Weingut der Liebe - 3. Kapitel

  1. KAPITEL

„Es wird Zeit, Jess.“ Ally streckte den Kopf zur Damentoilette des Hotels herein, in dem Luke den Konferenzraum für die Präsentation der Marketingkonzepte gemietet hatte.

            Jess war als Letzte an der Reihe und hatte sich in den vergangenen zwanzig Minuten schon dreimal hier an dem Automaten die feuchten Hände getrocknet. Niemand außer ihrer Freundin wusste, wie nervös sie immer vor solchen Auftritten war.

            Prüfend blickte sie noch einmal in den Spiegel. Sie trug ein schwarzes Poloshirt unter dem roten Blazer, der nur etwas über dem Saum des kurzen Bleistiftrocks endete, hauchdünne schwarze Strümpfe und schwarze Stiefel.

            So auffällig gekleidet, bewarb sie sich normalerweise nicht um einen Auftrag. Aber sollte dies ihre letzte Begegnung mit Luke sein, wollte sie wenigstens einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

            „Dann hauen wir sie mal vom Hocker”, sagte sie, als sie nach draußen kam und ihre Sachen nahm.

            „Okay, vielleicht solltest du vorher noch mal tief durchatmen.“

            „Warum?“

            „Weil dir die Knie schlottern.“ Ally holte ein Fläschchen aus der Handtasche. „Mund auf.“

            „Ally“, erwiderte Jess genervt, streckte dann aber doch die Zunge heraus.

            Als die Freundin ihr gerade die übel schmeckenden Notfalltropfen verabreichte, wurde die Tür des Konferenzraums aufgestoßen, und mit einem Mal stand Luke auf der Schwelle.

            „Hallo …“ Er verstummte unvermittelt, und Jess schloss peinlich berührt den Mund. „Was in aller Welt machst du da?“

            „Nichts.“

            „Notfalltropfen“, antwortete Ally eilig. „Vor Präsentationen wird Jess immer etwas nervös.“

            „Alison!“ Jess wurde flau im Magen, als Luke sie anlächelte.

            „Ich hätte nie vermutet, dass sie das Nervenflattern bekommt“, sagte er zu Ally und streckte ihr die Hand entgegen. „Luke Savage.“

            „Ally Davies.“ Sie schüttelte ihm die Hand.

            „Wie nervös?“, erkundigte er sich dann, und Jess flehte zum Himmel, dass die Freundin nicht so ehrlich wie üblich war.

            „Sodass ihr die Knie schlottern und …“

            „Mensch, hör auf. Er ist ein Klient.“

            „Entspann dich, Jess. Es gibt keinen Grund, deine hübschen Knie zu strapazieren.“ Luke lächelte sie sexy an. Es war genau das Lächeln, das sie für die Werbekampagne verwenden wollte, weil es jedes Frauenherz höher schlagen ließ. Doch würde es eine Herkulesaufgabe sein, ihn zum Mitwirken zu überreden. „Mir gefällt der kurze Rock, den du trägst.“

            „Halt einfach den Mund“, erwiderte sie, bevor sie hocherhobenen Hauptes das Rednerpult betrat.

Ob es ihnen wohl gefallen hat? fragte sich Jess, als sie die Präsentation beendet hatte und alle schwiegen. Lukes Miene verriet nichts. Es fühlte sich für sie wie eine Ewigkeit an, bis er sich aufsetzte, die Arme auf den Tisch legte und etwas sagte.

            „Damit ich das richtig verstehe“, sagte er, während er sie mit seinem Blick durchbohrte. „Du willst, dass ich das Gesicht von St Sylve werde?“

            „Ja, aber nicht nur das. Ich möchte, dass der Konsument dich und St Sylve mit Spaß verbindet. Dass ihr als hipp und cool rüberkommt und zugleich als kultiviert. Der Plan ist, nicht den Wein zu verkaufen, sondern ein Lebensgefühl.“

            Verwirrung spiegelte sich in seinem Gesicht. „Ich habe kein außergewöhnliches Lebensgefühl. Ich arbeite, und das ist praktisch alles.“

            „Was der Konsument aber nicht weiß, Luke. Für ihn bist du der junge, ledige, gut aussehende reiche Typ, dem die Welt zu Füßen liegt und der tolle Dinge tut. Wie zum Beispiel Parasailing und Bergsteigen. Der mit Freunden Touch Rugby spielt, sie zu sich zum Essen einlädt, Bälle besucht … Und dabei oder danach trinkt er ein hervorragendes Glas Wein von St Sylve.“

            „Ich finde die Idee glänzend“, rief Kendall.

            „Mir gefällt sie grundsätzlich auch. Aber nicht, dass ich der Darsteller bin. Warum kann nicht ein anderer meine Rolle übernehmen?“

            „Die Kampagne kommt besser an, wenn der Besitzer selbst mitwirkt.“ Tief atmete Jess ein. „Und wieso willst du viel Geld für ein Model ausgeben, wenn du selbst attraktiv genug bist, um es zu machen?“ Sie gratulierte sich insgeheim, weil sie es ausgesprochen hatte, ohne zu erröten oder fasziniert zu klingen.

            „Ich bin jedenfalls begeistert“, sagte Owen, aber Jess bemerkte, dass er nicht sie anblickte, sondern Ally. Wenn das nicht mindestens so interessant war.

            Unvermittelt stand Luke auf. „Vielen Dank, Leute. Es war ein langer Tag. Überschlafen wir das Ganze, und treffen uns am Montag wieder, um eine Entscheidung zu fällen. Jess, ich möchte noch einen Moment mit dir reden.“

Nachdem alle den Raum verlassen hatten, kam Luke auf Jess zu, die immer noch mit einem Laserpointer in der Hand vor der Projektionswand stand. Ihre Präsentation hatte ihn genauso beeindruckt wie ihre Professionalität. Niemand würde meinen, dass sie nervös gewesen war. Er setzte sich auf die Kante des langen Konferenztischs und sah sie einfach nur an. In den letzten drei Wochen schien sie noch hübscher geworden zu sein.

            „Was hältst du wirklich von meiner Idee?“

            Das leise Zittern in ihrer Stimme war ihm nicht entgangen. „Sie gefällt mir. Nur nicht, dass ich in der Kampagne mitwirken soll.“

            „Du solltest meiner Ansicht nach auch anfangen, in der Öffentlichkeit für St Sylve und seine Weine die Werbetrommel zu rühren. Ich empfehle dir dringend, dich unter die Leute zu mischen und dich bei gesellschaftlichen Ereignissen blicken zu lassen. Außerdem solltest du Weinproben veranstalten und mit dem Netzwerken beginnen.“

            Luke fasste sich in den Nacken. „Kannst du mir zusätzliche vierundzwanzig Stunden am Tag beschaffen?“

            „Es ist wichtig, Luke.“

            „Von morgens bis abends bin ich irgendwie immer mit dem Weingut beschäftigt. Danach kümmere ich mich um meine anderen Geschäfte … Ich habe keine Zeit für Werbeaufnahmen, geschweige denn für ein gesellschaftliches Leben.“

            „Dann solltest du dich darauf einstellen, dass St Sylve weiter ein Zuschussbetrieb bleibt oder du es ganz verlierst. Du musst mehr Wein verkaufen, damit die Kellerei sich selbst trägt. Und um Umsatz zu machen, brauchst du die Werbung.“

            „Aber warum muss ich ein gesellschaftliches Leben pflegen?“

            „Weil man sehen muss, dass du die Kampagne auch wirklich lebst, sonst wird sie auf die Konsumenten nicht wirken.“ Jess setzte sich auf die andere Tischkante. „Komm aus deiner Komfortzone heraus, Luke.“

            „Wenn ich dich engagiere und allem zustimme, was du vorschlägst, habe ich selbst auch einige Bedingungen.“

            „Okay, und welche?“

            „Du kümmerst dich selbst um die Kampagne und drückst sie nicht einem deiner Lakaien aufs Auge.“

            „In Ordnung. Ich hatte es ohnehin nicht vor.“

            „Ich will, dass St Sylve deine ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt. Deshalb wirst du vor Ort sein, bis alles unter Dach und Fach ist. Du musst also ebenfalls deine Komfortzone verlassen“, sagte er und bemerkte, dass sich einen Moment lang Entsetzen in ihrem Gesicht spiegelte.

            „Das geht nicht. Ich muss meine Firma leiten.“

            „Via Skype, E-Mail und Telefon. Wir sind im einundzwanzigsten Jahrhundert, Jess. Außerdem wirkt Ally sehr kompetent.“

            „Was sie ist. Aber …“

            „Und du kümmerst dich um das Netzwerken. Ich habe weder Zeit noch Lust dazu. Auch wirst du mich zu den Veranstaltungen begleiten, während du hier bist. Wenn ich sie besuchen muss, musst du es ebenfalls.“

            „Soll das heißen, dass ich den Auftrag habe?“

            „Ja.“

            Was für eine blöde Frage. „Prima … Doch ich weiß nicht, ob ich in Franschhoek wohnen kann. Ich habe neben meiner Firma nämlich auch noch ein Privatleben. Und zwar in Johannesburg.“

            Nein, sie war genau wie er ein Workaholic. „Hör auf, auszuweichen. Und du wirst auf St Sylve wohnen.“

            Jess hob das Kinn. „Unter einem Dach mit dir werde ich mich nicht wohlfühlen.“

            „Warum nicht?“

            Jess verdrehte die Augen. „Willst du echt auf schüchtern machen und ignorieren, dass es da so etwas wie …“

            Luke hob eine Braue, als sie verstummte. „Verlangen, Leidenschaft, Wollust gibt?“

            „Bleib bei Verlangen“, meinte sie und mied seinen Blick.

            Er lächelte insgeheim. Es erstaunte ihn, dass sie in Geschäftsdingen so sachlich sein konnte, aber nervös wurde, wenn sie über die Anziehungskraft sprach, die sie aufeinander ausübten.

            „Wer ist jetzt schüchtern?“, fragte er kaum hörbar, während er aufstand. „Okay, du kannst eines der sieben Schlafzimmer im Herrenhaus haben, denn ich lebe nach wie vor in dem anderen Haus.“

            Luke trat so nah zu ihr, dass er ihre Brüste fast an seiner Brust fühlte. Er bemerkte, dass ihre langen Wimpern flatterten, und spürte, wie sie beide sich gegenseitig elektrisierten. Jess öffnete die Lippen, und er hätte beinahe die Beherrschung verloren.

            Vergiss die Marketingstrategie und St Sylve. Vergiss alles. Jess ist hier, und du willst sie. Ihren Körper, nicht ihren Verstand. Luke warf den Kopf in den Nacken und fluchte insgeheim.

            Reiß dich zusammen, forderte er sich dann auf. Er war kein unreifer Bubi mehr, der sich von seinen Hormonen steuern ließ. Schon vor langer Zeit hatte er erkannt, dass es zu nichts Gutem führte und ihn nur in Schwierigkeiten brachte.

            Er machte einen Schritt zurück, konnte aber nicht umhin, Jess eine widerspenstige Strähne hinters Ohr zu streichen. „Enttäusch mich nicht.“

            „Das habe ich nicht vor“, flüsterte sie.

            Sie blickte ihn an, und er konnte nicht anders, als den Daumen über ihre Unterlippe gleiten zu lassen. „Du hast den bezauberndsten Kussmund, den ich je gesehen habe“, raunte er. Doch augenblicklich spiegelte sich wieder Vernunft in ihren Augen, und sie schaute ihn reserviert und beherrscht an.

            „Zu viel Nähe ist keine gute Idee, Luke. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Wir sollten klug genug sein, Geschäftliches und Privates zu trennen.“

            „Zwischen uns gibt es noch etwas Unvollendetes, wie wir beide wissen. Etwas, das wir vor acht Jahren begonnen haben und beide zum Abschluss bringen möchten.“ Er streichelte ihr über die Wange und bemerkte den Ausdruck der Leidenschaft in ihren Augen, selbst als sie seine Hand wegschob.

            „Lass mich eines ganz klarstellen: Ich bin nicht auf sexuelle Abenteuer aus. Und erst recht nicht mit Kollegen, Konkurrenten oder Klienten.“

            Welch ein Widerspruch zwischen ihrer energisch klingenden Stimme und dem glühenden Blick, dachte Luke. Wenn das keine interessante Zusammenarbeit geben würde …

Luke hätte sich nicht die Mühe machen müssen, am Tag vor Jess’ Ankunft im Herrenhaus vorbeizuschauen. Auf seinen guten Geist Angela war wie immer Verlass. Er hatte sie gebeten, die größte Suite im ersten Stock herzurichten. Und sie hatte sogar im Wohnbereich einen Blumenstrauß auf den Tisch gestellt.

            Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer und trat an das breite Erkerfenster. Es lag dem Doppelbett gegenüber und ermöglichte jedem Gast beim Aufwachen einen herrlichen Blick auf das Bergpanorama. Warum nicht dieser Raum als Elternschlafzimmer genutzt worden war, sondern stets der kleinere, der nach vorn zur Auffahrt hinausging, hatte er nie verstanden.

            Vermutlich war es deshalb, weil man von dort aus sehen konnte, wer zu Besuch kam. Ob Freund, Feind … oder Geliebte, wie im Fall seines Vaters Jed. Es waren viele gewesen, die Luke mal mehr oder weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

            Aber keine war geblieben. Weshalb er schon früh gelernt hatte, sich gefühlsmäßig auf keine Freundin seines Vaters einzulassen. So hatte es ihn nicht berührt, wenn sie wieder aus seinem Leben verschwanden.

            Und genauso wenig engagierte er sich bei Frauen allgemein, wenn man seine kurze Ehe ausnahm. Er war überhaupt immer besser darin geworden, sich zu schützen, indem er niemanden zu nah an sich herankommen ließ. Der Tod seiner Mutter sowie sein tyrannischer Vater und dessen zahllose Freundinnen hatten ihn gelehrt, dass es leichter war, sich nicht darum zu kümmern, ob ein Mensch da war oder nicht.

            Inzwischen war ihm auch klar, dass seine eigenen Probleme zum Scheitern seiner Ehe beigetragen hatten. Er hatte seine Frau nie wirklich geliebt. Ihn hatte die Vorstellung fasziniert, eine Frau und eine Familie zu haben und ein normales Leben zu führen.

            Nachdem er die Basis dafür geschaffen hatte, hatte er nicht gewusst, wie er sie ausbauen sollte. Es war sehr schmerzlich gewesen, sich von seinem Traum zu verabschieden, nicht immer nur allein, sondern Teil eines größeren Ganzen zu sein. Und als wäre dies nicht schwierig genug gewesen, hatte das Schicksal ihn weiter bestraft. Sein Vater war gestorben, und er hatte nach St Sylve zurückkehren müssen.

            Er hatte mit seinem Erbe noch keinen Frieden geschlossen. An manchen Tagen liebte er das Anwesen. An anderen war es ein Ärgernis und wieder an anderen, wenn die Erinnerung an Jed zu sehr in ihm erwachte, hasste er es.

            Wenn bloß seine Mutter … Energisch schüttelte er den Kopf. Es war zwecklos, über seine Mutter, seinen Vater und seine Kindheit nachzudenken. Er konnte an der Vergangenheit nichts ändern.

            Luke seufzte und dachte an Jess. Sie hatte grundsätzlich recht, dass es klug wäre, die Anziehungskraft zwischen ihnen zu ignorieren. So konnte es überhaupt nicht erst zu irgendwelchen Verwicklungen kommen.

            Aber sie war eine moderne, unabhängige Frau, die für ein erfülltes Leben keinen Mann an ihrer Seite zu brauchen schien. Sie vermittelte den Eindruck, vernünftig und abgeklärt zu sein und Liebe und Sex voneinander trennen zu können. Weshalb sie eigentlich die perfekte Kandidatin für eine Affäre war.

            Sie würde verstehen, dass es gewisse Regeln geben musste. Keine Übernachtungen, keine Vermischung von Arbeit und Vergnügen und keine Erwartungen hinsichtlich einer echten Beziehung. Solange sie sich daran hielten, würde niemand verletzt werden oder sich beschweren können.

            Das Ganze wäre eine Vereinbarung zwischen zwei nüchtern denkenden Erwachsenen. Und wenn Jess von ihrem Prinzip nicht abrückte, nichts mit Klienten anzufangen, würde er das tun, was ein nüchtern denkender, entschlossener Mann tun würde: Er würde sie verführen.

Total geschafft lenkte Jess nach dreizehn Stunden hinterm Steuer gegen zehn Uhr abends das Auto die Zufahrt von St Sylve entlang. Auf halber Strecke hatte sie entschieden, keinen Zwischenstopp zu machen. Erleichtert sah sie, dass bei Luke noch Licht brannte. Da er erst morgen mit ihr rechnete, hätte er ja auch weg sein können.

            Auch wenn du todmüde bist, vergiss nicht, was du dir vorgenommen hast, ermahnte sie sich. Der enge Kontakt mit ihm in den nächsten Wochen stellte eine große Herausforderung dar. Aber sie durfte der starken Faszination, die er auf sie ausübte, nicht nachgeben. Gleich morgen würde sie sich mit ihm zusammensetzen und ein paar Regeln festlegen.

            Sie war hier, um ihren Job zu erledigen. Küsse oder Zärtlichkeiten auszutauschen oder gar noch mehr würde auf gar keinen Fall dazugehören. Mit Werbekunden zu schlafen war unprofessionell. Wenn erst einmal Gefühle im Spiel waren, wurde so gut wie immer auch die Geschäftsbeziehung ruiniert. Außerdem entwickelte sich aus einer anfänglichen Anziehungskraft fast immer ein emotionales Gefühlswirrwarr. Was bei ihr leicht dazu führte, dass sie sich am Ende fühlte, als hätte sie ihr Herz einem hungrigen Wolf zum Fraß vorgeworfen.

            Luke würde einfach verstehen müssen, dass er vielleicht über ihre Zeit verfügen konnte, jedoch nicht über ihren Körper. Auch wenn Letzterer, dieser verflixte Verräter, von ihrer Entscheidung nicht beeindruckt war.

            Sie sah Luke die Haustür öffnen und parkte ihr Auto. Noch während sie den Sicherheitsgurt löste, sprintete er schon zum Wagen und öffnete ihr die Autotür. Sie lächelte ihn matt an und blinzelte wegen des hellen Lichts der Innenbeleuchtung. „Hallo.“

            „Wann bist du denn von zu Hause aufgebrochen?“, fragte er grimmig und mit finsterem Blick, nachdem er sie einen Moment stumm betrachtet hatte.

            Wenn das mal keine freundliche Begrüßung war. „Heute Morgen. Ist es ein Problem?“

            „Verdammt richtig, das ist es. Du bist so lange unterwegs, ohne Bescheid zu geben? Hättest du einen Unfall gehabt … Wie hätte ich es erfahren? Du könntest in einem Straßengraben liegen, und ich würde weiterhin denken, dass du morgen eintriffst. Weiß irgendjemand von deiner Fahrt?“

            „Nein, ich …“

            „Das ist dumm und verantwortungslos. Ist dir klar, was einer Frau in Südafrika passieren kann, die allein unterwegs ist?“

            „Dass sie sicher ankommt?“ Langsam reichte es ihr.

            „Du hättest eine Reifenpanne haben können, einen Motorschaden …“

            „Ich bin erwachsen und muss mich nicht wie ein Kind an- und abmelden“, erklärte Jess kühl, während sie ausstieg. „Weder hatte ich eine Reifenpanne noch einen Motorschaden. Ich bin da und hätte jetzt gern eine Tasse Tee, eine Dusche und ein Bett. Ist das machbar, oder musst du mich erst weiter anbrüllen?“

            „Du würdest selbst die Geduld eines Engels auf eine harte Probe stellen.“

            „Der du nicht bist.“ Jess holte die Reisetasche vom Rücksitz, und Luke nahm sie ihr ab. Unverzüglich streckte sie die Hand danach aus. „Ich kann sie selbst tragen.“

            „Prima.“ Er ließ das Ding auf den Boden fallen. Diese Frau trieb ihn noch in den Wahnsinn.

            Jess ergriff die Tasche, hängte sie sich über die Schulter und blickte zum Herrenhaus. „Keine Beleuchtung?“

            „Ich habe dich erst morgen erwartet.“

            Weshalb er den Strom noch nicht angedreht und auch nicht für warmes Wasser gesorgt hatte. Also würde er sie heute Nacht in seinem kleinen Gästezimmer unterbringen müssen, das zugleich als Lagerraum diente.

            „Können wir vielleicht reingehen?“, fragte Jess mit einer Stimme, die so kühl war wie der Wind, der von den Bergen herüberwehte.

            Luke deutete zum Haus und folgte ihr den Weg entlang. Als er bemerkte, dass ihre Schulter unter dem Gewicht der Tasche nachgab, widerstand er trotzdem dem Drang, sie ihr erneut abzunehmen. Warum war er eigentlich so wütend? Hatte es mit seinem Beschützerinstinkt zu tun?

            Es war ihm nie wohl bei dem Gedanken gewesen, dass sie die ganze Strecke allein zurücklegen würde. Da sie aber vorgehabt hatte, einen Zwischenstopp zu machen, und somit nicht bei Dunkelheit unterwegs gewesen wäre, hatte er sich eingeredet, es wäre okay. Als er sie eben so erschöpft im Wagen erblickt hatte, war er im ersten Moment erleichtert gewesen. Danach war Ärger in ihm aufgestiegen. Es war schiere Dummheit, über die Bergpässe zu fahren, wenn man müde war.

            War er denn verrückt? Erst wollte man jemanden beschützen. Als Nächstes empfand man demjenigen gegenüber Fürsorglichkeit, und dann war man nicht mehr weit von einem gefühlsmäßigen Engagement entfernt. Und daraus erwuchs Schmerz, wenn dieser Jemand einem den Rücken kehrte. Nein, einer solchen Situation wollte er sich nicht erneut aussetzen.

            Also sieh zu, dass du Abstand zu dieser faszinierenden Frau hältst, forderte er sich auf. Vorhin hatte er noch beschlossen, Jess wenn nötig zu verführen, und er würde immer noch brennend gern mit ihr schlafen. Aber wenn sie für ihn jemand war, den er beschützen wollte, konnten sich daraus große Komplikationen entwickeln. War es das wert? Er hatte keine Ahnung.

            Finster betrachtete er die attraktive Frau in den eng geschnittenen Jeans, die auf langen Beinen langsam vor ihm herging. Sie bewirkte, dass sein Blut viel schneller in den Adern pulsierte. Außerdem weckte sie seinen Beschützerinstinkt, obwohl sie sehr gut selbst auf sich aufpassen konnte. Aber das Schlimmste war sein Empfinden, dass sein Leben durch ihre Anwesenheit auf St Sylve wesentlich mehr Sinn ergab.

            Du drehst allmählich durch, dachte er bei sich. Offenbar forderten all die Jahre nun ihren Tribut, in denen er kaum etwas anderes als harte Arbeit gekannt hatte. Er hörte Jess leise seufzen und beobachtete, wie sie sich die Tasche über die andere Schulter hängte. Ärgerlich über ihre Uneinsichtigkeit schloss er zu ihr auf und nahm ihr das Ding endlich ab.

            Sie wollte protestieren, doch irgendetwas in seinem Gesichtsausdruck ließ sie schweigen. Prima. Er machte Fortschritte. Allerdings nur für zehn Sekunden. Denn als er die Tür geöffnet hatte und Jess bedeutete, einzutreten, erklärte sie ihm:

            „Ich bin eine moderne, selbstständige Frau, die keinen Mann braucht, um ihr Gepäck zu tragen oder ihr einen Vortrag über Sicherheit zu halten.“

            „Ja, ja. Geh einfach rein, und hör auf, mich zu nerven.“

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