6. KAPITEL

Sophie erwachte erst, als sie spürte, dass jemand sie sanft, aber bestimmt an der Schulter berührte. Langsam öffnete sie ihre Augen, blickte in Antonios markantes Gesicht und spürte, wie ihr Mund trocken wurde. So sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr einfach nicht, sich von der magischen Wirkung freizumachen, die er auf sie hatte.

     "Du solltest langsam aufstehen", sagte er leise. "Wir landen in einer Viertelstunde. Hast du gut geschlafen?"

     "Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass ich mich hingelegt habe", gestand sie und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. "Ich bin ganz erstaunt, dass mich Lydia so lange hat schlafen lassen."

     "Ich habe mich um sie gekümmert", erklärte Antonio und verließ die Kabine, bevor Sophie sich zu dieser überraschenden Neuigkeit äußern konnte. Als sie sich zehn Minuten später zu Antonio gesellte, schlief Lydia tief und fest in ihrem Kindersitz – ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sich wohlfühlte.

     "Bist du gut mit ihr klargekommen?", fragte Sophie besorgt.

     "Consuela vom Flugbegleitpersonal ist selber Mutter und hat mir geholfen, als Lydia etwas trinken wollte", gestand Antonio. "Aber Lydia war auch ganz brav."

     "Danke." Sophie hielt den Blick auf ihre verschränkten Hände gerichtet. "Ich schulde dir eine Erklärung für vorhin."

     "Nein, ganz und gar nicht. Du hattest recht mit deinen Anschuldigungen, und es tut mir leid, dass ich es dir heute so schwer gemacht habe. Aber ich musste erst einmal mit der neuen Situation klarkommen."

     Wie selbstverständlich strich ihm Sophie tröstend über die Hand. "Natürlich warst du verbittert. Aber du bist doch auch nur ein Mensch. Bestimmt ist es schwer gewesen, mit einem Bruder wie Pablo klarzukommen, und dann gibt man dir auch noch die Verantwortung für seine Tochter."

     Sophie meinte es gut, aber das kam für Antonio und seine ohnehin schon strapazierten Nerven zu überraschend. Es war ihm schwergefallen, ihr seine Schuld einzugestehen. Dass sie jetzt auch noch Mitleid mit ihm hatte, war zu viel für seinen Stolz. "Ich würde mich immer für jedes Mitglied meiner Familie einsetzen. Loyalität meiner Familie gegenüber gebietet mir schon mein Ehrgefühl. Aber das verstehst du wohl nicht."

     "Wie kannst du nur so etwas behaupten?", fragte Sophie verletzt. "Ich war Belinda gegenüber genauso loyal, wie du es deiner Familie gegenüber bist."

     Eine Stunde später fuhren sie in einer großen Limousine durch die andalusische Landschaft. Bis zu jenem Augenblick hatte Sophie jeden Versuch Antonios ignoriert, wieder eine Unterhaltung aufkommen zu lassen. Als er ihr etwas über Spaniens Geschichte erzählen wollte, sagte Sophie kurz angebunden: "Bemüh dich nicht! Kauf mir einfach ein Buch!"

     Irgendwann wand sich die Landstraße zwischen silbrigen Olivenhainen hindurch, und Antonio erklärte, dass sie sich nun auf Familienbesitz befänden. Nach einer halben Ewigkeit, so kam es Sophie zumindest vor, wurden die Oliven durch Orangen abgelöst, und am Fuße einer bewaldeten Hügellandschaft erstreckte sich ein malerisches Dorf. Die Bewohner winkten ihnen zu, während die Limousine die schmale, gewundene Hauptstraße entlangfuhr.

     Als sie durch einen dichten, immergrünen Wald kamen, brach Sophie ihr Schweigen. "Gehört das immer noch zu deinem Familienbesitz?" Antonio nickte. Nach einer weiteren Kurve sah man zwischen den Bäumen hindurch ein altehrwürdiges Gebäude. Es war mit zahlreichen Türmen und Türmchen verziert und stand auf einer riesigen sattgrünen Lichtung. Sophie war sofort wie verzaubert.

     "Was hältst du davon?"

     Es war ihr peinlich, sich zu offenbaren, und so zuckte sie nur die Schultern und entgegnete kühl: "Wenigstens laufen wir uns da nicht alle fünf Minuten über den Weg."

     "Da magst du recht haben. Vielleicht hätte ich es schon früher erwähnen sollen, aber ich habe ein Kindermädchen engagiert, das dir mit Lydia zur Hand gehen soll."

     "Solange ich die Frau mag, ist das okay", murmelte Sophie, war aber insgeheim froh. Nur zu oft war sie bislang auf Norahs Hilfe angewiesen gewesen. Ein Kindermädchen wäre ein wahrer Luxus.

     Der Chauffeur parkte die Limousine im Schlosshof, in dem zahlreiche Palmen in großen Steinamphoren standen. Das sanfte Licht der Abendsonne beschien die Arkaden und Säulengänge, die sich an drei Seiten des Gebäudes befanden. Neben der offen stehenden riesigen Eingangstür des Castillo, die den Blick auf einen auf Hochglanz gewienerten Boden freigab, schossen glitzernde Wasserfontänen aus einem Springbrunnen.

     Mit Lydia auf dem Arm überschritt Sophie die Schwelle und blieb wie angewurzelt stehen, als sie all die Menschen in der Eingangshalle sah. Doch Antonio umfasste beruhigend ihren Ellbogen und schob sie weiter, um eine elegante alte Dame zu begrüßen, die allerdings keine Miene verzog.

     "Meine Großmutter, Doña Ernesta … Sophie."

     Die alte Dame nickte hoheitsvoll und sagte, es sei ihr eine große Freude, ihren Enkel, seine Braut und ihre Urenkelin zu Hause begrüßen zu dürfen. Aber Sophie ließ sich nicht täuschen. Sie wusste, dass sie als Antonios Braut hier im Castillo genauso unbeliebt war wie die böse Fee im Märchen. Rasch widmete Doña Ernesta ihre Aufmerksamkeit Lydia, wobei sich das Gesicht der alten Frau sogar erhellte. Schließlich wurde Sophie ein junges, herzlich lächelndes Kindermädchen vorgestellt, und danach begrüßten sämtliche Angestellte Lydia begeistert.

     "Du musst entsetzlich hungrig sein", sagte Antonio plötzlich zu Sophie und führte sie eine alte Steintreppe hinauf.

     "Ja …" Sophie seufzte.

     "Ich habe dich verärgert. In der Hoffnung, dich wieder versöhnlich zu stimmen, habe ich angeordnet, dass man dir in deiner Suite das Abendessen aufträgt. Ich möchte, dass du hier im Castillo glücklich bist."

     "Da ist deine Großmutter sicher anderer Ansicht."

     "Schade, dass sie dich damals auf Pablos Hochzeit nicht kennengelernt hat. Aber sie wird sich schon bald daran gewöhnen, dass wir verheiratet sind."

     Sophie war da weniger zuversichtlich.

     "Übrigens wollte ich dir noch sagen, dass ich niemandem von unserem Handel erzählt habe."

     "Soll das heißen, deine Großmutter denkt … wir seien richtig verheiratet?", fragte Sophie entsetzt. "Du solltest ihr die Wahrheit sagen."

     "Das würde die Angelegenheit nur verkomplizieren. Glaube mir, ich kenne meine Familie."

     Sophie verstand Antonios Gründe, konnte seiner Großmutter ihre Verärgerung aber nicht verübeln. Antonio war einfach wie ein Prinz, der eine Prinzessin verdient hatte …

     Im oberen Geschoss angekommen, zeigte ihr Antonio ein riesiges, wunderschön eingerichtetes Wohnzimmer, das an ein großes Schlafzimmer angrenzte, das wiederum in ein angegliedertes Bad überging.

     "Ist das alles nur für mich?", rief Sophie erstaunt.

     "Ja, das Dinner wird in vierzig Minuten hier serviert. Dabei habe ich zusammenstellen lassen, was du gern isst."

     "Aber du weißt doch gar nicht, was ich mag."

     "Ich habe Mrs. Moore angerufen, um es herauszufinden, querida." Antonio sah ihr ernst in die Augen. "Du hast heute kaum etwas gegessen, und ich bin schuld. Ich will, dass du dich entspannst und im Castillo zu Hause fühlst."

     Seine Besorgnis um ihr Wohlergehen tat gut. Lächelnd sog Sophie die leichte, angenehme Zitrusnote seines Aftershaves ein. Sie hatte sich schon richtig daran gewöhnt. Schon wieder spürte sie ein leises Verlangen in sich aufsteigen, und es wurde ihr schmerzlich gegenwärtig, wie empfänglich sie noch immer für Antonio war. Gern hätte sie sich an ihn gelehnt und den Augenblick ausgekostet, da er ihr so zugetan schien. Doch dann rief sie sich selbst zur Ordnung. Sie musste endlich vernünftig werden. "Einverstanden: Wenn ich mich hier zu Hause fühlen soll, nehme ich erst einmal ein Bad. Aber zuvor solltest du mir noch sagen, wo Lydia ist, damit ich nachsehen kann, ob es ihr auch gut geht."

     Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte Antonio sehr angespannt. Sein sonst so strahlender Blick trübte sich, während er gegen den Wunsch ankämpfte, Sophie in die Arme zu schließen. Diese Frau brachte ihn fast um den Verstand. Sie brauchte nur zu erwähnen, dass sie baden wollte und … Noch nie hatte er sich so ohnmächtig gegenüber seinem eigenen Begehren gefühlt. Es war ein neues und nicht unbedingt schlechtes Gefühl. Schließlich handelte es sich nur um Sex, da musste man sich nicht aufregen. Sophie war erstaunlich sexy, und die Tatsache, dass sie sich ihrer faszinierenden Ausstrahlung nicht bewusst zu sein schien, verstärkte ihren Reiz nur noch. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal mit einer Frau zusammen gewesen war, die an einem Spiegel vorbeigehen konnte, ohne auch nur einen flüchtigen Blick hineinzuwerfen. Ganz zu schweigen von der Hingabe, mit der sich Sophie um das Baby kümmerte. Dabei stellte sie sogar ihre eigenen Bedürfnisse hinten an.

     Lydia schlief selig – behütet, so schien es, von mindestens der Hälfte der weiblichen Hausangestellten. Als Sophie sich schließlich in die Luxusbadewanne legte, das wohligwarme Nass genoss und dabei mit großen Augen die Ausstattung des Badezimmers begutachtete, wurde ihr klar, dass die Schrecken der Ehe mit Antonio durch einige Annehmlichkeiten gemildert wurden. Dennoch konnte sie sich des betrüblichen Gedankens nicht erwehren, dass er seine Traumprinzessin aber wohl nicht allein gelassen hätte.

     Kurze Zeit später verließ Sophie herrlich erfrischt, mit offenen Haaren und in ein großes weißes Badelaken gehüllt das Badezimmer. Sie roch Antonios Aftershave und folgte dem Duft. Antonio stand an den geschlossenen Balkontüren im Wohnzimmer.

     "Oh!", rief sie, als sie sah, dass der Tisch inzwischen gedeckt war – mit funkelnden Bleikristallgläsern, silbernem Besteck und herrlich altmodischem Porzellan. Ein Servierwagen mit dem Essen stand daneben. "Hast du das alles heraufgebracht?"

     Antonio drehte sich zu ihr um und konnte den Blick dann nicht mehr von ihr wenden. Die blonden Locken umspielten zerzaust ihre Schultern wie nach einer Liebesnacht, überall blitzte ihre feine helle Haut hervor, die nur von ihrem Dekolleté bis hinunter zu ihren Knien von dem Handtuch bedeckt war. Sophie sah einfach zum Anbeißen aus. "Nein", brachte er schließlich heraus, "ich bin hier, um mit dir zu dinieren."

     Sophie zeigte sich erstaunt, woraufhin Antonio erklärte: "Wenn wir so tun wollen, als seien wir richtig verheiratet, können wir unsere Hochzeitsnacht wohl kaum in getrennten Zimmern verbringen."

     "Das stimmt allerdings", murmelte Sophie und rief sich in Erinnerung, dass er nur bei ihr war, weil es nicht anders ging. Deshalb brauchte sie über seine Anwesenheit also nicht aus dem Häuschen zu geraten. "Dann will ich mich mal lieber anziehen."

     Antonio räusperte sich. "Wieso denn?", widersprach er dann leise. "Bleib doch, wie du bist." Sophie empfand die erotische Spannung als nahezu unerträglich. Sie musste irgendetwas tun, irgendetwas sagen. Antonio hatte sich umgezogen und trug lässige Freizeitkleidung.

     "Du siehst gar nicht mehr so förmlich aus", rutschte es ihr unwillkürlich heraus. Gleich darauf tat es ihr leid.

     "Förmlich?", fragte sich Antonio. War das nicht gleichzusetzen mit spießig? Wirkte er tatsächlich so auf sie? Sophie war doch nur sieben Jahre jünger als er. "Wir sollten anfangen zu essen", erklärte er dann nur, entschlossen, nicht auf ihre mit Sicherheit unbedachte Äußerung einzugehen.

     Sophie hob die verschiedenen silbernen Hauben von den Speisen und entdeckte zu ihrer großen Freude Spareribs, Pizza und Pommes frites, dazu noch zahlreiche andere Leckereien. "Hast du hier im Haus einen Fast-Food-Koch?"

     "Ich wollte einfach nur, dass wenigstens das Essen so ist, wie du es gewöhnt bist."

     "Ich esse aber auch ganz viele gesunde Sachen. Doch das konnte Norah natürlich nicht wissen. Wenn ich bei den beiden war, gab es immer nur Fast Food. Ich persönlich mag es nur hin und wieder", erklärte Sophie und begann, Kissen und Decken auf den Teppich zu legen. Dann öffnete sie die Balkontüren und ließ die erfrischend kühle Abendluft herein.

     Im Handumdrehen hatte sie ein wenig Unordnung, aber auch Leben in den sehr elegant und edel eingerichteten Raum gebracht. Antonio überlegte, dass es womöglich spießig war, am Tisch zu sitzen, wenn man stattdessen auf dem Teppich hocken konnte. Während Sophie die Speisen vom Servierwagen nahm und auf dem Boden anrichtete, öffnete Antonio den Champagner und füllte die beiden hohen Gläser. Sie setzten sich, Sophie riss ein Stück von der Pizza ab, legte den Kopf in den Nacken und genoss es in kleinen Bissen. Bis zu diesem Augenblick wäre Antonio nie der Gedanke gekommen, dass es ein sinnliches Erlebnis sein könnte, einer Frau beim Essen zuzusehen. Doch jetzt war er vollkommen fasziniert. Sophie aß einfach mit den Fingern und leckte sie sich danach wie ein Kätzchen.

     "Worüber möchtest du sprechen?", fragte sie schließlich gut gelaunt, leerte ihr Glas Champagner und ließ sich in die Kissen sinken.

     "Meine steife, gute Erziehung verbietet mir, dich zu fragen, wieso du und deine Schwester unterschiedliche Väter haben", gestand Antonio.

     Sophie erstarrte, versuchte allerdings, ihre Anspannung mit einem Lächeln zu überspielen. "Das ist ganz einfach. Unsere Mutter Isabel ist viel allein gewesen, weil Belindas Vater beruflich oft in Übersee zu tun hatte. Mein Vater war Anstreicher, und sie lernten sich kennen, während er ihr Haus strich. Als ich einen Monat alt war, kehrte sie zu ihrem Ehemann zurück und ließ mich bei Dad zurück."

     "Das muss aber hart für deinen Vater gewesen sein."

     "Für Geld tut Dad so ziemlich alles, und Isabel hat ihm welches geschickt, bis ich sechzehn war. Sie hat mich niemals besucht. Von den Alimenten abgesehen, hat sie einfach so getan, als hätte es die Affäre und mich niemals gegeben." Trotzig schob Sophie ihr Kinn vor, doch in ihren grünen Augen glitzerte es verdächtig.

     "Wahrscheinlich hat sie sich für ihr Verhalten geschämt", versuchte Antonio Sophie zu trösten. Als das nicht half, legte er seine Hand auf ihre. Es geschah ganz instinktiv und war für ihn doch sehr ungewöhnlich. "Du bist auch ohne sie sehr gut klargekommen, querida."

     "Glaubst du das wirklich?", fragte sie. Antonio war ihr jetzt so nah, dass sie Mühe hatte, normal zu atmen.

     "Es prägt einen, aber man zerbricht nicht daran", flüsterte er, beugte sich zu ihr hinunter und fuhr ihr mit dem Zeigefinger ganz leicht über die Lippen. Gleich darauf spürte sie, wie sich ihre Locken unter seinem Atem bewegten. Sie lag ganz still da, aber ihr Herz pochte wie wild. Das Handtuch begann, sie zu beengen, aber gleichzeitig verspürte sie eine ungeahnte Energie. All ihre Sinne waren auf Antonio gerichtet, und sie hatte das Gefühl, sie würde den Verstand verlieren, wenn er sie nicht gleich küsste.

     Mit dem Daumen strich er ihr eine Strähne aus der Stirn. Seine Berührung war federleicht, kaum merklich, und doch steigerte sie Sophies Erregung ins Unermessliche. Antonio schaute ihr tief in die Augen.

     "Ich liebe dein Haar …", sagte er jetzt. "Es scheint ein Eigenleben zu führen."

     "Antonio …", flüsterte Sophie und räkelte sich auf den Kissen, wobei die letzten Strahlen der Abendsonne ihr Haar zum Leuchten brachten. Sie wusste, dass sie sich unerhört schamlos benahm, aber sie wurde von einer Sehnsucht getrieben, die stärker war als jede Vernunft.

     Sein Atem streifte ihre Wange, doch Antonio nahm sich Zeit und ließ seine Lippen ganz sanft über ihre gleiten. Sophies Verlangen war unbändig. Sie schien ihn mit jeder Faser ihres Körpers zu begehren. Unwillkürlich versuchte sie, ihn an sich zu ziehen. Doch er widerstand, sah mit einem Blick aus glänzenden Augen lächelnd zu ihr hinunter und sagte dann: "Nicht so stürmisch, es muss ja nicht immer gleich die Hauruckmethode sein."

     Sophie kam sich dumm vor, rollte blitzschnell von ihm weg und setzte sich auf. "Und ich bin kein Zirkusäffchen!"

     Auch Antonio richtete sich auf. "Por dios", sagte er dann erschrocken, "ich wollte dich doch nur necken."

     "Nein, das stimmt nicht, du hast dich über mich lustig gemacht! Nun, bevor ich zu stür…" Doch weiter kam sie nicht, denn Antonio nahm sie einfach wieder in die Arme.

     "Du könntest niemals zu stürmisch für mich sein, querida. Du machst mich so verrückt, dass ich gar nicht denken kann, wenn ich in deiner Nähe bin."

     Sophie, die eigentlich kurz davor gewesen war, sich wieder loszumachen, sah ihn erstaunt an. "Wirklich?"

     Behutsam umfasste er ihr Kinn und zwang sie, zu ihm aufzusehen. "Mein Herz ist lichterloh für dich entbrannt, querida."

     Sie spürte, dass er die Wahrheit sagte, und begann zu zittern. "Dann hör auf, Spielchen mit mir zu spielen."

     "Ich spiele nicht mit dir." Antonio gab ihr einen langen, innigen Kuss, sodass sie sich an seinen Armen festhalten musste, weil ihr ganz schwindelig wurde. "Glaub mir", sagte Antonio dann, "damit habe ich nicht gerechnet …"

     "Man kann eben nicht alles voraussehen", entgegnete Sophie.

     "Doch", schimpfte er leise, "normalerweise ist das meine große Stärke." Erneut zog er sie an sich und küsste sie leidenschaftlich. "Das sollte einfach nicht passieren", murmelte er.

     Sophie fuhr ihm mit ihren zarten Fingern ins kräftige Haar und löste sich von ihm. "Dann … hör auf!"

     Seine dunklen Augen funkelten. "Ich kann nicht … Ich habe dich schon begehrt, als ich dich vor drei Jahren zum ersten Mal sah. Jetzt will ich dich umso mehr."

     Bei dieser Offenbarung klärte sich Sophies betrübter Blick, und ihre Augen glänzten vor Freude, sodass sie rasch die Lider senkte. Trotzdem hätte sie vor Glück am liebsten gejubelt. Antonio empfand zwar keine Liebe für sie, aber sein Begehren war genug, um ihr großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von ihm zu stillen. Natürlich wird sein Interesse an mir nicht von Dauer sein, dachte sie fieberhaft. Aber im Augenblick schien sein Verlangen genauso groß wie ihres, und sie war nicht zu stolz, um die Gelegenheit beim Schopf zu packen.

     Zärtlich presste er seine Lippen auf ihre, und als er behutsam begann, mit der Zunge ihren Mund zu erforschen, stöhnte Sophie auf. Mit Leichtigkeit hob Antonio sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer. Atemlos bewunderte Sophie dabei seine Stärke. Vorsichtig legte er sie auf das Bett und nahm ihr das Handtuch ab. Sophie war nicht so schnell darauf gefasst gewesen und verschränkte die Arme vor der Brust.

     Erstaunt sah Antonio sie an. "Du wirst dich doch nicht vor mir schämen?"

     "Nein, das ist es nicht …" Sie nutzte den Moment, um unter die Laken zu schlüpfen. "Kein bisschen", fügte sie dann hinzu und setzte sich auf, um sein Hemd aufzuknöpfen, in der Hoffnung, ihn dadurch abzulenken.

     "Dann lass mich dich ansehen." Sanft, aber bestimmt zog er das Laken herunter, das sie sich vor die Brüste hielt. Mit einem leisen Stöhnen ließ er seinen Blick über ihre vollen Rundungen gleiten. Dann zog er Sophie an sich und begann, ihr federleicht über die Brüste zu streichen. Sophie entspannte sich und gab sich seinen schließlich immer intensiver, immer fester werdenden Berührungen hin. Als Antonio anfing, ihre zartrosa Knospen zu küssen, konnte Sophie ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken. Ergriffen von einem Gefühl unbändiger Leidenschaft, wölbte sie ihm ihren Körper entgegen.

     "Du bist noch schöner, als ich dachte, querida." Antonio atmete schwer. Er konnte sich überhaupt nicht an Sophie satt sehen.

     Schließlich richtete er sich auf, um sein Hemd auszuziehen, und Sophie betrachtete voller Bewunderung seinen nackten Oberkörper. Antonio hatte nicht nur breite Schultern, sondern auch eine unglaublich muskulöse Brust und einen durchtrainierten Bauch. Er war so atemberaubend männlich, und Sophie konnte ihren Blick kaum von ihm wenden, bis er den Reißverschluss seiner Hose öffnete, und sie schüchtern von ihm abrückte.

     "Bitte komm wieder her", drängte Antonio sanft, nachdem er sich ausgezogen hatte.

     Sophie errötete, und Antonio ergriff ihre Hände und zog Sophie an sich. Zärtlich schloss er sie in die Arme, und sie spürte nur noch seine Wärme, seine Muskeln und seine Haut auf ihrer Haut. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er sie wie zuvor berühren würde.

     "Antonio …", flüsterte sie schließlich mit bebender Stimme.

     Liebevoll drückte er sie in die Kissen zurück und beugte sich über sie. Wieder senkte er seinen dunkelhaarigen Kopf über ihre rosigen Brüste und verwöhnte mit seinen sinnlichen Lippen ihre Knospen. Lustvoll stöhnte Sophie auf, als er die Berührung mit den Zähnen sanft verstärkte und das leidenschaftliche Brennen in ihr vollends entfachte.

     "Hör nicht auf!", flehte sie und wand sich auf den Laken.

     Inzwischen ließ Antonio seine Hände über Sophies flachen Bauch weiter nach unten gleiten und entdeckte die letzten Geheimnisse ihrer Weiblichkeit. Erschauernd rang sie nach Luft – das war eine ganz neue Erfahrung für sie! Wellen der Lust durchfluteten Sophie, und als sie merkte, dass sie von ihnen fortgerissen zu werden drohte, entzog sie sich Antonios Berührungen.

     Sie schien außerstande zu denken. Es war ihr unmöglich, ihr Begehren noch länger zu unterdrücken. Vor Erregung zitternd, begann sie, Antonio zu streicheln.

     "Enamorada … meine Geliebte, du machst mich ganz verrückt", flüsterte Antonio heiser, während er vorsichtig auf sie glitt. "Ich werde dir die schönste Liebesnacht deines Lebens bereiten."

     Sophie hatte sich unsäglich nach Antonio gesehnt, und als sie ihn nun in sich aufnahm, überkam sie ein wohliger Schauer, der sich über ihren ganzen Körper ausbreitete. Deshalb überraschte sie der gleich darauf folgende Schmerz umso mehr. Ihre Augen weiteten sich erschrocken, aber Antonio hielt sofort inne und sah zu ihr hinunter.

"Habe ich dir wehgetan?"

     "Nein …"

     Ernst blickte er ihr in die leuchtend grünen Augen. "Bin ich zu stürmisch?" Er klang betroffen und atmete schnell.

     "Natürlich nicht …" Sophie war es furchtbar peinlich zuzugeben, dass sie zuvor noch nie mit einem Mann geschlafen hatte.

     "Du machst mich so heiß, dass ich jede Kontrolle verliere", gestand Antonio und drang diesmal besonders vorsichtig in sie ein. "Du bist so zart und zerbrechlich, querida. Ich will dir nicht wehtun …"

     Er bewegte sich nun ganz behutsam in ihr, und schon bald bereitete ihr jede seiner Bewegungen wieder süße Lust. Allmählich steigerte er das Tempo. Sophie gab sich ganz der Leidenschaft hin und vergaß alles um sich herum. Sie spürte nur noch Antonio. Er schob ihr seine Hände unter den Po und drückte Sophie noch näher an sich, während er mit einem kräftigen, fordernden Stoß ganz in sie eindrang. Ihr Herz schlug wie wild, und sie atmete schnell. Begehren und Aufregung hatten sich verbündet, und ihr Wunsch nach Erfüllung schien unbändig. Beinahe umgehend gipfelte ihr brennendes Verlangen nach Befriedigung in bebender Erleichterung. Auf dem Gipfel der Lust schrie Sophie wollüstig auf, ehe sie leise stöhnend in die Kopfkissen zurücksank.

     Antonio drückte sie zärtlich an sich, gab ihr einen Kuss aufs Haar und sah dann mit glänzenden Augen zur Stuckdecke hinauf. In seinem ganzen Leben hatte er noch keinen so fantastischen Sex gehabt. Als ihm plötzlich wieder einfiel, dass sie ja eigentlich nur eine Scheinehe eingegangen waren, schüttelte er ungläubig den Kopf. Er hatte ihren Tauschhandel komplett vergessen …

     Auch Sophie war glücklich und gestand sich zum ersten Mal ein, dass sie Antonio liebte, und das nun schon seit fast drei Jahren. Deshalb also war sie im Umgang mit ihm so empfindlich gewesen und hatte ständig die Nerven verloren. Wenn es um ihn ging, verließ sie einfach der gesunde Menschenverstand. Erklärte das auch, warum sie gerade ihre Jungfräulichkeit an einen Mann verschenkt hatte, der sich außerhalb ihrer nur zum Schein bestehenden Ehe auch mit anderen Frauen treffen wollte?

     Während Sophie derartige Überlegungen anstellte, kam Antonio zu dem Schluss, dass er sich viel zu viele Gedanken machte. Warum die Dinge verkomplizieren? Warum nach Problemen suchen, wo es keine gab? Er legte Sophie einen Arm um die Schultern und küsste sie, bis sie ganz außer Atem war. "Du hättest mir sagen sollen, dass du noch Jungfrau bist, querida", erklärte er dann leise. "Ich hätte dafür gesorgt, dass es nicht so wehtut."

     Sophie brachte dieser Kommentar wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn das bedeutete, dass Antonio bemerkt hatte, was er nicht bemerken sollte. Aber sie wollte ihm die Wahrheit verheimlichen. Deshalb sagte sie: "Wie kommst du bloß auf die Idee, dass ich noch Jungfrau gewesen bin?" Sie lachte gezwungen und dachte, dass er es unmöglich mit Sicherheit wissen konnte. "Ich bitte dich, Antonio, es ist doch ziemlich unwahrscheinlich, dass eine Frau in meinem Alter noch unberührt ist."

     "Stimmt", meinte Antonio gelassen, "aber bitte glaube nicht, dass ich mich über deine Leistungen im Bett beschweren würde."

     "Ach nein?" Was sie aus Liebe gegeben hatte, mit Leistung zu vergleichen, war für Sophie in höchstem Maße demütigend. Sie kam sich vor wie ein Rennpferd, das vor dem endgültigen Kauf fachmännisch begutachtet wurde.

     "Nein, überhaupt nicht."

     Antonio schien beinahe froh darüber, dass Sex für sie absolutes Neuland war. Wenn sie nicht aufpasste, würde er womöglich noch hinterfragen, warum sie ihre kostbare Jungfräulichkeit gerade ihm geopfert hatte. Dann könnte er zu dem Schluss gelangen, dass sie wesentlich mehr für ihn empfand, als sie sich den Anschein gab. Und wenn das passierte, würde sie bestimmt vor Scham im Erdboden versinken.

     "Nein, enamorada", sagte Antonio jetzt noch einmal, "ich beschwere mich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil." Lässig streichelte er dabei ihre Beine. "Ich glaube, wir werden viel Spaß bei deinen Nachhilfestunden in Sachen Liebeskunst haben."

     "So eine Unverschämtheit", dachte Sophie, wollte aber immer noch nicht zugeben, dass sie tatsächlich sehr unerfahren war. "Vielleicht habe ich ja nur die Unschuldige gespielt, um deinen Kitzel zu erhöhen. Aber ich kann gar nicht glauben, dass du mir auf den Leim gegangen bist."

     "Wieso bestreitest du, was doch so offensichtlich ist? Und warum schämst du dich dafür, dass du nicht mit jedem ins Bett gestiegen bist? Wieso willst du mich vom Gegenteil überzeugen? Ich finde, du kannst stolz darauf sein, dass du als Jungfrau in die Ehe gegangen bist."

     Sophie ballte frustriert die Fäuste. Antonio wusste wirklich Bescheid, und ihr kleines Geheimnis war nun keines mehr. Ihr unbeholfener Versuch, die Sache zu verschleiern, war fehlgeschlagen. Jetzt, da Antonio wusste, dass er ihr erster Liebhaber gewesen war, fühlte sie sich bloßgestellt und kam mehr und mehr zu dem Schluss, sich wohl völlig blamiert zu haben. "Lass uns einfach nicht weiter darüber reden", rief sie aufgebracht und sprang aus dem Bett. Rasch griff sie nach dem Handtuch und wickelte sich wieder darin ein, um sich vor seinen Blicken zu schützen.

     "Komm zurück", bat Antonio besänftigend.

     "Nein, danke!" Ihre Augen schienen Funken zu sprühen, und ihre Wangen glühten. "Du warst großartig und hast mir einen Gefallen getan. Aber dabei wollen wir es bewenden lassen."

     "Einen Gefallen?" Schlagartig verging Antonio die Lust am Scherzen.