4. KAPITEL

Später an diesem Morgen sah Sophie Antonios Limousine auf dem Campingplatz vorfahren und verließ nervös ihren Wohnwagen.

     "Eine Freundin kümmert sich um Lydia", erklärte sie Antonio, als sie auf ihn zuging. "Ich dachte, wir könnten ein bisschen am Strand entlanglaufen und uns unterhalten."

     "Mit einem Dach über dem Kopf wären wir ungestörter." Antonio hätte nie gedacht, dass es jemandem bei diesem Wetter in den Sinn kommen könnte, am Meer spazieren zu gehen. "Warum setzen wir uns nicht in deinen Wohnwagen?"

     Sophie erstarrte. "Ich möchte nicht, dass du siehst, wie ich wohne."

     Verwundert zog Antonio eine Augenbraue hoch. "Warum nicht?"

     Sophie hatte schon den Pfad eingeschlagen, der zum Strand hinunterführte. "Am Wasser sind wir ebenbürtig", rief sie ihm über die Schulter zu.

     Antonio war nicht für einen Spaziergang angezogen und überlegte, ob Sophie ihm eine Lektion erteilen wollte oder insgeheim hoffte, er würde die Nerven verlieren, wenn er Sand in die Schuhe bekam. Jetzt lief sie wie ein ungeduldiges Kind vor ihm her, voller Energie, aber auch wie ein kleiner Trotzkopf. Doch wenn sie erst einmal in Spanien lebte, hätte er wieder das Sagen …

     "Nach unserem Gespräch gestern Abend habe ich mir einen Kompromiss überlegt", begann er in seinem geschliffenen Englisch mit dem leicht spanischen Akzent.

     "Tatsächlich?" Sophies Laune besserte sich schlagartig. Hoffnungsvoll sah sie ihm in die dunklen Augen.

     "Du könntest nach Spanien ziehen, und …"

     "Wie bitte? Vergiss es!"

     "Hör mich doch bitte erst einmal an. Lydia wird natürlich mit mir im Castillo wohnen, und für dich finden wir schon etwas in der Nähe. Das wird es Lydia leichter machen, sich bei mir einzugewöhnen."

     Sophie verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich soll also mein Leben hier aufgeben und ins Ausland ziehen, wo ich von dir abhängig bin und nicht einmal mit Lydia zusammenwohnen kann? Nein, danke! Ich bin gern bereit, ihre Erziehung mit dir zu teilen, aber ich weigere mich, dir das Kind auszuliefern. Ich meine, wie willst du dich überhaupt um Lydia kümmern?"

     "Ich stelle eine Kinderfrau ein."

     "Das ist doch wieder mal typisch!" Sophies grüne Augen funkelten. "Warum bist du nicht einfach ehrlich? Du hast nicht das geringste persönliche Interesse an der Tochter deines Bruders. Du denkst, es sei deine Pflicht, ihr ein Zuhause zu geben, aber eigentlich passt es dir überhaupt nicht …"

     "Das stimmt nicht", beharrte Antonio, doch ein Funken Wahrheit steckte zugegebenermaßen schon in Sophies Behauptung.

     "Du wirst Lydia nie so lieben wie ich, weil sie für dich immer eine Last bleiben wird!"

     "Da irrst du dich!", rief Antonio aufgebracht.

     "Nein, das tue ich nicht. Lydia ist nicht dein Kind, und du hättest dich freiwillig niemals um sie gekümmert. Außerdem bist du sowieso nicht besonders kinderlieb. Und wenn du einmal heiratest, wird Lydia deiner Frau ein Dorn im Auge sein!"

     "Ich beabsichtige nicht zu heiraten."

     Aufgebracht marschierte Sophie auf Antonio zu und schaute ihm direkt in die Augen. "Aber Lydia braucht eine Mutter, Antonio, nicht irgendwelche Leute, die du bezahlst, damit sie deine Nichte waschen und füttern."

     "Ich bin aber noch nicht bereit für eine Ehe. Ich meine, eine einzige Frau …"

     "Dann lass Lydia und mich in Ruhe, damit du Zeit genug hast, deinen Job und deinen Harem unter einen Hut zu bringen."

     Antonios Augen funkelten, während er Sophies Handgelenke umfasste und sie näher zu sich heranzog. "Harem, hm?", spöttelte er.

     Sophie errötete verärgert. "Pablo hat Belinda alles über deine Eskapaden erzählt."

     "Pablo kann von nichts gewusst haben. Ich hätte mich ihm niemals anvertraut. Wir standen uns nicht besonders nahe." Er schaute zu ihr hinunter und sah dabei fast ein wenig arrogant aus. Sein Blick hinter den dichten schwarzen Wimpern war auf beunruhigende Weise durchdringend. "Natürlich brüste ich mich nicht mit meinen Eroberungen, aber ich schäme mich auch nicht für mein Liebesleben. Oder was dachtest du?"

     "Dein Liebesleben ist mir völlig schnuppe!", rief Sophie mit feuerroten Wangen.

     "Das möchte ich bezweifeln …", sagte Antonio jetzt ganz leise, und Sophie lief beim Klang seiner Stimme ein wohliger Schauer über den Rücken. "Ich glaube vielmehr, dass ich mich damals vor drei Jahren für deinen Geschmack zu sehr wie ein Gentleman verhal…"

     "Als Gentleman würde ich dich nun wirklich nicht bezeichnen", fiel ihm Sophie ins Wort, während sie ein Verlangen überkam, das sie kaum noch unterdrücken konnte. In Antonios Gegenwart fühlte sie sich immer so unglaublich weiblich, und sie sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers nach ihm. Nur einen Kuss, sie wünschte sich nichts mehr als einen einzigen Kuss von ihm. Sie wollte wissen, wie es sich anfühlte, wenn seine sinnlichen Lippen die ihren berührten. Dabei war Sophie überzeugt, dass Antonio sie genauso enttäuschen würde wie all die anderen Männer. Aber in diesem Falle käme die Enttäuschung einer Erlösung gleich, denn dann würde es ihr endlich gelingen, Antonio ein für alle Mal aus ihren Träumen und ihrem Herzen zu verbannen.

     "Egal, wie du mich nennen willst, du stehst immer noch auf mich, querida", murmelte er jetzt heiser.

     Sophie zitterte. "Vielleicht …", hauchte sie dann und schluckte. "Vielleicht bin ich neugierig."

     Nach wie vor betrachtete er aufmerksam ihr Gesicht und hatte plötzlich das Gefühl, im Smaragdgrün ihrer erwartungsvoll blickenden Augen und dem sinnlichen Rot ihrer leicht geöffneten Lippen zu versinken. Antonio tauschte nie Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit aus, doch jetzt schob er behutsam eine Hand in Sophies Haar. Es fühlte sich seidig an, sodass er unwillkürlich daran dachte, wie es wohl wäre, wenn sie neben ihm im Bett läge, und ihre blonden Locken sich auf seinen seidenen Laken ausbreiteten … Mit einem Mal schien weder er noch Sophie imstande, einen klaren Gedanken zu fassen.

     Antonio beugte sich immer weiter zu ihr herab, und Sophie stockte der Atem. Zunächst berührte er ihre Lippen nur leicht, doch bald darauf begann er, sie immer leidenschaftlicher zu küssen. Sophie verspürte Entzücken und Ungeduld zugleich. In ihr wuchs der drängende Wunsch, Antonio an sich zu ziehen. Dieses Bedürfnis wurde schließlich so stark, dass Sophie sich selbst an ihn schmiegte. Unter ihrem T-Shirt richteten sich die rosigen Knospen ihrer Brüste auf. Bestimmt konnte auch Antonio es spüren … Sophie erschrak bei dem Gedanken, wie nahe sie dem Mann plötzlich war, dem sie noch kurz zuvor so hasserfüllt gegenübergestanden hatte. Dennoch vermochte sie sich weder Antonios Küssen, noch dem Drang ihres eigenen leidenschaftlichen Begehrens zu entziehen.

     "Antonio …", flüsterte sie atemlos. Er hingegen murmelte: "Ich will das nicht …", fuhr aber trotzdem fort, sie hingabevoll zu küssen. Zärtlich drang er mit seiner Zunge in ihren Mund ein und begann, dort jeden Winkel begierig zu erforschen.

     Für einen kurzen Augenblick triumphierte Sophie insgeheim. Fast drei Jahre lang war sie den quälenden Gedanken nicht losgeworden, dass sie sich damals in Spanien zum Gespött der Leute gemacht hatte. Aber nun stellte sich heraus, dass Antonio Tattoos besser gefielen, als er zugeben wollte. Dann spürte sie nur noch die Wärme und Kraft seines durchtrainierten Körpers. Vor Erregung wurde ihr heiß und kalt, sodass sie ihm zitternd die Arme um den Nacken legte und seinen Kuss auf eine für sie ungewohnt bedingungslose Art erwiderte.

     Doch urplötzlich löste sich Antonio von ihr. Aus seinem Blick sprach Verwunderung. Für den Bruchteil einer Sekunde schwelgte Sophie noch immer in dem Kuss und wünschte sich die Welle der leidenschaftlichen Gefühle zurück. Schließlich wandte sie sich jedoch von Antonio ab, schob die Hände tief in die Taschen ihrer Jeans und ließ den Kopf hängen.

     "Wir sprachen gerade darüber, dass du nach Spanien ziehst", erinnerte er sie und klang so kühl, dass Sophie es kaum fassen konnte.

     Nun gut, vielleicht fand er sie doch nicht so unwiderstehlich, wie sie für einen Moment lang geglaubt hatte. So oder so kostete es sie größte Anstrengung, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. "Nie im Leben ziehe ich nach Spanien, vergiss es!", protestierte sie schließlich. "In deinem Heimatland wäre ich dir ja völlig ausgeliefert, und am Ende würdest du mich überhaupt nicht mehr zu Lydia lassen."

     "Da wirst du mir wohl vertrauen müssen."

     "Das tue ich aber nicht", sagte Sophie, ohne zu zögern. "Dafür steht für mich viel zu viel auf dem Spiel. Außerdem wirst du bald heiraten, und damit ändert sich alles."

     "Du scheinst von der Idee ja ganz besessen zu sein. Aber ich habe nicht vor, so bald zu heiraten."

     Sophie blieb unbeeindruckt und warf ihm aus den Augenwinkeln einen Blick zu. Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Herzschlag. Antonio sah wirklich atemberaubend aus. "Ob du nun demnächst oder erst in fünf Jahren heiratest – welchen Unterschied macht das für mich? Rechte hätte ich dann immer noch keine, und deine zukünftige Frau wird bestimmt den Teufel tun und mir ein echtes Mitspracherecht einräumen, wenn es um Lydia geht."

     "Du meine Güte … Meine Freiheit geht mir über alles. In den nächsten zehn Jahren werde ich mich garantiert nicht an eine Frau binden."

     "Ich will nur bei Lydia sein. Das ist alles", erklärte Sophie würdevoll, auch wenn sie sich momentan alles andere als selbstbewusst fühlte. "Im Gegensatz zu dir habe ich sie wirklich lieb … Ich meine … vielleicht wird sie dich ein Leben lang nur an Pablo erinnern. Und ihr wart ja nicht gerade ein Herz und eine Seele!"

     Antonio biss die Zähne zusammen, widersprach aber nicht. Als sich Sophie abwandte, um ihre Tränen zu verbergen, drehte er sie wieder zu sich. Jede seiner Bewegungen zeigte, wie groß sein Selbstvertrauen war. "Komm mit zum Lunch in mein Hotel."

     Sophie errötete. Plötzlich war sie wieder schüchtern und fühlte sich schrecklich empfänglich für Antonios vertraulichen Ton: "Dabei denkst du aber nicht ans Essen, oder?"

     "Du bist immer so direkt." Antonio lächelte, und Sophie dachte verärgert, es ist ihm noch nicht einmal peinlich, dass ich ihn durchschaut habe. "Ich schätze mal, ich würde dich enttäuschen", erklärte sie dann.

     "Das glaube ich nicht", entgegnete er und sah sie eine Weile nachdenklich an. "Nur mal so aus reiner Neugierde", meinte er schließlich. "Was würdest du dafür geben, wenn du die ganze Zeit mit Lydia zusammen sein könntest?"

     "Alles", antwortete sie mutig, zog aber fragend ihre schmalen Augenbrauen zusammen.

     "Wenn du Lydia immer bei dir haben könntest und keine finanziellen Sorgen hättest, wärst du dann auch bereit, mir jeden Wunsch zu erfüllen?"

     "Wenn es sich nicht um ein Verbrechen handelt, ja", antwortete Sophie rasch, wobei ihre Verwunderung stetig wuchs. "Warum fragst du mich das?"

     "Ich mag mein Leben genauso, wie es ist. Wenn Lydia aber rund um die Uhr eine Mutter braucht, sollte ich vielleicht heiraten und mich nach fünf oder zehn Jahren in aller Freundschaft wieder scheiden lassen."

     Sophie hing an seinen Lippen, konnte aber nicht wirklich folgen. "Sprichst du von einer Scheinehe?", fragte sie schließlich unsicher.

     "Ja, du müsstest dich nicht von Lydia trennen und wärst noch dazu finanziell abgesichert, und an meinem Leben würde sich nichts ändern. Das wäre doch ein fairer Handel."

     "Willst du damit andeuten, dass du und ich …" Bei der Vorstellung, ihn zu heiraten, verschlug es ihr die Sprache. "Aber …"

     "Du müsstest verrückt sein, um mein Angebot abzulehnen", erklärte Antonio, der mehr und mehr davon überzeugt war, dass er einen genialen Einfall gehabt hatte. Natürlich wären da einige wichtige Dinge zu beachten. Auch wenn das Ganze nur eine vorübergehende Lösung darstellte, war ein hieb- und stichfester Ehevertrag unabdingbar, und er musste dafür sorgen, dass sich Sophie keinen Illusionen hingab. Sie würde auf seinem Landsitz wohnen und sich ausschließlich um das Wohl des Kindes kümmern. Seine Großmutter wäre natürlich über Sophies bescheidene Herkunft und ihre mittelmäßige Bildung empört. Aber Doña Ernesta war eine starke Frau und würde schnell über die Enttäuschung hinwegkommen. Der Rest der Familie und seine Freunde würden sich auch schockiert zeigen. Aber da er immer schon ein Einzelgänger gewesen war, könnte er damit leben.

     Aus irgendeinem Grunde erinnerte er sich plötzlich jedoch daran, wie viele Menschen auf Pablos Hochzeit von Sophies Lebhaftigkeit angetan gewesen waren. Sehr wahrscheinlich würde seine Großmutter sie schließlich unter ihre Fittiche nehmen und ihr alles beibringen, was sie wissen musste. Gleichzeitig würde Doña Ernesta davon profitieren, dass Pablos Tochter nun in ihrer Nähe aufwuchs und sie sich keine Gedanken machen musste, ob das Kind auch gut versorgt wurde.

     Unterdessen sah Sophie immer noch verwundert zu Antonio auf. Da hatte er sie doch tatsächlich gebeten, ihn zu heiraten, damit er ihr und Lydia in Spanien ein gemeinsames Zuhause bieten konnte. Und jetzt wartete er auf eine Antwort.

     "Du meine Güte!", rief er schließlich ungeduldig, "jetzt sag schon Ja, damit wir endlich ins Warme kommen."

     Sophie blinzelte ungläubig. "Du kannst mir doch nicht einfach so was an den Kopf knallen, und dann erwarten …"

     "Warum sollte ich nicht damit rechnen, dass du zustimmst?", fiel er ihr ins Wort und sah sie herausfordernd an. "Hier in England gehst du putzen, damit du was zu essen hast. Dein Zuhause steht auf Rädern und ist so schäbig, dass du es mir nicht einmal zeigen willst. Ich biete dir sozusagen einen Freifahrtschein aus der Hölle."

     Sophie errötete und trat nervös von einem Bein aufs andere. "So einfach ist das nicht … Mein Leben hier ist alles andere als die Hölle …"

     Eine kräftige Brise wehte über sie hinweg, und Antonio überlief ein Schauer. Er sah auf das graue Meer unter dem fahlen Himmel hinaus und blickte dann auf den noch langweiligeren Kiesstrand unter seinen Füßen. "Doch, nach meinem Dafürhalten ist es das."

     "Aber du bist reich und verwöhnt."

     "Möchtest du das nicht auch sein?", fragte Antonio einschmeichelnd und legte einen Arm um Sophie, um sie behutsam in Richtung Campingplatz zurückzudirigieren.

     "Ich kann es mir nicht vorstellen, reich zu sein. Aber verwöhnt werden würde ich schon gern", sagte sie zögernd. "Machst du eigentlich Witze, oder ist das dein Ernst?"

     "Wenn du eine Ehe mit bereits feststehendem Scheidungsdatum akzeptieren kannst und einen Ehemann, der in allem sein eigener Herr bleibt, dann ist es mein Ernst."

     Antonio heiraten? Sich seinen Wünschen unterordnen und über seine Untreue hinwegsehen? Ihr Gefühl sagte ihr, dass es falsch war, außerdem verstieß es ganz und gar gegen ihre Grundsätze. Doch dann erinnerte sie sich, dass Antonio ihr ja keine normale Ehe vorgeschlagen hatte.

     "Ich gebe dir bis heute Abend Bedenkzeit. Dann schicke ich dir meinen Wagen, damit du zum Dinner zu mir ins Hotel kommen kannst." Sie hatten den Campingplatz erreicht, und Antonio bedeutete seinem Chauffeur, dass er abfahren wollte.

     Sophie musste ständig an die wenigen Minuten am Strand denken, als Antonio ihr seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Durch Antonios Kuss schien ihre Welt gänzlich aus den Fugen geraten. Wenn sie nur daran dachte, wie sehr sie es genossen hatte, sich ihm hinzugeben, wurde ihr ganz heiß. Sie zitterte und war nicht mehr in der Lage, Antonio anzusehen.

     "Wann?", fragte sie schließlich, bemüht, genauso lässig zu klingen wie er.

     "Um acht."

     "Ich habe nichts Schickes anzuziehen."

     "Das ist kein Problem. Wir essen in meiner Suite."

     Sophie verstand sofort. So wie sie im Moment aussah, wollte er sich mit ihr nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Oder legte sie Antonios Entschluss falsch aus? War sie womöglich ungerecht? Schließlich würde sie heute Abend Lydia mitnehmen müssen, und wenn das Baby schläfrig wurde, wäre es in Antonios Suite ruhiger als in einem Restaurant. Jetzt stieg er in seine Limousine und schenkte ihr zum Abschied noch ein Lächeln. Aber es kam nicht von Herzen – so hätte er sicherlich jeden angelächelt. Plötzlich wurde Sophie bewusst, dass sie tief in ihrem Innern den Wunsch hegte, Antonio möge nur für sie lächeln.

     An diesem Abend fuhr sie mit nur einer halben Stunde Verspätung – und das war wenig für ihre Verhältnisse – mit dem Aufzug zu Antonios Suite hinauf. Lydia trug sie auf dem Arm. Ein Mann mittleren Alters in Livree bedeutete ihr hereinzukommen. Dann verschwand er wieder, und es dauerte eine ganze Weile, bis sich eine Tür öffnete und Antonio erschien.

     Sophie lächelte, und für den Bruchteil einer Sekunde vergaß Antonio ganz, was er sagen wollte. "Tut mir leid, dass ich dich bei deiner Ankunft nicht persönlich empfangen konnte", begrüßte er sie dann.

     Sophie fühlte sich einerseits erleichtert, andererseits war ihre Anspannung aber auch noch nicht gänzlich verflogen. "Ich dachte, du wärst vielleicht nicht da. Aber lieb von dir, nicht darauf herumzureiten, dass ich zu spät bin."

     "Ich lege großen Wert auf Pünktlichkeit", gab Antonio vorsichtig zurück.

     "Da werden wir ein Problem bekommen", erklärte Sophie gut gelaunt.

     "Wenn wir alles ein wenig besser durchorganisieren, werden wir das schon in den Griff bekommen", meinte Antonio, und Sophie fragte sich, ob er wohl eine Vorstellung davon hatte, wie schlecht sich der Tagesrhythmus und die Bedürfnisse eines Babys 'durchorganisieren' ließen.

     "Lass uns doch schon einmal ins Speisezimmer gehen." Während Antonio die Tür zum angrenzenden Raum öffnete, klingelte sein Handy. Er entschuldigte sich und nahm das Gespräch entgegen.

     Sophie setzte sich mit Lydia an den Tisch. Antonio unterhielt sich mit der Person am anderen Ende der Leitung in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sein schönes Gesicht wirkte sehr konzentriert. Eines Tages, dachte sie bei sich, soll er mir genauso seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Gleich darauf schämte sie sich für ihre Gedanken und ermahnte sich zur Vernunft. Sie würde Antonio heiraten, weil das die einzige Möglichkeit war, Lydia zu behalten. Und dies, so schwor sie sich, sollte auch der einzige Grund bleiben. Es wäre töricht, sich Illusionen über einen Mann zu machen, der schon vor der Ehe verkündete, dass er um jeden Preis weiterhin seine Freiheit genießen wollte.

     Der Angestellte erschien wieder und brachte einen Hochstuhl für Lydia. Sophie dankte ihm herzlich, setzte ihre Nichte hinein und breitete ihr Spielzeug auf ihrem Tischchen aus.

     Als der erste Gang aufgetragen wurde, erschien auch Antonio, und Sophie verkündete ihm unumwunden: "Nun, wie du schon ganz richtig vermutet hast, bin ich mit deinem Vorschlag einverstanden. Aber ich habe auch einige Bedingungen", fügte sie hinzu, während sie die Dose mit Lydias Keksen öffnete.

     "Du stellst Bedingungen?"

     "Ja, ich will kirchlich heiraten", begann Sophie zögerlich, "und Lydia soll nichts von unserem Handel erfahren."

     "Ich bitte dich: Sie ist doch erst sechs Monate alt", entgegnete Antonio trocken.

     "Aber sie wird älter. Sie darf niemals erfahren, dass ich dich heiraten musste, um sie behalten zu können. Das würde sonst auf ihrem Gewissen lasten."

     "Wie kommst du denn auf so einen Gedanken?"

     "Ich weiß noch genau, wie mir zumute war, als ich begriff, dass ich für die Erwachsenen, die sich um mich kümmerten, nur eine Last gewesen bin." Sophie stellte einen Trinkbecher auf Lydias Tischchen. "Also, was hältst du davon?"

     Antonio war vor allem klar geworden, dass er doch nicht jeden Aspekt bedacht hatte. Natürlich wollte er auch nicht öffentlich verkünden, dass er nur eine Scheinehe einging. Für ihn zählten Äußerlichkeiten kaum, doch für einen Großteil seiner Familie waren sie alles. Folglich blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als sich mit Sophies Bedingungen einverstanden zu erklären. "In Ordnung", sagte er nun. "Aber ich möchte eine Hochzeit im kleinstmöglichen Rahmen. Mein Familienanwalt wird Trauzeuge sein. Hast du sonst noch irgendwelche Wünsche?"

     "Nur noch einen …" Verlegen biss sich Sophie auf die Unterlippe. "Du musst mir versprechen, Lydia ein guter Vater zu sein."

     "Unsere Abmachung betrifft nur dich und mich", erklärte Antonio kühl. "Die Stellung, die meine Nichte bei mir einnimmt, hat nichts damit zu tun. Aber natürlich werde ich allen väterlichen Verpflichtungen nachkommen."

     Es herrschte angespanntes Schweigen zwischen den beiden, während der Hauptgang aufgetragen wurde. Lydia begann zu quengeln, und Antonio warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, sodass Sophie sich fragte, ob er je imstande sein würde, sich in eine Vaterrolle einzufühlen.

     "Meinerseits gäbe es da auch noch einige Bedingungen", verkündete Antonio schließlich. "Bevor wir heiraten können, musst du einen Ehevertrag unterschreiben."

     Zu seinem Erstaunen lächelte Sophie. "So wie ein Hollywood-Star?", fragte sie dann aufgeregt. "Bist du wirklich so reich? Wahnsinn!"

     "In dem Vertrag werden finanzielle Regelungen getroffen …"

     "Schon gut, schon gut … Müssen wir jetzt darüber reden?" Sophie nahm Lydia, die kurz vor dem Einschlafen war, aus dem Hochstuhl zu sich auf den Schoß. Antonio bewunderte die Geschicklichkeit, mit der Sophie nur mit einer Hand weiteraß, während sie im anderen Arm das Baby hielt. Langsam fielen seiner Nichte die Augen zu, und Antonio musste zugeben, dass Sophie wirklich gut mit der Kleinen umgehen konnte. Auf seinem Arm hatte sie nur wie am Spieß geschrien.

     Nachdem sie einen Augenblick lang geschwiegen hatte, sah Sophie ihn plötzlich über den Tisch hinweg verträumt an. "Was soll ich an unserem Hochzeitstag tragen?", fragte sie dann leise.

     "Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber warum sollte mich das interessieren?"

     Antonios Direktheit brachte Sophie jäh wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, und sie errötete beschämt. Dann wurde ihr allerdings klar, dass sie Antonio keinen Vorwurf machen konnte. Er hatte schon recht, warum sollte es ihn interessieren, was sie bei ihrer Scheinheirat trug. "Okay", sagte Sophie schließlich, "einmal abgesehen von dem, was wir schon besprochen haben. Welche Regeln wollen wir sonst noch für unseren Tauschhandel festhalten?"

     "Gegenseitiger Respekt, Zusammenarbeit und …" Antonio machte dem Angestellten ein Zeichen, und die Weingläser wurden noch einmal nachgefüllt, damit sie anstoßen konnten. "… und Dankbarkeit, meine Liebe."

     Sophie verstand sofort, was er damit meinte: Sie hatte ihn zu respektieren und stets zu versuchen, seine Wünsche zu erfüllen, und sie hatte ihm dankbar zu sein für diese vermeintliche Chance. Unwillkürlich presste sie die Lippen zusammen, senkte den Blick und küsste dann zärtlich Lydias Köpfchen.

     Wenn Antonio ihr und der Kleinen ein gemütliches Zuhause und eine gesicherte Zukunft bot, verdiente er ihre Dankbarkeit.