieb stehen und beobachtete ihn aus sicherer Entfernung. Er übte immer noch eine starke Anziehungskraft auf sie aus und brachte ihre Nerven zum Flattern. Aber sie spürte, dass ihre Faszination nicht nur hormonell bedingt war.

            Er ist eben ein richtiges Alphatier und dir im Grunde genommen haushoch überlegen, schoss es ihr durch den Kopf.

            So ein Unsinn. Sie konnte es sehr wohl mit ihm aufnehmen. Sie war eine unabhängige, erfolgreiche und starke Frau.

            Tatsächlich? Momentan fühlte sie sich alles andere als stark. Sie sollte nicht hier sein und sich um den Auftrag bemühen. Sie brauchte ihn nicht, und vor allem brauchte sie den Zustand nicht, in den Luke sie versetzte. Ihr Körper kribbelte, und sie war leicht verunsichert und ihr Selbstvertrauen ziemlich angekratzt.

            Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Sie hatte sich gegenüber vier älteren Brüdern behauptet und würde auch diese Situation meistern. Du wirst dich gegen ihn abschotten, befahl sie sich, atmete tief ein und ging weiter.

            Luke sprang vom Zaun, als er sie kommen sah. „Warum bin ich nicht überrascht, dass du hier bist?“, fragte er gleichmütig mit finsterer Miene. „Schön zu wissen, dass du nichts von deiner Dreistigkeit eingebüßt hast.“

            Ohne ihn eines Blickes zu würdigen öffnete Jess die Autotür, legte die Laptoptasche auf den Sitz, schlug die Tür zu und setzte sich auf die Motorhaube. Dann schaute sie ihn unvermittelt an. Nein, sie würde sich nicht gleich in ein Wortgefecht mit ihm stürzen, sosehr sie es auch wollte. Hauptsächlich deshalb nicht, weil sie nicht sicher war, es zu gewinnen.

            „Ich hatte ganz vergessen, wie herrlich es hier ist.“

            Luke verschränkte die Arme vor der Brust. „Was willst du hier?“

            Sie lächelte ihn an. „Ich werde eine Werbekampagne entwerfen, die dich vom Hocker haut.“

            „Warum? Um mir unter die Nase zu reiben, dass ich versagt habe? Um mir klarzumachen, dass du trotz deiner Jugend und Unerfahrenheit damals recht hattest?“

            „Nein!“ Sie stemmte die Arme in die Hüften und funkelte ihn böse an. „Warum hast du mich nicht angerufen? Verflixt, Luke, ich kenne St Sylve. Ich weiß …“

            Er fasste sich nervös in den Nacken. Das Ganze war ihm peinlich. Außerdem kam er sich dumm vor und wünschte, sie würde verschwinden und ihn den selbst verschuldeten Schlamassel einfach allein bereinigen lassen. Leider meldete sich jedoch auch die Stimme des Geschäftsmanns in ihm zu Wort. Jess war schließlich nicht grundlos eine der Besten in der Branche und er wäre ein Idiot, wenn er sie wegschickte, ohne sie anzuhören.

            Aber warum musste sie noch sexyer aussehen als damals? Die Tatsache, dass sie ihn immer noch so um den Verstand brachte, machte ihm wirklich zu schaffen. „Du weißt nichts und hast auch vor acht Jahren kaum etwas gewusst.“

            „Ich möchte dir helfen.“

            „Nein, du willst durch mich Geld verdienen. Du willst den Zuschlag für den begehrtesten Auftrag weit und breit. Du willst beweisen, dass du recht hattest, und mir zeigen, wie klug du bist.“

            „Nein, ich … Gib mir eine Chance, Luke. Ich bin nicht mehr die großspurige Praktikantin von damals. Ich bin gut in meinem Job, und Kampagnen wie diese mache ich am laufenden Band.“

            „Ich habe keine Lust auf deine Schadenfreude. Im Moment besichtigen Leute von mindestens fünf anderen Agenturen St Sylve. Sie können mir helfen.“

            „Ja. Aber niemand von ihnen hat hier gelebt und gearbeitet. Ich habe mich mit St Sylve immer verbunden gefühlt. All das kann ich nutzen, um für dich etwas ganz Besonderes zu kreieren.“

            Sie klingt ehrlich, dachte Luke. Doch was wusste man schon? Er hatte viel Erfahrung mit Menschen gesammelt, die es mit der Aufrichtigkeit hielten, wie es ihnen gerade passte. Außerdem war er müde und gestresst und fühlte sich, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. „Verschwinde einfach, Jess.“

            „Sorry, aber ich werde eine tolle Kampagne für St Sylve entwerfen. Und es ist mir egal, wenn du mich herrisch oder penetrant findest.“

            „Du bist offenbar immer noch übertrieben selbstbewusst, anmaßend …“

            Sie sprang von der Motorhaube, geriet wegen der höheren Absätze der Pumps ins Wanken und drückte Luke eine Hand auf die Brust. Sofort schoss ein wohliges Kribbeln durch seinen Körper. Dann sah er an ihrem Hals, dass ihr Puls schneller klopfte, und beobachtete, wie ihre Augen sich dunkler färbten. War ihr nicht wohl in ihrer Haut?

            „Kannst du mir einen Moment zuhören?“

            Ihr schien nicht bewusst zu sein, wo ihre Hand lag. Luke hob den Arm, um sie von seiner Brust wegzunehmen, konnte sich dann aber nicht dazu durchringen. Es gefiel ihm nämlich, dass sie dort war.

            Tief atmete Jess ein. „Ich bin schlecht darin, mich zu entschuldigen. Weshalb es vielleicht etwas falsch rüberkommt. Es tut mir ehrlich leid, dass ich mich damals so anmaßend verhalten habe. Ich hatte kein Recht dazu, das zu sagen, was ich gesagt habe. Es war richtig, mich zu feuern. Damit hast du mir einen großen Dienst erwiesen. Ich war unverschämt und würde es echt zu schätzen wissen, wenn du meine Entschuldigung akzeptiertest.“

            Überrascht runzelte er die Stirn. „Du bittest mich ehrlich um Verzeihung?“

            „Ich möchte das Ganze nicht wiederholen müssen. Es einmal auszusprechen, ist schon peinlich genug.“

            „Was soll ich darauf antworten?“, fragte er mürrisch.

            „Dass du mir verzeihst? Dass ich für dich eine Kampagne gestalten darf, die die Absatzzahlen in die Höhe schnellen lässt? Es war übrigens ein interessantes Briefing. Kurz und …“

            „Knapp?“

            Jess lächelte. „Einfach kurz und informativ. Und was ist jetzt?“

            Das kleine Grübchen auf ihrer Wange hatte ihn einen Moment abgelenkt. Energisch rief er sich zur Vernunft. Er konnte ihr nicht einfach den Auftrag erteilen, weil sie ihn so faszinierte. Auch wenn St Sylve ihm gehörte.

            „Du kannst dich wie alle anderen um den Job bewerben.“ Luke hob die Hände, als Jess ihn anstrahlte. Und der Nachsatz war als Warnung an ihn selbst und an sie gedacht. „Ich verspreche nichts.“

            Sie nickte. „Verstanden. Ich danke dir. Du wirst es nicht bereuen.“

            Luke hatte das ungute Gefühl, dass er es irgendwann doch tun würde.

            „Dann mache ich mich am besten sofort wieder mit dem Weingut vertraut. Ich werde durch den Garten und an den Ställen vorbei zu den anderen zurückkehren.“

            „Warum der Umweg?“

            „Ich habe schon eine Idee für die Kampagne. Aber ich muss dafür einen Eindruck von St Sylve bekommen, wie es jetzt ist. Nicht, wie ich es in Erinnerung habe.“

            „Du willst in den Schuhen da entlanglaufen?“

            „Was stimmt mit den Schuhen nicht? Sie sind wunderschön.“

            „Und völlig ungeeignet für die Wege. Geh lieber direkt zurück.“

            „Danke, doch ich werde den Umweg nehmen“, antwortete sie und fluchte später insgeheim, als sie schließlich wieder bei den anderen war. Luke hatte recht behalten. Die Füße taten ihr weh, und die Farbe der schwarzen Pumps war jetzt eher braun und das Wildleder an den Absätzen beschädigt. Das Paar war ruiniert.

Vorheriger Artikel Weingut der Liebe - 3. Kapitel
Nächster Artikel Weingut der Liebe - 1. Kapitel