Felsen der Liebe

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Der Blick aufs Meer ist atemberaubend, und Meg müsste überglücklich sein: Plötzlich gehört ihr die Hälfte von "Heron's View", ein hoch auf den Klippen gelegenes majestätisches Anwesen! Doch der andere Besitzer ist Guy Delacroix. Vor Jahren hat sie eine einzige leidenschaftliche Nacht mit ihm verbracht - und Meg erkennt erst jetzt, dass sie nie aufgehört hat, ihn zu lieben.


  • Erscheinungstag 10.12.2012
  • ISBN / Artikelnummer 9783955760465
  • Seitenanzahl 192
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Alison Fraser

Felsen der Liebe

Roman

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright ® 2012 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Strenght of Desire

Copyright ® by Alison Fraser

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Mauritius GmbH, Mittenwald

Titelabbildung: Harlequin Books, S.A.

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN eBook 978-3-95576-046-5

www.mira-taschenbuch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Die Tränen liefen Meg über das Gesicht, als im Radio Jacks bekanntester Song gespielt wurde, “Wie kann ich dich nicht lieben”.

Sie schaltete das Radio aus und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Was der Moderator vorher gesagt hatte, war ein Schock für sie gewesen: “Letzte Nacht ist Jack Delacroix bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.”

Warum hatte niemand sie angerufen – nicht einmal Guy? Noch immer wurde sie wütend, wenn sie nur an Jacks Bruder dachte.

Ihr nächster Gedanke galt Maxine. Sie musste es ihr erzählen, bevor Maxine es von jemand anders erfuhr. Wie würde sie reagieren?

Es ist meine Schuld, dass sie so schwierig ist, gestand Meg sich ein. Ihre Tochter war zwölf, sah aber aus wie vierzehn, und sie war trotzig und launisch. Ich war damals einfach zu jung, sagte sich Meg.

Mit siebzehn hatte sie Jacques, der von allen Jack genannt worden war, kennen gelernt, und als sie ihn geheiratet hatte, war sie gerade achtzehn gewesen. Kurz darauf wurde sie schwanger. Einfach lächerlich!

Das behauptete zumindest Guy Delacroix, Jacks kleiner Bruder. Da Jack ihn so nannte, stellte Meg Guy sich als jüngere, unscheinbarere Ausgabe von Jack vor. Doch Guy hatte nie in Jacks Schatten gestanden.

Sie erinnerte sich genau an ihre erste Begegnung. Es war in einem Restaurant in London gewesen. Jack hatte ihn zum Mittagessen eingeladen, um ihm seine Verlobte vorzustellen. Guy kam mit dem Wagen aus Cornwall, wo er wohnte, und war unpünktlich. Daher hatten Jack und sie sich bereits an einen Tisch gesetzt und bemerkten Guy gar nicht, als er das Restaurant betrat.

Als er an ihren Tisch kam, blickte Meg ihn überrascht an. Er war etwa einen Meter neunzig groß und überragte Jack damit um einige Zentimeter. Außerdem sah er mit seinem dunklen Haar, den grauen Augen und dem sonnengebräunten Teint auch älter aus als Jack.

Jack hingegen, der fünfunddreißig war, wirkte rund zehn Jahre jünger. Er war blond und jungenhaft und verfügte über umwerfenden Charme. Ihn schien der große Altersunterschied zwischen ihnen genauso wenig zu stören wie Meg.

Doch Guy Delacroix musste sie brutal daran erinnern. Nachdem er Meg eine Weile angesehen hatte, wandte er sich direkt an seinen älteren Bruder.

“Bist du verrückt, Jack?”, sagte er auf Französisch. “Sie ist ja noch ein Kind.”

Wenn er sie dabei angeschaut hätte, hätte er gemerkt, dass sie ihn verstanden hatte, denn sie konnte ein wenig Französisch.

Sie erwartete, dass Jack ihm widersprechen oder wütend werden würde, aber er lachte nur. “Vielleicht”, meinte er ebenfalls in seiner Muttersprache. “Aber sie ist ein sehr hübsches Kind, stimmt ‘s?”

Natürlich hatte sie das auch verstanden. Wenn sie in dem Internat, auf das ihr Vater sie geschickt hatte, auch sonst nicht viel gelernt hatte, so hatte sie doch unter anderem solide Grundkenntnisse in Französisch erworben.

Guy musterte sie erneut. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er anderer Meinung als sein Bruder.

Ihr allerdings war das egal. “Ich bin weder ein Kind, noch bin ich dumm”, informierte sie Guy auf Französisch, die blauen Augen wütend zusammengekniffen.

Jack wirkte zunächst überrascht, doch dann lachte er wieder, während sein Bruder verächtlich den Mund verzog. Nun fand Meg ihn plötzlich nicht mehr attraktiv.

“Soll ich mich bei Ihnen entschuldigen?”, erkundigte er sich kühl.

“Nicht, wenn es Ihnen so schwer fällt”, entgegnete sie ihm betont locker.

Es war Hass auf den ersten Blick.

Jack lächelte und fuhr auf Englisch fort: “Also, fangen wir ganz von vorn an … Meg, darf ich dir Guy Delacroix vorstellen, meinen Bruder. Guy, das ist Meg Gardener, meine Verlobte.”

Guy zögerte einen Moment. “Freut mich, Sie kennen zu lernen”, sagte er schließlich und streckte ihr die Hand entgegen.

Seine Persönlichkeit schien sich mit der Sprache zu verändern, denn mit einem Mal wirkte er ganz sachlich. Jedenfalls war es das erste und letzte Mal gewesen, dass er in Megs Gegenwart Französisch gesprochen hatte.

Als sie ihm die Hand schüttelte und sich wieder setzte, fragte sich Meg, wie sein wahres Wesen sein mochte. Sie rief sich ins Gedächtnis, was Jack ihr über seine Familie erzählt hatte. Seine Mutter, eine Engländerin, stammte aus Cornwall. Sie hatte einen Franzosen geheiratet und zunächst in Paris gelebt. Nachdem Armand Delacroix gestorben war, war Jack zwölf und Guy sieben gewesen. Einige Jahre später waren sie mit ihrer Mutter nach Cornwall zurückgekehrt.

Auf den ersten Blick hatte Guy Delacroix so temperamentvoll wie ein Franzose gewirkt, aber als Meg nun seiner Unterhaltung mit Jack lauschte, musste sie ihre Meinung revidieren. Er war Rechtsanwalt und sprach genauso trocken und sachlich, wie man es von einem Vertreter dieses Berufsstands erwartete. Jack übertrug ihm seine Geschäfte, und da er in London wohnte, nahm sie an, dass er seinem Bruder damit einen Gefallen tun wollte.

Guy machte jedoch keinen besonders dankbaren Eindruck, sondern sprach in einem vorwurfsvollen Tonfall von Verträgen und Gewinnbeteiligungen, während Jack so freundlich wie immer war und kaum Interesse am Geld zeigte.

Meg hatte dafür volles Verständnis. Jack war Künstler. Er schrieb Liebeslieder, die zu Herzen gingen, und hatte Millionen weiblicher Fans. Wer konnte ihm also zum Vorwurf machen, dass er nicht über die langweiligen Fakten sprechen wollte, die seinen Auftritten zugrunde lagen?

“Komm schon, Guy”, sagte Jack schließlich zu seinem Bruder. “Meg hat keine Lust, sich die Einzelheiten über das Vertragsrecht anzuhören, stimmt ‘s, chérie?” Jack lächelte ihr verführerisch zu, und sie erwiderte sein Lächeln.

“Vielleicht doch, wenn sie damit verhindern kann, dass du eines Tages bankrott bist”, erklärte Guy ärgerlich.

Sie warf ihm einen fragenden Blick zu. Wollte er damit andeuten, sie würde sich nur für das Geld seines Bruders interessieren?

“Mein kleiner Bruder ist ein Zyniker”, meinte Jack lachend. “Er denkt, dass du mich nur wegen meines Geldes liebst. Wollen wir ihn nicht vom Gegenteil überzeugen?” Er beugte sich über den Tisch, um sie verlangend zu küssen.

Meg war so schockiert, dass sie errötete, nachdem er sich von ihr gelöst hatte. Zum Glück hatte niemand außer Guy, der sie nun verächtlich musterte, die Szene beobachtet.

Jack schien es gar nicht zu bemerken, denn er begann, seinem Bruder ihre Hochzeitspläne zu erklären. Er berichtete ihm, dass sie sich auf Megs Wunsch hin darauf geeinigt hätten, sich nur standesamtlich trauen zu lassen. Als Jack ihn dann bat, sein Trauzeuge zu sein, war Meg klar, dass Guy ablehnen würde. Tatsächlich stellte sich heraus, dass er an dem Tag einen Gerichtstermin hatte, den er unbedingt einhalten musste.

Jack war enttäuscht und schien im Gegensatz zu ihr nicht auf die Idee zu kommen, sein Bruder könnte ihn belügen. Natürlich hatte Guy keine Lust, Trauzeuge zu sein, wenn die Ehe in seinen Augen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Nein, ein Heuchler war Guy gewiss nicht, denn er machte aus seinen Ansichten keinen Hehl. Als Jack sich für einen Moment entschuldigte, legte Guy sofort los.

“Wie alt sind Sie?”, erkundigte er sich. “Siebzehn?”

“Fast achtzehn”, entgegnete Meg scharf.

“So alt”, bemerkte er sarkastisch. “Ich nehme an, dass Sie sich für die Hochzeit in der Schule einen Tag freigenommen haben.”

“Ich habe meinen Abschluss letztes Jahr gemacht”, informierte sie ihn.

Er zog missbilligend die Augenbrauen hoch. “Mit sechzehn?”

“Allerdings.” Bereits jetzt gab sie es auf, ihren zukünftigen Schwager für sich zu gewinnen. “Ich bin nicht nur jung und dumm, sondern auch ungebildet. Ich kann meine Fehler ja aufzählen. Dann können Sie es sich sparen, sie selbst herauszufinden.”

Einen Moment wirkte er erstaunt. “Warum nicht?”, schlug er schließlich vor.

“Warten Sie mal … Also, ich bin arbeitslos, habe kein Geld, und bald werde ich auch kein Zuhause mehr haben. Im Sommer bekomme ich Heuschnupfen und im Winter Bronchitis … Ach, und die Frauen in meiner Familie neigen dazu, ab dem dreißigsten Lebensjahr dicke Knöchel zu bekommen.” Das war das Lächerlichste, das ihr spontan eingefallen war.

Sekundenlang umspielte ein Lächeln seine Lippen, doch gleich darauf wurde er wieder ernst. Offenbar hatte Guy Delacroix beschlossen, Meg nicht zu mögen.

“Was hält Ihre Familie davon, dass Sie jemand heiraten, der siebzehn Jahre älter ist als Sie?”

“Gar nichts”, erklärte Meg. “Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben, mein Vater vor ein paar Monaten.”

Guy kniff die Augen zusammen, als wäre ihm klar, was das bedeutete. “Haben Sie Jack vor oder nach dem Tod Ihres Vaters kennen gelernt?”

“Ich kenne ihn schon seit Jahren”, gestand sie. “Mein Vater hat einige seiner ersten Platten produziert.”

“Gardener … Max Gardener war Ihr Vater?”

Meg nickte, völlig überrascht, dass Jack es ihm nicht erzählt hatte.

Offenbar schien Guy ihre Gedanken zu erraten. “Jack hat mir nur erzählt, dass Sie jung, blond und umwerfend sind – und seine große Liebe natürlich.”

Sein hörbar verächtlicher Tonfall bewies ihr, dass Guy es Jack nicht geglaubt hatte. Anscheinend hielt Guy sie lediglich für eine weitere von Jacks Eroberungen.

“Haben Sie schon mit ihm geschlafen?”, fügte er beinahe lässig hinzu.

“Wie bitte?” Ungläubig blickte sie Guy an.

“Ob Sie schon mit ihm geschlafen haben.”

“Ich … Wir … Das geht Sie überhaupt nichts an!”, erwiderte sie zornig.

“Also nicht”, folgerte Guy, da sie errötet war. “Aber vielleicht sollten Sie es tun. Auf die Art stellen sie beide nämlich am schnellsten fest, dass sie nicht zusammenpassen.”

“Woher wollen Sie wissen, dass wir nicht zusammenpassen?”, erkundigte sie sich empört.

“Abgesehen von dem Altersunterschied, meinen Sie?”

“Sie sind doch bloß neidisch auf Jack – auf sein Talent, seinen Ruhm, sein …”

“Geld?”, ergänzte Guy trocken.

Meg kochte vor Wut. Offenbar würde ihn nichts von seiner Meinung abbringen, dass sie es auf Jacks Geld abgesehen hatte.

“Ich bin noch nie neidisch oder eifersüchtig auf Jack gewesen”, fuhr Guy fort. “Mir geht es finanziell nicht schlecht. Was sein Talent betrifft … Na ja, ich muss zugeben, dass das Schreiben von Liebesliedern nicht gerade meine Stärke ist. Und auf Ruhm kann ich gut verzichten. Aber ich nehme an, dass all das einen starken Reiz auf Sie ausübt.”

“So naiv bin ich nicht.” Sie wusste genau, welchen Preis man für den Ruhm zahlte. Ihr Vater war ein bekannter Schallplattenproduzent gewesen – und reich. Doch als seine Musik nicht mehr so gefragt gewesen war, hatte er Trost im Alkohol gesucht.

“Nein, vermutlich nicht”, räumte Guy ein. “Sicher haben Sie durch Ihren Vater viele berühmte Leute kennen gelernt.”

“Als ich klein war”, korrigierte sie ihn. “Die Leute aus dem Showbusiness verkehren nicht gern mit Versagern, weil sie glauben, es sei ansteckend.”

Guy zog jetzt erstaunt die Augenbrauen hoch. “Woran ist er denn gestorben?”

“An Krebs. Das ist auch nicht ansteckend”, bemerkte sie bitter, “aber trotzdem hat ihn keiner besucht. Erst auf seiner Beerdigung sind sie alle wieder erschienen. Seine Exfrauen haben sich die Augen ausgeweint, weil es ein für alle Mal mit den Unterhaltszahlungen vorbei war.”

“Wie viele waren es?”

“Exfrauen, meinen Sie?”, fragte Meg. “Drei, aber nur zwei waren auf der Beerdigung.”

Guy verzog das Gesicht. “Zählte Ihre Mutter auch dazu?”

“Nein.”

Ihr Vater hatte ihr oft erzählt, dass ihre Mutter seine große Liebe gewesen war. Mit dieser Tatsache hatten sich seine drei anderen Frauen auseinandersetzen müssen.

“Sind Sie Jack bei der Beerdigung wieder begegnet?”

“Nein, er hat Dad ein oder zwei Wochen vorher besucht, als er im Sterben lag. Später hat Jack angeboten, mir bei den Formalitäten zu helfen.”

Es war unverkennbar, wie dankbar Meg ihm dafür war. Jack war sowohl ihrem Vater als auch ihr stets ein guter Freund gewesen, und trotz des Schmerzes über den Verlust ihres Vaters hatte sie sich in Jack verliebt.

“Das war nett von ihm”, meinte Guy ausdruckslos.

“Was soll das heißen?”

“Nichts, nur …” Er zögerte einen Moment, bevor er fortfuhr. “Ich muss zugeben, dass ich die Situation falsch eingeschätzt hatte.”

“Ist schon gut”, versicherte sie, da sie mit Jacks Familie nicht auf Kriegsfuß stehen wollte.

“Trotzdem sollten Sie sich alles noch einmal genau überlegen”, beharrte Guy. “Sie sind erst siebzehn. Sie haben gerade Ihren Vater verloren und sind verletzbar …”

“Ich kann auf mich selbst aufpassen”, behauptete sie wenig überzeugend, während sie nervös an der Tischdecke zupfte.

“Dann tun Sie es auch.” Guy legte seine Hand auf ihre. “Und lassen Sie nicht zu, dass Jack es für Sie tut.”

Guy hatte das so nachdrücklich gesagt, dass sie ihn erstaunt ansah. Während sie ihm in die Augen schaute, glaubte sie, sein wahres Wesen zu erkennen. Sie spürte, wie stark er war, und seine Selbstsicherheit machte ihr angst. Dann kam Jack an den Tisch zurück.

“Na, haltet ihr Händchen?” Sein Tonfall war nicht ganz so lässig, wie er hätte sein sollen.

Meg errötete, obwohl sie sich keiner Schuld bewusst war, und zog schnell ihre Hand zurück.

Guy dagegen ließ sich nicht aus der Fassung bringen. “Nicht ganz. Ich habe lediglich versucht, Meg davon zu überzeugen, dass sie im Begriff ist, den größten Fehler ihres Lebens zu machen.”

“Indem Sie mich heiratet?”, fügte Jack hinzu und lachte, als sein Bruder nickte. “Genau das mag ich an dir. Du sagst immer, was du denkst. Aber diesmal irrst du dich, Guy. Meg und ich werden es schaffen. Du wirst sehen …”

“Du wirst sehen …” Meg schloss die Augen, als sie sich nach all den Jahren an Jacks Worte erinnerte. Guy hatte zugesehen, wie ihre Ehe gescheitert war. Er hatte mehr getan, als nur zugesehen.

Meg zwang sich, nicht daran zu denken, und stand auf, um sich fertig zu machen.

Sie hatte sich gerade das Gesicht gewaschen, als heftiges Türenknallen verriet, dass ihre Tochter eingetroffen war. Sie kam direkt zu ihr ins Bad und musterte sie.

“Was ist los?”, fragte Maxine. “Du hast ja geweint.”

Es klang wie ein Vorwurf – wie alles, was sie zurzeit von sich gab.

“Nein … Doch, ja.” Meg wünschte, sie hätte sich die Worte vorher sorgfältig zurechtgelegt. “Es ist … es ist wegen deines Vaters.”

“Mein Vater? Ich weiß, er ist tot”, erwiderte Maxine.

“Es tut mir leid, Schatz.” Meg streckte die Hand aus, doch Maxine wich vor ihr zurück. “Ein Autounfall. Ich habe es im Radio gehört. Es tut mir leid …”

“Mir nicht!”, rief Maxine. “Und erwarte bloß nicht, dass ich jetzt weine.” Dann wandte sie sich ab und lief aus dem Bad.

Meg folgte ihr in ihr Zimmer. Maxine lag bäuchlings auf dem Bett und weinte wie ein kleines Kind. Als Meg sich zu ihr setzte und ihr tröstend eine Hand auf die Schulter legte, drehte Maxine sich um.

“Es ist mir egal!”, schluchzte sie. “Ich hasse ihn. Ich hasse ihn!”

“Ich weiß. Ist ja gut.” Meg strich ihr einige Strähnen aus dem tränenverschmierten Gesicht.

“Es war alles deine Schuld!”, warf ihre Tochter ihr vor.

Obwohl das weh tat, musste Meg ihr Recht geben. Alles war ihre Schuld gewesen. Sie versuchte, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen, aber Maxine erkannte offenbar den gequälten Ausdruck in ihren Augen. Schließlich setzte sie sich auf und umarmte sie.

“Ich habe es nicht so gemeint”, brachte Maxine hervor.

“Das weiß ich, mein Schatz.” Meg hielt sie fest und wiegte sie sanft, als wäre sie ein Baby. Doch Meg war mit ihren Gedanken woanders. Vor all den Jahren hatte sie ein anderes Baby in den Armen gehalten. Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie sich Kinder gewünscht hatte, weil sie geglaubt hatte, erst dann ein erfülltes Leben zu führen. Dabei hatte sie sich nicht gefragt, warum ihr etwas gefehlt hatte. Außerdem hatte sie geglaubt, Jack wäre genauso glücklich wie sie, aber sie hatte sich natürlich geirrt …

“Du bist was?”, hatte Jack gerufen, nachdem Meg es ihm erzählt hatte. “Ich bin schwanger”, wiederholte sie strahlend, “und zwar im dritten Monat.”

Vergeblich wartete sie darauf, dass er sich freute. Er sah sie lediglich bestürzt an.

“Das ist ein ganz schöner Schock”, stellte er schließlich fest, nachdem er sich einigermaßen gefangen hatte. “Ich dachte, wir würden etwas Zeit für uns haben. Wir beide hatten doch abgemacht …”

“Ich weiß”, unterbrach sie ihn. Sie hatten abgemacht, Verhütungsmittel zu benutzen, aber irgendetwas war schiefgegangen. “Ich habe es nicht geplant. Mir war nicht klar, dass es dir so viel ausmachen würde.”

“Darum geht es nicht.” Jack ging zur Bar, um sich einen Drink einzuschenken. “Es passt nur nicht so gut in unsere Pläne. In drei Monaten beginnt meine Welttournee, und sie wird noch nicht beendet sein, wenn das Kind geboren wird. Vielleicht sollten wir noch warten.”

“Warten?”, wiederholte sie verwirrt. “Du meinst wohl, mit deiner Tournee.”

“Nein, das ist unmöglich. Ich kann die Tournee nicht absagen. Ich dachte nur … Na ja, wenn du erst im dritten Monat bist …” Er sprach den Gedanken nicht aus.

Als Meg klar geworden war, was er damit meinte, war sie traurig geworden. “Du meinst, wir sollen das Kind nicht bekommen.”

“Ja, wir sollten uns eine Alternative überlegen.”

Es war tatsächlich ihre Schuld gewesen. Vielleicht hätte sie, Meg, ihre Ehe gerettet, wenn sie damals einen Schwangerschaftsabbruch hätte machen lassen und später wieder ein Kind bekommen hätte. Allerdings hatte sie es nicht fertig gebracht, das Baby abtreiben zu lassen, nur weil es zu einem ungünstigen Zeitpunkt kam.

“Sieh mal, Maxine”, sagte Meg leise. “Du hast deinen Vater in all den Jahren kaum zu Gesicht bekommen, aber es hatte nichts mit dir zu tun.”

“Ich weiß. Er mochte keine Kinder.” Das war eine Vereinfachung dessen, was sie ihrer Tochter im Laufe der Zeit erzählt hatte. “Warum ist er dann überhaupt erschienen?”

Dieselbe Frage hatte Meg sich unzählige Male gestellt. Nach zehn Jahren Funkstille war Jack eines Nachmittags bei ihr zu Hause aufgetaucht und hatte sich Maxine gegenüber von seiner charmantesten Seite gezeigt. Maxine war mit ihren zehn Jahren schon damals eine kleine Schönheit gewesen. Sie hatte von ihrer Mutter die blauen Augen und den sinnlichen Mund geerbt, hatte aber im Gegensatz zu ihr schwarzes Haar und markantere Züge.

“Es wäre besser gewesen, wenn er nie bei uns aufgetaucht wäre”, verkündete Maxine wütend, bevor sie aufstand und zu dem Waschbecken in ihrem Zimmer ging.

Meg dachte dasselbe, doch damals hatte sie die Situation nicht unter Kontrolle gehabt. Jack hatte sich eine Tochter gewünscht – zumindest für eine Weile –, und Maxine hatte einen Vater gebraucht. Allerdings hatte Jacks Interesse sehr schnell nachgelassen.

“Was passiert ist, tut mir leid”, erklärte Meg, nachdem Maxine sich das Gesicht gewaschen und sich abgetrocknet hatte.

“Ach ja?”, entgegnete sie vorwurfsvoll. “Ich durfte doch nie mit ihm weggehen.”

Meg schwieg, denn es stimmte. Ein Jahr lang hatte sie mit angesehen, wie Jack ihre Tochter mit leeren Versprechungen hingehalten hatte. Dann hatte Meg der Beziehung ein Ende gesetzt.

“Das ist Katie”, meinte Maxine, da es an der Tür geklingelt hatte. “Wir wollen zusammen Hausaufgaben machen. Ich lasse sie herein.”

“Ja, geh nur.” Meg blinzelte, als ihre Tochter nach unten lief, um ihre beste Freundin zu begrüßen. Sie hörte, wie die beiden im Flur lachten.

Unwillkürlich wünschte Meg sich, noch einmal zwölf zu sein und nur in der Gegenwart zu leben. Ihr war es nie gelungen, die Vergangenheit zu vergessen. Sie wurde bald zweiunddreißig, und obwohl sie bereits seit zwölf Jahren allein lebte, holte die Vergangenheit sie immer wieder ein …

Als Meg im sechsten Monat schwanger gewesen war, hatte sie sich unbeschreiblich elend gefühlt. Jack war ihrer überdrüssig geworden, und sie machte ihm nicht einmal einen Vorwurf daraus. Sie konnte sich selbst nicht ausstehen.

“Du hast keine Wahl”, sagte Jack zum unzähligsten Mal, während sie nach Cornwall fuhren. “Deine Eisenwerte sind so schlecht, dass du ständig in Ohnmacht fallen würdest. Du kannst mich auf der Tournee nicht begleiten, und zu Hause kannst du genauso wenig bleiben.”

“Ich hätte doch bei Vicki wohnen können.” Noch immer hoffte Meg, er würde seine Meinung ändern.

“Vicki ist ein nettes Mädchen, aber glaubst du, sie wäre dir eine große Hilfe?”

Leider hatte er Recht. Vicki war seit ihrer Zeit im Internat ihre beste Freundin. Sie hatten eine Menge Spaß zusammen gehabt, aber sicher gehörte es nicht zu Vickis Stärken, sich um eine Schwangere zu kümmern.

“Jedenfalls habe ich mich bereit erklärt, Vicki mit auf meine Tournee zu nehmen”, berichtete Jack. “Ich glaube nicht, dass sie mir eine große Hilfe sein wird, aber ich habe es dir zuliebe getan.”

So ergab Meg sich in ihr Schicksal.

Es machte ihr nichts aus, drei Monate in Cornwall bei Jacks Mutter zu verbringen. Was Meg jedoch störte, war die Tatsache, dass sie dort vermutlich auch Jacks Bruder Guy begegnen würde. Seit ihrer ersten Begegnung hatte Meg ihn nicht mehr gesehen, denn er war tatsächlich nicht zur Hochzeit erschienen – im Gegensatz zu seiner Mutter.

Caroline Delacroix, eine attraktive Frau mit silberblondem Haar, war Ende fünfzig, wirkte jedoch jünger. Sie war intelligent und sagte immer, was sie dachte – genau wie Guy.

“Wahrscheinlich werden Sie nicht auf mich hören, aber Sie sind zu jung für meinen Sohn. Und ich bin sicher, dass Sie zu gut für ihn sind”, hatte sie verkündet, als sie sich vor der Hochzeit mit Meg in London getroffen hatte.

Meg hatte sie auf Anhieb sympathisch gefunden, so dass sie sich über ihre Bemerkung nicht ärgerte. “Das hat Ihr anderer Sohn auch gesagt – ich meine, dass ich zu jung für Jack sei.”

“Ja, soweit ich mich erinnern kann, hat Guy versucht, Sie zu warnen”, bestätigte Caroline. “Sie beide haben sich offenbar nicht besonders gut verstanden.”

“Was hat er gesagt?”

“Nicht viel. Nur, dass Sie ‘unmöglich’ sind”, gestand Caroline. “Allerdings könnte das aus seinem Mund ein Kompliment sein. Er mag nämlich keine Frauen, die alles daransetzen, um ihm zu gefallen – und das ist bei den meisten der Fall.”

“Zu den Frauen gehöre ich bestimmt nicht”, hatte Meg ihr versichert, und das schwor sie sich auch jetzt während ihrer Fahrt nach Cornwall.

Es war Megs erster Besuch im Haus der Delacroix’, denn nach der Hochzeit hatte Caroline eine zweimonatige Reise durch China gemacht. Nach ihrer Rückkehr hatte sie kurz in London vorbeigeschaut und Meg eingeladen, sie einmal in Cornwall zu besuchen. Da Jack jedoch nicht einmal am Wochenende Zeit hatte, um wegzufahren, hatte Meg bisher lediglich mit ihrer Schwiegermutter telefoniert. Caroline freute sich darauf, Großmutter zu werden, und hatte sich gern bereiterklärt, Meg während der letzten Monate ihrer Schwangerschaft zu betreuen. Dennoch fühlte Meg sich wie ein Eindringling, als Jack und sie schließlich die Auffahrt zum Familiensitz entlangfuhren.

Das Herrenhaus, das Heron’s View hieß, lag auf einer Klippe am Atlantik und war das schönste Gebäude, das sie je gesehen hatte. Mit seinen zahlreichen Türmen sowie dem großen, von einer Mauer umgebenen Garten erinnerte es an eine längst vergangene Epoche, in der die Großfamilie die Norm gewesen war.

Autor

Alison Fraser
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