Weingut der Liebe - 5. Kapitel

  1. KAPITEL

Luke beobachtete, wie Jess sich von einer rotblonden Frau verabschiedete und ihr nachblickte, als diese davonfuhr. Schließlich wandte sie sich um und kehrte zum Herrenhaus zurück. Kurz schaute sie zu seinem Haus hin und schüttelte den Kopf. Sie würde nicht in seine Privatsphäre eindringen und sich auf einen Drink oder ein Essen einladen – oder gar zu einem Schäferstündchen.

            Der Anflug eines Lächelns huschte über Lukes Gesicht. Fühl dich frei, in meine Privatsphäre einzudringen, vor allem wenn du mehr im Sinn hast. Aber sie verschwand in dem riesigen, düster wirkenden Herrenhaus, in dem er einst selbst viel Zeit allein verbracht hatte. An einem kalten Winterabend konnte dort eine bedrückende Atmosphäre herrschen. Nein, er wollte nicht, dass Jess heute in dem Haus allein war.

            Oder wollte er vielleicht nicht allein sein? Es war ein verrückter Tag vor der Kamera gewesen, und jetzt wünschte er sich ein Stück Normalität. Ein warmes Essen, ein Glas Wein und Gesellschaft.

            Bevor er es sich anders überlegte, streifte er die Jacke über und verließ das Haus. Draußen empfing ihn ein eisiger Wind. Plötzlich fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, beim offenen Kamin in Jess’ Wohnraum Holz zu stapeln. Wie gut, dass sie im Schlafzimmer einen Radiator hatte. Sein Vater hatte das Geld zwar immer mit vollen Händen ausgegeben, sich jedoch geweigert, eine Zentralheizung installieren zu lassen.

            Luke ging die Stufen zur Hintertür hinauf und betrat die Küche. Kurz schaute er sich um. Der Teekessel gab ein lautes Pfeifen von sich, und in dem Becher daneben hing ein Teebeutel. Er schlenderte hinaus auf den Flur und blieb am Fuß der Treppe stehen, die früher fürs Personal gewesen war. Aber auch er hatte sie als Junge zumeist benutzt.

            „Hallo.“

            Er sah nach oben. Jess hatte sich aufs Geländer im ersten Stock gestützt. „Hallo. Ich wollte fragen, ob du mit mir zu Abend isst?“

            „Was gibt’s denn?“

            „Da du sicher wie eine Studentin im ersten Semester kochst, kannst du es dir nicht leisten, wählerisch zu sein. Komm runter, und warte es ab.“

            „Okay.“ Lächelnd setzte sie sich aufs Geländer.

            „Jess, nicht.“

            Unwillkürlich stellte er sich ans untere Ende und streckte die Arme aus, als sie auf ihn zuglitt. Er fing sie auf und ging leicht in die Knie, um den Aufprall abzufedern. Und während sie hin und her schwankten und versuchten, das Gleichgewicht zurückzugewinnen, hielt er sie weiter fest.

            Als er sie auf dem Boden absetzte, warf Jess den Kopf in den Nacken und strahlte ihn vergnügt an. Er blickte ihr in die Augen und tat das, was jeder leidenschaftliche Mann in diesem Moment getan hätte. Er küsste sie. Begierig und voller Hingabe.

            Gleichzeitig drängte er sie gegen die Wand und schob das Knie zwischen ihre Oberschenkel. Sie fühlte sich unglaublich gut an. So weich und geschmeidig. Ob sie wohl immer noch Stringtangas trug? Schon ließ er die Hand hinten in den Bund ihrer Jeans gleiten. Jess’ warme Haut war so samtig, wie er sie in Erinnerung hatte. Ja, sie hatte auch jetzt einen an.

            Was hatte sie bloß an sich, das in ihm in Sekundenschnelle ein brennendes Verlangen weckte? Er hatte noch hübschere Frauen als sie in den Armen gehalten, jedoch noch auf keine sofort dermaßen stark reagiert. Er wollte ihren sinnlichen Mund schmecken, ihr bezauberndes Lächeln sehen und das Leuchten in ihren braunen Augen. Und er wollte sie im Bett erleben.

            „Ich will dich“, sagte er forsch dicht an ihren Lippen.

            „Ich weiß“, erwiderte sie. „Aber es ist zu früh. Ich kann nicht …“

            „Warum nicht?“ Er legte den Kopf zurück. „Wir sind zwei Erwachsene, die sich voneinander angezogen fühlen. Nichts wird sich ändern.“ Er merkte, wie sie sich verspannte.

            „One-Night-Stands liegen mir nicht, Luke. Und wir müssen morgen wieder zusammenarbeiten. Diese Kampagne ist zu wichtig. Wir dürfen den Erfolg nicht gefährden, nur weil wir Lust aufeinander haben.“

            „Ich würde es riskieren.“

            Jess legte ihm die Hände auf die Brust. „Geh weg. Weiter“, fügte sie hinzu, als er nur einen Schritt zurückwich. „Ich brauche Raum zum Atmen.“

            Zögerlich trat er beiseite und lehnte sich neben sie an die Wand. Diese Frau brachte ihn noch ins Grab. Er würde der erste Mensch sein, der an sexueller Frustration starb.

            „Wie würdest du meine Rutschpartie bewerten?“, fragte sie gezwungen fröhlich, nachdem sie ein paar Sekunden geschwiegen hatten. „Auf einer Skala von eins bis zehn. Mit sieben? Oder acht?“

            „Fünf. Sie war durchschnittlich.“

            „Du kannst es wohl besser?“

            „Viel besser.“

            „Beweis es.“

            Sie forderte ihn heraus? Er sollte wie ein kleiner Junge das Geländer hinunterrutschen? Luke verdrehte die Augen.

            „Du bist ein feiges Huhn“, erklärte Jess und gackerte.

            Er sollte es nicht einmal in Erwägung ziehen. Es war einfach kindisch. Wütend sah er sie an, als sie erneut gackerte. „Du hast so was wohl von deinen Brüdern gelernt, oder?“

            „Von wem sonst? Wir hatten zu Hause eine lange Treppe, an deren Ende wir eine Matratze gelegt haben. Soll ich eine für dich holen?“

            „Ich rutsche das verflixte Geländer nicht hinunter.“

            Jess johlte. „Du hast schon mehrmals darüber nachgedacht. Mach es einfach. Zeig es mir, oder schleich dich.“

            „Du bist ein freches Luder.“

            Ein Mann konnte einer Herausforderung nicht endlos widerstehen. Er war sein Leben lang die Treppe hinaufgelaufen und sie auf dem Rückweg hinuntergerutscht. Zuletzt hatte er es ein paar Monate vor dem Tod seines Vaters getan.

            „Ich bin ein feiges Huhn?“

            Jess gackerte bestätigend.

            „Also gut. Wenn ich mich deiner Herausforderung stelle, musst du dich meiner ebenfalls stellen.“

            „Und die wäre?“, fragte sie argwöhnisch.

            Er legte ihr eine Hand an die Wange. „Ich küsse dich.“

            „Das hast du gerade.“

            „Noch einmal. Und alles ist erlaubt.“

            „Das ist keine gute Idee.“

            Luke imitierte sie und gackerte.

            Finster blickte sie ihn an, und er spürte, dass sie nachgab, noch bevor sie leise zustimmte. Offenbar konnte sie einer Herausforderung letztlich genauso wenig widerstehen wie er.

            „Dann pass mal genau auf, wie es der Meister macht.“

            Er lächelte frech, bevor er die Treppe hinauflief. Oben setzte er sich aufs Geländer und fühlte sich plötzlich, als wäre er wieder zehn. Er schrie freudig auf, als er sich immer schneller dem unteren Ende näherte. Erst in letzter Sekunde erinnerte er sich daran, die Beine abzuwinkeln, und landete deshalb reichlich unbeholfen, aber zumindest sicher.

            „Ich bin aus der Übung. Der Abschluss war nicht gerade elegant.“

            Jess tätschelte ihm den Rücken. „So könnte man es sagen. Und was gibt es jetzt zum Abendessen? Ich sterbe vor Hunger.“ Sie wandte sich ab, als Luke sie an der Gesäßtasche der Jeans festhielt. Leise fluchend blieb sie stehen.

            „Willst du dich drücken?“ Er legte ihr die Arme um die Taille und barg das Gesicht in ihrer Halsbeuge.

            Unwillkürlich atmete Jess seinen verführerischen männlichen Duft ein. Im nächsten Moment drehte Luke sie zu sich um, umfasste sie an der Hüfte und zog sie fest an sich. Überrascht schrie sie auf. Er presste seinen Mund auf ihren und begann, ihn mit seiner Zunge zu erforschen.

            Luke konnte und wollte nicht aufhören, sie zu küssen. Er fasste ihr ins Haar und neigte ihren Kopf leicht seitwärts, um den Kuss weiter zu vertiefen. Erfreut seufzte er auf, als sie ihre Arme um seine Taille legte, und kurz danach spürte er ihre warmen Finger auf seiner Haut.

            Ja, du willst ihn und möchtest mehr als nur diesen Kuss, dachte Jess, während er ihr Kinn und ihren Hals mit Küssen bedeckte. Lustvoll stöhnte sie auf, und Luke ging leicht in die Knie, schob die Hände unter ihre Oberschenkel und hob Jess hoch.

            Unwillkürlich umschloss sie seine Hüften mit ihren Beinen und war sich vage bewusst, dass er sie gegen die Wand drückte. Momente später fühlte sie die kalte Mauer an ihrem Rücken, als er ihr geschickt das Shirt auszog. Mit glühendem Blick betrachtete er dann ihre Brüste in dem fliederfarbenen Spitzen-BH.

            „Du bist bezaubernd.“

            Ihr Mund war ganz trocken. Wenn sie sich jetzt bewegte, würde sie sich nicht mehr beherrschen können. „Luke …“

            „Was ist?“, fragte er an ihren Lippen. „Reiß mir die übrigen Sachen vom Leib? Lieb mich?“

            Jess wünschte, sie könnte Ja sagen und sich in seinen Armen verlieren. Aber dann würde sie ein klein wenig ihrer Kontrolle einbüßen, und selbst das bisschen war zu viel. Luke war ein Mann, der sie überwältigen konnte, und sie war nicht bereit, sich verletzbar zu fühlen, verletzbar zu sein.

            Also befahl sie sich, die Beine wieder fest auf den Boden zu stellen und sich aus seiner übergroßen Nähe zu lösen. Was sie widerwillig tat. „Puh! Wo waren wir stehen geblieben?“

            „Ich habe keine Ahnung. Gib mir eine Minute, damit mein Hirn wieder richtig durchblutet wird. Dann weiß ich es.“

            „Wir waren beim Essen“, erklärte Jess fröhlich, während sie das Shirt überstreifte. „Du wolltest uns etwas kochen.“

Jess saß mit einem Glas Rotwein an Lukes Küchentisch, während er Spaghetti bolognese zubereitete. Es duftete bereits köstlich nach frischen Kräutern. Würde nicht ihr Laptop vor ihr stehen, könnte sie glatt denken, sie wäre in der Toskana.

            Es würde ein Arbeitsessen werden. Luke war ein viel beschäftigter Mann. Sie sollte seine Aufmerksamkeit nutzen, solange sie sie besaß. Später würde er sich schon wieder mit etwas anderem befassen müssen. Und sie hatte den Computer noch aus einem anderen Grund mitgenommen. Nämlich um sie beide daran zu erinnern, dass sie nicht auf St Sylve war, um sich zu vergnügen.

            Jess sah krampfhaft auf den Bildschirm, doch ihre Gedanken kreisten weiter um Luke. Er zog sie einfach unheimlich stark an. Aber sie wollte auch sein Wesen ergründen. Immer wieder erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf seine Seele, die mehr Tiefe zu haben schien, als sie vermutet hätte.

            Du solltest diese Tiefe nicht ausloten wollen, ermahnte sie sich. Genauso wenig sollte sie versucht sein, mit ihm ins Bett zu gehen. Sie wusste doch, wie es lief. Man dachte, man hätte eine kurze Affäre. Aber wenn man miteinander schlief, wurde automatisch das Kuschelhormon freigesetzt. Wollte man dem anderen dann den Rücken kehren, hatte man plötzlich das Gefühl, er könnte Mr Right sein. Und Monate oder gar Jahre später würde man ihn mit einer anderen Frau im Arm antreffen, wie er deren Kuschelhormon testete.

            Nein, sie würde sich auf nichts einlassen. Vor allem deshalb nicht, weil sie befürchtete, sollte sie je mit dem Gedanken zu spielen anfangen, dass Luke vielleicht der Mann fürs Leben war, sie sich gleich das Herz herausreißen und ihn auffordern könnte, darauf herumzutrampeln.

            Sie hatte ihre Lektion bei Grant gelernt. Wenn sie es sich gestattete, mehr als Freundschaft für Luke zu empfinden, lieferte sie sich praktisch gefühlsmäßig ans Messer. Was sie zweifellos am schnellsten erreichte, indem sie mit ihm schlief. Weshalb es nicht geschehen würde. Hoffentlich!

            „Worüber denkst du so angestrengt nach?“

            „Wie bitte?“ Verwirrt sah sie ihn an.

            „Du bist gerade meilenweit weg.“ Luke nickte in Richtung des Laptops. „Und du hast Arbeit mitgebracht. Das ist nicht nett, da ich doch versuche, dich mit meiner Kochkunst zu bezirzen.“

            Jess prostete ihm zu. „Mein Ex hat die tollsten Gerichte zubereitet und trotzdem drei Monate gebraucht, mich ins Bett zu bekommen.“

            „Du bist vorsichtig, oder?“

            „Sehr“, bestätigte sie und schaute ihn weiter an. Wenn sie mit jemandem schlief, gab sie ihm nicht nur ihren Körper, sondern auch einen Teil ihrer Seele, und davor hatte sie Angst. Sie wollte nicht – erneut – verletzt werden. „Und die Arbeit habe ich mitgebracht“, fuhr sie fort, als er sich wieder zum Herd wandte, „weil ich mit dir über die Kampagne reden muss.“

            „Dann los.“

            Jess erläuterte ihm den Zeitplan für die nächsten Wochen. Als sie ihm gerade erzählte, welche gesellschaftlichen Veranstaltungen er ihrer Meinung nach besuchen sollte, klingelte ihr Handy.

            „Das ist mein ältester Bruder Nick. Bitte entschuldige mich kurz.“ Sie stand auf und verließ die Küche, während sie Nick bereits begrüßte.

            Als sie das Wohnzimmer betrat, nahm ein Gemälde sie sofort gefangen. Es zeigte ein abgelegenes Cottage am aufgewühlten Meer. Das Werk von Lukes Mutter war ein gelungenes Stimmungsbild. Aber jeder einzelne Pinselstrich schien von Einsamkeit erfüllt.

            Jess erschauderte und blieb vor dem Kamin stehen. „Sorry, Nick, ich war abgelenkt. Was hast du gesagt?“

            In Gedanken versunken kehrte sie schließlich in die Küche zurück. Sie legte das Handy auf den Tisch, nahm ihr Weinglas und leerte es in einem Zug.

            „Hey“, protestierte Luke. „Der gute Tropfen ist fünfzehn Jahre alt.“

            Jess verzog das Gesicht. „Entschuldige.“

            „Gibt es ein Problem?“

            „Irgendwie schon … Das übernächste Wochenende ist lang, weil Freitag ein Feiertag ist.“

            „Ja, und?“ Luke drehte die Gasflamme unter dem Wassertopf höher.

            „Es ist in meiner Familie Tradition, dieses spezielle Wochenende gemeinsam zu verbringen. Wir, das heißt meine Eltern, meine Geschwister und deren Familien und ich, fahren dann für gewöhnlich irgendwohin. Ich habe ihnen gesagt, dass ich es dieses Jahr nicht schaffe. Weil ich zu beschäftigt bin und weil …“

            Luke forderte sie mit seinem Blick auf, den Satz zu vollenden. Als sie weiter schwieg, ging er zu ihr. Er hob ihr Kinn an, sodass sie ihn ansehen musste, und zog die Brauen hoch. „Weil …“

            „Weil sie immer Bemerkungen fallen lassen, dass mein Ex und ich wieder zusammenkommen sollten. Er ist mit meinen Brüdern gut befreundet und mehrfach an diesen Wochenenden mit von der Partie gewesen.“

            „Wenn deine Leute wissen, dass es zwischen euch vorbei ist, warum üben sie Druck auf dich aus?“

            „Weil Grant gesagt hat, dass er nichts dagegen hätte, wenn wir wieder ein Paar würden, und ich mich vor meiner Familie vage ausgedrückt habe, wieso wir uns getrennt haben. Meine Brüder meinen, ich wäre launisch und pingelig und müsste einfach nur kapieren, was ich verloren hätte. Für sie ist Grant ein netter Kerl.“ Frustriert fuhr Jess sich mit der Hand durchs Haar.

            „Er hat dich betrogen.“

            Stumm blickte sie Luke einen Moment lang verblüfft an. „Woher weißt du das?“

            Er stupste sie auf die Nasenspitze, bevor er zum Herd zurückkehrte. „Ich habe es in deinen Augen gelesen. Warum hast du es deiner Familie nicht erzählt?“

            Jess setzte sich wieder. „Unter anderem aus Stolz. Er hat mich zum Narren gehalten. Und er ist mit meinen Brüdern befreundet. Schon seit Jahren. Wenn sie von dem Betrug erfahren, könnte etwas Schlimmes passieren.“

            „Würden sie ihn zusammenschlagen?“

            „Nicht vorsätzlich. Aber meine Brüder fühlen sich als meine Beschützer. Eine dumme Bemerkung von Grant, und dann könnten die Fäuste fliegen.“

            „Siehst du es nicht zu dramatisch?“

            „Als ich fünf war, wurde ich in der Schule schikaniert. Meine Brüder, sie waren damals zwischen sechs und elf, haben sich das Mädchen vorgeknöpft und es an einen Garderobenhaken gehängt. Alle vier wurden zum Rektor zitiert.“

            „Oh.“

            „Mit dreizehn habe ich meine erste Tanzparty besucht. Die vier haben meinem Date vorher richtig eingeheizt. Er hat Angst bekommen und ist gar nicht erst gekommen. Weshalb ich allein hingegangen bin. Als ich sechzehn war, hat mich ein Junge geküsst. Nick hat ihn mit dem Gartenschlauch nass gespritzt. Im Winter. Ich könnte noch endlos fortfahren.“

            „Du Glückspilz.“ Luke hörte auf, in der Soße zu rühren, und holte eine Nudelpackung aus dem Schrank.

            „Ich Glückspilz? Bist du verrückt? Sie sind die Nägel zu meinem Sarg. Sie mischen sich ständig ein und glauben, ich wäre noch ein kleines Mädchen, das angeleitet und beschützt werden muss.“

            „Aber es muss schön sein, zu wissen, dass es vier Leute gibt, die für dich durchs Feuer gehen würden.“

            Ja, damit hatte er grundsätzlich recht.

            „Oder einen Ex für dich verprügeln.“

            „Wahrscheinlich.“

            „Er hat dich betrogen und es verdient.“ Luke gab die Spaghetti ins kochende Wasser. „Bist du sicher, oder ist es eine Vermutung?“

            „Ich habe sie in flagranti in meinem Bett erwischt.“

            „Du klingst nicht sonderlich aufgebracht.“

            „Ich bin größtenteils darüber hinweg.“

            „Größtenteils?“

            Jess blickte zur Decke. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie sich eher für dumm verkauft als verletzt fühlte? Dass es ihr peinlich war, nie den Verdacht gehegt zu haben, er könnte sie betrügen. Seine letzten Worte bei der Trennung setzten ihr immer noch zu.

            „Er hat mir erklärt, ich würde einem Mann das Leben schwer machen und sei ein verrückter Kontrollfreak. Die Beziehung war chaotisch und ein Reinfall. Und beides gefällt mir nicht. Ich mag es nicht, wenn mir die Kontrolle entgleitet, und eine Perfektionistin zu sein ist manchmal sehr lästig.“

            Luke lächelte und schenkte ihr Wein nach.

            „Was nun mein Telefonat mit Nick betrifft … Meine Familie versucht, für das lange Wochenende ein Haus in Kapstadt zu mieten, um in meiner Nähe zu sein, sodass wir etwas Zeit miteinander verbringen können. Mein Vater … es tut mir leid … möchte sich St Sylve ansehen. Meine Leute sind nämlich passionierte Weintrinker. Sie haben mich gebeten, mich nach einem Objekt umzuhören, wo alle einschließlich meiner Grandma Platz haben.“

            „So kurzfristig wirst du nichts mehr finden.“

            „Ich weiß“, erwiderte sie resigniert und runzelte die Stirn, als Luke sie durchdringend ansah. „Was ist?“

            „Mit deinen Leuten zusammen zu sein ist dir sehr wichtig, oder?“ Er nahm den Nudeltopf vom Herd.

            „Ja. Meine Brüder sind an Weihnachten mal bei uns und mal bei der Familie ihrer Frauen. Weshalb wir nie alle beieinander sind. Aber dieses lange Wochenende ist uns heilig. Wir müssen eine verflixt gute Entschuldigung haben, um es nicht einzuhalten. Und meine Mutter akzeptiert meine bis jetzt nicht.“ Jess beobachtete, wie Luke tief einatmete.

            „Lad sie nach St Sylve ein.“

            „Wie bitte?“

            „Im Herrenhaus können vierzehn Erwachsene schlafen. Zehn oben und vier unten.“

            Es wäre die perfekte Lösung. Sie könnte mit ihren Leuten zusammen sein und auch noch ein wenig arbeiten. „Es sind elf Erwachsene und fünf Kinder unter fünf. Ist es dein Ernst?“

            „Das Haus steht doch leer. Es wäre mir ein Vergnügen.“ Luke füllte die Teller.

            „Ich schlage es ihnen nur vor, wenn wir es mieten können.“

            „Ich wünschte, ich könnte es ablehnen. Aber die prekäre Lage von St Sylve erlaubt mir im Moment gar nichts anderes. Ich kalkuliere es morgen durch und nenne dir einen Preis.“

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