Weingut der Liebe - 9. Kapitel

  1. KAPITEL

„Ich wollte dir gerade Kaffee bringen“, erklärte Luke, als Jess am nächsten Morgen in die Küche kam.

            „Vielen Dank für deine Fürsorge.“ Er war wunderbar gewesen und hatte sich auch in der Nacht weiter um sie gekümmert. Irgendwann hatte er sich ebenfalls schlafen gelegt und sie gegen drei Uhr geweckt, damit sie noch zwei Schmerztabletten schluckte.

            „Gern geschehen. Wie fühlst du dich?“

            „Ganz ehrlich? Als wäre ich vom Bus überfahren worden.“

            „Oh, das hört sich ja nicht so gut an.“ Er stellte den Becher auf den Tisch und holte noch eine Schale, bevor er sich zu Jess setzte. „Bedien dich.“ Er zeigte zu den Cornflakes. „Du stirbst wahrscheinlich vor Hunger.“

            „Nicht wirklich.“ Jess folgte aber trotzdem seiner Aufforderung. „Ich muss etwas essen, damit ich noch ein paar Schmerztabletten nehmen kann.“

            „Nicht bevor wir beim Arzt waren. Du hast in fünfundvierzig Minuten einen Termin.“

            Warum wurde sie nicht wie sonst wütend, wenn man über sie bestimmte? Vielleicht weil er sie so liebevoll umsorgt hatte? „Meinst du, es ist tatsächlich nötig?“

            „Ja. Die Wunde sollte von einem Fachmann begutachtet werden.“

            „Es ist nur so, dass meine Familie ja heute kommt, und ich noch so viel erledigen muss.“

            „Zum Beispiel?“

            „Essen und Wein einkaufen.“

            „Freunde von mir haben weiter unten an der Hauptstraße einen Feinkostladen. Gib die Bestellung einfach per Telefon durch, und wir holen sie dann auf dem Rückweg vom Arzt ab. Und was den Wein betrifft … Ich dachte, wir hätten hier eine Kellerei.“

            „Ich kann nicht erwarten, dass du den Weinkonsum meiner Familie finanzierst.“

            „Zieh mir die Kosten später einfach von meiner Rechnung ab, wenn du dich dann besser fühlst.“ Luke lehnte sich auf dem Stuhl zurück. „Was sonst noch?“

            „Einige Betten müssen noch bezogen und die Zimmer gelüftet werden und …“

            Er holte das Handy aus der Jeanstasche, tippte eine Nummer ein und führte ein kurzes Gespräch.

            „Wer war das?“

            „Greta. Sie war früher unsere Haushälterin im Herrenhaus. Ihre Enkelin Angela studiert und verdient sich ein kleines Taschengeld, indem sie wöchentlich ein paar Stunden bei mir putzt. Greta ist im Ruhestand, aber sie wird Angela herschicken, um nebenan alles herzurichten. Was noch?“

            „Möchtest du für mich arbeiten? Ich könnte jemanden mit deinen Problemlösungsfähigkeiten brauchen.“

            Luke lächelte. „Warum arbeitest du nicht für mich? Ich könnte jemanden mit deinen Marketingfähigkeiten brauchen. Allerdings müssten wir etwas gegen deine perfektionistische ‚Ich-kann-es allein-hilf-mir-bloß-nicht-Haltung‘ unternehmen.“

            „Bin ich so schlimm?“

            „Nicht schlimm, aber eine Herausforderung.“

            „Das hast du nett ausgedrückt. Meine Exfreunde waren längst nicht so rücksichtsvoll. Anfangs haben sie meine Unabhängigkeit geliebt und sie später ebenso gehasst. Sie sagten, sie würden auf erfolgreiche Frauen stehen, beschwerten sich dann aber über die viele Zeit, die ich im Job verbrachte. Sie haben es gemocht, wenn ich die Zahlmeisterin war, mir irgendwann jedoch erklärt, ich würde vor ihnen mit meinem Geld protzen.“

            „Weshalb du angefangen hast, dich infrage zu stellen. Warum?“

            „Als die Verliebtheit nachließ, hat ihnen die Wirklichkeit eines Lebens mit mir nicht gefallen.“

            „Und du hast den Fehler natürlich bei dir gesucht. Sie waren offenkundig nicht stark genug für dich. Außerdem hat männlicher Stolz eine Rolle gespielt. Keiner war so erfolgreich wie du. Sie fühlten sich durch dich bedroht.“

            „Aber es ist unwichtig, wer mehr verdient.“

            „Für einen Mann nicht“, widersprach Luke. „Du brauchst jemanden, der stark und sicher genug ist, um dir deine Freiräume zu lassen.“

            Ob er dieser Mann war? Jess blickte ihm in die Augen und las den Ausdruck des Bedauerns darin.

            „Nein, ich bin nicht dieser Jemand. Nicht weil ich denke, ich wäre mit dir überfordert, sondern weil ich mich einfach auf keine Frau einlassen will, um von vornherein jegliche Komplikation zu vermeiden.“

            Jess rang sich ein Lächeln ab. „Das ist okay. Wir wollten die Sache mit uns ohnehin locker sehen.“

            „Ja. Trotzdem möchte ich mit dir schlafen.“

            „Und das macht es kompliziert.“

            Luke erhob sich, ging zu ihr und stützte eine Hand auf den Tisch und die andere auf die Rückenlehne ihres Stuhls. Dann beugte er sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen.

            Jess legte ihm eine Hand an die Wange. „Nochmals danke, dass du dich so lieb um mich gekümmert hast.“

            „Du hast mir eine Heidenangst eingejagt, als du so spät zurückgekommen bist und auch noch verletzt warst.“ Er zog sie vom Stuhl hoch und umarmte sie. „Tu so was bitte nie wieder. Ich weiß nicht, ob mein Herz es übersteht.“

„Wie lange muss ich denn noch auf mein Glas Rotwein warten?“, fragte ihre Grandma, und Jess verdrehte die Augen. Es war kurz nach vier, und sie wollte gerade die erste von wahrscheinlich sehr vielen Flaschen öffnen.

            Ihr gesamter Clan war natürlich früher als erwartet eingetroffen. Und während ihre Schwägerinnen Anne und Heather gerade mit den Kindern spazieren gingen, genossen ihre Mutter, ihre Großmutter sowie Clem und Kate aus dem Panoramafenster im Wohnraum den herrlichen Blick auf die Berge. Nick hatte ein Feuer angezündet, Chris sorgte für Knabbereien und Gebäck, und John und Patrick hatten es sich auf den beiden Sofas bequem gemacht. Ihr Vater erkundete momentan das Haus und bewunderte vermutlich die diversen Gemälde.

            „Gib mal her, Zwerg“, sagte John, und Jess rümpfte die Nase wegen des alten Spitznamens, reichte ihm aber gern die Flasche samt Korkenzieher. Dann gesellte sie sich zu ihrem Lieblingsbruder Nick, der neben dem Kamin stand.

            „Wie schlimm war dein Sturz eigentlich wirklich? Du hast ihn vor den anderen heruntergespielt, aber du humpelst ein wenig, und deine Augen sind leicht glasig.“

            „Mir geht es gut. Luke hat mich verarztet.“

            „Wer ist Luke?“, fragte John, der ihnen zwei Gläser Rotwein brachte.

            „Der Typ, für den ich die Kampagne gestalte“, erwiderte Jess und mied den Blick ihrer Brüder. Vor allem Nicks, denn er kannte sie zu gut. „Ihm gehört St Sylve.“

            „Läuft da etwas zwischen euch?“, erkundigte er sich unverzüglich.

            „Was läuft zwischen wem?“, rief ihre Grandma, und Jess stöhnte auf und sah Nick ärgerlich an.

            „Sie hat Ohren wie ein Luchs“, warf John ein.

            „Ich habe Jess gefragt, was zwischen ihr und diesem Savage läuft“, antwortete Nick unbeirrt, auch wenn Jess ihm den Ellbogen in die Seite rammte.

            „Da läuft nichts.“

            „Hast du seinetwegen Lees Einladung zum Essen abgelehnt?“, meldete sich ihre Mutter zu Wort.

            „Nein. Ich war zu beschäftigt. Und jetzt will ich, dass ihr mir alle gut zuhört. Falls ihr Luke kennenlernen solltet … und ich sage falls, denn wir sind nur Freunde … möchte ich, dass ihr euch zurückhaltet. Er hat mit Familientreffen keine Erfahrung. Also habt Erbarmen mit ihm.“

            Ihre Brüder schauten sie an, dann einander und brachen anschließend in lautstarkes Gelächter aus. Verflixt, warum hatte sie nicht besser nachgedacht. Sie hätte die Unbeteiligte spielen sollen. Jetzt hatten ihre Brüder Luke erst recht im Visier.

            „Ich hätte nichts gegen einen solchen Freund einzuwenden“, hörte sie Nicks Verlobte Clem plötzlich sagen. Ihre weiblichen Verwandten drückten sich nun fast die Nasen an den Fensterscheiben platt, als sie draußen den Motor eines Autos hörten. Und leider war es nicht Owen, der aus dem Wagen stieg, sondern Luke.

            „Ein scharfer Typ. Ist das Luke?“ Kate blickte Jess kurz an, und sie nickte.

            „Den würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen“, meinte ihre Grandma, aber ihre Mutter schoss den Vogel ab.

            Liza öffnete doch tatsächlich das Fenster und rief ihn herbei. Nachdem sie sich vorgestellt hatte, nötigte sie ihn nahezu, später mit ihnen zu essen. Und Jess errötete vor Verlegenheit.

            „Nur Freunde?“ Nick stieß ihr den Ellbogen in die Seite. „Bist du sicher?“

Luke hatte sich eigentlich von Jess und ihren Leuten fernhalten wollen. Doch gleich am ersten Abend fand er sich nun mitten unter ihnen wieder. Es war eine fröhliche, laute Runde. Von ihren Brüdern mochte er Nick am meisten. Vielleicht weil er kein solcher Hektiker war wie die drei anderen. Und alle vier hatten in puncto Frauen einen ausgezeichneten Geschmack. Ihre Partnerinnen waren nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern ebenfalls gebildete, eigenständige Persönlichkeiten.

            Luke blickte von seinem Platz am Kopfende des Tisches zu Jess hin, die sich gerade mit ihrem Vater unterhielt. Sie hatte dessen braune Augen, die ihn bereits mehrfach grüblerisch angesehen hatten. Auch hatte man ihm einige nicht so subtile Fragen zu seiner Beziehung mit Jess gestellt, die er ausweichend beantwortet hatte. Es war an ihr, sich dazu zu äußern oder nicht.

            Doc Dan hatte ihre Wunde heute mit zehn Stichen genäht. Aber sie ließ sich nicht das Geringste anmerken. Sie war einfach nur glücklich, ihre Brüder und ihre Eltern um sich zu haben, die sie zweifellos genauso liebten wie sie umgekehrt sie. Für so eine Familie hätte er als Kind und Jugendlicher seine Seele verkauft.

            „Seid mal kurz ruhig“, sagte David Sherwood laut und hob das Weinglas. „Ich möchte Luke danken, dass er unserem verrückten Haufen sein Haus geöffnet hat, und hoffe inständig, dass er es nicht bereuen wird.“ Er schaute in die Runde. „Das heißt, dass mit dem Mobiliar pfleglich umzugehen ist, dass keiner das Geländer herunterrutscht und dass aus den oberen Fenstern keine Mehlbomben geworfen werden.“

            Luke beugte sich zu Nick, der rechts von ihm saß. „Er spricht zu den Kids, oder?“

            „Leider nein. Meine Brüder und meine Schwester können zuweilen ziemlich übermütig sein.“

            „Du nicht?“

            „Ich lasse mich nicht erwischen.“

            „Vielen Dank, Luke.“ David prostete ihm zu, und alle anderen stimmten mit ein. „Ich habe übrigens deine Mutter gekannt“, erklärte er, als wieder halbwegs Ruhe eingekehrt war.

            Luke beobachtete, wie Jess ihren Vater am Ärmel zupfte, und schüttelte kaum merklich den Kopf, als er Blickkontakt mit ihr hatte. Er wollte gern etwas über seine Mutter hören, die für ihn eine Fremde war.

            „So?“

            „Wir waren zusammen in Kapstadt auf der Kunsthochschule. Ich glaube, ich war ein bisschen in Katelyn verliebt.“

            „Du warst fast in jede Studentin ein bisschen verliebt“, unterbrach Liza ihn. „Katelyn … Katelyn Kirby? Ich erinnere mich an sie. Lange Haare … grüne Augen.“ Sie streckte den Arm an Nick vorbei aus und berührte kurz Lukes Hand. „Es tut mir leid, dass du sie so früh verloren hast.“

            „Ich weiß noch, dass ich sie in dem Cottage in der Nähe von Lambert’s Bay besucht habe. Es gehörte ihrer älteren Schwester, bei der sie aufgewachsen ist. Diese war Archäologieprofessorin und häufig weg auf irgendwelchen Ausgrabungen.“ David trank einen Schluck.

            Wow, er hatte eine Tante! Nicht dass er sie nach so langer Zeit noch ausfindig machen wollte, aber trotzdem …

            „Ich habe ihre Arbeiten geliebt und bewundert. Sie hatte das Zeug zu einer ganz großen Künstlerin. Dann war da noch Greg Prescott …“

            „Dad kommt in Schwung“, meinte Nick leise. „Wenn wir nicht aufpassen, hält er uns einen Vortrag über jeden Künstler, den er je gekannt hat.“

            „Ablenkung tut Not“, zischte John, und Patrick sprang auf.

            „Sag, Zwerg, wann tragen wir unsere Wette aus? Hier gibt es doch bestimmt eine Fünfkilometerstrecke, auf der wir klären können, wer der Langsamere von uns ist.“

            „Wunderbar.“ Liza strahlte. „Die tropfenden Wasserhähne nerven mich entsetzlich.“

            Wette? Tropfende Wasserhähne? Fragend sah Luke Nick an. „Die beiden haben gewettet, dass sie über fünf Kilometer schneller laufen als der andere, und wer verliert, muss Mums tropfende Wasserhähne reparieren.“

            „Und das bin nicht ich, du lahme Ente“, höhnte Patrick.

            „Und ich erst recht nicht, du Schnecke.“

            Luke trank einen Schluck, bevor er Jess durchdringend anschaute. „Nein.“ Er beobachtete, wie sie den Mund öffnete, um zu protestieren, und fügte deshalb energisch hinzu: „Das geht nicht.“

            Jess wich seinem Blick nicht aus und antwortete schließlich rebellisch: „Das schaffe ich problemlos.“

            „Zehn.“ Luke hob beide Hände. Sie wollte nicht, dass ihre Leute von dem genähten Bein erfuhren, denn sie sollten keinen Wirbel um sie machen. Deshalb hatte er zugestimmt, es für sich zu behalten. Aber nicht, wenn sie mit ihrem Bruder um die Wette laufen wollte.

            Jess fluchte stumm und wandte sich schließlich Patrick zu. „Nicht dieses Wochenende, Schnarchnase. Mir tun nach dem Sturz noch die Knochen etwas weh.“

            Patrick schien die Entschuldigung gelten zu lassen. Doch Nick hob die Brauen. „Zehn, was?“

            Luke ignorierte ihn, aber Patrick griff den Punkt auf. „Was ist das für ein Deal zwischen dir und Luke? Ich glaube, es ist das erste Mal in der Geschichte, dass du auf einen Mann hörst, ohne zu diskutieren.“

            „Ich wüsste nicht, was dich das zu interessieren hat. Kümmere dich gefälligst um deine Angelegenheiten.“

            „Du bist meine Angelegenheit.“

            Nick verdrehte die Augen. „Und los geht’s.“ Er schaute Luke an. „Die beiden legen sich schon ihr Leben lang miteinander an. Pat ist nur elf Monate älter als Jess und liebt es, sie herumzukommandieren. Nicht dass wir nicht alle neugierig sind, was zwischen dir und unserer kleinen Schwester ist.“

            „Nur haltet ihr mehr hinterm Berg damit?“, erwiderte Luke und las die Warnung in Nicks Augen. Spiel mit ihr, und du bist ein toter Mann. Er wurde ärgerlich. Schließlich hatte sie ihn nicht in flagranti ertappt. Was sie auch nie tun würde. Er war kein Betrüger.

            „Ich habe die Schlafzimmer im Haus gezählt. Sie reichen gerade so für uns“, stellte John fest. „Wo wirst du schlafen, Jess?“

            Alle Erwachsenen horchten auf. In manchen Blicken spiegelte sich Verwunderung, in anderen ein erwachender Beschützerinstinkt. Ihre Mutter beugte sich vor, und ihre Großmutter lachte leise. Verzweifelt blickte sie kurz zu Luke hin.

            Das war die Kehrseite einer solchen Familie. Es gab keine Privatsphäre. „Ich habe Jess angeboten, während eures Besuchs in meinem Haus zu schlafen. Da wir an diesem Wochenende auch etwas arbeiten müssen, ist es die praktischste Lösung.“

            „Ihr schlaft also zusammen? Und wenn nein, warum nicht?“ Liza stützte die Ellbogen auf den Tisch. „Bist du liiert? Verheiratet? Schwul?“

            „Mum!“ Jess fuhr sich mit den Händen durchs Haar.

            „Was ist?“ Unschuldig schaute ihre Mutter sie an. „Ich will, dass du glücklich bist. Und wenn euch beide nur die Arbeit verbindet, kenne ich wenigstens drei Männer, die gern deine Telefonnummer hätten.“

            „Du meine Güte.“ Jess stöhnte auf. „Ich habe gesagt, dass wir Freunde sind. Einfach bloß Freunde.“

            „Dann könnten Grant und du ja vielleicht wieder zusammenkommen“, schlug Patrick vor. „Ich habe ihn letzte Woche getroffen. Er hat sich nach dir erkundigt.“

            „Er ist noch solo. Wir haben gemeinsam ein Bier getrunken“, erzählte Chris. „Er ist sehr traurig, dass ihr nicht mehr zusammen seid, und hat gemeint, du seist das Beste, was ihm je passiert sei. Nicht dass ich es verstehe. Aber na bitte.“

            „Er ist ein netter Kerl, Jess“, erklärte John.

            „Du solltest ihm eine zweite Chance geben“, meldete Patrick sich erneut zu Wort, und Jess schob ihren Stuhl zurück und stand leicht unsicher auf.

            Luke bemerkte, dass sie ganz blass um die Nase war, und wusste, dass sie physisch – und wahrscheinlich auch psychisch – an ihre Grenzen stieß. Sie war in diesem Moment zweifellos nicht mehr in der Lage, ihrer Familie etwas zu entgegnen. Als sie zu wanken begann, sprang er auf, um bei ihr zu sein, bevor die Beine ihr den Dienst versagten. Er hatte sich nicht geirrt. Sie hatte ihre Grenze bereits überschritten.

            „Es reicht.“ Er legte ihr den Arm um die Taille, und Jess hielt sich wankend an ihm fest, während er ihre Brüder nacheinander anschaute. „Meine Güte, ihr seid harte Brocken. Seht ihr denn nicht, dass sie nicht in der Verfassung ist, mit euren Schwachsinnsäußerungen umzugehen? Ihr Bein wurde mit zehn Stichen genäht. Sie ist ziemlich angeschlagen.“

            Sein wütender Blick ließ Patrick schweigen. „Jess und ich … Verdammt, ich weiß nicht, was Sache zwischen uns ist. Aber es ist allein unsere Angelegenheit. Und der Nächste, der davon redet, sie solle zu dem Mistkerl zurückkehren, den sie mit einer anderen in ihrem Bett erwischt hat, kriegt einen Tritt in den Hintern. Von mir.“ Luke drückte Jess’ Kopf an seine Brust. „Ich bringe sie jetzt nach Hause. Für heute ist es genug. Sie kommt morgen früh wieder her … Wenn sie sich danach fühlt.“

            Stumm beobachtete Jess’ Familie, wie Luke mit ihr das Zimmer verließ.

            „Nun denn“, unterbrach Nick schließlich das entsetzte Schweigen. „Mir scheint, Jess hat endlich jemanden gefunden, der noch stärker ist als sie. Wie schön. Es wurde auch Zeit. Grandma, reichst du mir bitte die Weinflasche, die du ja schon die ganze Zeit mit Beschlag belegst.“

Jess hatte die zweite Nacht hintereinander in Lukes Bett geschlafen. Kurz nachdem er sie nach oben getragen und ihr zwei Schmerztabletten gegeben hatte, war sie auch schon eingeschlafen.

            Jetzt drehte Jess sich auf die Seite, denn es duftete nach frischem Kaffee, und sie sah ihn nur mit einem Handtuch um die schmalen Hüften das Zimmer betreten. Er hatte wirklich einen umwerfenden Körper.

            Lächelnd stellte er einen Becher auf den Nachttisch. Jess richtete sich auf und warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach neun. Eine ungewöhnliche Zeit für ihn zum Duschen.

            „Als ich heute Morgen von meinem Rundgang zurückgekehrt bin, wollten deine Brüder gerade laufen gehen und haben mich aufgefordert, mitzukommen.“ Er setzte sich aufs Bett. „Es war offenbar ein Test. Sie sind wohl alle Wettkampftypen?“

            Jess stöhnte. „Und bestimmt haben sie sich als ganze Kerle aufgespielt.“

            „Sie haben versucht, mich abzuhängen. Aber ich konnte mithalten.“

            „Wenn du Patrick schlägst, küsse ich dich, bis dir Hören und Sehen vergeht.“

            „Ich habe ihn geschlagen. Ich bin die fünf Kilometer in dreiundzwanzig zehn gelaufen.“

            „Du hast sie alle geschlagen?“

            „Genau.“

            „Super, du hast es ihnen gezeigt.“ Jess freute sich diebisch. „Dir ist klar, dass du mich jetzt heiraten musst, oder?“

            Luke verschluckte sich an seinem Kaffee. „Wie bitte?“

            „Als du gestern für mich eingetreten bist, hast du dich – zumindest in den Augen meiner Mutter – praktisch bereits erklärt. Während wir jetzt reden, plant sie wahrscheinlich schon die Hochzeit.“

            „Du lieber Himmel. Familien sind kompliziert. Und deine ist vermutlich noch komplizierter als die meisten.“

            „Ich bin das Nesthäkchen … Mit vier älteren Brüdern.“

            „Die mir angedroht haben, mich zu kastrieren, sollte ich dir wehtun.“

            „Du meine Güte.“ Jess atmete tief ein. „Haben sie sich auch noch gegen die Brust getrommelt?“

            „Ja.“ Luke grinste. „Und danach haben sie die restliche Strecke darüber diskutiert, was sie mit deinem Ex machen sollen. Ihn mit einem Zementblock an den Füßen im nächsten Fluss zu versenken, war auch im Angebot.“

            „Ihr Ärger wird verrauchen, und dann werden sie ihn einfach ignorieren. Hoffe ich. Es tut mir leid, Luke. Ich weiß, sie sind unmöglich und sehr direkt. Ich würde es verstehen, wenn du sie ab jetzt meidest.“

            „Ich habe keine Familienerfahrung und deshalb keine Ahnung, wie ich agieren oder reagieren soll. Gestern war ich wahnsinnig nervös.“

            „Was man dir aber nicht angemerkt hat.“ Sein Geständnis ließ ihr Herz höher schlagen. „Sei einfach du selbst. Und mach dir wegen meiner Mutter keine Gedanken. Solltest du mit deiner gestrigen Ansprache nicht zu ihr durchgedrungen sein, ist ihr aber sehr wohl klar, dass ich mich zu nichts zwingen lasse. Sag, wie findest du es, dass mein Vater deine Mutter gekannt hat?“, erkundigte sie sich und sah, wie er sich verspannte.

            „Die Kunstszene in den Siebzigern war wohl kleiner, als ich vermutet hatte.“

            „Wirst du versuchen, deine Tante aufzuspüren?“

            „Warum sollte ich?“

            Jess runzelte die Stirn. „Sie könnte dir etwas über deine Mutter erzählen.“

            Seine Gesichtszüge verhärteten sich. „Ich weiß alles, was ich über sie wissen muss. Sie war eine talentierte Malerin, die beschlossen hat, mich nicht mehr zu wollen. Dann ist sie gestorben.“

            Seine emotionslose Stimme tat ihr in der Seele weh. Er musste sehr tief verletzt sein. „Deine Tante könnte dir erklären …“

            „Ich bin sechsunddreißig. Sie muss von mir gewusst haben und hatte lange genug Zeit, um mich zu finden und mir was auch immer zu erklären.“

            Sein Ton verriet ihr, dass sie das Thema besser nicht weiter vertiefen sollte, und so ließ sie es bleiben. Sie hatten gerade erst eine schwierige Situation zwischen ihnen beiden bewältigt. Wenn sie jetzt mit ihm diskutierte, würde sie diesen Frieden womöglich gefährden.

            Behutsam hob er ihr Kinn an. „Wie fühlst du dich?“

            Jess benetzte die Lippen, als sie den verhaltenen Ausdruck der Leidenschaft in seinen Augen las. „Viel besser.“

            Luke neigte sich vor und legte ihr eine Hand an den Nacken. „Hast du nicht davon geredet, mich küssen zu wollen, bis mir Hören und Sehen vergeht?“

            „Das könnte sein“, erwiderte sie leise und seufzte auf, als er sie zärtlich und atemberaubend küsste.

            Aber sie wollte mehr als bloß diesen Kuss und zog deshalb an seinem Handtuch. Sogleich wich er zurück und blickte sie bedauernd und frustriert an. „Das geht nicht. Dein Bein.“

            „Ich bin es leid, einfach nur in deinem Bett zu schlafen. Und was mein Bein angeht, vertraue ich dir, dass du auf mich aufpasst.“

            Schon beugte er sich wieder zu ihr.

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