Funkelnde Juwelen

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Das Geheimnis um die DeWilde-Juwelen hat der Detektiv Nick Santos fast gelöst. Er ahnt, dass er den Schmuck bei der mysteriösen Marguerite Dubois Kauffmann finden könnte. Voller Jagdfieber begleitet er deshalb die schöne Kate DeWilde zu einer Party bei Marguerite. Hektisch durchsuchen sie das Haus - und werden fast entdeckt. Kate will danach nichts mehr mit Nick zu tun haben. Doch er kann sie nicht vergessen ...


  • Erscheinungstag 05.12.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733774349
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Her mit dem Stoff, oder ich schlitze Sie auf!“

Dr. Kate DeWilde erstarrte zu Eis, als das Messer unter dem fluoreszierenden Deckenlicht aufblitzte. Die Klinge kam ihrem Gesicht so nahe, dass sie zusammenzuckte.

Sie wusste, der Teenager vor ihr meinte es ernst. Verzweiflung drückte sich in jeder Faser seines angespannten Körpers aus. Er fuchtelte wieder mit seinem Messer vor ihrer Nase herum. Die scharfe Spitze schien riesengroß zu werden, und Kate musste sich zwingen, nicht wie gebannt darauf zu starren.

„Emilio“, begann sie und zwang sich zu einem ruhigen, beschwichtigenden Ton. „Es wird dir nichts bringen, von mir Drogen zu erpressen. Du brauchst –“

„Schnauze!“ Schweiß stand ihm auf der Stirn. Das schwarze Haar war feucht. Er wischte sich mit der Hand, die das Messer hielt, die Stirn ab. „Ich muss nachdenken.“

Kate konnte nicht nur einfach dastehen. Ihr Herz hämmerte wie wild. „Ich kann doch deine Verletzung behandeln, während du nachdenkst.“

Sie blickten beide auf seinen linken Arm, der schlaff an seiner Seite herunterhing. Was sie in der kurzen Zeit gesehen hatte, seit er in die Klinik gestürzt war, ließ sie vermuten, dass er in einen Bandenkrieg verwickelt worden war. Blut aus der klaffenden Wunde rann von seinen Fingern und tropfte auf den abgetretenen Linoleumfußboden. Wie eine aufblühende scharlachrote Blume breitete sich die Pfütze zu seinen Füßen immer weiter und mit jedem Tropfen gefährlich tödlich aus.

Emilio machte einen Schritt auf sie zu, das gutaussehende junge Gesicht vor Wut und Schmerz verzerrt. Er schwankte, und Kate wusste, gleich würde er ohnmächtig werden. Aber noch hielt er das Messer fest umklammert, und sie blieb besser wo sie war. Ihre Gedanken rasten, suchten verzweifelt nach einem Ausweg.

Sie konnte nicht warten, bis er ohnmächtig zu Boden sank, auch wenn das nicht mehr lange dauern würde, der zunehmenden Blässe unter seiner olivfarbenen Haut nach zu schließen. Kate musste rasch handeln, ehe die Situation sich zuspitzte. Emilio hatte sie in eine Ecke hinter dem Empfangstresen gedrängt, das Messer angriffsbereit in der Hand.

Vergiss die Waffe, befahl sie sich selbst. Wenn sie es nicht tat, dann würde sie wie gelähmt vor Furcht weiter dastehen. Sie musste sich daran erinnern, dass sie Ärztin war. Der Junge vor ihr – und es war ein Junge, trotz seiner einschüchternden Haltung – war er erst sechzehn und brauchte ihre Hilfe. Es war ihr Job, ihm diese Hilfe zu geben.

Sie versuchte es nochmals. „Bitte, hör mir zu, Emilio –“

Er sprang so schnell vorwärts, dass sie ihn nicht mehr abwehren konnte. In der nächsten Sekunde hatte er ihre Kehle gepackt und hielt die Messerspitze genau unter ihr Auge. Sein heißer Atem fuhr ihr ins Gesicht, als er fauchte: „Woher wissen Sie meinen Namen?“

Sie blickte ihm in die wilden schwarzen Augen. Obwohl sie schreckliche Angst hatte, konnte sie seine Furcht förmlich riechen. Oder war es ihre eigene? Sie spürte, wie ihr das Schweiß den Rücken hinunterströmte. Jetzt nur nicht panisch reagieren. Eine falsche Bewegung, und es war aus mit ihr.

Der Griff um ihre Kehle wurde fester. „Antworten Sie mir!“

Sie hatte das Gefühl zu ersticken. Irgendwie gelang es ihr zu keuchen: „Lass mich los … dann sage ich es dir.“

„Reden Sie!“

„Ich kenne deinen Namen“, stieß sie krächzend hervor, „… weil du vor ein paar Monaten deine Großmutter in die Klinik gebracht hast. Ich erinnere mich an ihren Namen, Rosalinda Sanchez … und daran, wie stolz sie auf ihren Enkel war. Sie erzählte mir alles über dich, wie gut du für sie sorgst und wie du –“

„Genug! Ich will nichts mehr hören!“

Er wich zurück, gab ihre Kehle frei. Kate verlor das Gleichgewicht und fiel fast hin. Hastig hielt sie sich am Tresen fest, rang nach Atem und fühlte voller Dankbarkeit Luft in ihre Lungen strömen. Sie hatte das Gefühl, ein schmales Blutrinnsal würde ihre Wange herablaufen, aber vielleicht bildete sie es sich auch nur ein. Ein Schauder überlief sie. Das war knapp gewesen!

Diesen Gedanken verdrängte sie schnell wieder. Sie konnte sich nicht damit aufhalten, was hätte passieren können. Sie musste das Messer in die Hand bekommen und Emilios Wunde behandeln, ehe es zu spät war.

„Was würde deine Großmutter jetzt von ihrem Enkel denken, Emilio?“, fragte sie ihn. „Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass du ihre Ärztin mit dem Messer bedrohst?“

„Was wissen Sie denn von meiner Abuela?“, herrschte er sie an. „Was wissen Sie überhaupt?“

Nun konnte sie leichter atmen. „Ich weiß nur eins – wenn ich deine Verletzung nicht behandle, wirst du so viel Blut verlieren, dass du ins Krankenhaus musst. Sobald du erst einmal dort bist, wird dir die Polizei Fragen stellen, wie zu dieser Stichwunde gekommen bist. Sie werden zu deiner Großmutter gehen und –“

„Schluss jetzt!“, schrie er. „Genug geredet!“

Furcht packte sie, sich verrechnet zu haben, dass er sie wieder anspringen würde. Aber dann blickte er sie an, das junge Gesicht voller Unsicherheit, und ein Triumphgefühl durchzuckte sie für einen winzigen Augenblick. In ein oder zwei Sekunden würde er das Messer fallenlassen oder es ihr geben. Sie wollte gerade die Hand ausstrecken, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung sah.

Emilio bemerkte sie ebenfalls und wirbelte herum. Ein Mann stürzte in die Klinik. Die Eingangstür schlug noch gegen die Wand, da warf sich der Fremde schon auf Emilio und packte ihn. Erschrocken fluchte der junge Latino auf Spanisch, als das Gewicht des Mannes ihn gegen den Tresen drückte. Er packte den Angreifer, als sie zusammen zu Boden gingen.

„Ich habe ihn!“, schrie der Mann Kate zu. „Laufen Sie!“

Kate aber hätte nicht fortlaufen können, selbst wenn sie es gewollt hätte, denn die Kämpfenden hatten sie gegen den Tresen gedrängt.

Schreiend und fluchend rollten sich die beiden zu ihren Füßen herum. Das wilde Durcheinander von Armen und Beinen verhinderte, dass Kate erkennen konnte, wer der Retter war. Immerhin war er ziemlich groß.

Aber ihr war es egal, wer er war. Sie war wütend, dass er sich eingemischt hatte, gerade als sie die Situation in den Griff bekam. So watete sie in das Durcheinander und packte ihn beim Arm.

„Lassen Sie ihn los!“, schrie sie und zerrte so kräftig sie konnte. Genauso gut hätte sie versuchen können, einen Berg zu bewegen. „Sehen Sie denn nicht, dass Sie ihm weh tun?“

Der Fremde saß nun auf Emilio. Da Kate an ihm riss, und Emilio mit ihm rang, behielt er allerdings nicht lange die Oberhand. Schließlich, mit einem langen Fluch auf Spanisch, rappelte er sich auf. Kate ergriff dabei Emilio am Arm und zog ihn ebenfalls hoch. Schweratmend standen sie nun alle da.

Nun erst sah Kate, wer der Mann war. „Sie!“

„Ja, ich“, sagte Nick Santos grimmig. Er hielt immer noch Emilio fest im Griff, der ihn dafür mörderisch anfunkelte. Nick untersuchte ihn auf weitere Waffen, dann trat er das Messer beiseite, das zu Boden gefallen war. „Wo ist das Telefon? Ich rufe an und –“

„Die Polizei meinen Sie?“

„Nein, die örtliche Talentshow – was denken Sie denn?“, sagte Nick ungeduldig. „Natürlich rufe ich die Polizei an. Bisher war es jedenfalls ein Verbrechen, jemanden mit dem Messer zu bedrohen.“

Bei seinem sarkastischen Ton errötete Kate. „Ich kann das erklären.“

„Mag sein. Aber ich denke, in diesem Fall ist er derjenige, der die Erklärung liefern wird.“

„Ich werde mich darüber im Augenblick nicht streiten. Er braucht ärztliche Behandlung. Wenn Sie sich die Mühe machen würden, genauer hinzusehen, dann würden Sie erkennen, dass er verletzt ist.“

Nick warf noch einen Blick auf Emilio, der immer noch Blut verlor. Dann bemerkte er, wie er selbst aussah. Hellrote Flecken bedeckten sein weißes Hemd, und sein Anzug war ebenfalls blutbeschmiert. Er fluchte unterdrückt.

„Ich weiß es jetzt“, sagte er dann. „Dies hier ist nämlich ein neues Hemd.“

Kate wurde noch wütender. „Ihr neues Hemd ist Ihnen tatsächlich wichtiger als der arme Emilio?“

Nick starrte sie an. „Darf ich Sie daran erinnern, dass der arme Emilio dabei war, Sie aufzuschlitzen? Nun, ich weiß nicht, warum, und es interessiert mich eigentlich auch nicht. Es gibt sehr wahrscheinlich eine ganze Reihe von Gründen, aber in erster Linie geht es wohl um Drogen. Habe ich recht?“

Kate wollte diesem Mann gegenüber gar nichts zugeben, egal, wie sehr diese dunklen Augen ihr zusetzten. Als sie sich kurz im vergangenen Jahr kennengelernt hatten, war seine körperliche Präsenz ihr fast überwältigend erschienen. Sicher benutzte er seine Größe, um Leute einzuschüchtern. Aber sie würde sich von niemandem einschüchtern lassen. Er konnte sie so weit überragen, wie er wollte, es würde ihm nichts helfen.

„Die Gründe spielen keine Rolle“, zischte sie. „Viel wichtiger ist, dass er ärztliche Hilfe braucht, und er braucht sie auf der Stelle!“

„Nun, gut. Soweit ich weiß, gibt es im Gefängnis eine Krankenabteilung.“

„Nicht nötig, ich habe alles hier!“, entgegnete sie scharf. „Nun lassen Sie ihn bitte los. Er ist mein Patient, und ich werde ihn behandeln.“

Um zu zeigen, dass sie es ernst meinte, löste sie Nicks Hand vom Arm des Teenagers und zog Emilio mit sich Richtung Behandlungsraum. Dabei warf sie dem Privatdetektiv einen eisigen Blick zu, falls er vorhaben sollte, sie zurückzuhalten. Zu ihrer Zufriedenheit zuckte er nur mit den Schultern und lehnte sich gegen den Tresen.

Als sie mit Emilio endlich das Behandlungszimmer erreicht hatte, war er bereits zu schwach, um noch irgendwelchen Widerstand zu leisten. Noch bevor sie es vorschlagen konnte, legte er sich auf die Liege und schloss die Augen. Froh, endlich mit der Versorgung der Wunde beginnen zu können, streifte sie sich Einmalhandschuhe über und schnitt den blutgetränkten Ärmel auf. Erleichtert sah sie, dass die Wunde doch nicht so tief war, wie sie befürchtet hatte. Sie musste nur gereinigt und mit ein paar Stichen genäht werden. Als sie damit fertig war, half sie Emilio, sich aufzusetzen. Er war benommen genug, es ihr zu gestatten, aber als er dann aufrecht dasaß, fiel ihm wohl ein, dass er ein ganzer Kerl war und entzog sich ihrem Griff.

„Ich schaffe es schon allein“, murmelte er.

Sie stritt sich nicht mit ihm und erlaubte ihm, allein von der Liege herunterzusteigen. Aber dabei beobachtete sie ihn sorgfältig, und war wieder besorgt, als er sich gegen die Liege lehnen musste, weil er ein wenig schwankte.

„Ich rufe jetzt wohl besser jemanden, der dich nach Haus bringt“, sagte sie.

„Nein. Einer meiner vatos wird mich abholen.“

Er richtete sich auf, und sie sah, welche Mühe es ihn kostete, aber sie behielt einen neutralen Ausdruck im Gesicht. Die Arbeit in dieser Klinik hatte sie gelehrt, wie stolz diese Latinos waren. Manchmal war Stolz das einzige, was sie besaßen. Und sie würde ihm diesen Stolz nicht nehmen.

Sie hielt ihm die Antibiotika und Schmerzmittel hin, die sie herausgesucht hatte. Mit einem, wie sie hoffte, überzeugenden Lächeln sagte sie: „Also gut, ich will nicht darauf bestehen, aber nur, wenn du versprichst, diese Medikamente zu nehmen. Und zwar hier.“

Mit verächtlichem Ausdruck schob er ihre Hand beiseite. „Ich brauche keine Pillen.“

„Gut, es ist allein deine Sache.“ Wieder streckte sie die Hand aus. „Aber wenn du sie nicht nimmst, könnte dir der Arm abfallen.“

Er blickte sie an und zuckte dann mit den Schultern. Was sie gesagt hatte, stimmte natürlich nicht so ganz, aber durch ihre Arbeit hier hatte sie manches erfahren, was sie in einem anderen Krankenhaus niemals gelernt hätte. Zuerst war sie entsetzt gewesen, wie hier gearbeitet wurde. Aber dann hatte ihr eine der Krankenschwester erklärt, sie täten hier das, was funktionierte. Viele der Menschen in dieser extrem armen Gegend hegten ein tiefverwurzeltes Misstrauen gegen jede staatliche Einrichtung. Kate musste feststellen, dass es ungemein schwer war, auch nur im Geringsten akzeptiert zu werden – von einer Kooperation gar nicht zu reden. Woanders hätte sie niemals mit solchen Worten versucht, einen Patienten zu überreden, aber sie hatte hier gelernt, das zu tun, was den meisten Erfolg versprach.

Ihre Worte waren zu Emilio durchgedrungen. Er blickte auf seinen bandagierten Arm, bevor er wieder aufschaute, offensichtlich bemüht, cool zu erscheinen. „Sie wollen mich verschaukeln, stimmt’s?“

Sie zuckte nochmals mit den Schultern. „Mach was du willst und warte ab.“

Er zögerte, dann steckte er die Medikamente ein. „Ich nehme sie.“ Er kniff die Augen halb zusammen und sah Kate an. „Aber nur, weil ich es will, klar?“

Kate unterdrückte ein Lächeln. „Klar.“

Zu ihrem großen Missvergnügen wartete Nick Santos noch immer draußen im Empfangsbereich. Sie hatte ihn bereits völlig vergessen – nein, das stimmte nicht. Sie hatte ihn nicht vergessen, sondern gehofft, er wäre inzwischen verschwunden.

Aber da stand er, hochgewachsen, breitschultrig, und lehnte lässig am Tresen. Normalerweise befanden sich um diese späte Stunde ein halbes Dutzend Leute im Raum, heute aber war alles leer. Sie war sicher, allein seine Anwesenheit hatte gereicht, die Leute abzuschrecken. Er sah nicht nur aus wie ein Polizist, sondern er benahm sich auch so. Und sie wusste, die Leute in dieser Gegend rochen einen Polizisten schon von weitem.

Herausfordernd schaute sie ihn an. „Emilio geht jetzt“, sagte sie. „Wir haben uns unterhalten, und ich möchte nicht, dass Sie ihn davon abhalten. Ich bin überzeugt, dass so etwas wie eben nicht wieder vorkommen wird.“

Nick warf Emilio einen kurzen, prüfenden Blick zu. Emilio erstarrte und schaute auf Kate.

„Sind Sie sicher, Sie wissen, was Sie tun?“, fragte Nick dann.

Sie hob das Kinn. „Ja, das tue ich.“

„Es ist Ihre Klinik“, sagte er achselzuckend.

„Richtig.“

Nick sah sie einen Moment an, dann drehte er sich zu dem Teenager um. Y si sacas el cuchillo otra vez, tu culo es mío.“

Emilio hakte den Daumen seiner gesunden Hand hinter den Gürtel seiner ausgebeulten, tiefhängenden Jeans. „No me asustas, puerco!“, knurrte er mutig. „Mir machst du keine Angst, du Schwein!“

Nicks Blick wurde eiskalt. „Conozco muchos vividores como ustedes. Yo sé donde encontrarte, si lo necessito.“

Emilio verzog verächtlich den Mund. Ihm gefiel es nicht, ein Punk genannt zu werden, aber er war sich nicht sicher, was der Typ damit meinte, er würde ihn schon finden, falls notwendig. Er warf den Kopf in den Nacken und schoss zurück: „Si vienes a buscarme, te arrepentirás.

Nick lachte sarkastisch. „Wenn ich komme, dann wirst du derjenige sein, dem es leid tut!“

Emilio grinste höhnisch, machte aber um Nick einen weiten Bogen, als er die Klinik verließ. Kate hatte während ihrer Arbeit hier ein paar Brocken Spanisch gelernt, aber die Unterhaltung war so schnell gewesen, dass sie nur ein paar Worte mitbekommen hatte. Sobald sich die Tür hinter dem Teenager geschlossen hatte, wandte sie sich an Nick.

„Was haben Sie zu ihm gesagt?“, wollte sie wissen.

Nick zuckte mit den Schultern. „Nur, dass er sich anständig benehmen soll.“

„Oder?“

„Oder der Weihnachtsmann würde ihn in diesem Jahr vergessen.“

Kate konnte genügend Spanisch, um zu wissen, dass er das bestimmt nicht gesagt hatte. Aber sie hakte nicht weiter nach, weil sie wollte, dass er ging. Verärgert, dass er sich immer noch nicht rührte, öffnete sie den Mund, um ihm zu sagen, dass sie zu tun hätte. Da begegneten sich ihre Blicke. Ein unglaublich starkes Gefühl durchfuhr sie wie ein Blitz, und Kate hielt unwillkürlich den Atem an. Nur für einen winzigen Augenblick schien es so zu sein, als …

Hastig unterbrach sie den Blickkontakt. Was war denn los mit ihr? Sie benahm sich ja so, als würde sie Nick Santos attraktiv finden! Was natürlich nicht stimmte. Es lag wohl daran, dass ihre Nerven nach dem Zwischenfall mit Emilio immer noch bloßlagen.

Aber dennoch … Sie konnte sich des unangenehmen Eindrucks nicht erwehren, dass er alle ihr Gefühle kannte, ihre Gedanken, ihre Bedürfnisse … alles.

Sie wandte sich ab. Was für dummes Zeug! dachte sie. Nick wusste gar nichts von ihr, überhaupt nichts – außer dem, was in der Akte über sie stand, und darüber würde sie mit ihrem Vater sprechen müssen. Verärgert dachte sie daran, dass Jeffrey Nick ein Dossier über jedes Familienmitglied gegeben hatte. Das ging einfach zu weit. Warum musste Nick alles über sie wissen, wenn er auf der Suche nach diesen verdammten Juwelen war? Die Schmuckstücke interessierten sie nicht im Mindesten!

Kate schob die Hände in die Taschen ihres weißen Kittels und ging in die Offensive. „Also, das war eben wirklich eine beeindruckende Szene. Ich hoffe, Sie sind nun glücklich!“

Er war absolut nicht glücklich, sondern funkelte sie an. „Sie hätten mich die Polizei rufen lassen sollen.“

Sie wusste, er hatte recht, entgegnete aber störrisch: „Warum? Damit er ins Gefängnis kommt und sein Leben ruiniert ist?“

„Wissen Sie, Sie und Ihresgleichen mit dem mitleidsvollen Herzen und den ach so liberalen Ideen hängen mir zum Hals heraus“, sagte er voller Abscheu. „Er hat sich entschieden, sein Leben zu ruinieren, es ist nicht etwas, was ihm angetan wurde. Er war hier kein unschuldiger Zuschauer. Er ist verantwortlich für seine eigenen Entscheidungen.“

Wieder hatte er recht, aber sie würde es nicht eingestehen, ganz bestimmt nicht. „Er ist unschuldig“, beharrte sie und deutete um sich herum. „Sehen Sie sich doch um, Mr. Santos – ich meine nicht die Klinik, sondern die Umgebung. Was sehen Sie denn außer Armut und Verzweiflung? Emilio hat es sich nicht ausgesucht, in einer Gegend wie dieser aufzuwachsen. Es ist nicht seine Schuld!“

„Das stimmt. Ihm bleibt jedoch immer noch die Entscheidungsfreiheit, hierzubleiben oder fortzugehen. Und jemanden mit dem Messer zu bedrohen, ist auch nirgendwo vorgeschrieben.“

„Er hatte Angst und war verletzt –“

„Das sind keine Entschuldigungen.“

„Nein, aber es sind mildernde Umstände.“

„Nicht für mich.“

Wütend sah sie ihn an. „Was wissen Sie denn schon davon!“

„Mehr als Sie, Frau Doktor. Ich wuchs in einer solchen Umgebung auf und weiß, wovon ich rede.“

Kate hatte bislang nichts über seine Herkunft gewusst. Es wäre ihr auch nie in den Sinn gekommen, wenn er nicht davon gesprochen hätte. Verlegen stammelte sie: „Ich … es tut mir leid. Ich … wusste es nicht.“

„Sie meinen, weil ich keinen solchen Akzent wie Ihr kleiner Freund habe?“, sagte er verächtlich. „Nun, ich hatte ihn einmal – ja, genauso wie der arme Emilio. Aber wissen Sie was? Ich habe ihn mir abgewöhnt und mir meinen Weg aus dem Viertel heraus erkämpft. Und wenn ich es kann, können es alle anderen auch. Man muss es nur wirklich wollen.“

Kate wusste, das allein reichte nicht. Bei einer anderen Gelegenheit würde sie es ihm sagen. Im Augenblick hatte sie keine Lust, sich auf einen Streit mit ihm einzulassen.

„Ich bin sicher, Sie –“, begann sie, bemerkte dann aber, dass auch Nick blutete. „Sie sind verletzt!“

Er warf einen Blick auf die Wunde an seiner Hand und zuckte die Achseln. „Es ist nichts. Nur ein Schnitt.“

„War das Emilio?“, fragte sie entsetzt.

Er zögerte. „Ich muss zugeben, ich war in Versuchung zu sagen, er hätte es absichtlich getan – damit Sie endlich Ihre Meinung über den Jungen ändern.“ Nochmals schaute er auf seine Hand und fügte fast bedauernd hinzu: „Aber es geschah während des Kampfes. Ich bin sicher, wenn er es gekonnt hätte, hätte er mir das Messer in den Leib gejagt. Diese Verletzung ist allerdings nur zufällig entstanden.“

„Nun, ich habe ihn behandelt, dann kann ich wohl auch Sie behandeln. Kommen Sie, lassen Sie uns –“

„Keine Umstände, bitte“, sagte er ironisch.

„Es macht mir keine Mühe“, erwiderte sie. Noch immer verärgert über seine herabsetzenden Worte von vorhin, packte sie ihn am Arm und zog ihn mit sich. Als sie ihm die Wunde mit einem Antiseptikum säuberte, musste sie einfach sagen: „Sie irren sich, was Emilio betrifft. Ich weiß, er hätte mir nichts getan.“

Nick zuckte zusammen, als das Medikament in der Wunde brannte. „Dann hat er hervorragend geschauspielert. Denn als ich durchs Fenster sah –“

Kate nahm sich fürs Verbinden mehr Zeit als eigentlich notwendig. Sie hatte schon immer einen Blick für Hände gehabt, und gegen ihren Willen musste sie zugeben, dass Nick Santos wundervolle Hände hatte, starke, zupackende Hände. Seine Finger waren lang und wohlgeformt, die Nägel kurz. Dann begriff sie den Sinn seiner Worte und ließ die Hand fallen, als hätte sie sich verbrannt.

„Sie haben mir nachspioniert?“

„Stellen Sie nicht schon wieder die Stacheln auf“, sagte er und begutachtete den Verband. „Gute Arbeit.“

Sie tat sein Kompliment mit einer ärgerlichen Handbewegung ab. „Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Warum haben Sie uns beobachtet?“

„Ich habe Sie nicht beobachtet, Doktor. Ich kam her, um mit Ihnen sprechen.“

„Warum?“

„Damit Sie mir ein paar Fragen beantworten.“

„Sie hätten anrufen und mir eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen können.“

„Das habe ich getan – fünfmal. Aber Sie scheinen Ihren Anrufbeantworter offensichtlich nur zu benutzen, um Nachrichten zu speichern. Abhören tun Sie sie jedenfalls nicht.“

Sie wurde rot. Er hatte sie erwischt. In dieser Woche war sie so müde gewesen, hatte hier in der San Francisco City Free Clinic gearbeitet, dazu noch im Krankenhaus, dass sie nur noch schnell duschte und dann bleischwer ins Bett taumelte, wenn sie nach der Arbeit nach Haus kam. Irgendwelche Anrufe abzuhören, kam ihr überhaupt nicht mehr in den Sinn. Wenn es wirklich dringend war, würde derjenige den Pieper benutzen.

Um ihre Verlegenheit zu kaschieren, reagierte sie kratzbürstig. „Falls Sie mir irgendwelche Fragen wegen der großartigen Suche nach den verschwundenen Juwelen stellen wollen, vergeuden Sie nur Ihre Zeit. Ich weiß absolut nichts, und es interessiert mich auch nicht.“

„Mir geht es allmählich fast genauso – nachdem ich fast um den gesamten Erdball gereist und wieder hier gelandet bin, um den Spuren nachzugehen. Dennoch muss ich ein paar Dinge wissen. Von Ihnen.“

„Stellen Sie anderen Leuten Ihre Fragen“, sagte sie. „Ich habe nichts damit zu tun, und ich will es auch nicht. Und nun, wo ich Ihnen alles erzählt habe, was ich über das Lieblingsprojekt meines Vater weiß, denke ich, Sie könnten wieder gehen. Sie vertreiben die Leute – Leute, die mich brauchen, möchte ich hinzufügen. Ich muss wieder an die Arbeit.“

„Sie hören sich an, als würde die Tatsache Ihnen nicht gefallen, dass Ihr Vater mich engagiert hat.“

„Ich bin nicht sicher, ob mir im Augenblick mein Vater gefällt.“

„Sind sie wegen der Scheidung sauer auf ihn?“

Sie war wegen einer ganzen Reihe von Dingen sauer, aber sie würde ihn bestimmt nicht ins Vertrauen ziehen. „Ich glaube nicht, dass es Sie etwas angeht“, sagte sie kühl.

„Da haben Sie recht. Es geht mich nichts an.“

„Heißt das, wir sind tatsächlich einer Meinung?“

„Sieht so aus. Aber ich würde keine Wette abschließen, dass so etwas noch einmal vorkommt.“

Er lächelte dabei, und es war ein Lächeln, das sie an New Orleans an einem feuchten, heißen Sommerabend denken ließ. Einmal erst war sie dort gewesen, und sie erinnerte sich an einen Straßenmusiker, der Trompete gespielt hatte. Die sanfte, gefühlvolle Melodie war nach Mitternacht durch das French Quarter getragen worden, hatte Liebende erreicht, ihr Blut schneller kreisen lassen.

Bei dieser Erinnerung durchfuhr es sie seltsam. Rasch schaute sie zur Seite. Dies ist doch völlig absurd, sagte sie sich. Mitternacht und feuchtheißes New Orleans? Sie war offensichtlich erschöpfter, als sie gedacht hatte.

„Ich muss jetzt wirklich zurück an die Arbeit“, sagte sie, sah ihn aber herausfordernd dabei an. „Außer, Sie haben noch weitere Fragen …?“

Nick Santos schüttelte den Kopf. „Im Augenblick nicht.“ Er richtete sich vom Tresen auf und ging zu Tür. „Aber ich komme wieder.“

„Das nächste Mal sprechen Sie bitte einen Termin mit mir ab.“

Wie immer, hatte er auch jetzt das letzte Wort. An der Tür drehte er sich nochmals um und schaute ihr ins Gesicht. „Natürlich. Sie sollten allerdings in Zukunft Ihren Anrufbeantworter abhören. Man kann nie wissen, ob nicht etwas Wichtiges darauf gesprochen wurde.“

2. KAPITEL

Die Bar an der Market Street war überfüllt, laut und dämmrig, sodass Nick erst einmal an der Tür stehenbleiben musste, damit sich seine Augen und Ohren anpassten. Er stand noch immer da und suchte nach der Person, mit der er sich hier verabredet hatte, da kam eine Frau auf ihn zu. Sie trug Stöckelschuhe mit Bleistiftabsätzen, einen Mikro-Minirock, der kaum den Beinansatz erreichte, und eine durchsichtige Bluse, die nichts mehr der Phantasie überließ, denn sie hatte keinen BH an.

„Hi, Hübscher“, begrüßte sie ihn mit rauchiger Stimme. „Brauchst du was?“

Nick grinste. Sein Job hatte ihm schon viele solcher Situationen beschert. „Vielleicht an einem anderen Abend, Baby.“

„Bist du sicher? Ich könnte es dir nett machen.“

Sie kam dichter heran, und ihre Brüste in der tiefausgeschnittenen Bluse streiften seine Brust. Er wäre kein normaler Mann gewesen, wenn ihm nicht kurz ein verlockendes Bild durch den Kopf geschossen wäre. Aber als sie dann an seinen Hemdknöpfen zu nesteln begann, packte er ihre Hand.

„Tut mir leid“, sagte er. „Ich bin hier, um jemanden zu treffen.“

Sie lächelte ihn aufreizend an, und ihre vollen roten Lippen schimmerten im rauchigen Licht. „Du wirst sie rasch vergessen, wenn du mich …“ Das vielversprechende Ende des Satzes ließ sie in der Luft hängen.

Wieder sah Nick ein Bild vor sich – diesmal das Gesicht von Kate DeWilde. Selbst müde und abgespannt, mit blassem Gesicht und dunklen Schatten unter den grünen Augen, hatte sie doch viel verlockender als diese Frau ausgesehen. Jünger, frischer …

Warum verschwendete er eigentlich seine Gedanken an Kate DeWilde? Sie hätte ihn beinahe dafür attackiert, dass er versucht hatte, ihr das Leben zu retten. Was war nur mit ihm los? Er war wütend auf sich, dass er überhaupt darüber nachdachte.

Mit Gewalt rief er sich in die Gegenwart zurück. Die Frau vor ihm drängte sich nun auf eine Art an ihn, die sie wohl für sinnlich und verführerisch hielt. Sie war nicht sein Typ, aber dennoch musste er sie ja nicht verletzen. „Ich bin sicher, dass du das schaffst“, sagte er. „Aber nicht heute Abend, danke.“

Wieder schmollte sie, aber diesmal war es mehr eine Formalität. Ihre Augen waren auf den Eingang gerichtet, und er wusste, sie schätzte bereits ein neues Opfer ab. Mit einem leeren Lächeln wandte sie sich nun von Nick ab, gerade als er seine Freundin an der Bar entdeckte. Er suchte sich seinen Weg zwischen den Gästen hindurch.

„Hi, Maxine“, sagte er, als er auf den freien Hocker neben ihr glitt.

Maxine Roybal drehte sich mit einem breiten Lächeln zu ihm um. Sie war zartgliedrig gebaut, hatte leuchtend blaue Augen, kurzes, lockiges Haar und war das ganze Jahr hindurch braungebrannt. Sie war Detective beim San Francisco Police Department und eine ehemalige Kollegin von Nick. Absichtlich parodierte sie die Frau, die Nick angemacht hatte, und schnurrte: „Hi, Hübscher. Was kann ich für dich tun?“

Nick grinste zurück. „Wie ich sehe, hast du unsere Freundin an der Tür im Auge behalten.“

„Sie ist ja auch schwer zu übersehen, oder?“ Maxine streckte ihm die Hand entgegen. „Schön, dass du da bist, Nick.“

Er schob ihre Hand beiseite und zog sie kurz in die Arme, während der Barkeeper ein Glas Bier vor ihn hinstellte.

Nick war mit Maxine schon vor ihrer gemeinsamen Zeit bei der Polizei befreundet gewesen, und sie hatten ein gutes Team gebildet. In der letzten Zeit sah er sie nicht mehr sehr oft, da er meist für irgendwelche Auftraggeber unterwegs war, und sie war mit ihrer Karriere verheiratet. Als er damals bei einem Drogenfall angeschossen wurde, hätte sie fast den Dienst quittiert. Sie hatte sich die Schuld daran gegeben, bis er sie nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus in ihrem Apartment besucht und ihr ordentlich die Meinung gesagt hatte. Danach hatte sie eine Weile nicht mehr mit ihm gesprochen, aber das war es wert gewesen. Obwohl er wegen des Hinkens, für das die verfluchte Kugel verantwortlich war, die er abbekommen hatte, für den Polizeidienst untauglich geworden war, liebte er doch seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv. Maxine hatte ihre Arbeit wiederaufgenommen und war rasch aufgestiegen. Es hatte sich alles gerichtet.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen“, sagte er. Er hob sein Glas. „Ich denke, ich bin dir Dank schuldig.“

Sie stießen miteinander an. Wie immer, trank sie ihren Bourbon unverdünnt. „Es war mir ein Vergnügen.“ Sie lächelte trocken. „Ich schuldete dir sowieso noch einen Gefallen – mehr als nur einen, wenn ich mich recht erinnere. Du hast mir in den alten Zeiten oft genug den Rücken freigehalten. Ich wünschte nur –“

Er tat den schmerzlichen Teil seiner Vergangenheit mit einer Handbewegung ab. „Genug davon. Man bekommt das, was man verdient. Und mir geht es besser so. Also, wie steht’s bei dir, Maxine?“

Sie verstand den Wink. Lachend sagte sie: „Ich könnte mich beschweren, aber es würde auch nichts nützen.“ Sie knuffte seine Schulter. „Aber was ist mit dir? Als du anriefst, sagtest du, du hättest ordentlich zu tun.“

„Im letzten Jahr bin ich kilometermäßig bestimmt einmal zum Mond und zurück geflogen, wenn ich alles zusammenzähle.“

„Ich beneide dich. Es hört sich ziemlich aufregend an.“

„Nenn es einfach interessant. Diese Familie, für die ich arbeite –“ Er schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, du darfst mir nicht erzählen, um was es geht, aber kommst du der Lösung schon näher?“

„Du hast recht, ich kann es dir nicht erzählen. Eins kann ich dir allerdings verraten. Nachdem ich um den ganzen Globus gejettet bin, habe ich herausgefunden, dass alle Spuren nach San Francisco weisen – von einer Sache in Australien einmal abgesehen. Wenn ich jetzt keinen Erfolg habe, weiß ich nicht, wo ich weitermachen soll.“

„Du hast immer einen Weg gefunden, Ideen gehabt. Und das weißt du auch. Erinnerst du dich noch an die alten Zeiten in unserer Gegend? Du hättest wie alle anderen Kinder bei den Banden mitmachen können, aber du warst zu smart dazu.“

Nick verzog den Mund. „Bei den Mariachis mitmachen? Bei dieser Bande von Verlierern? Ich hoffe, sie haben sich irgendwann aufgelöst.“

„Es ist verdammt schwer, eine Gang aufrechtzuerhalten, wenn die meisten Mitglieder im Gefängnis gelandet oder durch Straßenkämpfe umgekommen sind!“

Er schüttelte den Kopf. „Was für eine Vergeudung. Und wenn ich daran denke, uns hätte es ebenso ergehen können …“

„Keine Bange – vor allem dir wäre das nicht passiert. Du hast all diesen Macho-Schwachsinn nie mitgemacht, und ich war viel zu sehr mit Studieren oder Arbeiten beschäftigt, als dass ich eine Gang-Chica hätte sein können.“

Er lachte bei der Erinnerung an diese Zeiten. „Nicht zu vergessen, was deine Eltern und meine Großmutter mit uns angestellt hätten, wenn wir nur überlegt hätten, bei der Gang mitzumischen.“

„Wie geht es deiner Großmutter überhaupt?“, wollte Maxine wissen.

Er wurde ernst. „Sie starb vor einigen Jahren, nicht lange nachdem ich sie überzeugt hatte, ins Sonoma County zu ziehen. Zumindest konnte ich sie aus dem Viertel wegholen.“

„Es tut mir leid zu hören, dass sie gestorben ist, Nick. Sie war eine wundervolle alte Dame.“ Maxine drückte seinen Arm und sagte mit einem nostalgischem Lächeln: „Weißt du, ich habe immer noch den Geschmack ihrer hausgemachten Tortillas auf der Zunge.“

Er legte seine Hand auf ihre. „Ich auch. Sogar jetzt noch bekomme ich manchmal einen wahnsinnigen Appetit auf Huevos y papas, die sie immer gemacht hat.“ Nun grinste er wieder. „Mann, wie oft haben wir die gegessen, als ich noch klein war.“

„Wir auch. Eier und Kartoffeln waren eben billig. Ich werde nie vergessen, wie du sie beim Kochen in der Küche geneckt hast, und sie nahm die schwere Pfanne und rannte damit hinter dir her …“

„Und genau in diesem Augenblick fuhr einer dieser verdammten Mariachis vorbei und ballerte mit seinem Revolver los. Die Kugel traf die Pfanne, und Großmutter ging durch den Aufprall zu Boden. An dem Abend hätte ich jemanden umbringen können.“

„Ja, ich erinnere mich auch daran. Gott sei Dank konnte sie es dir ausreden. Wenn du ihnen nachgefahren wärst, hättest du dein Leben riskiert.“

Nick starrte in sein fast leeres Glas. „Ja, ich verdanke mein Leben meiner Großmutter. Sie hat mich vor vielen Fehlern bewahrt. Deswegen, als ich heute Abend den Jungen sah –“

„Welchen Jungen?“, unterbrach sie ihn.

„Ach, irgend so ein Pachuco drüben in der Free Clinic. Zufällig kam ich hinzu, als dieser ausgeflippte Punk mit dem Messer auf die Ärztin losging. Ich ging hinein und nahm es ihm weg.“

„Ein Samstagnachmittag in diesem Viertel wie so viele, nicht wahr?“, sagte sie mit einem resignierten Unterton. „Und was geschah dann? Nein, lass nur –“ Ihr Blick fiel auf seinen Verband. Da die Verwundung nicht schwerwiegend aussah, nahm sie ihn ein wenig auf den Arm. „Früher warst du schneller, Nick. Sieht so aus, als hättest du das meiste abbekommen.“

„Das kann man wohl sagen“, stimmte er ihr zu. „Und für all den Ärger bekam ich nicht einmal einen Dank. Die Ärztin regte sich wahnsinnig über mich auf und zwang mich mehr oder weniger, den Typen laufenzulassen.“

„Na, großartig! Du hilfst dieser Frau –“

„Eine im Übrigen sehr nett aussehende Frau, muss ich sagen.“

„Immer noch der alte Nick. Der Liebling der Frauen. In der Schule hingen dir die Mädchen ständig an den Hacken.“

„Nur, weil ich den harten Typen spielte.“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Der stolze Held, der blitzschnell seinen Mumm vergaß, wenn seine Großmutter in Sichtweite kam.“

Maxine lachte. „Ja, aber du hast so toll romantisch ausgesehen mit diesem dunklen, düsteren Blick – und dann die Art, wie du über den Flur geschlendert bist. Ich muss gestehen, damals war ich halb in dich verschossen. Aber was ist mit dieser Ärztin? Habe ich nicht einen interessierten Unterton in deiner Stimme entdeckt?“

Er sah sie mit verzweifeltem Blick an. „Es ist nicht zum Aushalten! Selbst jetzt noch möchtest du mich am liebsten verkuppeln!“

„Doch nur, weil du so ein verflucht gutaussehender Bursche und echt guter Fang bist!“, neckte sie ihn.

Santos ignorierte ihre Bemerkung. „Die Antwort auf deine neugierige Frage in Bezug auf diese Dame ist schlicht und einfach: nein! Ich bin im Moment an niemandem interessiert, besonders nicht an einer rührseligen Ärztin aus reichem Haus, die ihre Schuldgefühle zu kompensieren versucht, indem sie sich in Dingen versucht, von denen sie nichts versteht, und die sie auch nie verstehen wird.“

Maxine lehnte sich überrascht zurück. „Mann! Sie ist dir wirklich unter die Haut gegangen!“

„Nein, das ist sie nicht. Ich habe einfach nur ein paar Fakten festgestellt.“

„Ein wenig zu vehement, wenn du mich fragst.“

„Ich habe dich aber nicht gefragt. Und du weißt genau, was ich meine, Maxine. Wir beide haben es oft genug gesehen, viel zu oft. Die Mildtätigen und Gutherzigen verlassen ihre komfortablen Heime, um uns zu sagen, wie wir zu leben haben. Sie sind erfüllt von humaner Güte, bis irgendwann etwas Unausweichliches eintritt, das alles durcheinanderwirbelt. Sofort laufen sie zurück nach Haus, jammern darüber, wie sehr sie sich bemüht hätten, aber was könne man schon mit Leuten anfangen, die nicht zur Kooperation bereit sind …“ Er schnaubte verächtlich. „Sie glauben, all das Schlechte wird verschwinden, wenn man nur lernt, sich einigermaßen richtig zu benehmen.“

„Bist du sicher, dass du nicht zu hart mit ihr ins Gericht gehst? Vielleicht meint sie es wirklich ernst.“

„Sie meinen es alle ernst. Bis irgendeine kleine Gewalttat ihre Phantasien zutiefst erschüttert.“

„Na, komm, es gibt keinen Grund, verbittert zu sein, Nick.“

„Ich bin nicht verbittert, nur Realist.“

Maxine leerte ihr Glas. „Junge, die hat es dir wirklich angetan.“

„Hör, Maxine, ich sagte dir doch –“

Plötzlich ging der Pieper an Maxines Gürtel los. Sie grinste und stand auf. „Hast du ein Glück!“, sagte sie. „Muss los. War nett, wieder einmal mit dir zu reden, Nick. Und wenn du noch ein wenig in der Gegend bleibst, ruf mich an. Wir können über alte Zeiten reden, als …“ Sie zwinkerte ihm zu. „… als wir noch jung waren und alle Möglichkeiten offenstanden.“

Er sah sie düster an. „Daran habe ich noch nie geglaubt, und du auch nicht.“

Sie drückte ihm einen schwesterlichen Kuss auf die Stirn. „Aber klar taten wir das … Deswegen sind wir doch Bullen geworden.“

Als Kate an diesem Abend die Klinik verließ, wartete ihre Freundin und Mentorin auf sie. Dr. Sheila McIntyre, Chefchirurgin am exklusiven San Francisco Golden Gate Hospital, öffnete die Wagentür ihres schwarzen Porsche und stieg aus.

„Du siehst müde aus“, begrüßte sie sie. „Hattest du einen schlechten Abend?“

Kate dachte an Emilios verzweifelte Miene, den Schmerz, den er hinter Macho-Gehabe zu verbergen suchte. „Nicht schlimmer als sonst auch“, log sie. Sie wusste, Sheila könnte niemals verstehen, was heute Abend geschehen war – auch wenn sie es ihr zuliebe sicher versuchen würde.

Sheila bedrängte sie nicht weiter mit Fragen. Sie stieg wieder ein, als Kate die Beifahrertür öffnete, und auf den weichen Ledersitz glitt. Zu ihrem Ärger musste Kate an Nick Santos denken, als der Wagen mit einem Aufröhren anfuhr. Wieso dachte sie eigentlich an ihn? Er hatte doch wirklich kein Geheimnis daraus gemacht, dass er sie absolut nicht mochte und dazu noch ihre Herkunft und das, was sie tat, verachtete. Welches Recht hat er eigentlich, mich zu verurteilen? dachte sie empört. Und welches Recht, heute Abend in die Klinik zu platzen und den armen, unschuldigen Jungen anzugreifen …?

Doch dann musste sie sich eingestehen, so ganz unschuldig war Emilio Sanchez auch wiederum nicht. Aber er war arm, und ganz bestimmt hatte er Hilfe gebraucht.

Außerdem wäre sie auch ohne Nicks Hilfe mit der Situation fertig geworden. Und wenn sie Unterstützung gebraucht hätte, dann hätte sie nur die Notrufnummer zu wählen brauchen …

Mit einem Seufzer musste sie sich eingestehen, auch das stimmte nicht. Für ein paar Minuten hatte ihr Leben an einem seidenen Faden gehangen.

Rasch drehte sie sich zu Sheila um. „Danke, dass du mich heute Abend abgeholt hast. Der Automechaniker hat gesagt, ich könnte meinen Wagen morgen wiederbekommen.“

„Kein Problem“, sagte Sheila, fügte aber noch hinzu: „Wir haben schon darüber gesprochen, Kate. Solange du darauf beharrst, an dieser Klinik zu arbeiten, solltest du sicherstellen, dass du heil nach Haus kommst. Ich wollte dich nicht der Gnade eines Taxifahrers ausliefern, der im schlimmsten Fall noch nicht einmal auftaucht.“

Autor

Janis Flores
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