Dein Blick sagt mehr als tausend Worte

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"Willkommen auf Mallorca, der Insel der acht Winde." Als Nicolas das sagt, spürt Cressy, dass Nicolas nichts anderes im Sinn hat, als sie zu verführen. Und während sie sein einnehmendes Lächeln scheu erwidert, weiß sie bereits: Diesen Sommer wird sie nie vergessen…


  • Erscheinungstag 11.10.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753603
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Cressy stellte sich am Check-in der Business Class in die Reihe. Normalerweise nahm sie nicht den teuren Linienflug, wenn sie mit dem Flugzeug verreiste, doch diesmal war ihr nichts anderes übrig geblieben. Alle Plätze der Touristenklasse waren ausgebucht, und die Reise nach Mallorca war äußerst dringend und konnte nicht verschoben werden.

Es war Ende Juni, eine gute Reisezeit, wenn man Massentourismus und glühende Sommerhitze vermeiden wollte. Cressy flog jedoch nicht auf die Hauptinsel der Balearen, um dort Urlaub zu machen. Eine alte Tante ihres Vaters, die auf Mallorca lebte und im Moment in Schwierigkeiten steckte, brauchte ihre Hilfe.

Cressy wohnte und arbeitete in London, und da es seit Ostern fast ununterbrochen geregnet hatte, freute sie sich schon auf das warme Wetter in Spanien. Sie trug verwaschene Jeans, ein altes, bequemes Sweatshirt und als Reisegepäck einen praktischen Rucksack auf dem Rücken. Das Sweatshirt, einst ein teures Designerstück, hatte sie von ihrer Schwester Anna bekommen.

Cressys zwei ältere Schwestern gaben ziemlich viel Geld für Kleidung aus, um den hohen Ansprüchen ihres Berufes und den vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen gerecht zu werden. Cressy hingegen sparte ihr Geld lieber für andere Dinge – eine Traumreise zu den Galapagosinseln zum Beispiel, die sie für ihr Leben gern einmal unternehmen würde.

Als Cressy die mit ihr wartenden Fluggäste sah, kam sie sich in ihrem Aufzug doch ein wenig fehl am Platz vor. Ihre Bedenken vergaß sie jedoch augenblicklich, als sie den vor ihr stehenden Fluggast betrachtete.

Noch nie zuvor war ihr ein Mann begegnet, der von hinten derart gut aussah wie dieser Fremde. Wie wohl sein Gesicht ausschauen mochte? Cressys Herz begann plötzlich wild zu klopfen. Jeden Augenblick würde er fertig sein und sich zu ihr umdrehen. Aber wahrscheinlich sieht er von vorn nur halb so gut aus wie von hinten, dachte Cressy.

Trotzdem konnte sie es sich nicht verkneifen, ihn eingehend zu mustern. Er war mindestens eins fünfundachtzig groß, hatte breite Schultern und muskulöse, sonnengebräunte Beine, die in den kakifarbenen Trekkingshorts besonders gut zur Geltung kamen. Dazu trug er robuste braune Wanderschuhe. Die Ärmel seines Baumwollhemdes waren hochgekrempelt und gaben den Blick auf seine kräftigen, mit dunklen Härchen bedecken Arme frei, und sein schwarzes, welliges Haar hatte er im Nacken zusammengebunden. Schließlich entdeckte Cressy noch, dass er am linken Ohr einen kleinen Stecker trug, der einen Bergsteiger darstellte.

Cressy betrachtete wie gebannt jede Einzelheit dieses umwerfend attraktiven Mannes, bis sie ein unsanfter Stoß von hinten jäh in die Gegenwart zurückbrachte. Die Frau hinter ihr, eine etwa vierzigjährige, schmuckbehangene Blondine in einem eleganten Kostüm, hatte versehentlich ihren Gepäckwagen in Cressys Fersen gestoßen. Sie entschuldigte sich jedoch nicht, sondern sagte stattdessen nur schroff: „Das hier ist der Schalter für die Business Class.“

„Ich weiß“, erwiderte Cressy ruhig, ohne auf den frechen Tonfall der Blonden einzugehen.

„Worauf warten sie dann noch?“, fragte die Blondine daraufhin noch unfreundlicher. „Sie sind dran.“

Da Cressy keinerlei Lust verspürte, sich zu streiten, drehte sie sich kommentarlos wieder um, doch der Mann vor ihr war bereits verschwunden. Hastig blickte sie sich um, doch es war zu spät. Schade, nun hatte sie sein Gesicht doch nicht mehr gesehen.

Nicolas machte es sich auf dem komfortablen Sitz in der Wartehalle der Business Class bequem und genoss den eisgekühlten Orangensaft, den er sich an der Bar geholt hatte. Zwar hatte er sich auch noch eine Zeitung besorgt, doch er verspürte keine Lust zu lesen. Monatelang hatte er meilenweit von jeglicher Zivilisation gelebt, und nun konnten die Weltgeschehnisse auch noch ein bisschen länger auf ihn warten.

Neugierig beobachtete Nicolas die anderen Fluggäste, aber bisher hatte keiner von ihnen seine Aufmerksamkeit erregt. Wie immer handelte es sich um die übliche Mischung aus blassen, nervösen Geschäftsleuten und Rentnerehepaaren, die zu ihren Alterswohnsitzen nach Mallorca zurückkehrten. Nicolas wollte gerade die Zeitung aufschlagen, als eine junge Frau die Wartehalle betrat.

Etwas unsicher blickte sie sich um, und Nicolas nahm an, dass sie in die falsche Halle geraten war. Nach einem kurzen Gespräch mit der Stewardess hinter dem Schalter lächelte die junge Frau jedoch und betrat die Nichtraucherzone, in der Nicolas saß. Sie suchte sich einen Platz, legte ihren Rucksack ab und ging schließlich an die Bar, um sich ein Getränk zu holen.

Nicolas betrachtete sie aufmerksam. Sie mochte etwa neunzehn Jahre alt sein und war, im Gegensatz zu den meisten ihrer Altersgenossinnen, nicht etwa spindeldürr, sondern besaß eine wohlproportionierte Figur mit weiblichen Rundungen. Nicolas hatte diese halb verhungerten, zerbrechlich wirkenden Modelpüppchen noch nie gemocht.

Mit einem Glas Orangensaft in der Hand ging das Mädchen zurück an seinen Platz. Es hatte dunkelblondes Haar mit schönen hellen Strähnen, und Nicolas war sicher, dass die Farbe echt war und nicht das Ergebnis aufwendiger Sitzungen bei einem teuren Friseur. Das Gesicht des Mädchens war ungeschminkt und wirkte frisch und natürlich.

Genau der Typ Frau, der mir gefällt, dachte Nicolas spontan, nur ein bisschen zu jung für mich. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie sie wohl im knappen Badeanzug aussehen mochte, und genau da trafen sich ihre Blicke.

Sie schien gemerkt zu haben, dass sie beobachtet wurde, und wirkte etwas irritiert. Dann wandte sie den Blick ab, und eine leichte Röte überzog ihr zartes Gesicht.

Ihre so offenkundige Verlegenheit amüsierte und faszinierte Nicolas zugleich. Heutzutage gab es nicht mehr viele Mädchen, die sich durch die Blicke eines Mannes aus der Fassung bringen ließen. Nicolas war es eher gewohnt, dass ein solcher Blick mit einer indirekten Einladung, den nächsten Schritt zu tun, erwidert wurde.

Cressy stellte ihr Glas auf den Seitentisch ihres Platzes und tat, als müsse sie etwas in ihrem Rucksack suchen. Ihr Herz hämmerte wie wild. Das war der Mann vom Schalter, und sein Gesicht war faszinierend. Und was noch viel aufregender war – er sah genauso aus wie der Mann, den Cressy sich immer in ihren Träumen vorgestellt hatte.

Der kurze Blickkontakt hatte ihr genügt, um sich jedes Detail genau einzuprägen: die sonnengebräunte Haut, der sinnlich geschwungene Mund und die dunklen, Entschlossenheit ausstrahlenden Augen. Cressy hätte am liebsten noch einmal zu ihm hinübergeschaut, doch sie wagte es nicht, weil er sie vielleicht immer noch beobachtete. Also versuchte sie sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sie im Flugzeug wahrscheinlich ohnehin nicht nebeneinandersitzen würden.

Cressy hatte recht gehabt. Sie saß zwar in derselben Reihe wie der Fremde, doch während sie links am Fenster saß, hatte er einen Platz neben einem älteren Ehepaar an der rechten Fensterseite eingenommen. Neben Cressy befand sich nur noch ein einziger Sitzplatz, der frei geblieben war.

Als die Stewardess mit dem Getränkewagen herbeikam und Champagner oder Orangensaft anbot, wählte Cressy ein Glas Orangensaft. Kurz darauf hob die Maschine ab, und als die volle Flughöhe erreicht war, erlosch das Nichtrauchersignal.

Wenige Minuten später beobachtete Cressy mit klopfendem Herzen, wie der dunkelhaarige Fremde plötzlich aufstand und direkt auf sie zukam.

Er lächelte sie an und fragte freundlich: „Würde es Sie stören, wenn ich mich zu Ihnen setze? Hier gibt es leider keine Nichtraucherzone, und ich bin nicht gerade scharf darauf, den ganzen Flug hinter einer Kettenraucherin zu sitzen.“ Er wies mit dem Kopf auf die topgestylte Frau um die Vierzig, die vor ihm saß und eine Rauchwolke nach der anderen in die Luft blies.

„Natürlich nicht“, antwortete Cressy höflich. „Nehmen Sie ruhig Platz.“

Als der Mann sich neben sie setzte, schlug ihr Herz noch heftiger. Um sich irgendwie abzulenken, zog Cressy aus dem Netz des Vordersitzes das Informationsmagazin der Fluggesellschaft heraus und tat, als vertiefe sie sich in den Inhalt.

Nicolas gefiel die schüchterne Art dieses Mädchens sehr. Heutzutage gab es kaum noch zurückhaltende Frauen, was er eigentlich schade fand. Alles an diesem Mädchen war ihm angenehm, besonders der zarte Duft, den sie verströmte und der einem Mann nicht so aufdringlich in die Nase drang wie das schwere Parfüm der Blondine, die vor Nicolas’ eigentlichem Platz saß.

Eine der spanischen Stewardessen gab die Speisekarten aus und nahm die Getränkewünsche der Fluggäste entgegen. Nicolas fiel dabei die angenehm ruhige Stimme des Mädchens auf und ihre hübschen Hände, als sie das Glas entgegen nahm. Nicolas mochte keine Frauen mit übertrieben langen Fingernägeln, die sich ihm in den Rücken bohrten, während er die Frau liebte.

Das Mädchen neben ihm hatte kurze, gepflegte Nägel und trug einen schmalen, goldenen Ring an ihrer linken Hand. Ob sie ihn von ihrem Freund bekommen hatte?

Cressy merkte sofort, dass der attraktive Fremde der hübschen, schlanken Stewardess gefiel. Welcher Frau würde dieser Mann auch nicht gefallen? dachte Cressy und zwang sich, den Blick von ihm abzuwenden und sich auf die Speisekarte zu konzentrieren. Schließlich entschied sie sich für einen Fleischspieß mit braunem Reis, Erbsen und Karotten und einen Obstsalat zum Nachtisch.

Nachdem die Drinks mit den obligatorischen Erdnusspäckchen serviert worden waren, fragte der Mann neben ihr freundlich: „Darf ich das Päckchen für Sie öffnen? Diese Dinger gehen immer so schwer auf.“

Cressy war im ersten Moment völlig überrascht, denn sie hatte angenommen, dass es Kavaliere heutzutage gar nicht mehr gab. Einer der jungen Männer, mit denen Cressy ab und zu ausgegangen war, hatte ihr einmal erzählt, die meisten Männer hätten es längst aufgegeben, einer Frau zu helfen, denn jede nett gemeinte Geste würde sofort als Macho-Gehabe ausgelegt werden. Also würde er seine guten Manieren auf ältere Damen beschränken, die so etwas noch zu schätzen wüssten.

„Danke, das ist freundlich von Ihnen“, antwortete Cressy erfreut und reichte ihrem Sitznachbarn die Tüte mit den Erdnüssen.

Als sich ihre Finger dabei streiften, verspürte Cressy ein derart elektrisierendes Prickeln, dass sie erschrak. Noch nie hatte eine so harmlose Berührung eine solche Wirkung auf sie gehabt.

Er legte das offene Päckchen auf Cressys Klapptisch. „Machen Sie Urlaub auf Mallorca?“

„Nein, eigentlich nicht. Und Sie?“

„Ich wohne auf der Insel.“

„Oh, tatsächlich?“

„Durch meinen Beruf muss ich viel reisen“, erklärte der Fremde, „und wenn ich dann endlich nach Hause komme, würde ich am liebsten nur in der Sonne liegen und faulenzen.“

Cressy wollte gerade fragen, was er denn beruflich mache, doch er kam ihr schon mit der nächsten Frage zuvor: „Wenn Sie keinen Urlaub machen, was führt sie dann nach Mallorca?“

„Ich will meine Großtante besuchen.“

„Waren Sie schon einmal auf Mallorca?“

Cressy schüttelte den Kopf. „Ich war überhaupt noch nie in Spanien.“

„Wo wohnt denn Ihre Tante?“

„Das weiß ich selbst nicht so genau“, gab Cressy zu. Sie hatte keine Zeit mehr gehabt, sich mit den geografischen Gegebenheiten Mallorcas zu befassen, weil alles so schnell hatte gehen müssen. „Das Haus meiner Tante heißt Es Vell. Es muss irgendwo in der Nähe von Pollensa liegen.“

„Das liegt im Norden, nicht allzu weit vom Flughafen von Palma entfernt. Werden Sie dort abgeholt?“

„Nein. Tante Kate weiß gar nicht, dass ich komme. Sie lebt sehr einsam und zurückgezogen. Ihre spanische Nachbarin rief gestern bei uns an, um uns mitzuteilen, dass es Tante Kate nicht gut gehe. Zum Glück spricht meine Schwester, die den Anruf entgegengenommen hat, etwas Spanisch, und so konnte sie die Frau einigermaßen verstehen. Meine Tante hat sich ein Bein gebrochen, und im Alter von siebenundachtzig Jahren ist das ziemlich problematisch.“

Der Fremde musterte Cressy nachdenklich. „Hätte man da nicht lieber eine etwas ältere Person schicken sollen, die sich um Ihre Tante kümmert?“

„Für wie alt schätzen Sie mich denn?“

„Für achtzehn oder neunzehn vielleicht. Ziemlich jung, um mit der Situation, die sie mir eben beschrieben haben, fertig zu werden. Und das umso mehr, da sie kein Spanisch sprechen.“

„Ich bin dreiundzwanzig“, erklärte Cressy forsch. „Und abgesehen von der Tatsache, dass ich kein Spanisch spreche, kann ich wahrscheinlich besser mit solchen Dingen umgehen als die meisten Leute, die doppelt so alt sind wie ich. Ich arbeite für Distress Signal, eine Organisation, die sich auf private Notfälle spezialisiert hat.“

„Davon habe ich schon gehört, aber ich war bisher immer der Meinung, für diese Organisation würden eher Frauen mittleren Alters arbeiten, und nicht so junge Mädchen wie Sie.“

„Das Alter unserer Mitarbeiter spielt absolut keine Rolle“, erklärte Cressy. „Auch Männer arbeiten für Distress Signal. Normalerweise hätte man in Tante Kates Fall tatsächlich jemanden eingesetzt, der Spanisch spricht, aber eine enge Verwandte hinzuschicken ist natürlich besser als eine völlig fremde Person.“

„Da Sie allerdings noch nie in Spanien waren und Ihre Tante, wie Sie bereits sagten, sehr zurückgezogen lebt, scheint ihre Beziehung zu ihr nicht gerade eng zu sein“, stellte der Mann trocken fest.

„Damit haben Sie leider recht“, gab Cressy zu. „Früher hatte Tante Kate ein ziemlich gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Dann wanderte sie nach Mallorca aus, und so kühlte die Beziehung ab. Meine Eltern stehen beruflich ziemlich unter Stress, und im Urlaub nach Mallorca fliegen möchten sie nicht, weil meine Mutter die Hitze nicht verträgt.“

„Wie lange arbeiten Sie schon für Distress Signal?“

„Zwei Jahre. Und was machen Sie beruflich?“, fragte Cressy, weil sie nicht ständig von sich selbst reden wollte.

„Ich bin Reisejournalist. Vielleicht haben Sie schon von mir gehört – mein Künstlername ist Nicolas Alaró.“

Cressy kannte ihn tatsächlich. Sie hatte schon viele seiner Artikel, Bücher und Berichte gelesen. Nicolas Alaró hatte alle Plätze dieser Welt bereist, die sie auch gern einmal sehen würde. Nur den geeigneten Reisepartner hatte sie dafür noch nicht gefunden.

„‚Alaró‘ – das klingt Spanisch, aber Sie sprechen und schreiben doch perfekt Englisch. Sind Sie zweisprachig aufgewachsen?“, erkundigte Cressy sich neugierig. Aufgrund seines dunklen Teints und des schwarzen Haares hätte sie Nicolas Alaró auf den ersten Blick für einen Spanier gehalten. Doch nun hatte sie gesehen, dass seine Augen nicht braun, sondern strahlend blau waren.

„Mein Großvater war Mallorquiner. Er hat mir sein Haus auf dieser Insel hinterlassen. Als Schriftsteller benutze ich immer seinen Namen, aber mein echter Nachname ist Talbot. Und wie heißen Sie, wenn man fragen darf?“, erkundigte er sich lächelnd.

„Cressida. Aber alle nennen mich Cressy.“

Sie wollte Nicolas ihren Nachnamen absichtlich nicht sagen, da er ihn möglicherweise mit Virginia Vale in Verbindung bringen könnte. Zwar war Cressy stolz auf den beruflichen Erfolg ihrer Mutter, doch sie wusste auch, dass Virginia nicht nur Bewunderer, sondern auch Neider und Gegner hatte. Und Nicolas Alaró könnte möglicherweise ein solcher Gegner sein. Um von sich abzulenken, sprach Cressy rasch weiter: „Es muss wunderbar sein, seinen Lebensunterhalt mit Reisen und dem Schreiben von Büchern zu verdienen. Ganz besonders hat mir Ihr Bericht über die Segeltour durch Patagonien gefallen.“

„Südamerika ist ein faszinierender Kontinent“, stimmte Nicolas zu. „Anfang nächsten Jahres habe ich vor, den Gipfel des Aconcagua zu erklimmen – den höchsten Punkt der westlichen Hemisphäre und höchsten Berg außerhalb Asiens.“

Das Strahlen in Nicolas’ Augen zeigte Cressy deutlich, wie sehr er sich auf diese Reise freute, und auch ihr Herz schlug bei dem Gedanken an ein solches Abenteuer höher. Cressy konnte ihr Glück, den berühmten Nicolas Alaró persönlich kennengelernt zu haben, kaum fassen – es war beinahe so, als habe das Schicksal sie zusammengeführt …

Doch dann rief sie sich energisch zur Vernunft. Das Einzige, was im Augenblick zählte, war, dass er sich auf Mallorca auskannte und ihr daher nützliche Informationen liefern konnte. Cressys praktische Veranlagung war nach Meinung ihrer Familie das einzige Talent, das Cressy besaß. Sie verfügte zwar nicht über die hohe akademische Ausbildung ihrer Eltern und älteren Schwestern, doch sie besaß einen gesunden Menschenverstand und hatte Sinn für die grundlegenden und wichtigen Dinge im Leben.

„Wie kommt man am besten nach Pollensa?“, fragte sie Nicolas, nachdem die Stewardess das Essen serviert hatte. „Gibt es eine Busverbindung, oder wäre es besser, ein Taxi zu nehmen?“

„Mit dem Taxi wären sie erheblich schneller dort als mit dem Bus“, antwortete Nicolas bereitwillig. „Aber das ist natürlich auch viel teurer. Besitzt Ihre Großtante einen Wagen?“

„Das weiß ich nicht genau, aber ich glaube schon. Auf jeden Fall hatte sie einen, als sie uns zum letzten Mal in England besuchte, aber das ist schon eine Ewigkeit her. Ich muss damals etwa acht gewesen sein. Trotzdem kann ich mich noch gut an ihren Wagen erinnern, weil es ein ganz besonderer war – ein Cord Roadster. Ich glaube, er wurde um neunzehnhundertdreißig gebaut. Mein Vater war ganz begeistert von dem Auto.“

„Das kann ich mir vorstellen“, stimmte Nicolas zu. „Der Cord Roadster ist eine der letzten legendären Luxuskarossen, bevor Fahrzeuge vom Fließband die Straßen überfluteten. Und er fährt heute noch oder fuhr zumindest noch bis vor ein paar Jahren. Ich sah einmal einen in Alcudia, mit einer älteren Lady hinterm Steuer. Und da ich Journalist bin, erregte sie natürlich mein Interesse. Ich hörte mich um und fand heraus, dass es sich um Katherine Dexter handelte – einstmals eine führende Persönlichkeit im Kampf um die Emanzipation der Frauen.“

„Und wie sah sie aus?“, fragte Cressy gespannt.

„Ziemlich gut. Und auch ihr Wagen war in hervorragendem Zustand. Er ist eine richtige Rarität. Ob sie ihn inzwischen verkauft hat?“

„Ach, diese alten Autos haben alle ihre Mucken“, meinte Cressy lächelnd. „Mir sind die neuen lieber. Vielleicht sollte ich mir einen kleinen Wagen für die Insel leihen.“

„Jetzt im Juni dürfte das kein Problem sein. Aber wenn Sie heute nur noch nach Es Vell möchten, kann auch ich Sie hinfahren.“ Als er Cressys überraschtes Gesicht sah, fügte er lächelnd hinzu: „Das liegt auf meinem Weg. Es wäre wirklich keine Mühe, Sie dorthin zu bringen.“

„Also, Sie brauchen sich meinetwegen wirklich keine …“

„Wenn Sie Bedenken haben, sich einem Fremden anzuvertrauen, kann ich Sie beruhigen. Ich bin auf Mallorca bekannt wie ein bunter Hund. Selbst auf dem Flughafen würden sie Leute finden, die Ihnen versichern können, dass Sie keinerlei Risiko eingehen, wenn Sie mein Angebot annehmen.“

Cressy vermochte sich die Gründe für Nicolas’ Großzügigkeit nicht zu erklären. Warum wollte er sie zum Haus ihrer Tante bringen? Ein derart gut aussehender Mann konnte sich doch unmöglich für ein Mädchen wie sie interessieren.

Die Erfahrung hatte Cressy gelehrt, dass Männer sich im Allgemeinen zu Frauen hingezogen fühlten, die dem Äußeren nach zu ihnen passten. Aus diesem Grund hatte es sich bei Cressys Verehrern auch immer nur um Männer gehandelt, die zwar ziemlich nett, aber äußerlich nur Durchschnittsmenschen waren und keinesfalls dem Typ entsprachen, dem die Frauen scharenweise hinterherliefen.

Noch nie hatte ein überdurchschnittlich gut aussehender Mann sich für Cressy interessiert, und sie konnte sich kaum vorstellen, dass dies bei Nicolas Alaró der Fall war. Wahrscheinlich hatte er ihr dieses Angebot nur gemacht, weil er ein hilfsbereiter Mensch war und nicht etwa, um eine Sommerromanze mit ihr zu beginnen.

Andererseits … natürlich, der Grund liegt ja auf der Hand! fuhr es Cressy plötzlich durch den Kopf. Nicolas Alaró war Journalist und Tante Kate vor vielen Jahren eine berühmte und gefeierte Persönlichkeit gewesen. Hinter Nicolas’ Angebot steckte ein ganz eigennütziges Motiv: Er hoffte auf ein Interview mit Tante Kate. Cressy wusste nämlich, dass er hin und wieder auch Porträts über interessante Menschen schrieb, denen er auf seinen Reisen begegnete.

Der Gedanke, von Nicolas nur als Mittel zum Zweck benutzt zu werden, war Cressy zwar nicht gerade angenehm, doch sie konnte das Gleiche ja auch mit ihm tun. Sie brauchte Hilfe auf Mallorca, weshalb sollte sie dann sein Angebot nicht annehmen?

„Also gut, wenn sie unbedingt darauf bestehen“, erwiderte sie deshalb lächelnd. „Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie mich zu Tante Kates Haus bringen würden. Wie weit ist es denn von Palma nach Pollensa?“

„Jetzt, da die Autobahn fertiggestellt ist, eine knappe Stunde.“ Während sie aßen, kam Nicolas wieder auf Cressys Arbeit zurück. „Erzählen Sie mir mehr von Ihrem Job. Wie sind Sie darauf gekommen, bei Distress Signal zu arbeiten, und worin besteht Ihre Tätigkeit hauptsächlich?“

„Oh, wir machen alles Mögliche“, erzählte Cressy bereitwillig. „Zum Beispiel Babysitten, wenn ein Notfall eingetreten ist, oder Krankenhausbesuche, wenn kein Verwandter des Patienten die Möglichkeit dazu hat. Diese Woche hätte ich mich um ein mongoloides Kind kümmern sollen, dessen Mutter im Krankenhaus liegt, aber jetzt muss diese Arbeit jemand anderes übernehmen.“

„Dann sind Sie vermutlich um einiges reifer und kompetenter als die meisten jungen Frauen Ihres Alters“, bemerkte Nicolas anerkennend.

Cressy zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, ob das eine Sache des Alters ist. Ich glaube eher, dass man für viele Dinge einfach nur gesunden Menschenverstand braucht, und manchmal kommt es mir so vor, als hätten einige dieser superschlauen Leute auf unserer Welt nicht allzu viel davon. Ich bin zwar kein hochgebildeter Mensch, aber dafür habe ich Sinn für die praktischen Dinge im Leben, wie zum Beispiel …“ Sie verstummte unvermittelt, weil ihr plötzlich klar geworden war, dass sie wie ein Wasserfall redete.

„Wie zum Beispiel was?“, hakte Nicolas nach.

„Oh, ich kann zum Beispiel verstopfte Abflüsse frei machen und Ähnliches.“

Nicolas lachte. „Dann wären Sie die ideale Reisepartnerin für mich – gewappnet für alle Eventualitäten des Lebens und nicht aus der Fassung zu bringen, wenn mal etwas schief geht. Würden Ihnen abenteuerliche Reisen gefallen?“

„Wenn Sie damit meinen, auf einem Maulesel durchs Atlasgebirge zu reiten – ich glaube, das wäre doch etwas zu abenteuerlich für mich.“

„Sie haben wohl viele meiner Bücher gelesen, stimmt’s?“

„Und ob.“

„Das freut mich aber“, meinte Nicolas lächelnd. „Soviel ich weiß, habe ich nämlich nicht allzu viele weibliche Leser.“

Wenn die wüssten, wie gut du aussiehst, hättest du Tausende weiblicher Fans, hätte Cressy am liebsten gesagt, doch sie verkniff sich natürlich die Bemerkung. Das einzige Bild, das Nicolas’ Leser von ihm kannten, stellte eine anonyme Person mit windzerzaustem Haar dar, die mit dem Rücken zur Kamera an irgendeinem Ort mitten in der Wildnis stand.

„Sie scheinen ziemlich kamerascheu zu sein. Weshalb ist in ihren Büchern eigentlich nie ein Foto von Ihnen abgebildet?“

Nicolas zuckte mit den Schultern. „Da ich weder Schauspieler noch ein gefeierter Dressman bin, ist es ziemlich unwichtig, wie ich aussehe.“

Seine Antwort überraschte Cressy. Nicolas Alaró musste doch wissen, wie stark er auf das weibliche Geschlecht wirkte. Aber vielleicht ist er ja auch verheiratet, ging es Cressy plötzlich durch den Sinn, und sie fragte deshalb: „Was tut denn Ihre Frau, während Sie auf Reisen sind? Haben Sie Kinder?“

Nicolas schüttelte den Kopf. „Selbst in den ländlichsten Gegenden Mallorcas wird sich kaum eine Frau finden, die sich damit begnügen würde, zu Hause zu sitzen und die Kinder ihres ständig abwesenden Ehemannes großzuziehen. Und Frauen, die bereit wären, monatelang mit mir auf Reisen zu gehen und in primitivsten Verhältnissen zu leben, gibt es auch nicht viele. Also habe ich mich entschieden, Junggeselle zu bleiben. Und wie sieht Ihr Privatleben aus?“

„Ich wohne noch bei meinen Eltern, weil ich nicht genug verdiene, um mir eine eigene Wohnung leisten zu können“, antwortete Cressy wahrheitsgemäß. „In London sind die Lebenshaltungskosten sehr viel höher als zum Beispiel auf dem Land.“

Sie blickte auf ihre Armbanduhr und stellte überrascht fest, wie schnell die Zeit vergangen war. In Kürze würden sie in Palma landen. Der erste Blick auf die Insel war allerdings enttäuschend. Cressy sah nur eine braune, karge Landschaft, zerklüftete Berge und dahinter flacheres, mit wenigen Bäumen bewachsenes Land.

Als Nicolas etwas näher rückte, um besser aus dem Fenster sehen zu können, stieg Cressy sein frischer, männlicher Duft in die Nase. Nicolas roch nach Sommer, Wind und frischem Gras – viel besser als die Männer, die Cressy bisher kannte und die sich immer mit sündhaft teuren Eau de Toilette besprühten. Cressy hätte am liebsten die Augen geschlossen, um den Duft dieses aufregenden Mannes besser genießen zu können.

Sie spürte, wie sie ein prickelnder Schauer überlief, und musste den Wunsch unterdrücken, sanft über Nicolas’ Wange zu streichen. Wie würde er wohl darauf reagieren? Verträumt stellte Cressy sich vor, wie er ihr in die Augen blicken und sich dann über sie beugen würde …

Nicolas rückte wieder weg und brachte Cressy damit augenblicklich in die Wirklichkeit zurück. Sie atmete tief durch und setzte sich aufrecht hin.

„Was ist los mit Ihnen?“, fragte er besorgt. „Fühlen Sie sich nicht wohl?“

„Doch, doch. Es ist nur …“

„Sie sind ja ganz nervös. Haben Sie etwa Angst vor der Landung? Das brauchen Sie wirklich nicht. Palma ist ein sehr moderner Flughafen.“

Autor

Anne Weale
Jay Blakeney alias Anne Weale wurde am 20. Juni 1929 geboren. Ihr Urgroßvater war als Verfasser theologischer Schriften bekannt. Vielleicht hat sie das Autorengen von ihm geerbt? Lange bevor sie lesen konnte, erzählte sie sich selbst Geschichten. Als sie noch zur Schule ging, verkaufte sie ihre ersten Kurzgeschichten an ein...
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