5. KAPITEL

"Ganz schön bunt … und außergewöhnlich". Ein wenig skeptisch betrachtete Norah Moore Sophies Kleid.

     Es war Sophies Hochzeitstag, und sie war im Begriff, sich für die Trauung vorzubereiten. Da sie allerdings fürchtete, spöttische Bemerkungen von Antonio zu ernten, wenn sie sich wie eine echte Braut zurechtmachte, hatte sie sich ein recht ausgefallenes Kleid ausgesucht. Dass sie dafür überdies Antonios Konto nur wenig strapazieren musste, machte sie doppelt stolz.

     Ihr gemeinsames Abendessen mit Antonio in seiner Hotelsuite lag inzwischen drei Wochen zurück. Seitdem hatte Sophie ihn nicht mehr gesehen, nur gelegentlich mit ihm telefoniert. Norah machte kein Geheimnis daraus, dass sie besorgt war, weil Sophie Antonio heiraten wollte.

     "Bitte mach nicht so ein Gesicht", bat Sophie sie, "freu dich lieber für Lydia und mich."

     "Aber du solltest ihn nicht nur deiner Nichte zuliebe heiraten", murmelte Norah unbehaglich. "Ich muss zugeben, dass ich nie damit gerechnet hätte. Und es ist noch nicht zu spät, um die Hochzeit abzusagen. Es ist nicht gut, wenn du Antonio Rocha heiratest."

     Erstaunt über die Hartnäckigkeit ihrer älteren Freundin runzelte Sophie die Stirn. "Wieso nicht? Antonio weiß genau, was er tut. Ich wette, er lässt sich schneller von mir scheiden als geplant und sorgt dafür, dass Lydia und ich woanders hinziehen. Er liebt sie einfach nicht so sehr wie ich …"

     "Er hatte ja bisher auch keine Gelegenheit, sie besser kennenzulernen. Außerdem fühlen sich viele Männer im Umgang mit Babys unsicher …"

     "Warum bist du so strikt dagegen, dass ich ihn heirate?"

     Norah errötete und wandte sich ab. Sophie konnte sich schon denken, was Norahs Problem mit Antonio war. Sie hatte wahrscheinlich insgeheim gehofft, Sophie würde sich eines Tages doch für ihren Sohn Matt erwärmen, und jetzt zog sie nach Spanien. Dabei hatte Sophie ihn nie ermutigt. Matt hatte ihr vielmehr immer ein bisschen leid getan, ganz besonders in den letzten drei Wochen.

     "Ich dachte nur", sagte Norah jetzt ausweichend, "es könnte vielleicht eine andere Lösung geben."

     "Aber so wird Lydia den spanischen Teil ihrer Familie kennenlernen und erfahren, wie es ist, etwas Besseres zu sein … ein reiches Kind eben. Sie wird viele Dinge lernen, die ich ihr niemals beibringen könnte. Das hätte sich Belinda auch für sie gewünscht."

     "Ja, wahrscheinlich hast du recht."

     "Lydia verdient das Beste", sagte Sophie, froh darüber, dass Norah endlich begann, ihren Blickwinkel zu verstehen. "Und das ist der einzige Grund, weshalb ich Antonio heirate … für Lydia."

     Vierzig Minuten später betrachtete Sophie erstaunt die Menschenmenge vor der Kirche. Hatte vielleicht eine andere Trauung später begonnen, und die Leute warteten auf das glückliche Paar? Oje, dachte Sophie dann, eine Verspätung würde Antonio nicht gefallen. Aber da konnte man wohl nichts machen. Anhand ihres Spiegelbildes in der Autoscheibe überprüfte sie noch einmal, ob ihr rosa Hütchen mit den ausladenden Federn auch richtig saß. Nervös strich sie dann die Falten ihres hautengen langen Kleides glatt, auf dessen Stoff große Rosenmotive in leuchtenden Farben prangten. Der Chauffeur hielt direkt vor den Stufen der Kirche und stieg aus, um Sophie die Tür zu öffnen.

     Mit Lydia in der Babytrage und gefolgt von Norah Moore stieg sie aus dem Wagen und war sofort von zahlreichen Menschen umringt, die Kameras schwenkten und Fragen riefen.

     "Wie heißen Sie?", wollte jemand wissen. "Gehören Sie zur Braut?", schrie ein anderer.

     "Sie ist kein Gast, sie ist die Braut!", schaltete Norah sich schließlich ein. "Und jetzt machen Sie uns Platz, damit wir in die Kirche können! Wir haben ein Baby dabei."

     "Sie sind Sophie Cunningham?", fragte jemand erstaunt.

     Sophie lächelte nervös, nutzte dann aber die Lücke, die sich in der Menschenmenge aufgetan hatte, um in die Kirche zu gelangen, wo sie vom Pfarrer herzlich begrüßt wurde.

     Norah übernahm Lydia, und Sophies Herz begann wie wild zu schlagen. Sie atmete tief durch und riskierte einen Blick zum Altar. Sonnenlicht fiel durch die bunten Glasscheiben und zauberte ein wunderbares Farbspiel in das Innere der Kirche. Antonio stand am Altar und neben ihm ein kleinerer, hagerer Mann. Wahrscheinlich der Familienanwalt, den er erwähnt hatte. Gleich darauf galt ihre ganze Aufmerksamkeit jedoch wieder Antonio. Sein dunkler Anzug und das weiße Hemd waren maßgeschneidert und saßen wie angegossen, wodurch seine Größe und sein muskulöser Körperbau noch besser zur Geltung kamen. Wie immer ging von ihm jene unaufdringliche Eleganz aus, die so bezeichnend für ihn war.

     Als Sophie bei ihm ankam, wünschte sie sich so sehr, dass er ihr mit einem Blick, einem Lächeln oder einer kleinen Berührung zeigen würde, dass er sich freute. Aber nichts dergleichen geschah. Während der vergangenen Wochen hatte er sie mehrmals angerufen, die Gespräche jedoch immer kurz und geschäftsmäßig gehalten. Die Zeremonie begann, und Sophie lauschte der Predigt. Danach gaben sie sich das Jawort, wobei ihre Stimme bebte, während Antonios kühl und fest klang.

     Was Sophie nicht wusste: Antonio konnte nur mit Mühe seine Verärgerung darüber verbergen, dass vor der Kirche ein Pulk von Paparazzi auf sie wartete. Aus der geheimen Zeremonie, die er geplant hatte, war nichts geworden. Seine Familie mied die Presse wie der Teufel das Weihwasser. Wer also hatte geplaudert? Einer seiner Angestellten? Jemand aus dem Hotel? Oder seine Braut?

     Was um alles in der Welt trug sie da überhaupt? Eigentlich hatte er Sophie in einem viel zu romantischen Hochzeitskleid mit Schleier erwartet und sich in gewisser Weise sogar darauf gefreut. Warum, vermochte er nicht zu sagen. Aber stattdessen war sie in diesem unsäglich schrägen Fummel erschienen. Nun ja, vielleicht war das die Strafe dafür, dass er ihr damals bei ihrem gemeinsamen Abendessen keine vernünftige Antwort auf ihre Frage gegeben hatte.

     "Genau da stehen bleiben!", befahl jetzt Norah Moore, die ein Foto machen wollte, als sich Braut und Bräutigam vom Altar abwandten.

     Antonio sah Sophie in die leicht verschleierten grünen Augen. Ihr Lippenstift hatte den gleichen Ton wie ihr Hütchen, aber erstaunlicherweise stand ihr diese Farbe ausgezeichnet.

     "Tut mir leid", flüsterte sie ihm ins Ohr. Dabei umfasste sie seinen Oberarm und stellte sich auf die Zehenspitzen. "Tu einfach so, als wolltest du mich küssen … Das Foto ist fürs Familienalbum, das ich für Lydia zusammenstellen möchte."

     Antonio grub seine Finger in Sophies lange blonde Locken, nahm dann ihren Kopf zwischen beide Hände und küsste sie stürmisch. Erschrocken riss Sophie die Augen auf, und Antonio hätte am liebsten laut gelacht. Aber Sophie musste endlich lernen, dass er ein Rocha war und wie jeder männliche Nachkomme seines alten Adelsgeschlechts keine Befehle entgegennahm, sondern sie erteilte.

     Sein verwegener Zungenkuss wurde immer intensiver, und Sophie überkam eine Hitzewelle, gefolgt von dem schier unerträglichen Bedürfnis nach mehr. Ganz benommen legte sie Antonio die Arme um den Nacken, und als er sich schließlich wieder von ihr löste, lehnte sie leicht wankend den Kopf an seine Schulter und rang nach Atem. In der Kirche herrschte absolute Stille. Doch in Sophies Ohren pochte noch immer das Blut.

     Norah starrte sie halb ungläubig, halb schockiert an, und Sophie errötete erschrocken über das zügellose Verhalten. Antonio focht das nicht an, und er stellte Sophie kurz seinem Anwalt vor, der bereits im Gehen begriffen war.

     Am Eingang der Kirche wartete der bestellte Fotograf. Antonio forderte ihn zunächst auf, sich auszuweisen, und sagte dann: "Tut mir leid, aber mit den ganzen Journalisten da draußen wird es keine Aufnahmen geben. Natürlich hat das keine Auswirkung auf Ihr Honorar."

     "Aber du kannst doch die Fotos nicht einfach absagen!", rief Sophie, die inzwischen aus ihrer Trance erwacht war.

     "Ich kann, und ich werde, meine Liebe", raunte er ihr zu, während er mit leicht zusammengekniffenen Augen zu ihr hinuntersah. "Falls du für den Pressepulk da draußen verantwortlich bist, werde ich dir leider einen Strich durch die Rechnung machen. Wir nehmen den Hinterausgang."

     "Das sind Reporter?", fragte Sophie verwundert. "Wie kommst du darauf, dass ich etwas mit ihnen zu tun haben könnte?"

     "Darüber reden wir später", erklärte Antonio in einem Ton, der einen heißen Lavastrom zum Erkalten gebracht hätte.

     "Aber wir müssen doch Fotos machen, und du wirst dir doch durch die Journalisten nicht unseren Tag verderben lassen. Das wäre ja wie Erpressung."

     Am liebsten hätte Antonio geantwortet, dass er im Augenblick tatsächlich das Gefühl hatte, erpresst zu werden, aber nicht von den Journalisten. "Wir lassen uns im Hotel fotografieren."

     Für dieses Einlenken wurde er sofort belohnt. Sophie umarmte ihn freudestrahlend. "Danke, vielen Dank! Du wirst es nicht bereuen."

     Gleich darauf erklärte Norah Moore, dass sie nach Hause zurückkehren wollte. Als Sophie versuchte, sie umzustimmen, meinte Norah nur: "Ich spiele hier keinen Moment länger das fünfte Rad am Wagen. Du hättest mir schließlich sagen können, dass Antonio und du … ich meine, nun der Kuss war ja wohl deutlich genug."

     "Es ist nicht so, wie du denkst", erklärte Sophie beschämt.

     "Es ist genau so, wie es sein sollte. Und dass du jetzt verheiratet bist, ist auch gut für Matt. Seit Jahren läuft er dir nach wie ein Hündchen, aber jetzt weiß er wenigstens, woran er ist."

     In der Limousine, auf dem Weg zum Hotel, wandte sich Sophie an Antonio. "Wieso dachtest du, ich könnte vielleicht für die Journalisten vor der Kirche verantwortlich sein?"

     Er sah sie durchdringend an und antwortete dann ungerührt: "Na, irgendjemand hat ihnen einen Tipp gegeben."

     "Aber ich doch nicht! Ich meine, ich wusste ja nicht einmal, dass die Presse an dir interessiert sein könnte."

     Als Antonio dazu schwieg, warf ihm Sophie aus den Augenwinkeln einen Blick zu. "Willst du dich nicht wenigstens entschuldigen?"

     "Falls ich dich falsch eingeschätzt haben sollte, tut es mir lei…"

     "Falls?" Sophie war außer sich.

     "Ich weiß immer noch nicht, wer für die Paparazzi verantwortlich ist", entgegnete Antonio kühl.

     "Nun, ich auf jeden Fall nicht, und ich sehe schwarz für unsere Beziehung, wenn du mich weiterhin für Dinge verantwortlich machst, die ich nicht getan habe", sagte Sophie empört.

     "Wer behauptet denn, dass wir freundlich miteinander umgehen müssten?", konterte Antonio absichtlich provozierend, um sich dann gemütlich in seine Ecke des Rücksitzes zurückzulehnen.

     "Aber du hast mich doch gerade eben geheiratet!", rief sie vorwurfsvoll.

     "Seit wann hat Ehe etwas mit Freundschaft zu tun?"

     Diese Bemerkung brachte Sophie auf hundertachtzig, und Antonio betrachtete sie aus halb geschlossenen Lidern. Er liebte es, wenn sie vor Zorn bebte. Und wieder stellte sich die Frage, wodurch er sich so zu ihr hingezogen fühlte. Es war nicht nur die Energie, die sie ausstrahlte. Unerklärlicherweise kam ihm inzwischen sogar das Hütchen, das auf ihrer Lockenpracht thronte, wie der Inbegriff von Weiblichkeit vor.

     "Wie kann man denn so etwas Schreckliches sagen!", rief Sophie hitzig. Sie war zutiefst empört über Antonios Vorstellungen von Partnerschaft.

     "Ich verfüge über eine ganze Reihe von Ahnen, die ihrer Ehefrau nur Hass entgegengebracht haben."

     "Das wundert mich nicht!"

     Doch Antonio hörte schon gar nicht mehr zu, sondern versuchte weiter zu ergründen, warum sie ihm so sexy vorkam. Nach wie vor fand er das Kleid unangemessen, aber irgendwie trug es dazu bei, ihre zarte Weiblichkeit zu unterstreichen. Der Ausschnitt ließ nur einen Ansatz ihrer Brüste erkennen, die für ihre schlanke Gestalt erstaunlich voll waren. Selbst der schrille Rosendruck konnte nicht davon ablenken. Als schließlich auch Sophie sich zurücklehnte, gab der Schlitz im Kleid den Blick auf ihr Bein frei. Ehe Antonio sich versah, stieg eine unbändige Lust in ihm auf. Erregt ließ er seinen Blick über Sophies wohlgeformten Oberschenkel, ihr makelloses Knie und die schlanke Wade gleiten, an die sich eine schmale Fessel und ein zierlicher Fuß anschlossen. Plötzlich begehrte Antonio seine Braut mit einer Leidenschaft, die ihn selbst erstaunte.

     "Pablo war so grausam zu Belinda", sagte Sophie da unvermittelt, und Antonios Lust schwand augenblicklich. "Aber damit du es weißt", fügte sie dann hinzu: "Mit mir kann man das nicht machen."

     "Was hat er denn getan?", fragte Antonio ernüchtert.

     "Er hat meiner Schwester jedes Selbstwertgefühl genommen, sie ständig kritisiert, immer wieder gesagt, wie dumm sie sei, und hat sie vor anderen Leuten zurechtgewiesen."

     "Ich bin nicht mein Bruder", erklärte Antonio betont langsam.

     "Das weiß ich. Pablo hätte nicht die Bohne interessiert, was mit seiner Nichte geschieht. Es sei denn, dabei wäre Geld herausgesprungen", sagte Sophie, die eigentlich nicht in der Stimmung war, Antonio Komplimente zu machen. Aber im Vergleich zu seinem Bruder war er der barmherzige Samariter.

     "Ich verabscheue es, mit Pablo verglichen zu werden!", erklärte Antonio jetzt noch einmal mit Nachdruck, und Sophie richtete ihre Aufmerksamkeit geflissentlich auf die selig schlummernde Lydia. Kurz darauf fuhren sie vor dem Hotel vor.

     Der Fotograf hatte alle Mühe, schöne Fotos von dem Brautpaar zu machen. Nachdem Antonio gebeten worden war, seine Braut anzulächeln, setzte er solch ein gezwungenes Lächeln auf, dass Sophie ihm ironisch zuraunte: "Gib dir bloß keine Mühe!"

     Auf dem Weg zum Flughafen herrschte dann auch eisiges Schweigen zwischen den beiden, obwohl Sophie vor Wut innerlich kochte. Sie war niedergeschlagen wie schon seit Jahren nicht mehr, ohne sich jedoch erklären zu können, warum sie sich so gedemütigt und unglücklich fühlte. Antonio erhielt einen melodramatischen Anruf von seiner derzeitigen Geliebten, die ihn aufforderte, sie bezüglich der Gerüchte um seine Heirat mit einer britischen Gossengöre aufzuklären. Antonio ließ aber eine derartige Beleidigung nicht auf sich und seiner Braut sitzen und trennte sich schließlich im Streit von der anderen Frau. Ihm war seine Selbstzufriedenheit deutlich anzusehen, offenbar fühlte er sich wie ein Heiliger, umgeben von besessenen Frauen.

     Auf dem Flughafen ging Sophie mit Lydia in den Wickelraum, um ihre Windeln zu wechseln. Dabei hörte sie plötzlich, wie sie über Lautsprecher ausgerufen und gebeten wurde, sich am Informationsschalter zu melden. Während sie hastig ihre Nichte wieder anzog, überlegte sie, ob Antonio etwas zugestoßen sein könnte … Ein Herzanfall war bei gestressten Geschäftsmännern nichts Ungewöhnliches. Oder … hatte er es sich am Ende anders überlegt und ihr eine Nachricht hinterlassen, dass er sie nicht mit nach Spanien nehmen wollte?

     Sophie rannte regelrecht zum Schalter. Gerade wollte sie sich ausweisen, als ihr ein etwas untersetzter junger Mann auffiel. "Matt …!", rief sie ungläubig. "Was machst du denn hier?"

     Matt Moore errötete und hielt ihr einen Blumenstrauß hin.

     "Oh Matt …", sagte Sophie, und Tränen der Rührung traten ihr in die Augen.

     "Du kommst doch ab und zu mal wieder zu Besuch, oder?", brachte er schließlich heraus, und dann, ohne jede Vorwarnung, nahm er sie linkisch in die Arme und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Sophie stand ganz still da und ließ es geschehen. Sie war zu gerührt und überrascht, um zu reagieren, und außerdem hatte sie den Eindruck, dass sie es ihm schuldig wäre.

     Fünf Meter entfernt blieb Antonio wie angewurzelt stehen, während er Zeuge der Szene wurde. Auch er hatte die Durchsage gehört und war erschrocken zum Informationsschalter geeilt. Jetzt, als er die leidenschaftliche Umarmung der beiden mitansehen musste, kam er sich doppelt betrogen vor. Sophie, seine Braut, seine Ehefrau, die Marquesa de Salazar küsste in der Öffentlichkeit und unter Tränen einen anderen Mann.

     "Vielen Dank für die Blumen", hörte Antonio sie jetzt sagen. "Wir sehen uns bestimmt irgendwann wieder, Matt", fügte sie hinzu und widerstand der Versuchung, sich über die Lippen zu wischen. Was Antonio natürlich nicht wissen konnte.

     Matt ging, und Sophie mühte sich mit dem Anschnallgurt von Lydias Tragekörbchen ab. Mit wenigen Schritten war Antonio bei ihnen.

     "Wo kommst du denn her?", fragte Sophie verwundert und warf der blonden Frau hinter dem Schalter, die Antonio fasziniert anstarrte, einen vernichtenden Blick zu.

     "Ich habe die Durchsage gehört", antwortete Antonio, der nur Augen für Sophies volle Lippen hatte. Wieder einmal war er erstaunt über das prompte Verlangen, das sie in ihm auslöste. "Jemand hat dich ausrufen lassen."

     "Oh … äh …, das war nur ein Freund, der sich von mir verabschieden wollte", murmelte Sophie, die Schwierigkeiten mit Lydias Gurt hatte. Antonio half ihr schließlich, und sie konnten gehen.

     Während sie in der VIP-Lounge warteten, begann Sophie, Lydia zu füttern.

     "Hat das nicht Zeit, bis wir an Bord sind?", fragte Antonio, als sei es der Gipfel des schlechten Geschmacks, einem Baby in aller Öffentlichkeit etwas zu essen zu geben.

     Sophie schüttelte den Kopf und presste die weichen rosa Lippen zusammen, weil sie ihm sonst eine Szene gemacht hätte. Wenn Antonio sie nicht gerade ignorierte, dann beschuldigte er sie zu Unrecht oder kritisierte sie. Jetzt atmete sie tief durch und schluckte vergebens, während sie mit den Tränen kämpfte. Da war sie nun von Gott und der Welt verlassen, kurz davor, in ein fremdes Land zu reisen, und der einzige Mensch, den sie dort kannte, benahm sich ihr gegenüber wie ein arroganter, gefühlloser Mistkerl!

     Wenig später begaben sie sich an Bord des Rocha-Privatjets, und Sophie war ganz beeindruckt von der luxuriösen Ausstattung. Die Flugbegleiterin zeigte ihr das Schlafabteil, in dem auch ein hängendes Babybettchen montiert worden war. Sophie legte ihre Nichte hinein und betrachtete das großzügige Bett für die erwachsenen Passagiere. Wie viele Frauen hatte Antonio wohl schon darin gehabt? Unwillkürlich biss sie sich auf die Lippen und schloss ihre Augen, um die Tränen zurückzuhalten – schon wieder. Dabei war sie geradezu schockiert, wie niedergeschlagen sie sich fühlte.

     Währenddessen sinnierte Antonio bei einem Glas Brandy über die nicht vorhandenen Freuden des Ehelebens. Verheiratet zu sein war genauso schlimm, wie er es sich immer vorgestellt hatte. Erst ließ sich Sophie von ihm einen Ring an den Finger stecken und dann von einem anderen Mann betatschen. Er fühlte sich zutiefst in seinem männlichen Stolz gekränkt. Zwar sagte ihm die Vernunft, dass es lediglich ein Kuss gewesen war. Allerdings brachte ihn die Vorstellung, dass sich die beiden aus unbändiger Leidenschaft in der Öffentlichkeit so unvorsichtig benahmen, gleich wieder aus der Fassung. Aber "der Andere" war ein Kerl, der ihm nicht das Wasser reichen konnte. Und wenn Antonio sich recht erinnerte, grunzte der Typ eher, als dass er sprach. Liebte Sophie diesen Gorilla etwa?

     Sophie kehrte in die Großraumkabine zurück, setzte sich mit einem Frauenmagazin in einen Sessel und würdigte Antonio keines Blickes.

     "Ich habe dich mit Norah Moores Sohn am Flughafen gesehen."

     "Tatsächlich?" Sophie war überrascht, aber nicht beunruhigt. "Matt kann so lieb und aufmerksam sein", erklärte sie dann und begann in der Zeitschrift zu blättern.

     "Leg die Zeitung weg, und sieh mich an, wenn ich mit dir spreche!", befahl Antonio, aber Sophie blätterte betont langsam die nächste Seite um. Irgendwie provozierte er sie in einem fort. Er brauchte nur diesen Ton anzuschlagen oder seine Augenbraue zu heben, und schon sah sie rot.

     Antonio fühlte sich aufs Äußerste gereizt, griff nach dem Magazin und warf es in die nächste Ecke.

     "Mach das noch einmal, und es passiert was!", rief Sophie hitzig.

     Antonio widerstand der Versuchung, darauf einzugehen. "Ich glaube, du willst mich nur von deinem eigenen unentschuldbaren Verhalten am Flughafen ablenken. Ich habe gesehen, wie du Norah Moores Sohn geküsst hast."

     Errötend blickte Sophie einen Moment zu Boden. "Na und?", fragte sie dann und sah ihn mit blitzenden grünen Augen an, ehe sie sich ein Glas Wasser einschenkte.

     "Tu nicht so, als sei nichts gewesen!" Antonio hatte Mühe, sich zu mäßigen. "Dass du dich am Tag unserer Hochzeit in aller Öffentlichkeit mit deinem Liebhaber triffst, ist wohl der Gipfel des schlechten Geschmacks."

     Sophies Kampfgeist schwand. "Er ist nicht mein Liebhaber."

     "Ich weiß doch, was ich gesehen habe."

     "Matt himmelt mich schon seit einer Ewigkeit an, aber ich habe ihn immer nur als Freund betrachtet. Er hat mir leidgetan, deshalb habe ich seinen Abschiedskuss hingenommen."

     "Das hätte ich dir vielleicht geglaubt, wenn du nicht gleichzeitig in Tränen aufgelöst gewesen wärst", höhnte Antonio.

     Das brachte bei Sophie das Fass zum Überlaufen. "Ich habe geweint, weil du mich so schlecht behandelt hast."

     "Wie bitte? Was habe ich denn getan?", fragte er ungläubig.

     "Dass Matt mir zum Abschied Blumen geschenkt hat, war die einzig nette Geste an diesem Tag, Antonio, an meinem Hochzeitstag … dem eigentlich schönsten Tag im Leben einer Frau. Aber für mich war er einfach grauenhaft", fügte sie hinzu und wusste plötzlich, warum sie die ganze Zeit so niedergeschlagen gewesen war.

     "Inwiefern denn grauenhaft?"

     Sophie riss sich zusammen und hielt ihre Tränen zurück. "Ich weiß, dass ich unter den gegebenen Umständen auf Romantik verzichten muss, aber wenigstens hättest du den Tag angenehm gestalten können."

     "Ich …?"

     "Ja, du. Aber du hast nicht einmal versucht, nett zu sein. Erst hast du mir die Schuld an den Reportern vor der Kirche gegeben, nach der Trauung hattest du nicht einmal einen Blumenstrauß oder irgendeine Kleinigkeit für mich, und die ganze Zeit über hast du dich so verhalten, als sei es furchtbar langweilig, mit mir und Lydia zusammen zu sein. Matt dagegen war so lieb, und der Vergleich zwischen ihm und dir …"

     "Du vergleichst mich mit diesem Gorilla?", brauste Antonio auf. Trotzdem war ihm klar geworden, dass Sophie mit ihren Anschuldigungen recht hatte.

     "Du bist ein elender Snob", antwortete Sophie, und ihre Hand, in der sie immer noch das Wasserglas hielt, zitterte. "Du behandelst mich wie den letzten Dreck, aber Matt hält mich für etwas Besonderes", erklärte sie und senkte ihren Kopf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Doch plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie genau genommen auch nicht ganz ehrlich zu sich selbst war. Antonio konnte nichts für ihre Verzweiflung, sie hatte einfach vergessen, dass sie vor dem Altar einen Tauschhandel besiegelt hatten und keine Ehe eingegangen waren, die auf Liebe basierte. Sie ließ sich von ihren Träumen leiten und war dann enttäuscht, weil Antonio ihr nicht die Aufmerksamkeit schenkte, die einer echten Braut gebührte. Dabei hätte sie alles für ein einziges Kompliment von ihm gegeben.

     Jedoch wird ein Mann wie Antonio jemanden wie mich niemals für etwas Besonderes halten, dachte sie. Wahrscheinlich war es für ihn schon schwer genug, sie den ganzen Tag lang zu ertragen. Ihr Hals schmerzte, und sie schluckte tapfer. Doch es half nichts: Eine Träne löste sich, rollte über ihre Wange und fiel ins Glas.

     "Sophie …", stieß Antonio hervor.

     "Lass mich in Ruhe!" Sie sprang auf und eilte den Gang entlang ins Schlafabteil.