1. KAPITEL

"Aber warum hat Belinda uns nicht schon letztes Jahr gesagt, dass sie ein Kind von Pablo erwartet?" Mit finster zusammengezogenen Augenbrauen blickte Antonio Rocha, Marqués de Salazar, seine Großmutter an.

     "Wir haben Belinda zu Lebzeiten deines Bruders ja kaum gekannt", erwiderte Doña Ernesta. Die feinen Züge der alten Dame zeigten deutlich ihr Bedauern. "Wir können wohl kaum erwarten, dass Belinda sich an uns wendet, nachdem Pablo sie verlassen hat."

     "Ich habe mehrmals versucht, ein Treffen zu arrangieren. Aber Belinda ist mir stets ausgewichen", wandte Antonio ein. "Letzten Endes hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie unsere Hilfe nicht braucht und uns nicht länger als Verwandte betrachtet."

     "Ich glaube, ihr Stolz verbot ihr, sich mit dir zu treffen. Viel mehr als ihre Würde blieb ihr ja auch nicht. Pablo hat sie offenbar während der Schwangerschaft verlassen. Und nach seinem Tod stand sie völlig mittellos da. Das betrübt mich umso mehr", gestand Doña Ernesta. "Dabei habe ich wirklich geglaubt, dass Pablo ruhiger wird, wenn er erst einmal verheiratet ist."

     Antonio hingegen war von Anfang an weniger zuversichtlich gewesen. Schließlich hatte sein jüngerer Bruder bereits sämtliche Familienmitglieder enttäuscht, bevor er auch außerhalb dieses Kreises verheerenden Schaden anrichtete. Obwohl Pablo als Angehöriger des spanischen Hochadels von Geburt an besondere Vorteile genoss, brachte er sich schon in jungen Jahren immer wieder in Schwierigkeiten.

     Seinen Eltern war es nicht gelungen, Pablo in seine Schranken zu weisen. Bereits mit Anfang zwanzig hatte er eine beträchtliche Erbschaft verjubelt und mehrere Verwandte und Freunde um große Summen geprellt. Während dieser turbulenten Jahre versuchten zahllose Freunde immer wieder, Pablo zu verstehen, seine Probleme zu lösen und Schadensbegrenzung zu betreiben. Aber sämtliche Versuche schlugen fehl. Antonio war sogar geneigt zu glauben, dass sein Bruder große Befriedigung darin fand, die Gesetze zu brechen und die Gutgläubigkeit anderer Menschen auszunutzen.

     Vor nunmehr drei Jahren war Pablo schließlich nach Hause zurückgekehrt, um sich mit seiner Familie zu versöhnen und seine schöne englische Freundin Belinda zu heiraten. Voller Freude über seine Rückkehr bestand Doña Ernesta darauf, die Hochzeitsfeier auszurichten. Außerdem machte sie dem Paar ein überaus großzügiges Geldgeschenk. Nach der Hochzeit waren die beiden nach England gezogen. Bis Pablo urplötzlich wieder in den Schoß seiner Familie zurückkehrte, weil seine Ehe angeblich gescheitert war. Kurz darauf war er bei einem Autounfall unter Alkoholeinfluss ums Leben gekommen.

     "Ich bin sehr verwundert, dass Pablo ein derartiges Geheimnis für sich behalten konnte", klagte Doña Ernesta. "Noch bedauernswerter finde ich, dass Belinda uns nicht genug vertraut hat, um uns von dem freudigen Ereignis zu erzählen."

     "Ich habe schon Vorkehrungen getroffen, damit ich gleich morgen früh nach London fliegen kann", erklärte Antonio seiner Großmutter, die am eleganten Kamin Platz genommen hatte. Als sich die Züge der alten Dame trotzdem nicht aufhellten, fuhr er stirnrunzelnd fort: "Du solltest aufpassen, dass du dich nicht zu sehr in deiner Trauer verschließt. Die Familie hat alles in ihrer Macht Stehende getan, und jetzt werden wir unser Bestes für Pablos Tochter tun."

     Erst an diesem Nachmittag hatte Antonio einen dringenden Anruf von seinem Anwalt erhalten, der seinerseits von Belindas Notar kontaktiert worden war. Antonio war ernstlich erschüttert, als er erfuhr, dass die Witwe seines Bruders vor sechs Monaten ein Kind zur Welt gebracht hatte und außerdem vor vierzehn Tagen einer Lungenentzündung erlegen war. Glücklicherweise hatte Belinda in weiser Voraussicht Antonio zum Pflegevater ihrer Tochter Lydia ernannt. Und dies, obwohl sie stets sehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht gewesen war. Auf Empfehlung des Familienanwalts hin erklärte sich Antonio mit einem Abstammungstest einverstanden. Eigentlich gab es keinen Grund daran zu zweifeln, dass das Mädchen die Tochter seines Bruders war. Jedoch zog er es vor, lieber etwas vorsichtiger als nötig zu sein.

     Der Anwalt hatte Antonio schließlich mitgeteilt, dass sich Belindas Schwester Sophie im Augenblick um das Kind kümmerte. Dieser Umstand gefiel Antonio gar nicht. Sophie war viel zu jung, um eine derartige Verantwortung übernehmen zu können. Außerdem war ihr Lebensstil wohl kaum mit der Pflege und Erziehung eines kleinen Kindes vereinbar. Deshalb hielt Antonio es für unerlässlich, sofort einzuschreiten.

     Er hatte Sophie auf der Hochzeit von Pablo und Belinda kennengelernt. Die deutlichen Unterschiede zwischen den beiden Schwestern verwunderten nicht nur ihn, sondern auch seine konservative Familie. Während Belinda über das gefällige Auftreten und die geschliffene Sprache der englischen Oberschicht verfügte, hätte man meinen können, dass Sophie aus einem vollkommen anderen Umfeld stammte. Obwohl seine Muttersprache Spanisch war, beherrschte sogar Antonio die englische Grammatik besser als sie. Doch während er nun über diese unerklärlichen Unterschiede zwischen den beiden nachdachte, verklärte sich sein kritischer Blick. Unwillkürlich erinnerte er sich auch an Sophies lange blonde Lockenmähne und ihre funkelnden grünen Augen. Sie war keine Schönheit im klassischen Sinn wie ihre Schwester. Trotzdem hatte die jüngste und kleinste der Brautjungfern am Tag der Hochzeit Antonios Aufmerksamkeit immer wieder auf sich gezogen. Schon bald war er sich allerdings der Tatsache bewusst geworden, dass sich offenbar keiner der anwesenden Männer ihren Reizen entziehen konnte.

     Aber er rief sich ins Gedächtnis zurück, dass ihre magische Wirkung auf ihn nur von kurzer Dauer gewesen war. Verächtlich verzog er seinen Mund. Sophie war sexy und unglaublich weiblich, aber eben auch leicht zu haben. Dies war ihm schlagartig klar geworden, als er zufällig beobachtete, wie sie im Morgengrauen mit einem jungen Mann und völlig zerknitterter Kleidung von einer heißen Liebesnacht am Strand ins Hotel zurückgekehrt war. Sie schien nicht besser zu sein als all die Touristen, die nach Spanien kamen, um sich übermäßigem Alkoholkonsum und Abenteuern mit Gelegenheitsbekanntschaften hinzugeben.

     "Ein kleines Mädchen, mein erstes Enkelkind", frohlockte jetzt Doña Ernesta. Ein Lächeln erhellte ihre ernsten Züge, und ihr war deutlich anzumerken, wie aufgeregt und gerührt sie war. "Lydia ist ein hübscher Name, und ein Baby wird wieder Leben in das Castello bringen."

     Antonio hätte am liebsten laut aufgestöhnt, musste aber zugeben, dass er selbst es bisher nicht eilig gehabt hatte, Vater zu werden. Mit seinen knapp dreißig Jahren hegte er nicht den leisesten Wunsch, schon jetzt für Nachkommen zu sorgen. Auch sonst interessierte er sich nicht sonderlich für Babys und machte bei Familienfeiern üblicherweise einen großen Bogen um die schreienden Bündel. Seiner Meinung nach waren heulende Kinder nur in den Augen ihrer stolzen Eltern reizvoll. Wie durch ein Wunder übersahen sie, dass Babys schrecklich laut waren und wahnsinnig viel Arbeit machten.

     "Zweifelsohne wird ein Baby das Castello verändern", murmelte Antonio trocken. Insgeheim beschloss er, das Kinderzimmer und die angrenzenden Bedienstetenräume im wenig genutzten Ostflügel so schnell wie möglich renovieren zu lassen. Er würde außerdem das notwendige Personal einstellen, damit das Kind rund um die Uhr betreut werden konnte, ohne dass man ihn behelligen musste.

     Er gab unumwunden zu, dass er sein Leben genauso mochte, wie es war. Schließlich hatte er lange Zeit unglaublich hart gearbeitet, um den Schaden wiedergutzumachen, der dem Familienbesitz der Rochas durch Pablos Veruntreuungen entstanden war. Während sein jüngerer Bruder über die Stränge schlug, hatte Antonio bis zu achtzehn Stunden am Tag gearbeitet. Persönliche Interessen und Freizeit waren für ihn ein Luxus gewesen, den er sich nicht leisten konnte. Inzwischen hatte er allerdings so viele Reichtümer geschaffen, dass er sich unübertrieben als Milliardär bezeichnen konnte. Seitdem genoss er einen äußerst gehobenen Lebensstandard, ein wunderbares gesellschaftliches Leben und die Freiheit, tun und lassen zu können, was er wollte.

     Aber er spürte auch, dass Veränderungen in der Luft lagen. Er war nun persönlich für Pablos Tochter verantwortlich und betrachtete es als seine Pflicht, sich um das verwaiste Kind zu kümmern und es mit nach Spanien zu nehmen. Schließlich war das Mädchen mit ihm blutsverwandt und Teil seiner Familie.

     "Natürlich wirst du heiraten müssen", flötete plötzlich seine Großmutter. Antonio drehte sich erschrocken zu der alten Dame um, die ihre Aufmerksamkeit geflissentlich auf ihre Stickerei gerichtet hielt. In seinen dunkelbraunen Augen spiegelte sich teils Verärgerung, teils Belustigung. Immerhin war ihm sehr wohl bewusst, wie erpicht seine Großmutter darauf war, dass er endlich in den Ehestand trat. "Mit Verlaub, Großmutter … aber ich glaube nicht, dass ein derart großes Opfer notwendig sein wird."

     "Ein Baby braucht eine Mutter. Ich bin zu alt für diese Rolle, und vom Personal kann man nicht verlangen, dass es diese Lücke füllt. Du bist häufig auf Reisen", erinnerte ihn Doña Ernesta. "Nur eine Ehefrau würde gewährleisten, dass das Kind immer ausreichend umsorgt wird."

     Je länger Antonio ihr zuhörte, desto ernster wurde sein Gesichtsausdruck. "Ich brauche keine Ehefrau."

     Scheinbar ungerührt sah Doña Ernesta auf und schenkte ihrem Enkel ein verständnisvolles Lächeln. "Dann kann ich dir nur meine Bewunderung aussprechen. Offensichtlich hast du die Angelegenheit schon wohl durchdacht …"

     "Ja, das habe ich, und zwar gründlich", erklärte Antonio bestimmt. Die Unschuldsmiene seiner Großmutter konnte ihn nicht täuschen.

     "Und du bist bereit, deine gesamte Freizeit deiner Nichte zu opfern? Schließlich wird sie vor allem deine Aufmerksamkeit beanspruchen, da du ihre wichtigste Bezugsperson bist."

     Diesen Aspekt hatte Antonio nicht bedacht. Er war überhaupt nicht geneigt, einen derartigen Einsatz auch nur in Betracht zu ziehen. Nur schwerlich konnte er sich in der Rolle eines ständig verfügbaren Vaters vorstellen. Allein der Gedanke daran war lächerlich. Er war der Marqués de Salazar, das Oberhaupt einer alten Adelsfamilie, und noch dazu ein mächtiger und einflussreicher Geschäftsmann, dem mehrere Tausend Angestellte unterstanden. Seine Zeit war viel zu wertvoll, und seine wichtigen Geschäfte konnten unmöglich ohne ihn laufen. Was wusste er schon von Kindern, geschweige denn von Babys?

     Andererseits erschienen ihm eheliche Verpflichtungen auch nicht viel verlockender als eine lebenslange Gefangenschaft.

 

Als sie Lydias Hemdchen wechselte, konnte Sophie einfach nicht widerstehen und drückte ihrer Nichte einen geräuschvollen Kuss auf das Bäuchlein. Vor Vergnügen glucksend und strampelnd streckte ihr die Kleine die Arme entgegen. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

     "Manchmal frage ich mich, wer von euch beiden eigentlich das Kind ist!", bemerkte Norah Moore, eine dünne Frau mit grauen Haaren. Ihr nicht besonders großer, aber dafür umso besser gebauter Sohn Matt stellte unterdessen den alten Hochstuhl neben den Küchentisch.

     Die kleine und zierliche Sophie strich sich mit einer wehmütigen Geste die Locken aus der Stirn. Sie war versucht, Norah zu gestehen, dass die Trauer um ihre Schwester Belinda, der Stress und die viele Arbeit ihr allmählich das Gefühl gaben, mehr als hundert Jahre alt zu sein. Um sich über Wasser halten zu können, hatte sie schon immer kämpfen müssen, aber seit Lydias Geburt brauchte sie sogar zwei Jobs. Ihr Haupteinkommen verdiente sie als Putzfrau bei den Moores. Mutter und Sohn waren die Inhaber des Campingplatzes, auf dem Sophie nun schon fast vier Jahre lebte. Zurzeit reinigte sie die Wohnwagen, die während der Ferien vermietet wurden. Aber viele Leute, die sich wie sie keine Wohnung leisten konnten, lebten hier das ganze Jahr über. Indem sie Kleider für ein exklusives Versandunternehmen bestickte, verdiente sie sich noch etwas dazu. Trotz der zahlreichen Arbeitsstunden und des vergleichsweise niedrigen Lohns war Sophie dankbar für jede Beschäftigung, die es ihr erlaubte, sich gleichzeitig um Lydia zu kümmern.

     "Aber ich weiß, wer von euch beiden die Hübschere ist", erklärte nun Matt.

     Während Sophie Lydia in ihrem Hochstuhl anschnallte, versuchte sie, seinem verzückten Blick auszuweichen. Dabei fragte sie sich, warum sich immer die falschen Männer in sie verliebten. Sie mochte Matt und hatte sich wirklich bemüht, ihn attraktiv zu finden. Er arbeitete hart, war ehrlich und bescheiden – verfügte also über Eigenschaften, die ihrem verantwortungslosen Vater völlig gefehlt hatten. Jede vernünftige Frau hätte Matt wohl als wahren Glücksgriff betrachtet. Wie so oft wünschte sich Sophie, auch eine von diesen vernünftigen und klugen Frauen zu sein.

     "Im Augenblick interessiert Sophie wahrscheinlich mehr, weshalb dieser Notar sie heute zu sich bestellt hat", fuhr Norah ihren Sohn an. "Ich verstehe nicht, warum Belinda überhaupt ein Testament gemacht hat, obwohl sie nichts zu vererben hatte."

     "Wegen Lydia", antwortete Sophie. "Belinda hat das Testament aufsetzen lassen, nachdem Pablo gestorben war. Ich glaube, sie wollte damit ein Zeichen setzen und ihre Unabhängigkeit unterstreichen."

     "Ja, deiner Schwester ging ihre Unabhängigkeit über alles", stieß Norah Moore verächtlich hervor. "Nach Lydias Geburt war sie nicht gerade begeistert davon, rund um die Uhr für ein Kind da sein zu müssen."

     "Es war nicht leicht für sie", sagte Sophie und zuckte mit den Schultern. Mehr konnte sie nicht tun, um Belindas zügelloses Verhalten während der letzten Monate ihres Lebens zu verteidigen. Zumindest nicht Norah gegenüber, die sie unterstützte und sich ebenfalls um Belindas Tochter kümmerte. Außerdem schätzte Sophie genau diese Offenheit an den Moores. Sie sagten stets, was sie dachten, und man musste keine Falschheiten befürchten.

     "Du hast es aber auch nicht unbedingt leichter als sie", sagte Norah. "Als Belinda nach alldem, was sie erlebt hatte, hierher kam, tat sie mir wirklich leid. Aber als sie dich wegen ihres neuen Freundes mit Lydia hier sitzen ließ, ist mir einfach der Kragen geplatzt."

     "Ich bin gern mit Lydia hier geblieben", erklärte Sophie und meinte es auch so.

     "Manchmal ist das, was man gern tut, nicht das Beste für einen", antwortete Norah prompt.

     Nach Belindas überraschendem Tod war die kleine Lydia oft Sophies einziger Trost. Sophie hatte ihre ältere Schwester sehr lieb gewonnen. Dass sie und Belinda verschiedene Väter hatten und sich erst begegnet waren, nachdem Sophie Belinda ausfindig gemacht hatte, spielte für sie keine Rolle. Belinda war die Erste, bei der sie so etwas wie Nestwärme empfunden hatte.

     Dabei hätte man bei der äußerst unterschiedlichen Herkunft der Schwestern eher davon ausgehen können, dass die beiden einander ein Leben lang fremd bleiben würden. Während Belinda in einem schönen Landhaus mit eigenem Pony und allen Annehmlichkeiten aufwuchs, die ein Kinderherz höher schlagen ließen, war Sophie in einer Sozialwohnung bei einem ständig bankrotten Vater groß geworden. Sie entstammte der außerehelichen Beziehung ihrer Mutter Isabel. Nachdem ihre Verliebtheit verflogen war, hatte Isabel ihren Ehemann zurückgewinnen können. Sophie ließ sie bei ihrem Liebhaber. Dieser zog sie mit Hilfe ständig wechselnder Freundinnen auf. Somit hatte Sophie schon sehr früh gelernt, dass ihre Wünsche nur selten auf das Interesse der sie umgebenden Erwachsenen stießen.

     Beim ihrem ersten Treffen war Sophie sofort sehr von der schönen, weltgewandten Belinda beeindruckt gewesen. Sie war fünf Jahre älter als sie selbst, auf einem schicken Internat erzogen worden und sprach ein geschliffenes Englisch wie die Queen höchstpersönlich. Doch mit ihrer warmen, herzlichen Art hatte Belinda schnell Sophies Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen. Etwas langsamer und auch schmerzvoller hatte Sophie dann begriffen, dass ihre Schwester nicht besonders clever und für den Charme gut aussehender, großspuriger Männer besonders empfänglich war. Aber diese traurige Wahrheit hätte Sophie um nichts in der Welt freiwillig preisgegeben.

     Jetzt überließ sie ihre Nichte Norah Moores Obhut und stieg in den Lieferwagen zu Matt. Er nahm sie mit nach Sheerness, und als er vor dem Notariat hielt, bot er ihr sogar an, auf sie zu warten.

     Wie immer hatte es Sophie eilig gehabt, Matts hoffnungsvollem Schmachten zu entkommen, und war bereits ausgestiegen. "Das brauchst du nicht", versicherte sie rasch. "Zurück nehme ich den Bus."

     Matt überhörte ihre Ankündigung und teilte ihr mit, wo er parken würde.

     Ein junger Mann, der mit seinem Auto an der Ampel hielt, ließ eine Scheibe herunter: "Hey, Süße!"

     Sophie warf ihm einen gequälten Blick zu, ihre grünen Augen schimmerten dunkel. "Solltest du nicht in der Schule sein?", rief sie ihm zu.

     Der junge Mann erschrak über ihre Schlagfertigkeit und schloss das Autofenster schnell wieder. Sophie dachte betrübt, wie schrecklich es war, dass sie mit ihren beinahe dreiundzwanzig Jahren immer noch wie eine Sechzehnjährige wirkte. Sie schrieb ihr junges Aussehen ihrer zierlichen Erscheinung zu. Ihr Haar hatte sie absichtlich so lang wachsen lassen, da sie befürchtete, man könnte sie sonst aufgrund ihrer kaum vorhandenen Kurven für einen Jungen halten. Allerdings hätte sie das natürlich niemals zugegeben.

     Als Sophie das elegante Vorzimmer des Notariats betrat, zog sie verschämt an ihrem altmodischen Jeansrock, der mit einem blumigen Baumwollstoff abgesetzt war. Sie trug ihn nur, weil sie dachte, ein Rock sähe formeller aus als die Jeanshosen, die sonst ihre sehr überschaubare Garderobe bestimmten. All ihre Sachen stammten aus Kleiderspenden, und waren alles andere als Designerstücke. Jetzt wartete Sophie geduldig, bis die Empfangsdame geruhte, von ihrer Anwesenheit Notiz zu nehmen, nachdem sie ausgiebig mit einer Kollegin getratscht und einen Telefonanruf beantworten hatte.

     Im Wartezimmer setzte sich Sophie ans Fenster und beobachtete, wie eine große Limousine sich auf der vergleichsweise schmalen Straße ihren Weg bahnte und dadurch ein Verkehrschaos auslöste. Wenig später blieb das lange silberfarbene Fahrzeug stehen, und ein uniformierter Chauffeur stieg aus. Ungerührt von dem Gehupe, mit dem die anderen Verkehrsteilnehmer gegen das Hindernis protestierten, öffnete er eine der hinteren Türen.

     Als der Fahrgast heraussprang und sich zu beträchtlicher Größe aufrichtete, stockte Sophie der Atem. Ihre grünen Augen weiteten sich ungläubig. Das konnte doch nicht Pablos herrischer großer Bruder Antonio Rocha sein! Erschrocken wich sie zurück und stellte sich seitlich neben das Fenster, blickte aber weiterhin wie gebannt hinaus. Es war Antonio. Sophie bekam weiche Knie.

     Da war er, der Mann, der jedes ihrer Vorurteile Lügen gestraft und aus ihr im Handumdrehen ein hilfloses, wimpernklimperndes Mädchen gemacht hatte. Bei diesem Gedanken wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken. Seit jenem Tag waren nun fast drei Jahre vergangen. Sophie hatte sich immer wieder gesagt, dass Antonio nicht halb so umwerfend ausgesehen haben konnte, wie er ihr damals vorgekommen war. Aber nun war er plötzlich aus Fleisch und Blut hier aufgetaucht, und Sophie spürte deutlich, dass sie sich nichts mehr vormachen konnte. Bereits über diese Entfernung war seine Anziehungskraft auf sie so beunruhigend stark, dass sie unwillkürlich die Zähne zusammenbiss.

     Sein glänzendes schwarzes Haar trug er modisch kurz. Aus seinen klassischen Zügen sprach stolze Männlichkeit, die überall, wo er auftrat, Bewunderung bei der Damenwelt hervorrief. Nicht nur sein Gesicht glich dem eines griechischen Gottes, sondern sein gesamter Körperbau: Er hatte breite Schultern, schmale Hüften und lange, muskulöse Beine. In seinem modischen Designeranzug sah er einfach umwerfend aus. Erst als er mit langen Schritten auf das Notariat zuging, löste sich Sophie aus ihrer Erstarrung. Sie begann zu hinterfragen, was sie gesehen hatte. Warum hielt sich Antonio in England auf? Und was hatte er auf der Sheppeyinsel verloren, wo reiche Adelige eine ebenso große Seltenheit waren wie Pinguine in der Wüste? Mit Sicherheit hielt er sich nur in Sheerness auf, um denselben Termin wahrzunehmen, für den auch sie hergebeten worden war. Anders ließ sich dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen nicht erklären.

     Sie eilte zur Tür, die zum Eingangsbereich des Notariats führte, in dem inzwischen Hektik ausgebrochen war. Die Empfangsdame, die Sophie bei ihrem Eintreffen wortkarg abgefertigt hatte, stand nun mit einem strahlenden Lächeln stramm. Ein gut gekleideter älterer Mann begrüßte Antonio unter ständigen Verbeugungen und murmelte dabei unterwürfig: "Ihre Exzellenz."

     Als hätte Antonio Sophies Anwesenheit gespürt, wandte er jetzt stolz seinen dunkelhaarigen Kopf. Seine Augen erschienen im Sonnenlicht beinahe goldfarben, und sein Blick traf den ihren. Sophie verspürte ein Kribbeln im Bauch, ihr Mund wurde ganz trocken, und ihr Herz begann zu rasen. Sie fühlte sich dermaßen überwältigt von diesen Gefühlen, dass sie panisch reagierte. "Was zum Teufel, machst du denn hier?", fragte sie Antonio herausfordernd.

     Obwohl Antonio von ihrem unerwarteten Erscheinen ebenfalls überrascht war, ließ er sich nichts anmerken. Mit einem Blick sog er jede Einzelheit Sophies in sich auf, die an der Tür stand, als wäre sie auf dem Sprung. Sie hatte die Figur und die Anmut einer Tänzerin. Beinahe wirkte sie wie ein Schmetterling, der stets darauf gefasst war, bei der geringsten falschen Bewegung davonzufliegen. Wilde blonde Locken umrahmten ihr zartes Gesicht mit den großen grünen Augen, der sommersprossigen Stupsnase und dem schönen vollen Kussmund. Antonio musste sich zusammenreißen, um sie nicht fasziniert anzustarren und die in ihm aufkeimenden Gefühle der Leidenschaft zu unterdrücken.

     "Ich habe dich etwas gefragt, Antonio …" Um zu verbergen, dass ihre Hände zitterten, verschränkte Sophie die Arme. "Wer hat dich gebeten, zu kommen?"

     "Seine Exzellenz hat diesen Termin auf meine Bitte hin wahrgenommen, Misses Cunningham", schaltete sich nun der erschrockene Notar mit vorwurfsvollem Ton ein.

     Antonio tat einen Schritt auf Sophie zu und reichte ihr seine Hände. Er schaute ihr direkt in die Augen. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, löste sie ihre verschränkten Arme und ergriff Antonios Hände. Eine nicht zu verleugnende Sehnsucht war in ihr erwacht.

     "Ich weiß, wie nah du deiner Schwester gestanden hast. Gestatte, dass ich dir mein tief empfundenes Beileid ausspreche", sagte er und klang tatsächlich betroffen.

     Sophies blasse Wangen wurden feuerrot, und ihre Hände zitterten unter Antonios warmem Griff. Sie war hin- und hergerissen. Einerseits zweifelte sie nicht an seiner Aufrichtigkeit, und nach seiner Beileidsbekundung war sie den Tränen nahe. Andererseits hatte er deutlich gemacht, dass sie sich stark im Ton vergriffen hatte, indem er ihrer wenig freundlichen Begrüßung mit Galanterie begegnet war. Allein deshalb schon hätte sie vor Wut schreien mögen. Aber sie wollte sich nicht von ihm beeindrucken lassen und erst recht nicht daran erinnert werden, wie sehr Antonio sie vor drei Jahren verletzt hatte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf einen erneuten Angriff, das war jetzt viel wichtiger. Wo waren Antonio Rocha und seine reiche, versnobte Familie gewesen, als die verzweifelte Belinda Hilfe und Unterstützung gebraucht hatte?

     "Ich habe dein Beileid nicht nötig!", rief sie und entriss ihm ihre Hände.

     "Trotzdem möchte ich es dir bekunden", beharrte Antonio. Insgeheim bewunderte er sie für ihr Temperament und dafür, dass sie ihn zurückgewiesen hatte. Normalerweise reagierten Frauen überhaupt nicht aggressiv auf ihn oder zeigten sich undankbar, wenn er ihnen seine Aufmerksamkeit schenkte.

     "Du hast mir immer noch nicht gesagt, was du hier willst", beharrte Sophie.

     "Man hat mich eingeladen", erinnerte Antonio sie freundlich.

     "Bitte hier entlang, Exzellenz …", drängte ihn der Notar in gequält entschuldigendem Ton.

     Obwohl Sophie vor Unbehagen und Anspannung immer blasser geworden war, erklärte sie jetzt erhobenen Hauptes: "Ich gehe nirgendwohin, ehe mir nicht jemand sagt, was hier los ist. Was gibt dir das Recht, den letzten Willen meiner Schwester anzuhören?"

     "Lass uns derartige Themen in einem etwas privateren Umfeld besprechen", schlug Antonio gelassen vor.

     Sophie errötete erneut, weil sie sich jetzt daran erinnerte, welche Folgen ihr Besuch in Spanien vor fast drei Jahren gehabt hatte. Antonios Zurückweisung war äußerst schmerzhaft für sie gewesen und hatte sie zutiefst in ihrem Stolz verletzt. Sie war viel zu naiv gewesen, um zu erkennen, dass der blaublütige Marqués de Salazar nur zum Zeitvertreib mit ihr geflirtet hatte. Jetzt kostete es sie große Anstrengung, die verletzenden Erinnerungen zu verdrängen und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren.

     Der Notar bedeutete ihnen, einen schmalen Flur entlangzugehen, der in einem weitläufigen Büro mündete. Dort sank Sophie sofort auf einen Stuhl, richtete sich aber sogleich wieder kerzengerade auf. Da sie inzwischen beschlossen hatte, Antonios Gelassenheit nachzuahmen, widerstand sie der Versuchung, sich einen weiteren Ausbruch zu leisten. Sie presste die Lippen zusammen und versuchte, sich einen Reim darauf zu machen, warum Antonio Rocha eigens aus Spanien angereist war. Schließlich hatte sich Pablos hochmütiger Bruder zuvor weder bemüht, Kontakt mit ihr aufzunehmen, noch das leiseste Interesse an der Existenz seiner kleinen Nichte Lydia bekundet. Sophie befiel eine böse Vorahnung.

     Während er las, wirkte der Notar ein wenig gehetzt, so als habe er es ungemein eilig, eine unangenehme Aufgabe hinter sich zu bringen. Der Schriftsatz war kurz und bündig, und nur allzu bald verstand Sophie, warum man Antonios Anwesenheit für notwendig erachtet hatte. Trotzdem stellte sie das Gehörte infrage. "Meine Schwester hat auch Antonio zu Lydias Vormund ernannt?"

     "Ja", bestätigte der Notar.

     "Aber ich bin durchaus in der Lage, mich allein um Lydia zu kümmern", verkündete Sophie. "Damit braucht man sonst niemanden zu belasten!"

     "So einfach ist das nicht", warf Antonio Rocha scheinbar ungerührt ein, trotzdem hatte sich eine leichte Falte zwischen seinen tiefschwarzen Brauen gebildet. Er war erstaunt, dass in dem Testament mit keinem Wort erwähnt wurde, wie Belinda über die Verteilung ihres Besitzes verfügt hatte. Dieses Versäumnis wollte er gerade anmerken, als Sophie sagte: "Es ist ganz einfach, man muss nur wollen." Seitdem sie das Büro des Notars betreten hatten, warf sie dem hochgewachsenen Spanier erstmals einen flüchtigen Blick zu. Ihre grünen Augen funkelten allerdings zornerfüllt. "Ich weiß nicht, was über Belinda gekommen ist, als sie dich zusätzlich zum Vormund er…"

     "Vielleicht gesunder Menschenverstand?", kommentierte Antonio trocken.

     "Ich nehme an, sie hatte Angst, dass sie und ich gemeinsam einen Unfall haben könnten." Sophie lief erneut rot an, während sie sich krampfhaft bemühte, Haltung zu bewahren. "Wir sprechen hier vom Extremfall, aber glücklicherweise ist der ja nicht eingetreten. Ich bin jung und gesund und sehr wohl in der Lage, mich allein um Lydia zu kümmern."

     "Da bin ich aber anderer Meinung", sagte Antonio leise.

     Sophie biss die Zähne zusammen. "Du kannst denken, was du willst, aber es wird nichts ändern!", erwiderte sie scharf.

     "Ihre Schwester hat sowohl Sie als auch den Marqués als Vormund für ihre Tochter benannt", führte der Notar weiter aus. "Das bedeutet, dass Sie sich das Sorgerecht für das Kind teilen."

     "Wie bitte?", rief Sophie entrüstet.

     "Wir sorgen gemeinsam für Lydia." Antonio konnte nicht umhin, diese Tatsache noch einmal zu unterstreichen.

     "Ohne Anrufung des Gerichts ist keine andere Auslegung der Sorgerechtsverfügung möglich", verkündete der Notar.

     "Das ist eine Unverschämtheit!", protestierte Sophie.

     "Bei allem Respekt, aber ich denke schon, dass es meiner Familie gestattet sein sollte, an der Erziehung des Kindes meines Bruders teilzuhaben."

     "Wieso?", rief Sophie wutentbrannt und sprang auf. "Damit deine werte Familie bei Lydia die gleichen Fehler machen kann wie bei Pablo?"

     Plötzlich war Antonio seine Verärgerung deutlich anzusehen. Er wirkte angespannt. "Unsere Geschwister sind beide tot. Diesem Umstand wollen wir doch bitte Respekt zollen."

     "Du hast mir gar nichts zu befehlen, und schon gar nicht, dass ich nur Gutes über Pablo reden soll, nur weil er tot ist!", stieß Sophie aufgebracht hervor. Ihre Augen schienen Funken zu sprühen. "Dein Bruder hat das Leben meiner Schwester zerstört!"

     "Könnte ich vielleicht einen Augenblick allein mit Miss Cunningham sprechen?", wandte sich Antonio nun an den Notar.

     Der Mann hatte sich während der immer hitziger werdenden Debatte höchst unbehaglich gefühlt und verließ erleichtert den Raum.

     "Setz dich hin!", befahl Antonio kühl. Er war entschlossen, sich von Sophies Anschuldigungen nicht provozieren zu lassen. "Sei froh, dass ich mich nicht mit dir streiten werde. Vorwürfe sind in so einer Situation sinnlos und unangebracht. Das Wohl des Kindes muss an erster Stelle –"

     "Du hast mir überhaupt nichts zu sagen, erst recht nicht, was richtig und was falsch ist." Sophie war so wütend, dass nur ein Schrei ihre Gefühle hätte ausdrücken können. Aber sie musste sich beherrschen. Daher ballte sie nur die Fäuste, erhob sie jedoch nicht gegen Antonio. "Aber lass dir eins gesagt –"

     "Ab jetzt redest du nur noch, wenn du gefragt wirst." Antonio hatte sich erhoben. Er wirkte elegant wie immer und ließ keinerlei Anzeichen von Eile erkennen. "Außerdem wirst du deine Stimme senken und deine Ausdrucksweise mäßigen."

     "Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Als wäre ich ein dummes Kind", fuhr Sophie ihn an. "Du kommst hier einfach hereingeschneit, legst das Recht aus, wie es dir beliebt, und benimmst dich, als wüsstest du alles besser."

     "Nun, das ist höchstwahrscheinlich auch so", konterte Antonio. "Ich weiß, dass du mit Belindas Tod erst kürzlich einen schweren Verlust hinnehmen musstest, und wahrscheinlich hat die Trauer dein Temperament –"

     "Das hat nichts damit zu tun. Ich kann dich einfach nicht ausstehen. Aber deshalb schreie ich dich nicht an!" Sophies grüne Augen funkelten. "Sondern wegen Pablo. Dein verkommener Bruder hat meiner Schwester alles genommen, sich in ihrem Namen verschuldet und sie dann einfach sitzenlassen. Er war ein entsetzlicher Lügner und Betrüger und hat ihr ganzes Geld im Casino und beim Pferderennen verjubelt. Und als nichts mehr übrig war, hat er zu ihr gesagt, dass er sie ohnehin nie geliebt hätte, und ist auf und davon."

     Antonio zeigte sich betroffen, aber nicht sonderlich überrascht. Er hielt es allerdings für taktlos, Sophie daran zu erinnern, dass er ihre Schwester vor der Hochzeit darauf hingewiesen hatte, wie wenig verlässlich sein Bruder in Sachen Geld war. Jetzt sagte Antonio: "Wenn das die Wahrheit ist, tut es mir leid. Wäre ich davon unterrichtet worden, hätte ich Belinda selbstverständlich im Rahmen meiner Möglichkeiten geholfen."

     Sophie stockte der Atem. "Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?", brach es dann aus ihr heraus.

     Antonio wollte sich in keine Diskussion über seinen Bruder verwickeln lassen. "Unglücklicherweise kann ich die Vergangenheit nicht ungeschehen machen", erklärte er deshalb schlicht. "Das einzige Thema, über das ich im Augenblick zu reden bereit bin, ist die Zukunft unserer kleinen Nichte."

     Sophie warf ihm einen zornigen Blick zu. Frustriert stellte sie fest, dass ihn anscheinend alles kalt ließ. Weder schämte er sich für das Verhalten seines Bruders gegenüber ihrer armen Schwester noch erschreckte es ihn. Nichts konnte ihn aus seiner hoheitsvollen Fassung bringen. Da stand er, Antonio Rocha, Marqués de Salazar, mit seinen ein Meter neunzig. Sein Reichtum und seine Herkunft schützten ihn vor den Widrigkeiten des Lebens, mit denen diejenigen kämpfen mussten, die es weniger gut getroffen hatten. Sein schicker Anzug kostete wahrscheinlich mehr, als sie in einem Jahr verdiente. Er verfügte über einen Privatjet und einen ganzen Fuhrpark an Luxuswagen. Er lebte in einem Schloss mit Bediensteten und würde niemals wissen, was es hieß, wenn man nur mit Mühe die Miete zahlen konnte.

     "Ich werde mit dir nicht über Lydia sprechen!", stieß Sophie nun hitzig hervor. "Du bist genauso schlimm wie dein verlogener Bruder."

     Antonios edle Züge überzog plötzlich ein tiefes Rot. Seine dunklen Augen blitzten. Bei derartig persönlichen Angriffen hatte er eine verhältnismäßig niedrige Reizschwelle. In seinen Adern floss das Blut spanischer Adliger. Über Jahrhunderte war ihre Ehre ihr höchstes Gut gewesen, das es unter allen Umständen zu verteidigen galt. Er selbst hatte sich immer an die Gesetze gehalten und stellte sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Deshalb missfiel es ihm besonders, wenn er für die Verfehlungen seines Bruders den Kopf hinhalten musste.

     "Worauf stützt du denn deinen Vorwurf? Auf Vorurteile oder auf Unwissenheit?"

     "Ich weiß aus eigener Erfahrung, was für ein arroganter Mistkerl du bist!", erklärte Sophie wütend und verletzt zugleich. "Auf jeden Fall nicht mein Typ!"

     "Zum Glück, denn ich stehe nicht auf Tattoos", spottete Antonio.

     "Ich stehe nicht auf Tattoos!", äffte Sophie ihn nach. Plötzlich hatte sie den Eindruck, dass der Schmetterling, den sie sich mit achtzehn auf die Schulter tätowieren lassen hatte, sich in ein Brandzeichen verwandelte. Das brachte sie noch mehr gegen Antonio auf. "Du elender Snob, du bist so was von verlogen! Du tust immer so erhaben und wohlerzogen, aber in jener Nacht hast du mich einfach vor den Kopf gestoßen, ohne mich überhaupt zu kennen. Das hat mich maßlos enttäuscht!"

     Antonio konnte den Blick gar nicht mehr von ihrem erröteten Gesicht und den funkelnden grünen Augen wenden. Ihr Temperament faszinierte ihn. Wenn sie wütend war, stand sie regelrecht unter Strom, sodass sie sich kaum noch unter Kontrolle hatte. Dass die durchaus gerechtfertigte Abfuhr, die er ihr in jener Nacht erteilt hatte, sie nach drei Jahren immer noch so beschäftigte, amüsierte ihn nicht nur, sondern schmeichelte ihm in gewisser Weise sogar.

     "Ich glaube nicht, dass ich dich falsch eingeschätzt habe", sagte er jetzt. "Ich glaube vielmehr, du erträgst es nicht, dass ich dein wahres Gesicht erkannt habe."

     Sophie zitterte vor Wut. "Ach so, und das wäre?"

     "Das willst du doch gar nicht hören", erklärte Antonio betont langsam, da er hoffte, sie auf diese Weise noch mehr zu provozieren. Er wollte unbedingt sehen, wie weit er gehen konnte, bevor sie völlig die Beherrschung verlor.

     Erregt tat Sophie einen Schritt in seine Richtung und blieb mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihm stehen. Wütend sah sie zu ihm auf. "Komm, sag's mir schon!"

     Um ihr zu zeigen, dass ihn ihre Empörung überhaupt nicht berührte, zuckte Antonio betont lässig mit den breiten Schultern. "So wie den meisten Männern gefällt es mir durchaus, wenn eine Frau aus sich herausgeht. Wenn sie die Liebhaber aber wechselt wie ihre Unterwäsche, kann sie mir gestohlen bleiben. Bei mir hast du deine Chancen verspielt."

     Sophie wollte ihm eine Ohrfeige verpassen, aber dazu war sie nicht groß genug. Außerdem reagierte Antonio schneller als sie und wich ihr aus, sodass ihre Hand nur seine Schulter streifte. Dass sie ihn nicht einmal treffen konnte, machte sie nur noch wütender. "Das ist wirklich unerhört!", fauchte sie ihn an, wobei sie ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht blicken zu können. "Glaubst du wirklich, es macht mir etwas aus, dass ich nichts mit dir hatte?"

     "Da du nach fast drei Jahren deshalb noch auf mich losgehst, würde ich diese Frage mit Ja beantworten, meine Liebe", sagte Antonio mit seiner tiefen Stimme. Darüber, dass ihn das Ganze derart amüsierte, wunderte er sich nur am Rande.

     "Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!" Erschrocken über ihr eigenes Verhalten und zutiefst verletzt, weil Antonio sich über sie lustig machte, eilte Sophie zur Tür.

     "Vielleicht könntest du dich nur einmal beherrschen und an Lydia denken, deren Zukunft hier zur Debatte steht", rief Antonio ihr nach.

     Seine Worte trafen Sophie mitten ins Herz, und sie erstarrte in ihrer Bewegung. Steif wandte sie sich um und ging zu ihrem Stuhl zurück, ohne Antonio jedoch eines Blickes zu würdigen.

     "Danke", sagte Antonio leise.

     Sophies Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch niemals jemanden so gehasst, wie sie in diesem Augenblick Antonio hasste. Es hatte ihr auch noch nie jemand das Gefühl gegeben, so dumm und selbstsüchtig zu sein.

     Antonio bat den Notar wieder herein, und Sophie schwieg aus Angst, sich erneut zu blamieren. Dabei wollte sie eigentlich Fragen stellen. Aber das übernahm Antonio. Er bat den Notar um Erläuterungen, die Sophie ebenfalls dienten, auch wenn ihr nicht gefiel, was dabei herauskam.

     Alle Entscheidungen bezüglich Lydia mussten in beiderseitigem Einvernehmen der Vormünder getroffen werden. Sowohl sie als auch Antonio konnten die Verantwortung ablehnen oder dem anderen Rechte abtreten. Aber im Zweifelsfall war der Notar berechtigt, das Jugendamt einzuschalten, damit dieses darüber entschied, was am ehesten in Lydias Interesse stand. Eine angemessene soziale Sicherheit und finanzielle Absicherung mussten natürlich auch in Betracht gezogen werden.

     "Und da ich arm bin und Antonio reich ist, kann ich ja wohl kaum die gleichen Rechte an meiner Nichte bekommen wie er, oder?", fragte Sophie schließlich bestürzt und sprang auf, um das Büro zu verlassen.

     "So würde ich das nicht sehen, Miss Cunningham", sagte der Notar zwar, wandte sich dann aber Hilfe suchend an Antonio.

     Antonio hatte sich nur Sekundenbruchteile nach Sophie ebenfalls von seinem Stuhl erhoben. "Es gibt keinen Grund, weshalb Miss Cunningham und ich nicht zu einer einvernehmlichen Lösung kommen sollten", erklärte er dann betont lässig, wie man es nur sein konnte, wenn man wusste, dass man seinem Gegner haushoch überlegen war. "Ich würde Lydia heute Abend gern sehen. Sagen wir um sieben? Ich komme bei dir vorbei. Passt dir das?"

     "Ich habe ja wohl keine andere Wahl!", antwortete Sophie verbittert.

     Nachdem nun alles zu Antonios Zufriedenheit verlaufen war, begleitete er sie hinaus in den schmalen Flur. "Es muss nicht so zwischen uns weitergehen", erklärte er dabei heiser.

     "Wie soll es denn dann weitergehen?", hörte sich Sophie unwillkürlich fragen.

     Er stand so nah bei ihr, dass sie ihn hätte berühren können. Allein der Klang seiner tiefen, warmen Stimme war unglaublich sinnlich. Sie wagte es aufzusehen, aber das war ein Fehler. Antonios Anblick nahm ihr den Atem. Plötzlich kam es ihr so vor, als wäre die Zeit zurückgedreht worden, und sie befände sich wieder an der Stelle, an der sie vor fast drei Jahren schon einmal gewesen war. Während sie in seine wunderschönen dunklen Augen sah, begann sie zu zittern. Sein Blick hielt sie gefangen, und für einen verrückten, schier endlos erscheinenden Augenblick genoss sie Antonios Gegenwart in vollen Zügen. Fast schmerzte es sie, seinen schlanken und muskulösen Körper nicht berühren zu dürfen. Sie konnte seinen Atem hören und stellte sich vor, wie sich sein schöner Mund auf ihrem anfühlen würde. Nur die demütigende Erinnerung an seine Kommentare von vorhin brachte Sophie auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie begann, sich für ihre eigene Schwäche zu schämen.

     "Glaubst du wirklich, dass ich so dumm bin, noch einmal auf deinen Charme hereinzufallen?", fragte sie erzürnt und glitt dabei gazellengleich an ihm vorbei. Noch bevor er sich dessen so richtig bewusst wurde, war sie um die Flurecke gebogen und hatte das Notariat verlassen.

     Antonio fluchte leise, dafür aber umso heftiger, sodass es alle, die ihn kannten, erstaunt hätte.