10. KAPITEL

Sophie saß auf dem kalten Mosaikfußboden im Badezimmer, hielt ihre Knie umschlungen und blickte ins Leere. Ihr war so beklommen zumute, als wäre sie gerade aus einem Albtraum erwacht. In kürzester Zeit hatte Antonio ihre Liebe und ihren Stolz verunglimpft und ihr Vertrauen in ihn zerstört. Als wäre ihre ganze wunderbare Zweisamkeit der vergangenen Wochen völlig bedeutungslos – und wahrscheinlich war sie das für ihn tatsächlich.

     Plötzlich glaubte Antonio, sie sei ein verlogenes, geldgieriges Miststück. Was sie für eine vertrauensvolle Beziehung gehalten hatte, war nur auf Sand gebaut gewesen. Es war alles aus: ihre verrückten, romantischen Hoffnungen, ihr sorgenfreies Leben und ihre Ehe – alles aus und vorbei. Sophie unterdrückte den Schluchzer, der sich ihrer schmerzenden Kehle entringen wollte.

     Aber wie konnte sie nur so selbstsüchtig sein! Als ob es hier ausschließlich um ihre Belange ging. Wenn Lydia keine Rocha war, verlor sie so viel mehr: ihre neue Familie, ihr Zuhause und ihre vielversprechende Zukunft. Man konnte von Antonio auch nicht erwarten, dass er weiterhin die Rolle eines Vaters für sie übernahm, wenn Lydia tatsächlich nicht mit ihm verwandt war. Trotzdem konnte Sophie nicht glauben, dass Belinda Pablo nicht treu gewesen war.

     Gleich darauf erinnerte sie sich an Norah Moores Andeutung, dass Sophie Belinda vielleicht nicht richtig gekannt hatte. Ihre ältere Freundin hatte auch behauptet, Belinda habe ihr stets nach dem Mund geredet. Während Sophie jetzt darüber nachdachte, betrübte es sie sehr. Offensichtlich wusste Norah mehr über Belinda, als sie bisher hatte wahrhaben wollen, und Sophie beschloss, die Freundin zu treffen, um etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.

     Doch Antonios Verärgerung blieb trotz allem eine schmerzliche Tatsache, und wenn er Recht hatte, floss in Lydias Adern tatsächlich das Blut eines Fremden. Dies hatte ihn bestimmt zusätzlich aufgeregt, weil ihm die Kleine inzwischen ans Herz gewachsen war.

     Sophie umschlang ihre Knie noch fester. Antonio wusste jetzt, dass sie keine Kinder bekommen konnte – durch Norah. Am liebsten wäre sie ihm hinterhergerannt, um ihm zu sagen, dass sie vielleicht doch noch eine kleine Chance hatte, schwanger zu werden. Aber was würde das bringen? Wieder kamen ihr die Tränen, und sie atmete tief durch, in der Hoffnung, das Auf und Ab ihrer Gefühle auf diese Weise unter Kontrolle zu bringen.

     Sie verstand sogar, weshalb Norah sich eingeschaltet hatte. Sie wollte ihr helfen, Lydia zu behalten. Norah hatte an Antonios Gewissen appelliert, damit er sie und das Kind in Ruhe ließe. Natürlich hatte Norah nicht im Traum daran gedacht, dass Antonio darauf mit einem Heiratsantrag reagieren würde. Deshalb war sie wegen der Hochzeit auch so besorgt gewesen. Norah hatte gewusst, dass Antonio sie nur aus Mitleid heiraten wollte.

     Während Sophie versuchte, diese schmerzliche Wahrheit zu akzeptieren, liefen ihr die Tränen nur so über die Wangen. Aber kein Schluchzer kam über ihre Lippen. Sie wollte nicht, dass Antonio sie weinen hörte. Der Mann, den sie liebte, empfand höchstens Mitleid für sie. Ob es ihr nun gefiel oder nicht: Es war Norah gelungen, bei ihm genau die richtigen Saiten anzuschlagen. Antonio handelte oft aus Nächstenliebe. Seine moralischen Grundsätze gingen ihm über alles, und offenbar konnte er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, ihr Lydia wegzunehmen, nachdem er wusste, dass sie keine eigenen Kinder bekommen könnte. Das war der einzige Grund, weshalb er ihr eine Heirat vorgeschlagen hatte … Mitleid. Sophie fühlte sich gedemütigt und ließ ihren Tränen jetzt freien Lauf.

     Als sie zwei Stunden später das Badezimmer verließ, wartete Antonio zu ihrem Erstaunen immer noch auf sie. "Was willst du?", fragte sie schroff, weil es so wehtat, ihn jetzt, da er ihr unerreichbar schien, zu sehen.

     "Es tut mir leid, querida", stieß er hervor, während Sophie einfach weiterging. "Als ich die Neuigkeiten über Lydia erfuhr, habe ich den Kopf verloren … Es war der Schock, aber das entschuldigt nicht, dass ich meine Verärgerung an dir ausgelassen habe."

     "Ja, und das wirst du auch nicht wieder tun", rief ihm Sophie scheinbar ungerührt aus dem Ankleidezimmer zu.

     "Nein, das werde ich nicht. Wir stellen uns dieser Herausforderung gemeinsam."

     Sophie rollte mit den Augen. "Nein, danke. Das ist keine Herausforderung, das ist das Ende einer Beziehung, die von vorneherein unmöglich war."

     Antonio erschien auf der Schwelle. "Was machst du denn da?"

     "Ich packe ein paar Sachen zusammen."

     Wie angewurzelt blieb er stehen. "Du packst … wozu denn?"

     "Ich fliege nach Hause."

     "Dein Zuhause ist hier", sagte Antonio.

     "Nein, das hier ist dein Zuhause. Ich will mit Norah sprechen und herausfinden, ob sie mehr über Belinda weiß als ich. Falls die Testergebnisse, die du erwähnt hast, tatsächlich stimmen, möchte ich herausfinden, wer Lydias Vater ist."

     "Ich begleite dich."

     Sophie presste die Lippen zusammen. "Nein, das geht dich alles nichts mehr an."

     Antonio atmete tief durch. "Bitte nimm meine Entschuldigung …"

     "Die will ich nicht hören. Du hast mich geheiratet, weil du dachtest, Lydia sei das Kind deines Bruders. Das ist sie angeblich nicht, und dabei wollen wir es bewenden lassen."

     "Zwischen uns ist doch viel mehr", warf Antonio ein. "Du bist böse auf mich, und dazu hast du allen Grund …"

     "Gut, dann lass mich in Ruhe packen."

     "Es wäre unvernünftig, so spät noch irgendwohin zu reisen. Morgen stehen wir ganz früh auf und fliegen nach London."

     "Mit dir fliege ich nirgendwohin. Nach all dem, was du vorhin gesagt hast, gehen Lydia und ich dich ja wohl nichts mehr an."

     "Du bist meine Frau, und ich lasse nicht zu, dass unsere Ehe an dieser Sache zerbricht", versicherte ihr Antonio hitzig.

     Sophie lachte höhnisch. "Ehe? Was für eine Ehe? Wir hatten nie eine, wir hatten nur Spaß und ganz viel Sex. Aber das ist jetzt vorbei."

     Antonio wollte sie in die Arme schließen, aber Sophie wehrte sich so vehement, dass er aufgab. "Rühr mich nicht an!", rief sie mit blitzenden Augen.

     "Ich wünschte, ich könnte alles zurücknehmen, was ich vorhin gesagt habe", erklärte Antonio betrübt. "Aber da du mir nie erzählt hast, dass du unfruchtbar bist, bin ich davon ausgegangen, Norah Moore hätte mir eine Lügengeschichte aufgetischt."

     Sophie wurde ganz blass, denn von dieser Seite hatte sie die Sache noch nicht betrachtet. Wohl oder übel musste sie zugeben, dass ihr Schweigen dazu beigetragen hatte, Antonio glauben zu machen, ihm sei ein Märchen erzählt worden. "Ich habe dir meine Unfruchtbarkeit verschwiegen, weil wir sowieso keine richtige Ehe geführt haben", sagte sie jetzt entschuldigend.

     "Was verstehst du denn unter einer richtigen Ehe?"

     "Eine, in der der Mann nicht Dinge sagt wie: 'Lass uns unsere Ehe fürs Erste genießen', als handelte es sich bloß um irgendeine Affäre!"

     Antonio war betroffen. "Da hast du recht. Aber trotzdem finde ich, dass unsere Ehe genauso echt war wie jede andere. Wir hatten alles, was dazugehört …"

     "Ja, das hatten wir. Wir haben eine schöne Zeit verlebt, aber bekanntlich soll man ja aufhören, wenn's am schönsten ist!" Sophie lächelte gequält, und Antonio atmete tief durch.

     "Ich fliege mit dir nach England", erklärte er dann.

     "Es ist mir egal, was du tust. Hauptsache, du lässt Lydia und mich in Ruhe", sagte Sophie entschieden.

     "Lydia wird uns nicht begleiten."

     "Wie bitte?", fragte Sophie ungläubig.

     "Lydia bleibt hier im Castillo, bis wir zurückkommen."

     "Aber ich habe nicht vor zurückzukommen!", rief Sophie. "Ich will sie mitnehmen!"

     "Nein, ohne meine Zustimmung geht Lydia nirgendwohin", antwortete Antonio, ohne zu zögern. "Du bist im Augenblick nicht in der Verfassung, um eine so weitreichende Entscheidung zu treffen."

     Sophie ballte die Hände zu Fäusten. "Was interessiert dich das überhaupt? Lydia hat doch nichts mit dir …"

     Mit seinen dunklen Augen erwiderte er ihren vorwurfsvollen Blick. "Das ist nicht wahr. Natürlich bin ich verärgert, weil ich die Wahrheit erst jetzt erfahren habe. Aber trotzdem liegt mir Lydia immer noch genauso am Herzen wie zuvor."

     "Na, wie schön für dich. Du kannst uns zweimal im Jahr besuchen kommen. Und jetzt will ich nichts mehr von dir hören."

     "Lydia wird nicht mit nach England fliegen", wiederholte Antonio ärgerlich und hielt Sophies Blick stand. "Vielleicht bist du ja morgen in der Verfassung, dich mit mir zu unterhalten."

     Ihre Lippen begannen zu beben, und sie wandte ihm den Rücken zu. "Für heute hast du sowieso schon genug gesagt."

     "Sophie …" Er legte seine Hand auf ihre Schulter, doch Sophie bedeutete ihm, dass seine Berührung unerwünscht war. Als er daraufhin das Zimmer verließ, hätte sie am liebsten laut losgeschluchzt, um ihrem Kummer Luft zu machen. Sie wollte nicht, dass Antonio ging, aber dass er blieb, ertrug sie genauso wenig. Was sollte sie auch jemandem sagen, der ganz umsonst so ein großes Opfer erbracht hatte? Er wollte seine Freiheit nicht aufgeben, nicht heiraten, war aber davon ausgegangen, dass es seine Pflicht war, für Lydia zu sorgen. Dadurch, dass er in ihrer Hochzeitsnacht der Versuchung erlegen war, hatte sich eine Beziehung zwischen ihnen entwickelt, die er von sich aus niemals eingegangen wäre. Aber er hatte versucht, erst einmal das Beste daraus zu machen. So war er eben: immer darauf bedacht, das Richtige zu tun, egal, wie schmerzlich es sein mochte.

     Sie liebte ihn sehr, aber sein Mitleid ertrug sie nicht. Außerdem fürchtete sie inzwischen, dass das Ergebnis des Vaterschaftstestes stimmen könnte. Dann hätte Belindas Letzter Wille sie in die Zwickmühle gebracht, und Lydia würde am meisten darunter leiden, wenn die Ehe mit Antonio aufgelöst wurde. Wenn Lydia tatsächlich nicht blutsverwandt mit ihm war, würde er sich bestimmt nicht weiter um sie kümmern, trotz seiner Beteuerungen.

 

Am folgenden Nachmittag landete Antonios Privatjet in London. Da sich Sophie während der Nacht vor Kummer schlaflos hin- und hergewälzt hatte, schlief sie fast während des gesamten Fluges. Antonio beobachtete sie die ganze Zeit, deckte sie zu und schob ihr ein Kissen unter die geröteten Wangen. Auch wenn sie nicht mit ihm sprach, war ihr deutlich anzusehen, was in ihr vorging. Ihren Ehering und die Uhr hatte sie abgelegt. Sie trug ein T-Shirt und verwaschene Jeans von früher. Es tat ihm weh, dass sie die alten Sachen behalten hatte, trotz der neuen Garderobe. Das zeigte, dass sie ihn nie ganz in ihr Leben gelassen hatte und ihn jetzt wieder völlig daraus ausschließen wollte – beinah so, als hätte er niemals existiert.

     "Du wartest besser hier im Auto", meinte Sophie mit Unbehagen, als sie vor Norah Moores kleinem Bungalow hielten. "Ich erzähle es dir später, falls ich etwas herausfinde. Versprochen."

     Sie hatte Norah angerufen, um ihr den Besuch anzukündigen, und ihr von dem Abstammungstest berichtet. Norah war nicht sonderlich erstaunt gewesen.

     "Hast du gewusst, dass Lydia nicht Pablos Kind ist?", fragte Sophie jetzt, während die ältere Frau den Wasserkessel aufsetzte.

     Norah nickte langsam.

     "Warum hast du es mir nicht gesagt?"

     "Belinda hat mich darum gebeten, und nachdem sie verstorben war, sah ich keinen Grund …"

     "Ich kann gar nicht glauben, dass meine Schwester mit dir darüber gesprochen hat und mit mir nicht."

     Norah Moore schnitt eine Grimasse. "Sie war deine große Schwester, und sie wollte, dass du zu ihr aufsiehst. Außerdem hat sie es mir eigentlich auch nicht erzählen wollen."

     "Nichts für ungut … Ich bin froh, dass ihr darüber geredet habt, denn jetzt kann ich mich auf die Suche nach der Wahrheit begeben."

     "Als ich eines Abends bei euch vorbeigeschaut habe, erwischte ich Belinda beim Alkoholtrinken. Ich konnte nicht umhin, ihr eine Standpauke zu halten, denn in der Schwangerschaft soll man ja auf keinen Fall Alkohol zu sich nehmen. Aber sie hat nur gelacht. Du weißt ja, wie unvernünftig sie sein konnte. Dann hat sie mich gefragt, ob ich schockiert wäre, wenn sie mir erzählen würde, dass das Kind nicht von ihrem Ehemann sei. Offensichtlich musste sie sich irgendjemandem anvertrauen."

     "Was hat sie dir von Lydias Vater erzählt?"

     "Dass sie mit mehreren Männern zusammen gewesen ist – Zufallsbekanntschaften aus irgendwelchen Bars –, und dass sie keine Ahnung hätte, wer der Vater sei." Auf Sophies erschrockenen Blick hin fuhr Norah fort: "Sie hat einfach eine Zeit lang total über die Stränge geschlagen. Das kann passieren. Ihre Ehe war kurz davor, in die Brüche zu gehen. Pablo war ständig unterwegs, und da hat Belinda beschlossen, selber auch ein bisschen Spaß zu haben."

     Sophie rümpfte die Nase. "Was für ein Schlamassel … was für ein furchtbarer Schlamassel! Wenn sie aber von Anfang an gewusst hat, dass Lydia nicht Pablos Kind ist, warum hat sie dann Antonio zum Vormund ernannt?"

     "Ich wette, dass sie das Testament erst nach Pablos Tod aufsetzen ließ. Wahrscheinlich hat sie sich geschämt und wollte künftig so tun, als wäre das Kind von ihrem Mann. Bestimmt hat sie auch bereut, dass sie mir die Wahrheit erzählt hat, und sich deshalb so gegen mich gestellt", fügte Norah Moore bedauernd hinzu.

     "Ich weiß auch, dass du zu Antonio ins Hotel gegangen bist", eröffnete ihr Sophie nun. "Er hat mir davon erzählt."

     Norah sah sie betroffen an. "Ja, der Schuss ging leider nach hinten los", meinte sie dann zerknirscht. "Ich war davon ausgegangen, Antonio würde Lydia bei dir lassen und euch vielleicht mit etwas Geld unterstützen. Stattdessen hat er einfach um deine Hand angehalten."

     "Jetzt verstehe ich auch, warum du so gegen die Heirat gewesen bist."

     "Aber ich wollte mich dann nicht mehr einmischen. Wie sollte ich denn auch wissen, was das Beste für alle ist? Antonio meinte es gut mit Lydia, und ich wollte dem Kind nicht die Zukunft verbauen." Norah betrachtete Sophie eingehend und zog dann eine Braue hoch. "Ich wollte dich eigentlich fragen, wie dir die Ehe bekommt. Aber wie ich sehe, hält dich Antonio ziemlich kurz. Du trägst immer noch dieselben Sachen wie früher. Na ja, wenigstens wird er sich nicht verschulden, wie sein Bruder."

     Sophie errötete und beeilte sich, klarzustellen, dass Antonio nicht geizig war.

     Daraufhin erzählte Norah ihr nicht ohne Genugtuung, dass sich ihr Sohn seit einiger Zeit mit einem jungen Mädchen aus der Nachbarschaft traf, und es nach etwas Ernstem aussah. Schließlich verabschiedete sich Sophie und ging langsam wieder hinaus zur Limousine.

     "Du brauchst mir nichts zu erzählen, wenn du nicht willst", meinte Antonio einfühlsam.

     "Doch, doch. Du kannst es ruhig wissen. Belinda ist mit einem Haufen verschiedener Typen ins Bett gegangen", antwortete Sophie. Obwohl sie sich eigentlich nicht anmerken lassen wollte, wie sehr sie das Verhalten ihrer Schwester verurteilte, klang sie betrübt. "Und wir werden wohl niemals herausfinden, wer Lydias Vater ist."

     "Ich bin jetzt ihr Vater", entgegnete Antonio leise.

     "Glaub mir, wenn Lydia alt genug ist, um zu verstehen, dass du dich nur aus Mitleid um uns gekümmert hast, wird sie dir ziemlich schnell sagen, dass sie auch gut und gerne auf dich verzichten kann."

     "Und was, wenn ich dich gar nicht aus Mitleid geheiratet habe, sondern weil ich für immer an deiner Seite sein wollte?"

     Sophie blinzelte erstaunt, wiederholte sich seine Worte, überdachte die Aussage sorgfältig und warf Antonio dann einen vorwurfsvollen Blick zu. "Dann wüsste ich, dass es dir einfach nur leidtut, was du gestern gesagt hast, und ich würde dir nicht glauben."

 

Der Rückflug nach Spanien kam Sophie endlos vor, denn sie wollte so schnell wie möglich packen und nach England zurückkehren. Dabei musste sie unbedingt so tun, als wäre ihr ohnehin alles egal, und ihr Entschluss stünde fest. Es war ganz wichtig für sie, das Castillo erhobenen Hauptes zu verlassen.

     An Bord wurde ein Abendessen serviert, aber Sophie hatte keinen Appetit. Als sie später in der Limousine durch die bewaldete Landschaft fuhren, gab Sophie endlich der Versuchung nach, Antonio zu beobachten. Schließlich würde sie dazu in Zukunft kaum noch Gelegenheit bekommen. Er sah völlig unbeteiligt aus. Aber er besaß ja auch ein enormes Taktgefühl. Es wäre wohl ziemlich unhöflich gewesen, breit grinsend dazusitzen, während er sich vorstellte, dass er nun bald geschieden sein würde und seine Freiheit wiederhätte.

     Wie lange würde sie wohl brauchen, um über ihn hinwegzukommen? Als sie sich mit diesem quälenden Gedanken befasste, hatte Sophie den Eindruck, die ganze Welt würde von einer riesigen Gewitterwolke eingehüllt, die kein Licht mehr durchließ. Schon einmal hatte sie versucht, Antonio zu vergessen … Jetzt war ihre ganze Aufmerksamkeit auf sein markantes Profil gerichtet, auf sein tiefschwarzes Haar, seine klassische Nase, die dunklen Wimpern und seinen großen, sinnlichen Mund. Unwillkürlich spürte sie ein Ziehen im Bauch und fragte sich, ob es ihr wohl gelingen würde, ihn noch einmal ins Bett zu bekommen. Dieser Gedanke beschämte sie so sehr, dass sie zur Strafe auf ihrer Seite aus dem Fenster sah.

     Als dann die Wehrtürme des Castillo am Horizont auftauchten, wurde Sophie aufgeregt. Vor den dunkel bewaldeten Hügeln im Hintergrund sah Antonios Geburtshaus einfach wunderbar aus. Trotz seiner enormen Größe war das alte Gemäuer auch für sie unbemerkt zum Zuhause geworden.

     Unwillkürlich biss sich Sophie auf die Lippe und bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten. Dabei dachte sie an ihre gemeinsamen Morgen auf dem schmiedeisernen Balkon ihres Wohntrakts, an denen Antonio ihr so oft frisches Obst zum Frühstück geschnitten hatte, während sie sich wie eine Prinzessin vorkam. Sie dachte auch daran, wie er versucht hatte, ihr das Autofahren beizubringen. Sie erinnerte sich an ihre Nervosität vor der ersten Dinnerparty und dass Antonio ihr Mut gemacht hatte.

     Als sie gleich darauf ausstiegen, kamen sie stillschweigend überein, erst einmal ins Kinderzimmer hinaufzugehen. Lydia schlief tief und fest in ihrem Bettchen und ahnte nichts von den Offenbarungen, die die Welt der Erwachsenen auf den Kopf gestellt hatten.

     "Wirst du sie besuchen kommen?", hörte sich Sophie mit ganz dünner Stimme fragen. Doch es folgte nur ein langes, schmerzliches Schweigen. Früher hatten sie hier miteinander gelacht und sich über Lydia unterhalten. Hastig wandte sich Sophie zum Gehen.

     "Warum sollte ich sie besuchen kommen?", fragte Antonio jetzt und folgte Sophie. "Sie bleibt hier."

     "Du hast kein Recht –"

     "Hier geht es nicht um Rechte. Egal, was zwischen uns passieren wird, beabsichtige ich, auch weiterhin eine aktive Rolle in Lydias Leben zu spielen."

     "Das will ich erst einmal sehen!", erwiderte Sophie.

     "Ich halte meine Versprechen, mi amada. Was ich sage, tue ich –"

     "Oh, hör bloß auf, so formell und von oben herab zu sein!", fiel Sophie ihm hitzig ins Wort. Das war alles zu viel für sie, und sie brauchte ein Ventil.

     Antonio fluchte leise vor sich hin und begegnete ihrem verächtlichen Blick. "Sprich nicht in diesem Ton mit mir!"

     "Warum nicht? Was willst du denn dagegen tun?", fragte Sophie herausfordernd und wollte aus dem Zimmer stürzen.

     Antonio hielt sie am Arm fest und stellte sich ihr in den Weg. "Das, was dir am meisten gefällt", antwortete er dann und war ihr auf einmal ganz nahe.

     Ihr Herz begann, wie wild zu schlagen, und sie atmete stoßweise. Mit großen Augen sah sie zu ihm auf und wünschte sich nichts mehr als eine Berührung von ihm. Sie sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers nach ihm.

     "Nein …", sagte Antonio lächelnd, "wenn du dich nicht in Ruhe mit mir unterhältst, gibt's auch keinen Sex."

     Erstaunt sah sie ihn an, während ihr die Röte ins Gesicht stieg. Dann wurde sie blass: Nur durch einen Blick in ihre Augen hatte er begriffen, dass sie ihn begehrte. Was wusste er noch? Dass sie ihn liebte? Rasch schlug sie die Lider nieder, entwand sich seinem Griff und stolzierte davon.

     "Jetzt rede doch mit mir!", rief Antonio und lief hinter ihr her. Er sprach so laut, dass Sophie erschrocken stehen blieb. "Aber selbst wenn du nicht mit mir reden willst, kannst du mir zumindest zuhören", sagte er dann, beugte sich zu ihr hinunter und hob sie hoch.

     "Das macht man doch nicht!", schimpfte Sophie. "Du kannst doch nicht einfach jemanden wegtragen, während du dich mit ihm streitest!"

     Antonio blickte sie an. Sophie war tatsächlich wütend. "Warum nicht?", fragte er dann.

     "Weil es respektlos ist, deshalb!"

     Mit der Schulter stieß Antonio die Tür zum Schlafzimmer auf und hielt kurz inne, um sie mit einem Tritt wieder hinter sich zu schließen. Dann ging er zum Bett und setzte Sophie auf die Kante.

     "Du willst reden?", fragte Sophie. "Okay … das kannst du haben. Wir können stundenlang reden, aber das wird nichts ändern."

     "Vielleicht sollte ich dich mal mit ins Büro nehmen, wenn es um wichtige Tarifabschlüsse geht."

     "Ich glaube nicht, dass das eine Angelegenheit ist, über die man scherzen sollte." Plötzlich war es Sophie unmöglich, auch weiterhin so zu tun, als stünde ihre Entscheidung fest. "Du weißt doch, dass wir nur geheiratet haben, weil du dachtest, Lydia sei deine Nichte."

     "Nein, das weiß ich nicht", antwortete Antonio neckend.

     Sehr ernst und sehr blass sah Sophie ihn an. "Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Wortklaubereien zu betreiben. Du hast gedacht, du müsstest Lydia einen Vater ersetzen, und ich tat dir leid, weil Norah gesagt hat, ich … ich könnte keine Kinder bekommen."

     Antonio, der vor ihr stehen geblieben war, schien aus seiner Trance zu erwachen und setzte sich neben Sophie auf die Bettkante. "Dass du keine Kinder bekommen kannst, ist nicht von Bedeutung, mi amada."

     "Natürlich ist es das!", flüsterte Sophie und wunderte sich, dass sie mit dem Kloß, den sie im Hals verspürte, überhaupt ein Wort herausbrachte. Sie verschränkte die Finger, um ihr Zittern vor Antonio zu verbergen.

     "Es ist schade, dass du keine Kinder bekommen kannst", erklärte Antonio leise. Dabei löste er mit sanftem Druck ihre Hände und nahm sie in seine. "Aber du hast die Leukämie überstanden und dafür einen Preis bezahlt. Ich bin sehr froh, dass du heute noch lebst und gesund bist."

     "Warum?", fragte Sophie und blickte ins Leere, denn dahin schien für sie auch dieser Dialog zu führen.

     Doch Antonio suchte ihren Blick. "Ich kann ohne eigene Kinder leben, aber ich glaube nicht, dass ich ohne dich leben könnte."

     Einen Herzschlag lang war Sophie wie erstarrt, denn sie glaubte nicht, dass er tatsächlich so empfand. Langsam atmete sie ein und wieder aus. "Das meinst du doch nicht ernst", hauchte sie dann. "Ich meine … das ist doch nur Mitleid, was du für mich empfindest."

     "Nein, du tust mir nicht leid. So ungewöhnlich ist es nun auch wieder nicht, unfruchtbar zu sein. Außerdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen, zum Beispiel kann man Kinder adoptieren. So oder so ist es nicht das Ende der Welt. Wie ich sehe, nimmt es dich immer noch sehr mit, aber mit der Zeit wirst du lernen, es mit anderen Augen zu sehen", meinte Antonio freundlich.

     "Aber wie denn?", fragte Sophie, die immer noch nicht begriffen hatte, was er ihr eigentlich sagen wollte.

     "Menschen können mit viel schlimmeren Dingen zurechtkommen. Wenn es umgekehrt wäre, und ich keine Kinder zeugen könnte, würdest du dich dann von mir abwenden?"

     "Nein!", protestierte Sophie sofort, fügte dann aber errötend hinzu: "Aber das ist auch etwas anderes."

     "Inwiefern?"

     "Ich habe keinen Titel zu vererben."

     "Adelstitel sind heutzutage nicht mehr von großem Nutzen", meinte Antonio gelassen.

     Sophie schluckte. "Es besteht eine winzige Chance, dass ich vielleicht doch ein Kind bekommen kann. Die Ärzte wussten nicht genau, wie groß die Nebenwirkungen der Leukämiebehandlung waren … Aber ich will nicht, dass du dir allzu große Hoffnungen machst."

     "Das tue ich nicht. Ich schlage vor, wir vergessen einfach, dass es vielleicht möglich wäre. Jeder von uns hat nur ein Leben, und wir sollten das Beste daraus machen. Mit dir zusammen habe ich ein ungeahntes Glück gefunden, und ich weigere mich, es einfach aufzugeben", sagte er und sah sie ernst an.

     Daraufhin herrschte eine Weile Schweigen, während Sophie versuchte, einen Haken an diesem umfassenden Geständnis zu entdecken. Sie wagte nicht zu glauben, dass Antonio es tatsächlich so meinte und dass sie vielleicht doch noch gemeinsam glücklich werden könnten. "Du willst dich also gar nicht … ich meine … soll das heißen, dass du mit mir verheiratet bleiben willst, obwohl ich keine Kinder bekommen kann?", flüsterte Sophie dann kaum hörbar.

     "Sí, enamorada", bestätigte Antonio.

     Mit großen Augen sah sie ihn an. "Mache ich dich wirklich so glücklich?"

     "Ja, das tust du …"

     "Dann glaubst du also nicht, dass es eine gute Idee wäre, sich scheiden zu lassen?"

     "Das würde mir im Traum nicht einfallen", rief Antonio, sprang auf und zog sie mit sich hoch. "Ich könnte dich nicht gehen lassen … niemals."

     Sophies grüne Augen strahlten, und ihr Gesicht leuchtete. "Ernsthaft?"

     "Ganz ernsthaft." Er schloss sie fest in seine starken Arme. "Es ist unglaublich. Ich hätte nie geahnt, dass ich so empfinden würde, aber ich habe mich damals beim Notar Hals über Kopf in dich verliebt. Schon in Spanien war ich kurz davor, und als ich dich wiedersah, konnte ich nicht mehr klar denken. Es hat mir sogar gefallen, mich mit dir zu streiten. Ist das nicht verrückt? Nichts lief nach Plan. Lydia hat mir einen Vorwand gegeben, mit dir zusammen zu sein, und die Gelegenheit habe ich ergriffen."

     "Unser Hochzeitstag war furchtbar."

     "Ja, ich wollte, dass du ein langes weißes Kleid trägst", gestand Antonio und lächelte entschuldigend. "Als du mit diesem Blumending angekommen bist, habe ich gedacht, du willst dich über mich lustig machen."

     "Oje, wenn ich das nur gewusst hätte. Ich dachte, du würdest sauer, wenn ich mich wie eine richtige Braut anziehe!", klagte Sophie.

     "Das ist doch nicht deine Schuld. Ich wusste erst, was ich wollte, als es zu spät war. Ich habe nichts dazu beigetragen, um den Tag gebührend für dich zu gestalten." Das Bedauern in Antonios dunklen Augen ging ihr zu Herzen, und Sophie beeilte sich zu sagen: "Aber die Hochzeitsnacht war großartig."

     "Ja, bis auf das Ende. Ich habe vorher nicht einmal gewusst, was ich für dich empfand. Und als du dann behauptet hast, du hättest mich nur benutzt, ist mir jeglicher Spaß vergangen. Ich war verärgert und verletzt", gestand er zerknirscht.

     Als Zeichen ihrer Entschuldigung erwiderte Sophie seine Umarmung. "Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mein Gesicht zu wahren", erklärte sie dann. "Dabei habe ich mir gar keine Gedanken gemacht, was du wohl empfinden mochtest. Wenn ich mich unsicher fühle, neige ich dazu, in die Offensive zu gehen."

     Zärtlich strich ihr Antonio über die Wange, ehe er fortfuhr: "Als ich diese Geschäftsreise unternahm, um ein wenig Abstand von dir zu gewinnen, habe ich mich furchtbar gefühlt. Ich begriff erst, was mit mir los war, als ich dich wiedersah." Antonio umfasste behutsam ihr Kinn und hob es an, damit er in ihren Augen lesen konnte. "Mir ist dann klar geworden, dass ich noch einiges zu tun haben werde, wenn ich dich glücklich machen will."

     "Aber es ist dir gelungen …" Sie konnte nicht weitersprechen, denn die Gefühle drohten sie zu übermannen. "Weißt du", meinte sie schließlich, "ich habe auch schon von Anfang an etwas für dich empfunden, aber bis zum Schluss alles getan, damit du es nicht merkst."

     "Wie zum Beispiel, mir damit zu drohen, mit Lydia wegzugehen?", neckte Antonio, strich ihr dabei aber sanft über die Wange. "Tu das nie wieder. Ich weiß, dass ich mich unmöglich verhalten habe, als es um die Ergebnisse des Vaterschaftstests ging. Aber während der vergangenen vierundzwanzig Stunden hast du mir beinah das Herz gebrochen. Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren, und das alles nur wegen einer Sache, die eigentlich positiv zu bewerten ist."

     "Du warst eben schockiert, als du herausgefunden hast, dass Lydia nicht deine Nichte ist. Da kann ich dir nicht vorwerfen, dass du über mich auch nur das Schlimmste gedacht hast. Na ja", meinte sie dann, "lange hat es ja nicht gedauert. Aber wieso hältst du es plötzlich für einen Vorteil, dass Lydia nicht Pablos Tochter ist?"

     "Seine Tochter zu sein hätte ihr immer wie ein Makel angehaftet. Die Menschen vergessen nicht so schnell, und mein Bruder hatte einen schlechten Ruf", sagte Antonio bedauernd. "Wenigstens wird Lydia jetzt nicht darunter leiden müssen."

     Sophie war dankbar, dass Antonio Lydias ungewisse Herkunft inzwischen so gelassen sah. "Du wirst es auch deiner Großmutter erzählen müssen. Wird sie sich sehr darüber aufregen?"

     "Sie wird enttäuscht sein, aber sie kommt schon darüber hinweg. Ich finde, wir sollten Lydia adoptieren."

     "Ja, das wäre schön."

     "Ich glaube nicht, dass Belinda von Anfang an vorgehabt hat, in Bezug auf Lydias Herkunft zu lügen", vermutete Antonio. "Nach dem Tod meines Bruders wollte ich sie mehrfach besuchen. Aber sie hat mich jedes Mal abgewiesen. Bestimmt war sie da schon schwanger und hatte nicht vor, ihr Baby als Pablos Kind auszugeben", mutmaßte Antonio.

     "Das kam erst später, als sie vergessen wollte, dass sie ein bisschen über die Stränge geschlagen hatte."

     "Ja", stimmte ihr Antonio zu. "Lydia ist ein hübsches, aufgewecktes Kind. Lass uns einfach froh sein, dass wir sie in unserer Mitte haben dürfen", schlug er dann vor.

     Sophie schenkte ihm ein warmes Lächeln. "So habe ich schon immer empfunden."

     "Erzählst du mir jetzt endlich von den Gefühlen, die du eigentlich vor mir verheimlichen wolltest?", fragte Antonio da unvermittelt.

     Sophie konnte gar nicht glauben, dass sie ihm ihre Liebesschwüre bisher vorenthalten hatte. Doch das holte sie jetzt nach. "Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich … über alles!"

     Antonios dunkle Augen strahlten, und er riss Sophie regelrecht an sich und küsste sie leidenschaftlich. Ein Kuss folgte auf den anderen, und schließlich war keiner von ihnen mehr imstande, sein Verlangen zu zügeln. Eine ganze Weile später, als sie sich erschöpft, aber glücklich in den Armen hielten, versuchte Antonio Sophie dazu zu bewegen, für ihn noch einmal ihre verwegene Dessousshow mit anschließender Dinnerparty auf dem Fußboden zu veranstalten. Sophie sagte, sie müsse sorgfältig darüber nachdenken, plante aber insgeheim schon, ihn damit an seinem Geburtstag zu überraschen.

 

Gut ein Jahr später gaben Sophie und Antonio eine Riesenparty im Castillo, um Lydias Adoption zu feiern.

     An jenem Abend fühlte sich Sophie ein wenig unwohl, wie des Öfteren in den vergangenen Wochen. Als sie Doktor Teruel aufsuchte, stellte er fest, dass sie im dritten Monat schwanger war. Sophies und Antonios Freude kannte keine Grenze. Mit großer Spannung und grenzenloser Dankbarkeit verfolgten sie, wie in Sophie ihr gemeinsames Kind heranwuchs.

     Ihre Tochter Carisa kam ohne Komplikationen zur Welt. Lydia war so begeistert von ihrer kleinen Schwester, dass sie Carisa sofort all ihre Spielsachen brachte. Umso enttäuschter war sie, als man ihr erklärte, dass es noch eine Weile dauern würde, bis das Baby mit ihr spielen konnte. Doña Ernesta tröstete Lydia mit der Aussicht, sie könne Carisa auch später noch all ihre Lieblingsspiele zeigen und ihr Geschichten erzählen.

     Inzwischen sprach Sophie fließend Spanisch und besuchte einen Kurs in Textilrestaurierung.

     Lydia war fast fünf Jahre alt, als Sophie zum zweiten Mal schwanger wurde. Einen Monat vor dem errechneten Geburtstermin brachte sie zwei Jungen zur Welt, die rasch an Gewicht zulegten und bald wettgemacht hatten, dass sie zu früh auf die Welt gekommen waren. Francisco und Jacobo wurden im Haus der Rochas in Madrid getauft. Später erschien eine sehr schmeichelhafte Fotostrecke in einem Hochglanzmagazin. Antonio hatte sich damit abgefunden, dass seine Frau so etwas wie eine Berühmtheit geworden war und die Menschen Berichte über sie liebten.

     "Ich habe eine Überraschung, enamorada", eröffnete er ihr am Taufabend der Zwillinge, nachdem sich auch der letzte Gast auf den Heimweg gemacht hatte. Antonio sagte, sie solle die Augen schließen, und steckte ihr dann einen Ring an den Finger. Als Sophie die Augen wieder öffnete, verschlug es ihr fast die Sprache.

     "Ach, du meine Güte!", rief sie und betrachtete gerührt den funkelnden Diamantring. "Aber ich habe doch gar keinen Geburtstag!"

     "Das soll auch ein Verlobungsgeschenk sein … ein nachträgliches." Antonios Lächeln war voller Zärtlichkeit. "Wäre deine Antwort wieder Ja, wenn ich dich erneut bitten würde, mich zu heiraten?"

     Sophie lächelte und war selig vor Glück. "Ja, immer und immer wieder."

     Antonio schloss sie in die Arme und erwiderte ihren zärtlichen Blick. "Ich werde dich auch immer lieben", versprach er dann, und sie glaubte ihm. Mit der Liebe und Fürsorge, die er ihr in den vergangenen Jahren tagtäglich geschenkt hatte, war es ihm gelungen, auch ihren allerletzten Zweifel auszuräumen.

 

– ENDE –