Mein Herz schlägt immer noch für dich

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Callies Herz klopft bis zum Hals, ihre Knie werden weich. Niemals hätte sie gedacht, noch einmal so für ihren Exmann Jack zu empfinden, seit vor zwei Jahren ihre Ehe zerbrach. Doch als sie ihn jetzt zum ersten Mal nach der Trennung wiedersieht, spürt sie plötzlich: Sie hat nie aufgehört, ihn zu lieben. Zu spät? Jack scheint schon eine neue Beziehung zu haben. Darf sie ihm da überhaupt noch ihr größtes Geheimnis beichten? Oder hat er vielleicht schon längst selbst gemerkt, dass das Baby, das sie als ihren Neffen ausgibt, ihm verdächtig ähnlich sieht?


  • Erscheinungstag 22.08.2009
  • Bandnummer 1695
  • ISBN / Artikelnummer 9783862952649
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Ein Klingeln riss Callie Taylor aus dem Schlaf. Automatisch tastete sie nach dem Wecker auf ihrem Nachttisch. Aber es war nicht der Wecker, der da klingelte, sondern das Telefon. Stöhnend hob sie den Kopf aus den Kissen und sah auf die Uhr.

Wer rief denn morgens um zwanzig nach fünf an? Bestimmt hatte sich jemand verwählt.

Sie wartete, bis der Anrufbeantworter ansprang, und drehte sich wieder auf die Seite, um weiterzuschlafen. Das Band konnte sie später immer noch abhören.

Doch der frühe Anruf ließ ihr keine Ruhe. Sie stand auf und tapste barfuß in den Flur. Ein Blick ins Kinderzimmer beruhigte sie. Luke war davon nicht wach geworden. Ihr elf Monate alter Sohn lag flach auf dem Rücken, die Beine und Arme entspannt ausgestreckt. Callie lächelte. Ob schlafend oder wach, der süße dunkelhaarige Bengel strotzte nur so vor Vitalität.

Genau wie sein Vater.

Bei diesem Gedanken verschwand das Lächeln aus Callies Gesicht. Aber dann zuckte sie mit den Achseln. Was Männer betraf, machte sie sich keine Illusionen mehr. Sie widmete sich lieber der Wissenschaft.

Als sie ins Wohnzimmer kam, hörte sie, wie ihre jüngere Schwester gerade auf das Band sprach. Schnell griff sie zum Telefonhörer. „Hallo, Isabel. Was ist denn los? Hier in Denver ist es noch nicht mal sechs.“

„Entschuldige, dass ich so früh anrufe. Aber es ist was passiert.“

Alarmiert fragte Callie: „Erzähl mal, worum geht’s?“

„Cal, das ganze Haus steht unter Wasser. Ich rufe vom Gemeindezentrum aus an.“

Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam Callie. Sie setzte sich aufs Sofa und zog die Knie unter das Nachthemd. Ihre Schwester lebte in Augusta, ihrem Geburtsort in Südkansas, und das war über fünfhundert Meilen entfernt.

„Um Gottes willen, Izzy! Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, zum Glück.“

„Gott sei Dank.“

„Ich lag im Bett, und plötzlich gegen halb vier habe ich ein Geräusch gehört. Es klang wie ein Schlag oder ein Knall.“ Isabel sprach mit zittriger Stimme. „Ich bin aus dem Bett gesprungen und die Treppe runtergelaufen, und da stand schon das ganze Erdgeschoss unter Wasser.“ Sie lachte nervös. „Wahrscheinlich kam das Geräusch von einer zerbrochenen Fensterscheibe.“

Callie rieb sich fröstelnd die Beine. „Und wie bist du aus dem Haus gekommen?“

„Die Rettungsdienste waren bereits unterwegs und haben die Leute aus den Häusern geholt. Jetzt sitzen wir alle hier im Gemeindezentrum.“

Callie stellte sich vor, wie ihre Schwester ganz niedergeschlagen in der Notunterkunft saß. Dann fiel ihr ein, dass ihre jüngste Schwester vielleicht auch vom Hochwasser betroffen war. „Hast du was von Josie gehört?“

„Ihr geht es gut. Sie hat gesagt, die Innenstadt sei nicht überschwemmt.“

Callie atmete erleichtert aus.

„Als sie von den Sirenen wach geworden ist, hat sie das Radio angemacht und so von dem Hochwasser erfahren. Sie hat versucht, zum Haus zu kommen, doch die Straßen waren nicht passierbar. Aber sie holt mich gleich von hier ab.“

Zum Glück ging es ihren Schwestern gut. „Ich kümmere mich um einen Flug. Am Flughafen miete ich mir einen Wagen, damit wir noch eine weitere Transportmöglichkeit haben und …“

„Nein, nein“, entgegnete Isabel bestimmt. „Ich wollte dir nur sagen, dass Josie und ich in Sicherheit sind. Du brauchst nicht zu kommen. Bei der Arbeit hast du doch immer so viel zu tun. Da wäre es sicher schwierig für dich, so plötzlich freizubekommen.“

„Wie kommst du denn darauf? Für einen solchen Notfall kann ich mir natürlich ein paar Tage freinehmen. Meine Assistentin kann mit den Versuchen auch ohne mich weitermachen.“

„Aber was ist mit Luke? Den kannst du doch unmöglich mitbringen.“

Nachdenklich zog Callie die Stirn in Falten. Ihre Schwester hatte recht. Mit ihrem kleinen Sohn würde die Reise zum Problem. Und nicht nur deswegen, weil er noch ein Baby war.

Lukes Vater wohnte nämlich wieder in Wichita, und das lag nur zwanzig Meilen von Augusta entfernt. Und Jack wusste nicht, dass er einen Sohn hatte.

„Natürlich muss ich ihn mitbringen, ich kann ihn hier schließlich nicht alleine lassen“, antwortete Callie.

Als im Hintergrund allmählich Stimmen laut wurden, erklärte ihre Schwester: „Tut mir leid, hier stehen ganz viele Leute, die auch telefonieren wollen. Also überleg dir gut, ob du wirklich kommen willst. Josie und ich kommen schon zurecht, weißt du.“

Callie überlegte kurz, beschloss dann aber, nach Augusta zu fliegen. Mit ihren neunundzwanzig Jahren war sie die Älteste der Blumes, und seit ihre Mutter tot war, fühlte sie sich für ihre Schwestern verantwortlich. Obwohl die beiden ohne Frage clever und geschickt waren, konnten sie sicher Hilfe gebrauchen.

„Nein, ich fliege auf jeden Fall. Ich gebe Josie Bescheid, wann ich genau ankomme. Bis dann.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, blieb sie noch eine Weile auf dem Sofa sitzen und dachte darüber nach, in welcher Reihenfolge sie am besten vorgehen sollte. Zuerst würde sie duschen, dann den Koffer mit ihren und Lukes Sachen packen. Danach würde sie den Flug buchen und anschließend ins Labor fahren. Dort würde sie Luke für eine Stunde in der hauseigenen Krippe abgeben und eine Aufgabenliste für ihre Assistentin zusammenstellen.

Es würde schon klappen. Warum sollte sie ausgerechnet Jack begegnen? Und falls doch, würde sie sich etwas einfallen lassen.

Gedankenverloren spielte sie mit ihrem Ehering, dann streckte sie sich seufzend.

Es sollte wohl so sein. Sie würde nach Hause fahren.

1. KAPITEL

Drei Tage waren vergangen, seit die Flüsse Walnut und Whitewater durch den heftigen Regen über die Ufer getreten waren. Allmählich ging das Hochwasser zurück, aber die Überschwemmung hatte an Hunderten von Häusern viel Schaden angerichtet. Auch in Isabels Haus stand einen Meter hoch der Schlamm.

Gestern hatte ein Trupp von freiwilligen Helfern die durchnässten Möbel hinausgetragen und zum Sperrmüll gebracht. Der üble Geruch und die Feuchtigkeit würden sich jedoch so schnell nicht verflüchtigen, sodass Isabel längere Zeit nicht in ihrem Haus wohnen könnte. Bis die feuchten Wände getrocknet waren, würde es eine Weile dauern, und danach müsste alles renoviert werden.

Sie konnte jede Hilfe gebrauchen. Callie war überzeugt, dass es richtig gewesen war, herzukommen. Seit einer Stunde saß sie im Gemeindezentrum der Hilltop Church, das als Notunterkunft eingerichtet worden war. Sie hatte für ihre Schwester einen Antrag auf Schadensersatz ausgefüllt und wartete zusammen mit anderen darauf, zu einem der städtischen Angestellten vorgelassen zu werden.

Luke hatte sie im Spielzimmer abgegeben, in dem die Kinder betreut wurden. Während sie wartete, fragte sie sich abwechselnd, ob es ihm gut ginge und ob womöglich Jack gleich zur Tür hereinkommen würde.

Wenn er jetzt käme, wäre es in Ordnung, weil er sie nicht zusammen mit Luke sehen würde. Sie müsste dann nur den Schock des Wiedersehens überwinden. Aber warum sollte Jack hierherkommen? Außerdem bestand keine große Gefahr, dass ihm jemand von ihr und Luke erzählte: Obwohl Jack am Anfang ihrer Beziehung oft von Wichita nach Augusta gefahren war, kannte er nicht viele Leute hier.

Als ihre Nummer aufgerufen wurde, stand Callie auf und ging zu dem Tisch hinüber, der vorübergehend als Schalter diente. Sie reichte dem Beamten den ausgefüllten Antrag.

„Lassen Sie mal sehen, Miss Blume.“ Der Mann schien sie von früher zu kennen, und er kam ihr ebenfalls bekannt vor. Mittlerweile hieß sie zwar nicht mehr Blume, aber das spielte im Augenblick keine Rolle. Ohnehin betrachtete sie sich seit zwei Jahren nicht mehr als verheiratete Frau. Seit dem Tag, an dem Jack sie verlassen hatte.

Mit gerunzelten Brauen überflog der Beamte den Antrag, und Callie beugte sich vor, um nachzusehen, ob sie vielleicht etwas vergessen hatte. Seufzend legte der Mann das Blatt einfach auf den Stapel von Anträgen neben sich und sagte keinen Ton. Callie wartete, aber er seufzte nur ein weiteres Mal und blickte über ihren Kopf hinweg zu den Wartenden.

Als Callie keine Anstalten machte, aufzustehen, klopfte er ungeduldig mit seinem Kugelschreiber auf den Tisch. „Kann sechs Wochen dauern“, sagte er knapp und rief die nächste Nummer auf.

Callie merkte, wie sie sich anspannte. Schon lange war sie nicht mehr so unhöflich behandelt worden. Allerdings kannte sie Ähnliches von früher, und einige dieser Situationen schossen ihr unwillkürlich durch den Kopf. Wie ihre Mutter manchmal mit einer Schrotflinte Leute vom Grundstück vertrieben hatte. Wie die Leute hinter vorgehaltener Hand geflüstert hatten, wenn sie mit ihren Schwestern durch die Stadt gegangen war, was nicht allzu häufig vorgekommen war. Für die Leute in Augusta war sie immer nur eine der Blume-Schwestern gewesen: ein wenig bemitleidenswert, aber auch geheimnisvoll und irgendwie anders als die anderen.

Callie versuchte, sich das unfreundliche Verhalten des Beamten nicht zu Herzen zu nehmen. Schließlich war sie hergekommen, um ihrer Schwester zu helfen, und nicht, um die Meinung der Leute zu ändern. Energisch erhob sie sich und marschierte durch die Doppeltür nach draußen.

Luke saß mit anderen Babys zusammen auf einem großen Teppich voller Spielsachen. Liebevoll betrachtete sie ihren kontaktfreudigen kleinen Sohn, der gerade einem niedlichen blonden Mädchen einen Ball hinhielt.

An manchen Tagen erinnerte sie alles, was Luke machte, an Jack. Dann sehnte sie sich nach ihrem Mann und gab sich verrückten Hoffnungen hin. In solchen Momenten wünschte sie sich, Vater und Sohn würden sich kennenlernen.

Auf der anderen Seite hatte sie große Angst davor, wie es in dem Fall weitergehen würde: Womöglich würde Jack Ansprüche auf seinen Sohn erheben, und sie würde Luke verlieren.

Aber solange sie sich nicht begegneten, brauchte sie sich darüber keine Sorgen zu machen. Und warum sollte das passieren? In den letzten zwei Jahren hatten ihre Schwestern Jack nur einmal getroffen. Als sie ihre Weihnachtseinkäufe in einem Kaufhaus in Wichita erledigt hatten, war er ihnen über den Weg gelaufen. Und sie hatten ihm unmissverständlich klargemacht, dass sie zu Callie hielten und folglich mit ihm nichts mehr zu tun haben wollten. Obwohl sie ihn eigentlich immer gemocht hatten.

Sie ging zu ihrem Sohn hinüber, nahm ihn auf den Arm und lachte, als er ihre Wangen tätschelte und „Mam-mam“ sagte. Nachdem sie sich bei den Betreuerinnen bedankt hatte, setzte sie ihn in den Buggy, den sie neben der Garderobe abgestellt hatte, und verließ das Gebäude. Draußen in der frischen Frühlingsluft knöpfte sie Luke das rote Jäckchen zu und setzte ihm die Kapuze auf.

„So, jetzt gehen wir zu Tante Josie“, sagte sie, woraufhin der Kleine fröhlich gluckste. Callie war froh, dass er wenigstens zwei Tanten hatte, die ihn liebten.

Ihren Sohn hatte sie einem Wunder der Wissenschaft zu verdanken. Nachdem sie auf natürliche Weise nicht schwanger geworden war, hatten Jack und sie es mit künstlicher Befruchtung probiert. Nach mehreren Anläufen hatte es endlich geklappt. Zwar hatte Jack sie sechs Wochen zuvor verlassen, aber im Labor hatte noch eine Samenspende von ihm gelagert.

Callie hatte sich immer vorgestellt, dass er zu ihr zurückkommen würde und dann überglücklich über die Schwangerschaft wäre. Als er jedoch nicht wiedergekommen war, hatte sie sich nicht dazu durchringen können, ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Sie hatte die Schwangerschaft und die Geburt alleine durchgestanden und sich ihr Leben zusammen mit ihrem Sohn eingerichtet.

Die Augen des Kleinen waren ganz trübe vor Müdigkeit, als sie ihn in den Kindersitz im Auto setzte. Bestimmt würde er auf der Fahrt zu Josies Wohnung einschlafen. Als sie an Isabels Haus vorbeifuhr, staunte sie, wie aufgeräumt es draußen bereits wieder aussah. Neben dem Haus befand sich ein Atelier für Patchworkdecken und anderes Handgearbeitetes, das ihre Mutter früher betrieben hatte und das Isabel weiterführte. Die kleine Schneiderei war natürlich auch überschwemmt worden, und Isabel würde eine lange Durststrecke überwinden müssen, bis sie neue Aufträge annehmen konnte.

Vor dem Apartmenthaus in der Stadt, in dem Josie lebte, stand Isabels Auto. Bis ihr Haus renoviert war, wohnte sie bei ihrer Schwester. Callie parkte hinter Isabels Wagen und holte Luke aus dem Kindersitz. Obwohl er nur kurz geschlafen hatte, hüpfte er wieder gut gelaunt auf ihrem Arm.

Als sie Josies Wohnung betrat, war Isabel in der Küche gerade damit beschäftigt, ihre Handarbeitsutensilien zu säubern. Ihr braunes Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden, und sie sah ziemlich abgekämpft aus. Callie gab ihr einen Kuss auf die Wange.

In dem Moment kamen zwei schreiende Kinder aus Josies Schlafzimmer gerannt: ein kleines Mädchen von vielleicht fünf und ein pummeliger Junge von etwa zehn Jahren, beide rothaarig. Krampfhaft hielt der Junge seinen Gameboy fest, den seine Schwester ihm abnehmen wollte.

„Was sind denn das für Kinder?“, fragte Callie irritiert.

„Das sind Rogers Kinder, Roger Junior und Angie.“

Callie hatte den geschiedenen Farmer, der Isabel ihrer Meinung nach nur ausnutzte, bereits kennengelernt. „Und warum sind sie hier?“

„Ich passe auf sie auf“, gab Isabel zurück und lächelte etwas gequält.

Im Stillen wunderte Callie sich darüber, was ihre Schwester sich so alles von diesem Mann gefallen ließ. Da war sie nun schon vorübergehend obdachlos und hatte alle Hände voll zu tun, um alles wieder aufzuräumen – und ihrem Freund fiel nichts Besseres ein, als ihr seine Kinder aufs Auge zu drücken.

Callie setzte Luke auf dem Boden ab und ließ ihn ein wenig herumkrabbeln. Dann stellte sie sich hinter ihre Schwester und massierte ihr sanft den Nacken. „Du bist ja völlig verspannt. Wieso lässt du dir auch noch die Kinder aufladen?“

Isabel drehte sich zu ihrer Schwester um. „Roger musste unbedingt einen Zaun reparieren, und die Schule ist diese Woche wegen des Hochwassers geschlossen.“

„Der Junge ist doch groß genug, um mal für eine Stunde mit seiner Schwester allein zu Hause zu bleiben. Außerdem, was ist mit der Mutter?“

„Die muss im Supermarkt arbeiten.“

Callie seufzte. Ihre geduldige Schwester würde immer eine Entschuldigung für ihren Freund finden.

„Aber wenn du jetzt hier bist, könnte ich mal rüber zum Haus fahren. Macht es dir was aus, kurz auf die Kinder aufzupassen?“

„Nein.“ Callie würde ihrer Schwester helfen, wo sie nur konnte. „Übrigens habe ich die Formulare ausgefüllt. Allerdings kann es dauern, bis sie bearbeitet werden.“

Isabels Augen weiteten sich. „Ich brauche das Geld aber sofort.“

„Ich habe gehört, dass einige Wohltätigkeitsorganisationen direkte Hilfe leisten. Morgen werde ich mich darum kümmern.“ Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Als ich heute mit all den müde aussehenden Leuten im Gemeindesaal gewartet habe, habe ich mich hier irgendwie wieder zugehörig gefühlt.“

„Ja, in so einer Notsituation gehören selbst die Blumes wieder dazu. Und noch ein Gutes hat die Sache: dass du gekommen bist. Ich vermisse dich sehr, seit du in Denver wohnst.“

Dadurch, dass die Blumes früher so abgeschottet gelebt hatten, war aus den drei Schwestern eine verschworene Gemeinschaft geworden. Ihre Mutter hatte sie sogar selbst zu Hause unterrichtet, weil sie den Schulbehörden misstraut hatte.

„Ja, ich vermisse euch beide auch sehr.“ Callie blickte sich in Josies farbenfroher Küche um. „Du wirst bestimmt einiges an Zuschuss bekommen, und bis das Geld da ist, kann ich dir was vorschießen. Bei der neuen Einrichtung kann Josie dir helfen, dann wird es nicht zu teuer. Ist doch toll, dass wir eine Innenarchitektin zur Schwester haben, oder?“

Isabel nickte. Plötzlich ertönte erneut lautes Geschrei aus dem Schlafzimmer, und die beiden Schwestern blickten sich seufzend an. „Ich hoffe, Josie hat nichts dagegen, dass die Kinder hier spielen“, meinte Isabel.

„Ach, das wird sie schon verkraften.“

In dem Moment kam Roger Junior aus dem Schlafzimmer gerast, dicht gefolgt von seiner kleinen Schwester, und fragte, ob sie fernsehen dürften. Während die beiden auf die Antwort warteten, hörten sie nicht auf, sich zu zanken.

Callie verdrehte die Augen und sagte zu Isabel: „Du kannst ruhig gehen, ich komme mit den beiden schon klar.“ Dann schaute sie Roger Junior streng an. „Okay, eine Stunde Fernsehen, aber nur Kindersendungen.“

Die beiden rannten ins Wohnzimmer und ließen sich auf den Teppich vor dem Fernsehgerät plumpsen. Sofort sprang Roger Junior jedoch auf, um sich eine Tüte Chips aus dem Schrank zu holen.

Callie hielt ihn zurück. „Im Wohnzimmer wird nicht gegessen.“

Maulend setzte sich der Junge wieder hin, und Callie brachte Isabel zur Tür. „Soll ich den Kindern was zu essen machen?“

„Roger müsste jeden Moment kommen. Aber falls nicht, mach ihnen einfach Toast mit Erdnussbutter.“

Nachdem ihre Schwester gegangen war, brachte Callie ein Absperrgitter vor der Küche an. Im Wohnzimmer setzte sie Luke auf den Teppich und gab ihm einen weichen Ball zum Spielen. „Passt ihr ein bisschen auf das Baby auf?“, rief sie den beiden Kindern über das Geplärre des Zeichentrickfilms hinweg zu.

Roger Junior stellte den Ton leiser und sah sie an. „Klar, machen wir.“

Überrascht starrte Callie ihn an. Kaum war Isabel fort, war der Junge plötzlich viel höflicher.

„Callie?“, fragte er.

„Ja?“

„Bist du wirklich ein Doktor?“

Callie lächelte. „Ja, allerdings keine Ärztin. Ich bin Wissenschaftlerin.“

„Guckst du dir das Gehirn von Mäusen unterm Mikroskop an?“

„Manchmal ja.“

Anerkennend hob der Junge den Daumen. „Du darfst mich R.J. nennen.“ Damit wandte er sich wieder dem Fernseher zu und drehte den Ton lauter.

Callie unterdrückte ein Lachen.

„Darf ich mit dem Baby spielen?“, fragte Angie mit ihrer Kinderstimme.

Callie zeigte ihr, wie sie Luke den Ball zurollen sollte. Eine Weile sah sie den Kindern zu, bevor sie in die Küche ging. Während sie Lukes Flasche zubereitete, klingelte es. Sicher wollte Roger seine Kinder abholen. Spontan beschloss sie, ihm vorzuschlagen, dass sie auf seine Kinder aufpassen würde. So könnte er Isabel im Haus helfen.

„R.J., machst du bitte mal auf?“, rief sie. „Ich komme gleich.“

Sie hörte, wie die Tür aufging, aber es wurde nicht gesprochen. Neugierig steckte sie den Kopf aus der Küche und zog ihn gleich wieder zurück, nachdem sie den großen, dunkelhaarigen Mann gesehen hatte.

Es war nicht Roger.

Es war Jack.

Der einzige Mann, den Callie je geliebt und dem sie vertraut hatte. Der einzige Mann, der sie verletzen konnte.

Damals und auch heute noch.

Vor Aufregung wusste sie überhaupt nicht, wie sie reagieren sollte. Das alles kam auch wirklich vollkommen unerwartet. Sie betrachtete Luke, der gegenüber im Wohnzimmer saß und mit seinen goldbraunen Augen und den Grübchen in den Wangen genau wie sein Vater aussah.

Unwillkürlich fingen ihre Knie an zu zittern, sodass sie sich an dem Absperrgitter festhalten musste. Sie bemerkte, wie Jack den Blick über die Kinder schweifen ließ. Verweilte er nicht etwas zu lang auf seinem Sohn, oder bildete sie sich das nur ein?

Dann entdeckte er sie und sah sie voller Wärme an. „Hallo, Callie.“

Mit einem Mal war ihr Mund wie ausgetrocknet, und sie fühlte sich so schwach, dass sie sich nach einem Stuhl umsah. Oder sollte sie besser ihr Kind schnappen und einfach rauslaufen? Allerdings hätte sie sich dann an Jack vorbeidrängeln müssen. Dicht an seinen sinnlichen Lippen und seiner starken Brust vorbei, an der sie so viele Tränen vergossen hatte.

Heißes Verlangen mischte sich in ihre Angst, und am liebsten hätte sie sich Jack in die Arme geworfen. Es war so lange her, seit sie ihren Mann zuletzt gesehen hatte.

Und doch nicht lange genug, um ihn zu vergessen.

Allmählich erlangte sie ihre Fassung wieder, griff nach der Babyflasche und stieg über das Absperrgitter. „Hallo“, erwiderte sie so kühl, als sei Jack irgendein flüchtiger Bekannter, und ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer.

Jack blieb im Türrahmen stehen. „Ist Josie mit einem Vater von drei Kindern zusammen, oder arbeitest du als Tagesmutter?“

Was für ein Glück, dass Rogers Kinder da waren. Wie hätte sie sonst Lukes Anwesenheit erklären sollen? So ging Jack offensichtlich davon aus, dass die Kinder zusammengehörten.

„Es sind die Kinder von Isabels Freund“, sagte sie bewusst leise und hoffte, R.J. und Angie würden nichts von der kleinen Notlüge mitbekommen. „Was machst du hier?“

„Ich wollte nach Isabel sehen. Im Haus war allerdings niemand, und darum bin ich hergekommen.“

„Sie ist gerade auf dem Weg nach Hause. Ihr müsst aneinander vorbeigefahren sein.“

„Gut, dann warte ich ein paar Minuten und fahre noch mal hin.“ Neben der Tür nahm er auf einem Stuhl Platz. Direkt daneben blickte Luke zu ihm auf und brabbelte vergnügt.

Callie nahm ihren Sohn hoch und setzte sich mit ihm auf das Sofa. „Der Kleine kriegt jetzt sein Fläschchen, und danach soll er schlafen.“

Natürlich hätte sie damit rechnen müssen, dass Jack sich dafür interessierte, wie es Isabel ging. Schließlich war sie seine Schwägerin, und abgesehen davon kümmerte er sich gerne um Leute in Not. Deshalb war er ja auch Polizist geworden.

Zu gern hätte sie ihn gefragt, wie ihm ihr gemeinsamer Sohn gefiele. Aber das würde sie sich niemals trauen. Immerhin hatte Jack entschieden, dass er nicht mehr mit ihr zusammenleben wollte.

Während Luke sein Fläschchen trank, sagte Jack: „In der Nacht, als das Hochwasser kam, habe ich zwar keinen Dienst gehabt, aber natürlich verfolge ich ständig die Nachrichten.“

Luke hörte auf zu trinken und strahlte seinen Daddy an. Jack lachte. „Na, sehr müde scheint der Kleine nicht zu sein.“

Callie ignorierte die Bemerkung. „Du wohnst also immer noch in Wichita?“

„Wenn ich weggezogen wäre, hätte ich dir Bescheid gesagt. Oder meinst du, ich hätte mich einfach klammheimlich davongemacht?“

Das war nicht der geeignete Moment, um über ihre Ehe zu reden, fand Callie. Sie war plötzlich heilfroh, dass Jack nichts von Luke wusste. Damit blieb es ihrem Sohn erspart, bei ständig streitenden oder geschiedenen Eltern aufzuwachsen. Und ihr blieben die andauernden Auseinandersetzungen mit ihrem Mann erspart.

Im Laufe ihrer Beziehung hatten sie viel über Callies Kindheit geredet. Darüber, dass ihr Vater ihre Mutter verlassen hatte, als diese mit Josie schwanger gewesen war, und darüber, was das für die Familie bedeutet hatte. Ella Blume war zwar immer eine unabhängige Frau gewesen. Trotzdem hatte sie hart kämpfen müssen, um ihre drei Töchter alleine großzuziehen. Unentwegt hatte sie über ihren nichtsnutzigen Mann geschimpft und ihren Töchtern eingeredet, dass alle Männer schlecht seien.

Jack hatte sich sehr bemüht, ihre Mutter eines Besseren zu belehren. Gemeinsam hatten sie Ella beweisen wollen, dass eine Ehe auch funktionieren kann.

In mancher Hinsicht mochte ihre Mutter recht gehabt haben. Sicher verwechselten Männer Sex häufig mit Liebe, und vielleicht hatte Jack sich nur körperlich zu ihr hingezogen gefühlt. Andererseits hatte sie mit ihrer scheuen Art bestimmt auch seinen Beschützerinstinkt geweckt.

Mittlerweile brauchte sie keinen Beschützer mehr. Und vor allem brauchte sie keinen Mann, der nur wegen des Kindes zu ihr zurückkam. Auch wenn sie ihn immer noch liebte.

Lukes Fläschchen war leer, und Callie trug ihn in die Küche, um ihn zu wickeln. Währenddessen überlegte sie, wie sie Jack am besten loswerden konnte. Auf keinen Fall durfte er zu Isabel fahren. Doch wie sollte sie das verhindern?

Als sie Luke auf die Wickelauflage auf dem Küchentisch legte, sah sie kurz zu Jack hinüber. Erschrocken stellte sie fest, dass er sie mit diesem gewissen aufreizenden Blick musterte, wie er es früher oft getan hatte. Himmel, sie musste schnell was unternehmen.

Vielleicht sollte sie einen kleinen Streit vom Zaun brechen – allerdings, ohne Luke aufzuregen und ohne die Aufmerksamkeit der Kinder vor dem Fernseher auf sich zu ziehen. Doch der Fernseher lief gar nicht mehr, wie sie unerwartet feststellte. Stattdessen starrten R.J. und Angie die beiden Erwachsenen neugierig an. Anscheinend fanden sie das unterhaltsamer als den japanischen Cartoon.

Callie lächelte Angie an. „Josie hat Eis im Kühlschrank. Willst du eins haben?“ Ohne auf die Antwort zu warten, holte sie zwei Eis am Stiel aus dem Tiefkühlfach und lief damit ins Wohnzimmer. „Ihr könnt ruhig hier essen“, sagte sie zu den Kindern. „Und ihr könnt alles gucken, was ihr wollt.“

Sichtlich irritiert wandten die Kinder sich wieder dem Fernseher zu und wickelten das Eis aus dem Papier.

„Am besten gehst du jetzt“, erklärte Callie Jack. „Es gibt zu viele unschöne Erinnerungen, und es hat einfach keinen Zweck, dass …“

Mit einem Mal huschte ein entsetzter Ausdruck über Jacks Gesicht. Blitzschnell sauste er zum Küchentisch und konnte Luke gerade noch auffangen. „Man darf Babys in diesem Alter nicht unbeaufsichtigt lassen.“

Das wusste Callie natürlich auch, doch dieser Mann hatte sie vollkommen durcheinandergebracht. Sie zog ihren Sohn fertig an, setzte ihn auf den Küchenboden und reichte ihm sein Bilderbuch. Dafür interessierte sich der Kleine heute jedoch nicht sonderlich. Offenbar fand er es viel reizvoller, sich an Jacks Bein hochzuziehen. Da stand er nun, blickte stolz auf seine Mutter und machte: „Mam-mam.“

In ihrer Verzweiflung nahm Callie noch ein Eis aus dem Kühlschrank, zog das Papier ab und gab das Eis Luke. Der Kleine ließ sich auf den Po plumpsen, um das unbekannte Ding genauer zu untersuchen.

Während ihr Sohn seelenruhig die zerlaufende Masse auf Gesicht, Händen und Strampelanzug verteilte, wandte Callie sich wieder Jack zu und fuhr fort: „Ich wollte sagen, dass es keinen Zweck hat, noch weiter über uns zu reden.“

„Ich finde schon.“

Callie schüttelte den Kopf. „Im Moment sind wir alle mit dem Hochwasserschaden in Isabels Haus beschäftigt. Ich habe einfach nicht die Nerven für eine Auseinandersetzung mit dir. Bitte geh jetzt.“

„Ich will mich doch gar nicht mit dir streiten, Callie.“

„Glaub mir, wir würden uns streiten.“

Schief lächelte Jack sie an und zeigte dabei die Grübchen in seinen Wangen. „Bist du immer noch böse auf mich?“

Sie seufzte. Gerade jetzt war er ihr so nahe, und der warme Ausdruck in seinen Augen sandte wohlige Schauer durch ihren Körper – ihre Gefühle für diesen Mann überwältigten sie beinahe. Aber irgendwie spürte sie auch noch Wut in sich.

„Bleibst du eine Weile hier, oder musst du bald wieder nach Denver zurück?“, erkundigte er sich.

„Ich habe mir unbezahlten Urlaub genommen.“

„Wirklich?“

„Wie du weißt, stehen wir Schwestern uns sehr nahe. Ich würde Isabel in einer solchen Situation niemals alleine lassen.“

Autor

Kaitlyn Rice
Kaitlyn Rice liebte schon als Kind das Lesen. Sie wuchs allerding in einer Familie von Nicht – Lesern auf und verschlang deswegen noch viel mehr jedes Buch oder Magazin, das sie kriegen konnte. Ihr erster richtiger Job war in einer Buchhandlung. Zu dieser Zeit waren ihre Bücherregale zu Hause übervoll...
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